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Montag, 25. Mai 2026

EPP4-Prüfungsersatzfahrt

Nachdem Elke und ich in den letzten zwei Jahren etwa zwanzig Aspiranten für ein EPP4-Zertifikat verwurstet haben, gab es für das diesjährige Angebot nur eine einzige Anmeldung. Ich finde das nicht sonderlich verwunderlich, denn die Anzahl möglicher Kandidaten für eine solche Prüfung ist ja eher begrenzt. Offensichtlich haben wir da bereits einen gewissen Berg abgetragen und nun muss sich erst wieder einer anhäufen.

Aber Elke wäre nicht Elke und ich nicht ich, wenn wir uns durch solche Kleinigkeiten aus dem Konzept bringen ließen. Wenn sich keine Opfer freiwillig melden, suchen wir uns eben selbst Begleitung für ein Wochenende auf Hooge! Aus Bremen war eine gute Anzahl Paddler angekündigt, so dass ich nur Lena gefragt habe, ob sie Lust hätte, uns zu begleiten. Hatte sie!

Das Abendhochwasser in Schlüttsiel sollte etwa um 19 Uhr sein. Lena muss freitags bis 18 Uhr arbeiten, zwei Stunden Hinfahrt, eine Stunde Packen vor Ort — vor 22 Uhr wären wir vermutlich nicht los gekommen. Das lohnt nicht und würde nur Stress aufkommen lassen! Wir fahren gemütlich am Freitag Abend von Kiel nach Ockholm und übernachten dort auf der Kirchwarft. Zivile 15 Euro kassiert man hier für zwei Erwachsene mit Zelt.

Nachdem die Bremer Delegation eintrifft, die sich mittlerweile auf vier Nasen eingedampft hat, entwerfen wir kurz einen Plan für den nächsten Tag. Hochwasser ist um halb acht, losfahren wollen wir um halb neun. Ich bringe die Option ins Spiel, dass wir wegen des frühen Starts und der vergleichsweise lieblichen Bedingungen überlegen könnten, an Hooge vorbei direkt weiter bis zum Wrack der Pallas zu fahren — eine Unternehmung, für die die Bedingungen nicht allzu häufig so günstig sind. Die Aussicht auf dieses Abenteuer wird allgemein mit einer gewissen Begeisterung aufgenommen. Was die Sache so einfach macht, ist die Tatsache, dass man sich nicht schon am Anfang dazu bekennen muss, sondern erst einmal bis Hooge paddeln, sich dort in die Augen sehen und fragen kann, wie sich die Fahrt bis hierher entwickelt hat, wie man sich fühlt, und ob die Begeisterung nach zwanzig gepaddelten Kilometern noch für vierzig weitere reicht!

Außer Elke und mir sind unsere Mitpaddler alle relative Neulinge in diesem Revier. Hannes und Frank sind das erste Mal hier — Frauke und Lena das zweite Mal! Alle sind aber hinreichend kompetent, dass sie sich hier auch alleine zurecht finden können. Damit sie aber nicht nur passiv hinterherfahren, sondern die Navigation selbst aktiv bestreiten müssen, überlasse ich ihnen die Wegfindung. Das klappt sehr gut — auch wenn wir statt zur eigentlich angedachten Tonne SA 26/Schlütt 2 zur Tonne SA 28 gefahren sind. Das ist nicht falsch sondern nur anders. Aber dadurch können alle lernen, dass man sich erstens verdammt schnell die erste sichtbare Tonne als nächste anzusteuernde aussucht. Danach hält man an ihr fest, auch wenn sich die Anzeichen mehren und verdichten, dass es die falsche ist. Und zweitens kann man lernen, wie man erkennen kann, dass es nicht das richtige Ziel ist: der Kompasskurs weicht immer drastischer vom Erwartungswert ab, und im Hintergrund ist Pellworm zu sehen und nicht Hooge, wie es eigentlich sein müsste.

Start um 8:30 Uhr; Ende 11:30 Uhr
Nach diesem kleinen Schlenker geht es  mustergültig weiter in das Hooge-Fahrwasser bis zur Tonne Ho 5, die genau nördlich vor der Einfahrt des Segelhafens liegt. Hier blicken wir uns in die Augen und ins Gemüt und versuchen zu ergründen, wie es um unser inneres Verhältnis zur Option "Wir fahren durch bis zur Pallas!" bestellt ist. Wir hatten die gesamte Zeit über Gegenwind von vier Beaufort, der ließ die Boote unangenehm platschen und stahl uns immer wieder erklecklich Fahrt. Die Mehrzahl der Augen, in die ich blicke, lassen eine klare "war schön — aber eigentlich reicht es auch"-Gemütslage erkennen. Wir verschieben die Eroberung der Pallas auf den nächsten Tag.

Wir steigen östlich der Hafeneinfahrt aus. Das Wasser steht noch so hoch, dass man mit dem Schiff noch auf Sand und Muschelschalen aufsetzt und nicht durch den Schlick stapfen muss. Generell kommt man hier mit einer Gruppe gefahrlos an Land bzw. ins Wasser — um den Preis, dass man seine Boote um das Hafenbecken herumrollern muss. Aber das ist mir lieber, als Invaliden zu produzieren, die im Zweikampf mit den amerikanischen Austern auf der Westmole den Kürzeren gezogen haben.

Nach der kurzzeitigen Verwirrung, dass das  Zelten auf Hooge aus Naturschutzgründen absolut untersagt ist, ist eine pragmatische Lösung gefunden worden, dass Einzelpaddler und kleine Gruppen auf der Wiese direkt unter dem Segelheim übernachten können. Eine Seekajak-Woche kann man aber vermutlich nicht mehr ausrichten. 

Es ist Pfingsten, und es herrscht angesagt gutes Wetter — aber außer uns sind keine weiteren Zelte im Hafen — nur Segler! Keine Ahnung, wo all die anderen sind! Vielleicht auf Sylt, wo an diesem Wochenende großes Gedränge herrscht? Mir soll es sehr recht sein.

Wir sind ja bereits um die Mittagszeit auf Hooge angekommen, so dass wir einen herrlich entspannten Tag verbringen können. Als erstes muss der überwiegende Teil der Gruppe baden gehen. Ich kann ja leider wieder nicht dabei mitmachen, weil ich wie immer fotographieren muss 😐! Danach ist gemütliches Kochen angesagt. Da ich meinen üblichen Privatkoch Jörg diesmal nicht dabei habe, habe ich mich auf Einfachstverpflegung beschränkt: Hühnerfrikassee mit Reis, das ich nur aufwärmen muss. Die anderen kochen aufwendiger, und Hannes hat mit seinen Kindern wieder leckere Backwaren in großer Menge produziert, an denen wir uns gerne bedienen.

Das Ziel für morgen steht ja schon fest, aber ein solider Plan fehlt noch. Wir müssen uns Gedanken machen, wann wir am besten losfahren und wie wir navigieren, damit wir gut und sicher zur Pallas kommen — und wieder zurück!

