Montag, 13. Juli 2026

Sylt — Amrum — Hooge

Peter wollte einmal wieder eine "richtige" Nordseetour machen! Nicht nur auf ein Wochenende begrenzt und nicht durch die ewig gleichen Rinnen rudern. Dafür ist es nicht so leicht, Mitfahrer zu finden. Aber Jörg und ich sind Rentner — und Ulrich ist selbständig und kann sich selbst freigeben, wann er will. Leider sind aber die beiden weiteren Teilnehmer, Wind und Tide, nicht ganz so kooperativ, wie wir uns das gewünscht hätten. So kommt nach intensivem, multilateralem Ge-Chatte doch wieder ein schon bekannter Tourverlauf zu stande: von Südwesthörn aus nördlich um Föhr herum nach Hörnum. Dann irgendwie an Amrum vorbei nach Hooge und schließlich irgendwo ans Festland zurück.

2009 hatten wir diese Tour schon einmal unternommen — mit Trenk statt Ulrich als Teilnehmer. Damals sind wir erst spät abends gestartet und hatten auf dem Hinweg Windstärke sechs genau von hinten. Heute ist Hochwasser gegen Mittag, auf das wir unseren Startzeitpunkt legen. Die Parksituation in Südwesthörn ist sehr entspannt. Es gibt reichlich Möglichkeiten, und keine kostet eine Gebühr. Allerdings geht mir auf unerklärliche Weise der Sicherungssplint verloren, der dafür sorgt, dass die Räder meines Bootswagens nicht unmotiviert von der Achse springen. Für mich ebenso unerklärlich aber glücklicherweise hat Peter genau so ein Exemplar als Ersatz mit! Sonst hätte ich später auf Hooge etwas alt ausgesehen.

Vom Sielhafen aus wollen wir irgendwie westlich fahren — so lange, bis wir auf den Priggenweg stoßen. Der lässt sich erst recht spät erkennen und wir müssen unseren Kurs leich korrigieren, um nicht zu weit nördlich zu gelangen. Bald danach zeigt sich auch die Tonne 29 des Hörnumtiefs, die wir erst einmal ansteuern, um eine gesicherte Position zu haben. Da wir die Tonne 27 schon "links" liegen lassen haben, gehe ich bei der nächsten Tonne lieber auf Nummer sicher und fahre sie so dicht an, dass ich ihre Bezeichnung ablesen kann: 25a. Im Grunde kann nicht viel schief gehen, wenn wir immer dem Fahrwasser folgen. Aber direkt östlich von Hörnum sind große Muschelzuchtgebiete, die man auf jeden Fall umfahren muss. Wegen des ablaufenden Wassers ist es ratsam, die Umfahrung nördlich zu legen, weil man sonst am Schluss eine erhebliche Strecke gegen den Tidenstrom fahren muss. Dazu sollte man nach Passieren der Tonne 23 das Verfolgen des Fahrwassers aufgeben und direkt nach Westen steuern.

Die Markierungen der Muschelfelder sind alles andere als leicht zu durchschauen. Und in und zwischen ihnen verkehren ständig diverse Arbeitsschiffe. Das macht das Navigieren etwas unentspannt, weil man allem ausweichen möchte, aber manchmal nicht so genau weiß, ob man sich jetzt gerade zwischen zwei Feldern befindet oder mitten in einem drin. Wir schaffen es aber, ohne Zwischenfälle in den Hafen von Hörnum einzulaufen. Der hat so gar nichts von dem Flair, das man von Sylt eigentlich erwarten würde. Stattdessen empfängt einen eine stark sanierungsbedürftige Industrieanlage, um dessen Aufbereitung sich die Erzeugergemeinschaft der Muschelfischer mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung streitet. 

Aber trotz des eher tristen Erscheinungsbildes werden wir noch auf dem Wasser direkt vom Hafenmeister überaus freundlich begrüßt und eingewiesen. Die Boote bleiben auf den Schwimmstegen liegen, unsere Zelte können wir auf der Wiese des Sylter Yacht Clubs aufstellen. Die hier gebotene Infrastruktur ist bemerkenswert: Toiletten und Duschen vom Feinsten, und es gibt sogar eine Waschmaschine und einen Trockner! So abgesichert können wir wunderbar lauschigem Wetter der Entspannung Gelegenheit geben, tief ins Gemüt zu sickern. Am Abend gehen Jörg und ich noch in eines der (wenigen) Restaurants, das auch nach 19 Uhr noch geöffnet hat. Wie es aussieht, ist es wohl nicht leicht (oder nicht notwendig?), den Betrieb bis spät in den Abend aufrecht zu erhalten.

Am Sonntag ist Hochwasser um 12:30 Uhr. Wir wollen zwischen Amrum und Föhr hindurch fahren und uns dort mit dem Ebbstrom nach Wittdühn saugen lassen. Von dort wollen wir dann mit dem letzten ablaufenden Wasser die Norderaue queren, um nach dem Strömungskipp in die Süderaue einzulaufen, die uns schließlich nach Hooge bringt.

Wir einigen uns auf eine Startzeit von 11:30 Uhr. Das dann noch auflaufende Wasser ist Garantie dafür, dass wir nicht westlich an Amrum vorbeigeschwemmt, sondern eher etwas in Richtung Festland gedrückt werden. Als erstes müssen wir wieder die Muschelfelder umgehen. Die vielen Stangen, die hier in den Meeresgrund gerammt sind, geben einen guten Anhalt, wie sehr uns der Strom noch nach Osten versetzt. Der Wind, der mit fünf Beaufort aus Nordwest weht und teils recht beachtliche Wellen zusammenschiebt, macht das Kurshalten auch nicht leichter. Nach Passieren der letzten Felder gibt Peter die Devise aus, dass wir einfach gar nicht mehr großartig vorhalten, weil die Stromrichtung sich sowieso demnächst umkehrt und uns dann in die richtige Richtung spült. Genial Idee! Hätte von mir sein können😃!

Als wir das Hörnumtief halb gequert haben, können wir ganz deutlich die Kormoraninsel im Osten erkennen — und das bei genau Hochwasser! Da ist eigentlich nichts spektakuläres dran — außer der Tatsache, dass diese "Insel" zwar auf meiner 25 Jahre alten Seekarte verzeichnet ist, nicht aber auf Ulrichs tagesaktuellem Ausdruck der Wattpaddler-Seekarte! Selbst auf Google-Earth kann man sie eindeutig sehen, und sie ist sogar als solche bezeichnet. Da liegt doch irgend etwas mit den zu Grunde liegenden Daten im Argen!

Nach dem Passieren von Amrum-Odde wird das Wellenbild deutlich ruhiger. Hier müssen wir nur noch bis Wittdün paddeln, Wind und Strom sind gnädig mit uns. Das Wasser hat gerade seinen höchsten Stand und ich entscheide mich, Wittdün mehr oder minder direkt anzusteuern. Die anderen drei wenden sich etwas nach Osten, um im Amrumtief zu fahren. Ich habe überall reichlich Wasser unter meinem Schiff, lediglich kurz vor dem Fähranleger stoße ich auf dem Hubsand mit meinem Paddel auf den Grund. Der Priel läuft hier wirklich sehr, sehr dicht unter Land und ich will den Umweg nicht machen. Ich komme ohne Probleme durch — eine viertel Stunde später hätte ich hier vermutlich aussteigen und mein Boot ziehen müssen.

Kommentar eines Passanten: "Die
leben aber schon noch, oder?"


Es ist kurz nach zwei Uhr, als ich in Wittdün auf Land laufe, Strömungskipp ist etwa um 18 Uhr. Wir hatten geplant, um 17 Uhr hier loszufahren. Das  bedeutet eine längere Entspannungspause! Als erstes ist ein Eis fällig! Peter kennt den amtlichen Eisladen von Wittdün, wo ich mir eine Waffel mit zwei Kugeln bestelle. Die sind echt üppig, und ich bin fast damit überfordert, schnell genug zu schlecken, bevor mir die Kugeln aus der Waffel schmelzen. Aber lecker war's! Danach müssen wir uns ins Gras legen und mit geschlossenen Augen dem Wasser beim Ablaufen zusehen.

Leider führt das Ablaufen des Wassers dazu, dass wir unsere Boote ein ganzes Stück schleppen müssen, bevor wir sie wieder in die Nordsee setzen können. Aber mit vier Mann und meinen prima Tragegurten ist das schnell erledigt! Eigentlich wollten wir die Tonne SA 6 ansteuern, aber die gibt sich erst recht spät zu erkennen, und wir landen etwas nördlich von ihr. Wir machen uns keine großen Gedanken darüber, denn hier ist, soweit das Auge reicht, überall Wasser. Leider reicht das Auge nicht sehr weit Richung Meeresgrund — und der kommt uns tatsächlich kurz so nahe, dass ich ihn mit dem Paddel berühre und Ulrich einmal sogar aufsetzt. Da reicht doch so ein blöder, schmaler Haken des Schweinerückens verdammt weit nach Westen hinaus!

