Freitag, 28. Juni 2013

Ein trauriges Wochenende: Freitag (1/2)

Das letzte Wochenende im Juni ist traditionell als Tourenwochenende der vier Unerschrockenen reserviert. Zwei hatten schon bei der Jahresplanung lange vorher ihre Teilnahme absagen müssen. Aber einer blieb übrig - genug um eine solide Paddelgruppe zu formen. In der Vorfreude auf die erste Nordseetour des Jahres hatte ich schon die Tide studiert, Tourenmöglichkeiten erwogen und verworfen und mich auf ein sonniges Wochenende mit leckerem Lamm im Friesenpesel gefreut. Die entsprechende Tour im letzten Jahr war überschrieben mit "Manchmal kommt es anders..." - so auch dieses Jahr. Die eine Hälfte der verbliebenen Paddelgruppe musste einem familiären Termin Folge leisten - auf der Nordsee zwar, aber ohne Paddelboot. Die andere Hälfte blieb zurück - ohne Auto und ohne rechten Plan.

Da die Querung von Bülk nach Ärö immer noch offen steht, habe ich mir die Verwirklichung dieses Vorhaben als Ziel gesetzt. Das würde ohne Auto gehen - eine Mitfahrgelegenheit bis Bülk würde sich schon finden lassen. Auf das passende Wetter müsste ich einfach hoffen. So galt in den Tagen davor mein banger Blick ständig der Windvorhersage. Die von Mittwoch, der man schon eine gewisse Realitätsnähe zumessen kann, zeigte nahezu optimale Verhältnisse: Freitag Wind genau aus Süd mit fünf Metern pro Sekunde gegen Abend nachlassend. Samstag den gesamten Tag über um fünf Meter pro Sekunde aus West - was zwar Gegenwind für die Rückfahrt hieße, bei dem es aber durchaus zu schaffen wäre, Schleimünde zu erreichen. Und Sonntag dann sogar nordwestliche Winde, die mich von Schleimünde wieder nach Hause schieben würden.

Leider schwoll mit jeder weiteren Vorhersage die Windgeschwindigkeit an allen Tagen an und auch die Richtungen entwickelten sich nicht günstig. Ich war hin und her gerissen und schon drauf und dran, die Tour ganz abzublasen. Aber ich konnte es nicht gut annehmen, ein freigeräumtes Wochenende mit der Aussicht, Zeit auf dem Wasser, im Zelt und an der frischen Luft zu verbringen, so vollkommen drein zu geben. Schließlich entschloss ich mich zu einer "kleinen" Lösung: Freitag am frühen Nachmittag in Bülk starten, nach Schleimünde fahren und am Samstag denselben Weg wieder zurück. Das würde alles deutlich entspannen und mir bliebe immer noch eine anspruchsvolle Tour.

Eigentlich ist mein Zeitplan auch ganz luftig gestrickt, denn ich bin früh von der Arbeit zu Hause und habe meine Sachen weitestgehend gepackt. Birke soll mich kurz zum Leuchtturm bringen und los könnte es gehen. Aber Birke ist heute so von Traurigkeit übermannt, weil ihr lieber Schatz gestern nach Kanada entschwunden ist und erst in zehn langen Monaten zurück sein würde, dass an "kurz mal mit dem Auto bringen" nicht zu denken ist - unsere Scheibenwischer wirken eben nur außen. Und wenn ich Schleimünde erst im Dunkel erreichen würde - so wichtig ist es nun auch wieder nicht. Schließlich findet Marie-Theres aber noch Zeit, mich zu bringen.

Mein Gepäck ist übersichtlich und entsprechend schnell verstaut. Fünf Uhr hatte ich als spätest möglichen Starttermin angesehen, es ist zwanzig Minuten früher, als ich im Boot sitze und anfange, Wasser hinter mich zu schaufeln. Ich habe keine Seekarte dabei, mein Ziel ist ca. dreißig Kilometer Luftlinie entfernt und natürlich nicht zu sehen. Aber ich habe eine gute Ahnung, wo es liegen muss und einen Kompass, der mich leiten wird. Ich glaube immer wieder mal, das Erlenwäldchen sehen zu können, muss diese Erkenntnis aber jedes mal kassieren. Die Sicht ist ziemlich trübe und man kann nicht wirklich gut sehen. Trotzdem ist meine Spur fast deckungsgleich mit der von vor sechs Wochen, als ich mit Peter genau diegleiche Strecke gefahren bin. Ich bin erstaunt, wie gut meine gute Ahnung von der Lage des Ziels mich leitet (ja, ja - zusammen mit dem Kompass!).

