Also etwas "Näherliegendes"! Ich habe doch die Insel Langeland noch nie umrundet — warum also nicht einfach das in Angriff nehmen? Diese beiden Sätze spiegeln in etwa die Gesamtheit meiner Gedanken wieder, die ich mir im Vorfeld zu der Unternehmung gemacht habe.
Den Beginn der Tour haben wir auf Montag gelegt — da bleibt man von jeglichem Urlaubsstau unberührt — die Dauer auf maximal sieben Tage begrenzt. Mit dem Termin in absehbarer Nähe wurde die Windvorhersage zu Rate gezogen. Die schwänzelte ziemlich hin und her, hatte aber im wesentlichen heftige Winde aus westlicher Richtung im Angebot. Die erste Abwehrmaßnahme bestand in der Verschiebung der Abfahrt auf Dienstag. Damit war praktisch auch die Querung des Großen Beltes gestorben, denn einer Verlängerung der Tour und damit Verschieben der Rückfahrt standen andere Termine im Wege. Aber dann wollen wir wenigstens einmal um die Südspitze von Langeland und nach Lolland luken!
Durch die Anreise mitten in der Woche hält sich der Verkehr trotz Hauptferienzeit einigermaßen in Grenzen. Wir haben einen klitzekleinen Strandzugang zwischen Mommark und Fynshavn als Parkplatz für unseren Bus ausgewählt. Außer ein paar Anglern, die hier regelmäßig zu Wasser gehen, herrscht hier kein Betrieb. Es ist sonnig, der Wind ist lau — und nach kurzem Umpacken der Ausrüstung aus dem Bus in die Boote stechen wir erwartungsfroh in See. Ärö ist schon klar und deutlich zu sehen, aber nach wenigen hundert Metern quält Jörg die Ungewissheit, ob wir die Seitentür des Busses denn auch wirklich wieder zu gemacht haben. Ich kann mich auch nicht explizit erinnern, und so fahren wir noch eine kleine Schleife zurück zum Strand.Die Inspektion der Infrastruktur lässt Entzücken aufkommen: Ein Schlaf-, ein Küchen- und ein Kackshelter stehen zur Verfügung! Wir einigen uns auf die Verteilung: Jörg wird sein Lager im Schlafshelter aufschlagen, ich meines im Küchenshelter — den Kackshelter heben wir uns für besondere Gelegenheiten auf. Das Tolle an diesem Ensemble ist, dass es wirklich sehr schlecht erreichbar ist: man kommt nicht mit dem Auto hierhier und auch nicht mit dem Fahrrad. Man muss schon eine erkleckliche Strecke zu Fuß zurücklegen, um hierher zu kommen. Und auch mit dem Kajak muss man gute 25 Kilometer paddeln, egal aus welcher Richtung man kommt! Das garantiert eine gewisse Exklusivität, die sich auch im Inneren der Holzgehäuse wiederspiegelt: die Liegeflächen im Schlafzimmer sind mit einer dünnen Isomatte ausgelegt, es gibt üppige, marokkanische Sofakissen, klappbare Gartenstühle, und im Küchenraum ist die Sitzfläche mit einem Polster ausgelegt! Ganz untypisch für dänische Shelter findet man hier diverse Möglichkeiten, Dinge aufzuhängen! Ein klarer Beweis, dass dieses Etablisment häufiger von denselben Nutzern aufgesucht wird, die es sich etwas gemütlicher eingerichtet haben.
Am nächsten Morgen geht ein deutlich frischerer Wind — aber aus westlicher Richtung, also eher von hinten. Das Wassern der Boote ist mit den auf den steinigen Strand brechenden Wellen nicht so ganz einfach. Ich gebe Jörg einen kräftigen Schubs, bevor ich mich dann selbst ins Boot zwänge. Hoch am Strand auf den Steinen lauernd warte ich auf eine günstige Wellenkonstallation. Die lässt zwar etwas auf sich warten, aber schließlich komme ich doch einigermaßen geräuscharm ins Schwimmen.Es geht ein solider Seegang, der einiges an Aufmerksamkeit erfordert, damit wir nicht dem jeweils anderen ins Boot rauschen. Da lassen wir die Segel heute erstmal angelascht. Hier draußen sind die Wellen zwar recht hoch, aber regelmäßig und harmlos. Sie rollen von Angeln etwa dreißig Kilometer hier rüber und werden unterwegs durch nichts in ihrem Ebenmaß gestört.
