Sonntag, 29. März 2026

Schleimünde im "Februar"


"Schleimünde Februar 2026" heißt die Signal-Gruppe, in der wir uns über unser Vorhaben für das erste Wochenende des titelgebenden Monats abstimmen. Leider sind die Temperaturen aber Wochen vor dem geplanten Termin dergestalt, dass Zweifel an der Klimaerwärmung aufkommen könnten: die Schlei ist in großen Teilen zugefroren!

Eine längliche Diskussion hebt an, wie wir mit dem misslichen Aggregatzustand umgehen. Am Ende steht ein neuer Termin für unsere Unternehmung: das letzte Wochenende im März. Bis auf eine Teilnehmerin können alle auch diesen Termin ermöglichen. Ein Nachrücker ist schnell gefunden — die Signal-Gruppe behält ihren Titel.

Es sind fünfzehn Teilnehmer angemeldet, und Anja hat es mal wieder geschafft, das Lotsenhaus für uns zu mieten. Es sind alles alte Schleimünde-Hasen, so dass die Abstimmung, wer was für die gemeinsame Essenszubereitung mitbringt, kein großes Aufheben macht.

Startort soll wieder Sieseby sein. Das sind rund 18 Kilometer und damit eine gute Tagestour. Der Wind bläst einigermaßen frisch aus einer gnädigen westlichen Richtung. Ulrich hat sogar sein Segel mitgenommen und rauscht gleich mächtig davon. Ich strenge mich am Anfang kurz an, um ihn einmal beim Segeln zu filmen. Danach rauscht er der Gruppe davon, und ich trödele ihr gemächlich hinterher. 

Durch den kooperativen Rückenwind sind wir mächtig zügig unterwegs und kommen nur in Arnis einmal kurz zum Sammeln zusammen — eine wirkliche Pause brauchen wir nicht. Ganze zwei und eine viertel Stunde dauert die Hinfahrt. Trotz des hohen Tempos ist niemand über das für die noch junge Saison vertretbare Maß angestrengt. Dass das für die Rückfahrt am Sonntag vermutlich nicht gilt, ist uns schon jetzt klar.

Peter hat sich ein neues Zelt gegönnt und muss dessen Performance ausprobieren, Sven ist wieder minimalistisch unterwegs und stellt sein Tarp auf den Sand. Auch ich lasse mir die Gelegenheit nicht entgehen, unter freiem Himmel zu übernachten. Aus der eindrücklichen Erfahrung am Wochenende vor vierzehn Tagen habe ich diesmal sogar meinen Schlafsack eingepackt! Damals hörte meine Körperwahrnehmung in der Nacht südlich der Kniee auf  — jenseits davon befanden sich nur noch irgendwelche fremdartigen Eiszapfen. Die Nachttemperatur betrug da aber nur etwa drei Grad, heute soll es nur auf fünf Grad herunter gehen.

Während wir unsere Stoffhütten aufbauen, wird im Lotsenhaus die Zimmerbelegung ausgefochten. Offensichtlich geht das aber ohne Blutvergießen vonstatten. Die Anzahl der Zimmer in dem Gebäude ist aber geeignet, durchaus auch noch größere Gruppen zu beherbergen. Danach wird zügig zum Abendessen übergegangen. Jeder hat irgend etwas mitgebracht, das auf den Tisch kommt und allen zur Verfügung steht. Es gibt leckeren Chinoa-Salat, einen Salat mit roten Beeten, Fladenbrot, Zimtbrötchen, leckere Dinger von Lena mit Äpfeln und Tomaten und ich weiß nicht, was alles noch. Und alles in schier unbewältigbaren Mengen, so dass wir fürchten, wir müssen unseren Aufenthalt hier verlängern, damit wir nicht die Hälfte davon mit zurück nehmen müssen.

Die Nacht war entspannt. Es ist kaum zu glauben, was so ein Schlafsack für einen Unterschied macht! Auch die beiden anderen Draußen-Schläfer sind zufrieden mit der Performance ihrer Ausrüstung. Beim Frühstück werden Pläne für den Tag geschmiedet. Nicht alle wollen nach Kappeln, um dort ein Fischbrötchen abzugreifen, einige ziehen eine Fahrt zum Leuchtturm Falshöft vor. So bilden wir zwei Gruppen — die Falshöft-Fraktion startet deutlich früher, denn sie hat ja eine weitere Strecke zu bewältigen. Ich möchte zum einen nicht so früh starten und will vor allem nicht auf das Fischbrötchen verzichten!

In Kappeln müssen wir am Ostufer anlegen, weil die andere Seite fest im Griff der zahlreichen Angler ist und wir fürchten, gegen deren Überzahl im Konfliktfall nicht bestehen zu können. Aber hier können wir die Boote auch viel problemloser deponieren. Unser Weg führt direkt zum amtlichen Fischbrötchen-Händler von Kappeln, der Fischräucherei Föh. Leider setzt unterwegs Regen ein, so dass Elli mit ihrer Daunenjacke einen beschleunigten Schritt vorlegt. Aber die Fischbrötchen sind einfach exquisit! Peter muss sich sogar noch ein Zweites bestellen.

Nach der Ankunft in unserer temporären Herberge auf der Lotseninsel bleibt mir nicht viel Zeit zur Entspannung. Ich kann nur eine kurze Weile in meinem Buch "Das Rosi-Projekt" lesen, da steht schon der nächste Pflichtpunkt auf dem Programm: Kaiserschmarrn essen! Peter hat mal wieder sein Boot voll Eier geladen und brutzelt für uns alle eine fluffige Stärkung. Zentraler und sinnstiftender Bestandteil sind seit einer Woche in kräftigem Rum ertränkte Rosinen! Ich habe Apfelmus und Vanille-Sauce zur Verfeinerung beigesteuert. Wenn ich das esse, weiß ich wieder, wofür ich all die Strapazen, Entbehrungen und Anstrengungen solcher Unternehmungen auf mich nehme!

Das gesellige Beisammensein hat neben allem Spaß und der Freude am Umgang mit liebenswerten Menschen auch den Effekt, dass in größerer Runde locker und unverbindlich Themen diskutiert werden, die im Verein aktuell sind. Es sind tragende Säulen des Vereinslebens mit von der Partie und solche, die es werden wollen oder mindestens könnten. So kommt eine solide Meinungsbildung zu Stande und oft genug sind daraus auch schon Initiativen entstanden, die den Verein voranbringen.

Für die zweite Nacht nehme ich mir eine Decke aus dem Haus mit, die ich mir als zusätzliches Kopfkissen untergelege. Kopfkissen haben in meiner jahrzehnte währenden Outdoor-Karriere kontinuierlich an Bedeutung gewonnen! Anfangs habe ich mir einfach immer nur Kleidungsstücke untergelegt, die ich in der Nacht nicht benötigt habe. Irgendwann habe ich mir dann ein aufblasbares Kissen schenken lassen, dass aber wirklich nicht sehr voluminös ist. Dank der zusätzlichen Decke wird die zweite Nacht noch entspannter, obwohl die Lufttemperatur auf nur zwei Grad zurückgeht. Vielleicht werde ich mir irgendwann einmal ein noch voluminöseres Kopfkissen schenken lassen!

Auch für die Rückfahrt am Sonntag bilden sich zwei Gruppen. Betzi hat am Nachmittag noch einen Termin und will nicht in Verdrückung geraten. Sie will mit Jens früher starten. Für alle anderen wird ein Abfahrttermin von zehn Uhr dreißig festgelegt. Sommerzeit! Allerdings sitzen wir unerklärlicher Weise bereits um zehn Uhr abfahrbereit in den Booten. Der Wind weht immer noch aus Westen und soll heute im Verlauf des Tages weiter zunehmen. Wie erwartet sind wir nicht ganz so schnell wie auf der Hintour. Aber im Grunde bin ich eher überrascht, wie harmlos der Wind ist — bis wir in Arnis aus dem Hafengebiet herausfahren! Während die Schlei zwischen Kappeln und Arnis ziemlich genau in Nord-Süd-Richtung verläuft, öffnet sie sich hier nach Süd-West. Entsprechend ungehindert bläst uns der Wind nun ins Gesicht! Allerdings gehen wir gleich im kleinen Steinhafen beim Spielplatz an Land, um Pause zu machen.