Der Wind ist nicht ohne. Als Marie-Theres mich bei der Abfahrt nach der Stärke fragte, habe ich ohne zu zögern "Fünf." geantwortet. Das ist nicht übertrieben und nachdem die Wellen unter Landabdeckung noch ganz niedlich und spaßig waren, erfordern sie zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Ich lasse die Versuche, die Wellen abzusurfen, ziemlich bald bleiben und fahre mit erhöhter Aufmerksamkeit. Ich muss einige Male deutlich stützen, damit es mich nicht umdrückt. Ein-zweimal passiert es mir, dass ich mich mit dem Paddelblatt in der Welle vertüddele und einen gehörigen Schrecken bekomme. Es ist beileibe kein ausgelassenes Genießen der Gegebenheiten, sondern ein sehr bewusstes und konzentriertes: "Hier machst du besser keinen Fehler!". Hinzu kommt, dass entgegen dem sonnigen Himmelfahrtstag vor sechs Wochen, als diese Gegend mit Segelyachten dicht gespickt war, heute kaum ein Schiff zu sehen ist. Irgendwann erkenne ich in recht großer Entfernung einen DGzRS-Kreuzer und hoffe, dass er mich nicht sieht. Das ist wohl auch so, denn die See ist voller weißer Schaumkronen und ein einsamer Paddler alleine auf solch hoher See- daran wären sie nicht vorbeigefahren, ohne wenigstens nach dem Befinden zu fragen. Schließlich haben sie damals schon ihr Boot beigedreht, als wir noch dicht vor Bülk waren und gen Kieler Leuchtturm fahren wollten. Ohne Signalraketen würde mich hier nie einer finden.

Als ich die süd-westliche Begrenzungstonne des Schießgebietes passiere, weiß ich, dass ich nicht mehr weit von meinem Ziel entfernt bin. Ich bin total überrascht und begeistert, dass ich so schnell hier angekommen bin. Aber zu irgendetwas muss der stramme Wind ja schließlich gut sein. Laut GPS habe ich gute 27 Kilometer in drei und einer Viertelstunde zurückgelegt. Das setzen wir doch erst mal als Standard! Solo ist das vermutlich schwer zu unterbieten. Mit Partner, wenn man nicht gar so viel bremsen und sich konzentrieren muss, vielleicht schon.

Alle Bilder hier.

Sonntag, 23. Juni 2013

"Alles muss raus!"

Nachdem ich in den letzten Wochen eher Rekorde im Langsam- und Kurzstreckenfahren aufgestellt habe, wollte ich mich am vergangenen Mittwoch mal wieder etwas verausgaben und bis zur Glockentonne fahren. Jörg wollte mit, aber da zwischen ihm und mir nicht wirklich ausgemacht ist, wer denn die Bremse ist, konnte das meinem Verlangen nach sportlicher Betätigung keinen Abbruch tun. Schön in Schwung und mit meinem Vorhaben in Einklang zischten wir durch das Wasser vor dem Zeltplatz Korügen, als ein finsteres Grummeln vom Himmel grollte. Da war aber nichts von Gewitter zu sehen. Jäh abgebremst drucksten wir eine Weile unschlüssig herum zwischen unserem Auftrag: "Wenn man das Donnern hört, ist es an der Zeit, an Land zu gehen." und dem brennenden Wunsch, das rote Bimmelding zu umrunden. Weil aber am Himmel so gar kein Anzeichen für ein richtige Gewitter zu erkennen war, einigten wir uns schließlich darauf, dass es vielleicht nur ein Bluff war und wir bis zum zweiten Grollen weiterfahren wollten. Gesagt, getan und das zweite Grollen ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Damit war der Drops gelutscht, das mit dem Verausgaben würde heute nichts mehr werden.