Dort, wo sich die Küstenlinie von Ärö abrupt von Süd-Ost nach Nord-Ost wendet, erzeugt das Steilufer einen recht passablen Windschutz. Mir wird fast ein wenig langweilig, so dass ich mein Segel zum Einsatz bringe. Aber zum einen erfasst uns der hier böige Wind mit zunehmender Entfernung vom Ufer immer stärker und zum anderen bringt er mich schnell auf eine Geschwindigkeit, der Jörg durch reines Paddeln kaum folgen könnte.In der Wettervorhersage war die Rede davon, dass der Wind am frühen Nachmittag deutlich nachlassen sollte. Aber ganz offensichtlich fällt entweder der Nachmittag aus, oder etwas stimmt mit der Vorhersage nicht. Wir fahren recht dicht an der Hale von Marstall mit seinen putzigen Badehäuschen vorbei. Danach müssen wir nur noch die ca. vier Kilometer breite Bucht zwischen Ärö und Langeland queren. Wir erwarten sie als recht flaches Seegebiet, in dem sich eigentlich keine nennenswerten Wellen tummeln können. Aber da haben wir uns wieder mal irgendwie geirrt!
Ich bin echt perplex, was hier für eine krause See herrscht! Waren die Wellen vorhin zwar groß aber regelmäßig, so sind sie hier groß und chaotisch. Vorhin waren sie rein deutschen Ursprungs, hier mischen sich deutsche Wellen aus Angeln mit dänischen, die von Norden aus der Lücke zwischen Ärö und Langeland hereinströmen. Und man kann nicht sagen, dass diese beiden Wellensysteme harmonisch miteinander interagieren! Es ist deutliche Aufmerksamkeit geboten, wenn man nicht ihr hilfloser Spielball sein möchte!
Ich paddle so fasziniert, dass ich total vergesse, hier ein Foto zu machen. Aber das hätte die Verhältnisse eh nur unzureichend wiedergegeben. Erst als wir versuchen, in die Engstelle Ristinge Löb einzufädeln (was auch nicht einfach war!), krame ich meine Kamera heraus. Hinter der Enge ist das Wasser derart flach, dass wir permanent mit den Paddeln aufsetzen und ich mir erst nicht sicher bin, ob wir ohne Aussteigen bis zu unserem Ziel kommen. Nachdem wir dann aber doch hinreichend Wasser unter dem Kiel haben, setzen wir beide unsere Segel. Der genau von achtern kommende Wind bringt uns auf Geschwindigkeiten von acht und kurzzeitig sogar zehn Stundenkilometern, ohne dass wir einen Handschlag dazutun! Das schafft man mit normalem Paddeln nicht!Der Segelhafen von Ristinge ist klein, eng und bis auf den letzten Platz belegt. Eine Segelyacht hat deswegen schon außen festgemacht. Das ist ein erbärmlicher Liegeplatz, denn das Boot ist dem Wind gnadenlos ausgeliefert und wird von den Wellen gründlich durchgewalkt. Ein Handlauf ist bereits gebrochen und das hinten befestigte Beiboot bis zum Rand mit Wasser vollgeschlagen.
Obwohl ich eine Abneigung gegen Slips aus Beton habe, nutzen wir ihn, um uns aus den Booten zu pellen. Zum Glück ist der Slip durch eine dicke Schicht Seegras bedeckt — leider aber auch von dicken Wolken ekligen Schaums !Die erste Inspektion des Hafens lässt gleich Entspannung um sich greifen. Hier gibt es alles, was das Paddlerherz erfreut: Waschraum mit Toilette und Dusche, natürlich Frischwasser, zwei Shelter im Windschutz und einen Transportwagen, der unsere Boote vom Slip zu den Sheltern bringt. Leider sind in der letzten Zeit in ganz Dänemark bei allen Sheltern die Türen abmontiert worden. Vermutlich, weil sie als bewegliche Elemente regelmäßig kaputt gegangen sind und man sich die Reparatur sparen wollte. Das ist im Sommer kein großes Drama, für den Winter aber ein echtes Manko.
Wir bringen kurz die hölzerne Tisch-Bank-Kombi an die korrekte Stelle (nämlich direkt vor unsere Shelter) und kochen uns erst mal einen Tee. Nach einer ausgiebigen Entspannungspause bereiten wir das Abendbrot. Das Wetter entwickelt sich erst etwas bedrohlich, indem sehr schwarze Wolken aufziehen. In der Ferne sieht man es auch hin und wieder blitzen und manchmal rummelt es vernehmlich. Eine Dame, die offensichtlich gekommen ist, um die Anlage zu kontrollieren und nach dem Rechten zu sehen, bietet uns großzügig an, dass wir gerne auch im Aufenthaltsraum des Hafengebäudes kochen und übernachten dürfen. Aber bei uns bleibt alles trocken!Im Hafengebiet gibt es einen "Kayakomat"! Da kann sich jeder Hans und Franz einfach ein Kajak mit allem benötigtem Zubehör aus dem Verschlag ziehen und die Weltmeere bepaddeln! Der ganze Buchungsvorgang wird online abgewickelt und man kann zwischen Einer- und Zweierkajaks und SUPs wählen. Eine tolle Idee! Allerdings fehlt durch diese ganze Automatisierung etwas der Beratungs- und Einweisungsaspekt.
