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Samstag, 6. Oktober 2018

Langes Wochenende zur Einheit (2/3)

Zwei Pappnasen aus Pinneberg parken schon vor Sonnenaufgang ihren BMW auf der Zeltwiese vor meiner Holzhütte. Dann machen sie sich lautstark rhabarbernd daran, sich und ihre Ausrüstung fürs Angeln fertig zu machen. Ich habe mein Zelt gestern Abend kurzerhand im Shelter aufgebaut und es ist für sie gut ersichtlich, dass da zehn Meter neben ihnen jemand noch nicht mit Schlafen fertig ist. Ignorantenpack!

Die Nacht war unglaublich warm. Trotzdem ist heute Morgen alles in dichten Nebel gehüllt. Das kommt mir nicht ungewöhnlich vor, denn zu dieser Jahreszeit herrscht morgens gerne mal dicke Suppe, bevor sich der Tag später dann in strahlendem Blau präsentiert. Ich will direkt zum Leuchtturm Kalkgrund und dann um das Schutzgebiet vor der Geltinger Birk herum erst nach Falshöft und dann nach Schleimünde fahren. Der Wind soll heute insgesamt schwach bleiben, aber später aus südlicher Richtung wehen. Da ist es gut, wenn ich nicht so viel Zeit verliere, indem ich irgendwelche Kurven fahre.

Die Entfernung bis Kalkgrund sind knappe neun Kilometer - die Sicht beträgt anfangs etwa neun Dekameter, da sollte  man den Kurs kennen. Zum Glück befinde ich mich ja hier in Dänemark - und nach dem Grenzübertritt immer noch in der Flensburger Förde - da gilt die Seeschifffahrtsstraßenordnung nicht, sondern die Kollisionsverhütungsregeln, nach denen ich durchaus auch bei diesen Sichtverhältnissen mit meinem Boot auf dem Wasser sein darf. Wenn ich dann in "richtig" deutsche Gewässer komme, wird die Sache mit dem blauen Himmel schon greifen. Gewissenhaft wie ich bin, stecke ich mir mein Rundumlicht griffbereit in die Tasche meiner Schwimmweste - nur für den Fall!

Der Kurs zum Leuchtturm beträgt 105 Grad. In Kajak-gemäßer Formulierung heißt das: etwa mittig zwischen 90 und 120 Grad. Natürlich habe ich mein GPS-Gerät dabei und mein Zwischenziel einprogrammiert. Aber wozu habe ich einen Kompass? Und Versatz durch Strömung oder Wind ist hier nicht in nennenswertem Maß zu erwarten. Also los ins Unsichtige.

Nach etwa einem Kilometer halte ich inne, weil ich ein Motorengeräusch höre. Ziemlich leise aber auch ziemlich deutlich. Sehen kann ich erst nix, und dann - ganz kurz und an der Grenze der Sichtbarkeit schneckt sich ein Motorboot vorbei. Vermutlich hat es auch etwas gesehen oder zumindest geahnt, denn es sondert sicherheitshalber ein von der langen Nichtbenutzung heiser gewordenes Schallsignal ab. Dann höre ich wieder nur das Morsezeichen des Leuchtturms: kurz-kurz-lang-kurz, kurz-kurz-kurz. Das sind die Buchstaben F und S und die kommen tatsächlich von Kalkgrund. Wenn ich das schon aus neun Kilometern so deutlich höre, graut mir etwas davor, später direkt unter diesem dröhnenden Tongeber durchzufahren.

Nebel from Mathias Weber on Vimeo.

Schiffsverkehr findet nicht statt - zumindest ist keiner wahrzunehmen. Möglicherweise gibt auch einfach niemand die vorgeschriebenen Schallsignale, weil jeder glaubt, er sei hier eh alleine unterwegs, während eigentlich das Wasser voller Schiffe ist. Es gibt aber keinen Grund für diese Annahme, denn der Wind ist mittlerweile so schwach, dass man jede Bugwelle sehen und jedes Motorgeräusch hören müsste. Das einzige, wovon es wimmelt, sind Insekten. Die fliegen überall herum und sitzen auf der Wasseroberfläche. Ich frage mich,was die hier wollen, nehme sie aber als willkommene Peilmarken, um nicht ständig den Kompass fixieren zu müssen, sondern den Blick mal etwas weiter schweifen lassen zu können, auf eine ferne Fliege, die auf dem Wasser sitzt. Ärgerlich nur, wenn so ein Insekt auffliegt, bevor ich es erreicht habe! Irgendwann verstummt das "FS" ohne für mich ersichtlichen Grund.

Der Leuchtturm ist zu sehen!
Nach genau einer Stunde meine ich, den Leuchtturm erkennen zu können. Er liegt etwas außerhalb meiner Fahrtrichtung, aber durchaus im erwarteten Rahmen. Er ist übrigens wirklich nicht deutlicher zu sehen, als auf dem Foto! Obwohl es einen Umweg für mich bedeutet, ändere ich meinen Kurs und fahre direkt auf ihn zu.

Wenn man sich meine GPS-Spur im Nachhinein ansieht, habe ich einen durchschnittlichen Kurs von etwa 110 Grad gehalten. Das ist nicht schlecht für eine Sollkurs von 105 Grad. Den Leuchtturm erkannt habe ich aus einer Entfernung von ca 1.800 Metern. Wenn ich in meiner Kompass-Richtung weiter gefahren wäre, hätte ich mein Ziel um ca. 900 Metern verfehlt - das ist akzeptabel für eine Entfernung von neun Kilometern, wobei ich mir nicht einmal Mühe gegeben habe! Dass die Sicht jetzt übrigens knappe zwei Kilometer beträgt, könnte tatsächlich der Grund dafür sein, dass der Leuchtturm sein Tröten eingestellt hat - schließlich beginnt Nebel erst bei einer Sichtweite von unter tausend Metern!