Meiner Schwiegermutter habe ich heute Morgen erzählt, dass ich seit Pfingsten nicht mehr "gepaddelt" bin. Das gab eine große Portion Mitleid. Ihr den Unterschied zwischen "Paddeln" und "Paddeln" zu erklären, hab ich mir lieber nicht die Mühe gemacht - das ist tatsächlich schwer zu verstehen. Aber heute wollte ich endlich mal wieder "Paddeln" - und da waren meine Begleiter Jörg und Sabine genau die richtigen. Die Vorhersage hatte einigen Wind aus Süden im Köcher, der uns auch gleich erfasst. Außerdem ist sofort klar, dass wir nicht alleine auf der Förde sein werden. Es herrscht schließlich gerade Kieler Woche und die Traditionssegler müssen jede Tour wahrnehmen, die sie ergattern können. Wegen des regen Verkehrs - und des frischen Windes - ist die Förde wie aufgeregt: Es laufen Wellen über ihre Oberfläche, wie ich sie sonst gar nicht kenne. Alles sehr verwirrend, wenn man nach Urhebern für dieses Chaos sucht - aber es macht Spaß.

Spaß macht auch das Fahren mit Rückenwind. Wir sind höllenschnell und können die kleinen Wellen gut mitnehmen. Wir überholen diverse Traditionssegler, die teils mit Motor, teils schüchtern ein paar Segelchen gesetzt haben. Es ist etwas abwechslungsreicher, wenn so viele Boote und Schiffe unterwegs sind - man muss doch hin und wieder mal ausweichen, aber alle sind aufmerksam genug, dass keine Probleme entstehen. Ich gebe mich wild entschlossen, um bei meinen Mitfahrern gar nicht erst Zweifel daran hochkommen zu lassen, dass wir bis zu Glockentonne wollen. Aber als wir nach nicht einmal 40 Minuten bereits das Ehrenmal in Möltenort passiert haben, können sie kaum ernsthaft ein vorzeitiges Umdrehen in Erwägung ziehen.

Da uns klar ist, dass wir auf der Rückfahrt einiges mehr werden tun müssen und dabei froh sein können, wenn wir dann noch die halbe Geschwindigkeit erreichen, fangen wir schon mal an, etwas zu jammern. Später - mit den zusammengebissenen Zähnen - werden wir nicht mehr so gut jammern können, und die anderen werden es auch nicht hören, weil uns der Wind dann um die Ohren pfeift! Also wird das schon mal hier erledigt, und es erleichtert die Sache ungemein.

Die Glockentonne erreichen wir in absoluter Rekordzeit: Eine Stunde, 6 Minuten. Das macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 9,05 Stundenkilometern. Die wohlverdiente Pause wollen wir lieber im Windschutz bei Möltenort verbringen. Die Strecke bis dahin beträgt vier Kilometer, für die wir etwa 40 Minuten benötigen, was die Ziffern für die Geschindigkeit etwas anders anordnet: 5,9! Mit exakt derselben Durchnittsgeschwindigkeit legen wir auch die restlichen 6,5 Kilometer bis zum heimischen Steg zurück. Allerdings variiert der Gegenwind hier doch etwas stärker. Unter den immer mal wieder aufziehenden, schwarzen Wolken, die ihr Wasser nicht halten können, bläst es deutlich frischer. Als sich zwischendrin mal blauer Himmel zeigt und die Sonne uns wärmt, ist es fast angenehm ruhig.


Dummerweise ist das meteorologische Timing aber ausgesprochen unglücklich gewählt. Zwischen Tirpitzhafen und Seebadeanstalt findet eine Marinekutter-Regatta statt, an der eine große Zahl dieser ebenso seetüchtigen wie behäbigen Schiffen teilnimmt. Unsere Route geht leider mitten durch ihr Wettkampfgebiet. Weil die Kutter keine große Höhe am Wind gehen können, müssen sie recht häufig wenden, um überhaupt die nächste Regattatonne gegen den Wind erreichen zu können. Nun ist es keine einfache Aufgabe, mit einem Paddelboot gegen einen frischen Wind kollisionsfrei durch ein Feld von mehreren Dutzend schlingernder Marinekutter zu manövrieren, die alle naselang auch noch die Segel rumwerfen und damit erneut auf Kollisionskurs gehen. Vollends zum Abenteuer wird unsere Unternehmung durch die Tatsache, dass just in dieser Situation der Wind derart aufbriest, dass wir kaum noch gegen ihn an kommen, und dass ein Wolkenbruch herniedergeht, der das Wasser zum Kochen bringt. Jörg als Brillenträger sieht gar nichts mehr und ist darauf angewiesen, sich dicht an mich zu klemmen und zu hoffen, dass ich ihn nicht in die Irre leite. In so einer Lage ist es unbeschreiblich beruhigend zu wissen, dass die Mitpaddler, mit denen man unterwegs ist, nicht überfordert sind und auch ohne Fürsorge klar kommen.