Anja hat in der Zwischenzeit eine Nachricht von Betzi empfangen, die mit Jens bereits in Sieseby angekommen ist. Sie sagt, dass dieses offene Stück keinen Spaß bereitet und bietet an, die Fahrer unserer Fahrzeuge in Sundsacker gegenüber von Arnis abzuholen und nach Sieseby zu fahren. Die paar hundert Meter offenes Wasser zwischen dem geschützten Arniser Hafen und dem Anlanden am Pausenplatz haben allen klar gemacht, dass es ein zäher Kampf werden würde, den Parkplatz unserer Autos auf dem Wasserwege zu erreichen.

Jörg und ich waren den ganzen Winter regelmäßig paddeln, so dass wir im Training sind. Lena geht auch regelmäßig paddeln und ist so jung, dass sie Anstengung ohne Probleme wegstecken kann. Peter ist eh unkaputtbar — und gegen Maditha ist der Duracell-Hase ein Schlappschwanz! Wir machen uns also zu fünft auf den Rückweg, die anderen setzen das kurze Stück auf die andere Schleiseite um und warten auf das Shuttle.

Wir queren zuerst auf die andere Seite und hangeln uns anfangs dicht ans Ufer geschmiegt vorwärts. Es gibt hier zwar keinen Windschutz, aber hier haben die Wellen nicht eine so häßliche Höhe, dass sie das Boot zum Bocken bringen. Nach einiger Zeit stelle ich fest, dass der Wind eigentlich gar nicht so garstig ist und ich keine große Mühe habe, dagegen anzukommen. Also fahre ich doch etwas weiter nach draußen — hier fühlt es sich etwas mehr nach Seekajak-Fahren an! Zu meiner Überraschung benötigen wir nur knapp mehr als eine Stunde, bis wir in das Schilf von Sieseby einlaufen.

Die Daten sind von Sonntag, dem 29.!

Der Wind legte während unserer Rückfahrt tatsächlich kontinuierlich zu. Zum Start (10 Uhr) kamen uns zarte vier Beaufort entgegen, zum Schluss (14:30 Uhr) mussten wir gegen eine solide Fünf ankeulen — mit Böen im Sechser-Bereich. Ein Glück, dass Jens und Betzi früher gestartet sind und uns so den Transfer-Service anbieten konnten, so dass nicht alle die gesamte Strecke gegen den Wind zurückpaddeln mussten. Wir fünf haben zwar alle Spaß gehabt, aber ohne ausreichendes vorheriges Training wäre das für mache bestimmt eine spaßbefreite Schinderei geworden. So können alle das Wochenende als gelungenen Auftakt für eine vielversprechende Saison verbuchen!

GPS-Daten hier

 

Sonntag, 19. Oktober 2025

Kleiner Belt im Dunkeln

Als ich beim Planungstreffen des Vereins im Januar für Oktober eine Tour im Dunkeln über den kleinen Belt angekündigt hatte, war mir schon klar, dass sie vermutlich wegen widriger Bedingungen ins Wasser fallen würde. Zu oft habe ich schon Touren dort angeboten und sie dann wieder absagen müssen, weil die Wetterbedingungen keine sichere Überfahrt und vor allem keine für alle in der Gruppe zumutbare Rückfahrt garantieren konnten. Wenn ich nun noch die Dunkelheit als zusätzliche Komponente hinzunehme, würde das die Wahrscheinlichkeit einer Absage noch einmal deutlich erhöhen.

Nach Schluss der Anmeldungsfrist weist die Teilnehmerliste neun Nasen auf - eine erfreuliche Resonanz für ein doch etwas exotisches Unternehmen. Das war mir eigentlich etwas zu viel, aber zum Glück war auch Betzis Nase darunter, so dass ich eine kompetente Unterstützung hatte, eine so große Gruppe auch im Dunkeln sicher im Blick zu behalten. Auch die Sache mit dem Organisieren der fahrbaren Untersätze ließ sich nach einigem Rumgefrage befriedigend klären. Und die Wettervorhersage schien das Unglaubliche Wirklichkeit werden zu lassen: just am Samstag Abend sollte sich eine absolute Flaute zwischen zwei Tagen mit strammen Winden einstellen! Zwar schwänzelte die Vorhersage noch einige Male hin und her - aber der ins Auge gefasste Samstag blieb von Bedingungen verschont, die mich zu einer Absage der Tour bewogen hätten. Einzig für den Rückweg am Sonntag drohte heftiger Gegenwind. Aber über den habe ich mir keine großen Gedanken gemacht.

Dass es am Samstag schließlich nur noch sechs Teilnehmer sind, entspricht dem normalen Schwund. Ein kurzes Umorganisieren der Fahrzeuge - und schon steht dem Abenteuer nichts mehr im Wege.

Eigentlich hatte ich die Abfahrtszeit auf 18 Uhr festgelegt. Sonnenuntergang ist um 18:15 Uhr, so dass wir noch bequem im Hellen packen, uns orientieren und abfahren können und dann bald in die Dunkelheit kommen. Ich habe in den vergangenen Tagen mal bewusst darauf geachtet, wann es denn wirklich dunkel wird - so richtig schwarzdunkel. Danach erschien mir 18 Uhr fast etwas früh. Unsere Zeitplanung war natürlich großzügig ausgelegt, so dass die Gefahr bestand, dass wir vor der Abfahrt eventuell etwas warten müssten. Aber zum Glück beginnen an diesem Wochenende die Herbstferien in einigen Bundesländern, so dass unsere Anfahrt nach Fynshav deutlich länger dauert als geschätzt. Und das Schmücken der Kajaks und Paddler mit Knicklichtern dauert halt auch etwas.

Der Belt liegt spiegelglatt vor uns! Die Sicht ist supergut und vom Strand aus direkt nördlich des Fährhafens sieht man jede Menge anderes Ufer - scheinbar zum Greifen nahe! Aber wo ist Lyö? An der Tatsache, dass fast alle eine Seekarte des Gebietes dabei haben (bis auf mich 🙂), sieht man, dass hier engagierte Paddler unterwegs sind. Aber es macht noch einige Mühe, das Gesehene mit dem auf der Karte Abgebildeten in Deckung zu bringen. Fazit: Lyö kann man von hier aus nicht sehen, weil es hinter dem Hafenschuppen liegt!

So ist es dann tatsächlich kurz vor halb sieben, als wir auf dem Wasser schwimmen. Noch bevor wir die Hafenausfahrt erreicht haben, schwimmt uns ein junger Seehund entgegen, der erstaunlich wenig Scheu zeigt. Vermutlich ist es das erste Mal, dass er so komische längliche Enten auf dem Wasser schwimmen sieht. Hinter dem Hafen orientieren wir uns erst einmal und ordnen die sichtbaren Dinge ein. Da ist als markanteste Erscheinung der Leuchtturm von Skjoldnäs am Nordende von Ärö. Ganz schwach im fernen Grau ragt das Ostende von Avernakö knapp über den Horizont. Davor ist das Westende etwas deutlicher zu sehen. Bereits sehr deutlich mit erkennbaren Strukturen schließt sich Lyö an - da wollen wir hin!

