Sonntag, 20. Februar 2011

Biike-Brennen-Ersatztour

"Lass uns doch mal eine Wintertour machen!" Schon vor Monaten hatten wir uns auf den Plan verständigt, zum Termin des Biike-Brennens eine Nordseetour zu machen, um dieses traditionelle Ereignis einmal aus nächster Nähe zu erleben. Für den Montag, an dem die Reisighaufen abgefackelt werden sollten, und den darauf folgenden Dienstag haben Trenk, Jörg und ich Urlaub eingereicht, damit wir auch alles im Vorfeld planiert haben, wenn es denn soweit ist. Natürlich ist eine Tourtermin für Mitte Februar mit einem hohen Risiko verbunden, dass die Unternehmung auf Grund des Wetters nicht Wirklichkeit werden kann. Aber es gibt auch schöne, milde Tage im Februar und wenn wir dem Glück keine Chance geben, klopft es nie an unsere Tür.

Leider war das mit dem Wetter letztlich doch nicht das entscheidende Kriterium. Eine Woche vor dem Termin stellte sich bei Jörg heraus, dass er an den anvisierten Tagen beruflich unabkömmlich sein würde. Aber wenn wir uns schon so lange zu einer Tour verabredet hatten, wollten wir versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Am Wochenende davor hätten alle Beteiligten ebenfalls Zeit. Ein Blick auf die Wettervorhersage am Sonntag vorher ließ keine warmen Wogen der Vorfreude aufkommen: Freitag Wind fünf bis sechs aus Ost bis Nordost, Samstag nicht viel weniger bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt. Da schaudert's einem eher, als dass es reizt, sich bei minus sieben Grad im Zelt auf einer Hallig ungeschützt dem beißenden Wind auszusetzen. Nicht mit uns - soviel war klar! Aber Sonntag! Kalt zwar, aber mit Chance auf Sonne und absolute Windstille! Da sollte wenigstens eine Tagestour unter angenehmen Bedingungen drin sein.

Überraschende Schneewehen bei der Anreise.
Um die Anreise für alle Beteiligten einigermaßen ausgewogen zu gestalten, einigen wir uns auf die Flensburger Förde als Revier. Bei der Feinabstimmung am Samstag vorher verlegen wir den Startpunkt doch lieber von Falshöft nach Habernis. Die nun genauere Vorhersage offeriert uns die Aussicht auf einen Dreier-Wind aus Ost. Bei einem Start in Falshöft hätten wir bei der Rücktour auf jeden Fall Gegenwind. Habernis bietet wenigstens theoretisch die Aussicht auf Rückenwind für den zweiten Teil der Tour.

Bei der Hinfahrt überraschen uns die zahlreichen nicht zu vernachlässigenden Schneewehen auf den Bundesstraßen in Schwansen und Angeln. Weder haben wir mit soviel Schnee gerechnet noch mit soviel Wind - das ist mehr als drei. Aber er soll ja auch nachlassen. Am Einsetzpunkt bei Habernis laufen einige Spaziergänger grimmig vermummt am Strand entlang. Eine kurze Prüfung bestätigt: die Vermummung ist nicht übertrieben - es weht ein beißender Wind aus östlicher Richtung, und auf dem Wasser sind durchaus weiße Wellen zu sehen.

Wir wollen direkt bis Sonderburg durchfahren, das sind gute zehn Kilometer wie wir mit dem dicken Daumen abschätzen. Wir haben seit einer guten Woche durchgängig Ostwind und die Förde bietet in diese Richtung einen ordentlichen Fetch, so dass wir trotz des unserer Meinung nach recht geringen Windes mit erklecklichen Wellen rechnen. Angesichts der Umstände haben wir angezogen, was unsere Ausrüstung hergab. Kaum auf dem Wasser macht sich die erste Konsequenz bemerkbar: Jörg brummelt etwas und Trenk ruft zurück: "Ich hör' nix!". Verständigung ist ziemlich schwierig mit dicken Mützen über den Ohren und pfeifendem Wind um die Nase.

Der Wind kommt zwar genau von querab, aber dadurch, dass wir deutlich vorhalten müssen, ist es natürlich eigentlich Gegenwind. Nicht übermäßig - aber deutlich und unausgesetzt, pausenlos, ständig und immer. Und irgendwie doch mehr als drei. Das zehrt auf die Dauer. Aber der Wind soll ja nachlassen. Wir wollen uns nicht verausgaben, denn schließlich müssen wir ja auch noch wieder zurück. Dadurch, dass wir nicht auf Höchsttouren laufen und der eiskalte Wind seinen Tribut fordert, sind meine Füße immer knapp an der Grenze zum kaltwerden. Ich mache von Zeit zu Zeit bewusste Beinarbeit, um sie nicht zu sehr abdriften zu lassen. Auf halber Strecke überlege ich mir, dass ich ja auch mal ein Foto von unterwegs benötige und fummele meine Kamera heraus. Zum Fotografieren muss ich das Paddel aus der Hand legen. Die Wellen sind nicht unbedingt so, dass man sich keine Gedanken machen müsste, und eine Kenterung ist das letzte, was wir hier gebrauchen könnten. Immerhin mache ich ein paar Fotos - danach sind meine Füße warm!

Die geschätzten zehn Kilometer bis Sonderburg sind dann doch über zwölf und eine Pause hochwillkommen - wenn nicht unausweichlich. Aber die Suche nach einem windgeschützten Plätzchen gestaltet sich schwierig. Letztlich laufen wir am Strand vor dem Schloss auf. Durch den Ostwind herrscht eine recht starke Strömung parallel zum Strand, und man muss beim Aussteigen ziemlich aufpassen, dass es einem das Schiff nicht verdreht. So dick eingepummelt, wie wir sind, sind wir auch keine Wunder an Beweglich- und Geschmeidigkeit. Da überrascht es nicht, dass Jörg bei dieser Prozedur plötzlich neben seinem Boot schwimmt und im zwei Grad kalten Wasser plantscht.

