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Sonntag, 28. Mai 2023

Entspannen zu Pfingsten

Bei meiner letzten Tour habe ich bedauert, nicht mehr Zeit gehabt zu haben, auf dem Flach am Nordende von Ärö die vielen dort lebenden Vögel zu beobachten. Das muss nachgeholt werden! Das Pfingstwochenende bietet eine geeignete Plattform dafür.

Um ja keinen Stress aufkommen zu lassen, will ich erst Samstag losfahren und bereits am Sonntag wieder zurückkommen. So entgehe ich elegant allen verkehrstechnischen Ballungen der Massen. Außerdem kann ich dann Marie-Theres am Samstag Morgen noch zu Bahnhof bringen, denn sie ist zu einem Mädelswochenende unterwegs. So kann ich quasi en passant mein Boot am Klub aufladen und mich der Entspannung hingeben.

Das erste Problem, dem ich mich stellen muss, ist die Tatsache, dass ich zwar alles Gepäck dabei - aber den Dachgepäckträger vergessen habe😐. So ist ein erster kleiner Umweg über den heimischen Carport fällig, um dieses kleine Missgeschick zu heilen. Als Ausgleich treffe ich am Klub dann jede Menge Vereinskameraden, die das Wochenende ebenfalls zum Paddeln nutzen wollen. Jens und Johanna wollen sogar wie ich von Alsen nach Ärö fahren. Ich gebe ihnen noch einen Tipp, wo sie günstig ihr Auto abstellen können. Das hat den weiteren Vorteil, dass wir uns dann dort treffen und sie mir beim Abladen des Bootes helfen können.

Das zweite Problem besteht darin, dass ich durch die Verzögerung exakt den Moment getroffen habe, zu dem die Stena Line hunderte von klitzekleinen LKW aus ihrem riesengroßen Bauch entlässt, damit sie die Kieler Innenstadt bis zur Autobahn verstopfen. Die Entspannung will noch nicht richtig einsetzen. Aber immerhin kenne ich mich hier aus, so dass ich nicht darauf angewiesen bin, mich ganz hinten in die Schlange einzureihen, sondern sie weitgehend umfahren kann.

Das dritte Problem hängt vermutlich auch mit meiner verspäteten und dann nochmals verzögerten Abfahrt zusammen: Die heutige Welle des Pfingstreiseverkehrs hat sich von Süden her bis vor die Rader Hochbrücke bei Rendsburg gearbeitet. Hätten die nicht alle gestern fahren können? So hole ich Jens und Johanna jedenfalls nicht ein.

Als ich etwa um halb zwölf an dem ausgemachten Parkplatz ankomme, ist von meinem Abladeteam jedenfalls nichts zu sehen. Entweder sind die längst durch, oder sie haben sich doch für eine andere Variante als Startpunkt entschieden. Abladen eines Seekajaks vom Autodach ist solo zum Glück gar nicht so schwer, wie ich es in Erinnerung hatte.

Wind geht eher keiner Und weit ist es zu meinem Ziel auch nicht - mein GPS ruft 11,6km für die reine Querung bis zur Nordspitze von Ärö auf. Das sollte in weniger aus zwei Stunden zu schaffen sein. Tatsächlich ist die Sache nach 1:35h erledigt. Zu meiner eigenen Überraschung bin ich im Schnitt mit 7,8 km/h unterwegs - und das mit vollbeladenem Boot! Das ist natürlich den optimalen Bedingungen geschuldet - Flaute und angenehme Temperaturen. Und vielleicht auch ein bisschen der Tatsache, dass ich weiß, dass ich heute insgesamt nur gut ein Dutzend Kilometer paddeln werde (es waren am Ende 13,4). Da muss man nicht übermäßig auf Nachhaltigkeit achten - ist ja quasi ne Sprintstrecke 😏. 

Am Geschwindigkeitsdiagramm sieht man, dass ich immer eine gute dreiviertel Stunde benötige, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Die Steigerung der Geschwindigkeit lag jedenfalls nicht an immer günstiger werdenden Strömungs- und Windbedingungen.

Ich halte ständig Ausschau, ob Jens und Johanna vielleicht doch irgendwo noch zu erblicken sind. Sie könnten von Mommark aus gefahren sein oder von Fynshav. Aber in beide Richtungen ist bis zum Horizont nichts zu sehen.

Mit dem Flach hinter der Nordspitze von Ärö habe ich wie geplant meinen Zielpunkt für heute erreicht - der Rest des Tages ist der Erholung gewidmet. Ich wähle meinen Platz für die Nacht diesmal direkt unter dem Hang zum Golfplatz. Dort hat man potentiell die bessere Aussicht. Allerdings ziehe ich später doch wieder um - hinter den Rosenbusch, weil es dort deutlich weniger Mücken gibt. Es ist nicht wirklich warm - vielleicht 16 Grad - aber es weht kein wirklicher Wind und die Sonne scheint ungetrübt vom Himmel. Daher widme ich mich etwas der Vitamin-D-Produktion, habe aber immer ein Auge darauf, keinen Sonnenbrand zu bekommen. 

Als ich irgendwann aus dem Gras hochkomme, sehe ich Jens und Johanna in einiger Entfernung vorbeifahren - zu weit, um noch Kontakt aufnehmen zu können. Sie sind tatsächlich nach Fynshav gefahren und dort noch einigen Geschäften nachgegangen, wie Geld tauschen und - das andere habe ich vergessen.

Neben der allgemeinen Abschaltung ist mein Hauptauftrag, die Vögel hier zu beobachten. Dafür habe ich extra mein Fernglas und meine Lumix DMC FZ1000 mitgenommen. Ich mache mehrere Erkundungstouren durch das Gelände. Die meisten Vögel positionieren sich leider nicht so, dass beeindruckende Fotos möglich wären. Einige sind auch schlicht zu schnell, dass ich sie einfangen könnte - wie der Baumfalke, der immer mal wieder über mich hinweg fliegt . Es sind Mehl- und Rauchschwalben hier, was ungewöhnlich ist, denn normalerweise trifft man in einem Revier nur auf eine dieser Arten. Ein Seeadler wird penetrant von zwei Silbermöven attackiert, so dass er genervt das Weite sucht. Am Strand spazieren Austernfischer und Strandregenpfeifer herum. Aber auch Rotschenkel sind mit roten Schenkeln und "Tülüüt" am Spülsaum unterwegs. Lerchen gibt es hier viele und natürlich die allgegenwärtigen Mittelsäger, Kormorane und Eiderenten. Letztere führen gerade ihre Brut auf dem Wasser spazieren. Es gibt jede Menge "damned little brownies", die man nur mit noch viel mehr Zeit bestimmen kann. Einen konnte ich immerhin als Rohrammer einordnen. 

(Foto von Wikipedia)
Ich musste 65 Jahre alt werden, um das erste Mal einen Rothalstaucher zu Gesicht zu bekommen. Dabei sind die Dinger gar nicht mal besonders scheu - und hier sind mindestens zwei Paare von ihnen am Start! Da hätte ich eigentlich schon früher mal drauf stoßen können. Aber wie schön, wenn man in so greisem Alter noch Dinge das erste Mal erlebt!

Fischreiher staksen hier durch die Tümpel und durchs flache Wasser am Ufer. Ein keckernder Schilfrohrsänger, quäckende Rothalstaucher, quakende Frösche und ein kuckuckender Kuckuck machen aus der Stille eine entrückte Idylle.

Auf der Rücktour hat mich wieder ein Schwarm Tordalken überholt - etwa sechs bis sieben Stück. Die habe ich noch nie an Land gesehen (okay - bis auf in Wales, wo sie zu Tausenden an den Felsküsten brüten). 

Zwar habe ich auf dem Rückweg eigentlich Gegenwind, aber der hindert mich nicht nennenswert. Ich erreiche den Parkplatz am anderen Ufer früh nach dem Mittag und kann ganz entspannt die Rückreise nach Kiel antreten - ohne irgendwo in den Stau zu geraten. Ich bin so früh dran, dass ich sogar noch meinem Vater in Schleswig einen kurzen Kaffee-Besuch abstatte.

So ein kurzer Abstecher nur zur Entspannung ist mächtig entspannend! Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich den Vögeln hier auf den Pelz gerückt bin!

Sonntag, 7. Oktober 2018

Langes Wochenende zur Einheit (3/3)

In der Nacht hat es tatsächlich "aufgefrischt". Mein Zelt rüttelt sich und schüttelt sich. Es wirft zwar kein Säckchen hinter sich, aber seine Stoffwände schlagen mir immer wieder ins Gesicht. Es tanzen acht Bi-Ba-Beaufort um mein Zelt herum. Irgendwann wird sogar mein Kocher umgeweht - und den hatte ich unter der Apsis deponiert. Na - mal sehen, wie sich das morgen früh darstellt.

Mein erster Blick am Morgen gilt dem Flaggenmast. Gut - es weht - aber nicht mehr heftig. Eher lieblich. Eigentlich viel zu lieblich. Dabei sollte der Wind am Vormittag erst allmählich zurückgehen. Und vor allem sollte der Wind genau aus Norden kommen - das hier ist Westen! Das war so nicht geplant! Segler nennen so eine Windrichtung "halber Wind" - ich nenne das "halber Spaß". Und wenn das Nachlassen im selben Tempo weitergeht, habe ich in zwei Stunden Flaute - und danach vermutlich sogar Gegenwind. Ich werde mich bemühen, so schnell wie möglich aufs Wasser zu kommen, um noch möglichst viel vom Wind mitzunehmen.