Seezeichen sind sparsam gesät. Da gibt es den Leuchtturm, dann eine rot blinkende Tonne zwischen Ärö und Lyö - und ein weiß leuchtendes Licht weiter nördlich auf Fünen. Um unser Ziel zu treffen, müssen wir 65 Grad fahren. Anfangs ist es noch recht gut möglich, den Kompass abzulesen, später versuchen wir, uns eher an der schwarzen Silhouette von Lyö zu orientieren, die sich etwas gegen den dunkelgrauen Himmel abhebt. Wir sind komplett alleine auf dem Wasser, und es ist magisch, in die zauberhafte Stille und das Dunkelwerden hinein zu paddeln. Unsere Knicklichter leisten gute Dienste, so dass ich immer schnell überblicke, ob noch alle meine Begleiter in der Nähe sind. 

Mitten auf dem Belt sehe ich etwas schwarzes im dunklen Wasser - es stellt sich als toter Schwan heraus, der hier auf seinen Recycling-Prozess wartet. Mit zunehmender Dunkelheit trauen sich immer mehr Sterne aus der Deckung. Irgendwann entdecken wir, dass sich in den Wirbeln am Paddel Meeresleuchten zeigt. Ziemlich schüchtern zwar - aber eindeutig Meeresleuchten! Schließlich wölbt sich die Milchstraße erhaben am Himmel über uns. Immer mal wieder huschen Sternschnuppen über den Horizont. Magisch!

Da wir unseren Zielpunkt erst im richtig schwarzen Dunkel erreichen würden, habe ich ihn als Wegpunkt in mein GPS eingegeben. Unterwegs checke ich immer mal wieder, ob unsere Ablage vom Idealkurs noch im akzeptablen Rahmen liegt. Dabei kann ich erkennen, dass wir anfangs nach Norden versetzt werden, wenn wir mit dem Paddeln innehalten und später - auf der östlichen Hälfte des Beltes - nach Süden. Wir befinden uns quasi in einem gigantischen Kehrwasser. Als wir nur noch wenige hundert Meter vom Strand entfernt sind, fahre ich nur noch nach GPS - weil ich das Ziel möglichst genau treffen möchte. Ohne dass ich ihn auch nur erkenne, läuft mein Boot irgendwann sanft auf den steinigen Strand. Ich bitte die anderen, noch in den Booten zu bleiben, weil ich kurz überprüfen möchte, wo denn der wirklich optimale Ort zum Anlanden ist. Er liegt zwanzig Meter weiter südlich! So ein GPS-Gerät ist einfach toll!

In der nächsten halben Stunde irrlichtern sechs wasserdichte Glühwürmchen scheinbar wirr auf der Wiese herum - bis all ihre Zelte stehen. In der Schutzhütte müssen wir gar nicht viel umräumen, um für uns alle einen Sitzplatz an einem langen Tisch zu organisieren. Noch bevor wir mit dem Abendessen beginnen, kommt Lena mit der Nachricht von draußen herein, dass gerade Nordlichter am Himmel zu sehen seien. Magisch zum Quadrat!

Die Nacht ist ruhig - es gibt kaum gefiederte Lärmlinge hier. Aber es ist Wind aufgekommen, und das Meer rauscht. Und es ist frisch geworden. Aber es ist ein wunderschön sonniger Morgen, und die Zelte sind trocken. Frühstücken, packen und Boote fertig machen gehen in aller Gemütlichkeit vonstatten. Leider steht der Wind ziemlich auf den Strand, was das Einsteigen etwas anspruchsvoll macht. Dass wir dabei vielleicht nicht optimal agieren, liegt schlicht an mangelnder Übung. Aber wir bekommen es bruchfrei hin, dass alle ohne allzu viel Wasser im Cockpit loskommen. Ich bin froh, dass ich als letzer und damit alleine ohne Probleme ins Schwimmen komme.

Die Wellenhöhe ist sehr schnell sehr beeindruckend! Wir hatten uns beim Briefing für den Komplementärkurs zu 65 Grad (nach Diskussionen) auf 245 Grad geeinigt. Die nächste, gut ablesbare Zahl auf dem Kompass wäre 240 Grad. Das ist aber deutlich zu wenig als Vorhaltewinkel bei den herrschenden Bedingungen. Also gebe ich 210 Grad als zu steuernden Kurs vor. An Land hatte ich noch behauptet, ich würde später mittels GPS-Gerät überprüfen, ob der Kurs geeignet ist, unsere Abdrift zu kompensieren und gegebenenfalls nachjustieren. Ich merke aber gleich, dass Feinjustierung hier kein Thema ist und sage der Gruppe, dass wir die ganze Zeit zwei-eins-null steuern werden. Betzi, die ohne Kompass fährt, wünscht sich von mir, dass ich ihr eine Landmarke am gegenüberliegenden Ufer nenne, die sie ansteuern kann. Ich gebe ihr auch das südlichste momentan sichtbare Ende von Alsen als Anhaltspunkt. Wir merken beide schnell, dass das nicht lange gilt, aber Betzi kommt prima auch ohne weitere Ansage zurecht.

Heller Bereich: Zeit auf dem Wasser
Die Windvorhersage hatte fünf Beaufort versprochen, die später auf sechs hochgehen sollten. Die Messwerte geben für unsere Zeit auf dem Wasser aber durchgängig sechs Beaufort an, mit Böen in sieben. Die Richtung ist Südsüdost - also schräg von vorne. Der Fetsch beträgt über fünfzig Kilometer und es weht halt schon eine ganze Weile - da ist die Wellenhöhe keine Überraschung. Sie liegt zwischen einem und zwei Metern. Betzi hat mal mitgeplottet, wie lange sie einen anderen Paddler nicht sieht, wenn der in ein Wellental abgetaucht ist. Sie ist auf drei Sekunden gekommen. Natürlich bin ich hier mit sicheren Paddlern unterwegs, aber auch wenn die Wellen im wesentlichen lang und harmlos sind, brechen einige doch und entwickeln eine nennenswerte Wucht, wenn sie einen treffen. Und dann ist das hier der kleine Belt, wo die Wellen eigenen spezifischen Gesetzmäßigkeiten folgen - da kommt auch schon mal eine Welle aus einer komplett verqueren Richtung und kabbelt sich mit den anderen. Ohne solide Stütze ist man hier nicht am richtigen Ort.

Ich beobachte meine Mitpaddler aufmerksam und unablässig. Alle fahren konzentriert aber unverkrampft. Alle Angriffe brechender Wellen werden souverän abgewehrt. Es gibt aber drei Dinge, die mir krause Gedanken bereiten. Das erste ist die Möglichkeit, dass jemand seekrank werden könnte. Ich habe das Wort Seekrankheit vorher bewusst nicht ausgesprochen, weil es schon einen unguten Effekt hat, wenn dieses Wort einem nur im Hirn rumgeistert. Sollte jemand tatsächlich innerlich zerfallen, werden wir eben damit umgehen.

Das Zweite ist die Tatsache, dass die Gruppe einen deutlich südlicheren Kurs als 210 Grad steuert. Ich versuche anfangs noch auf Kurs zu bleiben, muss aber erkennen, dass wir uns dadurch so weit voneinander entfernen, dass mir damit nicht mehr wohl ist. Also fahre ich immer wieder näher an die Gruppe oder winke sie zu mir heran. Irgendwann versuche ich zu erfragen, ob alle den verabredeten Kurs problemlos fahren können, erkenne aber quasi im Fragen, dass meine Frage und die jeweilige Antwort eigentlich vollkommen belanglos sind - hier sprechen einfach die Tatsachen! Ich kann schlecht darauf pochen, dass ich den korrekteren Kurs fahre, aber dann die Gruppe verlieren. Also sortiere ich einfach meine Prioritäten neu: Erstens: Gruppe zusammenhalten, zweitens: Kurs 210 halten! Dadurch fahren wir gewissermaßen eine reziproke Hundekurve.