Alles Männchen!
Wie als hat das Wetter nur meine Navigationskünste testen wollen, wird die Sicht deutlich besser, als ich den Leuchtturm passiere. Recht bald ist schon die Küste der Geltinger Birk zu sehen und ich kann nach Sicht navigieren. Der Leuchtturm Falshöft markiert etwa die Mitte meines heutigen Tagespensums, und dort mache ich erst einmal Pause. Die Strecke von hier bis nach Schleimünde ist eher meditativ und ereignislos. Allerdings sind beeindruckend viele Wasservögel unterwegs, die sich durch ihre übertrieben große Fluchtdistanz eindeutig als Wintergäste bzw. Durchreisende zu erkennen geben. Es sind Schwärme von Ringel-, Kanada- und Graugänsen, vor allem aber riesige Herden von Eiderenten. Komischerweise sind es bei letzteren alles nur Männchen - bis auf je ein unidentifizierbares Exemplar pro Schwarm, das im wesentlichen schwarz ist. Vielleicht ein Jungtier, ein Fremdenlegionär einer anderen Art oder eben doch einfach ein Weibchen, das die Aufsicht über den Schwarm führt.

Das Pappelwäldchen von Schleimünde
Leider dreht der Wind, wie es die Vorhersage vorhergesehen hat, immer weiter nach Süden, so dass er mir schließlich ziemlich entgegen weht. Das macht sich deutlich in meiner Geschwindigkeit bemerkbar, die um einen guten Stundenkilometer auf etwa 6,5 zurückgeht. Vielleicht spielt aber auch die Tatsache mit hinein, dass ich seit vier Stunden auf dem Wasser bin.

Als ich mich meinem Etappenziel nähere, lässt die Sicht schon wieder deutlich nach. Die Sache mit dem blauen Himmel hat nicht stattgefunden. Wenn das morgen auch nur annähernd ähnlich aussieht, kann ich mich nicht mehr mit dänischen Gewässern und Sonderregelung für die Flensburger Förde rausreden - dann muss ich mir etwas überlegen.

Zwischen den Molen, die die Einfahrt in die Schlei flankieren, drängelt sich das Wasser hektisch in den engen Ostseefjord. Hier schnellt meine Geschwindigkeit kurzzeitig bis auf fast zehn Stundenkilometer hoch! Wie nicht anders erwartet, bin ich der einzige Kajaker, der heute hier vor Anker geht. Aber was an Segelschiffen im Hafen liegt, ist mehr als überraschend - und es kommen ständig mehr Boote herein. Ich hätte gedacht, dass für die meisten Segler die Saison so gut wie beendet ist.

Auf der Lotseninsel ist nicht viel los - die Giftbude hat zu und der Hafenmeister ist nicht da. Ich schmeiße einen losen Zehn-Euro-Schein in seinen Briefkasten und wasche erst mal meine tomatenversifte Hose mit heißem Wasser gründlich aus. Dann mache ich diverse Spaziergänge über das in alle Richtungen sehr eingeschränkte Areal, um meinen hartgesessenen Hintern wieder etwas aufzulockern. Während ich so meinen Verrichtungen nachgehe und mir schließlich mein Hühnerfrikassee bereite, werden zwei große Gruppen Tagestouristen von einer beflissenen jungen Dame mit allerlei lokalen Insiderinformationen gefüttert: Dass die Öhe früher wirklich eine Insel war und eben deshalb auch zu Recht Lotseninsel heißt, dass der hier wohnende Seeadler zwar Kormorane fängt, sie aber nicht frisst, sondern nur aufschlitzt, um an den enthaltenen Fisch zu kommen, warum das Pappelwäldchen denkmalgeschützt ist und dass der Hafenmeister von Maasholm Werder-Bremen-Fan ist und deswegen der Leuchtturm vor kurzem als Geburtstagsgeschenk grün-weiß gestrichen worden ist.

Im Moment herrscht fast Flaute, die Wettervorhersage sieht für heute Nacht stürmischen Wind vor, der aber morgen früh schon wieder stark abflauen soll. Er soll aus stramm nördlicher Richtung kommen, und so nehme ich mir vor, möglichst früh aufzustehen, um ihn optimal ausnutzen zu können. Damit das klappt, gehe ich früh ins Bett - die Lotseninsel habe ich eh schon zig-mal abgeschritten!

Sonntag, 18. Mai 2014

Leuchtturm im Nebel

Meine Testtour zum roten Leuchtturm stand noch immer aus und heute sollte optimales Wetter dafür herrschen: Trocken, sonnig und kaum Wind aus nördlicher Richtung. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Als ich gegen halb zehn Uhr morgens mein Boot ans Wasser rollere, ist die Sicht leicht diesig - wie so häufig früh morgens, wenn ein sonniger Tag bevorsteht. Ich habe alle unbedeckten Hautpartien dick mit Sonnenschutz gesättigt, damit Marie-Theres keinen Grund zum Tadel hat. Die MSC Orchestra läuft in die Förde ein und tut mir den Gefallen, genau vor unserem Steg ihr Wendemanöver zu vollführen. Eine einmalige Gelegenheit, einem so großen Schiff genau Aug in Aug gegenüber zu stehen und es dabei zu fotographieren. Der Kapitän war wohl etwas ittitiert, dass ich so dicht vor seinem Bug auftauchte, und ich muss mir daraufhin eine Ermahnung der Wasserschutzpolizei anhören. Ich hätte im Leben nicht damit geerechnet, dass der Kreuzfahrer überhaupt Notiz von mir nimmt.