Mein Segel hatte ich schon am Abend vorher sorgfältig aufgeriggt. Wenn man alleine unterwegs ist, gibt es schließlich keine Chance, hinterher etwas zu richten, wenn es nicht optimal verzurrt ist. Ich stelle zwar keinen neuen Rekord auf, aber um 9:10 Uhr aktiviere ich meinen GPS-Tracker, lasse mich in mein Boot gleiten und selbiges ins Wasser. Man braucht eben immer grob zwei Stunden vom ersten Öffnen der Augen, bis man auf dem unseren Sport tragenden Medium schwimmt. Wenn man hektisch ist und schnell macht, schafft man es auch in anderthalb Stunden. Aber drunter ist nicht und ich will einfach nicht hetzen.

Direkt nach Verlassen der Schlei setze ich mein Segel. "Fock!" macht es - und die Sache steht! Ich merke gleich, dass es eine spürbare Unterstützung produziert. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass ich mein Segel benutze und ich bin eigentlich ganz froh, dass es nicht ganz so unwirtlich windet. So kann ich mich erst wieder an das Gefühl gewöhnen und alle Handgriffe in Ruhe durchgehen.

Meinen Kurs lege ich so, dass ich die südwestliche Sperrgebietstonne des Schießgebietes vor Schwansen ansteuere. Danach werde ich direkt Bülk aufs Korn nehmen. Täte ich das von Anfang an, müsste ich ein kleines bisschen durch das Schießgebiet fahren. Das will ich nicht. Als ich an Olpenitz vorbeiblickend eine ferne Küstenlinie erkenne, halte ich sie zuerst für die östliche Begrenzung von Schwansen. Viel Kummer gewohnt von der extrem schlechten Sicht gestern bin ich bass erstaunt, als ich erkennen muss, dass es sich bereits um Steilküste des Dänischen Wohlds handelt. Da kann ja navigatorisch nicht mehr viel schiefgehen!

Je weiter ich mich von der Küste entferne, desto größer werden die aus nördlicher Richtung heranrollenden Wellen. Es sind noch Nachwehen des großen Wehens von heute Nacht. Es macht richtig Spaß, mit meinem Segel durch sie hindurch zu pflügen und sie abzureiten. Immer wieder bekomme ich das vollbeladene Boot ins Surfen. Das Zusammenspiel von Wellen, Windstärke und -richtung ist wunderbar passend für meinen Kurs und meine eingerostete Praxis im Einsatz der Besegelung. Ich werde zunehmend kecker und verliere alle Bedenken, dass ich besonders vorsichtig sein muss. Ich fange an, dies als Testfahrt für eine Solo-Überfahrt von Bülk nach Ärö zu sehen.

Anfangs liefere ich mir lange ein totes Rennen mit einem Segler. Der hat allerdings nur sein Großsegel gesetzt und hühnert länglich an seiner Fock herum. Als er die endlich fertig gesetzt hat, ist er bereits leicht schneller als ich. Als dann der Wind noch etwas zunimmt, habe ich keine Chance mehr gegen ihn.

Die Windvorhersage war tatsächlich nur in Teilen richtig. Die Windspitze in der Nacht war korrekt vorhergesagt. Danach sollte der Wind stetig nachlassen und aus Nord bzw. sogar Nord-Nord-Ost wehen. Die Richtung ist aber eher Nord-Nord-West, und das Nachlassen hat irgendwann nachgelassen. Er ist wieder deutlich frischer geworden und weht mit kleinen sechs Beaufort. Mittlerweile sind um mich herum wieder überall weiße Bäckermützen zu sehen - aber ich fühle mich immer noch bombensicher! Eher mache ich mir Sorgen, dass ein hin und wieder langsam an mir vorüber ziehender Segler sich Sorgen um mich macht. Aber keiner fährt so dicht an mich heran, dass er meinen Gesichtsausdruck erkennen könnte. Könnte einer ihn sehen, würde er erkennen, dass Paddeln für mich durchaus nicht nur Mittel ist, um Ziele zu erreichen, die meiner Seele schmeicheln. Es ist mindestens ebenso sehr Selbstzweck, der auch meiner Seele ein Lächeln ins Gesicht malt.

Nach drei und einer Viertelstunde erreiche ich den Strand am Bülker Leuchtturm. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 8,5 km/h. Ganz ordentlich für ein voll beladenes Boot! Ohne Segelunterstützung ist das schwerlich zu schaffen. Sagte ich schon, dass den ganzen Tag über die Sonne geschienen hat?

Samstag, 6. Oktober 2018

Langes Wochenende zur Einheit (2/3)

Zwei Pappnasen aus Pinneberg parken schon vor Sonnenaufgang ihren BMW auf der Zeltwiese vor meiner Holzhütte. Dann machen sie sich lautstark rhabarbernd daran, sich und ihre Ausrüstung fürs Angeln fertig zu machen. Ich habe mein Zelt gestern Abend kurzerhand im Shelter aufgebaut und es ist für sie gut ersichtlich, dass da zehn Meter neben ihnen jemand noch nicht mit Schlafen fertig ist. Ignorantenpack!

Die Nacht war unglaublich warm. Trotzdem ist heute Morgen alles in dichten Nebel gehüllt. Das kommt mir nicht ungewöhnlich vor, denn zu dieser Jahreszeit herrscht morgens gerne mal dicke Suppe, bevor sich der Tag später dann in strahlendem Blau präsentiert. Ich will direkt zum Leuchtturm Kalkgrund und dann um das Schutzgebiet vor der Geltinger Birk herum erst nach Falshöft und dann nach Schleimünde fahren. Der Wind soll heute insgesamt schwach bleiben, aber später aus südlicher Richtung wehen. Da ist es gut, wenn ich nicht so viel Zeit verliere, indem ich irgendwelche Kurven fahre.

Die Entfernung bis Kalkgrund sind knappe neun Kilometer - die Sicht beträgt anfangs etwa neun Dekameter, da sollte  man den Kurs kennen. Zum Glück befinde ich mich ja hier in Dänemark - und nach dem Grenzübertritt immer noch in der Flensburger Förde - da gilt die Seeschifffahrtsstraßenordnung nicht, sondern die Kollisionsverhütungsregeln, nach denen ich durchaus auch bei diesen Sichtverhältnissen mit meinem Boot auf dem Wasser sein darf. Wenn ich dann in "richtig" deutsche Gewässer komme, wird die Sache mit dem blauen Himmel schon greifen. Gewissenhaft wie ich bin, stecke ich mir mein Rundumlicht griffbereit in die Tasche meiner Schwimmweste - nur für den Fall!

Der Kurs zum Leuchtturm beträgt 105 Grad. In Kajak-gemäßer Formulierung heißt das: etwa mittig zwischen 90 und 120 Grad. Natürlich habe ich mein GPS-Gerät dabei und mein Zwischenziel einprogrammiert. Aber wozu habe ich einen Kompass? Und Versatz durch Strömung oder Wind ist hier nicht in nennenswertem Maß zu erwarten. Also los ins Unsichtige.

Nach etwa einem Kilometer halte ich inne, weil ich ein Motorengeräusch höre. Ziemlich leise aber auch ziemlich deutlich. Sehen kann ich erst nix, und dann - ganz kurz und an der Grenze der Sichtbarkeit schneckt sich ein Motorboot vorbei. Vermutlich hat es auch etwas gesehen oder zumindest geahnt, denn es sondert sicherheitshalber ein von der langen Nichtbenutzung heiser gewordenes Schallsignal ab. Dann höre ich wieder nur das Morsezeichen des Leuchtturms: kurz-kurz-lang-kurz, kurz-kurz-kurz. Das sind die Buchstaben F und S und die kommen tatsächlich von Kalkgrund. Wenn ich das schon aus neun Kilometern so deutlich höre, graut mir etwas davor, später direkt unter diesem dröhnenden Tongeber durchzufahren.

Nebel from Mathias Weber on Vimeo.

Schiffsverkehr findet nicht statt - zumindest ist keiner wahrzunehmen. Möglicherweise gibt auch einfach niemand die vorgeschriebenen Schallsignale, weil jeder glaubt, er sei hier eh alleine unterwegs, während eigentlich das Wasser voller Schiffe ist. Es gibt aber keinen Grund für diese Annahme, denn der Wind ist mittlerweile so schwach, dass man jede Bugwelle sehen und jedes Motorgeräusch hören müsste. Das einzige, wovon es wimmelt, sind Insekten. Die fliegen überall herum und sitzen auf der Wasseroberfläche. Ich frage mich,was die hier wollen, nehme sie aber als willkommene Peilmarken, um nicht ständig den Kompass fixieren zu müssen, sondern den Blick mal etwas weiter schweifen lassen zu können, auf eine ferne Fliege, die auf dem Wasser sitzt. Ärgerlich nur, wenn so ein Insekt auffliegt, bevor ich es erreicht habe! Irgendwann verstummt das "FS" ohne für mich ersichtlichen Grund.