Als wir uns am nächsten Morgen fertig machen, erscheint eine vierköpfige Familie, die das Angebot nutzen möchte. Wir fragen vorsichtig nach ihren Plänen — der Wind weht auch heute noch eher garstig als lieblich. Aber sie möchten nur ein bisschen in der flachen und windgeschützten Bucht rumplantschen.Sie brauchen recht lange mit den Vorbereitungen, so dass sie praktisch zeitgleich mit uns aufs Wasser kommen. Immerhin haben sie eine wesentlich bessere Stelle als den Slip ausgemacht, wo man sein Boot einsetzen kann. Auch wir nutzen die Stelle nördlich des Hafengebäudes. Mutter und die beiden Kinder sind bereits auf dem Wasser und schon eine ordentliche Strecke verweht, als der Vater sein Boot einsetzt und sich hinein. Jörg erkennt sofort: "Der kentert gleich!". Er sitzt offensichtlich zum allerersten Mal im Kajak und kommt keine zehn Meter weit! Das Wasser ist lediglich knietief, aber sein Cockpit nun natürlich voll Wasser. Ich gehe zu ihm hin und unterstütze ihn etwas. Ich gebe ihm auch noch kurz eine Sechzig-Sekunden-Einweisung in die Kunst, die Weltmeere zu befahren. Und vor allem, dass er sich mit dem Paddel vom Wasser abstützen soll, wenn er droht, das Gleichgewicht zu verlieren — und nicht mit der Hand! Schließlich sage ich ihm noch, dass das Wasser warm ist, nie mehr als hüfttief, und der Wind ihn an Land spülen würde. "Have fun!".
Die Strecke von Ristinge Hav bis in den Windschatten von Strynö ist stoisches Ackern. Hier bin ich froh, zum einen dass ich selbst mittlerweile ziemlich gegenwindfest bin, vor allem aber auch, dass ich mit einem Partner unterwegs bin, von dem ich weiß, dass er ebenfalls stoisch paddeln kann, ohne den Mut zu verlieren. Man darf halt nicht den Fehler machen, bei Gegenwind so reinzuhauen, dass einem irgendwann die Luft ausgeht. Man muss einfach nur so viel Druck machen, wie man quasi unbegrenzt liefern kann — so als würde man bei Flaute paddeln.
Kurz vor der Nordspitze von Strynö ist eine kleine Lücke im Schilf, die wir zum Anlanden und Pause-machen nutzen. Wenn man hier aufs Wasser sieht, kann man schwer glauben, wie sehr wir uns von Ristinge hierher mühen mussten. Auch hier beginnt unsere Weiterfahrt wieder mit einer "Extra-Schleife": Jörg merkt irgendwann, dass ihm seine Mütze abhanden gekommen ist. Sie wartet auf uns im Wasser vor dem Strand unserer Pausenstelle.Das Wetter ist fantastisch und die Sicht ist super gut. Östlich von Strynö treiben allerlei extrem flache Inseln auf dem Wasser, die es einem schwer machen, sie zu identifizieren und sich zu orientieren. Und dann ist da noch der seltsame Knubbel, der auch aussieht, wie eine Insel, sich aber schließlich als südlichster Zipfel von Taasinge herausstellt. Da ist halt eine Steilküste, während der Rest der Umgebung extrem flach und damit unsichtbar ist.
Birkholm ist wirklich nicht groß, aber es hat einen unnötig langen Sandhaken! Es sind ganze zwei Kilometer vom Beginn des Hakens bis zum Segelhafen — völlig übertrieben! Wegen meiner Abneigung gegen Slips aus Beton gehe ich am Strand westlich des Hafeneinganges an Land. Hier steht eine kleine Brandung auf den Strand, aber es gibt wieder hilfreiche Seegras-Anhäufungen.Kurz nach unserer Ankunft tauchen zwei Kajaks auf, die mit dem Wind gereist sind: zwei dänische Paddlerinnen aus Svendborg, Tove und Lene. Sie paddeln in den Hafen und gehen über den Slip an Land. Der ist hier so flach, gutmütig und ebenfalls mit Seegras gepolstert, dass er gar keine Abneigung verdient und eindeutig die leichtere Wahl zum Anlanden darstellt!