Wir verbringen unsere Pause auf dem Sockel des abmontierten Badesteges. Gegen den Wind wehren wir uns mit zwei Ponchos - nicht wirklich erfolgreich. Jörg und Trenk versuchen ihre eiskalten Finger wiederzubeleben, indem sie sie in heißem Tee baden. Die Gemütlichkeit kann sich ob der äußeren Umstände nicht voll entfalten und so schrauben wir uns schon recht bald wieder ungelenk in die Boote. Die Paddelschäfte sind eiskalt, dass die eh schon steifen Hände beinahe daran festfrieren. Leider sind nach dem Ablegen auch Trenks und mein Skeg in ihren Gehäusen festgefroren, so dass wir sie uns gegenseitig gängig machen müssen. Das Rumfummeln im eiskalten Wasser gibt meinen Händen den Rest - sie sind dermaßen kalt, dass ich außer stechenden Schmerzen nichts mehr fühle und es eine halbe Stunde dauert, bis sie wieder aufgetaut sind.

Gestern hatten wir im Warmen sitzend noch schwadroniert, zum Leuchtturm Kalkgrund zu fahren. Heute bewegt uns eher die Frage, wie wir mit möglichst wenig Aufwand wieder zurück kommen. Der direkte Weg ist natürlich nicht immer der "kürzeste" und unser Plan ist, erstmal direkt nach Osten zur Spitze der Halbinsel Kegnaes zu fahren, um etwas "Höhe zu machen" und dadurch wenigstens leicht schiebenden Wind für die Überfahrt zu gewinnen.

"Direkt nach Osten" ist eine Verniedlichung von "direkt gegen den Wind" und irgendwie ist aus dem Nachlassen des Windes bisher nichts geworden. Zentimeter für Zentimeter erarbeiten wir uns mühsam den Weg nach Kegnaes . Nur der Glaube "Dadurch gewinnen wir Höhe!" lässt uns die schier unendlichen sechs Kilometer überleben. An der Westspitze der Halbinsel angekommen bin ich so porös, dass ich mir Gedanken mache, ob ich für die gut doppelt so lange Überfahrt überhaupt noch genug Kraft habe. Jörgs Befindlichkeit ähnelt meiner, während Trenk vor Kraft und Fitness strotzt. Er schafft es im Gegensatz zu uns, einmal die Woche aufs Wasser zu kommen. So ein konsequentes Training macht sich bezahlt.

Die Pause ist kurz, aber sie tut ihre Schuldigkeit in bezug auf die Wiederherstellung unserer Leistungs- und Leidensfähigkeit. Mit frischem Mut geht es Richtung Süden bis zur östlichen Gefahrentonne des Kegnaes-Flachs. Danach halten wir etwa 200 Grad. Unser Zielplatz ist nicht zu erkennen, aber unsere "Daumennavigation" funktioniert perfekt: Trotz des starken Versatzes durch den Wind müssen wir unseren Kurs erst ganz kurz vorm Ziel leicht anpassen. Auch die Rechnung mit dem "Höhe gewinnen" ging auf. Man kann zwar nicht von reinem Rückenwind reden, aber Gegenwind haben wir nicht mehr. Etwas anderes hätte ich auch nicht überlebt. Jörg vermutlich auch nicht. Während Jungspund Trenk frohgemut vorweg paddelt, als sei alles nicht der Rede wert, kriechen wir zwei Senioren müde hinterher. Aber auch wir kommen lebend und in einem Stück am Zielort an!


Das Ausziehen gestaltet sich noch einmal schwierig: Der Reißverschluss meiner Schwimmweste ist total vereist, so dass ich ihn nicht öffnen kann und auch Jörg benötigt Hilfe beim Verlassen seines zugefrorenen Trockenanzugs. Wir sind noch etwas kalt und ziemlich groggy - aber vor allem auch stolz, dass wir die Tour überhaupt geschafft haben - so vollkommen außerhalb der Saison auf dem Tiefststand unserer Fitness!

Mehr Fotos hier.

Samstag, 12. Februar 2011

Die neue Saison wirft ihre Schatten voraus...

In der letzten Zeit gab es viele Gründe, die mich gehindert haben, aufs Wasser zu kommen. Aber es stehen auch Unternehmungen in der Zukunft an, die es erfordern, dass ich schleunigst damit anfange, den sich bildenden Rost aus dem Gebälk zu bürsten.

Eigentlich wollte ich am Sonntag aufs Wasser gehen, aber ich habe mich vom Wetterbericht umstimmen lassen. Das war eine gute Maßnahme, denn der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint und die Luft ist knackig klar. Allerdings ist es deutlich unter null Grad und es geht ein frischer Wind. Nach Vorhersage hätte der aus Südost kommen sollen, so dass ich wenigstens für die Hintour Rückenwind hätte haben sollen. Aber er stellt sich hier als reiner Ostwind dar. Theoretisch also genau von querab, was aber faktisch Gegenwind bedeutet - und zwar auf Hin- und Rücktour!
Nun gut, ich will ja irgendwie auch gefordert werden, denn in einer guten Woche soll es auf die Nordsee gehen - wenn uns denn  das Wetter und die anderen Imponderabilien günstig gewogen sind. Bei meiner Abfahrt ist der feste Mittelteil des Steges satt unter Wasser. Der hohe Wasserstand wundert mich etwas, denn er ist auf keinen Fall im Gleichgewicht mit den Wetterbedingungen. Der eiskalte Wind ist trotz Fleecemütze unangenehm am Kopf. Hier wäre eine Kapuze Gold wert, aber an meinem Trockenanzug ist nun mal keine dran. Ich ziehe mir die Mütze weit über die Ohren und überlege, wie ich meinen Kopf bei einer längeren Tour besser schützen könnte.