Die Tour hat gehalten, was ich mir von ihr versprochen hatte: Ich habe endlich mal wieder richtig  reinhauen können. Ich muss zugeben, dass ich die anderen dadurch vielleicht etwas gehetzt habe, aber ich weiß, wem ich das zugemutet habe! Nach der Tour sind wir alle eher positiv überrascht, dass wir nicht so fertig sind, wie wir das Recht hätten zu sein. Aber als ich mich zu Hause auf das Sofa lege, schlafe ich fast unverzüglich ein. Das lag mit Sicherheit an der anstrengenden Fahrt mit dem Fahrrad nach Hause!

Montag, 20. Mai 2013

Samsö rund: Blind zurück (4/4)

Die Nacht war ausgsprochen ruhig - keine lärmenden Schafe, keine turtelnden Tauben, keine piependen Matze. Aber: am Morgen tröpfelt leise Regen auf unsere Hütten. Ein erster Blick nach draußen bleibt nach wenigen Metern im dichten Nebel stecken. Das wird interessant: auch heute haben wir 15 Kilometer freies Wasser vor uns, aber momentan nur 300 Meter Sicht. Mit GPS würde auch ein Blinder zurück finden - aber das liegt ja daheim in der Teeküche! Was soll's - wofür sind wir gewiefte Navigatoren?

Wir sind heute extra vor dem Aufwachen aufgestanden, um früh in Hov anzukommen, denn wir haben ja noch den gesamten Rückweg nach Kiel vor uns. Außerdem haben wir den meisten Proviant bereits aufgegessen, so dass das Packen mittlerweile recht flott von der Hand geht. Um neun Uhr sitzen wir in unseren Booten und einigen uns auf einen Kurs, den wir vorerst durch die jetzt ca. 500 Meter Sicht steuern wollen.

Wir wollen versuchen, die beiden fast auf dem direkten Kurs liegenden Untiefentonnen zu treffen, damit wir zwischendurch eine Referenz haben, wo wir uns befinden. Es ist einfach unglaublich, wie wenig Sinn man für eine absolute Richtung hat. Wir halten unsere Kompasse fest im Blick und steuern stur den angesagten Kurs, aber wir haben ständig das Gefühl, als würden wir einen recht engen Kreis nach rechts fahren. Ohne Kompass wären wir hier hoffnungslos aufgeschmissen.

Unsere Blicke suchen ständig nach der ersten Tonne, die wir ansteuern wollen. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie viel wir in welche Richtung versetzt werden. Also müssen wir unseren Erwartungswinkel, innerhalb dessen das ersehnte Objekt auftauchen soll, ständig anpassen. Man muss schon Vertrauen behalten und darf sich nicht verunsichern lassen, denn ständig denkt man: "Nun müsste sie aber doch auftauchen!". Irgendwann erscheint eine Struktur, die sich schüchtern vom Nebel abhebt. Das ist unsere Tonne! Natürlich gar nicht dort, wo wir sie vermutet hätten, sondern deutlich weiter östlich. Also haben uns Strom und Wind viel stärker versetzt, als wir erwartet haben.

Wir fahren erst direkt zur Tonne, einigen uns auf einen deutlicheren Vorhaltewinkel und spielen dann das Spielchen "Tonne, komm raus!" von neuem. Nach Plan und Karte müssten wir uns die gesamte Zeit in recht tiefem Wasser aufhalten. Irgendwann wird die Farbe des Wassers aber immer grünlicher, was uns sagen will, dass wir näher an den Svanegrund heran gekommen sind, als für den richtigen Kurs gut gewesen wäre. Also korrigieren wir unsere Vorgabe nochmals und fahren fortan in direktem Weg auf unser noch lange unsichtbares Ziel zu. Gewiefte Navigatoren eben!

Wir müssen noch eine Pause in der Nähe der flachen Insel vor Hov machen, weil wir sonst viel zu früh ankommen würden und unsere Brote noch gar nicht gegessen hätten: Wir sind die gesamte Zeit mit konstant fast acht Stundenkilometern durch den Nebel geglitten! Als ich meine Sachen vom Boot ins Auto trage und auf die vorgesehenen Behälter verteile, entdecke ich in meiner roten Packtasche mein fertig programmiertes und prall geladenes GPS-Gerät!