Unsere Geschwindigkeit beim Queren der Süderaue beträgt um die fünf Stundenkilometer. Das spricht sehr dafür, dass hier das Wasser hier tatsächlich noch abläuft. Erst als wir dicht vor dem Jappsand ins Hoogefahrwasser einschwenken, fängt der Strom an, uns zu schieben. 

Wir erreichen Hooge quasi bei Niedrigwasser. Wer die Verhältnisse hier kennt, weiß, dass das kein wirkliches Vergnügen ist. Die Einfahrt in den Hafen liegt komplett trocken und die Wattflächen östlich davon warten mit knietiefem Schlick auf unzeitige Paddler! Ich fahre noch ein ganzen Stückchen nach Osten, wo der Schlick nicht ganz so tief ist und sinke nicht mal bis zu Knöchel ein. Ich kann sogar mein Boot alleine auf dem Bootswagen an Land und dort auf dem Muschelstrand entlang rollern. Die anderen haben es inzwischen aufgegeben, ihre Boote mittels Bootswagen durch den tiefen Schlick zu würgen — wir tragen sie letztlich zu viert mit den Tragegurten über den Deich.

Das Rollern um den Hafen herum bis zum Zeltplatz am Stelzenhaus ist eigentlich kaum der Rede wert. Aber Ulrich muss erkennen, dass ein Bootswagen, der nur unter dem Bug des Bootes angebracht werden kann, leider dazu führt, dass man zwei Drittel des Gesamtgewichtes am langen Arm tragen muss. Und da werden die 500 Meter verdammt lang!

Da absehbar war, dass wir spät am Tag auf Hooge ankommen würden, haben wir gar nicht erst den Versuch gemacht, im Friesenpesel unser traditionelles Lammfilet einzunehmen. Stattdessen kochen wir halt selbst etwas leckeres — allerdings habe ich vergessen, was das war😐.

Für unseren Rückreisetag ist nördlicher, aber schwacher Wind angesagt. Im Prinzip müssten wir bis Südwesthörn, denn dort stehen unsere Autos. Mit dem Paddelboot ist das aber elend weit weg und der Weg dahin bietet unter den herrschenden Bedingungen wenig reizvolles. Dagebüll wäre auch eine Option als Ziel, und von dort dann mit dem Taxi weiter. Aber das ist paddeltechnisch nur etwa eine Stunde weniger — und die würde man mit der Taxi-Option locker wieder verbrauchen. Also beschließen wir, einfach nach Schlüttsiel zu paddeln und uns ein Taxi nach dort zu bestellen. Das entspannt die ganze Aktion deutlich!

Ich habe einen ganzen Stapel Seekarten eingepackt und vermutlich auch eine für unsere geplante Strecke. Aber die bin ich nun schon so viele dutzendmale gepaddelt, dass ich mir nicht die Mühe mache, sie rauszusuchen und in meine Kartentasche zu friemeln. Außerdem herrscht Sonnenschein und gute Sicht! 

Das Wasser ist bereits hoch genug aufgelaufen, so dass wir dass Hoogefahrwasser queren und direkt in die Süderaue einfädeln. Dort erfasst uns auch gleich der Flutstrom und beschleunigt uns spürbar. Irgendwann noch deutlich vor Gröde sage ich zu Peter: "Guck mal, in der Richtung, in die wir fahren, ist der Horizont mit irgendeinem Blurr-Filter unterlegt!". Tatsächlich ist die Sicht in Richtung Osten nicht mehr wirklich gut — und sie wird rasant schlechter!

Es dauert keine zehn Minuten, und wir sind komplett vom Nebel eingeschlossen! Nirgendwo kein Land zu sehen! Soviel zum Thema: "Ich brauch' keine Seekarte!". Ich schalte als erstes mein GPS-Gerät und mein Funkgerät ein. Nach kurzer Zeit krächzt eine Meldung "To all Stations" aus dem Lautsprecher: "Vorsicht Nebel!". Das hätten wir sonst gar nicht gemerkt! 

Ich nutze das GPS-Gerät lediglich, um meine Position auf der Seekarte zu checken — nicht zur Navigation. Das übernimmt Ulrich, der uns nach jeder Tonne sagt, welchen Kurs wir fahren müssen, um die nächste zu treffen. So tasten wir uns weiter nach vorne, vorsichtig Ausschau haltend nach Fähren und anderen harten Gegenständen, die unangenehm werden könnten. Es begegnet uns auch tatsächlich ein Objekt! Wir halten es Anfangs für eine Fähre, aber es entpuppt sich als recht kleines Motorboot, auf dem eine Familie durchs Unsichtige schippert. Eigentlich müsste es mindestens alle zwei Minuten ein Schallsignal geben! Aber andererseits müssten wir das eigentlich auch!

So schnell, wie der Nebel entstanden ist, löst er sich auch wieder auf. Es war eine interessante Erfahrung, dass so eine Situation eintreten kann, auch wenn das Wetter und die Vorhersage sie absolut nicht erwarten lassen! Den Hafen von Schlüttsiel erreichen wir bei klarer Sicht und wunderbarem Wetter. Der Taxifahrer wundert sich etwas über die selten georderte Strecke von hier nach Südwesthörn. Mit fünfzig Euro ist die Sache beglichen. Warten aufs Taxi, umziehen, Autos aus Südwesthörn ranrudern, Sachen packen und verstauen sind so zügig erledigt, dass wir noch Zeit finden, uns ins Sielrestaurant zu setzen und gemütlich einen abschließenden Tee zu trinken.

GPS-Daten hier

Sonntag, 5. Juli 2026

Technik-Wochenende

Für dieses Jahr hatte ich ein Sabbatical für mich angekündigt. Ich wollte keine Termine im Vorhinein festlegen und keine Kurse übernehmen. Lediglich die EPP 4 - Prüfung, die ich schon im vergangenen Jahr mit Elke vereinbart hatte, stand als Pflock in meinem Kalender. Insbesondere für den Anfänger-Kurs hat das erst mal ein trockenes Schlucken bei den Verantwortlichen verursacht. Aber nachdem ich das über zwanzig Jahre stoisch durchgeführt habe, war es auch mal an der Zeit für eine Veränderung. Und am Ende hat sich alles wunderbar gefügt.

Naja — und dann hat mich Betzi noch überredet, ein Technik-Wochenende für Fortgeschrittene mit ihr zusammen zu veranstalten. Die Vorbereitung gestaltete sich etwas sperrig, weil wir ein Standquartier mit einiger Infrastruktur gesucht haben, um den Teilnehmern nicht allzu rustikales Leben zuzumuten. Die Recherche bei den einschlägigen Camping-Plätzen war aufwändig und letztlich nicht überzeugend. Außerdem wären erhebliche Kosten entstanden, die wir erst einmal hätten vorstrecken und später von den Teilnehmern eintreiben müssen.

Also haben wir erst  mal nach Interesse an einer Teilnahme gefragt und der Bereitschaft, auch mit einem rustikalen Übernachtungsplatz Vorlieb zu nehmen. Die Rückmeldungen kamen anfangs sehr sparsam — nur drei Nasen! Einige Wochen später meldeten sich Kerstin und Jonathan noch an. Damit war zumindest unser unteres Limit von sechs Teilnehmern fast erreicht. Und alle waren entspannt, was den Komfort für den Übernachtungsplatz anging. Auch die Lage an der Transportfront war sehr komod: es standen genügend Fahrzeuge zur Verfügung mit reichlich Platz auf den Dächern für die zu transportierenden Boote. In den letzten zwei Tagen vor dem Termin wurde es dann aber noch einmal eng: zuerst meldete Hela noch ihre Tochter Janne an und dann wollte auch Hannah noch mit. Damit war die Sache mit dem Transport eigentlich geplatzt — bis am Abend der Vorbesprechung auch noch Dirk sein Interesse bekundete mitzumachen! Wie durch ein Wunder hatten wir damit genug Plätze für alle Teilnehmer inklusive ihrer Boote!

Die inhaltliche Vorbereitung dagegen war denkbar simpel: "Wir fragen die Teilnehmer, was sie gerne machen wollen und improvisieren dann!".

Unser Standquartier soll der primitive Übernachtungsplatz direkt neben dem Segelhafen von Hörup Hav sein. Die Windvorhersage für das Wochenende liegt durchgehend im Bereich von neun bis zehn Metern pro Sekunde aus westlichen Richtungen. Bei der Vorbesprechung stelle ich die Option in den Raum, dass wir am Freitag Abend noch versuchen könnten, um die südwestliche Ecke von Kegnäs herum ein Stück die Küste entlang paddeln könnten. Hier bestünde dann die Chance auf brechende Wellen, in denen wir Surfen üben könnten. Ich sage aber ausdrücklich, dass das nur eine Option ist und wir erst in der akuten Situation nach unserem Befinden entscheiden werden, wie weit wir gehen.

