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Donnerstag, 4. Mai 2023

Wohin der Wind mich weht...

"Alles okay?". "Ja - mir geht's gut!". "Brauchst du etwas?". "Ich habe alles! Aber ganz lieben Dank für die Nachfrage!". Ich hatte die Segelyacht eigentlich schon wieder vergessen, denn ihr ursprünglicher Kurs verlief so, dass er sie in einigen hundert Metern an mir vorbeigeführt hätte. Aber offensichtlich hat der Segler mich irgendwann entdeckt und seinen Kurs um fast 180 Grad geändert, um direkt auf mich zuzufahren. Wir sind noch über zehn Kilometer südlich von Ärö entfernt, und in der Richtung, aus der ich komme, sind es über 30 Kilometer zum Land. Da ist es in etwa so unerwartet, auf ein einzelnes Seekajak zu treffen wie auf ein weißes Kaninchen auf dem Potsdamer Platz. Das gehört da auch nicht hin und man könnte schon mal nachfragen. Ich bin sehr beeindruckt, dass diese Yacht hier tatsächlich ihren Kurs drastisch ändert und einen Umweg fährt, um sich nach meinem Wohlbefinden zu erkunden. 

Geraume Zeit vorher - nämlich exakt in the middle of nowhere - hat eine richtig große Segelyacht so meinen Weg gekreuzt, dass ich meine Fahrt sogar verlangsamen musste, um sie passieren zu lassen. Dort hat man sich darüber amüsiert, dass ich mich vermutlich verfahren hätte und wohl eigentlich nach Schleimünde wollte. Auf die Idee, nach meinem Befinden zu fragen, ist dort niemand gekommen. Das muss auch gar nicht sein, aber umso mehr Respekt habe ich vor einer Mannschaft, die nachfragt.

Der erste Mai fällt dieses Jahr auf einen Montag - freitags arbeite ich eh nicht, d.h. drei Tage Urlaub ergeben zehn Tage frei! Meine Frau ist auf Kur und Anfang Mai ist das Wetter ja bekanntlich schon richtig lauschig! Das schreit erbärmlich nach einer ausgedehnten Paddeltour! Der Entschluss steht fest - losfahren will ich entweder am Verein, oder, wenn die Umstände eine Querung der Kieler Bucht zulassen, am liebsten von Bülk am nördlichen Ende der Kieler Förde - wenn ich bis zur Südspitze von Ärö will, reicht es dann auch an Entfernung!

Wo es hingehen soll, will ich allein dem Wind und meinem Gemüt überlassen - ich muss ja nichts beschicken. Außerdem möchte ich die Tour nutzen, um den Umgang mit meiner Ausrüstung systematisch zu üben. Das mag sich merkwürdig anhören für jemanden, der häufig auf Tour geht. Aber ich kann weder mein GPS noch mein Funkgerät im Schlaf bedienen, und ich weiß auch nicht verlässlich, wieviel Gas oder Proviant ich pro Tag verbrauche. Bei meinen üblichen Wochenendtouren habe ich halt immer "genug" dabei. Und bei meiner Langstreckentour von Göteborg nach Oslo haben wir einfach so viel mitgenommen, wie unsere Boote fassen konnten - und den Rest unterwegs nachgekauft. Da ist die Gelegenheit günstig, einmal sieben Tage mit Ausrüstung und Proviant bestreiten zu müssen, um genau festzustellen, was man alles braucht und ob man das auch ins Boot bekommt.

Am Beginn der Tour
Wie man aus der Einleitung unschwer erkennen kann, hat sich das Wetter so entwickelt, dass ich die Querung nach Ärö wagen kann. Letztlich sind die Bedingungen aber erst am Sonntag statt am Freitag überzeugend für einen Tourstart. Ich nutze diesmal meine andere Tochter für den Transport ans Ende der Förde - wofür habe ich zwei? Für auf Tour gehende Seekajaker sind Töchter übrigens eine durchaus lohnende Anschaffung - sie sind immer gut, einen irgendwo hin zu bringen, wo abzuholen - und wenn es ganz günstig kommt, gehen sie sogar mit auf Tour!

Da diese Tour wie gesagt in vielerlei Hinsicht der Erkundung und Erprobung dienen soll, will ich den Bericht darüber einmal gänzlich anders gestalten - nicht chronologisch sondern themenbezogen aufgefädelt.

Langstrecke - offene See

Von Bülk am nördlichen Ende der Kieler Förde bis zum südlichsten Ende von Ärö sind es 44 Kilometer. Diese Entfernung ist schon rein vom Betrag her nichts, was man mal "eben so" machen sollte. Das gehört geübt. Neben der schieren Entfernung ist eine entscheidende Randbedingung, dass man die Strecke zwangsläufig "ganz" bestreiten muss: man kann weder nach der Hälfte umdrehen (theoretisch schon - aber das erscheint mir nicht sinnvoll) noch kann man unterwegs aussteigen und sich die Beine vertreten. Man muss sich in seinem Boot also so wohl fühlen, dass man die gesamte Zeit möglichst ohne Druckstellen, Krämpfe oder Schlimmeres überlebt.

Für Paddler aus dem Raum Kiel bietet sich die Strecke vom Gelände der Kanu-Vereinigung Kiel bis zum Kieler Leuchtturm und zurück als Trainingsstrecke an. Das ist ziemlich genau diegleiche Entfernung - aber sozusagen mit Geländer, weil man unterwegs jederzeit abrechen oder Pause machen kann. Alle anderen könnten auch von Eiderstedt nach Helgoland fahren 😊 (das ist genauso weit, aber man hat die Tide als Unterstützung).

Die Entfernung lässt sich exakt angeben, die Dauer nicht ganz so exakt. Ich weiß sehr genau, wie schnell ich paddeln kann. Wenn ich alleine bei Flaute im leeren Boot unterwegs bin, zische ich mit mehr als acht Ka-Em-Ha durchs Wasser. Beladenes Boot bedeutet sieben km/h, und je nach Gegenwind wird es halt immer weniger. Wir - mein Boot und ich - sind kein besonders schnelles Gespann. Beim Start des wöchentlichen Vereinspaddeln, fahren mir immer alle davon. Aber zum einen breche ich bei Gegenwind nicht so stark ein und zum anderen kann ich meine Geschwindigkeit über einen vergleichsweise langen Zeitraum sehr konstant halten.

Das erste Stück des Diagramms ist deswegen so konstant, weil
ich das Tracking zu spät aktiviert hatte. Ich kannte aber den
genauen Startzeitpunkt und habe ihn hinterher manuell ergänzt.
Sieben Stundenkilometer bedeuten sechs Stunden und zwanzig Minuten für die Überfahrt - ohne Pausen! Sechs Stundenkilometer bedeuten sieben Stunden und zwanzig Minuten. Ich habe genau sieben Stunden benötigt - inklusive Pausen. Bevor man hier Berechnungen anstellt, sollte man unbedingt ausprobieren, ob man die angenommene Leistung über den fraglichen Zeitraum überhaupt erbringen kann. Sieben Stunden muss man also mindestens kalkulieren. Wenn es schneller geht, kann man sich freuen, aber bei Problemen kann es auch leicht acht oder gar neun Stunden dauert, bis man wieder Land unter den Füßen hat.