Die dritte Besorgnis ist die Tatsache, dass wir eine ziemliche Strecke gegen einen ziemlichen Gegenwind paddeln müssen. Da muss man mit den Kräften haushalten. Am Anfang ist das Blut voller Adrenalin und die Muskeln noch voller Energie. Das verleitet dazu, am Anfang stärker reinzuhauen, als für eine lange Zeit gut ist. Es ist schwer einzuschätzen, ob das Tempo, das eine Gruppe fährt, so nachhaltig ist, dass es für die gesamte Tour reicht. Hier kommt mir Betzi zu Hilfe, die ziemlich bald ein etwas langsameres Tempo als der Rest der Gruppe fährt. Das gibt mir die Gelegenheit, den Rest der Gruppe abzubremsen. Die anderen passen sich bereitwillig unserem Tempo an. 

Das Optimum an Gruppendichte verdanken wir der Begegnung mit einem Segler! Der stampft in der Ferne schräge auf uns zu. Er hat Fock und Großsegel extrem gerefft und liegt trotzdem mächtig schräg im Wasser. Je näher er uns kommt, desto enger scharen sich meine Begleiter um mich. Ich höre einige hektische Kommentare aus der Gruppe, kümmere mich aber nicht weiter darum. Ich weiß, dass Anja immer sehr ängstlich auf Schiffsbegegnungen aller Art reagiert. Es besteht keine Gefahr einer Kollision, aber ich stelle das Paddeln trotzdem kurz ein, um ihn in sicherem Abstand passieren zu lassen. Die Mannschaft winkt uns kurz zu und ich erwidere den Gruß.

Nachdem der Segler passiert hat, nimmt die Wellenhöhe langsam ab. Kaum merklich zwar, und es sind immer noch beachtliche Kaventsmänner darunter, aber das Ärgste haben wir hinter uns. Auch der Wind bläst nicht mehr ganz so garstig, eine Konsequenz, dass wir näher an Alsen sind und die Insel ihre schützende Wirkung entfalten kann. Ich habe den Eindruck, dass unsere Geschwindigkeit etwas nachlässt und auch die Gruppe sagt hinterher, dass ihr im zweiten Teil etwas die Kräfte ausgingen. Aber wenn man auf unsere GPS-Daten sieht, lässt sich ein Nachlassen nicht bestätigen - wir sind im letzten Teil sogar geringfügig schneller geworden! 

Als wir nicht mehr weit vom Land entfernt sind, setzt sich Sabine deutlich nach Süden von der Gruppe ab. Normalerweise wäre sie mir viel zu weit weg gewesen, aber hier lasse ich sie einfach fahren. Ich kenne sie und weiß sofort, dass sie nur Anlauf nimmt, um einen möglichst guten Surf zu erwischen. Die anderen rufe ich erst etwas später zusammen, damit wir im dichten Pulk und mit dem Wind im Rücken die Hafeneinfahrt von Fynshav queren. Hier versuche ich auch, die schiebenden Wellen zu nutzen und erreiche meine maximale Geschwindigkeit von 13,4 km/h!

Hinter der Hafenmauer ist das Wasser so glatt, dass man glaubt, mit einer Luftmatraze nach Lyö paddeln zu können. Als Ausklang der wunderschönen, auf dem Hinweg magischen und auf dem Rückweg fordernden Tour lassen wir uns auf dem Campingplatz Naldmose von den überaus sympatischen deutschen Betreibern Kaffee und Kuchen servieren.

GPSDaten 

Sonntag, 28. September 2025

Schleimünde 2025

Die letzte Zeit war bei mir etwas dicht gepackt mit Inhalten: erst musste ich nach Jersey, dann ins Baltikum. In das Wochenende zwischen den beiden Urlauben hatte ich mit Mühe die Leuchtturm-Tour gezwängt. Und kaum aus Litauen zurück, stand die traditionelle Schleimünde-Tour auf dem Programm. Nicht einmal zum Vorbereitungstreffen habe ich es geschafft! Aber natürlich hat Anja alles super organisiert! Sogar eine Mitfahrgelegenheit für mich und mein Boot, so dass ich mein eigenes Auto gar nicht brauchte.

Wind während der Tour
Die Tour erfreut sich immer sehr großer Beliebtheit. Anja hat das Limit auf 15 Personen gesetzt, weil genau so viele Menschen in unser Gruppenzelt passen - wenn man sie einigermaßen geschickt stapelt! Dieses Limit sorgt manchmal für lange Gesichter, aber erst mit dem Zelt wird die Tour zu dem Gemeinschaftserlebnis, das sie so beliebt und unvergessen macht. Und da wäre es nicht förderlich, wenn überzählige Teilnehmer draußen sitzen müssten. Und da ist es auch etwas ungünstig, dass Anja und Norbert beim Treffen vor der Bootshalle merken, dass sie das Zelt im heimischen Flur vergessen haben! Da ist also nochmal ein kleiner Umweg erforderlich!

Natürlich sind auch hier einige der Angemeldeten verhindert, als der Tag der Wahrheit vor der Tür steht. Und Nils ist sich noch nicht sicher, ob er bei dem angesagten Gegenwind überhaupt mitkommen möchte. Aber es rutschen auch immer noch wieder Leute spontan nach, die dann doch noch mitkommen können. Nils will sich die Situation erst mal vor Ort näher ansehen, bevor er sich entscheidet. Dazu will er nach Olpenitz fahren und einen Blick aufs Meer werfen. Ich sage ihm, dass Olpenitz dafür kein guter Ort ist. Er soll sich die Sache lieber in Sundsacker ansehen, von wo aus er mit Elke sowieso starten will.

Alle anderen starten von Sieseby aus. Die übrigen in Frage kommenden Startorte sind bei der Vorbesprechung verworfen worden, wegen schwieriger Anreisebedingungen aufgrund der momentan prekären Lage bei Brücken und Fähren, und weil sowieso zuviel Gegenwind herrscht für eine noch längere Paddelstrecke. So packen am Ende elf wackere Paddler ihre Siebensachen am Steg von Sieseby in ihre Boote. Zum Glück ist Bernhard mit von der Partie, denn sein großes Boot schreit förmlich danach, das Gruppenzelt zu beherbergen, was seinen Stauraum aber nur unwesentlich ausfüllt. 

Anja ist noch ganz beseelt vom auf Jersey Gelernten und macht ein ausführliches Briefing. Es werden zwei Pausen vereinbart - eine in Sundsacker, wo wir Elke und Nils aufnehmen wollen und eine an der Engstelle hinter Kappeln, wo sich die Schlei nach Osten öffnet und ab wo wir dem Gegenwind ins Auge blicken müssen. 

Um halb zwölf, eine halbe Stunde später als meine Schätzung, stechen wir in See. Wie üblich sind alle hoch motiviert und legen gleich ordentlich los. Ich schließe bald zu Angela auf und verabrede mit ihr, dass wir die jungen Leute einfach lospreschen lassen und wir beide gemütlich hinterher trotteln. Der Weg ist ja klar. Aber das ist nicht kompatibel mit Anjas Anspruch, das auf Jersey Gelernte in der Praxis anzuwenden. Entschlossen stoppt sie die Gruppe und gibt die Devise aus, dass wir als Pulk zusammen fahren und die Langsamsten das Tempo vorgeben. Ein lobenswerter Ansatz, aber nach meiner Erfahrung nicht einfach umzusetzen. Überdies besteht die Gefahr, dass die Langsameren sich im Pulk der Gruppe doch zu mehr Tempo hinreißen lassen, als sie dauerhaft könnten und dann mit fortschreitender Zeit ernsthaftere Probleme auftreten können. Aber bis zur Pause ist es ja nicht weit.

Zusätzlich zu meiner Verschätzung beim Starttermin habe ich auch die Zeit unterschätzt, die wir bis Sundsacker benötigen. So treffen wir also erst eine Dreiviertelstunde später dort ein, als  ich es Elke bei unserer Abfahrt vorhergesagt hatte. Unsere "Verspätung" hat die beiden aber nicht weiter beunruhigt, Ich war mir sicher, dass Nils sich für die Mitfahrt entscheidet, wenn er die Verhältnisse in Sundsacker sieht. Hier ist es leidlich geschützt und es sieht alles sehr harmlos aus. Ab hier fahren wir also mit dreizehn Nasen weiter.