Der Platz ist ideal für unser Vorhaben: eine große Wiese direkt am Wasser! Es gibt zwei Abfalleimer und zwei Tisch-Bank-Kombis. Eine öffentliche Toilette ist ca. 200m entfernt im Hafen. Man kann auch eine Hafenkarte lösen und hat dann Zugang zu den Sanitäranlagen des Segelhafens. Wenn das kein Komfort ist! Lediglich die Sache mit dem "direkt am Wasser" ist heute etwas "relativ": Der stramme Westwind hat das Wasser leider so weit nach Osten geweht, dass wir unsere Boote ein erkleckliches Stück schleppen müssen, bis sie schwimmen!

Nachdem wir die Zelte aufgerichtet und uns eingerichtet haben, geht es daran, die angekündigte Option zu testen. Direkt vor der Zeltwiese sind wir vom Wind noch leidlich geschützt. Aber schon sehr bald zeigt sich, dass er doch grimmig weht und man sehr arbeiten muss, um gegen ihn anzukommen. Für Angela ist es bald eher Kampf als Arbeit und sie entscheidet sich vernünftigerweise für den Rückzug. Ich weise die Gruppe an, eine 360-Grad-Wende auf der Stelle zu fahren. Das bekommen alle problemlos hin, aber man sieht schon, dass sie im Umgang mit gutem Wind nicht unbedingt viel Übung haben.

Hier beerdige ich den Gedanken, um die Ecke der Halbinsel zu fahren und dann mit dem Wind nach Osten zu surfen. Das würde bedeuten, dass wir eine lange Strecke gegen den Wind wieder zurückpaddeln müssten. Stattdessen fahre ich dichter unter Land und dort noch etwas nach Westen. Mit dieser gewonnenen Höhe geht es mit dem kräftigen Wind zurück Richtung Zeltplatz. Das ist vollkommen hinreichend, um das Fahren mit Rückenwind zu üben. Niemand hat große Schwierigkeiten, aber auch hier zeigt sich, dass das nicht allzu oft praktiziert wird und die Stütztechnik noch stark verbessert werden kann.

Betzi hatte angeboten, dass man heute schon mal den Wiedereinstieg üben könnte — immerhin hat man nicht häufig die Gelegenheit, das mal unter fordernden Bedingungen zu üben. Das Angebot wird bereitwillig angenommen. Es werden zwar nur elementare Dinge geübt, aber um überhaupt wieder ins Thema zu kommen, ist das genau richtig. Danach geht es mit dem Wind zurück zum Übernachtungsplatz.

Interessant war an unserer Aktion noch, dass wir während einer langen Phase ohne aktives Paddeln quasi nur nach Süden verdriftet sind — also nicht in Windrichtung, die uns nach Osten hätte driften müssen. Das rührt von dem Umstand her, dass eine kräftige Strömung aus der Bucht heraus geht! Das Wasser kann ja nicht über den Damm, sondern muss gegen den Wind in die offene Ostsee flüchten!

Als wir wieder an Land sind, ist auch Hannah eingetroffen, die halt noch länger arbeiten musste und separat angereist ist. Wir versammeln uns am Tisch, um jeder sein Abendessen zu zelebieren. Die Ansätze hierzu sind jeweils sehr unterschiedlich gestrickt. Ich bin auf Touren vorwiegend hungrig, dahinter tritt der Genussfaktor etwas zurück. Also habe ich immer etwas einfach und schnell Zuzubereitendes dabei, das im Nu heiß ist und gegessen werden kann. Kerstin und Jonathan fahren frisches Gemüse auf und auch sonst allerlei Zeug, was lange gekocht werden will. Als sie soweit sind, ist es schon fast dunkel....

Am Samstag Morgen hat sich das Wasser etwas zurück getraut, und wir sind froh, nicht so weit wie gestern schleppen zu müssen. Heute stehen alle Techniken auf dem Plan, die man beim Paddeln benötigt und die einem sehr hilfreich sein können.

Neben energischem Rückwärtsfahren und dem Vertiefen und Verbessern des Bogenschlags steht vor allem erst mal Schleppen auf dem Programm. Kaum ist das Stichwort gefallen, bringen alle ihre Schleppleine in Stellung. Auf meine Frage, bei welchen Gelegenheiten denn geschleppt werden muss, werden allerlei mögliche Anlässe aufgezählt. Die sind alle korrekt, aber meistens doch eher Extremfälle, mit denen man eher selten konfrontiert wird. Die häufigsten Fälle sind sehr unscheinbarer Natur und meistens viel besser und schneller ohne Schleppleine entschärft. Also üben wir Push & Pull, V-Push, Umgang mit einer kurzen Schleppleine oder ein Paddler legt sich einfach auf Bug oder Heck eines Partners und lässt sich aus der prekären Zone schleppen.

Für das Schleppen mit Leine positionieren Betzi und ich uns als Felsen ortsfest im Wasser. Die Teilnehmer sollen ihre Last um uns herum schleppen und dabei die Wirkung des nicht unerheblichen Windes beachten. Ein besonderer Wunsch der Teilnehmer war, die "Hand of God"-Methode mal auszuprobieren. Zum Glück stellt Angela sich als Opfer dafür zur Verfügung! Ich demonstriere die Übung ein paarmal mit ihr und weise eindringlich auf die zu beachtenden Punkte hin. Wenn man die beachtet, dauert der Vorgang wirklich nur kurze Zeit und man bekommt auch "Opfer" wieder an die Oberfläche, die deutlich schwerer sind als man selbst. Das kritische ist aber das Anfahren! Ich habe es selbst mehrfach erlebt, dass Paddler nach einer Kenterung nicht aus ihrem Cockpit gekommen sind und ich, so schnell ich konnte, hinhechten musste. Das hat dann vielleicht zehn bis maximal fünfzehn Sekunden gedauert — aber schon das ist im Ernstfall eine Ewigkeit. Meine Meinung zu "Hand of God": es ist gut zu wissen, wie sie funktioniert, aber in erster Linie muss man hoffen, dass man sie nie benötigt!

Das Anlanden zur Mittagspause nutzen wir für eine ausführliche Diskussion von Anlandetechniken. An einem steinigen Strand, auf den vielleicht sogar eine kleine Brandung steht, lohnt es sich, voher auszusteigen und entweder durch das flache Wasser zu waten, oder sogar hinter seinem Boot hinterher zu schwimmen. Bei größerer Brandung sollte man sich am besten eine andere Stelle zu anlanden suchen. Hier gibt es so viele Aspekte, dass die Diskussion darüber sich noch weit in die Mittagspause hinein zieht.

Danach steht die zweite Runde Wiedereinstiegsübungen auf dem Programm. Auf Betzis Wunsch sollen alle die Gelegenheit nutzen, die flache Stütze einfach mal so weit zu treiben, bis man kentert. Das mit der Stütze klappt so mittelgut — aber es endet immerhin mit einem perfekten Kentern! Es werden unterschiedliche Arten des Wiedereinstiegs probiert: mit und ohne Assistenz, Heel-Hook und V-Einstieg, Cowboy-Einstieg mit und ohne Paddelfloat. Das Wasser ist warm und an Land wartet die Möglichkeit, eine heiße Dusche zu nehmen — das lässt alle intensiv, entspannt und ausführlich üben.

Nach dem Pflichtteil können wir den Abend zur Entspannung nutzen. Diesmal schaffen auch bei Kerstin und Jonathan das Kochen noch im Hellen zu beenden! Als sich der Himmel vorzeitig arg verdustert, gehen wir Richtung Hafengelände und versammeln uns unter einem sechseckigen Grillpilz. Irgendjemand hat ein Kartenspiel mitgebracht und wir überlegen, was man mit 32 Karten und sechs Spielern so anstellen kann. Mau-Mau geht immer! Danach versuchen wir noch dieses Spiel, bei dem man immer verdeckt eine höherwertige Karte als sein Vorgänger legen muss — oder zumindest behaupten, dass sie höherwertig ist! Hier kann Hannah ihre Wiener Coolness gewinnbringend einsetzen und zockt uns alle ab! Während wir im Grillpilz zocken, ergießt sich ein heftiger Regenschauer über das Land. Der war in keiner unserer Super-Duper-Wetter-Apps vorhergesagt!