Als ich nach einer dreiviertel Stunde Möltenort passieren, bin ich richtig schön eingepaddelt. Trotz nicht gerade günstiger Bedingungen fällt das Paddel wie von alleine abwechselnd auf beiden Seiten des Bootes ins Wasser und ich komme zügig voran.

Bei meiner Freundin, der Glockentonne, mache ich kehrt. Der Himmel ist ist immer noch strahlend blau, aber die Zirren bestätigen schon, dass meine Entscheidung heute zu fahren, richtig war. Ich bin mit meiner Kondition bis hierher ganz zufrieden, unerwartete acht Stundenkilometer habe ich hingelegt. Die Bewährungsprobe, wie nachhaltig ich dieses Tempo fahren kann,  wird aber der zweite Teil der Tour erbringen. Da die Rücktour gefühlt deutlich länger dauern wird, als die Hintour, verlege ich meine Pause wieder an den Strand von Möltenort. Obwohl die Sonne ziemlich kräftig scheint, wird mir recht schnell recht kalt, als ich am Strand sitzend meine Stullen verdrücke und den heißen Apfelsaft trinke. Als ich mich nach kurzer Zeit wieder ins Boot fädele, habe ich eiskalte Hände und es dauert eine ganze Weile, bis das Leben wieder in die letzte Fingerspitze zurückgekehrt ist.

Es ist zwar ausgesprochen still auf der Förde, aber immerhin sind schon die ersten Segler wieder unterwegs. Ein unerschrockener Windsurfer ist auf dem Wasser und die Wirtschaftskrise ist sichtbar überstanden. Es herrscht wieder Betrieb wie vor den deutlichen Einbruch und die Schiffe ragen nicht mehr so hoch aus dem Wasser. Irgendwann begegnet mir ein seltsames Gefährt - so etwas wie ein "Schiff ohne Unterleib". Es sieht aus wie ein ganz normaler  Frachter, hat aber keine Brücke. So als hätte das Geld am Ende nicht gereicht und man sich gegen dieses überflüssige Zubehör entschieden hat. Stattdessen müht sich am Heck ein Schlepper, dem unvollständigen Etwas einen Sinn zu geben.

Als ich am Steg anlege, ist der Wasserstand um einen guten halben Meter gefallen. Die Förde sucht immer noch ihr Gleichgewicht. Ich hatte es unterwegs schon deutlich gespürt und auch meine Reisezeit lässt keinen Zweifel aufkommen: Zwar geht ein Teil auf meine noch längst nicht optimale Verfassung zurück, aber ein Teil eben auch auf den deutlich spürbaren Gegenstrom. Aber Strom und Wind seien wie sie wollen, wenn ich in einer Woche auf die Nordsee will, muss das Wetter schon deutlich gnädig sein!

Samstag, 22. Januar 2011

Meine erste Schweinebachtour!

Vom legendären Ruf der Hagener Au hatte ich schon viel und oft gehört - aber ich bin sie noch nie gepaddelt. Heute sollte meine erste "Schweinebach"-Tour sein. Der Name hat seinen Ursprung nicht etwa im wüsten Charakter des Flusses - oder sagen wir ehrlicherweise: des Baches - sondern in der Tatsache, dass sich das Erscheinungsbild der Tourteilnehmer gegen Ende der Fahrt dem der namensgebenden Kreatur annähert.

Als vom Hörensagen erfahrener Kleinflussfahrer hatte ich meine Einhandklappsäge eingepackt, um alle unerwünschten Hemm- und Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Was also sollte sich mir in den Weg stellen wollen?

Das erste Mal musste ich schlucken, als Sabine sich an der Einsetzstelle oben am Hang in ihr Boot setzte, ein paarmal kurz nach vorne juckelte und schwungvoll, elegant und spritzend ins Wasser schoss. Als eingefleischter Seekajakfahrer habe ich eine eingebaute Aversion gegen Situationen, in denen der Bug meines Bootes tief ins Wasser getaucht ist, während das Heck noch hoch auf Land liegt. Da aber auch Jörg und Piet und die andere Sabine diese Art des "Einsetzen" für das Natürlichste der Welt hielten, konnte ich mir ja keine Blöße geben und sah mich gezwungen, es ihnen gleich zu tun. "Ich kann ja ganz gut stützen!", hab ich mir gesagt, um mich zu beruhigen, dass ich schon nicht koppeister ins kalte Wasser gehen würde. Wie ich bei noch zahlreichen folgenden Gelegenheiten dieser Art feststellen konnte, verhalten sich Wildwasserboote bei dieser Prozedur spürbar anders als Seekajaks! Gutmütiger eben!

Sieben Kilometer sollte die Entfernung bis zum Zielort betragen. Mit der Strömung kann das ja wohl kaum mehr als eine Stunde dauern - dachte ich. Aber als Jörg sagte: "In drei Stunden können wir das gut schaffen!", dachte ich schon, dass es die eine oder andere Situation geben könnte, die unser Fortkommen bremsen würde.

Die ließ auch gar nicht lange auf sich warten. Wir waren noch keine fünf Minuten in den Booten, da mussten wir sie auch schon wieder verlassen, weil ein solider Baumstamm quer lag. Mit meiner Säge hätte ich gegen ihn ausgesehen, wie ein Bauarbeiter, der versucht, mit einem Teelöffel eine Baugrube auszuheben. Ein Kilo Sprengstoff hätte gute Dienste geleistet, hatte ich aber nicht dabei. Nun gut, ich wollte eh noch mal überprüfen, ob es wirklich so schwer ist, meine Spritzdecke wieder über den Süllrand zu bekommen. Da ich diese Aktion im Laufe der Tour ein gutes Dutzend Mal exerziert habe, kann ich mit Fug und Recht sagen: ja, es ist tatsächlich so schwer!