Der Strömungskipp an der Pallas ist zwischen vier und fünf Stunden vor Hochwasser Helgoland. Das ist heute um 19 Uhr. Wir möchten also zwischen 14 und 15 Uhr am Wrack sein, um sowohl auf dem Hin- wie auch auf dem Rückweg nicht gegen die Tide fahren zu müssen. Die Strecke beträgt gute zwanzig Kilometer — benötigt also etwa drei Stunden Fahrzeit. Das bedeutet eine Startzeit zwischen 11 und 12 Uhr. Das ist ausgesprochen christlich und lässt ein gründliches Ausschlafen und ein ebensolches Frühstück zu. Andererseits ist das recht dicht am Niedrigwasserzeitpunkt auf Hooge und würde einen schlickigen Start bedeuten. Wir einigen uns auf den Kompromiss, etwas früher zu starten und dafür eine ausgiebige Pause auf dem Jappsand zu machen. Bingo! Plan steht!

Frank hat eine anstrengende Woche hinter sich und möchte eine Tag der Entspannung auf der Hallig verbringen. Er erhält von uns den Auftrag, ins Kino zu gehen und dort den ebenso einzigen wie legendären Film über das Halligleben bei Hochwasser anzusehen.

Wir starten bei angenehmem Wasserstand um kurz nach zehn. Nach der einstündigen Pause fahren wir von Jappsand aus erst einmal stumpf nach Westen und steuern die Tonne St22 an, die praktisch an der Gabelung der beiden Prielsysteme Schmaltief und Rütergatt steht. Recht bald merken wir, dass wir erklecklich gegen Strom und Wind nach Norden vorhalten müssten, um dieses Zwischenziel zu erreichen. Das macht nicht wirklich Sinn, wenn wir im Grunde nach Süden wollen. Also lassen wir diese Tonne, wo sie ist und steuern die nächst südlichere an. Auf dem GPS-Track sieht man sehr schön, wie wir in den Pausen, in denen wir innehalten und unsere Navigation abstimmen, mit ca. 3km/h genau nach Süden versetzt werden.

Der Wind weht heute anfangs mit drei Beaufort aus Nordwest, später mit vier aus West. Dafür ist die See erstaunlich glatt. Wir sind durchgehend mit sechs bis sieben Stundenkilometern unterwegs, was für ein Tidengewässer eher gemächlich ist, was aber perfekt zu unserem Plan passt, unser Ziel nicht vor Strömungskipp zu erreichen. Als wir nur noch wenigen hundert Meter vom Wrack entfernt sind, taucht ein Kajak auf, das uns entgegen fährt! Es ist Simone, die von Sylt aus alleine hierher gefahren ist. Respekt!

Da die Verhältnisse heute so lieblich sind, erkunden wir die Überreste des Holzfrachters sehr gründlich von allen Seiten. Es ist ein ziemlich magischer Ort: eigentlich ist hier nichts, nur ein trostloser Rosthaufen in the middle of nowhere. Aber es bedarf eben schon einiger Navigation, ihn zu finden und der festen Entscheidung, auch wirklich soweit raus zu fahren. Und wenn man diesen Punkt dann gefunden und erreicht hat, ist man auch ein bisschen Stolz, denn hier kommen nur ganz wenige Menschen hin — definitiv weniger als auf den Gipfel des Mount Everest!

Simone ist recht bald nach unserer Begegnung abgefahren — genau nach Osten. Sie war bereits nach wenig mehr als fünf Minuten nicht mehr zu sehen. Wir schlagen den gleichen Weg ein, folgen dann aber ab Tonne 8 dem Verlauf des Rütergatts nach Nordosten. Es herrscht sehr gute Sicht. Amrum ist die gesamte Zeit über zu sehen, Föhr auch irgendwann, dann die Außensände und schließlich Hooge. Was verschwunden zu sein scheint, ist Langeness! Keine Spur davon zu sehen, obwohl Hooge und Föhr eindeutig zu erkennen sind! Erst als wir schon recht nah an Jappsand sind, erkennt man Langeness und die Welt ist wieder im Lot! Die Hallig ist einfach zu flach und unsere Augenhöhe zu niedrig ist, um früher etwas davon zu sehen zu bekommen. 

Nach unserer Ankunft auf der Zeltwiese kommen bald noch drei Paddler aus Husum dazu. Sie sind früher mal hier gepaddelt und haben beschlossen, in ihrem Ruhestand ihr altes Hobby wiederzubeleben. Sie haben aber noch nicht alle Veränderungen mitbekommen, die sich in diesem Gebiet in den letzten 30 Jahren ergeben haben. Es ist heute einfach um so vieles sensibler und restriktiver geworden, dass man sich sehr viel umsichtiger verhalten muss als früher. 

Wer nicht da ist, ist Simone! Wir rätseln, wo sie statt nach Hooge hingefahren sein könnte, aber uns fällt nichts plausibles ein. Erst als wir schon längst das Abendessen vorbereiten, kommt sie schließlich angerollert! Sie hat auf Jappsand Pause gemacht und länglich den Trittstein gesucht. 

Für den Pfingstmontag teilen wir uns in zwei Gruppen auf: Lena und ich wollen mit der frühen Flut zurück, um nicht allzu spät nach Hause zu kommen. Die anderen ziehen einen gemütlichen Vormittag auf der Hallig vor und wollen mit der zweiten Flut zurück — aber so früh wie es eben geht. Ich bitte Elke, mir den Zeitpunkt und ein Foto zu schicken, damit ich weiß, wie gut man bei dem Tidenstand in Schlüttsiel aus dem Wasser kommt. Ergebnis: Ankunft drei Stunden vor Hochwasser — Ausstieg an der nördlichen Rampe kein Problem!

Auf der Rückfahrt lösen wir wieder ein auftretendes navigatorisches Problem: von Tonne SA24 kommend müssten wir zur Tonne SA26 fahren. Auf der Hintour hatten wir hier irrtümlich die Tonne SA28 aufs Korn genommen, weil die früher zu sehen war. Jetzt sehen wir in der Ferne eine rote Tonne, sind uns aber nicht sicher, ob es die 26 oder die 28 ist. Ein Blick auf die Seekarte zeigt, dass Gröde von uns aus direkt hinter unserer Tonne liegen müsste. Wir sehen Gröde sehr deutlich, aber das liegt nicht hinter der Tonne sondern nördlicher! Ist die gesichtete Tonne also wieder nur die 28? Da wir uns nicht sicher sind, fahren wir einfach in die richtige Richtung! 45 Grad noch Nordosten, wie die Daumenpeilung besagt! Damit sind wir auf der sicheren Seite und fahren eine ziemlich ideale Linie zur Tonne Schl4!

Eine Überprüfung zu Hause ergibt, dass Gröde zwar genau hinter der Tonne 26 liegt - aber von unsererm niedrigen Standpunkt aus nicht zu sehen ist! Was wir gesehen haben, ist lediglich die Warft, die halt viel höher liegt als das Land südlich davon! 

Übrigens habe ich wohl auf keiner Nordseetour so wenig Robben gesehen wie auf dieser!