Am Sonntag beginnen wir mit Theorie an Land. Wir sprechen noch mal alle Aspekte der gestern geübten Techniken durch. Betzi demonstriert dabei, wie man einfach, schnell und ohne großen Kraftaufwand ein voll gelaufenes Kajak lenzen kann. Gestern hatten einige mit diesem Thema erkennbare Schwierigkeiten. Es werden auch alle Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Wiedereinstiegsvarianten ausführlich diskutiert. Hier muss jeder seine bevorzugte Methode finden und vor allem auch die seines Partners kennen und anwenden können.

Danach lüfte ich das Geheimnis, warum mein Boot immer das schwerste der Gruppe ist: ich habe halt immer ein erhebliches Maß an Ausrüstung dabei, die nur dem Umstand geschuldet ist, dass ich in der Regel in der Verantwortung stehe, wenn etwas "unrund" läuft. Mein Stormshelter wird gleich ausprobiert und mit vier Leuten bevölkert — auch wenn er nur für zwei gedacht ist! Geht durchaus! Und wenn man als Alternative ungeschützt im Schneesturm ausharren muss, ist das doch die bessere Wahl.

Super gekantet, super C-Haltung
— nur der Ellbogen könnte etwas
mehr in Kraftrichtung über dem
Paddelschaft sein.

Wir wollen zum Abschluss noch einmal die Gelegenheit nutzen, aufs Wasser zu gehen. Als Erkenntnis aus dem gestern teilweise langwierigen Anfahren eines gekenterten oder zu schleppenden Bootes üben wir, das eigene Boot um Bug oder Heck des anderen Bootes zu drehen. Nach einigem Üben klappt das ganz phantastisch! Danach geht es an den Strand in so flaches Wasser, dass man sich im Falle einer Kenterung mit dem Arm am Grund abstützen kann. Hier können wir die Sache mit der flachen Stütze noch einmal ausführlich üben, ohne Angst haben zu müssen umzufallen. Mit dieser Versicherung verbessern alle ihre Stütztechnik deutlich!

Abschließend übt jeder noch einmal die Techniken, die ihm besonders am Herzen liegen, sei es Wriggen, Rollen, Wiedereinstieg mit und ohne Assistenz oder das Einsteigen unter Benutzung meiner Cockpit-Schlinge, das Angela besonders interessiert. Sie fand diese Methode sehr hilfreich.

Nach den leichten Wehen bei der Vorbereitung hat sich das Wochenende bei allen als großer Erfolg gezeigt. Der Platz ist ideal, um einer nicht kleinen Gruppe als Standlager zu dienen und stellt durch die unmittelbare Nähe zum Segelhafen mit seiner Infrastruktur echten Luxus zur Verfügung. Die durchaus rauhen Bedingungen waren ideal, um mal etwas realitätsnaher Dinge zu praktizieren, die man sonst nur bei Ententeichbedingungen übt. 

Mir hat es riesigen Spaß gemacht, mit einer Gruppe zu arbeiten, die beflissen ist zu lernen und sich ihren Grenzen zu stellen, um sie zu erweitern — und mit einer Partnerin, die über mindestens die gleiche Kompetenz verfügt wie ich. Am Schluß waren Betzi und ich uns einig, dass dies nicht die letzte Veranstaltung dieser Art gewesen sein muss. 


Montag, 25. Mai 2026

EPP4-Prüfungsersatzfahrt

Nachdem Elke und ich in den letzten zwei Jahren etwa zwanzig Aspiranten für ein EPP4-Zertifikat verwurstet haben, gab es für das diesjährige Angebot nur eine einzige Anmeldung. Ich finde das nicht sonderlich verwunderlich, denn die Anzahl möglicher Kandidaten für eine solche Prüfung ist ja eher begrenzt. Offensichtlich haben wir da bereits einen gewissen Berg abgetragen und nun muss sich erst wieder einer anhäufen.

Aber Elke wäre nicht Elke und ich nicht ich, wenn wir uns durch solche Kleinigkeiten aus dem Konzept bringen ließen. Wenn sich keine Opfer freiwillig melden, suchen wir uns eben selbst Begleitung für ein Wochenende auf Hooge! Aus Bremen war eine gute Anzahl Paddler angekündigt, so dass ich nur Lena gefragt habe, ob sie Lust hätte, uns zu begleiten. Hatte sie!

Das Abendhochwasser in Schlüttsiel sollte etwa um 19 Uhr sein. Lena muss freitags bis 18 Uhr arbeiten, zwei Stunden Hinfahrt, eine Stunde Packen vor Ort — vor 22 Uhr wären wir vermutlich nicht los gekommen. Das lohnt nicht und würde nur Stress aufkommen lassen! Wir fahren gemütlich am Freitag Abend von Kiel nach Ockholm und übernachten dort auf der Kirchwarft. Zivile 15 Euro kassiert man hier für zwei Erwachsene mit Zelt.

Nachdem die Bremer Delegation eintrifft, die sich mittlerweile auf vier Nasen eingedampft hat, entwerfen wir kurz einen Plan für den nächsten Tag. Hochwasser ist um halb acht, losfahren wollen wir um halb neun. Ich bringe die Option ins Spiel, dass wir wegen des frühen Starts und der vergleichsweise lieblichen Bedingungen überlegen könnten, an Hooge vorbei direkt weiter bis zum Wrack der Pallas zu fahren — eine Unternehmung, für die die Bedingungen nicht allzu häufig so günstig sind. Die Aussicht auf dieses Abenteuer wird allgemein mit einer gewissen Begeisterung aufgenommen. Was die Sache so einfach macht, ist die Tatsache, dass man sich nicht schon am Anfang dazu bekennen muss, sondern erst einmal bis Hooge paddeln, sich dort in die Augen sehen und fragen kann, wie sich die Fahrt bis hierher entwickelt hat, wie man sich fühlt, und ob die Begeisterung nach zwanzig gepaddelten Kilometern noch für vierzig weitere reicht!

Außer Elke und mir sind unsere Mitpaddler alle relative Neulinge in diesem Revier. Hannes und Frank sind das erste Mal hier — Frauke und Lena das zweite Mal! Alle sind aber hinreichend kompetent, dass sie sich hier auch alleine zurecht finden können. Damit sie aber nicht nur passiv hinterherfahren, sondern die Navigation selbst aktiv bestreiten müssen, überlasse ich ihnen die Wegfindung. Das klappt sehr gut — auch wenn wir statt zur eigentlich angedachten Tonne SA 26/Schlütt 2 zur Tonne SA 28 gefahren sind. Das ist nicht falsch sondern nur anders. Aber dadurch können alle lernen, dass man sich erstens verdammt schnell die erste sichtbare Tonne als nächste anzusteuernde aussucht. Danach hält man an ihr fest, auch wenn sich die Anzeichen mehren und verdichten, dass es die falsche ist. Und zweitens kann man lernen, wie man erkennen kann, dass es nicht das richtige Ziel ist: der Kompasskurs weicht immer drastischer vom Erwartungswert ab, und im Hintergrund ist Pellworm zu sehen und nicht Hooge, wie es eigentlich sein müsste.

Start um 8:30 Uhr; Ende 11:30 Uhr
Nach diesem kleinen Schlenker geht es  mustergültig weiter in das Hooge-Fahrwasser bis zur Tonne Ho 5, die genau nördlich vor der Einfahrt des Segelhafens liegt. Hier blicken wir uns in die Augen und ins Gemüt und versuchen zu ergründen, wie es um unser inneres Verhältnis zur Option "Wir fahren durch bis zur Pallas!" bestellt ist. Wir hatten die gesamte Zeit über Gegenwind von vier Beaufort, der ließ die Boote unangenehm platschen und stahl uns immer wieder erklecklich Fahrt. Die Mehrzahl der Augen, in die ich blicke, lassen eine klare "war schön — aber eigentlich reicht es auch"-Gemütslage erkennen. Wir verschieben die Eroberung der Pallas auf den nächsten Tag.

Wir steigen östlich der Hafeneinfahrt aus. Das Wasser steht noch so hoch, dass man mit dem Schiff noch auf Sand und Muschelschalen aufsetzt und nicht durch den Schlick stapfen muss. Generell kommt man hier mit einer Gruppe gefahrlos an Land bzw. ins Wasser — um den Preis, dass man seine Boote um das Hafenbecken herumrollern muss. Aber das ist mir lieber, als Invaliden zu produzieren, die im Zweikampf mit den amerikanischen Austern auf der Westmole den Kürzeren gezogen haben.

Nach der kurzzeitigen Verwirrung, dass das  Zelten auf Hooge aus Naturschutzgründen absolut untersagt ist, ist eine pragmatische Lösung gefunden worden, dass Einzelpaddler und kleine Gruppen auf der Wiese direkt unter dem Segelheim übernachten können. Eine Seekajak-Woche kann man aber vermutlich nicht mehr ausrichten. 