Sonntag, 19. Mai 2013

Samsö rund: Schnell nach Endelave (3/4)

Früh am Morgen treffen sich eine Handvoll Tauben in den Kiefern über unseren Zelten, um sich ausgiebig über ihre letzten Abenteuer in Bulgarien und Rumänien auszutauschen. Übers Brüten und Gurgeln mit Gurkenwasser, über gutmütige Bullen und Gourmets in gruftigen Grotten. Ansonsten ist der Strandskoven Campingplatz sehr schön gelegen und hat ein Herz für Kajaker. Wir zelten auf einer Rasenfläche direkt am Wasser. Außerdem gibt es hier bemerkenswerte Brötchen: die sind voller Teig statt voller Luftblasen und schmecken ausgesprochen lecker! Heute soll es bis nach Endelave gehen und auch das ist nicht eben um die Ecke, so dass wir unser Frühstück wieder mit großer Sorgfalt gestalten.

Der Himmel ist heute nicht so blau wie gestern, eher verschlafen grau. Aber es ist trocken und nicht kalt. Der Südteil der Insel scheint während der Wikingerzeit als Friedhof gedient zu haben, denn immer wieder treffen wir auf Grabstätten oder merkwürdige Landschaftsformen, die nur durch Grabstätten erklärt werden können, die durch die Landwirtschaft verschont werden. Der leichte Wind weht östlich, so dass er nicht hindert und uns sanft schiebt, nachdem wir die Südostspitze umrundet haben.

Auch die Südspitze der Insel ist dünn besiedelt und hat seichte Strände und Kiefernwälder. Den am Südwestende gelegenen Leuchtturm haben wir bereits nach weniger als zwei Stunden erreicht. Man kann hier zwar wunderbar anlanden, aber alles andere ist ausdrücklich verboten und auch nicht ohne Probleme zu realisieren. Bevor es die 15 Kilometer über das offene Wasser geht, wollen wir eine Pause machen und uns etwas die Beine vertreten. Auf dem Weg zum Leuchtturm kommt uns ein Däne entgegen, der uns anspricht, weil wir in unserem Aufzug etwas merkwürdig aussehen. Er spricht immerhin ein wenig deutsch, so dass wir tatsächlich etwas von dem verstehen, was er zu erzählen hat. Auch er gibt einen erheblichen Teil seiner Lebensgeschichte preis, dass er in Marstall als Fleischer gearbeitet hat und auch zur See gefahren ist. Als er erfährt, dass wir mit unseren Kajaks nach Endelave fahren wollen, lacht er lauthals und tippt sich mit dem Finger an die Stirn. Aber immerhin meint er, dass wir kräftige Körper hätten und es schon schaffen würden.

Man kann den Leuchtturm besteigen und hat von oben einen wunderschönen Blick über die Insel und das Meer. Aber man sollte die Besteigung besser ohne Schwimmweste um den Oberkörper angehen, denn die Wendeltreppe ist dermaßen eng, dass man Gefahr läuft, darin stecken zu bleiben und Probleme bekommt, wenn man nicht panikfest ist. Außerdem sollte das Wetter besser sein, denn der Himmel ist immer noch grau, so dass der Raps auf den Feldern nicht leuchten will. Und Endelave ist auch nicht zu sehen, weil es für den Dunst viel zu weit entfernt liegt.

Wir sind gewiefte Navigatoren. Mit Seekarte und Kompass gewappnet ist es kein Problem für uns, eine Insel anzusteuern, die doppelt so weit entfernt liegt, wie die Sicht zu gucken erlaubt. Außerdem haben wir immer noch einen leichten Hauch von Wind im Rücken, der uns in die richtige Richtung hilft. Mit der beachtlichen Geschwindigkeit von konstant zwischen sieben und acht Stundenkilometern erreichen wir viel früher und müheloser als erwartet nach weniger als zwei Stunden die Insel Endelave. An seiner Nordspitze ist ein von der Meeresströmug aufgespültes Flach, das wir für unsere Übernachtung ausgewählt haben.