Ich bin recht warm angezogen mit Flies und Paddeljacke, denn momentan ist es noch recht frisch. Aber ich bin überzeugt, dass ich im Laufe der Tour das eine oder andere Kleidungsstück werde ablegen müssen. Die Sicht auf der Förde ist ziemlich zweigeteilt, die linke Seite liegt in strahlendem Sonnenschein und unter blauem Himmel, die rechte dagegen eingehüllt in dichten Dunst. Aber die Sonne ist bereits dabei, die Schwaden aufzulösen. Als ich Mönkeberg passiere, ist kaum noch Nebel zu sehen. Dafür herrscht eine emsige Betriebsamkeit auf dem Wasser: Aus den Kanalschleusen quellen unentwegt und in dichter Folge dicke Frachter. Das muss noch lichter werden, wenn ich eine Chance haben will, die Fahrwasserseite zu wechseln. Ich wundere mich etwas, dass ich den Friedrichsorter Leuchtturm noch nicht sehen kann, aber bis dahin ist es ja noch ein Weilchen. Als ich aber sehe, dass etwas auf Höhe von Möltenort die Frachter einer nach dem anderen von jetzt auf gleich vom Nebel verschluckt werden, dämmert mir, dass ich unmöglich dort an der eigentlich günstigsten weil engsten Stelle das Fahrwasser wechseln kann. Ich entschließe mich also, bereits kurz hinter der Tonne 14 die Seite zu wechseln, solange ich mich noch einigermaßen im sichtigen Bereich aufhalte.

Bald wird der Nebel dicker und ich muss mein GPS vom Vordeck auf die Spritzdecke holen, damit
ich sehen kann, wo die Tonnen des Sperrgebietes vor MAK liegen. Allerdings herrscht um mich herum ein derartiges Gehupe aller möglichen Pötte und der Fördedampfer fährt auch genau hier entlang, so dass ich am Ende doch diagonal durch das Sperrgebiet fahre. Hinter dem Leuchtturm nutze ich die weißen Bälle, die das Badegebiet von Falkenstein nach außen begrenzen, als Leitlinie. Ich muss ja noch am Anleger vorbei, und hier herrscht mittlerweile eine so dichte Suppe, dass die Dampfer es auch bei einem Vollbremsversuch schwerlich schaffen würden, mir auszuweichen. Und genau als ich am Steg ankomme, verlässt auch ein Fördedampfer den Anleger, um einem weiteren, der anlegen will, Platz zu machen. Ich fahre einfach unter dem Steg hindurch und gehe so allen Kollisionsangeboten aus dem Weg.

Ich kann auf keinen Fall in gerader Linie über die Strander Bucht fahren, denn auch hier fahren die Linienschiffe heraus und hinein. Also hangele ich mich weiter an den Bällen entlang, und als die aufhören nutze ich das Ufer selbst als Geländer. Meine Entfernung zum Strand beträgt weniger als fünfzig Meter, aber ich kann die Spaziergängerin dort kaum erkennen. Da ich schon deutlich über eine Stunde unterwegs bin, lege ich meine erste Pause sein, in der ich die dicke Stulle verdrücke, die ich mir unter die Schwimmweste gesteckt habe.

Mittlerweile hege ich arge Zweifel, ob mein Unternehmen, zum Leuchtturm zu fahren, heute überhaupt durchzuführen ist. Als ich nach der Pause nur wenige Meter gepaddeln bin, reißt die Sicht urplötzlich auf, so dass man Schilksee und Strande ohne Probleme sehen kann. Na also - es geht doch! Mit dem Aufreißen der Sicht setzt auch ein deutlicher Wind ein. Er kommt genau aus Norden und nach meiner Überzeugung hat der Nebel damit noch weniger Chancen, sich zu halten. Leider klemmt aber über der Bülker Landspitze penetrant eine Nebelbank, die weder durch Sonne noch durch Wind beeindruckt von ihrer Existenz lässt.

Aber die Aussichten sind gut und wenn der rote Leuchtturm auch noch nicht zu sehen ist, die Sicht beträgt meiner Einschätzung nach mehr als ein Kilometer, unterhalb dessen man überhaupt erst von Nebel spricht. Zum einen kenne ich den Kurs und zum anderen bin ich mit GPS-Gerät bewaffnet, in das ich die erste Kabeltonne als nächsten Wegpunkt einprogrammiere. Der Kurs ist 30 Grad und leicht zu halten, und als ich die Tonne erstmals sehe, sagt mir mein elektronischer Helfer, dass sie noch neunhundert Meter entfernt ist. Okay, mit gutem Willen ist das ein Kilometer Sicht und damit kein Nebel: Auf zu nächsten Kabeltonne! Der Kurs ist jetzt leicht östlicher und nicht mehr ganz so einfach auf dem Kompass abzulesen. Eigentlich empfinde ich die Sicht als ganz passabel, aber bei neunhundert Metern Entfernung ist immer noch keine Tonne zu sehen und bei sechs hundert Metern auch nicht. Bei dreihundert Metern ist nullkommanichts zu sehen und bei zweihundert Metern dasselbe milchig-weiße Nichts. Ich komme langsam ins Grübeln, als bei 180 Metern vor mir schüchtern eine gelbliche Tonne schemenhaft durch den dichten Nebel lugt. Meine Entscheidung steht fest: hier werde ich umdrehen!