Von hier bis hinter Kappeln ist die Schlei recht schmal und verläuft quasi genau in Nord-Süd-Richtung. Dadurch bieten die Ufer einen recht guten Windschutz und man merkt kaum, dass ein kräftiger Wind weht. Wir sind zügig unterwegs und auch recht dicht beeinander. Das ändert sich aber nach der Pause, die wir wie vereinbart an der Engstelle zelebrieren, wo sich die Schlei final nach Osten öffnet und auf ungeahnte Breite weitet.

Erst Zickzack, dann Begleitung von Nils, dann Kopplung...
Hier bläst uns nun der Wind erbarmungslos ins Gesicht! Die dadurch arg reduzierte Zügigkeit kompensiere ich anfangs, in dem ich einfach in Schlangenlinien hinter der Gruppe hinterherfahre. Hätte Nils gewusst, wie anstrengend es sein kann, nach Schleimünde zu kommen, hätte er vielleicht doch in den Sack gehauen. Bernhard zeigt sich solidarisch und paddelt dicht neben ihm. Nach guten zwanzig Minuten schließe ich zu beiden auf und biete an, dass ich ab nun neben Nils bleiben werde. Sehr zur Freude von Bernhard, der gleich zum vorderen Teil der Gruppe enteilt. Neben der Reduktion der Geschwindigkeit hat die geänderte Windsituation nämlich dazu geführt, dass sich die Gruppe über eine beträchtliche Strecke verteilt. Es ist eben doch nicht so ganz einfach, Gelerntes und eigentlich für richtig Erachtetes auf Dauer in der Praxis auch anzuwenden - insbesondere, wenn es ein seehr langsames Paddeln bedeutet.

Ich schaue immer mal wieder auf meine Super-Duper-GPS-Uhr, um unsere Geschwindigkeit zu checken. Die sinkt leider kontinuierlich ab und fällt zeitweise unter drei Stundenkilometer. Es sind noch gute drei Kilometer bis zu unserem Ziel, und wenn wir noch langsamer werden, kann das eine Weile dauern. Auf der Höhe von Maasholm biete ich Nils an, dass er sich an meinem Bug festhalten kann und ich ihn dann einfach schiebe. Das findet er eigentlich auch ganz angenehm, hat aber den Nachteil, dass unser Verband nicht mehr die eigentlich benötigten Kurs halten kann. Mein nächstes Angebot, ihn mit einer Schleppleine zu unterstützen, wenn er es von sich aus wünscht, kann er nicht wirklich widerstehen. Die Kopplung gestaltet sich etwas holperig, weil die Leinen auf Nils Boot nicht wirklich auf so eine Situation vorbereitet sind - aber auch wenn es uns währenddessen etwas zurück weht: wir bekommen es hin.

Ist es nicht so, dass sich die Geschwindigkeiten von zwei Kajaks addieren, wenn man sie mit einer Leine koppelt? Nils paddelt wacker mit, und zusammen sind wir nun so zügig unterwegs, dass wir fast die gesamte Gruppe einholen - bis auf Anja und Maditha, die ganz vorne fahren. 

Die Öhe hat auf mich immer sofort eine ungemein beruhigende Wirkung - nachdem ich sie nur betrete! Im Segelhafen herrscht überraschend viel Betrieb und auch das Hafenmeisterbüro ist besetzt. Hier gibt es sogar Kaffee und ein paar Kleinigkeiten zum Verzehr zu kaufen - als Ersatz für die nicht in Betrieb befindliche Giftbude. Nachdem wir unsere eigenen Zelte errichtet haben, wird das große Gemeinschaftzelt aufgebaut. Gut, dass wir Anja dabei haben, denn sie ist die einzige, die einen wirklichen Plan dafür hat. Aber wenn gleichzeitig etwa zehn Mann die notwendigen Stangen einschieben und Heringe an den richtigen Positionen in den Boden rammen, steht das Ding im Handumdrehen! Und der wirklich kräftige Wind macht ihm gar nix!

Allerdings ist das Wetter so schön und die Luft so lau, dass wir unseren Nachmittagskaffee draußen an den Holzbänken zu uns nehmen. Ich habe das Gefühl, dass der Herbst zeigen will, dass auch er unglaublich schöne und warme Wochenenden zustande bekommt!

Auch am nächsten Morgen ist es so warm und sonnig, dass wir das Gemeinschaftszelt leer lassen und stattdessen ein paar Holzbank-Tisch-Kombinationen so arrangieren, dass wir mit allen daran frühstücken können. Die Diskussion, wann wir denn fertig für die Rücktour sein wollen - oder müssen - endet mit einem entspannungsfreundlichen elf Uhr!

Zwar hat der Wind gegen gestern erheblich abgenommen, aber er weht immer noch frisch. Hinzu kommt, dass durch den verminderten Winddruck das Wasser nun aus der Schlei hinausströmt - also dem Wind entgegen. Das erzeugt erfrischende Wellen! Statt mich direkt nach rechts Richtung Sieseby zu wenden, fahre ich nach links - dem Vergnügen entgegen. Einige andere wollen auch noch etwas Spaß haben. Die Windstärke beträgt nur noch vier bis fünf Beaufort, was ziemlich mau ist, aber durch die heftige Strömung bauen sich direkt in der Fahrrinne bis einen Meter hohe Wellen auf. Die Segelyachten, die die Schlei verlassen, stampfen wie bockige Broncos. Es macht mir großen Spaß, mit den Wellen zu spielen, und ich fahre bis hinter Tonne 1. Nach der Wende sehe ich, dass mir doch niemand gefolgt ist. Schade, denn auch der Weg zurück ist spritzig und macht Spaß.

Der Heimweg nach Sieseby ist mit dem Wind im Rücken für niemanden ein Problem. Dort stärken wir uns noch durch Kaffee und Kuchen in der Sonne. Wieder einmal haben wir ein sagenhaftes Glück gehabt und ein traumhaftes Wochenende geschenkt bekommen. Vielleicht würde Nils nicht unbedingt "geschenkt" sagen, aber "traumhaft" wird er bestimmt unterschreiben können!

 GPS-Daten

Samstag, 13. September 2025

Leuchtturm-Tour

Anne kam bei der Fahrtenplanung im vergangenen Winter mit der Idee, eine Tourserie zu den Leuchttürmen unseres Heimatrevieres aufzulegen. Ich hatte sowieso mit dem Gedanken gespielt, mal wieder eine Tour zum Kieler Außenleuchtturm anzubieten und wollte gerne mit einem Beitrag die Serie ergänzen. Leider wusste ich bei der ursprünglichen Terminplanung noch nicht, dass ich ins Baltikum musste, und so musste ich noch mal den Termin mit Ulrichs Jahresabschlussfitnesstesttour tauschen.

Ich hatte immerhin sechs Anmeldungen, was ganz ordentlich ist für eine Tour ins ausgesetzte Wasser. Aber je näher der Termin rückte, desto mehr bröckelte die ursprüngliche Zahl der Interessenten. Am Morgen des Tages kam noch die letzte Absage wegen Gliederschmerzen. Nun muss man sagen, dass die Windvorhersage auch einigermaßen anspruchsvolle Bedingungen vermuten (will sagen, je nach Befindlichkeit befürchten oder erhoffen) ließ: fünf bis sechs Beaufort aus Süd. Eigentlich war mir das ganz recht, denn bei nahezu Flaute ist die Tour nicht nicht wirklich etwas besonderes. Andererseits verstehe ich auch die Zurückhaltung bei allen, die deswegen zurückgezogen haben, sich nicht ohne Not solchen Bedingungen aussetzen zu wollen. 