Das Gebiet, in dem man bei dieser Tour paddelt, wird nur sehr sparsam von anderen Verkehrsteilnehmern genutzt. Mir sind insgesamt nur drei Segelyachten in "Grußweite" begegnet. Die Berufsschifffahrt fährt weiter östlich in den Langeland-Belt, die Sportschifffahrt verkehrt eher auf der Linie Bülk-Schleimünde, weil die meisten eher dorthin oder weiter in die Flensburger Förde fahren. Im Falle von Problemen darf man also nicht zu fest damit rechnen, ohne weiteres Hilfe zu bekommen. Ich hatte ein VHF-Funkgerät mit DSC-Funktion dabei, zwei Signalraketen und eine Laser-Signalleuchte, die ein optisches SOS-Signal abgibt. Das mag overequipped erscheinen, aber eine Alleinfahrt lässt wenig Spielraum, wenn sich etwas nicht wie gewünscht entwickelt.

Die Navigation ist einerseits nicht besonders anspruchsvoll - man muss einfach einen Kurs von knapp unter zwanzig Grad halten, dann kommt man schon irgendwo auf Ärö an. Andererseits ist in Fahrtrichtung nicht viel mehr zu sehen als Wasser und Horizont, und man muss den Blick ständig auf GPS bzw. Kompass gerichtet halten. Das ist anstrengend und dem Gleichgewicht nicht zuträglich. Die Sicht bei meiner Unternehmung war nicht kristallklar aber sehr gut. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die Strukturen am Horizont eindeutig als Windräder identifizieren konnte. Etwas in Vorausrichtung zu sehen, das man anpeilen kann, ist sehr hilfreich für das Kurshalten.

Man muss wissen, wieviel Fest- und Flüssigbrennstoff man für sieben Stunden benötigt. Ich bin vermutlich der Mensch, der am wenigsten trinkt - ich habe in der Zeit nur eine Halbliterflasche mit "Blue Bull"  (das ist Red Bull für Arme von Aldi!) konsumiert. Zwar hatte ich weitere sechs Liter Wasser in Cockpit, aber die Flasche nachzufüllen wäre alleine mühselig und riskant gewesen. Das war auf jeden Fall ein Fehler und ich hätte für mehr griffbereites Getränk sorgen müssen. Ebenso war es ein Versäumnis, keine wirkliche Verpflegung griffbereit zu haben - das habe ich schlicht vergessen. So habe ich also auch nur eine Banane und zwei Snikkers zu mir genommen. Das kann man nicht als hinreichend verkaufen! Bei meiner letzten Überfahrt (zusammen mit Jörg) war es ca. 30 Grad warm und ich hatte auch nur einen halben Liter Flüssigkeit dabei. Damals musste ich die letzte Stunde mit heftigen Krämpfen in der Rumpfmuskulatur leben. Manche Menschen lernen ja aus Fehlern. Manche auch nicht...

Sieben Stunden in einer Zwangshaltung in einem viel zu kleinen Cockpit eingepfercht - ein sich kaum verändernder Blick rundherum - vorne und rechts nix, links und hinten ein fahler Hauch von Land. Das klingt irgendwie tödlich. Ich hatte tatsächlich einigen Respekt davor, ob mich die Monotonie nicht anfressen oder mürbe machen und ich in immer kürzeren Abständen auf mein GPS schauen würde, um die Restzeit und -entfernung zu checken. Aber zu meiner eigenen Überraschung verging die Zeit wie im Flug. Ich weiß noch, dass ich nach fünf Stunden so überrascht war, dass schon so viel Zeit vergangen ist, ich das meiste schon geschafft habe und der Rest nicht mehr für grundsätzliche Zweifel reichte. Ich weiß nicht, ob ich da besonders duldsam bin, oder ob es ein allgemeines Phänomen ist, dass keine Langeweile aufkommt, wenn man etwas zu tun hat - auch wenn es gleichförmig ist. Ich muss aber auch sagen, dass ich keinerlei Probleme hatte, die mich irgendwie bedrängten: ich konnte die gesamte Zeit über eine gleichmäßige Leistung bringen, meine Gliedmaßen und mein Sitzfleisch haben nicht gemurrt und seekrank bin ich auch nicht geworden. Mit irgendeinem Dorn, der beständig ins Gemüt piekst, hätte es vermutlich anders ausgesehen.

Solo

Ich bin bereits, während ich diesen Bericht schreibe, mit anderen PaddlerInnen über die Tour ins Gespräch gekommen. Ein Aspekt ist mir dabei noch einmal deutlich geworden, dem ich vorher eigentlich gar nicht groß Beachtung geschenkt habe: ich habe die Tour - und insbesondere die langen Querungen darin - solo durchgeführt. Dazu haben eigentlich alle gesagt, dass sie sich das nicht trauen würden.

Ich paddle seit Anbeginn meiner Laufbahn (auch) alleine. Und seit genau diesem Anbeginn ist mir bewusst, dass Solo-Unternehmungen immer eine ganz besondere Nummer sind. Alleine sind manchmal die kleinsten Wirbel im Raum-Zeit-Kontinuum ein so unlösbares Problem, dass die Tour daran scheitern kann, während man sie in Begleitung eines Partners kaum als Problem wahrnimmt. Das kann ein eingeklemmtes Skeg sein, ein falsch geriggtes Segel oder ein nicht funktionierendes Feuerzeug. Wer einmal alleine mitten auf bewegtem Wasser seine Paddeljacke aus- oder anziehen musste, weiß, wovon ich rede. Mit halb ausgezogener Paddeljacke über dem Kopf ohne Sicht bei Seegang die Balance - und die Nerven - zu behalten, erfordert ein gerüttelt Maß an Konzentration und Kaltblütigkeit. (In so einer Position zu kentern, wäre übrigens mal eine lohneswerte Übung!). Zu zweit ist so eine Aktion nicht der Rede wert.

Natürlich sind die Optionen bei einer Solo-Tour deutlich eingeschränkt. Aber das ist nicht das Wesentliche - das in meinen Augen Prägende ist mentaler Natur! Mitpaddler wirken in so unglaublichem Maße als psychologische Rollatoren, dass man über mögliche Komplikationen gar nicht mehr nachdenkt, während einem ohne diese Stütze ständig Gedanken über den GAU im Kopfe kreisen. Das Risiko  eines Zwischenfalles ist bei einer Solo-Tour nicht größer als mit Begleitung. Bei den Optionen für den Umgang damit fallen zwar manche weg, aber man hat nicht zwangsläufig weniger davon. Durch Erfahrung, Wissen, Technik und letztlich auch Ausrüstung kann man sich Optionen erarbeiten - egal ob Solo oder in der Gruppe. Wenn ich über die Optionen in der Gruppe nicht verfügen kann, muss ich mir für eine Solofahrt genug andere Optionen erarbeitet haben, so dass ich mir sicher bin. Sicher für den Fall des Eintritts, mit den Gefahren umgehen zu können.

Trotzdem bleibt - bei allem technischen und intellektuellem Equipment - das mentale Problem. Das kann man nur vermindern, indem man Solo-Fahrten übt. Meine ersten Fahrten gingen ja nicht über viele Kilometer freies Wasser, sondern z.B. über die Strander Bucht, bei denen ich mich einige hundert Meter vom Ufer entfernt habe. Das wurde sehr langsam immer mehr, und meine erste Fahrt zum Kieler Leuchtturm (7 Kilometer offene Ostsee) war noch sehr aufregend. Mittlerweile bin ich in viele Richtungen gereift, so dass ich erst die Reflektion über andere Paddler brauchte, um mich wieder an die Besonderheit der Alleinfahrt zu erinnern.

Was ich bei aller Reifung nicht verloren habe, ist der Respekt vor den Elementen. Letztlich habe ich die zwei Tage, die ich die Tour später angefangen und die zwei Tage, die ich früher zurückgekommen bin, aus diesem Respekt geopfert.