Es ist noch eine Gruppe von Spaziergängern am Strand unterwegs, die nach Steinen, Muscheln und anderen seltenen Dingen sucht. Nachdem wir unsere Boote hinter den schützenden Strandwall  getragen haben, kommen sie auf uns zu, um ihre Sorge über ein merkwürdiges Gebilde auf der anderen Seite des Flachs auszudrücken. Es handelt sich um eine offensichtlich vertriebene Boje, die so schief im Wasser liegt, dass man sie für einen gestrandeten Surfer halten könnte. Wir versichern, dass wir die Sache mit unserem Fernglas untersuchen und uns gegebenenfalls kümmern werden. Mit dabei ist auch Mathilda, die so fasziniert von den beiden merkwürdigen Gestalten ist, dass sie jeden von uns ausgiebig bei der Hand fassen muss, um zu glauben, dass wir echt sind. Nach einem ausgiebigem Spaziergang durch die nähere, verlassen wirkende Umgebung, brate ich mir zum Abendbrot endlich die zwei im Tuppertresor mitgebrachten Eier mit dem fetten Speck, einer von Jörg beigesteuerten Salami und den beiden Frühlingszwiebeln aus meinem Gewächshaus.

Samsö rund: Lang zum Campingplatz (2/4)

Der Morgen begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein. Wir lassen uns alle Zeit der Welt mit dem Frühstück, denn wir wollen Urlaub machen. Frisch gestärkt machen wir uns auf, einen kleinen Spaziergang das Steilufer entlang zu unternehmen. Die Nord-Westspitze der Insel ist Brutgebiet für Gryllteisten. Das ist eine Lummenart, die sonst nur in arktischen Gefilden vorkommt. Es ist das erste Mal, dass ich solche Viecher zu Gesicht bekomme und sie gefallen mir ausgesprochen gut. Sie sind sehr scharf gezeichnet, haben leuchtend rote Beine und sind im allgemeinen paarweise unterwegs, wobei sich die Partner immer wieder gegenseitig zuschnäbeln. Allerdings können wir keine Brutpaare entdecken. Möglicherweise deutet das intensive Schnäbeln darauf hin, dass sie noch gar nicht mit dem Brüten angefangen haben.

Neben den Lummen schwirren Unmengen von Uferschwalben durch die Luft, die mit ihren Nesthöhlen die komplette Steilküste durchlöchert haben. Wir treffen auf einige Hasen und an den Hängen brütende Möven. Ein Idyll, das eine ruhige, gelassene Stimmung erzeugt.

Während wir unsere Sachen zusammenpacken, kommt der örtliche Bauer in riesigen Gummistiefeln mit seinem Hund auf unseren Lagerplatz zumarschiert. Er spricht uns gleich an - auf Dänisch. Ich kann ihm mit meinen Schwedisch- und Norwegisch-Kenntnissen verständlich machen, dass wir seine Sprache leider so gar nicht verstehen, und dass wir Deutsch und Englisch als Austauschformat anbieten könnten. Deutsch oder Englisch kann er nicht bieten, dafür stört es ihn aber nicht im Geringsten, dass wir kein Dänisch verstehen und er erzählt uns in aller Seelenruhe geduldig seine Lebensgeschichte. Auch wenn ich manchmal einen Brocken verstehe und meinerseits etwas zum Besten gebe - Unterhaltung kann man das zwar nicht nennen, aber herzlich war es trotzdem!

Wir haben den ganzen Tag Zeit und kein ambitioniertes Ziel. Zwar gibt es hier einen Tideneinfluss, aber der klaut einem nicht das gesamte Wasser, und auch das Wetter wirft keine Falten auf unsere Stirn, so dass wir in aller Gemütsruhe unsere Geschäfte erledigen, die Boote startklar machen und dann das im Dunst der Ferne liegende Samsö anpeilen. Nachdem wir in das freie Wasser zwischen den Inseln gekommen sind, peilen wir die äußerste Nord-West-Spitze von Samsö an und steuern konstant 75 Grad. Wind und Strom sorgen dafür, dass wir immerhin um 15 Grad versetzt werden. Auch wenn der Strom hier nicht wirklich ein Problem darstellt, vernachlässigen kann man ihn jedenfalls nicht.


Der Nordteil von Samsö ist kaum besiedelt und wunderschön hügelig. Mit seinen grünen Weideflächen sieht er aus wie ein überdimensionaler Golfplatz. Ganz im Norden wird die Insel von reichlich flachem Wasser eingefasst, auf das die Wellen des offenen Kattegats prallen. Trotz des mäßigen Windes sehen wir schon von weitem schäumende Brecher. Hinter der Spitze, an der zum offenen Wasser gelegenen Ostseite, können wir die Wellen genießen, die der beständige Ostwind auf seinem langen Weg von Schweden her zusammengeschoben hat. Ab hier haben wir auch den Wind im Rücken und wir können die Küste gemütlich nach einem geeigneten Pausenplatz absuchen.