Zwar wäre es absolut kein Problem, den Leuchtturm zu finden, aber wenn die Losten mich entdecken, würden sie die Wasserschutzpolizei rufen und ich hätte jede Menge Stress. Das muss nicht sein. Während der Rücktour wechselt die Sicht immer wieder zwischen schlecht und nicht vorhanden hin und her, so dass ich manchmal Schiffe sehe, die mehrere hundert Meter entfernt vorbei fahren, nur um sich dann gleich wieder im milchigen Weiß aufzulösen. Irgendwo im Off tuckert der Rettungskreuzer der DGzRS an mir vorbei. Bei Bülk angekommen muss ich erkennen, dass die Sache mit dem Auflösten des Nebels nicht eingetreten ist: Der Leuchtturm ist erst aus weniger als zweihundert Metern zu erkennen. Witzigerweise ist aber die Strander Bucht wie schon auf der Herfahrt so gut wie nebelfrei. Nur das andere Ufer ist nicht zu sehen. In Laboe ragt nur die Spitze des Marineehrenmals aus dem dichten Nebel.

Der Nordwind weht beständig uns schiebt mich geduldig nach Hause. Ich paddele nachhaltig, ohne besonders auf die Geschwindigkeit zu achten, aber mit ständigem Druck. Durch meine vorzeitige Wende habe ich nur 41 Kilometer auf der Uhr, als ich am heimischen Steg anschlage.Aber mein Vorhaben bestand nicht eigentlich darin, zum roten Leuchtturm zu fahren, sondern eine lange Zeit im Boot zu sitzen und eine weite Strecke in nachhaltiger Weise zu paddeln. Wenn ich mir die Trackaufzeichnung des GPS ansehe, ist mir das voll gelungen: Ich war knappe fünf einhalb Stunden unterwegs, habe nur eine richtige, nicht einmal zehnminütige Pause gebraucht, und mein Tempo hat über die gesamte Zeit nicht nachgelassen. Dass es auf der Rücktour sogar über dem der Hintour lag, schreibe ich dem leichten Nordwind zu. Ach ja: ich habe kein einziges Kleidungsstück abgelegt! Die meiste Zeit habe ich mich halt doch im Nebel aufgehalten und auch in der Sonne war es dann doch noch nicht so warm wie erwartet. Besonders bemerkenswert ist noch der Umstand, dass ich nach der Tour nicht malad darnieder lag, sondern durchaus noch für das folgende familiäre Grillen, Brotbacken und Chillen zu gebrauchen war.

Samstag, 5. Oktober 2013

Südsee bei Gegenwind: Samstag (2/4)

Alle wissen: mein Boot ist immer das schwerste der Truppe. Was aber nicht alle wissen, ist, dass ich immer Unmengen von Dingen für den Fall der Fälle mitführe. Häufig bin ich sowieso als Fähnleinführer unterwegs und da wird wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass ich Seenotmittel mitführe, ein Ersatzpaddel, Navigationsmittel, eine Schleppleine, aber auch ein Tarp für die Gemeinschaft, Ducktape fürs Boot, Pflaster für die Paddler, Ersatzbatterien, ein Radio für den Wetterbericht, einen Poncho als Schutz gegen Wind und Regen in Pausen an ausgesetzten Orten, von GPS-Gerät, Fotoapparat oder Filmkamera ganz zu schweigen.

Zwar versuche ich vor jeder Tour zu hinterfragen, ob ich die Ahle, die Handsäge, oder das Fernglas wirklich mitnehmen muss, nachdem ich die meisten Dinge immer treu quer durch die halbe Welt paddele,  aber sie nur sehr selten auch wirklich brauche. Auf dieser Tour aber hatte meine mehr als komplette Ausrüstung ihren großen Auftritt! Es fing schon im Hafen von Mommark an, als Olav feststellen musste, dass er sein Klopapier vergessen hatte. Kein Problem - ich habe immer drei (angefangene) Rollen dabei! Und sein Spiritus ist leider auch zu Hause geblieben. Kein Problem - ich komme immer mit gut der Hälfte meines Vorrats wieder zurück. Dadurch, dass ich auf der Überfahrt am ersten Tag die Kamera die gesamte Zeit über angeschaltet gelassen hatte, war sie natürlich am nächsten Morgen noch erschöpfter als wir. Kein Problem - ich führe ja immer meinen Power-Monkey mit, eine Art Über-Akku mit sage und schreibe 9000 Milliamperestunden Kapazität. Der kommt auch heute zum Einsatz, weil ich gestern abend meinen GPS-Tracker nicht ausgeschaltet habe und er fröhlich die ganze Nacht hindurch mitgeloggt hat, dass wir uns nicht bewegt haben! Und am ersten Abend habe ich die Gummidichtung des Brenners von meinem Trangia-Kocher gegrillt. Olav hatte sich schon gewundert, was es bei mir zum Abendbrot gibt, was so stinken kann. Kein Problem - ich fahre seit Jahren auch eine Ersatzdichtung spazieren. Irgendwann muss ich auch meine Stirnlampe eingeschaltet in meinen Bauchgurt getan haben, oder sie ist durch das Quetschen und Drücken beim Packen eingeschaltet worden. Jedenfalls hat sie viele Stunden das Innere meines Bauchgurtes beleuchtet - leider ohne, dass es jemand würdigen konnte. Als ich sie gestern Abend eingeschaltet habe, hielt ich extra meine Hand vor ihren Lichtaustritt, damit Trenk nicht blind wird, weil sie normalerweise krass grell leuchtet. Aber Trenk konnte nur mit Mühe erkennen, dass sie überhaupt eingeschaltet ist. Kein Problem - ich habe ja immer jede Menge Ersatzbatterien in allen Größen dabei! Und natürlich vergesse auch ich ab und zu den einen oder anderen Ausrüstungsgegenstand zu Hause. Kein Problem - dafür habe ich immer ein paar Kumpels dabei, die ich dann anschnorren kann!