So bleiben unterm Strich nur zwei wackere Paddler übrig, die mich begleiten wollen: Peter und Lena. Das vereinfacht zum einen die Anreise, weil wir mit einem Auto fahren können, und zum anderen muss ich mir bei den beiden keine Sorgen wegen eventueller Überforderung meiner Mitpaddler machen.

Peters Auto ist nagelneu - und er weiß noch nicht, ob es schlauer ist als er selbst! Aber es kann alle unsere drei Boote auf dem Dach transportieren, was die Unternehmung sehr vereinfacht. Ich bin gestern noch extra nach Bülk geradelt, um mir die Parksituation aus nächster Nähe anzusehen. Der Schlagbaum, der die Zufahrt regulieren soll, liegt im Straßengraben neben seiner Aufhängung - der wird uns also keine Probleme machen. Da wir so früh sind, können wir uns auch aussuchen, wo wir parken und haben keine lange Strecke, um die Boote vom Auto an den Strand zu tragen. Ich löse einen Parkschein für vier Stunden - innerhalb dieser Zeit müssen wir es geschafft haben!

Packen fällt praktisch aus, weil wir ja nur kurz hinhechten wollen und ohne Umschweife zurück. Die Vorbesprechung erfordert etwas Phantasie, weil weder die Teilnehmer noch der Fahrtenleiter eine Seekarte dabei haben! Obwohl ich mir gestern Abend extra noch mal den relevanten Ausschnitt der Seekarte ausgedruckt hatte! Aber immerhin haben wir uns ja das Seegebiet bei der Vorbesprechung am vergangenen Mittwoch genau angesehen und alle Optionen diskutiert. 

Peter plädiert sehr dafür, dass wir zur Tonne 1 fahren. Das ist die "Kuh", die bei Seegang immer muht und die will er gerne sehen. Die Tonne liegt nach Seekarte (die wir ja nicht dabei haben) etwa in Richtung 58 Grad. Für den Anfang wollen wir dafür 60 Grad steuern. Ich weiß trotz fehlender Referenz, dass das etwas knapp als Vorhalt ist, weil wir ja doch einigen Wind haben. Aber der Wert lässt sich halt super gut auf dem Kompass ablesen, und später können wir immer noch unseren Kurs anpassen. Es zeigt sich auch bald, dass wir kräftig versetzt werden und eine ordentliche Hundekurve beschreiben. Am Ende müssen wir fast 90 Grad steuern, um nicht an der Tonne vorbeigeweht zu werden.

Die Wellen hier sind schon erheblich - ich schätze mal so einen halben Meter. Aber sie sind gutmütig und tun nix! Aber sie veranlassen die "Kuh" auch nicht zum Muhen! Wie es aussieht, hat man der Tonne die tongebende Röhre entfernt, so dass sie nur noch stumm im Auf und Ab der Wellen rumdümpelt. Ein nachträglicher Blick in eine aktuelle Seekarte enthüllt auch, dass sie keine Bezeichnung mehr trägt, die auf ein Muhen hindeuten könnte! Schade!

Von der grünen Tonne geht es genau Richtung Norden zur gelben Kabeltonne. Dabei haben wir den Wind exakt von hinten, und er beschert uns einige tolle Surfgelegenheiten. Ich glaube, das hat Lena noch nicht so oft erlebt und sie kann hier sehen, wieviel Spaß solche Bedingungen machen können. Sie hat als Kind das Paddeln quasi mit der Muttermilch eingetrichtert bekommen und verfügt über eine traumwandlerische Bootsbeherrschung. Außerdem ist sie komplett unbekümmert und sieht keinerlei Bedrohung in den Verhältnissen. Irgendwann paddelt sie uns allen davon!

Für den Nordkurs war kein Vorhalt notwendig. Als wir uns an der Kabeltonne angekommen zum Leuchtturm wenden, müssen wir aber wieder der Abdrift durch Wind und Strömung Tribut zollen. Ich steuere wieder konstant 60 Grad, was diesmal aber gut ausreicht, um den Versatz zu kompensieren. Der Leuchtturm ist seit dem Sturm von zwei Jahren komplett verwaist und wird von den Lotsen nicht mehr genutzt. Ich rechne damit, dass man ihn so lange verfallen lassen wird, bis eine Reparatur zu teuer wird und man ihn schließlich abreißen wird. Wir stärken uns etwas in seinem Windschatten und machen uns auf den Rückweg.

Eigentlich sollte man denken, dass das Navigieren dabei sehr einfach sein sollte: einfach den Leuchtturm Bülk anpeilen und drauf los halten. Das Problem am Leuchtturm Bülk ist aber, dass er so in den ihn umgebenden Bäumen versteckt ist, dass man ihn von See aus gar nicht sieht! Das ist für einen Leuchtturm besonders praktisch! Zum Glück sind die Lichtverhältnisse aber günstig genug, dass man die erste Kabeltonne gut sehen kann. Wir peilen erst sie an, dann die zweite und ab dort sieht man dann auch den durchsichtigen Teil des Leuchtturms Bülk durch die Bäume schimmern.

Gegen den Wind ist es etwas mühseliger mit dem Vorankommen. Unsere Geschwindigkeit geht von anfänglichen fünf km/h schließlich auf vier km/h zurück. Ganz zum Schluss lasse ich mein Boot noch mal laufen, damit es auch auf seine Kosten kommt. Nach guten zweieinhalb Stunden sind wir zurück am Strand. Da unser Parkschein noch eine Weile gilt, gehen wir noch in den Kaffee-Pils auf ein Stück Kuchen mit Kakao!

GPS-Daten hier 

Sonntag, 13. Juli 2025

Jägerschnitzel mit Pilzen und Bauernfrühstück ohne Speck

Wie schön, dass in unserem Verein Leute nachrutschen, die Touren auf der Nordsee anbieten! Bislang blieb das immer eher an mir hängen, nun haben sich Simon und Peter zusammengetan, eine Tour für Nordsee-Einsteiger zu organisieren. Peter war eigentlich schon immer in der Lage dazu, hatte aber nicht so viel damit am Hut, sich am Fahrtenprogramm des Vereins zu beteiligen. Simon ist auf dem Weg, sich in dieses Thema reinzufinden. Was für eine glückliche Kombi - und ich kann mich beruhigt zurücklehnen ;-)

Natürlich will ich selbst auch gerne mit auf die Nordsee und nach Hooge - aber es ist keine gute Idee als "alter Hase", der meint, alles besser zu wissen, sich in diesen Prozess einzumischen. Aber wenn ich gar nicht mitfahre, sondern einfach nur zum selben Zeitpunkt auch nach Hooge fahre? Da spricht doch eigentlich nichts dagegen! Jedenfalls haben Simon und Peter keine ausschließenden Bedenken geäußert. Jörg hatte vorher schon Interesse an einer "Auch-Fahrt" bekundet, und so bilden wir beide einfach eine zweite Gruppe, die am selben Tag zufällig auch nach Hooge fährt.

Während wir im Bulli vorbei an Spinkebüll und den anderen einschlägigen Metropolen Nordfrieslands nach Schlüttsiel schiggern, rätselt Jörg darüber, ob er wirklich alles dabei hat. Meine Devise ist immer: ich habe bestimmt nicht alles dabei, aber genug, um damit über die Runden zu kommen! Beim Durchgehen meiner Ausrüstung in Gedanken kommt in mir das Gefühl hoch, dass ich meinen Camping-Stuhl nicht eingepackt habe. Ich kann mich immer recht gut daran erinnern, welche Gegenstände ich beim Packvorgang in den Händen gehabt habe - der Heli-Stuhl war nicht dabei. Das ist schade, aber kein Beinbruch!