Es ist Pfingsten, und es herrscht angesagt gutes Wetter — aber außer uns sind keine weiteren Zelte im Hafen — nur Segler! Keine Ahnung, wo all die anderen sind! Vielleicht auf Sylt, wo an diesem Wochenende großes Gedränge herrscht? Mir soll es sehr recht sein.

Wir sind ja bereits um die Mittagszeit auf Hooge angekommen, so dass wir einen herrlich entspannten Tag verbringen können. Als erstes muss der überwiegende Teil der Gruppe baden gehen. Ich kann ja leider wieder nicht dabei mitmachen, weil ich wie immer fotographieren muss 😐! Danach ist gemütliches Kochen angesagt. Da ich meinen üblichen Privatkoch Jörg diesmal nicht dabei habe, habe ich mich auf Einfachstverpflegung beschränkt: Hühnerfrikassee mit Reis, das ich nur aufwärmen muss. Die anderen kochen aufwendiger, und Hannes hat mit seinen Kindern wieder leckere Backwaren in großer Menge produziert, an denen wir uns gerne bedienen.

Das Ziel für morgen steht ja schon fest, aber ein solider Plan fehlt noch. Wir müssen uns Gedanken machen, wann wir am besten losfahren und wie wir navigieren, damit wir gut und sicher zur Pallas kommen — und wieder zurück!

Der Strömungskipp an der Pallas ist zwischen vier und fünf Stunden vor Hochwasser Helgoland. Das ist heute um 19 Uhr. Wir möchten also zwischen 14 und 15 Uhr am Wrack sein, um sowohl auf dem Hin- wie auch auf dem Rückweg nicht gegen die Tide fahren zu müssen. Die Strecke beträgt gute zwanzig Kilometer — benötigt also etwa drei Stunden Fahrzeit. Das bedeutet eine Startzeit zwischen 11 und 12 Uhr. Das ist ausgesprochen christlich und lässt ein gründliches Ausschlafen und ein ebensolches Frühstück zu. Andererseits ist das recht dicht am Niedrigwasserzeitpunkt auf Hooge und würde einen schlickigen Start bedeuten. Wir einigen uns auf den Kompromiss, etwas früher zu starten und dafür eine ausgiebige Pause auf dem Jappsand zu machen. Bingo! Plan steht!

Frank hat eine anstrengende Woche hinter sich und möchte eine Tag der Entspannung auf der Hallig verbringen. Er erhält von uns den Auftrag, ins Kino zu gehen und dort den ebenso einzigen wie legendären Film über das Halligleben bei Hochwasser anzusehen.

Wir starten bei angenehmem Wasserstand um kurz nach zehn. Nach der einstündigen Pause fahren wir von Jappsand aus erst einmal stumpf nach Westen und steuern die Tonne St22 an, die praktisch an der Gabelung der beiden Prielsysteme Schmaltief und Rütergatt steht. Recht bald merken wir, dass wir erklecklich gegen Strom und Wind nach Norden vorhalten müssten, um dieses Zwischenziel zu erreichen. Das macht nicht wirklich Sinn, wenn wir im Grunde nach Süden wollen. Also lassen wir diese Tonne, wo sie ist und steuern die nächst südlichere an. Auf dem GPS-Track sieht man sehr schön, wie wir in den Pausen, in denen wir innehalten und unsere Navigation abstimmen, mit ca. 3km/h genau nach Süden versetzt werden.

Der Wind weht heute anfangs mit drei Beaufort aus Nordwest, später mit vier aus West. Dafür ist die See erstaunlich glatt. Wir sind durchgehend mit sechs bis sieben Stundenkilometern unterwegs, was für ein Tidengewässer eher gemächlich ist, was aber perfekt zu unserem Plan passt, unser Ziel nicht vor Strömungskipp zu erreichen. Als wir nur noch wenigen hundert Meter vom Wrack entfernt sind, taucht ein Kajak auf, das uns entgegen fährt! Es ist Simone, die von Sylt aus alleine hierher gefahren ist. Respekt!

Da die Verhältnisse heute so lieblich sind, erkunden wir die Überreste des Holzfrachters sehr gründlich von allen Seiten. Es ist ein ziemlich magischer Ort: eigentlich ist hier nichts, nur ein trostloser Rosthaufen in the middle of nowhere. Aber es bedarf eben schon einiger Navigation, ihn zu finden und der festen Entscheidung, auch wirklich soweit raus zu fahren. Und wenn man diesen Punkt dann gefunden und erreicht hat, ist man auch ein bisschen Stolz, denn hier kommen nur ganz wenige Menschen hin — definitiv weniger als auf den Gipfel des Mount Everest!

Simone ist recht bald nach unserer Begegnung abgefahren — genau nach Osten. Sie war bereits nach wenig mehr als fünf Minuten nicht mehr zu sehen. Wir schlagen den gleichen Weg ein, folgen dann aber ab Tonne 8 dem Verlauf des Rütergatts nach Nordosten. Es herrscht sehr gute Sicht. Amrum ist die gesamte Zeit über zu sehen, Föhr auch irgendwann, dann die Außensände und schließlich Hooge. Was verschwunden zu sein scheint, ist Langeness! Keine Spur davon zu sehen, obwohl Hooge und Föhr eindeutig zu erkennen sind! Erst als wir schon recht nah an Jappsand sind, erkennt man Langeness und die Welt ist wieder im Lot! Die Hallig ist einfach zu flach und unsere Augenhöhe zu niedrig ist, um früher etwas davon zu sehen zu bekommen. 

Nach unserer Ankunft auf der Zeltwiese kommen bald noch drei Paddler aus Husum dazu. Sie sind früher mal hier gepaddelt und haben beschlossen, in ihrem Ruhestand ihr altes Hobby wiederzubeleben. Sie haben aber noch nicht alle Veränderungen mitbekommen, die sich in diesem Gebiet in den letzten 30 Jahren ergeben haben. Es ist heute einfach um so vieles sensibler und restriktiver geworden, dass man sich sehr viel umsichtiger verhalten muss als früher. 

Wer nicht da ist, ist Simone! Wir rätseln, wo sie statt nach Hooge hingefahren sein könnte, aber uns fällt nichts plausibles ein. Erst als wir schon längst das Abendessen vorbereiten, kommt sie schließlich angerollert! Sie hat auf Jappsand Pause gemacht und länglich den Trittstein gesucht. 

Für den Pfingstmontag teilen wir uns in zwei Gruppen auf: Lena und ich wollen mit der frühen Flut zurück, um nicht allzu spät nach Hause zu kommen. Die anderen ziehen einen gemütlichen Vormittag auf der Hallig vor und wollen mit der zweiten Flut zurück — aber so früh wie es eben geht. Ich bitte Elke, mir den Zeitpunkt und ein Foto zu schicken, damit ich weiß, wie gut man bei dem Tidenstand in Schlüttsiel aus dem Wasser kommt. Ergebnis: Ankunft drei Stunden vor Hochwasser — Ausstieg an der nördlichen Rampe kein Problem!

Auf der Rückfahrt lösen wir wieder ein auftretendes navigatorisches Problem: von Tonne SA24 kommend müssten wir zur Tonne SA26 fahren. Auf der Hintour hatten wir hier irrtümlich die Tonne SA28 aufs Korn genommen, weil die früher zu sehen war. Jetzt sehen wir in der Ferne eine rote Tonne, sind uns aber nicht sicher, ob es die 26 oder die 28 ist. Ein Blick auf die Seekarte zeigt, dass Gröde von uns aus direkt hinter unserer Tonne liegen müsste. Wir sehen Gröde sehr deutlich, aber das liegt nicht hinter der Tonne sondern nördlicher! Ist die gesichtete Tonne also wieder nur die 28? Da wir uns nicht sicher sind, fahren wir einfach in die richtige Richtung! 45 Grad noch Nordosten, wie die Daumenpeilung besagt! Damit sind wir auf der sicheren Seite und fahren eine ziemlich ideale Linie zur Tonne Schl4!

Eine Überprüfung zu Hause ergibt, dass Gröde zwar genau hinter der Tonne 26 liegt - aber von unsererm niedrigen Standpunkt aus nicht zu sehen ist! Was wir gesehen haben, ist lediglich die Warft, die halt viel höher liegt als das Land südlich davon! 

Übrigens habe ich wohl auf keiner Nordseetour so wenig Robben gesehen wie auf dieser!

GPS-Daten hier

 

Sonntag, 29. März 2026

Schleimünde im "Februar"


"Schleimünde Februar 2026" heißt die Signal-Gruppe, in der wir uns über unser Vorhaben für das erste Wochenende des titelgebenden Monats abstimmen. Leider sind die Temperaturen aber Wochen vor dem geplanten Termin dergestalt, dass Zweifel an der Klimaerwärmung aufkommen könnten: die Schlei ist in großen Teilen zugefroren!