GPS-Daten hier

 

Sonntag, 13. Juli 2025

Jägerschnitzel mit Pilzen und Bauernfrühstück ohne Speck

Wie schön, dass in unserem Verein Leute nachrutschen, die Touren auf der Nordsee anbieten! Bislang blieb das immer eher an mir hängen, nun haben sich Simon und Peter zusammengetan, eine Tour für Nordsee-Einsteiger zu organisieren. Peter war eigentlich schon immer in der Lage dazu, hatte aber nicht so viel damit am Hut, sich am Fahrtenprogramm des Vereins zu beteiligen. Simon ist auf dem Weg, sich in dieses Thema reinzufinden. Was für eine glückliche Kombi - und ich kann mich beruhigt zurücklehnen ;-)

Natürlich will ich selbst auch gerne mit auf die Nordsee und nach Hooge - aber es ist keine gute Idee als "alter Hase", der meint, alles besser zu wissen, sich in diesen Prozess einzumischen. Aber wenn ich gar nicht mitfahre, sondern einfach nur zum selben Zeitpunkt auch nach Hooge fahre? Da spricht doch eigentlich nichts dagegen! Jedenfalls haben Simon und Peter keine ausschließenden Bedenken geäußert. Jörg hatte vorher schon Interesse an einer "Auch-Fahrt" bekundet, und so bilden wir beide einfach eine zweite Gruppe, die am selben Tag zufällig auch nach Hooge fährt.

Während wir im Bulli vorbei an Spinkebüll und den anderen einschlägigen Metropolen Nordfrieslands nach Schlüttsiel schiggern, rätselt Jörg darüber, ob er wirklich alles dabei hat. Meine Devise ist immer: ich habe bestimmt nicht alles dabei, aber genug, um damit über die Runden zu kommen! Beim Durchgehen meiner Ausrüstung in Gedanken kommt in mir das Gefühl hoch, dass ich meinen Camping-Stuhl nicht eingepackt habe. Ich kann mich immer recht gut daran erinnern, welche Gegenstände ich beim Packvorgang in den Händen gehabt habe - der Heli-Stuhl war nicht dabei. Das ist schade, aber kein Beinbruch!

In Hafen von Schlüttsiel steht Angela schon bereit. Sie ist solo angereist, denn sie kommt nicht aus Kiel sondern aus dem tiefen Süden unseres nordischen Landes. Auf der anderen Seite des Hafens macht sich ebenfalls eine Gruppe Paddler fertig - es ist eine Tour, die Antje F. für den Hamburger LKV anbietet. Wenig später treffen auch die restlichen Kieler ein - so dass unser Vereinskontingent mit sieben Personen vollständig ist. Nur Bernhard und Bianca (die den meisten eher unter ihrem Pseudonym Isabelle bekannt ist) haben abgesagt: Bernhard musste sich kurzfristig einem heftigen Anfall von "Rücken" beugen, und Isabelle muss ihn jetzt pflegen!

Beim Umpacken unserer Ausrüstung vom Auto in die Boote fällt mir ziemlich bald mein Camping-Stuhl in die Hände. Welch Glückes Geschick! Dann kann ich doch gemütlich auf dem Deich in meinem Stuhl sitzen und den Sonnenuntergang genießen! Merkwürdig nur, dass ich mich nicht erinnern konnte, ihn eingepackt zu haben. Das klärt sich wenig später. Denn was mir nicht in die Hände kommt, ist meine Iso-Matte! Und jetzt dämmert es mir: ich hatte beim Einpacken den Stuhl für meine Matte gehalten, weil sie eine ähnliche Form und Größe haben! Wenn ich wählen könnte, würde ich lieber meinen Stuhl vergessen haben als meine Iso-Matte - aber hier kann ich nicht wählen! Das ist schade, aber auch kein Beinbruch, von dem ich mir die Tour vermiesen lasse!

Jörg und ich sind zwar als erste auf dem Wasser, aber wir wollen nicht vor den anderen losfahren. Da bei denen aber noch ein gründliches Briefing fällig ist, schließlich sind einige das erste Mal in diesem Revier, dümpeln wir eine ziemliche Weile im Hafenbecken herum. Den ersten Kilometer fahren wir noch eher hinter als vor der anderen Gruppe, aber die Verhältnisse sind unerwartet harmlos und niemand macht auch nur den Anschein, als wenn es ihm nicht geheuer ist. Irgendwann verfallen wir einfach in unser gewohntes Tempo. Wenn wir hier schon nichts beitragen können, wollen wir wenigstens nicht trödeln und damit auf Hooge möglichst komfortabel aussteigen.

Wie so oft erliegen wir auch diesmal unser laxen Navigation. Wir sind mit dem Revier so vertraut, dass wir nicht die Sorgfalt an den Tag legen, die für eine fehlerfreie Navigation notwendig wäre. Spätestens an der Tonne SA21/Ho13 müssten wir uns nämlich nach Süden den Tonnen Ho4 und Ho2 zuwenden. Dort wenden wir uns auch tatsächlich etwas nach Süden den beiden nächsten sichtbaren Tonnen zu - aber das sind SA22a und SA19a! Auf der Seekarte sieht das wie ein derber Fehler aus, aber Tonnen gegen die Sonne zu erkennen, ist nicht leicht, und wenn man zwei erwartet und zwei sieht - und die auch noch leicht südlicher als der bisherige Kurs liegen - ist man nur zu gerne bereit, die Erwartung leichtgläubig auf des Gesehene zu projizieren. Erst kurz vor der Tonne SA19a merke ich, dass wir viel zu weit nördlich und damit immer noch in der Süderaue sind. Wir hätten ab Tonne SA21/Ho13 einfach auf unseren Kompass sehen und direkt nach Süden steuern sollen - dann hätten wir auch irgendwann die beiden roten Tonnen des Hooge-Fahrwassers entdeckt! So schrammen wir knapp über das Flach zwischen der Süderaue und dem Hoogefahrwasser. Zu unserem Glück steht aber noch etwa ein halber Meter Wasser darüber. Und zum Glück sind wir mittlerweile so weit vor unseren Kameraden, dass sie uns nicht mehr sehen können. Dadurch ist zum einen sichergestellt, dass sie weiterhin glauben können, wir seien die weltbesten Navigatoren - und zum anderen besteht nicht die Gefahr, dass sie, statt selbst zu navigieren, einfach den beiden weltbesten Navigatoren nachfahren. Dann hätten sie nämlich definitiv das Problem, dass eben kein Wasser mehr über dem Flach steht!

Das Aussteigen an der Hooger Mole ist wie immer kein Vergnügen! Ich habe Angst, dass die hässlichen Austern sich einfach durch die Neoprenschuhe in meine Füße schneiden und damit der Unternehmung ein jähes Ende bereiten. Aber wir meistern die Aufgabe ohne Blutverlust.

