Nachdem Elke und ich in den letzten zwei Jahren etwa zwanzig Aspiranten für ein EPP4-Zertifikat verwurstet haben, gab es für das diesjährige Angebot nur eine einzige Anmeldung. Ich finde das nicht sonderlich verwunderlich, denn die Anzahl möglicher Kandidaten für eine solche Prüfung ist ja eher begrenzt. Offensichtlich haben wir da bereits einen gewissen Berg abgetragen und nun muss sich erst wieder einer anhäufen.
Aber Elke wäre nicht Elke und ich nicht ich, wenn wir uns durch solche Kleinigkeiten aus dem Konzept bringen ließen. Wenn sich keine Opfer freiwillig melden, suchen wir uns eben selbst Begleitung für ein Wochenende auf Hooge! Aus Bremen war eine gute Anzahl Paddler angekündigt, so dass ich nur Lena gefragt habe, ob sie Lust hätte, uns zu begleiten. Hatte sie!
Das Abendhochwasser in Schlüttsiel sollte etwa um 19 Uhr sein. Lena muss freitags bis 18 Uhr arbeiten, zwei Stunden Hinfahrt, eine Stunde Packen vor Ort — vor 22 Uhr wären wir vermutlich nicht los gekommen. Das lohnt nicht und würde nur Stress aufkommen lassen! Wir fahren gemütlich am Freitag Abend von Kiel nach Ockholm und übernachten dort auf der Kirchwarft. Zivile 15 Euro kassiert man hier für zwei Erwachsene mit Zelt.Nachdem die Bremer Delegation eintrifft, die sich mittlerweile auf vier Nasen eingedampft hat, entwerfen wir kurz einen Plan für den nächsten Tag. Hochwasser ist um halb acht, losfahren wollen wir um halb neun. Ich bringe die Option ins Spiel, dass wir wegen des frühen Starts und der vergleichsweise lieblichen Bedingungen überlegen könnten, an Hooge vorbei direkt weiter bis zum Wrack der Pallas zu fahren — eine Unternehmung, für die die Bedingungen nicht allzu häufig so günstig sind. Die Aussicht auf dieses Abenteuer wird allgemein mit einer gewissen Begeisterung aufgenommen. Was die Sache so einfach macht, ist die Tatsache, dass man sich nicht schon am Anfang dazu bekennen muss, sondern erst einmal bis Hooge paddeln, sich dort in die Augen sehen und fragen kann, wie sich die Fahrt bis hierher entwickelt hat, wie man sich fühlt, und ob die Begeisterung nach zwanzig gepaddelten Kilometern noch für vierzig weitere reicht!
Außer Elke und mir sind unsere Mitpaddler alle relative Neulinge in diesem Revier. Hannes und Frank sind das erste Mal hier — Frauke und Lena das zweite Mal! Alle sind aber hinreichend kompetent, dass sie sich hier auch alleine zurecht finden können. Damit sie aber nicht nur passiv hinterherfahren, sondern die Navigation selbst aktiv bestreiten müssen, überlasse ich ihnen die Wegfindung. Das klappt sehr gut — auch wenn wir statt zur eigentlich angedachten Tonne SA 26/Schlütt 2 zur Tonne SA 28 gefahren sind. Das ist nicht falsch sondern nur anders. Aber dadurch können alle lernen, dass man sich erstens verdammt schnell die erste sichtbare Tonne als nächste anzusteuernde aussucht. Danach hält man an ihr fest, auch wenn sich die Anzeichen mehren und verdichten, dass es die falsche ist. Und zweitens kann man lernen, wie man erkennen kann, dass es nicht das richtige Ziel ist: der Kompasskurs weicht immer drastischer vom Erwartungswert ab, und im Hintergrund ist Pellworm zu sehen und nicht Hooge, wie es eigentlich sein müsste.
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| Start um 8:30 Uhr; Ende 11:30 Uhr |
Wir steigen östlich der Hafeneinfahrt aus. Das Wasser steht noch so hoch, dass man mit dem Schiff noch auf Sand und Muschelschalen aufsetzt und nicht durch den Schlick stapfen muss. Generell kommt man hier mit einer Gruppe gefahrlos an Land bzw. ins Wasser — um den Preis, dass man seine Boote um das Hafenbecken herumrollern muss. Aber das ist mir lieber, als Invaliden zu produzieren, die im Zweikampf mit den amerikanischen Austern auf der Westmole den Kürzeren gezogen haben.