Eine längliche Diskussion hebt an, wie wir mit dem misslichen Aggregatzustand umgehen. Am Ende steht ein neuer Termin für unsere Unternehmung: das letzte Wochenende im März. Bis auf eine Teilnehmerin können alle auch diesen Termin ermöglichen. Ein Nachrücker ist schnell gefunden — die Signal-Gruppe behält ihren Titel.

Es sind fünfzehn Teilnehmer angemeldet, und Anja hat es mal wieder geschafft, das Lotsenhaus für uns zu mieten. Es sind alles alte Schleimünde-Hasen, so dass die Abstimmung, wer was für die gemeinsame Essenszubereitung mitbringt, kein großes Aufheben macht.

Startort soll wieder Sieseby sein. Das sind rund 18 Kilometer und damit eine gute Tagestour. Der Wind bläst einigermaßen frisch aus einer gnädigen westlichen Richtung. Ulrich hat sogar sein Segel mitgenommen und rauscht gleich mächtig davon. Ich strenge mich am Anfang kurz an, um ihn einmal beim Segeln zu filmen. Danach rauscht er der Gruppe davon, und ich trödele ihr gemächlich hinterher. 

Durch den kooperativen Rückenwind sind wir mächtig zügig unterwegs und kommen nur in Arnis einmal kurz zum Sammeln zusammen — eine wirkliche Pause brauchen wir nicht. Ganze zwei und eine viertel Stunde dauert die Hinfahrt. Trotz des hohen Tempos ist niemand über das für die noch junge Saison vertretbare Maß angestrengt. Dass das für die Rückfahrt am Sonntag vermutlich nicht gilt, ist uns schon jetzt klar.

Peter hat sich ein neues Zelt gegönnt und muss dessen Performance ausprobieren, Sven ist wieder minimalistisch unterwegs und stellt sein Tarp auf den Sand. Auch ich lasse mir die Gelegenheit nicht entgehen, unter freiem Himmel zu übernachten. Aus der eindrücklichen Erfahrung am Wochenende vor vierzehn Tagen habe ich diesmal sogar meinen Schlafsack eingepackt! Damals hörte meine Körperwahrnehmung in der Nacht südlich der Kniee auf  — jenseits davon befanden sich nur noch irgendwelche fremdartigen Eiszapfen. Die Nachttemperatur betrug da aber nur etwa drei Grad, heute soll es nur auf fünf Grad herunter gehen.

Während wir unsere Stoffhütten aufbauen, wird im Lotsenhaus die Zimmerbelegung ausgefochten. Offensichtlich geht das aber ohne Blutvergießen vonstatten. Die Anzahl der Zimmer in dem Gebäude ist aber geeignet, durchaus auch noch größere Gruppen zu beherbergen. Danach wird zügig zum Abendessen übergegangen. Jeder hat irgend etwas mitgebracht, das auf den Tisch kommt und allen zur Verfügung steht. Es gibt leckeren Chinoa-Salat, einen Salat mit roten Beeten, Fladenbrot, Zimtbrötchen, leckere Dinger von Lena mit Äpfeln und Tomaten und ich weiß nicht, was alles noch. Und alles in schier unbewältigbaren Mengen, so dass wir fürchten, wir müssen unseren Aufenthalt hier verlängern, damit wir nicht die Hälfte davon mit zurück nehmen müssen.

Die Nacht war entspannt. Es ist kaum zu glauben, was so ein Schlafsack für einen Unterschied macht! Auch die beiden anderen Draußen-Schläfer sind zufrieden mit der Performance ihrer Ausrüstung. Beim Frühstück werden Pläne für den Tag geschmiedet. Nicht alle wollen nach Kappeln, um dort ein Fischbrötchen abzugreifen, einige ziehen eine Fahrt zum Leuchtturm Falshöft vor. So bilden wir zwei Gruppen — die Falshöft-Fraktion startet deutlich früher, denn sie hat ja eine weitere Strecke zu bewältigen. Ich möchte zum einen nicht so früh starten und will vor allem nicht auf das Fischbrötchen verzichten!

In Kappeln müssen wir am Ostufer anlegen, weil die andere Seite fest im Griff der zahlreichen Angler ist und wir fürchten, gegen deren Überzahl im Konfliktfall nicht bestehen zu können. Aber hier können wir die Boote auch viel problemloser deponieren. Unser Weg führt direkt zum amtlichen Fischbrötchen-Händler von Kappeln, der Fischräucherei Föh. Leider setzt unterwegs Regen ein, so dass Elli mit ihrer Daunenjacke einen beschleunigten Schritt vorlegt. Aber die Fischbrötchen sind einfach exquisit! Peter muss sich sogar noch ein Zweites bestellen.

Nach der Ankunft in unserer temporären Herberge auf der Lotseninsel bleibt mir nicht viel Zeit zur Entspannung. Ich kann nur eine kurze Weile in meinem Buch "Das Rosi-Projekt" lesen, da steht schon der nächste Pflichtpunkt auf dem Programm: Kaiserschmarrn essen! Peter hat mal wieder sein Boot voll Eier geladen und brutzelt für uns alle eine fluffige Stärkung. Zentraler und sinnstiftender Bestandteil sind seit einer Woche in kräftigem Rum ertränkte Rosinen! Ich habe Apfelmus und Vanille-Sauce zur Verfeinerung beigesteuert. Wenn ich das esse, weiß ich wieder, wofür ich all die Strapazen, Entbehrungen und Anstrengungen solcher Unternehmungen auf mich nehme!

Das gesellige Beisammensein hat neben allem Spaß und der Freude am Umgang mit liebenswerten Menschen auch den Effekt, dass in größerer Runde locker und unverbindlich Themen diskutiert werden, die im Verein aktuell sind. Es sind tragende Säulen des Vereinslebens mit von der Partie und solche, die es werden wollen oder mindestens könnten. So kommt eine solide Meinungsbildung zu Stande und oft genug sind daraus auch schon Initiativen entstanden, die den Verein voranbringen.

Für die zweite Nacht nehme ich mir eine Decke aus dem Haus mit, die ich mir als zusätzliches Kopfkissen untergelege. Kopfkissen haben in meiner Jahrzehnte währenden Outdoor-Karriere kontinuierlich an Bedeutung gewonnen! Anfangs habe ich mir einfach immer nur Kleidungsstücke untergelegt, die ich in der Nacht nicht benötigt habe. Irgendwann habe ich mir dann ein aufblasbares Kissen schenken lassen, dass aber wirklich nicht sehr voluminös ist. Dank der zusätzlichen Decke wird die zweite Nacht noch entspannter, obwohl die Lufttemperatur auf nur zwei Grad zurückgeht. Vielleicht werde ich mir irgendwann einmal ein noch voluminöseres Kopfkissen schenken lassen!

Auch für die Rückfahrt am Sonntag bilden sich zwei Gruppen. Betzi hat am Nachmittag noch einen Termin und will nicht in Verdrückung geraten. Sie will mit Jens früher starten. Für alle anderen wird ein Abfahrttermin von zehn Uhr dreißig festgelegt. Sommerzeit! Allerdings sitzen wir unerklärlicher Weise bereits um zehn Uhr abfahrbereit in den Booten. Der Wind weht immer noch aus Westen und soll heute im Verlauf des Tages weiter zunehmen. Wie erwartet sind wir nicht ganz so schnell wie auf der Hintour. Aber im Grunde bin ich eher überrascht, wie harmlos der Wind ist — bis wir in Arnis aus dem Hafengebiet herausfahren! Während die Schlei zwischen Kappeln und Arnis ziemlich genau in Nord-Süd-Richtung verläuft, öffnet sie sich hier nach Süd-West. Entsprechend ungehindert bläst uns der Wind nun ins Gesicht! Allerdings gehen wir gleich im kleinen Steinhafen beim Spielplatz an Land, um Pause zu machen.

Anja hat in der Zwischenzeit eine Nachricht von Betzi empfangen, die mit Jens bereits in Sieseby angekommen ist. Sie sagt, dass dieses offene Stück keinen Spaß bereitet und bietet an, die Fahrer unserer Fahrzeuge in Sundsacker gegenüber von Arnis abzuholen und nach Sieseby zu fahren. Die paar hundert Meter offenes Wasser zwischen dem geschützten Arniser Hafen und dem Anlanden am Pausenplatz haben allen klar gemacht, dass es ein zäher Kampf werden würde, den Parkplatz unserer Autos auf dem Wasserwege zu erreichen.

Jörg und ich waren den ganzen Winter regelmäßig paddeln, so dass wir im Training sind. Lena geht auch regelmäßig paddeln und ist so jung, dass sie Anstengung ohne Probleme wegstecken kann. Peter ist eh unkaputtbar — und gegen Maditha ist der Duracell-Hase ein Schlappschwanz! Wir machen uns also zu fünft auf den Rückweg, die anderen setzen das kurze Stück auf die andere Schleiseite um und warten auf das Shuttle.