Der Leuchtturm ist zu sehen!
Nach genau einer Stunde meine ich, den Leuchtturm erkennen zu können. Er liegt etwas außerhalb meiner Fahrtrichtung, aber durchaus im erwarteten Rahmen. Er ist übrigens wirklich nicht deutlicher zu sehen, als auf dem Foto! Obwohl es einen Umweg für mich bedeutet, ändere ich meinen Kurs und fahre direkt auf ihn zu.

Wenn man sich meine GPS-Spur im Nachhinein ansieht, habe ich einen durchschnittlichen Kurs von etwa 110 Grad gehalten. Das ist nicht schlecht für eine Sollkurs von 105 Grad. Den Leuchtturm erkannt habe ich aus einer Entfernung von ca 1.800 Metern. Wenn ich in meiner Kompass-Richtung weiter gefahren wäre, hätte ich mein Ziel um ca. 900 Metern verfehlt - das ist akzeptabel für eine Entfernung von neun Kilometern, wobei ich mir nicht einmal Mühe gegeben habe! Dass die Sicht jetzt übrigens knappe zwei Kilometer beträgt, könnte tatsächlich der Grund dafür sein, dass der Leuchtturm sein Tröten eingestellt hat - schließlich beginnt Nebel erst bei einer Sichtweite von unter tausend Metern!

Alles Männchen!
Wie als hat das Wetter nur meine Navigationskünste testen wollen, wird die Sicht deutlich besser, als ich den Leuchtturm passiere. Recht bald ist schon die Küste der Geltinger Birk zu sehen und ich kann nach Sicht navigieren. Der Leuchtturm Falshöft markiert etwa die Mitte meines heutigen Tagespensums, und dort mache ich erst einmal Pause. Die Strecke von hier bis nach Schleimünde ist eher meditativ und ereignislos. Allerdings sind beeindruckend viele Wasservögel unterwegs, die sich durch ihre übertrieben große Fluchtdistanz eindeutig als Wintergäste bzw. Durchreisende zu erkennen geben. Es sind Schwärme von Ringel-, Kanada- und Graugänsen, vor allem aber riesige Herden von Eiderenten. Komischerweise sind es bei letzteren alles nur Männchen - bis auf je ein unidentifizierbares Exemplar pro Schwarm, das im wesentlichen schwarz ist. Vielleicht ein Jungtier, ein Fremdenlegionär einer anderen Art oder eben doch einfach ein Weibchen, das die Aufsicht über den Schwarm führt.

Das Pappelwäldchen von Schleimünde
Leider dreht der Wind, wie es die Vorhersage vorhergesehen hat, immer weiter nach Süden, so dass er mir schließlich ziemlich entgegen weht. Das macht sich deutlich in meiner Geschwindigkeit bemerkbar, die um einen guten Stundenkilometer auf etwa 6,5 zurückgeht. Vielleicht spielt aber auch die Tatsache mit hinein, dass ich seit vier Stunden auf dem Wasser bin.

Als ich mich meinem Etappenziel nähere, lässt die Sicht schon wieder deutlich nach. Die Sache mit dem blauen Himmel hat nicht stattgefunden. Wenn das morgen auch nur annähernd ähnlich aussieht, kann ich mich nicht mehr mit dänischen Gewässern und Sonderregelung für die Flensburger Förde rausreden - dann muss ich mir etwas überlegen.

Zwischen den Molen, die die Einfahrt in die Schlei flankieren, drängelt sich das Wasser hektisch in den engen Ostseefjord. Hier schnellt meine Geschwindigkeit kurzzeitig bis auf fast zehn Stundenkilometer hoch! Wie nicht anders erwartet, bin ich der einzige Kajaker, der heute hier vor Anker geht. Aber was an Segelschiffen im Hafen liegt, ist mehr als überraschend - und es kommen ständig mehr Boote herein. Ich hätte gedacht, dass für die meisten Segler die Saison so gut wie beendet ist.

Auf der Lotseninsel ist nicht viel los - die Giftbude hat zu und der Hafenmeister ist nicht da. Ich schmeiße einen losen Zehn-Euro-Schein in seinen Briefkasten und wasche erst mal meine tomatenversifte Hose mit heißem Wasser gründlich aus. Dann mache ich diverse Spaziergänge über das in alle Richtungen sehr eingeschränkte Areal, um meinen hartgesessenen Hintern wieder etwas aufzulockern. Während ich so meinen Verrichtungen nachgehe und mir schließlich mein Hühnerfrikassee bereite, werden zwei große Gruppen Tagestouristen von einer beflissenen jungen Dame mit allerlei lokalen Insiderinformationen gefüttert: Dass die Öhe früher wirklich eine Insel war und eben deshalb auch zu Recht Lotseninsel heißt, dass der hier wohnende Seeadler zwar Kormorane fängt, sie aber nicht frisst, sondern nur aufschlitzt, um an den enthaltenen Fisch zu kommen, warum das Pappelwäldchen denkmalgeschützt ist und dass der Hafenmeister von Maasholm Werder-Bremen-Fan ist und deswegen der Leuchtturm vor kurzem als Geburtstagsgeschenk grün-weiß gestrichen worden ist.

Im Moment herrscht fast Flaute, die Wettervorhersage sieht für heute Nacht stürmischen Wind vor, der aber morgen früh schon wieder stark abflauen soll. Er soll aus stramm nördlicher Richtung kommen, und so nehme ich mir vor, möglichst früh aufzustehen, um ihn optimal ausnutzen zu können. Damit das klappt, gehe ich früh ins Bett - die Lotseninsel habe ich eh schon zig-mal abgeschritten!

Freitag, 5. Oktober 2018

Langes Wochenende zur Einheit (1/3)

Lange schon habe ich mir den Donnerstag nach dem Mittwoch der Einheit freigenommen. Da ich freitags nun immer Frei-Tag habe, würde da eine super-lange Reihe von freien Tage zusammenkommen, die paddeltechnisch genutzt werden will. Eine Kreuzfahrt durch die Dänische Südsee unter herbstlich milder Sonne habe ich mir vorgestellt, mit irgendwie kooperativen Winden oder zumindest ohne widrige.

Schlimmer hätte die Aussicht dann gar nicht sein können, als der Termin in den Vorhersagebereich rückte: durchgängig Winde jenseits von sechs, teilweise bis acht Beaufort aus West. Für den gesamten Zeitraum! Als Zugabe viel Regen und wenig Temperaturen. So sehr ich auch überlegte und Alternativen erwog - ich sah mich schon zu Hause sitzen und weiter dem niesligen November beim Einzug in mein Gemüt zuzusehen.

Erst am Dienstag war klar, dass der gesamte Wind sich auf den Mittwoch und der Regen auf den Donnerstag konzentrieren würden. Freitag wenig Wind, Samstag so gut wie gar keiner - und vor allem am Sonntag kräftiger Nordwind! Gerettet!

Marie-Theres fährt mich am Nachmittag nach Habernis am Westende der Geltinger Bucht. Das Boot ist schnell gepackt - ich habe allerhand Überflüssiges zu Hause gelassen, was ich sonst nur mitnehme, wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin. Entsprechend viel Platz ist in meinem Boot noch. Trotzdem ächzt Marie-Theres, als sie es das kleine Stück bis zum Wasser tragen muss.

Ich will den Shelter, von dem Trenk mir erzählt hat, ausprobieren und halte daher einen deutlich westlicheren Kurs als sonst. Es soll eine Metalltreppe vom Strand zu ihm hinauf führen, das ist mein Anhaltspunkt. Es scheint die erhoffte milde Herbstsonne und die Temperaturen liegen bei unglaublichen 19 Grad!

Der Shelterplatz ist schnell gefunden, aber er ist längst nicht so entlegen wie der Übernachtungsplatz ein Stück weiter im Wald. Als ich die Holzhütte in näheren Augenschein nehme, beschließe ich aber doch hierzubleiben und sie zu nutzen. Die Hütte hat keinen Blick aufs Wasser, dafür wird sie aber bis zum letzten Moment von der Abendsonne beschienen. Fürs Abendessen wähle ich den Holztisch direkt am Wasser, das ist romantischer. Die Nudeln zu kochen, ist keine große Tat - allerdings kippt mir die Tüte mit der Tomatensauce so unglücklich um, dass etliches davon unter dem Tisch landet. Dass ich große Teile davon auch auf meiner Hose verteilt habe, merke ich leider nicht gleich, so dass der Brei schön einmassiert wird und ich aussehe wie ein inkontinenter Penner.

Ich bin nur knapp sechs Kilometer gepaddelt - und doch Lichtjahre entflohen - und vor allem und ganz unzweifelhaft: angekommen! Die Luft ist unglaublich lau, am Horizont sendet der Leuchtturm von Kalkgrund stolz und stoisch sein Licht in die Runde. Das seines Kollegen von Kegnes sieht dagegen fast etwas eingeschüchtert aus. Im dunkler werdenden Rund blinkt noch dies und das und alles in beruhigender Langsamkeit. Nur ein Seezeichen in der Nähe meines Startortes blinkt ganz hektisch. Es hat eine Frequenz von etwa zwei Hertz, was im Spektrum der Nautik etwa dem entspricht, was in der Optik unter extrem harter Röntgenstrahlung geführt wird. Die Lichter des Campingplatzes bei Habernis liegen so dicht über dem Horizont, dass sie flimmern wie eine animierte Weihnachtsbeleuchtung. Insgesamt ist die Szenerie aber sehr sparsam illuminiert. Und alles fein ordentlich sortiert: was ortsfest ist, hat blinkende Lichter, was sich bewegt, führt feste Lichter. Nur ein ortsfestes, konstant grünes Licht, etwa auf halber Strecke zwischen Kalkgrund und dem Mars, bringt Unordnung in diese Harmonie. Erst, als nach einiger Zeit glucksende Geräusche aus weiter Ferne herangetragen werden, die man als bemühte Startversuche eines Dieselmotors interpretieren könnte und sich wenig später der Campingplatz auf das ortsfeste grüne Licht zubewegt, ist die Ordnung wieder hergestellt.