Die zu meisternden Hindernisse lassen sich in mehrere, klar voneinander trennbare Kategorien einteilen.

Da ist als erstes die gemeine Unterfahrung zu nennen. Ein Hindernis liegt in einer gewissen Höhe quer über dem Bach und lässt noch "genügend" Spielraum für den Paddler, sich mit seinem Boot unten hindurch zu zwängen. Natürlich gibt es bei dieser Kategorie ein kontinuierliches Spektrum der lichten Durchfahrtshöhe von "naja, ich leg' mal den Kopf zur Seite" bis zu "vielleicht ist es besser, wir gehen lieber drüber, statt drunter durch!". In jedem Falle ist eine gute Beweglichkeit gefragt, damit man nicht doch noch im letzten Moment mit der Nase an einem hervorstehenden Zweig hängenbleibt. Genauso wichtig ist bei niedrig und schräge ins Wasser gleitenden Hindernissen eine ausgereifte Technik, sich unter ihnen hindurch zu hangeln - und dabei auch das Paddel mit zu bekommen! In kritischen Situationen bräuchte man das Paddel nämlich eigentlich quer zum Boot, um ein Umkippen stützend zu verhindern. Aber damit bleibt man zwangsläufig an den Ästen und Zweigen oder gleich am Haupthindernis hängen. Auch das Festhalten mit den Armen ist nicht die Rettung schlechthin, denn das Boot unter einem will der Strömung folgen und hält nicht freiwillig an. Diese komplexe Aufgabe hat mich an einem Hindernis dieser Kategorie leider derart überfordert, so dass es mich komplett unter Wasser gedrückt hat. Zum Glück war ich aber grimmig entschlossen, nicht auszusteigen, und irgendwie habe ich es dann doch geschafft, Boot und Besatzung wieder in die richtige vertikale Reihenfolge zu bringen - aber meine Mütze war nass!

Eine etwas diffuse Erscheinung hat die nächste Kategorie: Ich will sie mit "Gestrüpp" betiteln. Eine vermittelbare Befahrenstechnik gibt es hier eigentlich nicht, am ehesten noch "Augen zu und durch!". Meine mitgeführte Klappsäge erwies sich nicht als das geeignete Mittel, hier für Linderung zu sorgen. Auch das vorhin erwähnte Dynamit käme nur als zweite Wahl in Betracht, zumal man es auch gar nicht in ausreichender Menge hätte mitführen können, ohne sein Boot zu versenken. Auf meiner nächsten Tour dieser Art hätte ich eine Rosenschere im Holster - und eine Skibrille im Gesicht! So gerüstet wären Hindernisse dieser Kategorie kaum der Erwähnung wert, man könnte sich auf die auch nicht triviale Aufgabe konzentrieren, sein Paddel und seine Mütze in erreichbarer Nähe zum Boot zu halten.

Als vorletztes ist da noch die einfachste Kategorie, die sich aber leider von der letzten, nämlich der hoffnungslosen Kategorie nur sehr schwer unterscheiden lässt. Offensichtlich nicht nur von mir als Anfänger, sonst hätten die anderen sich nicht mehrfach in der Einordnung solcher Hindernisse vertan. Die noch nicht hoffnungslose Kategorie stellt sich als totale Verblockung des Fahrwassers durch einen oder mehrere mehr oder weniger starke Bäume, Äste, Steine oder sonstige Widernisse dar, die aber nicht allzu hoch aus dem Wasser ragen. Mit energischer Kompromisslosigkeit und ordentlich Schmackes kommt man meist recht unproblematisch über sie hinweg. Manchmal muss ein nachträgliches Juckeln, Rudern mit den Armen und Zerren an knapp erreichbaren Zweigen ein Übriges tun.

Das verräterische an diesen Hindernissen ist eben das Kriterium "nicht allzu hoch"! Ein mickriger Zentimeter zu viel, kein knapp erreichbarer Zweig in der Nähe - und schon befinden wir uns in der letzten Kategorie, in der hoffnungslosen. Manchmal muss man offensichtlich einige Zeit mit seinem Boot aussichtslos auf dem Hindernis sitzen, bis man sich zur richtigen Einordnung durchringen kann. An Demut gewachsen puhlt man sich aus dem Schiff, schleift es durch den seitlichen Sumpf und kämpft den verbissenen Kampf: Allein gegen die Spritzdecke!

Nach sieben Kilometern - oder drei Stunden später - bin ich ein anderer Mensch: Äußerlich mache ich dem Titel der Tour alle Ehre. Innerlich bin ich gereift und gefestigt: Außer einer Schramme am rechten Zeigefinger und einer nassen Mütze habe ich die schäumenden Wasser der Hagener Au unversehrt überlebt!

Eine kurzweilige Tour - so ganz anders als meine sonstigen Unternehmungen - zusammen mit vier wunderschönen Menschen!

Samstag, 8. Januar 2011

"Vom Eise befreit..."?


Zur Sicherheit habe ich heute meinen Dachgepäckträger mitgenommen, denn wenn wir am Steg wieder nicht ins Wasser kommen, wollen wir uns ein Fleckchen suchen, wo wir unsere Boote einsetzen können. Aber ich traue meinen Augen kaum: da ist nicht das geringste Stückchen Eis zu sehen, das unser Vorhaben verhindern könnte. Noch etwas ist kaum zu glauben: die ganze Woche verfolge ich nun schon den Wetterbericht für den heutigen Samstag. Bis zur Zeitung heute morgen waren sich alle einig, dass es zwar warm und erklecklich windig sein würde, dass uns aber auch dunkle Wolken und eine Menge Regen begleiten würden. Uns waren diese Randbedingungen egal, aber die Wirklichkeit straft die Vorhersage eh Lügen: der Himmel ist strahlend blau mit ein paar weißen Wolken, und die Sonne entfaltet eine wärmende Kraft.