In Hafen von Schlüttsiel steht Angela schon bereit. Sie ist solo angereist, denn sie kommt nicht aus Kiel sondern aus dem tiefen Süden unseres nordischen Landes. Auf der anderen Seite des Hafens macht sich ebenfalls eine Gruppe Paddler fertig - es ist eine Tour, die Antje F. für den Hamburger LKV anbietet. Wenig später treffen auch die restlichen Kieler ein - so dass unser Vereinskontingent mit sieben Personen vollständig ist. Nur Bernhard und Bianca (die den meisten eher unter ihrem Pseudonym Isabelle bekannt ist) haben abgesagt: Bernhard musste sich kurzfristig einem heftigen Anfall von "Rücken" beugen, und Isabelle muss ihn jetzt pflegen!

Beim Umpacken unserer Ausrüstung vom Auto in die Boote fällt mir ziemlich bald mein Camping-Stuhl in die Hände. Welch Glückes Geschick! Dann kann ich doch gemütlich auf dem Deich in meinem Stuhl sitzen und den Sonnenuntergang genießen! Merkwürdig nur, dass ich mich nicht erinnern konnte, ihn eingepackt zu haben. Das klärt sich wenig später. Denn was mir nicht in die Hände kommt, ist meine Iso-Matte! Und jetzt dämmert es mir: ich hatte beim Einpacken den Stuhl für meine Matte gehalten, weil sie eine ähnliche Form und Größe haben! Wenn ich wählen könnte, würde ich lieber meinen Stuhl vergessen haben als meine Iso-Matte - aber hier kann ich nicht wählen! Das ist schade, aber auch kein Beinbruch, von dem ich mir die Tour vermiesen lasse!

Jörg und ich sind zwar als erste auf dem Wasser, aber wir wollen nicht vor den anderen losfahren. Da bei denen aber noch ein gründliches Briefing fällig ist, schließlich sind einige das erste Mal in diesem Revier, dümpeln wir eine ziemliche Weile im Hafenbecken herum. Den ersten Kilometer fahren wir noch eher hinter als vor der anderen Gruppe, aber die Verhältnisse sind unerwartet harmlos und niemand macht auch nur den Anschein, als wenn es ihm nicht geheuer ist. Irgendwann verfallen wir einfach in unser gewohntes Tempo. Wenn wir hier schon nichts beitragen können, wollen wir wenigstens nicht trödeln und damit auf Hooge möglichst komfortabel aussteigen.

Wie so oft erliegen wir auch diesmal unser laxen Navigation. Wir sind mit dem Revier so vertraut, dass wir nicht die Sorgfalt an den Tag legen, die für eine fehlerfreie Navigation notwendig wäre. Spätestens an der Tonne SA21/Ho13 müssten wir uns nämlich nach Süden den Tonnen Ho4 und Ho2 zuwenden. Dort wenden wir uns auch tatsächlich etwas nach Süden den beiden nächsten sichtbaren Tonnen zu - aber das sind SA22a und SA19a! Auf der Seekarte sieht das wie ein derber Fehler aus, aber Tonnen gegen die Sonne zu erkennen, ist nicht leicht, und wenn man zwei erwartet und zwei sieht - und die auch noch leicht südlicher als der bisherige Kurs liegen - ist man nur zu gerne bereit, die Erwartung leichtgläubig auf des Gesehene zu projizieren. Erst kurz vor der Tonne SA19a merke ich, dass wir viel zu weit nördlich und damit immer noch in der Süderaue sind. Wir hätten ab Tonne SA21/Ho13 einfach auf unseren Kompass sehen und direkt nach Süden steuern sollen - dann hätten wir auch irgendwann die beiden roten Tonnen des Hooge-Fahrwassers entdeckt! So schrammen wir knapp über das Flach zwischen der Süderaue und dem Hoogefahrwasser. Zu unserem Glück steht aber noch etwa ein halber Meter Wasser darüber. Und zum Glück sind wir mittlerweile so weit vor unseren Kameraden, dass sie uns nicht mehr sehen können. Dadurch ist zum einen sichergestellt, dass sie weiterhin glauben können, wir seien die weltbesten Navigatoren - und zum anderen besteht nicht die Gefahr, dass sie, statt selbst zu navigieren, einfach den beiden weltbesten Navigatoren nachfahren. Dann hätten sie nämlich definitiv das Problem, dass eben kein Wasser mehr über dem Flach steht!

Das Aussteigen an der Hooger Mole ist wie immer kein Vergnügen! Ich habe Angst, dass die hässlichen Austern sich einfach durch die Neoprenschuhe in meine Füße schneiden und damit der Unternehmung ein jähes Ende bereiten. Aber wir meistern die Aufgabe ohne Blutverlust.

Auf der Zeltwiese steht nur eine einzige Stoffhütte. Die Hamburger Gruppe ist also vermutlich nach Hilligenlei auf Langeness gefahren. Uns soll es recht sein. Die Bewohner der anderen Stoffhütte erkenne ich bald als Anke und Rainer E. aus Hamburg. Anke als Urgestein der Seekajak-Szene treffe ich seit vielen Jahren immer mal wieder - mal hier und
mal da.  Nachdem der Rest unserer Vereinsmitglieder eingetroffen und alle Zelte aufgebaut sind, wird emsig gekocht und gespeist. Das Wetter ist ziemlich gut, aber der konstante Wind lässt keine ausgelassene Gemütlichkeit aufkommen. So fällt die Anbetung des - zugegebenermaßen eher suboptimalen - Sonnenunterganges entsprechend kurz aus. Ich versuche, meine fehlende Iso-Matte durch irgendwelche Kleidungsstücke zu ersetzen, die ich mir unterlege...

Der Samstag beginnt mit halbherzigen Überlegungen, was man den paddeltechnisch bewerkstelligen könnte. Peter konnte gestern seine Führungsrolle beim Anlanden und Transportieren der Boote von der Mole zur Zeltwiese nicht ablegen und hat kräftig mitgeschleppt. Dass er eigentlich latent immer Problem mit "Rücken" hat, hat er zwar nicht vergessen - aber ignoriert! Das rächt sich heute morgen in Form heftiger Schmerzen, die seinen Gang wie den eines alten Mannes aussehen lassen. Paddeln fällt für ihn heute aus. Aber das muss ja nix für die anderen heißen. Die Windvorhersage ist aber eher garstig, so dass alle Optionen eine beinharte Komponente beinhalten würden - und auf der Hallig ist es ja auch sehr schön! So wird einhellig beschlossen, das Eiland genauer unter die Lupe zu nehmen und einen ausgiebigen Spaziergang darauf zu unternehmen. 

Abends wollen wir dann in den Friesenpesel gehen, um etwas zu essen. Damit unser Unterkommen dort sichergestellt ist, wollen wir uns kurz vorher telefonisch anmelden. Elke weist ihr Telefon an, beim Friesenpesel anzurufen. Wir hatten schon vorher darüber geredet, dass sich das Angebot dort über die Jahre immer weiter zum Dürftigeren hin entwickelt hat. Nun scheint die Situation aber endgültig prekär geworden zu sein: Sie hätten leider kein Personal und eine Bewirtung von neun Mäulern wäre schwierig. Aber wenn wir uns vorab auf einige wenige Gerichte verständigen könnten, könne sie wohl was vorbereiten. Lamm-Filet steht nicht zur Auswahl, nicht einmal Lamm-Frikadelle, zu dem das Filet schon vor einigen Jahre mutiert ist. Aber Jägerschnitzel mit Pilzen - und für Vegetarier Bauerfrühstück ohne Speck! Frische Luft und Betätigung darin machen hungrig - da schrumpfen die kulinarischen Ansprüche gerne mal auf ein Minimum. Wir ordern fünf Jägerschnitzel und vier mal Bauerfrühstück.