Auf der Zeltwiese steht nur eine einzige Stoffhütte. Die Hamburger Gruppe ist also vermutlich nach Hilligenlei auf Langeness gefahren. Uns soll es recht sein. Die Bewohner der anderen Stoffhütte erkenne ich bald als Anke und Rainer E. aus Hamburg. Anke als Urgestein der Seekajak-Szene treffe ich seit vielen Jahren immer mal wieder - mal hier und
mal da.  Nachdem der Rest unserer Vereinsmitglieder eingetroffen und alle Zelte aufgebaut sind, wird emsig gekocht und gespeist. Das Wetter ist ziemlich gut, aber der konstante Wind lässt keine ausgelassene Gemütlichkeit aufkommen. So fällt die Anbetung des - zugegebenermaßen eher suboptimalen - Sonnenunterganges entsprechend kurz aus. Ich versuche, meine fehlende Iso-Matte durch irgendwelche Kleidungsstücke zu ersetzen, die ich mir unterlege...

Der Samstag beginnt mit halbherzigen Überlegungen, was man den paddeltechnisch bewerkstelligen könnte. Peter konnte gestern seine Führungsrolle beim Anlanden und Transportieren der Boote von der Mole zur Zeltwiese nicht ablegen und hat kräftig mitgeschleppt. Dass er eigentlich latent immer Problem mit "Rücken" hat, hat er zwar nicht vergessen - aber ignoriert! Das rächt sich heute morgen in Form heftiger Schmerzen, die seinen Gang wie den eines alten Mannes aussehen lassen. Paddeln fällt für ihn heute aus. Aber das muss ja nix für die anderen heißen. Die Windvorhersage ist aber eher garstig, so dass alle Optionen eine beinharte Komponente beinhalten würden - und auf der Hallig ist es ja auch sehr schön! So wird einhellig beschlossen, das Eiland genauer unter die Lupe zu nehmen und einen ausgiebigen Spaziergang darauf zu unternehmen. 

Abends wollen wir dann in den Friesenpesel gehen, um etwas zu essen. Damit unser Unterkommen dort sichergestellt ist, wollen wir uns kurz vorher telefonisch anmelden. Elke weist ihr Telefon an, beim Friesenpesel anzurufen. Wir hatten schon vorher darüber geredet, dass sich das Angebot dort über die Jahre immer weiter zum Dürftigeren hin entwickelt hat. Nun scheint die Situation aber endgültig prekär geworden zu sein: Sie hätten leider kein Personal und eine Bewirtung von neun Mäulern wäre schwierig. Aber wenn wir uns vorab auf einige wenige Gerichte verständigen könnten, könne sie wohl was vorbereiten. Lamm-Filet steht nicht zur Auswahl, nicht einmal Lamm-Frikadelle, zu dem das Filet schon vor einigen Jahre mutiert ist. Aber Jägerschnitzel mit Pilzen - und für Vegetarier Bauerfrühstück ohne Speck! Frische Luft und Betätigung darin machen hungrig - da schrumpfen die kulinarischen Ansprüche gerne mal auf ein Minimum. Wir ordern fünf Jägerschnitzel und vier mal Bauerfrühstück.

Unser Spaziergang bringt es an den Tag: Hooge ist verdammt groß! Immerhin schaffen wir genau die Hälfte einer Komplettumrundung! Auf der Hanswarft ist eine Pause mit Stärkung fällig. Hier kann man die legendäre Friesentorte ordern - eine komplexe Aufschichtung aus Mürbeteig, Blätterteig, Sahne und Pflaumenmus, an der man beim Versuch, den Verzehr einigermaßen ästhetisch zu bewerkstelligen, nur scheitern kann! Ich nehme lieber Apfelkuchen... . In den Gesprächen, bekümmert uns die Situation des Friesenpesels weiterhin. Wenn Lammfilet und selbst Lamm-Frikadelle nicht einmal mehr auf der Speisekarte stehen, kann das nichts Gutes bedeuten! Stattdessen haben sie jetzt Jägerschnitzel - das gab's früher nicht! Da ist wohl bald die letzte Luft raus! Wie schade das für Hooge wäre, wenn so ein ehemaliger Magnet seine Anziehungskraft komplett verlieren würde! 

Nach unserer Rückkehr auf die Zeltwiese sind wir vornehmlich damit beschäftigt, uns für den Besuch im Friesenpesel vorzubereiten. Dazu gehört Badengehen im durch die Springflut prall gefüllten Hafen (man kann dabei mit den Füßen im Schlick rühren!), auf der Wiese sitzen und die frisch gebadeten Füße auf den mitgebrachten Tisch legen, oder einfach dösen. Wir können noch einem Katamaran-Segler dabei zusehen, wie er in atemberaubendem Tempo die Hallig umrundet und mit vollem Karacho durch das schmale Fluttor in den Hafen brettert! Mitten im Hafenbecken springt sein mitgesegelter Sohn in voller Fahrt vom Boot! Das gefällt offensichtlich seiner Schwester so gut, dass der Katamaran mit ihr noch mal rausmuss, damit sie die Nummer mit dem Rausspringen bei voller Fahrt auch noch mal vorführen kann! Gegen Abend kommt noch die Hamburger Truppe an, die von Hilligenlei übergesetzt und ebenfalls Hooge umrundet hat.

Beim Friesenpesel nehmen wir gleich auf der Terasse Platz. Hier ist Windschutz und es ist lau genug. Prompt kommt die Bedienung an unseren Tisch und will uns Speisekarten überreichen. Wir geben uns zu erkennen, dass wir die Truppe sind, die sich angemeldet und das Essen abgestimmt hat, weil sie doch gerade kein Personal haben. "So, so. Na, wir sind ja jetzt da, da können sie ja schon mal wählen.". "Wir brauchen nicht zu wählen, weil wir ja schon mit Ihnen abgestimmt haben, dass wir fünf mal Jägerschnitzel mit Pilzen nehmen und viermal Bauernfrühstück - ohne Speck!" "Jagerschnitzel? Ich werde mal in der Küche fragen, was möglich ist." 

Der Friesenpesel in Silberstedt!
Wir sind leicht irritiert, dass sie so komplett uninformiert tut. Und außerdem sah es so aus, als wenn sie uns die ganz normale Speisekarte ohne Einschränkungen aushändigen wollte! Sehr merkwürdig alles! Bis Sven die Frage stellt: "Sind wir uns eigentlich sicher, dass wir beim richtigen Friesenpesel angerufen haben?" Ein kurzes Stutzen, ein Gelächter über die abstruse Idee - und ein kurzer Vergleich der Telefonnummer in Elkes Anrufverlauf mit der, die Peter für den Friesenpesel auf Hooge aus dem Internet gesucht hat - nun ja Hooge hat die Vorwahl 048... und nicht 046...! Ein kurzer Check: in Silberstedt gibt es noch einen Friesenpesel! Elke ruft - leicht rot angelaufen - noch mal an und entschuldigt sich mannigfaltig. "Das ist schön öfter passiert!", klingt es von der anderen Seite - und lässt mein Mitleid damit deutlich zusammenschmelzen. Wenn man das schon kennt, sollte man doch auf die Idee kommen, mal nachzufragen, ob denn wirklich der Friesenpesel in Silberstedt gemeint ist - vor allem wenn Elke heute Morgen auf die Frage "Wo sind sie denn gerade?" mit "Auf dem Campingplatz auf Hooge." geantwortet hat.