Kein Wunder also, dass mein Boot immer das schwerste aus der Truppe ist! Und schließlich habe ich ja gestern bei Skjoldnäs auch noch den gelben Golfball gefunden...

Morgens war es noch recht klar, es hat sich dann aber rasch zugezogen, Es ist diesig und die Sicht nicht besonders gut, knapp fünf Kilometern vielleicht. Nach dem Frühstück stimmen wir uns per Handy mit Olav ab, dass wir tatsächlich Lyö als Treffpunkt wählen. Olav hat Zeit gehabt, die reichhaltige Funktionsvielfalt seines neuen Handys zu studieren und hat einen Wetterbericht eingeholt. Wind morgens drei bis vier, ab Mittag dann weniger. Die Richtung war entweder nicht dabei oder er hat sie vergessen. Von Sichtigkeit war auch keine Rede. "So gegen Mittag, wenn der Wind weniger wird, fahre ich los. Noch sehe ich Lyö nicht, aber die Sicht wird ja bald besser." Ich will ihn nicht beunruhigen und sage lieber nichts dazu, aber die Annahme, dass die Sicht besser wird, scheint mir rein hypothetischer Natur. Lyö liegt ungefähr acht Kilometer von seinem Standort entfernt aber wirklich verfehlen kann man es eigentlich nicht.

Wir wollen zwischen Drejö und Avernakö hindurch fahren und uns dann an der Nordseite von Avernakö nach Lyö hangeln. Die Spitze der Halbinsel Urehoved sehen wir zwar verschommen aber deutlich. Doch als wir sie passiert haben, verschlechtert sich die Sicht dramatisch. Ich liebe es, wenn rundherum nur Nichts ist und man sich auf seinen Kompass und seine Navigationskunst verlassen muss. Mittlerweile habe ich genug Erfahrung mit derartigen Situationen, dass ich vollkommen entspannt bin. Zudem haben wir hier keinen nennenswerten Strom und der Wind weht lediglich schwach bis mäßig aus westlicher Richtung. Es dauert unerwartet lange, bis wir einen Hauch von Drejö durch den Nebel erkennen können. Das liegt nicht daran, dass wir so langsam fahren, sondern daran, dass die Sicht mittlerweile auf ca. 500 Meter zusammengeschrumpft ist. Auch die lächerlichen drei Kilometer von hier bis Avernakö, ziehen sich ungewöhnlich lange hin, zumal ich sie in der Erinnerung als maximal 300 Meter abgespeichert habe. Es ist trotz aller Erfahrung immer wieder überraschend und ernüchternd, wie aufgeschmissen wir ohne unseren Gesichtssinn sind.

Nach der Pause am nördlichen Südostende von Avernakö geht es endlich wieder gegen den Wind! Es ist zwar nur eine gute drei, aber sie erzeugt in den hier recht flachen Wassern fiese Bremsewellen. Es macht Plitsch-Platsch-Plump - und das Boot steht! Dann kann man alle ehemals enthaltene Geschwindigkeit mühselig wieder hineinfüttern. Ein wenig freudvolles Spielchen!

Trenk ist etwas skeptisch, dass ich zum Übernachten auf die Westseite von Lyö fahren will. Als wir die Ostseite erreichen, bietet sie uns schließlich neben Sandstrand verglichen mit unserer letzten Heimstätte geradezu verlockende Verhältnisse, um unsere Zelte darauf aufzustellen. Und natürlich sind wir hier in Lee der Insel, würden also unbedingt windgeschützt stehen, etwas was man von der anderen Seite nicht ohne weiteres erwarten kann. Und ist nicht die letzte Gelegenheit, bei der er sich von mir "mal eben auf die andere Seite" hat locken lassen, im Chaos geendet? Ich bleibe fest und behaupte: "Auf der anderen Seite ist ein prima Übernachtungsplatz!" Immerhin habe ich das Argument auf meiner Seite, dass es morgen nicht so weit ist, wenn wir jetzt noch etwas paddeln. Natürlich weht es auf der andern Seite wieder und ich hoffe inständig, dass mich meine Erinnerung nicht noch einmal so arg täuscht, wie bei der Entfernung von Drejö nach Avernakö. Doch was wir vorfinden, übertrifft unsere Erwartungen: Direkt am Strand ein aus steingefüllten grünen Plastikkisten angelegter, provisorischer Hafen, etwas zurückgesetzt eine Rasenfläche hinter einer überwucherten Mauer, die allen Wind abhält - und eine prima Wäscheleine! Leider etwas kurz für drei Paddler, die nach einer Tour immer so viel nasse Wäsche wie eine zwölfköpfige Familie trocknen müssen!

Es ist halb vier - aber wo ist Olav? Wenn er Mittags losfahren wollte, muss er schon einen erheblichen Umweg genommen haben, wenn er jetzt noch nicht hier ist. Wir suchen die Wasserfläche in Richtung Ärö ab, aber da ist nichts zu erkennen, obwohl die Sicht mittlerweile wieder vollkommen klar ist. Vielleicht hat er dem Nebel oder der Alleinfahrt nicht getraut und ist nach Söby gepaddelt und von dort mit der Fähre nach Fynshavn gefahren? Wie auch immer, er wird uns eine Nachricht aufs Handy geschickt haben. Da ist auch was von "Neue Nachrichten" auf meinem Display zu erkennen, aber mit meinen altersichtigen Maulwurfsaugen muss ich Trenk bitten, es vorzulesen. "4 neue Nachrichten" - alle von Olav. Okay - wir hätten in der Pause vielleicht mal auf das Handy sehen sollen. In der Summe besagen die Nachrichten, dass er Lyö nicht sehen kann und deswegen solange Kaffee trinkt, bis es auftaucht. Die letzte Nachricht ging um halb drei raus und verkündet seinen Start - es ist also alles im Lot.