Still ruht die See - es sind kaum Geräusche zu hören. Das Rauschen der Restwellchen ist fast das einzige, was die Ohren davor bewahrt, ihr eigenes Rauschen wahrzunehmen. Hin und wieder fliegt ein Schwarm Gänse über mich hinweg. Wie zum Teufel landen die jemals wieder? Die können doch nicht bis zur Morgendämmerung in der Luft bleiben! Und wenn sie jetzt zur Landung ansetzen, würden sie doch mit jeder Kuh kollidieren, die im Wege steht. Oder wie sehen die nachts? Ich jedenfalls würde nicht mal mehr zum Shelter zurückfinden ohne meine Stirnlampe.

Es treten immer mehr Sterne hervor, sogar die Milchstraße zeigt sich zögerlich. Dieses neblige Band, das ich als Kind immer so bewundert habe, ohne zu wissen, dass jeder Nebeltropfen in ihr eine Sonne darstellt, dieses Band traut sich in Kiel nicht mehr aus der Deckung. Schon für diesen Anblick hat sich die Aktion gelohnt.

Bei all dem Frieden, den ich so genieße und der mir so gut tut, überlege ich, ob mir das Paddeln vielleicht nur Mittel ist, um dieses Ziel zu erreichen, oder ob es auch Selbstzweck ist. Im Moment kann ich es nicht entscheiden und genieße nur, dass mir dieses Mittel solche Ziele ermöglicht.

Samstag, 18. März 2017

Huiuiui!

Ende des Monats will ich mit Trenk übers Wochenende auf Tour gehen. Da ich diesen Winter extrem wenig auf dem Wasser war (ich bin in der vereinsinternen Kilometerliste gerade eben noch unter den Top-Ten!), versuche ich, in den vergangenen Wochen wieder etwas regelmäßiger zu trainieren.

Heute Morgen bedarf es aber einiger abstrakter Gedanken, die Notwendigkeit, aufs Wasser zu kommen, so zwingend zu begründen, dass ich mich trotz lausiger Temperaturen, frischen Windes und dazugehörigen Regens auf den Weg zur Bootshalle mache.

Die dort bereits versammelten Polospieler sind allesamt in ihre Smartphones vertieft, um die nächstgelegene Sauna ausfindig zu machen, in die sie sich statt eines Trainings zurückziehen können. Wenigstens komme ich dadurch in den Genuss, dass ich die Reifen des Bootswagens mit Martins Luftpumpe aufpumpen kann und Lennard mein Boot mit mir zum Steg runter trägt.

Dass ein leicht nördlicher, vor allem aber westlicher Wind wehen würde, hatte ich vorher schon auf Windfinder gesehen. Also bleibe ich erst einmal auf dem westlichen Fördeufer, damit ich zuerst den Schutz des Düsternbooker Hügels ausnutzen und später einen leichten Schub auskosten kann.

So nördlich, dass der Wind Schub gemacht hätte, kommt er dann leider doch nicht. Es ist eher genau querab, was dazu führt, dass ich beim Kreuzen des Fahrwassers mächtig versetzt werde. Aber das ist kein großes Problem, denn dadurch bin ich eher schneller am anderen Ufer als entlang meines Plankurses. Wenn ich über die freie Wasserfläche in Richtung Friedrichsorter Leuchtturm blicke, sind da viel mehr weiß brechende Wellen zu sehen, als in meiner unmittelbaren Umgebung. "Da wird wohl gerade eine heftige Bö durchgehen", denke ich mir, "aber die wird sich schon wieder beruhigen".

Ich bin mir nicht sicher, ob kurz darauf der Wind auch in meiner unmittelbaren Nähe deutlich stärker geworden ist, oder ich nur mittlerweile in das Gebiet mit strammerem Wind gelangt bin - unter Strich ist es einerlei: es schäumt und schwallt um mich herum, dass ich mich wirklich konzentrieren muss. Meine schrillgelbe Schirmmütze macht mir etwas Sorgen. Sie sitzt zwar eigentlich wunderbar sicher am Kopf, aber dieser Wind hier ist doch eine Nummer zu viel, als dass ich mir sicher sein könnte, dass sie unter allen Umständen bei mir bleibt. Ich muss mir unbedingt eine Sicherungsleine dafür zulegen. Meinen Versuch, sie durch das Aufsetzen meiner Kapuze am Wegfliegen zu hindern, muss ich beinahe mit einem unfreiwilligen Bad bezahlen: Zum Anfassen der Kapuze muss ich eine Hand vom Paddel lösen, was der Wind sofort ausnutzt, um wild daran zu zerren. Dadurch taucht es unkontrolliert auf der Lee-Seite unter Wasser, was wiederum mörderisch bremst und keinen guten Einfluss auf meine Balance hat. Ich lasse die Sache mit der Kapuze erst einmal auf sich beruhen und halte den Schirm der Mütze möglichst weit nach unten geneigt.

Es sieht irgendwie überhaupt nicht danach aus, als wenn der Wind nur kurz aufgefrischt sei und sich demnächst wieder beruhigt. Eigentlich sieht es eher so aus, als wenn der Wind stetig zunimmt. Ich habe keine Sorgen, dass ich in eine Notsituation kommen könnte, schließlich bin ich auf der Ostseite des Fahrwassers und würde irgendwann einfach ans Ufer gespült. Aber an meinen ursprünglichen Plan, wie üblich zur Tonne 12 zu fahren, glaube ich nicht mehr wirklich. Die Wellen vor der Spundwand, die den Möltenorter Hafen einsäumt, spritzen über die Hafenmauer und davor bildet sich ein wild klapotierendes Inferno. Da möchte ich nicht wirklich hindurch fahren.

Also peile ich das südliche Ende des Hafens an, wo sich zwischen Hafenmauer und Ufer ein kleines Dreieck bildet, in dem es nicht so schauderlich schäumt und spritzt. Ein Fahrradfahrer am Ufer hält an und beobachtet mich eine Weile. Vielleicht nutzt er auch nur die Gelegenheit, etwas zu verschnaufen, denn er muss sich auch gegen den Wind plagen. Ob er innerlich den Kopf darüber schüttelt, dass man bei solchen Bedingungen unbedingt paddeln muss, kann ich nicht erkennen.

In den paar Minuten, die ich im fast friedlichen Dreieck damit verbringe, nicht auf die seitliche Steinschüttung gespült zu werden, gewinne ich den Eindruck, dass die Windstärke hier keine kurzfristige Erscheinung ist, sondern dass ich mich mit ihr für den Rest meiner Tour arrangieren muss. Die Tonne 12 lasse ich mal, wo sie ist und mache mich stattdessen auf den Rückweg.

Die Heikendorfer Bucht zu queren, ist kein großes Kunststück, allerdings fahre ich wegen der erheblichen Abdrift eine ziemliche Hundekurve. Kurz vor Kitzeberg liegen die zwei "Übungsfelsen", die nur leicht aus dem Wasser ragen, und ich bin mir nicht sicher, wo genau sie sich befinden. Das macht es erst etwas spannend, aber schließlich erkenne ich sie doch deutlich und komme ungefährdet an ihnen vorbei. Die Frage von vorhin, ob der strammere Wind eine örtliche oder zeitliche Ursache hatte, kann ich mittlerweile eindeutig beantworten: auch südlich von Kitzeberg schäumt es nun frohgemut vor sich her. Die beiden Spundwände vor dem Mönkeberger Segelhafen und dem Ölberg sehen nicht so aus, als wenn ich davor entlang paddeln möchte. Ich fahre kurzzeitig direkt auf das gegenüberliegende Ufer zu, bis ich es mir anders überlege und erst einmal durch den Mönkeberger Hafen fahre. Dort habe ich Windschutz und bin danach schon wieder ein Stückchen weiter und kann dann immer noch die Förde direkt queren und so dem Ölberg entgehen.

Die Durchfahrt unter dem flachen Steg hindurch ist bei dem herrschenden Wind und Seegang nicht einfach, aber ich bekomme es hin, ohne mit dem Kopf gegen die Querträger zu dengeln. Im Hafen sieht man die Wellen von außen über die Hafenmauer spritzen - gut, dass ich hier drinnen fahre! Am Hafenausgang hat man einen prima Blick auf die hohe rostige Spundwand des Ölberges. Bei 20 Grad Wassertemperatur würde ich die Gelegenheit gerne nutzen, durch das Wellenchaos davor zu fahren. Heute eher nicht.