Nachdem die Situation gründlich geklärt ist, übernehmen wir die Speisekarten, studieren sie gründlich und finden alles, was das Herz begehrt. Auch das Lammfilet ist zurück auf der Liste - nur Jägerschnitzel sucht man vergeblich!

In der zweiten Nacht vermisse ich meine Iso-Matte praktisch gar nicht mehr. Ich habe mir nun zusätzlich meine mittlerweile durchgetrocknete kurze Neohose auch noch untergelegt. Unterm Strich muss ich aber zugeben, dass so eine Matte doch einen Mehrwert beisteuert und ich sie auf meine nächste Tour wieder mitnehmen werde!

Das Hochwasser am Sonntag ist erst am Nachmittag und wir können eigentlich nicht vor zwölf Uhr losfahren. Das beschert uns noch mal einen gemütlichen Vormittag, der uns aber durch einen nicht vereinbarten Nieselregen leider etwas vermieselt wird. Ich gehe zum Frühstück ins Seglerheim, wo sich auch die Hamburger Gruppe eingefunden hat. Sie diskutieren noch, ob sie bei dem herrschenden Wind überhaupt auf eigenem Kiel zurückfahren oder doch lieber die Fähre nehmen wollen. Da ist von Windstärken die Rede, die mich etwas fragend zurücklassen. Möglicherweise liegt das daran, dass der Windmesser hier die Geschwindigkeit in Knoten anzeigt. Die Werte sind dann etwa doppelt so hoch, wie die entsprechenden Werte in Meter pro Sekunde. Antje ruft mich irgendwann zur Seite, um mich nach meiner Meinung zu fragen. Ich bestätige ihre Einschätzung, dass es maximal vier Windstärken sind, was der Truppe keine wesentlichen Probleme bereiten sollte. Die Herausforderung besteht lediglich in der Tatsache, dass man zwanzig Kilometer gegen den Wind fahren muss.

Antjes Ansage an die Truppe ist super professionell: Sie schildert ihre Einschätzung ohne Beschönigung, macht aber deutlich, dass sie die Bedingungen für die Gruppe für machbar hält. Sie stellt auch drucklos die Alternativen zur Auswahl. Dass es kein Problem für sie sei, wenn alle die Fähre wählen würden, und ebensowenig, wenn nur einige sich dafür entscheiden. Jeder erhält Zeit und Gelegenheit, in sich zu horchen und frei zu äußern, wie sich das für ihn anfühlt und wofür er sich entscheidet. Am Ende wählt nur eine Person die Fähre, die aber bereits vorher körperliche Beschwerden geäußert hatte. Ich habe mir das erst still angehört und nach der Entscheidung aller noch mal angemerkt, dass ich die Aktion nicht nur für machbar halte, sondern dass ich überzeugt bin, dass alle auch Spaß daran haben und eine Menge lernen werden.

Die Hamburger rollern auf die Ostseite des Hafentores, wo der Weg zum Wasser kürzer und risikolos ist, unsere Truppe trägt die Boote auf der Westseite dem Wasser entgegen - und Jörg und ich wählen die Mole als Einsatzstelle. Wir beide sind zwar als erstes auf dem Wasser, aber die anderen kommen nicht wesentlich später los. Statt dem Hooge-Fahrwasser zu folgen, wollen Jörg und ich direkt und gleich in die Süderaue fahren, weil dort der meiste Strom geht - und man beim Navigieren nicht so aufpassen muss! Die Fahrt ist unspektakulär, denn der Wind erreicht nur mit einiger Mühe vier Beaufort - und aus Osten kommend, kann er auch nicht viel ausrichten und gemeine Wellen zusammenschieben. Zum Abschluss gehen wir noch auf einen Milchkaffee (Jörg) und einen Tee (ich) in das Sielrestaurant. Der Tee ist wirklich ausgesprochen lecker - aber wir müssen das Lokal bald verlassen, weil es einfach unerträglich warm darin ist.

(GPS-Tracks der Touren hier.) 

Dienstag, 21. Mai 2024

Wer A sagt, muss auch B sagen...

Wenn man einen Trainer-C-Schein hat, hat man die Berechtigung, Prüfungen zum Europäischen Paddelpass abzunehmen. Für die Stufe EPP 3 aber nur unter der zusätzlichen Bedingung, dass man selbst im Besitz der Stufe EPP 4 für die spezifische Disziplin ist. Da mir wegen persönlicher systeminterner Inkompatibilitäten leider die spezifischen Zertifikate des Deutschen Kanu-Verbandes fehlen, stellt das einen unheilbaren Mangel dar, im Verein entsprechende Kurse und Prüfungen anzubieten. Ich will aber gerne das System des EPP bei uns im Verein stärken und weiter voranbringen. Nun hatte ich also quasi den Bart in der Drehbank: wenn ich mit der Trainer-Lizenz nun schon so kurz vor dem Ziel stehe, bin ich fast gezwungen, auch noch die fehlende Prüfung zu machen😐.

Betzi, mit der zusammen ich diesen Pfad beschreite, hatte bereits eine Gelegenheit gefunden, den Mangel für sich selbst zu beseitigen. Mit Elke, der Ausbildungsleiterin vom Bremer Landeskanu-Verband, hatte ich bei der Treibgut-Veranstaltung im letzten September vereinbart, dass sie an Pfingsten eine EPP-4-Küste Prüfungsfahrt veranstaltet, an der ich teilnehmen würde.

Nun hat mich aber gewurmt, dass ich zwar nicht die explizite EPP-4-Lizenz habe, dafür aber die Seakayak-Leader Lizenz für Tidengewässer des britischen Verbandes. Und schon die Voraussetzungen dafür sind deutlich höher als die von DKV geforderten - von der Ausbildung ganz zu schweigen. Also habe ich mich an den DKV gewandt, um meine britische Lizenz als mindestens gleichwertigen Ersatz anerkennen zu lassen. Dabei wollte ich eine Anerkennung nicht nur für mich persönlich erreichen, sondern ein Bekenntnis, dass eine bestimmte britische Lizenz generell einer entsprechenden DKV-Lizenz als gleichwertig anerkannt wird. Es hat zwar fast ein halbes Jahr gedauert, aber das war eher dem bürokratischen Mechanismus geschuldet - grundsätzlich war der DKV meinem Anliegen gegenüber sehr positiv eingestellt. Am Ende entstand eine Tabelle, aus der nun jeder Inhaber einer britischen Lizenz ablesen kann, welcher deutschen Lizenz sie gleichgestellt ist!

Damit war zwar für mich die Notwendigkeit entfallen, an der Prüfungsfahrt zu Pfingsten teilzunehmen. Aber ich wollte mir doch eine Nordseetour in Nordfriesland nicht durch die Lappen gehen lassen! Elke war ganz froh, dass ich sie trotzdem begleiten wollte, denn Nordfriesland ist nicht wirklich ihr Zuhause, und sie wollte meine intime Revierkenntnis gerne nutzen.