Es dauert keine viertel Stunde, da kommt ein einsamer Kajakfahrer angepaddelt - Olav! Es ist uns absolut schleierhaft, dass wir ihn nicht vorher auf der freien Wasserfläche entdeckt haben. Aber es zeigt, wie schlecht man als Kajakfahrer selbst bei guter Sicht erkannt wird.

Nach dem trüben Tag entwickelt sich der Abend sehr lieblich. Die Sonne geht, wie sie das immer tut, hinter Alsen unter und es entwickelt sich wieder ein fantastischer Sternenhimmel. Im Süden wächst der Leitstrahl von Skjoldnäs in aller Ruhe um seinen Leuchtturm herum.

Montag, 20. Mai 2013

Samsö rund: Blind zurück (4/4)

Die Nacht war ausgsprochen ruhig - keine lärmenden Schafe, keine turtelnden Tauben, keine piependen Matze. Aber: am Morgen tröpfelt leise Regen auf unsere Hütten. Ein erster Blick nach draußen bleibt nach wenigen Metern im dichten Nebel stecken. Das wird interessant: auch heute haben wir 15 Kilometer freies Wasser vor uns, aber momentan nur 300 Meter Sicht. Mit GPS würde auch ein Blinder zurück finden - aber das liegt ja daheim in der Teeküche! Was soll's - wofür sind wir gewiefte Navigatoren?

Wir sind heute extra vor dem Aufwachen aufgestanden, um früh in Hov anzukommen, denn wir haben ja noch den gesamten Rückweg nach Kiel vor uns. Außerdem haben wir den meisten Proviant bereits aufgegessen, so dass das Packen mittlerweile recht flott von der Hand geht. Um neun Uhr sitzen wir in unseren Booten und einigen uns auf einen Kurs, den wir vorerst durch die jetzt ca. 500 Meter Sicht steuern wollen.

Wir wollen versuchen, die beiden fast auf dem direkten Kurs liegenden Untiefentonnen zu treffen, damit wir zwischendurch eine Referenz haben, wo wir uns befinden. Es ist einfach unglaublich, wie wenig Sinn man für eine absolute Richtung hat. Wir halten unsere Kompasse fest im Blick und steuern stur den angesagten Kurs, aber wir haben ständig das Gefühl, als würden wir einen recht engen Kreis nach rechts fahren. Ohne Kompass wären wir hier hoffnungslos aufgeschmissen.

Unsere Blicke suchen ständig nach der ersten Tonne, die wir ansteuern wollen. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie viel wir in welche Richtung versetzt werden. Also müssen wir unseren Erwartungswinkel, innerhalb dessen das ersehnte Objekt auftauchen soll, ständig anpassen. Man muss schon Vertrauen behalten und darf sich nicht verunsichern lassen, denn ständig denkt man: "Nun müsste sie aber doch auftauchen!". Irgendwann erscheint eine Struktur, die sich schüchtern vom Nebel abhebt. Das ist unsere Tonne! Natürlich gar nicht dort, wo wir sie vermutet hätten, sondern deutlich weiter östlich. Also haben uns Strom und Wind viel stärker versetzt, als wir erwartet haben.

Wir fahren erst direkt zur Tonne, einigen uns auf einen deutlicheren Vorhaltewinkel und spielen dann das Spielchen "Tonne, komm raus!" von neuem. Nach Plan und Karte müssten wir uns die gesamte Zeit in recht tiefem Wasser aufhalten. Irgendwann wird die Farbe des Wassers aber immer grünlicher, was uns sagen will, dass wir näher an den Svanegrund heran gekommen sind, als für den richtigen Kurs gut gewesen wäre. Also korrigieren wir unsere Vorgabe nochmals und fahren fortan in direktem Weg auf unser noch lange unsichtbares Ziel zu. Gewiefte Navigatoren eben!

Wir müssen noch eine Pause in der Nähe der flachen Insel vor Hov machen, weil wir sonst viel zu früh ankommen würden und unsere Brote noch gar nicht gegessen hätten: Wir sind die gesamte Zeit mit konstant fast acht Stundenkilometern durch den Nebel geglitten! Als ich meine Sachen vom Boot ins Auto trage und auf die vorgesehenen Behälter verteile, entdecke ich in meiner roten Packtasche mein fertig programmiertes und prall geladenes GPS-Gerät!

Sonntag, 20. November 2011

Suppe am Sonntag

Auf der Fahrt mit dem Fahrrad zum Klub halte ich extra noch einmal an, um zu kontrollieren, ob ich meine Stirnlampe auch wirklich mitgenommen habe. Es herrscht schon vor der Haustür so dicker Nebel, dass kein Zweifel bestehen kann, ob das mehr oder weniger als 1000 Meter Sicht ist. 100 Meter wären schon stark geprahlt. Nun - die Lampe habe ich dabei, aber meinen Fotoapparat nicht, was ich schon bei der Fahrt durch den Wald bitter bereue - und auch mein GPS-Gerät nicht. Auf der Hochbrücke kann ich die Wasseroberfläche etwa 50 Meter unter mir nicht erkennen. Ob wir wohl überhaupt auf's Wasser gehen werden?