Segel

(Bild stammt von einer anderen Tour)
Für die Überfahrt hatte ich mir eigentlich leichten süd- bis südwestlichen Wind gewünscht - so Stärke drei bis vier. Dann ist die Entfernung überhaupt nicht mehr der Rede wert! So hatte ich das Segel erst nach etwa der Hälfte der Strecke gesetzt - und was ich sicher weiß, ist, dass es mein Vorankommen nicht behindert hat. Ob es aber geholfen hat, kann ich nicht sicher sagen😶

Es gab aber durchaus Strecken, in denen das Segel eine wirkliche Hilfe und Entlastung war. So bin ich von Falshöft bis Schleimünde und von Bülk bis zum heimischen Steg in der Innenförde durchgehend unter Segeln gefahren.

Elementar wichtig ist es, den Verlauf der ganzen Strippen vor Fahrtantritt auf Korrektheit zu überprüfen. Ist man erst einmal auf dem Wasser, hat man als Solopaddler keine Chance mehr, etwas zu richten. Durch nachlässiges Aufriggen kann das Segel unbrauchbar, im schlimmsten Fall sogar zu einer echten Behinderung  werden!

Es ist wirklich faszinierend, bei welchen Windrichtungen man das Tuch noch nutzen kann, so dass es das Vorankommen erleichtert. Und wenn es zieht, ist es eine sehr willkommene Hilfe und Erleichterung. Lange Touren werde ich nicht mehr ohne Segel bestreiten!

GPS-Gerät

Ich bin schon seit langer Zeit im Besitz unterschiedlicher Garmin GPS-Geräte. Wirklich nutzen tue ich sie aber eigentlich nur äußerst selten - z.B. um den seeseitigen Eingang zum Rummelloch zu finden oder verlässlich zur Pallas zu kommen. Zur Track-Aufzeichnung habe ich bislang immer ein kleines Gerät von Holux genutzt, einfach weil das eine deutlich längere Betriebsdauer hat als die Garmin-Geräte.

Für meine geplante Lofoten-Tour habe ich mir ein neues Gerät gekauft, das auch InmarSat-Kommunikation nutzen kann (GPSMap 86i). Das Gerät unterscheidet sich in Funktion und Bedienung nicht großartig von seinen Vorgängern, aber ich habe mir vorgenommen, mich so vertraut mit ihm zu machen, dass ich es ohne Probleme auch in rauhen Bedingungen bedienen kann.

Die Nichtvertrautheit mit der technischen Ausrüstung macht sich gleich am Anfang des ersten Tourtages bemerkbar: Das GPS-Gerät unterscheidet zwischen Start der Navigation und Start der Track-Aufzeichnung 😏. Das war mir vorher nie wirklich aufgefallen. Ein zweites Missgeschick kommt mir aber zu Hilfe: irgendwie bin ich zwischendurch zufällig so auf die Tasten gekommen, dass die Track-Aufzeichnung wenigstens nach zwei Stunden gestartet ist! Dadurch lerne ich auch die Funktion zur Tastensperre schätzen!

Besonders faszinierend und hilfreich finde ich die Funktionalität, sich die aktuelle Ablage oder Querabweichung (XTE) anzeigen zu lassen.

Wenn man sich vom GPS-Gerät zu irgendeinem Ziel navigieren lässt, dann weiß es, wo man aktuell ist und zieht von diesem Punkt zum Ziel eine "Ideallinie". Fährt man auf das Ziel zu, wird man durch Wind, Strömung oder Unachtsamkeit sehr bald von dieser Ideallinie abweichen. Dann sagt einem das GPS-Gerät: "Du bist 9m zu weit links von der Ideallinie!". Wie genau man damit Kurs halten kann, zeigen die GPS-Tracks von meiner Tour. Besonders stolz bin ich auf das Teilstück von Alsen zum Leuchtturm Falshöft, das etwa 15km schnurgerade über freies Wasser geht - und der Wind kam genau von querab!

Eine andere Beobachtung verdeutlicht, wie sehr ein GPS-Gerät die Wahrnehmung schärfen kann.

Meine Geschwindigkeit bei der Überfahrt liegt die gesamte Zeit über sechs Stundenkilometer und ist erstaunlich konstant. Allerdings gibt es eine Phase nach etwa 25 Kilometern (vier Stunden, 16 Uhr), wo sie spürbar unter sechs km/h sinkt. Da der Wind sich nicht nennenwert geändert hat und auch meine Fitness nicht eingebrochen ist, heißt das nichts anderes, als dass hier eine Strömung herrscht, die meine Geschwindigkeit bremst! Nach vier weiteren Kilometern ist der Effekt vorbei und meine alte Geschwindigkeit wiederhergestellt. Vermutlich kann man so einen Effekt nur in einem Kajak in Verbindung mit einem GPS feststellen.

Eine uneingeschränkt positive Erfahrung ist die Lebensdauer des Geräts mit einer Akkuladung. Ich hatte es auf allen Teilstrecken jeweils die gesamte Zeit über angeschaltet und aufzeichnen lassen. Der erste und letzte Tag haben jeweils etwa sieben Stunden Betrieb bedeutet. Die Batterie war danach immer noch zu etwa drei Viertel voll!

Elektronisches Equipment

VHF-Funkgerät

In Deutschland ist der Einsatz von VHF-Funkgeräten unter Kajakfahrern noch die Ausnahme. In England ist er die Regel, und für den Erwerb meiner Sea-Kayak-Leader-Lizenz von British Canoeing musste ich eines haben. So bin ich also seit einigen Jahren im Besitz eines ICOM IC-M93D EURO Funkgerätes und habe den segensreichen Nutzen unter anderem während der Tour zur Trainer C-Ausbildung schätzen gelernt. 

Auf der hier beschriebenen Tour gab es keinen Grund es einzuschalten - bis auf den letzten Tag bei der Fahrt von Schleimünde nach Bülk. Da waren dermaßen viele Marineschiffe unterwegs, die allesamt erratrisch über die Kieler Bucht kreuzten, dass es mir ratsam schien, mein Gerät einzuschalten. Auch dieses Gerät bietet eine Funktionsfülle, die man nicht bezwingt, wenn man sich nicht vorher intensiv damit vertraut macht. Um die Bedienung zu vereinfachen, habe ich mir nur zwei Favoriten-Kanäle programmiert: 16 und 69. So brauche ich insgesamt nur drei Tasten: Einschalten, Key-Lock, Kanal umschalten. Und natürlich die Sprechtaste, wenn ich tatsächlich mal was sagen möchte.

Das Gerät verfügt über eine sehr gute Rauschunterdrückung. Die funktioniert so gut, dass das Gerät stundenlang nichts sagt und man dadurch komplett vergisst, dass es eingeschaltet ist. Wenn dann aber tatsächlich mal ein Funkspruch eingeht ("Hier ist Bremen Rescue, Bremen Rescue. Esperanza - wir hören Sie laut und deutlich!"), ist der dermaßen laut, dass ich jedesmal fast aus dem Kajak gefallen wäre!

Die Akku-Lebensdauer ist auch beeindruckend! Wenn man nicht aktiv funkt, kann man es den ganzen Tag angeschaltet haben - und am Ende sagt die Akkuanzeige, dass eher nichts verbraucht ist!

Action-Cam

Lange Jahre lag meine GoPro ungenutzt im Keller. Das hat sie eigentlich nicht verdient und ich wollte sie mal wieder einsetzen. Hier musste ich als erstes lernen, dass sie sich nicht selbständig ausschaltet, wenn man sie von der Ladestation trennt. Der erste Akku war schon leer und musste ausgewechselt werden, bevor ich überhaupt gestartet bin.