Uns steht der Sinn nach ausgiebigem Paddeln, daher fahren wir nicht in die Schwentine, wo wir uns der Wintertour des TSV hätten anschließen können, die in einem geselligen Angrillen kulminieren würde. Statt dessen fahren wir Richtung 30 Grad, wie Norbert es ausdrückt. Er ist etwas später gekommen und würde uns gerne nachher auf der Förde treffen. Ich glaube, dass er "30 Grad nördlicher Breite" meint, aber er korrigiert mich: "Kompasskurs!" Letztlich kommt aber beides auf dasselbe heraus.

Mit dem Wind im Rücken sind wir im Nu bei der Glockentonne, aber es ist uns schon bewußt, dass die Rückfahrt nicht ganz so entspannt vonstatten gehen wird. Die Pause legen wir auf die "gefühlte" Mitte der Tour, die etwa nach einem Drittel der geometrischen Länge der Rücktour erreicht ist. Auf dem Weg gabeln wir Norbert auf, der mit uns zusammen zurück fährt. Am Kurstrand von Möltenort ist der Restschnee zu einer festen Eisdecke zusammengeschmolzen, auf der es so glatt ist, dass man kaum stehen kann. Die Pausenbank an der Promenade zu erreichen, ist daher heute der gefährlichste Teil der Tour.


Einem älteren Ehepaar müssen wir ausführlich erklären, warum es nicht zu kalt ist, bei diesem Wetter mit einem Paddelboot auf der Förde zu fahren. Die Wassertemperatur beträgt knapp ein halbes Grad und ich hatte gleich nach dem Einstetzen meine Hände einmal für zehn Sekunden ins Wasser gehalten. Das kostete schon einige Überwindung, dann nach fünf Sekunden fängt es an weh zu tun und nach zehn Sekunden wird der Schmerz bereits heftig. Aber  mit der intensiven Bewegung und so dick eingepummelt, wie wir sind, war uns am Anfang natürlich wieder viel zu warm. Mittlerweile geht es, denn der Wind bläst uns immerhin mit Stärke fünf ins Gesicht. Es ist schon erstaunlich, dass man am Anfang immer wieder denkt: "Hätte ich doch bloß nicht so viel angezogen!" und gegen Ende: "Gut, dass ich nicht weniger angezogen habe! Sonst hätte ich erbärmlich gefroren!".


Die Stärkung und das Verschnaufen waren notwendig, aber trotzdem fahren die Boote nicht von alleine gegen den Wind. Dreimal müssen wir anhalten und einen ausführlichen Klönschnack mit entgegenkommenden Paddlern halten - das bringt uns auch nicht nach vorne. Aber ich finde es schön, dass das Winterpaddeln auf der Förde im Laufe der Jahre zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Direkt vor dem Düsternbrooker Hafen löst sich auch das Rätsel mit dem verschwundenen Eis: Es treibt als riesige Scholle mitten im Wasser! Jörg fährt direkt drauf zu und sagt: "Da fahre ich durch!", rudert dann aber ziemlich bald ziemlich kleinlaut zurück. Die Eisscholle ist etwa zehn Zentimeter dick, aber sehr porös und weich. Man kommt mit dem Boot kaum hinauf, würde oben einbrechen, hat keine Möglichkeit, das Eis mit dem Paddel zu durchstechen und Rollen steht außer Frage. Da ist Rückzug schon die einzig vernünftige Option.

Am Steg ziehe ich mir kurz die Neoprenhaube über den Kopf und mache die obligatorische Abschlussrolle. Der größte Effekt davon ist, dass ich jedesmal ungemein beruhigt bin, wie undramatisch das von der Kälte her ist und dass ich problemlos wieder hoch komme. Als ich Jörg später mit dem Auto nach Hause fahre, setzt der für den ganzen Tag vorhergesagte Regen ein.

Sonntag, 2. Januar 2011

Kein Paddeln!

Wie erwartet ist die Förde in der Zwischenzeit zugefroren. Wir hatten etwas die Hoffnung gehegt, dass es heute möglich sein könnte, aufs Wasser zu kommen und uns verabredet. Für den Fall, dass am Klub kein Reinkommen möglich sein sollte, wollte Jörg seine Dachgepäckträger mitbringen und wir uns dann eine geeignete Stelle suchen, wo wir in Wasser kämen. Die erste Bedingung war erfüllt - vom Steg bis hinter die Tonne 5 war das Wasser solide gefroren. Es zeichnete sich im Eis die einsame Spur eines verbissenen Paddlers ab, der sich mit der Situation nicht abfinden wollte und sich irgendwie über die Eisfläche ins Wasser bugsiert hat. Das ist bestimmt spaßig, aber wir wollten uns das heute nicht geben. Die Chance, an der Kante ins Wasser zu kippen, ist erheblich und diejenige nach der Rückkehr auch wieder aus dem Wasser aufs Eis zurück zu kommen, liegt nicht bei 100%. Da die zweite Option nicht zum Tragen kommen konnte, weil Jörg seinen Wagen nicht aus der Parklücke bekam, in der er ihn die Witterung die letzten Wochen genüsslich festgefroren hat, haben wir unsere Zusammenkunft in Jörgs neue Wohnung verlegt und uns bei Tee und Keksen der Planung künftiger Unternehmungen hingegeben.

Samstag, 18. Dezember 2010

Winterpaddeln

Nach einer langen Pause bin ich heute mal wieder aufs Wasser gekommen. Dieser Winter läuft paddeltechnisch nicht optimal. Das Wetter ist entweder allzu widrig oder ich habe keine Zeit oder ich bin krank. Diesen Umständen ist es auch geschuldet, dass ich eine Jahresabschlussfahrt immer noch nicht machen konnte. Aber heute sind alle Unebenheiten geglättet und ich habe mich mit Jörg und Sabine zum Paddeln verabredet.