Im Bootshaus herrscht schon ein geschäftiges Treiben. Obwohl ich dachte, dass ich besonders früh bin, bin ich der letzte, der eintrudelt. Leider habe ich beim Packen meiner Sachen statt einer Garnitur Skiunterwäsche irrtümlich zwei lange Unterhosen erwischt. Kein Problem, wenn man im Pulk ist: Jörg bietet mir großzügig sein zweites Funktionsunterhemd an. "Ist olfaktorisch nicht ganz unproblematisch", sagt er noch - und "Riecht etwas nach Iltis". Ich will ihm nicht prinzipiell widersprechen nur insofern, als dass man den Iltissen als Gesamtheit damit vermutlich bitter unrecht tut. Mag sein, dass es unter ihnen Exemplare gibt, die ähnlich stinken. Wenige. Einzelne. Und die sind bestimmt seeehr einsam.

Hanno und Ralf wollen sich in die Schwentine zurückziehen, weil Ralf länger nicht mehr im Boot gesessen hat, und keine so weiteTour machen möchte. Sabine, Jörg, Peter und ich  wollen es wagen, die Förde nach Norden zu befahren. Selbstredend kann man das gegenüberliegende Ufer nicht sehen, aber wir wissen, dass es da ist und fahren straks rüber. Es herrscht absolute Flaute, die Umgebung ist recht still und man hört überall Geräusche, die von einem Wasserfahrzeug stammen könnten - es aber dann doch nicht tun. Bis fünfzig Meter ist die Sicht klar - darüber ist klar, dass keine Sicht nicht existiert.

Nachdem wir die Förde mit einem Kurs von grob 90 Grad bis zur Tonne "Kiel 6" gequert haben, müssen wir uns entscheiden, in welche Richtung wir fahren. Normalerweise steuern wir hier einfach das seewärtige Ende des Anlegers vor dem Ostuferhafen an. Aber wir sehen von hier aus noch nicht einmal das andere Ufer der Schwentinemündung. Zum Glück wissen wir, dass die Förde in etwa in Richtung 30 Grad nach Norden verläuft. Also einigen wir uns auf diesen Kurs.

Unter dem Anleger kommen uns Andrea, die offensichtlich endgültig dem Paddelvirus zum Opfer gefallen ist, und ein weiterer TSV-Paddler entgegen. Sie haben aufgegeben, weil der Nebel zu dicht war und es überall tutete. Auch Eckehard sehen wir am Strand bei Möltenort. So eine kurze Tour fährt er sonst nie.

Wir halten uns die ganze Zeit relativ dicht am Ufer. Unsere unwillkürliche Abweichung vom selbstgewählten Sollkurs lässt uns immer eher nach Osten, also zu sicheren Seite, abdriften. Auf den größen Wasserflächen, wo wir für lange Zeit kein Ufer und kein nichts sehen, fahren Sabine und Peter, die beide keinen Kompass montiert haben, teilweise bis zu 45 Grad in die falsche Richtung. Und auch mit Kompass ist dauernde Konzentration erforderlich, damit man nicht einfach nur intuitiv der Verlängerung der Verbindung vom Heck zum Bug folgt. Ohne ständigen Blick auf den unbestechlichen Begleiter wäre man felsenfest davon überzeugt, einen schnurgeraden Kurs zu fahren, während man einen Kreis mit erschreckend kleinem Radius zieht.

Die Stimmung ist beklemmend schön. Es gibt nur uns, eine spiegelglatte Wasseroberfläche, die an das Celophan-Meer aus der Augsburger Puppenkiste erinnert, und die milchig weiße Watte, die den Rest der Welt verschluckt. Das Wasser ist fantastisch klar und da kein Kräusel die Oberfläche stört und keine Sonne einen Reflex erzeugt, kann man in ungeahnte Tiefen blicken. Es ist wunderschön still, nur wenige Schiffe tuten ab und zu in der Ferne. Wir schieben unseren 50 Meter im Radius messenden Weltkreis ständig mit uns nach Norden, es ist kein Vorankommen zu erkennen, nichts, was sich nähert. Dieses In-Watte-gepackt-Sein erzeugt ein Gefühl, als käme man gar nicht voran, obwohl wir recht zügig unterwegs sind. Immer wieder hat man die Halluzination, dass man da hinten im Nebel etwas erkennt - aber wenig später muss man einsehen, dass sich das wohl doch nur auf der Netzhaut abgespielt hat.

Und wenn man dann doch mal etwas sieht, hat man das Problem, der aus dem Kontext gerissenen isolierten Erscheinung eine Interpretation zukommen lassen zu müssen. In der Nähe von Korügen sehen wir plötzlich ein paar Dalben im Wasser stehen. Keiner kann sich erinnern, so etwas hier schon mal gesehen zu haben. Vermutlich haben wir sie zwar schon tausendmal gesehen, aber sie nie beachtet und wahrgenommen. Wir beschließen, dass es diese Dinger hier nicht gibt und dass wir auf dem richtigen Kurs sind - auch wenn wir wenig später feststellen müssen, dass wir mitten durchs Sperrgebiet gefahren sind und beinahe die Munitionspier gerammt haben.