Als zweites musste ich lernen, dass die Kamera auch Strom verbraucht, wenn sie nicht filmt! Wenn sie einfach eingeschaltet ist und nichts tut, ist der Akku nach drei Stunden leer! Man muss sie also zwischendurch immer ausschalten. 

Ich habe die Kamera vorne auf Deck mit einer Saugnapf-Halterung montiert. Die hält sehr verlässlich, und ich kann sie so positionieren, dass sie (kaum) beim Paddeln stört. Selbstredend ist sie zusätzlich mit einem Zeising gesichert.

Fotoapparat

Ich habe in meiner Paddellaufbahn bestimmt schon ein halbes Dutzend wasserdichte Kompaktkameras verbraucht. Wasserdicht ist halt das eine - salzwasserbeständig das andere. Meine aktuelle "kleine Kamera für immer dabei" ist eine Lumix DMC FT5. Die ist schon ziemlich gut, aber das Objektiv liegt frei und da ich sie nicht schonend behandeln kann, hat die Frontscheibe mittlerweile leider eine kleine trübe Stelle, die sich manchmal störend bemerkbar macht.

Auf dieser Fahrt habe ich auf sie verzichtet und stattdessen meine Nikon AW1 mitgenommen. Die macht natürlich die besseren Bilder, ist in der Handhabung aber deutlich aufwendiger, weil ich sie nicht wie die Kleine in die Schwimmweste stecken kann, sondern sie in einer Kameratasche unter Deck transportiere. Sie ist also eher nicht für Action-Aufnahmen tauglich

Drohne

Ich hatte auf dieser Tour das erste Mal eine Drohne mit. Ich habe sie in einem wasserdichten Koffer auf dem hinteren Lukendeckel transportiert. Die gute Nachricht ist, dass der Koffer tatsächlich wasserdicht ist! 

Eine Drohne ist hervorragend geeignet, die Landschaft und die Unternehmung spektakulär zu dokumentieren. Allerdings ist der Umgang mit dem Gerät nicht trivial und die Bearbeitung des Videomaterials hinterher ungemein aufwendig. Ich stehe mit beidem noch sehr am Anfang und muss mich noch intensiv in die Materie einarbeiten. Aber ich werde es weiter verfolgen.

Solarpanel und Powerbank

Der Umfang an technischer Ausrüstung, den man mittlerweile so mit sich rumschleppt und der auf eine Stromversorgung angewiesen ist, ist beachtlich.

(wird nachgetragen)

Verpflegung

(wird nachgetragen)

Zelt

Ebenfalls im Hinblick auf die Lofoten habe ich mir ein neues Zelt gegönnt - ein Hilleberg Jannu. Ich bin geneigt zu sagen, dass es einfach unverschämt teuer ist. Aber vielleicht ist das der Preis, den ein solide verarbeitetes Zwei-Personenzelt haben muss, wenn man auf alle hässlichen Kniffe verzichtet, die gemeinhin angewendet werden, um Produktionen so billig wie möglich zu machen. Die Frage ist dann, ob man es sich leisten will und kann, so viel Geld dafür auszugeben.

Das Zelt ist ein Traum! Von meinem bisherigen Zelt, einem Wechsel Forum 42 gibt es einen Film, wie es bei Windstärke acht aufgebaut wird. Ich habe dieses Zelt auch schon bei starkem Wind aufgebaut - aber einfach ist das nicht! Bei dem Jannu bin ich da wesentlich zuversichtlicher, dass mir die Stangen nicht auf halbem Wege wegbrechen, weil eben das Prinzip solide ist!

Allerdings muss man eingestehen, dass das Zelt kein Leichtgewicht ist und auch einiges an Volumen unter Deck in Anspruch nimmt. Irgendwas ist ja auch immer und man muss Prioritäten setzen. In Anbetracht der Üppigkeit des Stauraumes in meinem Boot, ist meine Präferenz eindeutig auf Seiten des Komforts und der "Betriebssicherheit", die mir dieses Zelt bieten.

Wetterentwicklung

(Der helle Bereich der Diagramme ist jeweils der Zeitraum, in dem ich auf dem Wasser unterwegs war.)

An den Tagen, bevor ich losgefahren bin, kam der Wind noch aus nordwestlicher Richtung. Das ist ausgesprochen ungünstig, wenn man nach Nordwesten will! Aber am Sonntag sollte ein Wechsel einsetzen. Meinen Startzeitpunkt für die Überfahrt habe ich tatsächlich optimal gewählt, denn der anfängliche leichte Gegenwind wandelte sich bald in eine Flaute und kam dann nur noch von der Seite. So erhielt ich durch den Wind zwar keinerlei Unterstützung, aber er behinderte mich auch nicht wirklich. Es war den ganzen Tag über trocken und sonnig. Die Temperatur - mit gutem Willen - gerade zweistellig.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Südsee unter Segeln (5/5)

Gestern Abend zeigten sich noch einige Segler durchaus näher interessiert an unseren Booten und unserer Unternehmung. Ein Folkebootfahrer aus Kiel war regelrecht fasziniert, was man mit so kleinen Booten unternehmen kann und wie seemännisch sie ausgerüstet sind. Auch für den eingewehten Paddler aus Schleswig lagen unsere Teilstrecken eher außerhalb seiner Vorstellungskraft. Allerdings fuhr er auch ein für seine Verhältnisse viel zu großes Boot. Damit würde auch ich weggeweht werden. Ob wir denn bei unserem Weg zurück nach Kiel die Eckernförder Bucht queren würden? Nun, nicht wirklich, war meine Entgegnung, denn beim direkten Weg nach Bülk sieht man die Eckernförder Bucht eigentlich nur aus der Ferne.

Da wir uns die Option offen halten wollen, nicht schon in Bülk unsere Reise für beendet zu erklären, sondern bei Bedarf und entsprechendem Befinden bis zum Klub durchzufahren, sind wir heute etwas früher auf den Beinen. Aber obwohl wir bereits um sieben Uhr aus den Zelten kommen, braucht es bis kurz vor zehn, bis man uns auf dem Wasser schwimmen sieht. Das lag vielleicht mit an meiner strikten Weigerung, beim Frühstück schnell zu machen, aber es hat nicht viel Energie gekostet, Jörg davon zu überzeugen, dass wir weiter auf Urlaub machen und der Tag auch so lang genug ist.

Es herrscht wie vorhergesagt ein leichter Wind aus Ostsüdost. Das kann man zwar nicht wirklich als Gegenwind bezeichnen, aber wir sind froh, dass er so lustlos bläst, dass kaum ein Segler allein auf seine weißen Tücher setzt, um sein Fortkommen sicherzustellen. Natürlich sind sie dadurch allesamt schneller als wir. Der Kurs ist nicht so ganz leicht zu bestimmen. Gewiefte Navigatoren hätten ihn vielleicht vorher mittels Seekarte bestimmt. Aber ganz gewiefte Navigatoren fahren erst einmal los und überlegen dann! Nach einigem Gepeile und Geschätze einigen wir uns auf 150 Grad. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass ich beim letzten Mal den exakten Kurs im Voraus vermessen hatte und dabei auf 156 Grad gekommen bin! Sagte ich schon, dass wir ganz gewiefte Navigatoren sind?