Ich visiere das Maritim am anderen Ufer an und zentimetere mich ihm entgegen. Bis zur roten Fahrwassertonne spürt man immer noch die reflektierten Wellen, die auch hier eine erhöhte Konzentration erfordern. Danach lassen Anspannung und Anstrengung nach. Zwar bin ich mit meiner Kondition weit von irgendeinem Zenit entfernt, aber ich bin doch ganz zufrieden, dass ich mich in diesen Bedingungen zwar nicht gerade wohl aber auch keinesfalls unwohl gefühlt habe. Aber auf der Tour mit Trenk möchte ich solche Verhältnisse nicht haben! Sonst müssen wir uns eine geeignete Sauna als Alternativprogramm suchen!
Innerhalb der eingerahmten Zeit war ich unterwegs

Sonntag, 1. März 2015

Fünfeinhalb Stunden und sieben Blasen (2/2)

Seit Stunden regnet es draußen. Und der vorhergesagte Wind bringt die nahen Bäume zum Rauschen. Es soll heute den ganzen Tag über mit sechs Beaufort aus Süd blasen. Keine Bedingungen, unter denen man voll Tatendrang aus dem Schlafsack in Freie springt. Jörg wusste, wovon er sprach, als er seine Zusage zum Wintercamping verweigerte. Trotz der frühen Stunde und des saumäßigen Wetters höre ich mehrere Spaziergänger an meinem Zelt vorbeigehen. Aber eigentlich höre ich keine Spaziergänger sondern nur Hundebesitzer: "Bruno! Lass das! Bruno!! Kommst du wohl her, Bruno!!!" Ich gehe allerdings davon aus, dass kein Mensch ohne Hund hier heute spazierengeht.

Meine Bewegungen sind auch heute morgen ausgesprochen langsam. Wenn ich es recht überlege, ist der Mensch doch im Grunde genommen auch nichts anderes als ein Fisch. Genau wie der, wird auch der Mensch bei niederen Temperaturen langsam. Der einzig wirkliche Unterschied ist vermutlich, dass der Mensch bei Kälte friert, während es dem Fisch ja egal sein kann, wie hoch seine Kerntemperatur gerade ist. Ein Fisch geht eben nicht ein wie sein aufrecht daher kommender Kumpel an Land, wenn das Fieberthermometer bei ihm weniger als 30 Grad anzeigt. Insofern sollten wir unser Gefühl der Überlegenheit unseren schuppigen Freunden gegenüber noch einmal überdenken.

Aufrecht setzen, weil dann das Denken leichter geht, Uhrzeit auf dem Handy checken. Acht Uhr - kein Empfang. Heute ist der 1. März - ich habe meinen Provider gewechselt, der neue funkt erst ab morgen. Vermutlich hat der Alte die Versorgung zum Ende des Monat eingestellt. Das ist etwas unschön, weil so die Option ausfällt, dass ich an beliebiger Stelle an Land gehen und um Abholung bitten könnte. So bekommen sechs Beaufort eine nochmal lähmendere Bedeutung.

Gnädiger Weise legt der Regen eine kleine Verschnaufpause ein, in der ich meine Sachen ins Boot packen kann. Bruno hat übrigens ein stattliches "Häufchen" direkt unter mein Heck gesetzt. Weil das Wetter so garstig ist und ich nachher ja noch gegen einen fiesen Wind werde fahren müssen, setze ich heute meine Ganzkopfneoprenhaube auf - die, die mich immer so attraktiv und sexy aussehen lässt. Man sieht auf der Wasseroberfläche scharfe Böen vom Steilufer herunterfallen. Auf dem Meer bilden sich dann große Flecken Gänsehaut, die wie planlos hektisch übers Wasser huschen. Manchmal spüre ich, wie eine Böe mir den Bug nach seewärts drückt. Das erinnert mich an einen Zwischenfall mit fatalem Ausgang bei Baffin Island im hohen Norden Kanadas. Dort wollten zwei im Paddeln relativ unerfahrene Pärchen fünf Kilometer die Küste entlang fahren. Sie starteten bei ölig glattem Wasser und wurden dann von starken ablandigen Winden überrascht. Am Ende gab es zwei Tote. Das kann heute nicht passieren - denn ich bin ja alleine! Aber ich werde den ganzen Tag immer wieder daran erinnert, immer wenn der Wind meinen Bug packt und ihn in eine andere Richtung drückt, als ich eigentlich paddeln möchte.

Es bevölkern - wie immer um diese Jahreszeit - unheimlich viele Wasservögel die Eckernförder
Bucht. Vor allem Eiderenten, aber auch die hübschen Eisenten. Die sind heute aber nicht in Schwärmen sondern nur einzeln oder als Paare unterwegs. Mehrere Male lassen sie mich bis auf weniger als dreißig Meter an sich heran, bevor sie auffliegen. Ich vermute, dass sie einzeln eine geringere Fluchtdistanz haben, als im Schwarm, der bereits immer dann auffliegt, wenn das ängstlichste Mitglied die Nerven verliert.

Am Bülker Huk gehe ich an Land und mache Pause. Ein Campingmobil-Insasse bitte mich, ihm seine Axt vom Strand mitzubringen und wir kommen etwas ins Gespräch. Heute sind nur noch die ganz Unentwegten hier, nicht wie im Sommer, wo man der gesamte Parkplatz ausgebucht ist. Knapp die Hälfte der Gesamtstrecke habe ich bis hierher geschafft, aber nun erst geht es wirklich gegen den Wind. Er bläst momentan zwar nicht mit Stärke sechs, aber arbeiten werde ich schon müsen, um nach Hause zu kommen. Das Queren des Fahrwassers muss ich wieder sehr auf die Berufsschifffahrt abstimmen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man seine Geschwindigkeit nicht nach Belieben gestalten kann. Einen ersten Versuch muss ich abbrechen, weil ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob ich es noch vor dem in weiter Ferne herannahenden Frachter schaffen werde.

Bis Möltenort sind es fast zehn Kilometer, und das reicht, um abermals eine Pause verdient zu haben. Ich verdrücke meine letzte, eiskalte Banane zur Stärkung und besuche das stille Örtchen. Auch diese Erledigung ist keine leichte Aufgabe bei den geringen Temperaturen. Der Reißverschluss für solche Gelegenheiten in meinem Trockenanzug ist äußerst knapp bemessen und hat harte Kanten, so dass es für die kalten Hände eine echte Herausforderung ist, das zurückgezogene Zielobjekt zwischen den zahreichen kunstvoll ineinander verschachtelten Stoffschichten zu orten - und es dann auch noch in eine Position zu manövrieren, in der die Sache nicht buchstäblich in die Hose geht.


Während meiner Pause hat sich der Wind seiner Vorhersage besonnen und dreht auf eine satte sechs auf. Als ich mich auf den Weg mache und mich dicht am Ufer entlangschleiche, werde ich von den Spaziergänger gnadenlos abgehängt. Ich kämpfe mich wacker gegen den Wind voran, aber bei der Querung der Förde geht meine Geschwindigkeit auf teilweise unter drei Stundenkilometer zurück. Ich versuche, mir mit Seufzen, Stöhnen und Fluchen Erleichterung zu verschafffen. Immer wieder rede ich mir ein "Ich komme voran!". Aber es ist schwer, daran zu glauben, wenn man am Schaum neben sich kein Fortkommen erkennen kann. Das einzige Mittel, das wirklich wirkt, ist, stoisch und mit Gleichmut sein Paddel mal links einzutauchen, mal rechts und dann wieder links. Möglichst nicht mit mehr Druck als man auch bei Windstille entfalten würde, aber unbedingt mit dergleichen Frequenz. Nach fünfeinhalb Stunden und sieben Blasen an den Händen erreiche ich den heimischen Steg. Immer noch in der irrigen Annahme, dass mein Provider sein Verhältnis mit mir beendet hat, gehe ich in die Vereinsgaststätte und rufe zu Hause an, damit ich abgeholt werde.


Sonntag, 18. Mai 2014

Leuchtturm im Nebel

Meine Testtour zum roten Leuchtturm stand noch immer aus und heute sollte optimales Wetter dafür herrschen: Trocken, sonnig und kaum Wind aus nördlicher Richtung. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Als ich gegen halb zehn Uhr morgens mein Boot ans Wasser rollere, ist die Sicht leicht diesig - wie so häufig früh morgens, wenn ein sonniger Tag bevorsteht. Ich habe alle unbedeckten Hautpartien dick mit Sonnenschutz gesättigt, damit Marie-Theres keinen Grund zum Tadel hat. Die MSC Orchestra läuft in die Förde ein und tut mir den Gefallen, genau vor unserem Steg ihr Wendemanöver zu vollführen. Eine einmalige Gelegenheit, einem so großen Schiff genau Aug in Aug gegenüber zu stehen und es dabei zu fotographieren. Der Kapitän war wohl etwas ittitiert, dass ich so dicht vor seinem Bug auftauchte, und ich muss mir daraufhin eine Ermahnung der Wasserschutzpolizei anhören. Ich hätte im Leben nicht damit geerechnet, dass der Kreuzfahrer überhaupt Notiz von mir nimmt.