Nach der kurzzeitigen Verwirrung, dass das Zelten auf Hooge aus Naturschutzgründen absolut untersagt ist, ist eine pragmatische Lösung gefunden worden, dass Einzelpaddler und kleine Gruppen auf der Wiese direkt unter dem Segelheim übernachten können. Eine Seekajak-Woche kann man aber vermutlich nicht mehr ausrichten.
Es ist Pfingsten, und es herrscht angesagt gutes Wetter — aber außer uns sind keine weiteren Zelte im Hafen — nur Segler! Keine Ahnung, wo all die anderen sind! Vielleicht auf Sylt, wo an diesem Wochenende großes Gedränge herrscht? Mir soll es sehr recht sein.Wir sind ja bereits um die Mittagszeit auf Hooge angekommen, so dass wir einen herrlich entspannten Tag verbringen können. Als erstes muss der überwiegende Teil der Gruppe baden gehen. Ich kann ja leider wieder nicht dabei mitmachen, weil ich wie immer fotographieren muss 😐! Danach ist gemütliches Kochen angesagt. Da ich meinen üblichen Privatkoch Jörg diesmal nicht dabei habe, habe ich mich auf Einfachstverpflegung beschränkt: Hühnerfrikassee mit Reis, das ich nur aufwärmen muss. Die anderen kochen aufwendiger, und Hannes hat mit seinen Kindern wieder leckere Backwaren in großer Menge produziert, an denen wir uns gerne bedienen.
Das Ziel für morgen steht ja schon fest, aber ein solider Plan fehlt noch. Wir müssen uns Gedanken machen, wann wir am besten losfahren und wie wir navigieren, damit wir gut und sicher zur Pallas kommen — und wieder zurück!
Der Strömungskipp an der Pallas ist zwischen vier und fünf Stunden vor Hochwasser Helgoland. Das ist heute um 19 Uhr. Wir möchten also zwischen 14 und 15 Uhr am Wrack sein, um sowohl auf dem Hin- wie auch auf dem Rückweg nicht gegen die Tide fahren zu müssen. Die Strecke beträgt gute zwanzig Kilometer — benötigt also etwa drei Stunden Fahrzeit. Das bedeutet eine Startzeit zwischen 11 und 12 Uhr. Das ist ausgesprochen christlich und lässt ein gründliches Ausschlafen und ein ebensolches Frühstück zu. Andererseits ist das recht dicht am Niedrigwasserzeitpunkt auf Hooge und würde einen schlickigen Start bedeuten. Wir einigen uns auf den Kompromiss, etwas früher zu starten und dafür eine ausgiebige Pause auf dem Jappsand zu machen. Bingo! Plan steht!
Frank hat eine anstrengende Woche hinter sich und möchte eine Tag der Entspannung auf der Hallig verbringen. Er erhält von uns den Auftrag, ins Kino zu gehen und dort den ebenso einzigen wie legendären Film über das Halligleben bei Hochwasser anzusehen.
Wir starten bei angenehmem Wasserstand um kurz nach zehn. Nach der einstündigen Pause fahren wir von Jappsand aus erst einmal stumpf nach Westen und steuern die Tonne St22 an, die praktisch an der Gabelung der beiden Prielsysteme Schmaltief und Rütergatt steht. Recht bald merken wir, dass wir erklecklich gegen Strom und Wind nach Norden vorhalten müssten, um dieses Zwischenziel zu erreichen. Das macht nicht wirklich Sinn, wenn wir im Grunde nach Süden wollen. Also lassen wir diese Tonne, wo sie ist und steuern die nächst südlichere an. Auf dem GPS-Track sieht man sehr schön, wie wir in den Pausen, in denen wir innehalten und unsere Navigation abstimmen, mit ca. 3km/h genau nach Süden versetzt werden.
Der Wind weht heute anfangs mit drei Beaufort aus Nordwest, später mit vier aus West. Dafür ist die See erstaunlich glatt. Wir sind durchgehend mit sechs bis sieben Stundenkilometern unterwegs, was für ein Tidengewässer eher gemächlich ist, was aber perfekt zu unserem Plan passt, unser Ziel nicht vor Strömungskipp zu erreichen. Als wir nur noch wenigen hundert Meter vom Wrack entfernt sind, taucht ein Kajak auf, das uns entgegen fährt! Es ist Simone, die von Sylt aus alleine hierher gefahren ist. Respekt!