Die Boote zum Steg zu schaffen ist wieder sehr einfach, weil der Weg dorthin fast vollständig dick mit Schnee bedeckt ist. Nur direkt an der Kiellinie ist allzu gut geräumt, so dass man sie ein paar Meter tragen muss. Der Steg ist natürlich auch dick verschneit und man muss höllisch aufpassen, das man beim Einsteigen nicht direkt in die Förde glitscht.



Wir sind dick eingepummelt und nehmen uns vor, nicht allzu schnell zu paddeln, damit wir nicht über die Maßen in Schweiß kommen. Man muss übrigens wissen, dass rote Tonnen im Winter ziemlich weiß sind, ebenso wie grüne, wobei die grünen noch grüner sind als die roten rot. Die Ufer sind romantisch weiß und es herrscht eine unglaubliche Stille. Keine Schiffe auf dem Wasser, keine Spaziergänger an Land. So als  wären alle am letzten Samstag vor Weihnachten noch einmal unterwegs, die restlichen Geschenke kaufen oder Glühwein nachtanken. Wir freuen uns drüber.



Im Windschatten des Friedrichsorter Leuchtturmes machen wir kurz Pause und lassen und den heißen Tee und den Honigkuchen schmecken. Aber schnell kriecht die Kälte durch die kleinsten Ritzen und vertreibt die Behaglichkeit aus dem Trockenanzug. In Bewegung war uns warm, aber hier kann man es nicht mehr länger leugnen: die Lufttemperatur ist minus vier Grad. Da werden die ungeschützten Hände im Nu eiskalt. So bleibt die Pause nur von kurzer Dauer und es braucht ein paar Meter in Wallung, bevor uns wieder einigermaßen warm ist.


Auf der Rücktour kommt sogar die Sonne für drei Sekunden hinter den Wolken hervor - kurz bevor wir einem Frachter, der aus der Kanalschleuse ausfährt, die Vorbeifahrt ermöglichen müssen. Mit der Color Fantasy, die uns kurz vor Schluss unserer Fahrt noch entgegenkommt, waren dies die beiden einzigen Schiffe, die auf der Förde unterwegs waren. Das Weihnachtsgeschäft ist im Schiffsverkehr wohl längst abgewickelt.An Sabines Mütze haben sich Einzapfen gebildet und alle Aufbauten unserer Boote sind dick mit Eis überzogen.



Das Wasser ist dieses Jahr schon verdammt früh sehr kalt: 2 Grad hat es noch. So kalt ist es sonst erst im Januar, in milden Jahren nie. Ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern, bis das erste Eis auf der Förde auftaucht. Aber heute will ich noch kurz eine Rolle machen, um mal zu sehen, wie sehr denn zwei Grad so in die Stirn beißen - und wie gut mein Trockenanzug bei solchen Temperaturen ist. Jörg und Sabine halten sich vornehm zurück und sind voller Respekt, dass ich so tapfer bin. Aber nachdem ich mich ins Wasser geschmissen habe, kurz unterm Boot hänge und hochgerollt bin, finde ich es eigentlich etwas zu harmlos, mit einem pottendichten Anzug und eng anliegender Neoprenhaube solche Spielchen zu machen. Ein ausgesprochen beruhigendes Gefühl, auch in einem Unglücksfall fern der Heimat nicht soviel Wärme verlieren zu müssen, das ein Nach-Hause-Paddeln schwerlich möglich wäre. Bleibt nur die Frage, ob sich der Unglücksfall immer rechtzeitig genug ankündigt, damit ich hinreichend Zeit habe, meine Neoprenhaube aufzusetzen!

Montag, 11. Oktober 2010

„Zu den Bäumen!“ oder „Letztes Jahr war da Sand!“

Bis über beide Ohren verliebt paddle ich auf meinen neuen Schwarm zu. Beseelt von ihrer Schönheit und Anmut beobachte ich, wie sie aufrecht auf der Anhöhe steht, ihren Blick übers Weit schweifen lässt und in einer ans Meditative gemahnenden Langsamkeit den ganzen Horizont bestreicht. Leuchttürme müssen weiblicher Natur sein, wie sonst könnte mich diese hier so in ihren Bann ziehen? Das Feuer von Skjoldnäs ist es, das mir hier die Sinne betört, wie gemalt steht es da, wie der Leuchtturm von Lummerland, wie der Archetyp seiner Gattung. Die beiden seitlich in den Dunst der Dunkelheit geworfenen Lichtkegel zusammen mit dem umlaufenden - nein umkriechenden Leitstrahl erzeugen einen emotionalen Magnetismus, dem sich keiner von uns entziehen kann. Als wäre sich der Turm dieser Wirkung bewusst, posiert er auf dem Hügel in der sicheren Erwartung, von uns aus allen Winkeln fotografiert zu werden.

Doch hier bekommt die Geschichte einen kleinen Schönheitsfehler. Denn leider ist mein treuer Fotoapparat seit meiner letzten Tour erst ab- und dann nicht wieder aufgetaucht, so dass er nicht als glaubwürdiger Zeuge Bilder dieses schier unfassbaren Anblicks beisteuern kann. Natürlich haben meine beiden Mitfahrer darauf gebaut, dass ich als verlässlicher Chronist schon für das zugehörige Equipment sorgen würde. So bleibt mir wohl nichts weiter übrig, als mit Worten den dicken Pinsel zu schwingen und den Erlebnissen und Eindrücken einen physischen Niederschlag zu verleihen, der über die Zeit weder blasser noch krasser wird.