Ich bin recht warm angezogen mit Flies und Paddeljacke, denn momentan ist es noch recht frisch. Aber ich bin überzeugt, dass ich im Laufe der Tour das eine oder andere Kleidungsstück werde ablegen müssen. Die Sicht auf der Förde ist ziemlich zweigeteilt, die linke Seite liegt in strahlendem Sonnenschein und unter blauem Himmel, die rechte dagegen eingehüllt in dichten Dunst. Aber die Sonne ist bereits dabei, die Schwaden aufzulösen. Als ich Mönkeberg passiere, ist kaum noch Nebel zu sehen. Dafür herrscht eine emsige Betriebsamkeit auf dem Wasser: Aus den Kanalschleusen quellen unentwegt und in dichter Folge dicke Frachter. Das muss noch lichter werden, wenn ich eine Chance haben will, die Fahrwasserseite zu wechseln. Ich wundere mich etwas, dass ich den Friedrichsorter Leuchtturm noch nicht sehen kann, aber bis dahin ist es ja noch ein Weilchen. Als ich aber sehe, dass etwas auf Höhe von Möltenort die Frachter einer nach dem anderen von jetzt auf gleich vom Nebel verschluckt werden, dämmert mir, dass ich unmöglich dort an der eigentlich günstigsten weil engsten Stelle das Fahrwasser wechseln kann. Ich entschließe mich also, bereits kurz hinter der Tonne 14 die Seite zu wechseln, solange ich mich noch einigermaßen im sichtigen Bereich aufhalte.

Bald wird der Nebel dicker und ich muss mein GPS vom Vordeck auf die Spritzdecke holen, damit
ich sehen kann, wo die Tonnen des Sperrgebietes vor MAK liegen. Allerdings herrscht um mich herum ein derartiges Gehupe aller möglichen Pötte und der Fördedampfer fährt auch genau hier entlang, so dass ich am Ende doch diagonal durch das Sperrgebiet fahre. Hinter dem Leuchtturm nutze ich die weißen Bälle, die das Badegebiet von Falkenstein nach außen begrenzen, als Leitlinie. Ich muss ja noch am Anleger vorbei, und hier herrscht mittlerweile eine so dichte Suppe, dass die Dampfer es auch bei einem Vollbremsversuch schwerlich schaffen würden, mir auszuweichen. Und genau als ich am Steg ankomme, verlässt auch ein Fördedampfer den Anleger, um einem weiteren, der anlegen will, Platz zu machen. Ich fahre einfach unter dem Steg hindurch und gehe so allen Kollisionsangeboten aus dem Weg.

Ich kann auf keinen Fall in gerader Linie über die Strander Bucht fahren, denn auch hier fahren die Linienschiffe heraus und hinein. Also hangele ich mich weiter an den Bällen entlang, und als die aufhören nutze ich das Ufer selbst als Geländer. Meine Entfernung zum Strand beträgt weniger als fünfzig Meter, aber ich kann die Spaziergängerin dort kaum erkennen. Da ich schon deutlich über eine Stunde unterwegs bin, lege ich meine erste Pause sein, in der ich die dicke Stulle verdrücke, die ich mir unter die Schwimmweste gesteckt habe.

Mittlerweile hege ich arge Zweifel, ob mein Unternehmen, zum Leuchtturm zu fahren, heute überhaupt durchzuführen ist. Als ich nach der Pause nur wenige Meter gepaddeln bin, reißt die Sicht urplötzlich auf, so dass man Schilksee und Strande ohne Probleme sehen kann. Na also - es geht doch! Mit dem Aufreißen der Sicht setzt auch ein deutlicher Wind ein. Er kommt genau aus Norden und nach meiner Überzeugung hat der Nebel damit noch weniger Chancen, sich zu halten. Leider klemmt aber über der Bülker Landspitze penetrant eine Nebelbank, die weder durch Sonne noch durch Wind beeindruckt von ihrer Existenz lässt.

Aber die Aussichten sind gut und wenn der rote Leuchtturm auch noch nicht zu sehen ist, die Sicht beträgt meiner Einschätzung nach mehr als ein Kilometer, unterhalb dessen man überhaupt erst von Nebel spricht. Zum einen kenne ich den Kurs und zum anderen bin ich mit GPS-Gerät bewaffnet, in das ich die erste Kabeltonne als nächsten Wegpunkt einprogrammiere. Der Kurs ist 30 Grad und leicht zu halten, und als ich die Tonne erstmals sehe, sagt mir mein elektronischer Helfer, dass sie noch neunhundert Meter entfernt ist. Okay, mit gutem Willen ist das ein Kilometer Sicht und damit kein Nebel: Auf zu nächsten Kabeltonne! Der Kurs ist jetzt leicht östlicher und nicht mehr ganz so einfach auf dem Kompass abzulesen. Eigentlich empfinde ich die Sicht als ganz passabel, aber bei neunhundert Metern Entfernung ist immer noch keine Tonne zu sehen und bei sechs hundert Metern auch nicht. Bei dreihundert Metern ist nullkommanichts zu sehen und bei zweihundert Metern dasselbe milchig-weiße Nichts. Ich komme langsam ins Grübeln, als bei 180 Metern vor mir schüchtern eine gelbliche Tonne schemenhaft durch den dichten Nebel lugt. Meine Entscheidung steht fest: hier werde ich umdrehen!

Zwar wäre es absolut kein Problem, den Leuchtturm zu finden, aber wenn die Losten mich entdecken, würden sie die Wasserschutzpolizei rufen und ich hätte jede Menge Stress. Das muss nicht sein. Während der Rücktour wechselt die Sicht immer wieder zwischen schlecht und nicht vorhanden hin und her, so dass ich manchmal Schiffe sehe, die mehrere hundert Meter entfernt vorbei fahren, nur um sich dann gleich wieder im milchigen Weiß aufzulösen. Irgendwo im Off tuckert der Rettungskreuzer der DGzRS an mir vorbei. Bei Bülk angekommen muss ich erkennen, dass die Sache mit dem Auflösten des Nebels nicht eingetreten ist: Der Leuchtturm ist erst aus weniger als zweihundert Metern zu erkennen. Witzigerweise ist aber die Strander Bucht wie schon auf der Herfahrt so gut wie nebelfrei. Nur das andere Ufer ist nicht zu sehen. In Laboe ragt nur die Spitze des Marineehrenmals aus dem dichten Nebel.

Der Nordwind weht beständig uns schiebt mich geduldig nach Hause. Ich paddele nachhaltig, ohne besonders auf die Geschwindigkeit zu achten, aber mit ständigem Druck. Durch meine vorzeitige Wende habe ich nur 41 Kilometer auf der Uhr, als ich am heimischen Steg anschlage.Aber mein Vorhaben bestand nicht eigentlich darin, zum roten Leuchtturm zu fahren, sondern eine lange Zeit im Boot zu sitzen und eine weite Strecke in nachhaltiger Weise zu paddeln. Wenn ich mir die Trackaufzeichnung des GPS ansehe, ist mir das voll gelungen: Ich war knappe fünf einhalb Stunden unterwegs, habe nur eine richtige, nicht einmal zehnminütige Pause gebraucht, und mein Tempo hat über die gesamte Zeit nicht nachgelassen. Dass es auf der Rücktour sogar über dem der Hintour lag, schreibe ich dem leichten Nordwind zu. Ach ja: ich habe kein einziges Kleidungsstück abgelegt! Die meiste Zeit habe ich mich halt doch im Nebel aufgehalten und auch in der Sonne war es dann doch noch nicht so warm wie erwartet. Besonders bemerkenswert ist noch der Umstand, dass ich nach der Tour nicht malad darnieder lag, sondern durchaus noch für das folgende familiäre Grillen, Brotbacken und Chillen zu gebrauchen war.

Samstag, 29. Juni 2013

Ein trauriges Wochenende: Samstag (2/2)

Die Anstrengung des gestrigen Tages hat mich lange nicht einschlafen lassen. Und heute morgen tröpfelt der Regen auf mein Zelt. Nichts, was einen dazu bringt, früh aufzustehen. Als ich mich endlich senkrecht setze und sortiere, fällt mir eine nasse Stelle neben meiner Isomatte auf. Habe ich vergessen, meine Trinkflasche richtig zuzudrehen? Die Flüssigkeit schmeckt aber nicht süß. Wasser? Wo soll das herkommen. Ich forsche weiter. Da sind noch mehr nasse Stellen! Da sind richtige Seen auf dem Zeltboden! Wenn ich etwas in meinem Zelt nicht haben möchte, dann Nacktschnecken - vor allem möchte ich aber kein Wasser in meinem Zelt haben! Sogar mein Schlafsack ist nass an der Seite. Gut, es hat in der Nacht länger geregnet - aber ist das nicht genau der Grund, für den man Zelte erfunden hat? Damit das Wasser draußen bleibt? Kann ich denn nicht einfach ein Zelt haben, bei dem die Stangen nicht vom Angucken brechen und bei dem kein Wasser eindringt! Ich bin erschüttert, genervt, frustriert - und traurig.