Zwar ist die Küste des Dänischen Wohlds von Anfang an zu sehen, aber das ist leider nur die Steilküste bei Dänisch-Nienhof, die am weitesten nach Norden ragt. Bülk liegt viel weiter östlich und ist noch längst nicht zu sehen. Ich weiß aber, dass wir die südwestliche Begrenzungstonne des Schießgebietes quasi touchieren müssen, um den korrekten Kurs zu halten. Wir tun genau das und wundern uns über eine Segelyacht, die ungeniert quer durchs Sperrgebiet fährt, obwohl mitten drin ein Marineschiff seine Runden dreht. Als wir knapp am Schießgebiet vorbei sind, nähert sich aus Richtung Damp die "Falshöft" der Wasserschutzpolizei. In einiger Entfernung von und setzen sie ein Schlauchboot auf, das auf uns zufährt. Naja, dann müssen wir ihnen eben freundlich erklären, dass wir sehr wohl wissen, was wir als Paddler hier so weit draußen tun. Aber das Boot prescht an uns vorbei auf eine weitere Segelyacht zu, die sich nicht um die gelben Sperrtonnen gekümmert hat. Eine kurze Lautsprecherdurchsage - und schon sieht man beide Boote eine Weile nebeneinander den Sachverhalt aushandeln.

Nach nicht allzu langer Zeit zeigt sich über dem Horizont ein erstaunlich langer und dünner Pinökel. Wir rätseln eine geraume Weile herum, was das sein kann, stellen verschiedene Theorien auf und finden lange keine Erklärung. Schließlich einigen wir uns darauf, dass das das Marineehrenmal in Laboe sein muss, das aus diesem Winkel betrachtet eben viel schmaler aussieht, als wir es normaler Weise gewohnt sind. Letztlich ist die Erklärung die, dass es sich tatsächlich um das Ehrenmal handelt, das durch die Sichtverhältnisse enorm über den Horizont gehoben und damit gestreckt worden ist. Dasselbe erleben wir auch noch mit dem Kieler Leuchtturm, der irgendwann quasi dreimal so lang ist, wie er gehört. Mit zunehmender Annäherung geht die Streckung zurück und die Objekte erlangen wieder ihre natürlichen Proportionen.

Zwar ist der Gegenwind nicht gewaltig, aber er ist immerhin noch geeignet, dass zwischen Bülk und dem Kieler Leuchtturm eine größere Regatta tobt. Als wir nach guten dreieinhalb Stunden Fahrt an Land gehen, sind wir stolz über unsere Geschwindigkeit bei diesen Gegebenheiten: 7,3 km/h über eine Strecke von fast dreißig Kilometern! Man gewöhnt sich eben doch recht schnell wieder an lange Paddelstrecken. Auch fühlen wir uns nicht ausgelaugt oder geschafft, eher noch nicht ganz gesättigt, was den Bewegungsdrang angeht. Also ist klar, dass wir den Rest der Strecke bis zum Klub auch noch auf eigenem Kiel zurücklegen werden - zumal wir in der Förde wieder unsere Segel zur Hilfe nehmen können. Es nötigt uns knappe zwei Stunden ab, das heimische Gewässer zu durchqueren. In der Heikendorfer Bucht ist der Wind soweit eingeschlafen, dass wir die Segel bergen und auf eigenen Antrieb bauen müssen. Es machen sich schon die ersten Vorbereitungen für die Kieler Woche bemerkbar - etliche Großsegler bevölkern bereits die Liegeplätze.

Nachdem wir unsere Boote vors Bootshaus geschafft und abgespült haben, trudeln einzelne Teilnehmer des donnerstäglichen Einsteigertrainings ein. Ich wünsche mir, dass der eine oder die andere aus diesem Kreise auch einmal soweit kommt, das er Spaß an einer solchen Unternehmung hat, wie wir sie gerade hinter uns haben.

Sonntag, 5. Juni 2016

Südsee unter Segeln (1/5)

Die Fahrt von Göteborg nach Oslo im vergangenen Jahr hat so tiefe Sehnsüchte hinterlassen, dass wir schon bald beschlossen hatten, auch in diesem Jahr eine etwas längere Tour zu unternehmen. Ziel und Zeit waren uns nicht so wichtig, Hauptsache raus und paddeln und weit...

Als Ziel setzte sich dann bald der von uns noch nicht umrundete Teil der Kieler Bucht in unseren Köpfen fest. Wir waren ja vor zwei Jahren schon um den Westteil gefahren, nun sollte die Ostflanke folgen. Als Zeit legten wir die Pfingstwoche fest - mitten im Mai ist das Wetter traditionell prima für derartige Unternehmungen.

Die Vorbereitung gestaltete sich dieses Jahr etwas schwierig. Nie bin ich im Winterhalbjahr weniger gepaddelt als heuer - allzu viel "Ablenkung" hielt mich gefangen. Immerhin habe ich es geschafft, meinen Fitness-Test rechtzeitig zu absolvieren - eine Fahrt vom Klub zum Kieler Leuchtturm nonstop in weniger als sechs Stunden. Und das Wetter blieb bis Ende April derart kalt, dass ich mich lange nicht überwinden konnte, Urlaub für die Pfingstwoche einzureichen. Am Dienstag Morgen der letzten Aprilwoche lag eine geschlossen Schneedecke im Garten. Aber am 1. Mai - genau einen Tag nachdem wir bei Regen und kaltem Wind das Regionale Sicherheitstraining absolviert hatten - begann dann der Sommer! Die Temperatur knackte teilweise die 20 Grad-Marke, die Sonne schien den ganzen Tag und ich reichte meinen Urlaub ein. Nach 10 Tagen war der Sommer leider wieder vorbei, die Temperaturen nicht mal mehr zweistellig, dafür aber die Windgeschwindigkeiten, und ich zog meinen Urlaubsantrag wieder zurück. Nachdem uns also die Eisheiligen das Vergnügen verhagelt hatten, wählten wir mit Bedacht die erste Juni-Woche als Ersatz, um ja nicht die Gültigkeit der Bauernregel mit der Schafskälte zu prüfen.

Auch mit dem ursprünglichen Ziel waren wir nicht rundherum glücklich. Nach der Querung nach Ärö hätten wir die langen, monotonen Landstriche von Lolland, der Weißenhäuser Bucht und der Probstei zu passieren. Und dann ist da noch das unsägliche Schießgebiet von Todendorf, in dem die gesamte Woche zwischen 9 und 17 Uhr potentiell geballert wird. Als wir uns klarmachten, dass der einzige Reiz an diesem Teil der Tour darin bestand, "ihn gemacht zu haben", war uns klar, dass wir das nicht brauchen. Zwar hatten wir eine Umrundung von Mön noch als Plan B erwogen, doch wegen der aufwändigen Anreise schließlich wieder verworfen. So verständigten wir uns auf eine gründliche Umrundung Ärös unter Zuhilfenahme der Dänischen Südsee.

Wie beim letzten Mal bringt uns Marie-Theres nach Bülk, allerdings etwas später als damals: erst kurz vor neun Uhr schwimmen wir auf dem spiegelblanken Wasser. Es ist sehr schwacher Wind angesagt, der aber später zu einen nicht zu vernachlässigenden Nordwind anwachsen soll. Ich hoffe insgeheim, dass dieses Auffrischen nicht allzu früh erfolgt und uns durch unsere Pläne weht. Die Sicht ist deutlich besser als beim letzen Mal, der Kieler Leuchtturm ist ohne Probleme zu sehen ebenso wie das Ostufer und Damp.