Wie sind wir hier her gekommen? Nun, das war nicht einfach. Die Herbsttour der vier „Unerschrockenen“ stand an. Einer muss sich momentan eher um den Aufbau und Fortbestand der Gesellschaft kümmern, so dass er leider nicht teilnehmen konnte. Die anderen drei haben sich auf eine Umrundung der Insel Ärö verständigt. Nach quälenden Wochen schlechten Wetters sollte für den Termin unserer Unternehmung alles zum Besten bestellt sein: Das gesamte Wochenende niederschlagsfrei, sonnig bei moderaten Herbsttemperaturen. Wind durchgängig aus östlichen Richtungen. Klang gut, aber das mit dem Wind hätte man doch noch etwas besser arrangieren können.

In Mommark am Start zerrten die Flaggen stramm an ihren Masten. Fünf Beaufort genau von vorne, da biss die Maus keinen Faden ab. Mein Gott - gute zehn Kilometer und die Sonne scheint. „Unerschrocken“? Da kann uns so etwas ja wohl höchstens ein müdes Lächeln abringen. Wenn der Wind seit Tagen aus mehr oder minder derselben Richtung über eine freie Wasserfläche von über zehn Kilometern Länge bläst, kann man mit einigem Recht eine Welle in gefälliger Höhe und Ebenmaß erwarten. Dieses Recht gilt auf dem kleinen Belt nicht! Als Ingenieur und an weltliche Ursachen glaubender Mensch, habe ich auch eine einigermaßen plausible Erklärung parat: Der östliche Wind erzeugt auf dem Belt zwar Wellen in seiner eigenen Richtung, zusätzlich laufen aber durch die Gatten zwischen den Inseln auch noch Wellen aus dem Inneren der dänischen Südsee schräge herein. Zuletzt rollen dann auch noch die Wellen der offenen Ostsee an der Südküste von Ärö entlang in dieses Seegebiet, so dass sich in der Summe ein wunderschönes Chaos ergibt, in dem keine Sekunde lang die Gefahr besteht, dass man sich an einen Rhythmus gewöhnen müsste.

Das ist es, was ich will! Wind und Gischt im Gesicht, Sonne am Himmel und im Gemüt und die Aussicht auf ein paar Tage in der freien Natur. Und wenn ich in die Gesichter meiner Mitfahrer sehe, geht es ihnen nicht anders. Zugegeben, die Boote bewegen sich nicht von alleine in die gewünschte Richtung, aber die von allen Seiten kommenden, bis einen Meter hohen Wellen zu durchpflügen, zu durchplumpsen, seitlich an ihnen herunter zu rutschen und sich von ihnen emporheben zu lassen, das ist das pure Vergnügen. Die Sicht ist diesig und Ärö ist erst nach etwa einer halben Stunde als blasse Ahnung zu erkennen. Nach einer dreiviertel Stunde verkündet Jörg die Sichtung des Leuchtturms. Und natürlich wird die Ansicht der Insel immer detaillierter, aber zwei Tatsachen sorgen dafür, dass unser Vergnügen länger dauert, als wir erwartet haben. Zum einen dreht der Wind immer mehr auf, so dass er schließlich sechs Beaufort erreicht, zum anderen zieht jemand kontinuierlich am anderen Ende der Insel, so dass sich der Abstand zu ihr eine verdammt lange Zeit nicht die Bohne verkleinert. Beide Umstände bescheren uns zusammen mit der hereinbrechenden Dunkelheit die Gelegenheit, diesem wunderschönen Leuchtturm über Gebühr lange bei seiner Arbeit zusehen zu dürfen.

Der Strand direkt unterhalb des Leuchtturmes sieht nicht einladend aus und oberhalb ist auch keine standesgemäße Zeltmöglichkeit zu erkennen. Ich weiß von meiner Unternehmung im letzten Jahr, dass direkt hinter der Nordspitze ein Flach existiert, wo es geschützte Zeltmöglichkeiten gibt und wo auch ein Sandstrand zum Anlanden vorhanden ist. Zugegeben es ist mittlerweile deutlich nach sieben - damit also wirklich dunkel - und hinter der Nordspitze der Insel sind wir dem Sechser-Wind gnadenlos ausgeliefert, aber der Abend ist noch jung und wir sind zum Paddeln hier und nicht, um uns in der erstbesten windgeschützten Ecke zu verstecken.

Leider ist das Flach doch weiter von der Nordspitze entfernt, als ich es in der Erinnerung abgespeichert hatte und außerdem müssen wir einen erklecklichen Sicherheitsabstand vom Ufer halten, um nicht von der Brandung gefressen zu werden. So wird das „eben mal um die Ecke“ paddeln eine ausgesprochen anspruchsvolle Angelegenheit. Jörg fährt so dicht neben mir, dass trotz des tosenden Windes fast so etwas wie Verständigung möglich ist. Wo ich denn hin will, ist seine Frage nach einiger Zeit. „Zu den Bäumen!“ meine Antwort, mit der er sich auch vorerst zufrieden gibt. Wir müssen zuerst die Spitze des Flachs umrunden und dann an seiner Ostseite entlang fahren. Natürlich ist das Wasser auch in erklecklicher Entfernung vor der Spitze noch flach und damit Garant für große brechende Wellen. Bevor wir uns ihm nähern, kommen wir noch einmal dichter zusammen, denn trotzdem uns der Schein des Leuchtturmes von Zeit zu Zeit aus dem Dunkel aufleuchten lässt, verliert man sich schnell aus dem Blick. Als direkt vor der Spitze eine besonders große und steile Welle auf mich zurollt und ich mehr als schulmäßig in sie hineinstütze, weil ich auf jeden Fall ein Hinabkullern auf der falschen Seite verhindern will, weiß ich, dass der sorglose Spaß-Modus vorbei ist. Wenn hier einer wegtaucht, kann sich das zu einem ernsthaften Problem auswachsen.