Wir sollen um 10 Uhr abfahrtbereit in Schlüttsiel auf der Rampe stehen. Ich reise zusammen mit Maditha an. Wir haben die kürzeste  Anreise - müssen aber auch schon um halb sieben losfahren, um das Soll zu erfüllen. Die Teilnehmer aus Bremen übernachten alle auf der Kirchwarft in Ockholm, Cornelia irgendwo direkt in Sielnähe.

Bei der Vorstellung geben noch alle an, dass sie am Ablegen der Prüfung interessiert sind - bis auf Marcia, die schon im Besitz dieser Qualifikation ist. Wir sind insgesamt 10 PaddlerInnen - Elke, Marcia und mich abgezogen sind das immerhin noch sieben Prüflinge - eine stattliche Gruppe. Das Packen geht erfreulich professionell und zügig vonstatten. Man sieht halt, dass man es hier mit erfahrenen Tourenpaddlern zu tun hat. Aber irgendwie will nicht bei allen alles in die Stauräume des eigenen Kajaks passen. So landen am Ende sechs Räder für Bootswagen in meinem Schiff.

Die Wetterbedingungen sind enttäuschend lieblich. Hatte die Vorhersage noch vor Kurzem Wind mit fünf bis sechs Beaufort aus Osten versprochen, kräuseln jetzt maximal drei Windstärken die Oberfläche der Nordsee. Da kann nicht wirklich Spaß geschweige denn Stress aufkommen, aber das entspannt die Sache mit der Navigation für die Aspiranten natürlich erheblich. Auf dem Weg werden immer mal wieder kleine Fragen gestellt oder Erläuterungen gegeben. Auch kleine Übungen sind dabei, wie das Fahren eine Seilfähre genau quer zum Strom zwischen zwei recht dicht beieinander liegenden Tonnen. Pelworm dient als fixer Hintergrund, um festzustellen, wie stark die Abdrift ist und wie weit man vorhalten muss. Kurz vor Hooge gibt es noch die erste Gelegenheit, die Beherrschung des Pflichtelements "Rolle links und rechts" zu demonstrieren. Ich bin etwas überrascht, wie lang und umfangreich die Vorbereitung bei einigen dafür ist. Im Ernstfall wird es die Zeit nicht geben, vorher noch die Nasenklammer aufzusetzen, das Paddel zu wechseln oder das Deck aufzuräumen. Unter "Routine" fällt das meines Erachtens eher nicht.

Durch die mannigfachen Unterbrechungen und weil wir auch sonst eher nicht hurtig unterwegs waren, haben wir fast vier Stunden bis zum Zeltplatz gebraucht. Aber da wir ja sogar vor Hochwasser losgekommen sind, steht das Wasser vor Hooge immer noch so hoch, dass wir fast bis zur Steinschüttung fahren können. Wir landen gleich östlich vom Hafeneingang an, die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr und die Warnung von Stan am vergangenen Mittwoch sind mir noch zu gegenwärtig, so dass ich lieber den längeren aber sicheren Weg wähle. Ich hatte Elke ja im Vorfeld auch gebeten, alle anzuweisen, dass sie einen Bootswagen benötigen.

Den Rest des Tages verbringen wir im Wesentlichen damit auszuruhen, das schöne Wetter zu genießen und das Abendessen zuzubereiten. Die Infrastruktur auf der Hallig leidet etwas darunter, dass die Abwasserleitung nicht richtig funktioniert. So haben wir nur eine Toilette zur Verfügung und es wird gebeten nicht mehr als einmal am Tag(!) zu duschen. Ich bespreche mich in der Zwischenzeit mit Elke, was wir morgen auf den Plan setzen. Wir wollen in zwei Gruppen a fünf Personen fahren. Erst gegen den auflaufenden Strom zur Nordspitze von Jappsand, dann genau quer zu ihm, um zur Tonne SA10 zu kommen und dann nach Hilligenley zu fahren. Von dort ein Stück das Langenessfahrwasser hoch und schließlich zurück zu unserem Basislager auf Hooge. Nach dem Abendessen eröffnen wir unseren Vorhaben den anderen, die einen detaillierten Plan ausarbeiten sollen, wie man das realisieren kann.

Die Pläne der beiden Gruppen unterscheiden sich nicht wesentlich, was nicht verwundert. Als wir uns am nächsten Tag gegen das auflaufende Wasser nach Westen zu Nordspitze von Jappsand vorarbeiten, meiden wir das tiefe  Fahrwasser des Priels vor Hooge und fahren dicht die Hallig geschmiegt über das flache Wasser der Wattflächen. Hier geht eine deutlich geringere Strömung. Wir kommen mit fünf bis sechs Stundenkilometern voran, nur unbedeutend langsamer als komplett ohne Stromeinfluss.

An der Nordspitze von Jappsand steigen wir kurz aus, um das weitere Vorgehen festzulegen. Da sich die Teilnehmer hier nicht wirklich auskennen, fällt es ihnen erwartungsgemäß etwas schwer, die relevanten Tonnen zu finden und sie dann auch eindeutig zu identifizieren. Wenn man aber innerlich einen Schritt zurück geht, liegen nur zwei Tonnen innerhalb des Erwartungssektors für die Tonne SA10. Das ist einmal die rot-grüne Tonne SA10 selbst und die grüne Tonne SA7. Und selbst für den Fall, dass man die "falsche" der beiden Tonnen ansteuert, ist man auf der sicheren Seite, weil man ohne einen großen Umweg gefahren zu haben und ohne Probleme zur SA10 kommt.

Frauke, die die Aufgabe hat, die Gruppe zu führen, wählt die SA7 als Zwischenziel und gibt einen Kompasskurs an, der einen üppig gestalteten Vorhaltewinkel beinhaltet. Sie merkt sehr bald selbst, dass das zu viel des Guten ist und korrigiert ihn. Es folgen noch diverse Korrekturen, die unterm Strich eine recht gerade Spur zum Zwischenziel ergeben. Die Technik, bei der herrschenden hervorragenden Sicht, das anzupeilende Objekt konstant mit einem ausgezeichneten Referenzobjekt am Horizont in Deckung zu halten, ist in der Gruppe noch eher fremd. Von hier zur SA10 zu kommen, ist ein leichtes — das Erreichen des Anlegers von Hilligenlei nicht der Rede wert. Als Verantwortlicher für eine Gruppe ist man beim Anlanden am besten dort positioniert, wo das größte Risiko lauert und man am besten eingreifen kann. Wo das in diesem Fall gewesen wäre, ist allen Beteiligten bei der Nachbesprechung unmittelbar einleuchtend.

Nach der Pause soll Haye die Gruppe das Langenessfahrwasser entlang führen, bis wir spätestens an seinem Ende einen Schwenk nach Süden machen und zu unserer Zeltwiese zurückkehren werden. Auf dieser Strecke soll es einen unerwarteten Zwischenfall geben. Dazu instruiere ich Conelia, dass sie auf ein Zeichen von mir hin kentern soll. Maditha sage ich, dass sie, sobald Haye die Kenterung von Conelia erkannt und auf seine Reaktion eingeleitet hat, ebenfalls kentern und ihrem Boot einen Schubs geben soll, damit es von Wind vertrieben wird. Nach einer Weile fällt mir noch ein, dass ich auch Marcia noch instruieren muss, damit sie als erfahrene Paddlerin und EPP4-Inhaberin die Dinge nicht selbst in die Hand nimmt. Ich erkläre ihr, dass die von nun an auf das Niveau einer EPP2-Paddlerin zurückgestuft ist.