Wir fahren in einträchtigem Trott über eine überwiegend ölig glatt daliegende Wasserfläche. Ich bin überrascht, wie häufig wir Fische aufschrecken, die knapp unter der Oberfläche schwimmen. Einmal macht uns ein Hornhecht die Freude, dass er etwa 10 Meter seines Lebensweges außerhalb des Wassers zurücklegt. Wie ein kleiner, zu mager geratener Delfin schnellt er pfeilartig durch die Luft, wobei er mit der Schwanzflosse im Wasser für Vortrieb sorgt. Anfangs wollen sich so gar keine Schweinswale zeigen, aber schließlich sichten wir doch insgesamt acht bis neun dieser kleinen Torpedos.

Wir kommen gut voran, denn der vorhergesagte Nordwind verschont uns. Stattdessen unterstützt uns unerwartet eine klitzekleine südliche Brise, was wir willkommen annehmen. Da wir die mit uns
gehende Brise natürlich nicht spüren, ist uns entsprechend warm. Um wenigstens etwas Abkühlung zu bekommen, fahre ich die ganze Zeit mit geöffneter Spritzdecke. Natürlich hatte ich meine Unterschenkel nicht mit Sonnencreme bedacht, da sie ja normalerweise kein Licht zu sehen bekommen, so dass sie später krebsrot leuchten werden.

Etwa in der Mitte der Strecke kommt ein Segelboot (unter Motor, weil ja kein Wind weht) so dicht auf, dass wir in Rufweite sind. Der Skipper fragt kurz, ob mit uns alles in Ordnung sei, was wir durch Rufen und "Daumen oben" heftig bestätigen. Eine sehr aufmerksame und dezente Geste.

Alles geht problemlos und eigentlich sogar leichter und schneller als gedacht. Als wir nur noch fünf Kilometer bis zum Strand zurückzulegen haben, werde ich immer wieder von Krämpfen in der Rumpfmuskulatur geplagt. Es nützt nicht viel, sich darüber aufzuregen, man muss einfach weiter paddeln - aber sie trüben die Lebensfreude nicht unerheblich. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es sich um ein Defizit im Mineralienhaushalt handelte. Ich hatte am Vortage noch meine Hecke mit der Handschere geschnitten, was die Depots in der Muskulatur wohl sehr beansprucht hat. Und ich habe definitiv zu wenig getrunken, um den Verlust wieder auszugleichen. So quäle ich mich also die letzten Kilometer durch türkisgrünes Wasser an den Naturist-Strand bei den drei Windmühlen auf Ärö. Trotz dieses Einbruches haben wir nur knapp mehr als sechs Stunden für die Überfahrt benötigt - eine glatte Stunde weniger als beim letzten Mal!

Wir haben auf unser neuen Shelter-App entdeckt, dass es beim benachbarten Windmühlen-Tripel auch einen Übernachtungsplatz geben soll - nur eben mit Shelter. Nachdem wir eine kleine Wanderung dorthin unternommen haben, beschließen wir, ihn als Lager für die Nacht zu wählen. Den verbleibenden langen Nachmittag nutzen wir ausgiebig, die sengende Sonne zu genießen und zu entspannen. Ich trinke so viel, wie sonst in einer gesamten Woche nicht.

Montag, 9. Juni 2014

Kieler Bucht - halbrund - Westflanke (3/3)

Schleimünde  hat keine Windräder - aber einen Flaggenmast, der einem die Windrichtung verrät. Nördlich sagt der. Fast fühlen wir uns verwöhnt, wir hätten es nicht besser planen können; drei Tage ausgesetzte Touren auf dem Wasser und keine widrigen Winde, einmal fast Flaute und zweimal Rückenwind - was will man mehr.

Zusammen mit einer beträchtlichen Horde Segelyachten zwängen wir uns durch das Nadelöhr Schleimünde. Wir müssen sogar etwas zickzack fahren, um nicht mit einem der vielen weißen Rümpfe in Konflikt zu geraten. Einmal draußen nehmen wir geraden Kurs auf Bülk: 156 Grad. Aber genau genommen muss man gar nicht auf den Kompass schauen, sondern einfach nur dem Pulk der zahllosen Segler folgen, dann kann nichts schief gehen. Allerdings ist das mit dem Folgen insofern schwierig, als wir einen klitzekleinen Tuck schneller sind als unsere windabhängigen Gefährten. So lassen wir eine Yacht nach der anderen hinter uns, ernten von respektvollem, freundlichem Gruß bis hin zu demonstrativer Ignoranz das gesamte Spektrum möglicher Grußreaktionen.

Wir wollten ausdrücklich keine Rücksicht auf das Schießgebiet nehmen, das weit draußen vor Schwansen liegt. An Pfingsten wird schon nicht geschossen werden, war unser Ansatz. Aber unser direkter Kurs bringt uns exakt zur südwestlichen Begrenzungstonne des Sperrgebietes, so dass wir uns problemlos regelkonform verhalten können. Zu unserer Verwunderung kreuzt auch kein einziges Segelboot das gekennzeichnete Areal. Das habe ich auch schon anders erlebt.

Mit zunehmender Strecke dreht der Wind immer mehr auf Ost und er nimmt auch etwas zu. Das führt dazu, dass uns nach und nach alle bislang überholten Yachten wieder einholen und davonziehen. Als wir eine etwa zehnminütige Pause einlegen, können wir sehen, wie weit ein Segelboot in so einer vermeintlich kurzen Zeit kommt. Die Bedingungen sind vollkommen harmlos, fast lieblich, aber das schützt nicht vor Überraschungen. Bei irgendeinem harmlosen Manöver verhake ich mich mit dem Paddel im Wasser, so dass ich nur knapp einer Kenterung entgehe. Ich denke, ich hätte es überlebt, aber peinlich wär's schon gewesen.

Wir sind seit drei Tagen druckvoll auf langen Schlägen unterwegs. Auch heute liegt unser Pensum nur knapp unter dreißig Kilometern. Trotzdem sind wir nicht am Ende mit unseren Reserven und halten eine konstante Geschwindigkeit über die gesamte Zeit. Genau vier Stunden nach der Abfahrt in Schleimünde schlagen wir an derselben Stelle an, an der wir am Samstag morgen gestartet sind.

Sonntag, 8. Juni 2014

Kieler Bucht - halbrund - Nordflanke (2/3)

Mein erster Blick aus dem Zelt geht zu den Windrädern. Gestern waren sie alle nach Westen gerichtet, wo der Wind herkam. Nun ist ihr Kopf um 180 Grad gedreht, entprechend der Wind. Das wäre für uns eine willkommene Unterstützung. Wir wollen ziemlich genau nach Westen - nach Schleimünde. Das sind gute dreißig Kilometer über freies Wasser. Nicht so weit wie gestern, aber eben auch kein Pappenstiel.

Was sich nicht so günstig darstellt, ist der Rest des Wettergeschehens. Es hängen dunkle Wolken über dem südlichen Himmel. Das erste Grummeln, das wir vernehmen, rechnen wir noch den überraschend mannigfaltigen Lebensäußerungen der Windräder zu. Aber schließlich können wir uns nicht mehr der Erkenntnis verweigern, dass die für nachmittags vorhergesagten Gewitter sich bereits jetzt entfalten. Im Osten, in der Richtung, aus der der Wind weht, herrscht eine recht harmlos wirkende Mischung aus Blau und Weiß, aber Gewitter ziehen eben nicht mit dem Wind sondern ihm entgegen. Wenigstens bleibt es an unserem Platz trocken, so dass wir die im nächtlichen Regen nass gewordene Ausrüstung trocken einpacken können.