Ein solcher ist auch bald gefunden und im kräftig wärmenden Sonnenschein liegen wir im grünen Gras, blicken auf das blaue Meer und genießen den weiten Himmel. Mit Jörgs Fernglas können wir schon unser nächstes Zwischenziel ausmachen: Die Durchfahrt zwischen der Insel Kyholm und der langen und schmalen Halbinsel Besser Rev.


Die Fahrt dahin ist lang und das Besser Rev ist es ebenfalls und nach unserer Erinnerung müsste kurz danach der Zeltplatz liegen, den wir für heute anlaufen wollen. Hätte ich mein GPS-Gerät dabei, wüssten wir ganz genau, wie weit es ist und wo er liegt. So aber müssen wir unsere geschätzte noch zurückzulegende Strecke ständig verlängern und erreichen ziemlich lustlos den wirklich schön gelegenen Campingplatz von Ballen. Ein kleiner Abendspaziergang führt uns in den zwei Kilometer weiter südlich gelegenen Ort mit dem wunderschön verträumten Hafen. Es ist Pfingsten und die Segelboote haben alle ihre verfügbaren Wimpel in die Wanten gesetzt.

Freitag, 17. Mai 2013

Samsö rund: Kurz nach Tunö (1/4)

Letztes  Wochenende war ich noch auf großer Tour und in der Woche lag natürlich wieder jede Menge an, was erledigt werden musste, so dass ich keine wirkliche Muße zum Packen meiner Siebensachen finden konnte. Aber am Donnerstag Abend habe ich bis spät in die Nacht hinein noch mein GPS programmiert, eine neue Karte für Dänemark darauf geladen, Routen und Wegpunkte eingegeben, alle Akkus für die vielen elektronischen Geräte, die ich mitführe, aufgeladen und die restlichen Lebensmittel besorgt. Dann habe ich meine gesamte Ausrüstung bis auf die verderblichen Lebensmittel und das GPS-Gerät in die Bootshalle gefahren, da ich am nächsten Morgen nur noch ein Fahrrad zu Verfügung haben würde. Heute morgen im Büro habe ich dann die Lebensmittel in den Kühlschank in der Teeküche deponiert. Das GPS, das oben drauf lag, habe ich vorher auf den Tisch gelegt.

Wir haben ein Treffen um halb drei vereinbart. Das Beladen kostet nicht viel Zeit und die Fahrt durch Hamlets Land verläuft reibungsfrei, so dass wir wie geplant gegen 18:00 Uhr in Hov sind. Direkt nördlich des Fähranlegers ist ein optimal geeigneter Strand, um unsere Pfingsttour zu beginnen. Im Hafen warten Unmengen dänischer Pfadpfinder mit riesigen Rucksäcken auf das Einlaufen der Fähre, die sie nach Samsö bringen soll.

Nachdem ich all meine Habseligkeiten im Boot verstaut habe, will ich mein GPS-Gerät an seinen Platz bringen und einschalten. Leider ist es in keiner meiner Kisten zu finden, so dass mir langsam dämmert, dass ich es wohl auf dem Tisch in der Teeküche vergessen haben muss! Ärgerlich, ärgerlich, ärgerlich! Wo ich doch so sorgfältig alle relevanten Wegpunkte einprogrammiert hatte! Nun gut, immerhin habe ich noch meinen GPS-Tracker, der unsere Spur aufzeichnen wird. Ich schalte ihn ein und muss erkennen, dass er gerade noch genug Saft hat, um einen kläglichen Piepton hervorzustoßen und den Schriftzug "Batterie total leer" auf sein Display zu schicken, bevor er seinen Dienst quittiert. Das Dumme an diesem Gerät ist, dass es sich, nachdem man es geladen hat, nicht automatisch ausschaltet, wenn man es von der Ladequelle trennt. So hatte es also schon 24 Stunden Laufzeit hinter sich, bevor die Tour überhaupt gestartet ist.