Wir queren zuerst auf die andere Seite und hangeln uns anfangs dicht ans Ufer geschmiegt vorwärts. Es gibt hier zwar keinen Windschutz, aber hier haben die Wellen nicht eine so häßliche Höhe, dass sie das Boot zum Bocken bringen. Nach einiger Zeit stelle ich fest, dass der Wind eigentlich gar nicht so garstig ist und ich keine große Mühe habe, dagegen anzukommen. Also fahre ich doch etwas weiter nach draußen — hier fühlt es sich etwas mehr nach Seekajak-Fahren an! Zu meiner Überraschung benötigen wir nur knapp mehr als eine Stunde, bis wir in das Schilf von Sieseby einlaufen.

Die Daten sind von Sonntag, dem 29.!

Der Wind legte während unserer Rückfahrt tatsächlich kontinuierlich zu. Zum Start (10 Uhr) kamen uns zarte vier Beaufort entgegen, zum Schluss (14:30 Uhr) mussten wir gegen eine solide Fünf ankeulen — mit Böen im Sechser-Bereich. Ein Glück, dass Jens und Betzi früher gestartet sind und uns so den Transfer-Service anbieten konnten, so dass nicht alle die gesamte Strecke gegen den Wind zurückpaddeln mussten. Wir Fünf haben zwar alle Spaß gehabt, aber ohne ausreichendes vorheriges Training wäre das für mache bestimmt eine spaßbefreite Schinderei geworden. So können alle das Wochenende als gelungenen Auftakt für eine vielversprechende Saison verbuchen!

GPS-Daten hier

 

Sonntag, 19. Oktober 2025

Kleiner Belt im Dunkeln

Als ich beim Planungstreffen des Vereins im Januar für Oktober eine Tour im Dunkeln über den kleinen Belt angekündigt hatte, war mir schon klar, dass sie vermutlich wegen widriger Bedingungen ins Wasser fallen würde. Zu oft habe ich schon Touren dort angeboten und sie dann wieder absagen müssen, weil die Wetterbedingungen keine sichere Überfahrt und vor allem keine für alle in der Gruppe zumutbare Rückfahrt garantieren konnten. Wenn ich nun noch die Dunkelheit als zusätzliche Komponente hinzunehme, würde das die Wahrscheinlichkeit einer Absage noch einmal deutlich erhöhen.

Nach Schluss der Anmeldungsfrist weist die Teilnehmerliste neun Nasen auf - eine erfreuliche Resonanz für ein doch etwas exotisches Unternehmen. Das war mir eigentlich etwas zu viel, aber zum Glück war auch Betzis Nase darunter, so dass ich eine kompetente Unterstützung hatte, eine so große Gruppe auch im Dunkeln sicher im Blick zu behalten. Auch die Sache mit dem Organisieren der fahrbaren Untersätze ließ sich nach einigem Rumgefrage befriedigend klären. Und die Wettervorhersage schien das Unglaubliche Wirklichkeit werden zu lassen: just am Samstag Abend sollte sich eine absolute Flaute zwischen zwei Tagen mit strammen Winden einstellen! Zwar schwänzelte die Vorhersage noch einige Male hin und her - aber der ins Auge gefasste Samstag blieb von Bedingungen verschont, die mich zu einer Absage der Tour bewogen hätten. Einzig für den Rückweg am Sonntag drohte heftiger Gegenwind. Aber über den habe ich mir keine großen Gedanken gemacht.

Dass es am Samstag schließlich nur noch sechs Teilnehmer sind, entspricht dem normalen Schwund. Ein kurzes Umorganisieren der Fahrzeuge - und schon steht dem Abenteuer nichts mehr im Wege.

Eigentlich hatte ich die Abfahrtszeit auf 18 Uhr festgelegt. Sonnenuntergang ist um 18:15 Uhr, so dass wir noch bequem im Hellen packen, uns orientieren und abfahren können und dann bald in die Dunkelheit kommen. Ich habe in den vergangenen Tagen mal bewusst darauf geachtet, wann es denn wirklich dunkel wird - so richtig schwarzdunkel. Danach erschien mir 18 Uhr fast etwas früh. Unsere Zeitplanung war natürlich großzügig ausgelegt, so dass die Gefahr bestand, dass wir vor der Abfahrt eventuell etwas warten müssten. Aber zum Glück beginnen an diesem Wochenende die Herbstferien in einigen Bundesländern, so dass unsere Anfahrt nach Fynshav deutlich länger dauert als geschätzt. Und das Schmücken der Kajaks und Paddler mit Knicklichtern dauert halt auch etwas.

Der Belt liegt spiegelglatt vor uns! Die Sicht ist supergut und vom Strand aus direkt nördlich des Fährhafens sieht man jede Menge anderes Ufer - scheinbar zum Greifen nahe! Aber wo ist Lyö? An der Tatsache, dass fast alle eine Seekarte des Gebietes dabei haben (bis auf mich 🙂), sieht man, dass hier engagierte Paddler unterwegs sind. Aber es macht noch einige Mühe, das Gesehene mit dem auf der Karte Abgebildeten in Deckung zu bringen. Fazit: Lyö kann man von hier aus nicht sehen, weil es hinter dem Hafenschuppen liegt!

So ist es dann tatsächlich kurz vor halb sieben, als wir auf dem Wasser schwimmen. Noch bevor wir die Hafenausfahrt erreicht haben, schwimmt uns ein junger Seehund entgegen, der erstaunlich wenig Scheu zeigt. Vermutlich ist es das erste Mal, dass er so komische längliche Enten auf dem Wasser schwimmen sieht. Hinter dem Hafen orientieren wir uns erst einmal und ordnen die sichtbaren Dinge ein. Da ist als markanteste Erscheinung der Leuchtturm von Skjoldnäs am Nordende von Ärö. Ganz schwach im fernen Grau ragt das Ostende von Avernakö knapp über den Horizont. Davor ist das Westende etwas deutlicher zu sehen. Bereits sehr deutlich mit erkennbaren Strukturen schließt sich Lyö an - da wollen wir hin!

Seezeichen sind sparsam gesät. Da gibt es den Leuchtturm, dann eine rot blinkende Tonne zwischen Ärö und Lyö - und ein weiß leuchtendes Licht weiter nördlich auf Fünen. Um unser Ziel zu treffen, müssen wir 65 Grad fahren. Anfangs ist es noch recht gut möglich, den Kompass abzulesen, später versuchen wir, uns eher an der schwarzen Silhouette von Lyö zu orientieren, die sich etwas gegen den dunkelgrauen Himmel abhebt. Wir sind komplett alleine auf dem Wasser, und es ist magisch, in die zauberhafte Stille und das Dunkelwerden hinein zu paddeln. Unsere Knicklichter leisten gute Dienste, so dass ich immer schnell überblicke, ob noch alle meine Begleiter in der Nähe sind. 

Mitten auf dem Belt sehe ich etwas schwarzes im dunklen Wasser - es stellt sich als toter Schwan heraus, der hier auf seinen Recycling-Prozess wartet. Mit zunehmender Dunkelheit trauen sich immer mehr Sterne aus der Deckung. Irgendwann entdecken wir, dass sich in den Wirbeln am Paddel Meeresleuchten zeigt. Ziemlich schüchtern zwar - aber eindeutig Meeresleuchten! Schließlich wölbt sich die Milchstraße erhaben am Himmel über uns. Immer mal wieder huschen Sternschnuppen über den Horizont. Magisch!

Da wir unseren Zielpunkt erst im richtig schwarzen Dunkel erreichen würden, habe ich ihn als Wegpunkt in mein GPS eingegeben. Unterwegs checke ich immer mal wieder, ob unsere Ablage vom Idealkurs noch im akzeptablen Rahmen liegt. Dabei kann ich erkennen, dass wir anfangs nach Norden versetzt werden, wenn wir mit dem Paddeln innehalten und später - auf der östlichen Hälfte des Beltes - nach Süden. Wir befinden uns quasi in einem gigantischen Kehrwasser. Als wir nur noch wenige hundert Meter vom Strand entfernt sind, fahre ich nur noch nach GPS - weil ich das Ziel möglichst genau treffen möchte. Ohne dass ich ihn auch nur erkenne, läuft mein Boot irgendwann sanft auf den steinigen Strand. Ich bitte die anderen, noch in den Booten zu bleiben, weil ich kurz überprüfen möchte, wo denn der wirklich optimale Ort zum Anlanden ist. Er liegt zwanzig Meter weiter südlich! So ein GPS-Gerät ist einfach toll!