Die nächste Zeit verbringe ich mit Nachforschungen. Ich wische den Boden trocken und achte, während ich mir das Frühstück mache, wie ein Luchs auf eventuelle "Dupps"-Geräusche, die einen herabfallenden Wassertropfen verraten. Es braucht eine ganze Reihe dieser sich nur zögerlich zu erkennen gebenden Tropfen, bevor ich mir einen Reim auf die Sache machen kann: Dort, wo das Innen- mit dem Außenzelt verspannt ist, dringt Wasser durch  die Außenhaut, hangelt sich durch den Stoff der Schlaufe an der Außenhaut, über den Ring und den Haken in den Stoff der Schaufe an der Innenhaut, durchtränkt den sie abschließenden Saum so lange, bis "Dupps" der Tropfen dann zu Boden fällt. Fehlkonstruktion! Wie kann man so etwas auf die Menschheit loslassen? Es regt mich auf, dass ein Zelt nicht mal den elementarsten an so ein Produkt gestellten Anspruch erfüllen kann. Andererseits ist mein Befund aber auch wieder beruhigend, dass nicht das gesamte Gewebe an sich wasserdurchlässig ist. Ich bin mir noch nicht schlüssig, wie ich damit umgehen werde und beschließe, dass ich mir von so einer Lapalie das Leben nicht vermiesen lassen werde.

Ich lasse mir nachdrücklich Zeit mit dem Frühstück, halte ein wenig Zwiesprache mit dem Kaninchen, das in mein Zelt blickt und will damit dem fiesen Nieselregen die Gelegenheit geben, sich zu verpieseln. Aber irgendwan dämmert mir: wenn ich mit dem Zelt-Abbauen bis zum Sonnenschein warten will, wird das nichts mehr mit heute nach Hause kommen. Also erledige ich zuerst alle Dinge, die ich noch im "trockenen" Zelt verrichten kann, wie Schlafsack einsacken, Isomatte zusammenrollen und Ausrüstung zusammenpacken. Doch irgendwann hilft es nichts mehr, ich muss raus - und das geht nur, wenn ich mir vorher die klatschnassen und kalten Paddelsachen anziehe. Das war es, was ich die ganze Zeit so sehr vor mir hergeschoben habe. Aber wat mutt, dat mutt!

Der Morgen beginnt so trübe wie der Abend gestern geendet hat. Die Windvorhersage hatte einen schwachen Wind aus südwestlicher Richtung angekündigt und Recht bekommen. Um viertel nach elf verlasse ich die Lotseninsel - und: Ja, die Giftbude hat wieder geöffnet! Entgegen meiner gestrigen Strategie, werde ich heute dicht unter Land bleiben, um seine Abdeckung gegen den Wind etwas auszunutzen. Ich bin noch nicht lange auf dem Wasser, da verdunkelt sich der Himmel über Schwansen bedrohlich und verstärkt die trübsinnige Stimmung noch. Es dauert keine zehn Minuten und ich paddele durch dicke Regentropfen.

Der Schauer ist von unerwartet kurzer Dauer - und überrascht stelle ich fest, dass der Wind eine leicht nördliche Komponente bekommen hat. Zuerst schiebe ich das noch auf eine Ablenkung durch den Küstenverlauf, aber irgendwann muss ich erkennen, dass der Durchzug der Regenfront eine durchgreifende Wetteränderung darstellte. Der schwache Wind hat nicht nur komplett seine Richtung geändert, sondern ist auch zu unerwarteter Frische aufgebrist. So beschließe ich, ab Damp wieder den direkten Kurs auf mein Ziel zu wählen und Schutz und Trost der Küste aufzugeben. Heute sind mehr Segler als gestern unterwegs. Einige sind schneller als ich, aber mit einem liefere ich mir über eine Stunde lang ein totes Rennen. Da ich immer wieder tolle Surfs mitnehmen kann, bin ich wirklich höllenschnell und der Segler kommt und kommt nicht an mich ran. Doch irgendwann brist der Wind noch mehr auf, so dass der Segler schneller wird - und ich langsamer!
Bei der erster Spitze bin ich noch recht dicht unter Land, so dass für wirklich große Wellen der Fetch nicht hinreicht. Bei der zweiten Spitze bin ich weit draußen auf See - und die Wellenhöhe übersteigt einen Meter!




Augenblicklich ist das Meer um mich herum voller weißer Schaumkronen. Es ist ein unglaublich krasser Unterschied in den Verhältnissen: Vor dem Auffrischen war alles Spaß, ich habe die Wellen nach Belieben kontrolliert, habe keine Pause gemacht, weil ich keine brauchte und wollte und war mit über acht Stundenkilometern unterwegs. Nun rauscht und schwellt es so gewaltig, dass ich fast mehr nach hinten sehe als nach vorne. Surfen ist nun kein erstrebenswerter Zustand mehr sondern nur ein manchmal nicht zu vermeidendes Risiko. Pause machen ist nun nicht mehr möglich, weil man das Paddel nicht aus der Hand legen kann. Ich bin wieder im Konzentrationsmodus. Meine Geschwindigkeit ist auf sechseinhalb Stundenkilometer eingedampft. Günstiger Weise hat es mich genau an der maximalen Entfernung von allen erreichbaren Küsten erwischt: Schwansen, das gegen den Wind eh nicht erreichbar wäre, liegt genau wie der Dänische Wohld etwa sechs Kilometer weit entfernt. Damit ich nicht unnötig lange in dieser präkären Situation verweile, lege ich meinen Kurs südlicher, direkt auf die Küste zu.

"Wenn du einen fernen Horizont hast, ist die Wellenhöhe unter einem Meter. Hast du einen nahen Horizont
Hohe Wellen kann man schlecht fotografieren!
und siehst im Wellental nur noch die Wellenkämme, ist die Wellenhöhe über einen Meter." Leider rollen immer wieder Wellen von hinten an mich heran, die mir nicht nur den fernen Horizont nehmen, sondern sogar den Blick auf die mittlerweile schon recht hohe Steilküste. Wenn es einer Welle von einem Meter Höhe in den Kopf kommt, mich nach vorne zu spülen, dann tut sie das - egal wie unangenehm mir das im Moment ist. Das einzige, was ich tun kann, ist, auf die Qualität meiner Stütztechnik zu vertrauen - und sie immer im richtigen Moment auf der richtigen Seite anzuwenden! Wenn ich es recht betrachte, sind dies noch forderndere Bedingungen, als ich sie gestern erlebt habe. Für den Fall, dass ich die Querung nach Ärö gewagt, mich dann auf den heute Morgen herrschenden und für den ganzen Tag vorhergesagten schwachen Wind verlassen und mich auf den Rückweg gemacht hätte - ich hätte ein echtes Problem gehabt! Ein nachträglicher Blick auf die am Leuchtturm gemessene Windgeschwindigkeit zeigt, dass es Windstärke sechs ist, die mir hier das Leben schwer macht - und dass man bei so einem Wind besser nicht allein auf weite See geht!

Irgendwann habe ich alle Angriffe so weit abgewehrt, dass ich mich nahe genug am Ufer befinde, um meinen Kurs wieder auf Bülk zu drehen. Ich lasse einige hundert Meter Spiel bis zum Strand aus Angst vor den im flachen Wasser brechenden Wellen. Sollten auf den letzten Metern alle Stricke reißen, würde vermutlich mein Boot erheblichen Bruch erleiden, aber ich würde auf jeden Fall lebend ans Land gespült werden. Vor Bülk ist das Meer voll von Sportsegelbooten, die die letzten Wettkämpfe der Kieler Woche ausfechten. Nach fast vier Stunden Fahrt - ohne Pause, ohne Essen und ohne Trinken, dafür aber mit pausenlosem, kräftezehrendem Einsatz - läuft mein Bug durch die letzten Meter glatten Wassers knirschend auf den Strand vor Bülk. Als erstes verdrücke ich meine Käsestulle, die ich mir heute Morgen geschmiert habe!


Alle Bilder hier.

Freitag, 28. Juni 2013

Ein trauriges Wochenende: Freitag (1/2)

Das letzte Wochenende im Juni ist traditionell als Tourenwochenende der vier Unerschrockenen reserviert. Zwei hatten schon bei der Jahresplanung lange vorher ihre Teilnahme absagen müssen. Aber einer blieb übrig - genug um eine solide Paddelgruppe zu formen. In der Vorfreude auf die erste Nordseetour des Jahres hatte ich schon die Tide studiert, Tourenmöglichkeiten erwogen und verworfen und mich auf ein sonniges Wochenende mit leckerem Lamm im Friesenpesel gefreut. Die entsprechende Tour im letzten Jahr war überschrieben mit "Manchmal kommt es anders..." - so auch dieses Jahr. Die eine Hälfte der verbliebenen Paddelgruppe musste einem familiären Termin Folge leisten - auf der Nordsee zwar, aber ohne Paddelboot. Die andere Hälfte blieb zurück - ohne Auto und ohne rechten Plan.

Da die Querung von Bülk nach Ärö immer noch offen steht, habe ich mir die Verwirklichung dieses Vorhaben als Ziel gesetzt. Das würde ohne Auto gehen - eine Mitfahrgelegenheit bis Bülk würde sich schon finden lassen. Auf das passende Wetter müsste ich einfach hoffen. So galt in den Tagen davor mein banger Blick ständig der Windvorhersage. Die von Mittwoch, der man schon eine gewisse Realitätsnähe zumessen kann, zeigte nahezu optimale Verhältnisse: Freitag Wind genau aus Süd mit fünf Metern pro Sekunde gegen Abend nachlassend. Samstag den gesamten Tag über um fünf Meter pro Sekunde aus West - was zwar Gegenwind für die Rückfahrt hieße, bei dem es aber durchaus zu schaffen wäre, Schleimünde zu erreichen. Und Sonntag dann sogar nordwestliche Winde, die mich von Schleimünde wieder nach Hause schieben würden.