Unser Spaziergang bringt es an den Tag: Hooge ist verdammt groß! Immerhin schaffen wir genau die Hälfte einer Komplettumrundung! Auf der Hanswarft ist eine Pause mit Stärkung fällig. Hier kann man die legendäre Friesentorte ordern - eine komplexe Aufschichtung aus Mürbeteig, Blätterteig, Sahne und Pflaumenmus, an der man beim Versuch, den Verzehr einigermaßen ästhetisch zu bewerkstelligen, nur scheitern kann! Ich nehme lieber Apfelkuchen... . In den Gesprächen, bekümmert uns die Situation des Friesenpesels weiterhin. Wenn Lammfilet und selbst Lamm-Frikadelle nicht einmal mehr auf der Speisekarte stehen, kann das nichts Gutes bedeuten! Stattdessen haben sie jetzt Jägerschnitzel - das gab's früher nicht! Da ist wohl bald die letzte Luft raus! Wie schade das für Hooge wäre, wenn so ein ehemaliger Magnet seine Anziehungskraft komplett verlieren würde! 

Nach unserer Rückkehr auf die Zeltwiese sind wir vornehmlich damit beschäftigt, uns für den Besuch im Friesenpesel vorzubereiten. Dazu gehört Badengehen im durch die Springflut prall gefüllten Hafen (man kann dabei mit den Füßen im Schlick rühren!), auf der Wiese sitzen und die frisch gebadeten Füße auf den mitgebrachten Tisch legen, oder einfach dösen. Wir können noch einem Katamaran-Segler dabei zusehen, wie er in atemberaubendem Tempo die Hallig umrundet und mit vollem Karacho durch das schmale Fluttor in den Hafen brettert! Mitten im Hafenbecken springt sein mitgesegelter Sohn in voller Fahrt vom Boot! Das gefällt offensichtlich seiner Schwester so gut, dass der Katamaran mit ihr noch mal rausmuss, damit sie die Nummer mit dem Rausspringen bei voller Fahrt auch noch mal vorführen kann! Gegen Abend kommt noch die Hamburger Truppe an, die von Hilligenlei übergesetzt und ebenfalls Hooge umrundet hat.

Beim Friesenpesel nehmen wir gleich auf der Terasse Platz. Hier ist Windschutz und es ist lau genug. Prompt kommt die Bedienung an unseren Tisch und will uns Speisekarten überreichen. Wir geben uns zu erkennen, dass wir die Truppe sind, die sich angemeldet und das Essen abgestimmt hat, weil sie doch gerade kein Personal haben. "So, so. Na, wir sind ja jetzt da, da können sie ja schon mal wählen.". "Wir brauchen nicht zu wählen, weil wir ja schon mit Ihnen abgestimmt haben, dass wir fünf mal Jägerschnitzel mit Pilzen nehmen und viermal Bauernfrühstück - ohne Speck!" "Jagerschnitzel? Ich werde mal in der Küche fragen, was möglich ist." 

Der Friesenpesel in Silberstedt!
Wir sind leicht irritiert, dass sie so komplett uninformiert tut. Und außerdem sah es so aus, als wenn sie uns die ganz normale Speisekarte ohne Einschränkungen aushändigen wollte! Sehr merkwürdig alles! Bis Sven die Frage stellt: "Sind wir uns eigentlich sicher, dass wir beim richtigen Friesenpesel angerufen haben?" Ein kurzes Stutzen, ein Gelächter über die abstruse Idee - und ein kurzer Vergleich der Telefonnummer in Elkes Anrufverlauf mit der, die Peter für den Friesenpesel auf Hooge aus dem Internet gesucht hat - nun ja Hooge hat die Vorwahl 048... und nicht 046...! Ein kurzer Check: in Silberstedt gibt es noch einen Friesenpesel! Elke ruft - leicht rot angelaufen - noch mal an und entschuldigt sich mannigfaltig. "Das ist schön öfter passiert!", klingt es von der anderen Seite - und lässt mein Mitleid damit deutlich zusammenschmelzen. Wenn man das schon kennt, sollte man doch auf die Idee kommen, mal nachzufragen, ob denn wirklich der Friesenpesel in Silberstedt gemeint ist - vor allem wenn Elke heute Morgen auf die Frage "Wo sind sie denn gerade?" mit "Auf dem Campingplatz auf Hooge." geantwortet hat.

Nachdem die Situation gründlich geklärt ist, übernehmen wir die Speisekarten, studieren sie gründlich und finden alles, was das Herz begehrt. Auch das Lammfilet ist zurück auf der Liste - nur Jägerschnitzel sucht man vergeblich!

In der zweiten Nacht vermisse ich meine Iso-Matte praktisch gar nicht mehr. Ich habe mir nun zusätzlich meine mittlerweile durchgetrocknete kurze Neohose auch noch untergelegt. Unterm Strich muss ich aber zugeben, dass so eine Matte doch einen Mehrwert beisteuert und ich sie auf meine nächste Tour wieder mitnehmen werde!

Das Hochwasser am Sonntag ist erst am Nachmittag und wir können eigentlich nicht vor zwölf Uhr losfahren. Das beschert uns noch mal einen gemütlichen Vormittag, der uns aber durch einen nicht vereinbarten Nieselregen leider etwas vermieselt wird. Ich gehe zum Frühstück ins Seglerheim, wo sich auch die Hamburger Gruppe eingefunden hat. Sie diskutieren noch, ob sie bei dem herrschenden Wind überhaupt auf eigenem Kiel zurückfahren oder doch lieber die Fähre nehmen wollen. Da ist von Windstärken die Rede, die mich etwas fragend zurücklassen. Möglicherweise liegt das daran, dass der Windmesser hier die Geschwindigkeit in Knoten anzeigt. Die Werte sind dann etwa doppelt so hoch, wie die entsprechenden Werte in Meter pro Sekunde. Antje ruft mich irgendwann zur Seite, um mich nach meiner Meinung zu fragen. Ich bestätige ihre Einschätzung, dass es maximal vier Windstärken sind, was der Truppe keine wesentlichen Probleme bereiten sollte. Die Herausforderung besteht lediglich in der Tatsache, dass man zwanzig Kilometer gegen den Wind fahren muss.

Antjes Ansage an die Truppe ist super professionell: Sie schildert ihre Einschätzung ohne Beschönigung, macht aber deutlich, dass sie die Bedingungen für die Gruppe für machbar hält. Sie stellt auch drucklos die Alternativen zur Auswahl. Dass es kein Problem für sie sei, wenn alle die Fähre wählen würden, und ebensowenig, wenn nur einige sich dafür entscheiden. Jeder erhält Zeit und Gelegenheit, in sich zu horchen und frei zu äußern, wie sich das für ihn anfühlt und wofür er sich entscheidet. Am Ende wählt nur eine Person die Fähre, die aber bereits vorher körperliche Beschwerden geäußert hatte. Ich habe mir das erst still angehört und nach der Entscheidung aller noch mal angemerkt, dass ich die Aktion nicht nur für machbar halte, sondern dass ich überzeugt bin, dass alle auch Spaß daran haben und eine Menge lernen werden.

Die Hamburger rollern auf die Ostseite des Hafentores, wo der Weg zum Wasser kürzer und risikolos ist, unsere Truppe trägt die Boote auf der Westseite dem Wasser entgegen - und Jörg und ich wählen die Mole als Einsatzstelle. Wir beide sind zwar als erstes auf dem Wasser, aber die anderen kommen nicht wesentlich später los. Statt dem Hooge-Fahrwasser zu folgen, wollen Jörg und ich direkt und gleich in die Süderaue fahren, weil dort der meiste Strom geht - und man beim Navigieren nicht so aufpassen muss! Die Fahrt ist unspektakulär, denn der Wind erreicht nur mit einiger Mühe vier Beaufort - und aus Osten kommend, kann er auch nicht viel ausrichten und gemeine Wellen zusammenschieben. Zum Abschluss gehen wir noch auf einen Milchkaffee (Jörg) und einen Tee (ich) in das Sielrestaurant. Der Tee ist wirklich ausgesprochen lecker - aber wir müssen das Lokal bald verlassen, weil es einfach unerträglich warm darin ist.

(GPS-Tracks der Touren hier.)