Nach der Kehre haben wir die Wellen schräge von hinten, auch das will mit Bedacht gehandhabt sein. Jörg kommt wieder mit seiner Frage längsseits, wo ich denn hin will. „Zu den Bäumen!“ ist immer noch meine klare Antwort. Es ist Nacht und es ist Neumond und man sieht eigentlich nur zwei Dinge: In unmittelbarer Nähe weiß schäumende Wellen und in einiger Entfernung sich tiefschwarz gegen den mattschwarzen Himmel abhebend - überall Bäume. Jörg ist mit meiner Auskunft noch nicht vollends zufrieden und wir kommen ins Gespräch. Während ich versuche, ihm meinen Plan näher zu bringen, arbeiten die Wellen stetig daran, uns der Brandungszone näher zu bringen. Irgendwann sehe ich einen Brecher auf uns zurollen und bitte Jörg, sich seewärts davon zu machen, damit er nicht über mich rollt und ich selbst stützen kann. Jörg kommt gerade noch weg, aber ich mache die Rüttelnummer nach rechts. Als ich zum Ufer blicke, bin ich geschockt, wie dicht es ist und überlege einen kurzen Moment, blitzschnell die Biege zu machen. Aber es ist zu spät und „blitzschnell“ mit schwerem Boot ist schwierig. Ich hätte meinen Nachen nie rechtzeitig herum bekommen und wäre dwars auf einen Strand unbekannter Konsistenz gespült worden. So entscheide ich mich für die andere Möglichkeit, spitz auf das Ufer zuzulaufen, das Beste draus zu machen und ebensolches zu hoffen. Zwar ist die Landung nicht gerade behutsam zu nennen, aber über die Beschaffenheit des Untergrundes kann man nicht meckern: es ist überwiegend sandig, leider eingelagert ein gerüttelt Maß faust- bis kopfgroßer Steine.

Nicht, dass wir es gewollt hätten, aber der Platz, an dem wir angelandet sind - oder sollte ich sagen, an dem es uns ans Ufer gespült hat? - war schon optimal gewählt. Keine zwanzig Meter weiter fehlt der Sand zwischen den faustgroßen Steinen. Auch in die andere Richtung sind die Verhältnisse eher schlechter als besser. Da ich felsenfest davon überzeugt bin, dass „bei den Bäumen“ ein lieblicher Sandstrand ist, stolpern wir noch eine ziemliche Strecke durch die Dunkelheit am Ufer entlang. Was sich unserem Auge im Schein meiner Stirnlampe hier bietet, lässt uns dankbar sein für die Entscheidung der Brandung, uns ans Ufer zu spülen: Von Sand nirgendwo eine Spur! Jede Anlandung an einem anderen Ort hätte in einer Katastrophe gemündet!

„Ich sag doch: letztes Jahr war da Sand!“

Natürlich trägt das Flach seinen Namen nicht umsonst und gäbe es Windschutz, würde es nicht so heißen! Zeltaufbau bei strammem Wind in absoluter Dunkelheit dauert etwas länger. Irgendwann fällt das Licht der Stirnlampe auf meine Hände. Was ich da sehe, verwirrt mich zunächst und es besorgt mich auch etwas: Sämtliche Knöchel beider Hände sind ziemlich blutig. Nach kurzem Grübeln ist mir klar, dass das der Preis dafür war, dass ich unter den geschilderten Verhältnissen mit einem trockenen Cockpit aus dem Wasser gekommen bin: Ich habe mich mit den Fäusten so lange am Strand abgedrückt und nach vorne geschoben, dass ich meine Spritzdecke gefahrlos öffnen konnte, ohne dass mir das Cockpit bis zum Anschlag geflutet wurde. Prima Idee eigentlich. Keine ganz so gute Idee, wenn der Strand mit Muscheln, Schnecken und spritzen Steinen übersät ist. Zum Glück war es ja dunkel, so dass ich nichts gesehen und das Wasser kalt genug, dass ich nichts gefühlt habe. Allerdings werden mir die Knöchel noch die ganzen nächsten Tage weh tun.

Einer der faszinierenden Umstände in unserer Kleingruppe ist die Tatsache, wie schnell wir uns bei geänderten Umständen auf einen neuen Plan einigen. Wobei „einigen“ die Sache nicht wirklich präzise trifft: Einer spricht aus, was sich die anderen auch eben gedacht haben und schon ist der Plan fertig! Der Wind weht heute Morgen mit vier bis fünf Beaufort aus Nordost und ein Stampfen gegen ihn und die Wellen auf der Nordseite würde kaum Spaß aufkommen lassen. So wird die geplante Umrundung Ärös im Uhrzeigersinn ohne große Diskussion in ein Entlangpaddeln an der Südküste umgewandelt. Wir arbeiten uns dicht unter der Steilküste ans Ufer geschmiegt nach Süden vor, peinlich darauf bedacht, den Windschutz durch die Klippen auszunutzen, bis wir einen wunderbaren Übernachtungsplatz unter fauchenden Windrädern finden. Unterwegs begegnen wir einem Eingeborenen von Ärö, der mit einem mir bislang unbekannten Kajaktyp eine andere Strategie verfolgt als wir: „Wo geht’s hin?“ „With the winds.“ „Und wie zurück?“ „I will phone someone.“

Die Kleingruppe
Unser Rückweg am Sonntag wird nur noch von zwei bis drei Beaufort Wind unterstützt. Das gibt nicht mehr die schönen Wellen, gegen die wir auf der Hinfahrt angekeult haben, aber wir sind dankbar für diese leichte Hilfe. Die Tour lässt uns auch ohne Fotoapparat mit Bildern erfüllt zurück. Aber sie hat auch zwei offene Enden erzeugt, die irgendwann geschlossen werden wollen: Zum einen ist da die Umrundung Äros, die eine reizvolle Tour verspricht, wenn einem nicht der Wind wie diesmal allzu garstig ins Gesicht bläst und zum anderen und vor allem: Die wunderbare Leuchtturm bei Nacht zu fotographieren!