In der nächsten halben Stunde irrlichtern sechs wasserdichte Glühwürmchen scheinbar wirr auf der Wiese herum - bis all ihre Zelte stehen. In der Schutzhütte müssen wir gar nicht viel umräumen, um für uns alle einen Sitzplatz an einem langen Tisch zu organisieren. Noch bevor wir mit dem Abendessen beginnen, kommt Lena mit der Nachricht von draußen herein, dass gerade Nordlichter am Himmel zu sehen seien. Magisch zum Quadrat!

Die Nacht ist ruhig - es gibt kaum gefiederte Lärmlinge hier. Aber es ist Wind aufgekommen, und das Meer rauscht. Und es ist frisch geworden. Aber es ist ein wunderschön sonniger Morgen, und die Zelte sind trocken. Frühstücken, packen und Boote fertig machen gehen in aller Gemütlichkeit vonstatten. Leider steht der Wind ziemlich auf den Strand, was das Einsteigen etwas anspruchsvoll macht. Dass wir dabei vielleicht nicht optimal agieren, liegt schlicht an mangelnder Übung. Aber wir bekommen es bruchfrei hin, dass alle ohne allzu viel Wasser im Cockpit loskommen. Ich bin froh, dass ich als letzer und damit alleine ohne Probleme ins Schwimmen komme.

Die Wellenhöhe ist sehr schnell sehr beeindruckend! Wir hatten uns beim Briefing für den Komplementärkurs zu 65 Grad (nach Diskussionen) auf 245 Grad geeinigt. Die nächste, gut ablesbare Zahl auf dem Kompass wäre 240 Grad. Das ist aber deutlich zu wenig als Vorhaltewinkel bei den herrschenden Bedingungen. Also gebe ich 210 Grad als zu steuernden Kurs vor. An Land hatte ich noch behauptet, ich würde später mittels GPS-Gerät überprüfen, ob der Kurs geeignet ist, unsere Abdrift zu kompensieren und gegebenenfalls nachjustieren. Ich merke aber gleich, dass Feinjustierung hier kein Thema ist und sage der Gruppe, dass wir die ganze Zeit zwei-eins-null steuern werden. Betzi, die ohne Kompass fährt, wünscht sich von mir, dass ich ihr eine Landmarke am gegenüberliegenden Ufer nenne, die sie ansteuern kann. Ich gebe ihr auch das südlichste momentan sichtbare Ende von Alsen als Anhaltspunkt. Wir merken beide schnell, dass das nicht lange gilt, aber Betzi kommt prima auch ohne weitere Ansage zurecht.

Heller Bereich: Zeit auf dem Wasser
Die Windvorhersage hatte fünf Beaufort versprochen, die später auf sechs hochgehen sollten. Die Messwerte geben für unsere Zeit auf dem Wasser aber durchgängig sechs Beaufort an, mit Böen in sieben. Die Richtung ist Südsüdost - also schräg von vorne. Der Fetsch beträgt über fünfzig Kilometer und es weht halt schon eine ganze Weile - da ist die Wellenhöhe keine Überraschung. Sie liegt zwischen einem und zwei Metern. Betzi hat mal mitgeplottet, wie lange sie einen anderen Paddler nicht sieht, wenn der in ein Wellental abgetaucht ist. Sie ist auf drei Sekunden gekommen. Natürlich bin ich hier mit sicheren Paddlern unterwegs, aber auch wenn die Wellen im wesentlichen lang und harmlos sind, brechen einige doch und entwickeln eine nennenswerte Wucht, wenn sie einen treffen. Und dann ist das hier der kleine Belt, wo die Wellen eigenen spezifischen Gesetzmäßigkeiten folgen - da kommt auch schon mal eine Welle aus einer komplett verqueren Richtung und kabbelt sich mit den anderen. Ohne solide Stütze ist man hier nicht am richtigen Ort.

Ich beobachte meine Mitpaddler aufmerksam und unablässig. Alle fahren konzentriert aber unverkrampft. Alle Angriffe brechender Wellen werden souverän abgewehrt. Es gibt aber drei Dinge, die mir krause Gedanken bereiten. Das erste ist die Möglichkeit, dass jemand seekrank werden könnte. Ich habe das Wort Seekrankheit vorher bewusst nicht ausgesprochen, weil es schon einen unguten Effekt hat, wenn dieses Wort einem nur im Hirn rumgeistert. Sollte jemand tatsächlich innerlich zerfallen, werden wir eben damit umgehen.

Das Zweite ist die Tatsache, dass die Gruppe einen deutlich südlicheren Kurs als 210 Grad steuert. Ich versuche anfangs noch auf Kurs zu bleiben, muss aber erkennen, dass wir uns dadurch so weit voneinander entfernen, dass mir damit nicht mehr wohl ist. Also fahre ich immer wieder näher an die Gruppe oder winke sie zu mir heran. Irgendwann versuche ich zu erfragen, ob alle den verabredeten Kurs problemlos fahren können, erkenne aber quasi im Fragen, dass meine Frage und die jeweilige Antwort eigentlich vollkommen belanglos sind - hier sprechen einfach die Tatsachen! Ich kann schlecht darauf pochen, dass ich den korrekteren Kurs fahre, aber dann die Gruppe verlieren. Also sortiere ich einfach meine Prioritäten neu: Erstens: Gruppe zusammenhalten, zweitens: Kurs 210 halten! Dadurch fahren wir gewissermaßen eine reziproke Hundekurve.

Die dritte Besorgnis ist die Tatsache, dass wir eine ziemliche Strecke gegen einen ziemlichen Gegenwind paddeln müssen. Da muss man mit den Kräften haushalten. Am Anfang ist das Blut voller Adrenalin und die Muskeln noch voller Energie. Das verleitet dazu, am Anfang stärker reinzuhauen, als für eine lange Zeit gut ist. Es ist schwer einzuschätzen, ob das Tempo, das eine Gruppe fährt, so nachhaltig ist, dass es für die gesamte Tour reicht. Hier kommt mir Betzi zu Hilfe, die ziemlich bald ein etwas langsameres Tempo als der Rest der Gruppe fährt. Das gibt mir die Gelegenheit, den Rest der Gruppe abzubremsen. Die anderen passen sich bereitwillig unserem Tempo an. 

Das Optimum an Gruppendichte verdanken wir der Begegnung mit einem Segler! Der stampft in der Ferne schräge auf uns zu. Er hat Fock und Großsegel extrem gerefft und liegt trotzdem mächtig schräg im Wasser. Je näher er uns kommt, desto enger scharen sich meine Begleiter um mich. Ich höre einige hektische Kommentare aus der Gruppe, kümmere mich aber nicht weiter darum. Ich weiß, dass Anja immer sehr ängstlich auf Schiffsbegegnungen aller Art reagiert. Es besteht keine Gefahr einer Kollision, aber ich stelle das Paddeln trotzdem kurz ein, um ihn in sicherem Abstand passieren zu lassen. Die Mannschaft winkt uns kurz zu und ich erwidere den Gruß.

Nachdem der Segler passiert hat, nimmt die Wellenhöhe langsam ab. Kaum merklich zwar, und es sind immer noch beachtliche Kaventsmänner darunter, aber das Ärgste haben wir hinter uns. Auch der Wind bläst nicht mehr ganz so garstig, eine Konsequenz, dass wir näher an Alsen sind und die Insel ihre schützende Wirkung entfalten kann. Ich habe den Eindruck, dass unsere Geschwindigkeit etwas nachlässt und auch die Gruppe sagt hinterher, dass ihr im zweiten Teil etwas die Kräfte ausgingen. Aber wenn man auf unsere GPS-Daten sieht, lässt sich ein Nachlassen nicht bestätigen - wir sind im letzten Teil sogar geringfügig schneller geworden! 

Als wir nicht mehr weit vom Land entfernt sind, setzt sich Sabine deutlich nach Süden von der Gruppe ab. Normalerweise wäre sie mir viel zu weit weg gewesen, aber hier lasse ich sie einfach fahren. Ich kenne sie und weiß sofort, dass sie nur Anlauf nimmt, um einen möglichst guten Surf zu erwischen. Die anderen rufe ich erst etwas später zusammen, damit wir im dichten Pulk und mit dem Wind im Rücken die Hafeneinfahrt von Fynshav queren. Hier versuche ich auch, die schiebenden Wellen zu nutzen und erreiche meine maximale Geschwindigkeit von 13,4 km/h!

Hinter der Hafenmauer ist das Wasser so glatt, dass man glaubt, mit einer Luftmatraze nach Lyö paddeln zu können. Als Ausklang der wunderschönen, auf dem Hinweg magischen und auf dem Rückweg fordernden Tour lassen wir uns auf dem Campingplatz Naldmose von den überaus sympatischen deutschen Betreibern Kaffee und Kuchen servieren.

GPSDaten