Die Teilstrecke nach Tunö hatte ich während der Vorbereitung eigentlich nur als kleine Abendgymnastik eingestuft. Das sollten nur um die 15 Kilometer sein und damit keine große Tat. Allerdings weht doch etwas Wind von vorne - nicht wirklich viel, aber spürbar. Und irritierender Weise herrscht hier ein nicht zu vernachlässigender Strom, der auch gegen uns arbeitet. Wir beobachten immer wieder unsere Abdrift mit Hilfe von Deckpeilungen, für die wir die wenigen unterwegs angeordneten Tonnen und die dahinter sichtbare Insel nutzen. Das ist die erste Überraschung, mit der wir nicht gerechnet haben: Wir befinden uns eben bereits im Kattegat und da ist der Tideneffekt der Nordsee nicht mehr zu vernachlässigen. Da unsere Seekarten auch nicht wirklich auf dem aktuellen Stand sind, kommt hinzu, dass wir lange vergeblich nach Untiefentonnen Ausschau halten, die offensichtlich längst eingezogen worden sind.

So ist es nicht wie gedacht höchstens neun Uhr, als wir auf Tunö an Land gehen, sondern bereits halb zehn. Der Übernachtungsplatz soll an einem Weg zum Strand liegen. Da wir nicht mehr großartig motiviert sind, noch weit zu fahren, suchen wir den ersten Weg, der zum Strand führt und erklären diese Stelle zum Übernachtungsplatz. Im hohen, aber trockenen Gras bauen wir unsere Zelte auf und bereiten das Nachtmahl.



Samstag, 11. Mai 2013

Kiel Flensburg Teil 3: Von Broager nach Flensburg

Am Morgen ist das Wetter noch unentschieden. Über Dänemark liegt dichte, dunkle Bewölkung, über Deutschland scheint die Sonne. Zum Glück hat der Wind abgenommen, denn es soll heute ausnahmslos nach Westen gehen und das wäre mit dem Wind von gestern nicht erquicklich.

Mit dem Frühstück und den anderen Verrichtungen sind wir zur gleichen Zeit fertig, wie die Gruppe aus Hannover. Bei denen ist die Frage der Bekleidung auch durchaus unterschiedlich beantwortet worden. Die Antworten reichen von Trockenanzug bis kurze Hose mit kurzärmliger Jacke. Wir sind gleichzeitig auf dem Wasser und haben das gleiche Ziel, die Ochseninseln. Aber wir ziehen es doch von Anfang an vor, unser eigenes Tempo zu fahren. Wir werden uns ja "später" noch einmal treffen.

Auf der Förde herrscht Rum-Regatta. Da ist viel altes Holz auf dem Wasser und noch mehr weißes Tuch. Zu so einem Anlass gehört eigentlich eine frische Brise und vor allem Sonnenschein. Beides ist heute nicht zu haben - der Himmel ist grau und der Wind lustlos. Trotzdem macht es Spaß, den alten Schiffen zuzusehen und ihre interessanten Riggs zu bewundern. Ich kann sogar das erste Mal in meinem Leben einem Rah-Segler aus nächster Nähe dabei zusehen, wie er ein Wendemanöver durchführt. Ausgesprochen anspruchsvoll und interessant!

Auf den Ochseninseln machen wir eine ausgiebige Pause sowie den obligaten Spaziergang über die Insel. Kaffee und Kuchen muss auch sein. Als wir uns wieder auf den Weg machen wollen, läuft auch die Hannoveraner Gruppe ein. Es war schon die richtige Entscheidung, dass wir unser eigenes Tempo gefahren sind.

Während wir in Richtung Flensburg laufen, verdunkelt sich der Himmel immer weiter. Wir passieren die großen Mengen an Traditionsseglern, die sich hier im Hafen eingefunden haben und treffen auf einen, der mit seinem Seitenschwert die Wendetonne geknutscht hat. Da ist einiges an Reparatur fällig in der nächsten Zeit. Kurz vor dem definitiven Ende der Förde finden wir einen klitzekleinen Sandstrand, an dem wir unser Boote aus dem Wasser holen. Ich organisieren kurz unsere Rückholung und Peter eine Duschmöglichkeit im Hafengebäude. Während wir das Salz und die Kälte der letzten Tage mit wohlig warmen Wasser aus Haaren und Körper duschen, setzt draußen sintflutartiger Regen ein, der auch die folgenden Tage nicht aufhören soll. Ein besseres Timing für unsere Tour hätte wir gar nicht treffen können.