Da wir uns ab hier nicht mehr so sicher sind mit der exakten zu steuernden Gradzahl, halten wir uns dichter am Ufer und hangeln uns an der Steinmole des Laboer Hafens entlang. Erst kommt die Einfahrt zum Sportboothafen, dann die des Fischereihafens. Da liegt ein größeres Boot am Kai direkt hinter der Einfahrt. Was steht da drauf? "Falshöft"? Ach, du Schei.... - Was macht denn die Wasserschutzpolizei bei diesem Wetter hier draußen? Wir schwenken unauffällig vor uns hinpfeifend nach Westen ab. Zum Glück ist wohl keiner an Bord, der bei unserem Anblick auf dem Heck das HB-Männchen hätte spielen können.

Wir wollen nicht das Wagnis eingehen, die Glockentonne anzusteuern, denn wenn wir die verfehlen, landen wir zwangsläufig im Fahrwasser. Also fahren wir über das Badeflach vor Laboe. "Aber ein bisschen Fahrwasser wär schon schön!", gibt Peter zu bedenken, nachdem uns der Bernoulli-Effekt im knietiefen Wasser gehörig trietzt. Wir suchen die Kante, wo der Sand in das tiefe Wasser übergeht und hangeln uns daran entlang.

Das geht ganz gut, wenn man davon absieht, dass die Kante etwas unkoordiniert in der Gegend herummäandriert, statt eine geordnete Linie zu formen. Zu unserer Überraschung sichten wir die Glockentonne, die ich eigentlich nicht in so kurzer Entfernung von der Flachwasserkante vermutet hätte. Hier gehen die Deckel der Tagesluken auf und dampfender Tee lässt die Sicht noch weiter eintrüben.

Als ich meine Marzipankartoffeln in die Runde reiche, machen sich weihnachtliche Gefühle breit: "Ein Gedicht fehlt noch!". Sabine macht den Anfang mit:
Sonnenuntergang
von Heinrich Heine
Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück.
Das war schon ganz schön, kann aber schwerlich mit meinem Lieblingsepos mithalten, das meiner Grundhaltung entsprechend mehr weltliche Bedürfnisse ins Zentrum stellt:

Weihnachdsgebägg
von Alfred Vökel
Mir machngs
wej die aldn
Bärchleid
Mir haua
enn Schdolln
nei
Jörg hat Hemmungen mit Gedichten und zitiert

Robert Gernhardt
Ich leide an Versagensangst,
besonders wenn ich dichte
Die Angst, die machte mir bereits
so manchen Reim zuschanden.
Selisch und geistlich gestärkt setzen wir uns gedanklich mit dem Rückweg auseinander. Die Diskussion, ob wir nun grob nach Südosten fahren müssen, wenn wir auf dem Hinweg grob nach Nordosten gehalten haben und die Feststellung, dass Westen auf dem Kompass ja bei 90 Grad liegt, zeigen, dass der Nebel uns zumindest geistig teilweise durchdrungen hat.

Bei der Rückfahrt achten wir darauf, etwas weiter draußen zu fahren, so dass die Wasserschutzpolizei uns nicht sehen kann. Kurz südlich davon erscheinen zwei schemenhafte Gestalten aus dem Nebel, die später die Form von Nopa und Sebastian vom Nachbarklub annehmen. Es ist schon erstaunlich, wieviele Wassersportler bei diesen Bedingungen unterwegs sind. Die beiden fahren mit uns zurück.

Hanno und Ralf waren dichter dran - da weiß man wenigstens, was einem blüht!
Bei Möltenort hören wir in der Ferne den sonoren Typhon der ColorLine-Fähre. Sie wirft, wie es ihr vorgeschrieben ist, alle zwei Minuten ein Schallsignal ab, das uns von mal zu mal mit größerer Wucht trifft. In der Heikendorfer Bucht ist vor uns nur milchiges Weiß zu sehen, während ein tiefes, bedrohliches Brummeln, Rumpeln und Rauschen immer näher auf uns zukommt. Man kann die Richtung, aus der es kommt, nicht genau ausmachen, aber es macht nervös. So nervös, dass ich beim nächsten "TUUUUUUUUUUUUUUUT" fast aus dem Boot falle. Die Fähre passiert uns mit einem gefühlten Abstand von höchstens 10 Metern - aber wir sehen nix! Sabine und Peter fahren nun in erklecklichem Abstand westlich von uns. Sie haben zwar keinen Kompass, aber ein sicheres Gefühl dafür, wo "vorne" ist. Als sich plötzlich die Tonne 14 aus dem milchigem Dunst schält, ist ihre Mitteilung an die beiden, dass sie bereits gefährlich weit im Fahrwasser fahren!

Wir entdecken eine Steganlage am Strand und halten sie für die Badeanstalt Heikendorf.  Es erstaunt uns, dass wir soweit nach Osten abgedriftet sein sollen. Wenn man sich die Seekarte ansieht, erkennt man, dass wir so einen Kurs gar nicht gefahren sein können und dass sich der Steg am Südende der Heikendorfer Bucht befindet. Aber wir haben (natürlich) keine Seekarte dabei. Das zeigt mehr als deutlich, dass man selbst in einem Revier, das man wie seine Westentasche kennt, unter solchen Bedingungen hoffnungslos verloren ist.

Es ist eine ausgesprochen wertvolle Erfahrung, bei so schlechter Sicht zu paddeln und zu sehen, wie schnell und nachhaltig einen die eigene Wahrnehmung im Stich lässt. Leider ist die Kieler Förde nicht das ideale Revier diese Erfahrung zu machen, denn sie bietet allerhand Risiken. Eigentlich müsste man so etwas in einem Gewässer üben, in dem kein Schiffsverkehr herrscht, aber üben sollte man das - und unser Hausrevier ist eben leider nur die Kieler Förde.

Es war eine schöne Fahrt, aber: nächstes Mal bringe ich wieder mein eigenes Unterhemd mit!