Allerdings machen wir den Fehler, die gesamte Ausrüstung in die Boote zu stauen, während sie noch auf der Wiese liegen. Dadurch müssen wir sie schließlich mit all ihrem Gewicht zum Wasser schleppen, was man günstigstenfalls als leichtsinnig bezeichnen kann - ehrlicher aber als schwachsinnig bezeichnen muss. Wenn hier die eine oder andere Bandscheibe die Klügere gespielt hätte, wäre unser Wochenende im weiteren alles andere als entspannt verlaufen.

Nachdem Jörg sein linkes Handgelenk nach allen Regeln orthopädischer Kunst filigran mit Duck-Tape umwickelt hat, ich ihm mit einem besonders großen Exemplar aus meiner umfangreichen Pflastersammlung die Scheuerstelle unter der Achsel versorgt habe, machen wir uns hoffnungsfroh auf den Weg. Dem Drängen nach Schleimünde stehen die Vernunft, der dunkle Himmel und unser Schiss entgegen. Wir machen allerhand Annahmen, stellen Hypothesen auf und wägen Wahrscheinlichkeiten ab. Aber im Grunde suchen wir nur Ausflüchte gegen unsere Überzeugung, dass wir unter den herrschenden Bedingungen auf gar keinen Fall eine etwa fünfstündige Überfahrt über freies Wasser machen können.

Der Kompromiss ist, dass wir uns erst mal eine Stunde dicht an der Küste von Ärö entlang hangeln und dann sehen, wie wir weiter verfahren. Die Rechnung geht auch gut auf, denn nach anfänglichem, indifferentem Aussehen des Wettergeschehens klart es so nachhaltig auf, dass wir unseren Kurs schießlich genau nach Westen richten und auf die Südspitze von Alsen zuhalten. Der Wind ist zwar mäßig, weht aber konstant aus Osten, so dass er auf dem Belt immerhin ein paar Wellen zusammenschiebt, die den langen Schlag deutlich kurzweiliger machen.

Eigentlich wollen wir direkt an Land und Pause machen, aber der Strand ist hier vollkommen steinig, so dass wir noch eine ganze Weile weiter nach Westen fahren, bis wir uns schließlich an einem Badestrand von rauschenden Wellen auf den Sand spülen lassen. Wir sind bereits eine ziemliche Weile und Strecke gepaddelt, so dass ein kleines Nickerchen in der Sonne jetzt genau das richtige für uns ist. Eine gute Stunde lassen wir uns die Sonne auf den Pelz braten, bevor wir uns auf die letzte Etappe des Tages machen.

Der Kurs nach Schleimünde ist ziemlich genau Süd und damit leicht zu halten. Erst als wir den Eingang der Flensburger Förde fast ganz überquert haben, machen wir noch einmal einen kleinen Gewittersicherheitsschwenk, um näher ans Ufer zu gelangen. Zwar fahren wir immer noch etliche hundert Meter weit draußen, aber die handvoll Jetskis, die vor dem Strand von Falshöft auf und ab fahren, hören wir schon aus kilometerweiter Entfernung. Da haben ein halbes Dutzend Menschen einen stundenlangen Spaß - und nehmen alle in weitem Umkreis befindlichen Menschen in weitem Umkreis in Geißelhaft. Ich habe kein Verständnis für solche Art von "Sportgeräten".

Das Naturschutzgebiet Schleimünde ist lange im Voraus zu sehen und man denkt, es gleich erreicht zu haben. Aber wie so oft scheint es mit der Annäherung im gleichen Maße nach hinten zu driften, so dass es ein ausgesprochen mühseliges Unterfangen ist, es einzuholen. Bei der Vorbeifahrt an seinem südlichen Ende sehen wir Zelte, die direkt an der Strandseite aufgebaut sind. Es wundert uns etwas, denn normalerweise stehen hier keine Zelte, und besonders attraktiv scheint mir diese Stelle auch nicht zu sein. Als wir am Strand des kleinen Hafens auflaufen, erahnen wir den Grund: da ist eine lange Reihe von Kajaks und Kanadiern auf dem Sand geparkt, die eine dichte Belegung des Platzes vermuten lässt. So dicht besiedelt habe ich Schleimünde noch nie erlebt. Nur mit Mühe finden wir ein Plätzchen für unsere Zelte. Immerhin hat die Giftbude geöffnet. Offensichtlich hat die Bewirtung gewechselt. Aber auch die jungen Pächter können nichts daran ändern, dass sie fast restlos leergekauft sind. Zum Glück gibt es noch genug Bier und Johannisbeersaft, so dass wir nicht komplett auf dem Trockenen sitzen bleiben.

Samstag, 7. Juni 2014

Kieler Bucht - halb rund - Ostflanke (1/3)

Die Erde und das Universum waren dem Urknall noch 40 Jahre näher, als ich das erste Mal an Schleimünde vorbei hinaus in die unendlichen Weiten der Kieler Bucht segelte. Es war ein erhebendes Gefühl, das feste Land allmählich aus dem Blick verschwinden zu sehen bis wir schließlich rundherum nur noch von Wasser umgeben waren. Seitdem hat sich das Universum um gute vierzig Lichtjahre ausgedehnt - die Kieler Bucht hingegen ist um einiges geschrumpft.

Ich war davon ausgegangen, dass ich die seit mehreren Jahren angepeilte Querung von Bülk nach Ärö alleine unternehmen würde, aber nun ist überraschend Jörg mein Begleiter. Wir haben in den letzten Wochen gezielt darauf hin trainiert, lange Strecken zu fahren und halten uns für gut vorbereitet. Marie-Theres bringt uns mit unserem gesammeltem Trödel nach Bülk. Obwohl es noch recht früh am Tag ist - noch nicht einmal halb acht - gibt es bereits keinen freien Parkplatz mehr. Alle sind mit Camping-Mobilen belegt, die bereits mindestens seit gestern Abend hier stehen. Irgendwie ja schön, dass die Leute diesen Platz so mögen, aber irgendwie entsteht auch ein komisches Gefühl, dass er mittlerweile so überlaufen ist.

Obwohl wir nur eine Sommertour machen und entsprechend leichtes Gepäck verstauen müssen, dauert es bis viertel nach Acht, bis wir tatsächlich auf dem Wasser dümpeln. Ein wesentlicher Grund ist die um diese Uhrzeit noch verschlossen Toilette, ein Umstand, der umständliche Geländeerkundungen nach sich zieht.


Es herrscht erstaunlich frischer Nord- sprich Gegenwind. Das ist eher am oberen Ende dessen, was man aus der Vorhersage hätte herauslesen können. Es ist deutlich mehr, als mir gegen Ende meiner Unternehmung entgegenblies, als ich weiland von südlich Olpenitz nach Ärö gepaddelt bin. Damals hat mich dieser Gegenwind gehörig genervt und sehr an meinen Reserven gezerrt. Heute habe ich absolut keine Bedenken, dass wir es notfalls auch dann schaffen, wenn der Wind weder nachlässt noch seine Richtung zu unseren Gunsten ändert.

(auf diesem Bild ist ein Frachter versteckt!)
Die Sicht ist noch nicht überragend. Der Kieler Leuchtturm ist nicht zu sehen, und an manchmal nur
schemenhaft zu sehenden Frachtern kann man erkennen, dass noch Seenebel herrscht. Wir sind nicht in Sorge darüber, denn auf unserer Fahrtstrecke liegen keine Schifffahrtswege, die wir kreuzen müssten. Ich habe mein GPS sorgfältig programmiert - aber hier gibt es nicht viel zu programmieren, denn es liegen 43 Kilometer blaues Wasser vor uns mit wenig markierbaren Eigenschaften. Einzig genau in halber Entfernung zwischen Start und Ziel liegen zwei Tonnen - eine rot eine grün, wie sich das gehört. Allerdings sind beide fast zehn Kilometer voneinander entfernt und die gerade Linie unseres Kurses geht genau mittig zwischen ihnen hindurch. Es ist also nicht einmal sicher, ob wir diese beiden maritimen Markierungen überhaupt zu sehen bekommen.