Kurz vor Erreichen der Tonne L20 gebe ich das Zeichen. Haye reagiert blitzschnell und souverän. Als Maditha ebenfalls kentert, erfasst er auch diese Situation und erkennt, dass er nicht beide Probleme eigenhändig bearbeiten kann. Er bittet Marcia, sich um Maditha zu kümmern. Er fragt sie sogar, ob sie mit dem Umgang dieser Situation vertraut ist. Natürlich ist sie das! Aber gemäß meiner Rückstufung gibt sie zu bedenken, dass sie das zwar schon mal geübt habe, aber nur im Schwimmbad! "Versuch es einfach.", ermuntert Haye sie. Leider ging mein Kalkül, dass der Wind Madithas leeres Boot wegwehen würde, so gar nicht auf — es weht leider genau gar kein Wind 😐. Während der gesamten Rettungsaktion, die etwa 15 Minuten gedauert hat, sind wir durch das mittlerweile wieder schwach ablaufende Wasser 500 Meter zurückgetrieben worden. Nachdem alle wieder betriebsbereit in ihrem Booten sitzen, soll Maditha uns zurück führen. Das ist in Anbetracht der Verhältnisse, der kompletten Abwesenheit von Wind und Madithas Souveränität bei der Navigation kein Problem.

Es ist gar nicht so leicht, sich eine sinnvolle Tour auszudenken, weil die Lage der Tide an diesem Wochenende alles andere als ideal ist. Meine Abstimmung mit Elke für den kommenden Tag resultiert in der Aufgabe, Hooge im Uhrzeigersinn zu umrunden. Währenddessen sollen dann noch mal ein paar Paddeltechniken demonstriert werden. Elke und ich tauschen dabei die Gruppen. Zur Umsetzung fahren wir zuerst genau nach Osten bis zum Priggenfahrwasser, das in das Rummelloch führt. Südlich von Hooge trifft das auflaufende Wasser auf die Hallig und muss sich entscheiden, ob es sie links oder rechts herum umfließt. Es gibt also einen Punkt, an dem die Stromrichtung von Ost auf West umspringt. Ich versuche, den Teilnehmern zu vermitteln, wie sie feststellen können, in welche Richtung die Strömung zieht. Wenn man sich zwei hintereinander liegende Objekte auf der Hallig sucht und sieht, wie sich sich relativ zueinander bewegen, hat man ein sicheres Indiz, in welche Richtung die Strömung geht. Es braucht einige Gewöhnung, aber schließlich erkennen alle das Prinzip dieser Technik.

Am Nordende von Jappsand geht es an Land. Das Wasser im Flach davor hat sage und schreibe eine Temperatur von 22 Grad! Einige nutzen das, um wahlweise Rolle zu üben oder zu baden. Ein recht kleiner Seehund nähert sich uns und geht vollkommen ohne Scheu direkt bei unseren Booten an Land. Ich habe das Gefühl, dass er nicht ganz gesund ist.

Die beiden Gruppen sollen im Wettbewerb gegeneinander ein "All-In" ausführen. Sieger ist, wer als erster zurück an Land ist und dort den Notruf absetzt. Die Gruppen sind bei einzelnen Elementen im Ablauf sehr unterschiedlich schnell, aber am Ende setzen beide den Notruf und wenige Sekunden nacheinander ab. Ich würde sagen, beide Gruppen haben bei der Übung zusätzliche Sicherheit im Umgang damit gewonnen! An Land angekommen, eröffne ich ihnen, dass einer meiner Lukendecken verloren gegangen ist und sie sich etwas überlegen müssen. Auch das stellt für die Teilnehmer keine unlösbare Aufgabe dar. Ich bin überrascht, wie gut sie ausgerüstet sind und finde mein Boot nur wenig später perfekt abgeschottet vor. Ich fahre damit problemlos und mit trockenem Schott zurück nach Hooge.

Für Dienstag, den Tag der Rückreise, ist heftiger Wind aus Osten angesagt. Es ist nicht ganz klar, ob wir bei den zu erwartenden Verhältnissen auf eigenem Kiel zurückfahren können. Wir wollen die Entscheidung erst mit der Vorhersage am Tag selbst fällen. Ich stehe sehr früh auf, um mir ein Bild zu machen. Es sieht für mich durchaus machbar aus, würde aber wenigstens anstrengend werden. Ich verabrede mit Elke, dass wir der Gruppe sagen, dass wir alle mit der Fähre zurück fahren werden. Wenn dann jemand von sich aus sagt, dass er aber unbedingt paddeln möchte, würde ich ihn begleiten. Ich möchte aber nicht im vorhinein anbieten, dass ich mitkommen würde, wenn jemand paddeln möchte. Wie erwartet, will Maditha unbedingt paddeln! Dafür bin ich ihr sehr dankbar!

Maditha und ich auf der Rückfahrt, 
von der Fähre aus fotografiert.
Ostwind und auflaufendes Wasser bedeuten Wind gegen Strom, was Garant für interessante Wellen ist. Sie sind nicht wirklich groß, so um einen halben Meter, Fetch und Wassertiefe geben halt nicht mehr her, aber sie sind steil und machen Spaß! Und es macht Spaß, Maditha neben sich zu haben, die ständig ein seliges Grinsen im Gesicht hat. Was mich beeindruckt, ist, dass sie in diesem Chaos an den Schlüsselstellen immer wieder seelenruhig auf die Karte sieht, um unsere Position und die weitere Richtung zu bestimmen! Wir benötigen keine drei Stunden für die gesamte Strecke. Das sind 7 km/h —  was nichts anderes bedeutet, als dass sich die Effekte der unterstützenden Strömung und des hindernden Windes gegenseitig genau aufgehoben haben.

Meine Karriere während dieser Tour verlief steil — vom zu prüfenden Kandidaten, über begleitenden Ortskundigen zum Assistenten der Prüferin. Ich habe das nicht angestrebt und möchte mich auch gar nicht weiter in diese Richtung bewegen — aber es hat mir Spaß gemacht. Insbesondere das innere Wollen der Teilnehmer hat mich begeistert und natürlich auch ihre je eigene Kompetenz. Es ist ein grundsätzlich anderes Gefühl, Paddler mit intrinsischem Antrieb zu führen, als wenn die Teilnehmer eigentlich "nur mit" sind. Und es ist schön zu sehen, dass es andere gibt, die sich der Weitergabe ihres Wissens an Dritte verschrieben haben.