Leider schwoll mit jeder weiteren Vorhersage die Windgeschwindigkeit an allen Tagen an und auch die Richtungen entwickelten sich nicht günstig. Ich war hin und her gerissen und schon drauf und dran, die Tour ganz abzublasen. Aber ich konnte es nicht gut annehmen, ein freigeräumtes Wochenende mit der Aussicht, Zeit auf dem Wasser, im Zelt und an der frischen Luft zu verbringen, so vollkommen drein zu geben. Schließlich entschloss ich mich zu einer "kleinen" Lösung: Freitag am frühen Nachmittag in Bülk starten, nach Schleimünde fahren und am Samstag denselben Weg wieder zurück. Das würde alles deutlich entspannen und mir bliebe immer noch eine anspruchsvolle Tour.

Eigentlich ist mein Zeitplan auch ganz luftig gestrickt, denn ich bin früh von der Arbeit zu Hause und habe meine Sachen weitestgehend gepackt. Birke soll mich kurz zum Leuchtturm bringen und los könnte es gehen. Aber Birke ist heute so von Traurigkeit übermannt, weil ihr lieber Schatz gestern nach Kanada entschwunden ist und erst in zehn langen Monaten zurück sein würde, dass an "kurz mal mit dem Auto bringen" nicht zu denken ist - unsere Scheibenwischer wirken eben nur außen. Und wenn ich Schleimünde erst im Dunkel erreichen würde - so wichtig ist es nun auch wieder nicht. Schließlich findet Marie-Theres aber noch Zeit, mich zu bringen.

Mein Gepäck ist übersichtlich und entsprechend schnell verstaut. Fünf Uhr hatte ich als spätest möglichen Starttermin angesehen, es ist zwanzig Minuten früher, als ich im Boot sitze und anfange, Wasser hinter mich zu schaufeln. Ich habe keine Seekarte dabei, mein Ziel ist ca. dreißig Kilometer Luftlinie entfernt und natürlich nicht zu sehen. Aber ich habe eine gute Ahnung, wo es liegen muss und einen Kompass, der mich leiten wird. Ich glaube immer wieder mal, das Erlenwäldchen sehen zu können, muss diese Erkenntnis aber jedes mal kassieren. Die Sicht ist ziemlich trübe und man kann nicht wirklich gut sehen. Trotzdem ist meine Spur fast deckungsgleich mit der von vor sechs Wochen, als ich mit Peter genau diegleiche Strecke gefahren bin. Ich bin erstaunt, wie gut meine gute Ahnung von der Lage des Ziels mich leitet (ja, ja - zusammen mit dem Kompass!).

Der Wind ist nicht ohne. Als Marie-Theres mich bei der Abfahrt nach der Stärke fragte, habe ich ohne zu zögern "Fünf." geantwortet. Das ist nicht übertrieben und nachdem die Wellen unter Landabdeckung noch ganz niedlich und spaßig waren, erfordern sie zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Ich lasse die Versuche, die Wellen abzusurfen, ziemlich bald bleiben und fahre mit erhöhter Aufmerksamkeit. Ich muss einige Male deutlich stützen, damit es mich nicht umdrückt. Ein-zweimal passiert es mir, dass ich mich mit dem Paddelblatt in der Welle vertüddele und einen gehörigen Schrecken bekomme. Es ist beileibe kein ausgelassenes Genießen der Gegebenheiten, sondern ein sehr bewusstes und konzentriertes: "Hier machst du besser keinen Fehler!". Hinzu kommt, dass entgegen dem sonnigen Himmelfahrtstag vor sechs Wochen, als diese Gegend mit Segelyachten dicht gespickt war, heute kaum ein Schiff zu sehen ist. Irgendwann erkenne ich in recht großer Entfernung einen DGzRS-Kreuzer und hoffe, dass er mich nicht sieht. Das ist wohl auch so, denn die See ist voller weißer Schaumkronen und ein einsamer Paddler alleine auf solch hoher See- daran wären sie nicht vorbeigefahren, ohne wenigstens nach dem Befinden zu fragen. Schließlich haben sie damals schon ihr Boot beigedreht, als wir noch dicht vor Bülk waren und gen Kieler Leuchtturm fahren wollten. Ohne Signalraketen würde mich hier nie einer finden.

Als ich die süd-westliche Begrenzungstonne des Schießgebietes passiere, weiß ich, dass ich nicht mehr weit von meinem Ziel entfernt bin. Ich bin total überrascht und begeistert, dass ich so schnell hier angekommen bin. Aber zu irgendetwas muss der stramme Wind ja schließlich gut sein. Laut GPS habe ich gute 27 Kilometer in drei und einer Viertelstunde zurückgelegt. Das setzen wir doch erst mal als Standard! Solo ist das vermutlich schwer zu unterbieten. Mit Partner, wenn man nicht gar so viel bremsen und sich konzentrieren muss, vielleicht schon.

Alle Bilder hier.

Mittwoch, 2. Januar 2013

Erste Leuchtturmfahrt des Jahres


Heute gibt das schöne Wetter ein kurzes Intermezzo. Ich will die Gelegenheit nutzen und lasse mich von Birke zum Bülker Leuchtturm fahren. Ich bin bereits in voller Paddelmontur, so dass ich keine langen Umzieh-Arien vollführen muss, sondern direkt ins Boot steigen und losfahren kann. Ich will heute zum Außenleuchtturm. Es weht ein kaum spürbarer Wind aus Westen und die Sonne scheint, so dass ich keine Bedenken habe, die ausgesetzte Tour trotz der kalten Jahreszeit alleine zu wagen.

Ich bin keine hundert Meter gepaddelt, als ich feststellen muss, dass mein Skeg sein Gehäuse nicht von alleine verlässt. Ich überlege kurz, ob ich für diese Tour einfach auf die Skeg-Unterstützung verzichten soll, denn die Bedingungen sind ja wirklich nicht widrig. Aber dann gehe ich doch auf Nummer Sicher und fahre noch einmal zurück an den Strand, um das Skeg zum Mitzuspielen zu überreden

Es herrscht ausgesprochen gute Sicht und um mich herum sind Unmengen an Seevögeln auf dem Wasser und in der Luft. Bei Sonnenschein scheint die Bereitschaft, sich in die Luft zu schwingen deutlich höher zu sein, als bei trübem Wetter. Ich kann wieder vornehmlich Eiderenten und Trauerenten ausmachen. Keine Samtenten, so sehr ich auch versuche, welche zu sichten. Und Eisenten - sollte ich hier jemals geschrieben haben, Spießenten gesichtet zu haben, dann werden die hiermit allesamt zu Eisenten umdeklariert! Spießenten sind Gründelenten und eher gar nicht auf der offenen Ostsee anzutreffen!

Der Wind kommt ziemlich genau aus Westen. Und natürlich werden die Wellen größer mit zunehmender Entfernung vom Land. Einige erreichen bald einen halben Meter. Ich bin doch etwas überrascht, wie viele weiße Schaumkronen sich jetzt auftun. Je weiter ich mich dem Leuchtturm nähere, desto höher werden die Kämme, desto tiefer die Täler und desto häufiger brechen sie rauschend. Ich bin mittlerweile heilfroh, dass ich mein Skeg nutzen kann, denn so ist es doch erheblich entspannter, den Kurs zu halten.

Hier sind die Wellen schon wieder deutlich kleiner
Alle fünfzehn Minuten mache ich ein Foto, um das Näherkommen der Navigationsmarke zu dokumentieren. Die Angelegenheit wird von Mal zu Mal wackliger und als ich das finale Foto mache, ist die See derart bewegt und hoch, dass das Ergebnis total schief und unscharf ausfällt. Ich umfahre den Leuchtturm in einem ziemlich deutlichen Abstand, denn an seinem Betonsockel werden die Wellen reflektiert und schaffen eine unangenehme Umgebung. Direkt hinter dem Sockel im Windschutz ist es für ein paar Sekunden sogar richtig ruhig, bevor ich wieder aus der Abschattung herauskomme und einer unerwartet aufgewühlten See ins Auge blicke. Das muss eine satte Windstärke fünf sein, sonst sähe das hier nicht so aus. Wenn man gegen Wind und Wellen fährt, sieht es zwar viel schlimmer aus, als wenn man die Widersacher im Rücken hat, es ist natürlich anstrengender aber technisch auch viel einfacher zu handhaben und damit eigentlich auch wieder entspannter. Man wird zwar deutlich nasser, aber die Wellen nehmen einem kaum die Kontrolle über das Boot oder das Gleichgewicht, so dass man nur geduldig seine Paddelblätter abwechselnd mal an der einen mal an der anderen Seite eintauchen muss - und so gewinnt man Land.

Schneller als gedacht bin ich wieder im Windschutz des Ufers und kann den Telefonanfruf absetzen, der meinen Rücktransport sichern soll. Bei der nachträgliche Auswertung der Windgeschwindigkeiten bin ich doch etwas überrascht, aber eigentlich auch nicht, denn die Daten sind durchaus mit den erfahrenen Verhältnissen im Einklang.
Fahrtzeit: ca. 11:15 bis 13:45