Wir inspizieren die hier vorhandenen Shelter, aber nach einem kurzen Gespräch mit den Däninnen lassen wir ihnen den Vortritt. Sie hätten die "Sache mit dem Zelten" länger nicht mehr praktiziert und seien jetzt etwas ungeübt darin. Nach dem Abendessen gesellen sie sich noch zu uns, und es entspinnt sich eine schöne und lange Unterhaltung.Mit die größten Glücksmomente auf meinen Touren sind immer die Gelegenheiten, bei denen ich angesammelten Verpackungsmüll irgendwo nachhaltig entsorgen kann! Je größer die Menge, desto größer das Glücksgefühl! Hier auf Birkholm hat meine Gaskartusche endlich ihr letztes Butanmolekül ausgehaucht, und ich kann die leere Hülle im Hafenschuppen zu ihren Kollegen stellen! Was für ein Fest!
Lene und Tove fahren auch heute wieder mit dem Wind: zurück nach Hause östlich um Taasinge herum. Und wir fahren auch an unserem vorletzten Tag wieder gegen den Wind, der alle seine fünf Stärken einsetzt, um am Fortkommen zu hindern. Unser Kurs ist fast genau West, erstmal auf die Steilküste von Urehoved zu. Dort angekommen, wirft Jörg die Frage in den Raum, ob wir nicht von hier einfach deutlicher nach Süden steuern sollen, um dadurch zuerst den Wind etwas weniger von vorn zu haben und später dann von der Abschirmung durch die Insel zu profitieren. Mit der Karte auf dem Vordeck ist mir aber klar, dass es da eigentlich nur zusätzliche Kilometer zu gewinnen gibt. Und so fahren wir einfach in der gleichen Richtung weiter auf den nächstgelegenen Strand zu, den wir für eine ausgiebige Pause nutzen.Der Küstenverlauf von Ärö ist hier nicht besonders markant, und man kann schwer abschätzen, wie weit es noch bis zu unserem Ziel Näbbet, dem Flach an der Nordspitze der Insel, ist. Allerdings sind wir sehr überrascht, dass wir den Shelterplatz Skaaret schon nach deutlich weniger als einem Kilometer passieren. Bis Söby ist es dann auch nicht mehr weit, aber wir müssen der einlaufenden Fähre ausweichen, denn sie kommt von rechts!Ich war das letzte Mal Pfingsten 2023 auf Näbbet, hinterm Rosenbusch. Zwischen jetzt und damals war die Sturmflut — und die hat die Landschaft hier radikal verändert! Es gibt keine Erde mehr, in die man seine Zelthäringe stecken könnte, das gesamte Gebiet ist mit Steinen übersät! Zum Glück haben die Steine eine recht kooperative Größe, so dass man recht passabel darauf zelten kann. Nur die Häringe zwischen ihnen zu versenken, ist recht anspruchsvoll. Ein kleiner Spaziergang über den nahen Golfplatz beschließt den Tag.
Für unseren letzten Tag ist tatsächlich recht schwacher Wind vorhergesagt! Das hätte nicht unbedingt Not getan, aber wir nehmen dieses Geschenk gerne an! Die Querung des Kleinen Beltes ist wirklich keine große Tat mehr. Allerdings ist unser Zielpunkt nicht einfach zu finden, denn es gibt keine markante Struktur an Land, die ihn auf weite Entfernung identifizieren würde. So ist heute der erste Tag, an dem ich mein GPS-Gerät einsetze und mir die Peilung zum Parkplatz unseres Busses anzeigen lasse.Ich werfe hin und wieder einen Blick auf die angezeigten Werte und kann so auch einen Eindruck von den Strömungen gewinnen, die sich mal gegen uns richten und mal mit uns sind. Besonders direkt am Nordkapp der Insel spürt man deutlich ihre Wirkung.
Eine wirkliche Überraschung erleben wir aber ein paar Kilometer draußen auf dem Belt. Dort treffen wir plötzlich auf einen Bereich mit kurzen und spitzen Wellen, die eindeutig durch eine turbulente Strömung hervorgerufen werden. Es ist uns komplett schleierhaft, wie so ein Effekt hier fernab von erkennbaren Ursachen auftreten kann!
Als wir uns dem Ufer von Alsen schon auf weniger als zwei Kilometer genähert haben, mache ich mir etwas Sorgen. Ich kann unseren Bus bei besten Willen noch nicht am Ufer ausmachen! Dass ich mich mit meinem Wegpunkt geirrt haben könnte, schließe ich so gut wie aus. Aber vielleicht hat jemand den Bus geklaut? Das wäre doof!
Erst aus einer Entfernung von etwa einem Kilometer kann ich unseren Transporter sicher am Strand erkennen — und mich wieder entspannen!
P.S: Wir haben die Tour um einen Tag verkürzt. Am Tag nach dem Ende unserer Tour hat es von morgens bis abends ergiebig geregnet!

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