Uns ist beiden klar, dass wir hier keine Rekorde bezüglich der Geschwindigkeit aufstellen können. Wir  müssen einen nachhaltigen Paddelstil entwickeln, wenn wir, ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen, auf der anderen Seite des blauen Wassers ankommen wollen. Wenn man seeehr weite Strecken paddelt, bleibt einem einfach keine andere Wahl, als dass jeder seine "intrinsische Geschwindigkeit" fährt. Alles andere würde Geist und Körper einem ständigen Stress aussetzen, der die Unternehmung am Ende insgesamt gefährdet. Fährt einer schneller als der andere, ist der langsamere immer versucht aufzuschließen, der vordere ist (manchmal) versucht, seinen Rythmus zu unterbrechen und zu warten. Beides zerstört den Flow, der sich einstellt, wenn man inneres und äußeres Schwingen in Einklang gebracht hat. Daher wäre meine Taktik eher, gemeinsame Zeiten zu verabreden, nach denen man zu kurzen Pausen zusammenkommt, als dass man ständig versucht, die unterschiedlichen Tempi mit Gewalt zu synchronisieren. Jörg  und ich haben aber im Laufe der Jahre zum einen eine quasi identische Grundgeschwindigkeit entwickelt, zum anderen haben wir alle Rennen zwischen uns schon ausgetragen - und jeder weiß, dass er den anderen nicht unter den Tisch paddeln kann. So können wir also sowohl in jeweils innerem Einklang als auch in äußerer Eintracht nebeneinander schwingen. Unser Problem ist eher, dass die Ostsee zu schmal für uns beide ist, so dass wir uns manchmal zu dicht kommen und sich unsere Paddeln miteinander verhaken. Aber auch dieses Problem bekommen wir mit zunehmender Schwingungsdauer immer besser in den Griff.

Die Sicht ist kontinuierlich klarer geworden, wir können die Steilküste von Stohl ständig hinter uns erkennen. Schwansen im Westen ist ebenfalls gut zu sehen, und als wir nach zwei Stunden unsere erste kurze Pause einlegen, ist Ärö im Norden vor uns auch bereits auszumachen. Nur nach Osten ist kein Land zu erkennen - dort haben wir tatsächlich so etwas wie offene See. Schiffsverkehr findet keiner statt, nur ab und zu sieht man mal ein Segelboot unseren Kurs queren, keines nah genug, dass man der Besatzung in die Augen blicken könnte. Der Wind lässt immer weiter nach, die Wellen zwingen uns zwar noch dazu, uns während der Pause gegenseitig zu stabilisieren, sind aber klein genug, dass wir die Spritzdecke offen lassen können. Heute wäre Helgoland-Wetter - aber auf der Nordsee herrschen heute andere Verhältnisse.

Das Nachlassen des Windes geht soweit, dass die Ostsee schließlich eine Cellophanoberfläche hat, die ölig auf und ab schwellt. Unser Ziel zeigt mittlerweile schon deutlich mehr Strukturen als nur ein milchig blasses Etwas auf dem Rand der Kimm. Aber es ist uns bewusst, dass das vermeintlich schnelle Näherkommen irgendwann umschlagen wird in ein verbissenes Wehren gegen die Annäherung. Vorerst sind wir hoch zufrieden mit unserer Vorstellung und schätzen unsere Geschwindigkeit auf annähernd sieben Kilometer pro Stunde. Demnach müssten wir uns nach vier Stunden in etwa auf der Mitte zwischen den beiden Fahrwassertonnen befinden. Wir machen die zweite Pause und halten nach den beiden Blechkameraden Ausschau. Es herrscht fast wolkenloser Himmel und immer noch absolute Windstille, gegenseitiges Festhalten wäre nun vollkommen übertrieben. Schon während des Paddelns zeigten sich immer wieder Fische in unserer Nähe, nun sieht man überall die Rückenflossen grätenführender Genossen die glatte Oberfläche stören, irgendwann zeigt sich der erste Schweinswal. Wir müssen unsere Pause direkt in deren Wohnzimmer gelegt haben, denn nach und nach tauchen überall ihre Rückenflossen auf. Sie kommen nicht nur flüchtig aus dem Wasser und tauchen wieder unter, nein, sie nutzen die gute Gelegenheit, tauchen auf, verharren dümpelnd an der Oberfläche und lassen sich die wohlig wärmende Sonne auf den nicht vorhandenen Pelz brennen.

Wir sind hier genau mitten im Nirgendwo, zurück wäre genauso weit wie voran. Aber die Kieler Bucht erscheint mir nicht mehr als endlose Weite, sondern ist zu einem ohne große Mühe und Risiko mit dem Kajak zu befahrenden Gewässer zusammengeschnurrt. Wir sehen an drei Seiten des Horizontes Land: Dänischer Wohld, Schwansen, Alsen, Ärö und Langeland sind ohne Probleme zu erkennen und zu erreichen. In dem um 40 Lichtjahre kleineren Universum hätte ich das nie für möglich gehalten! Was Training, Erfahrung und gereifte Technik vermögen, ist ausgesprochen faszinierend.

Jörg macht sich etwas Sorgen um sein linkes Daumengrundgelenk. Es besteht noch kein Problem, aber es macht sein Unbehagen über die aktuelle Belastung bemerkbar, und wir wollen ja auch noch die kommenden Tage ausgiebig paddeln. Wir werden dem Unbehagen Rechnung tragen müssen.

Die letzten drei Stunden ist Ärö praktisch zum Greifen nahe. Aber die Tatsache, dass die Pfeiler aller drei Windräder an unserem anvisierten Landeplatz noch im Wasser zu stehen scheinen, sagt uns, dass da noch ein Teil der Insel unter dem Horizont liegen muss und wir noch nicht gar so dicht am Ziel sein können. Nachdem die Windräder schließlich allesamt auf dem Trockenen stehen, könnte man die Entfernung auf wenige hundert Meter schätzen - wenn da nicht die klitzekleinen Segelyachten wären, die vor der Insel herumkreuzen. Wenn das keine Modellboote sind, wird es wohl immer noch weiter weg sein, es es nach unserem Bedarf der Fall sein müsste. Beharrlicher und bestimmungsmäßiger Einsatz der Paddelblätter lässt schließlich einige rosa Stifte auftauchen: die ersten Badegäste am Strand sind auszumachen! Nach genau sieben Stunden Fahrt erreichen wir stolz und glücklich den Übernachtungsplatz an den drei Windmühlen.

Der Strand ist ein "Naturist Strand", d.h. dass man hier ohne Textilien rumläuft. Wir schließen uns dem Trend an - nicht unbedingt aus Überzeugung sondern eher aus der schlichten Tatsache, dass wir keine Badehosen dabei haben und nehmen ein erfrischendes Bad in der Ostsee. Nachdem ein Linienbus schließlich die dänischen Naturisten abholt, sind wir praktisch alleine auf  unserer Zeltwiese.Unser Abendessen zelebrieren wir an der Tisch-Bank-Kombination des benachbarten Parkplatzes - ein Luxus, der sehr zur Entspannung der müden Muskeln beiträgt. Aufgrund des langen Tages ist es nicht verwunderlich, dass wir bald in unsern Nylonhütten verschwinden, um im fauchenden Rauschen der Windräder in die verdiente Nachtruhe zu gleiten.