Da die Verhältnisse heute so lieblich sind, erkunden wir die Überreste des Holzfrachters sehr gründlich von allen Seiten. Es ist ein ziemlich magischer Ort: eigentlich ist hier nichts, nur ein trostloser Rosthaufen in the middle of nowhere. Aber es bedarf eben schon einiger Navigation, ihn zu finden und der festen Entscheidung, auch wirklich soweit raus zu fahren. Und wenn man diesen Punkt dann gefunden und erreicht hat, ist man auch ein bisschen Stolz, denn hier kommen nur ganz wenige Menschen hin — definitiv weniger als auf den Gipfel des Mount Everest!
Simone ist recht bald nach unserer Begegnung abgefahren — genau nach Osten. Sie war bereits nach wenig mehr als fünf Minuten nicht mehr zu sehen. Wir schlagen den gleichen Weg ein, folgen dann aber ab Tonne 8 dem Verlauf des Rütergatts nach Nordosten. Es herrscht sehr gute Sicht. Amrum ist die gesamte Zeit über zu sehen, Föhr auch irgendwann, dann die Außensände und schließlich Hooge. Was verschwunden zu sein scheint, ist Langeness! Keine Spur davon zu sehen, obwohl Hooge und Föhr eindeutig zu erkennen sind! Erst als wir schon recht nah an Jappsand sind, erkennt man Langeness und die Welt ist wieder im Lot! Die Hallig ist einfach zu flach und unsere Augenhöhe zu niedrig ist, um früher etwas davon zu sehen zu bekommen.
Nach unserer Ankunft auf der Zeltwiese kommen bald noch drei Paddler aus Husum dazu. Sie sind früher mal hier gepaddelt und haben beschlossen, in ihrem Ruhestand ihr altes Hobby wiederzubeleben. Sie haben aber noch nicht alle Veränderungen mitbekommen, die sich in diesem Gebiet in den letzten 30 Jahren ergeben haben. Es ist heute einfach um so vieles sensibler und restriktiver geworden, dass man sich sehr viel umsichtiger verhalten muss als früher.Wer nicht da ist, ist Simone! Wir rätseln, wo sie statt nach Hooge hingefahren sein könnte, aber uns fällt nichts plausibles ein. Erst als wir schon längst das Abendessen vorbereiten, kommt sie schließlich angerollert! Sie hat auf Jappsand Pause gemacht und länglich den Trittstein gesucht.
Für den Pfingstmontag teilen wir uns in zwei Gruppen auf: Lena und ich wollen mit der frühen Flut zurück, um nicht allzu spät nach Hause zu kommen. Die anderen ziehen einen gemütlichen Vormittag auf der Hallig vor und wollen mit der zweiten Flut zurück — aber so früh wie es eben geht. Ich bitte Elke, mir den Zeitpunkt und ein Foto zu schicken, damit ich weiß, wie gut man bei dem Tidenstand in Schlüttsiel aus dem Wasser kommt. Ergebnis: Ankunft drei Stunden vor Hochwasser — Ausstieg an der nördlichen Rampe kein Problem!
Auf der Rückfahrt lösen wir wieder ein auftretendes navigatorisches Problem: von Tonne SA24 kommend müssten wir zur Tonne SA26 fahren. Auf der Hintour hatten wir hier irrtümlich die Tonne SA28 aufs Korn genommen, weil die früher zu sehen war. Jetzt sehen wir in der Ferne eine rote Tonne, sind uns aber nicht sicher, ob es die 26 oder die 28 ist. Ein Blick auf die Seekarte zeigt, dass Gröde von uns aus direkt hinter unserer Tonne liegen müsste. Wir sehen Gröde sehr deutlich, aber das liegt nicht hinter der Tonne sondern nördlicher! Ist die gesichtete Tonne also wieder nur die 28? Da wir uns nicht sicher sind, fahren wir einfach in die richtige Richtung! 45 Grad noch Nordosten, wie die Daumenpeilung besagt! Damit sind wir auf der sicheren Seite und fahren eine ziemlich ideale Linie zur Tonne Schl4!Eine Überprüfung zu Hause ergibt, dass Gröde zwar genau hinter der Tonne 26 liegt - aber von unsererm niedrigen Standpunkt aus nicht zu sehen ist! Was wir gesehen haben, ist lediglich die Warft, die halt viel höher liegt als das Land südlich davon!
Übrigens habe ich wohl auf keiner Nordseetour so wenig Robben gesehen wie auf dieser!