Sonntag, 26. Juli 2020

Nordsee 2020

Unser erster Termin für eine Nordseetour in diesem Jahr ist für mich einem hässlichen Gnubbel am Ellenbogen zum Opfer gefallen. Die beiden anderen Tourwilligen sind dann bei der Aussicht auf gruseliges Wetter meinem Beispiel gefolgt, Friesland Friesland sein zu lassen und sich die Sache aus dem sicheren Wohnzimmer heraus anzusehen. Aber einen neuen Termin haben wir immerhin vereinbart: am letzten Wochenende im Juli wollen wir es noch einmal versuchen!

Die Wettervorhersage ist alles andere als verlockend: am Freitag soll es mit mindestens fünf Beaufort aus Westen wehen, am Samstag dann zwar insgesamt weniger Wind sein, so dass man recht frei mit der Gestaltung des Tages umgehen könnte, aber in der Nacht zum Sonntag dann heftigster Regen fallen, der erst am späten Sonntag Nachmittag abebben soll. Dazu Wind zwischen zwölf und vierzehn Metern pro Sekunde - in schlichten Worten: sechs bis sieben Beaufort. Das mit dem Wind ist eher reizvoll, denn er würde aus  West kommen. Nur, dass wir vermutlich unser Zelt im strömenden Regen abbauen und einpacken müssten, reizt nicht so. Aber das Wasser ist warm und die Luft auch und der Strom geht mit dem Wind - wo also sollte ein Problem liegen?

Das Problem liegt auf der A7 kurz vor der Ausfahrt nach Jagel. Dort hat sich mindestens ein Fahrzeug in die linke Leitplanke gebohrt und ebenso viele in die rechte. So können wir über eine Stunde lang der Zeit beim Verstreichen zusehen. Bei solchen Gelegenheiten kommt einem die Gnadenlosigkeit, mit der die Tide ihren Plan durchzieht, besonders ungerecht vor. Zum Glück kennt Jörg auf dieser Strecke nicht nur jeden Wegweiser - sei es der nach Spinkebüll oder der nach Süderhackstedt - er kennt auch jeden Schleichweg, so dass wir die schon seit über einem Jahr existierende Schikane der Vollsperrung von Drelsdorf geschickt umfahren können. Wir holen tatsächlich ein wenig von der verlorenen Zeit wieder rein und sind nur eine Stunde später als geplant in Schlüttsiel.

Eigentlich wollten wir genau jetzt mit dem letzten auflaufendem Wasser bereits den Hafen verlassen - aber das tut nun eine andere Gruppe von sechs Paddlern. Wir sind uns sicher, dass wir sie auf Hooge wiedertreffen und es ist noch lange genug hell, dass wir nicht im Dunkeln unsere Zelte werden aufbauen müssen. Die Sachen sind zügig in den Booten verstaut und bereits nach einer dreiviertel Stunde sitzen wir mit den Spritzdecken am Süllrand befestigt in unseren Booten.

Der Wind ist nicht gar so garstig wie befürchtet, aber er steht gegenan. Dafür scheint die Sonne und die Temperaturen sind angenehm. Wir fahren am Tonnenstrich entlang - wir wollen keine großen Spierenzchen machen. Der kleine Knick in userer Spur rührt von der Tatsache, dass meine Mitfahrer eine Tonne in der Ferne für den Beginn des Langenessfahrwassers erklären. Ich bin skeptisch und sehe nach. Die Tonne weist sich als Schl.10 aus - das Langenessfahrwasser zweigt erst bei Schl.6 ab. Dieses Mal schaffen wir es auch, rechtzeitig und nachhaltig genug aus der Süderaue nach Süden ins Hoogefahrwasser abzubiegen und nicht wie sonst üblich auf der dazwischen liegenden Sandbank zu stranden. Nach bummeligen zwei und einer Viertelstunde erreichen wir den Hooger Segelhafen. Jörg und Peter paddeln durch das Betontor, ich ziehe ein schlickfreies Anlanden außen an der Mole vor.

Natürlich treffen wir die andere Truppe hier wieder. Sie sind offensichtlich gar nicht so viel früher als wir da gewesen, denn sie sind noch nicht fertig damit, ihre Zelte aufzubauen. Friedlich in der Abendsonne sitzend, bereiten wir uns ein Abendessen, bei dem jeder den anderen in Bescheidenheit übertrumpft: Ich vernichte endlich das asiatische Nudelgericht mit Ente, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum im Juni 2018 abgelaufen ist, Peter bereitet eine Art Spaghetti Carbonara zu (bei deren Vertilgung ich ihm unterstützend zur Hand gehe) und Jörg, der sonst immer eine fulminate Kochsession zelebriert, hat Kartoffelsalat mit kalten Würstchen mitgebracht. Schmeckt alles lecker!

Jörg hat heute auch seinen neuen Helinox-Faltstuhl dabei, den er erst in vierzehn Tagen zum Geburtstag geschenkt bekommt! Wir besprechen kurz unsere Optionen für morgen und einigen uns darauf, um neun Uhr mit dem ablaufenden Wasser rauszufahren, Japp- und Norderoogsand zu umrunden und durch das Rummelloch-West wieder zurück zu fahren. Als Besonderheit wollen wir auf dem Rückweg westlich an Hooge vorbei fahren - weil das viel günstiger und bequemer ist.

Bevor wir am Samstag Morgen losfahren, erkundigen wir uns noch nach dem Plan der anderen Gruppe. Sie wollen um elf Uhr los und dann durchs Rummelloch nach Pellworm. Das kommt uns erst einmal fremdartig vor, aber wenn man bedenkt, dass man Pellworm überhaupt nur bei hohem Wasserstand erreicht, macht es Sinn, möglichst spät loszufahren. Dass das genau bei Niedrigwasser sein muss und man dafür in Kauf nimmt, die ganze Zeit bis zum Rummelloch gegen Wind und Strom fahren zu müssen, hätten wir jetzt nicht so entschieden, aber das obliegt ja dem eigenen Ermessen.

Jappsand ist mit dem kräftig schiebendem Strom schnell erreicht. Danach dringe ich nachdrücklich darauf, nicht der Versuchung zu erliegen, sich an der vermeintlich so leicht erkennbaren Sandkante entlang zu hangeln, sondern gegen die Intuition weit draußen zu bleiben und stramm Kurs 180 Grad zu fahren. Bisher bin ich so gut wie jedes Mal zu dicht an den Norderoogsand geraten, so dass ich am Ende immer einen gehörigen Schlenker nach Westen fahren musste, um überhaupt in den Durchlass zwischen den beiden Sänden zu gelangen.

Auch diesmal sind wir uns nicht sicher, ob wir den augenscheinlich quer vor uns liegenden Sand noch umrunden müssen, oder ob links davon eine freie Durchfahrt ist, oder ob er vielleicht sogar schon Teil des Süderoogsandes ist. Und obwohl wir schon ausgesprochen konsequent draußen geblieben sind, müssen wir zum Schluss doch noch einen Haken schlagen. Als wir an einem Sandabschnitt mit steiler Uferkante an Land gehen, stellen wir fest, dass es sich um eine Insel handelt, die direkt im Durchlass der beiden Sande liegt. Die Gegend hier verändert sich von Jahr zu Jahr so stark, dass auch meine jedes Mal gesetzten GPS-Wegpunkte allenfalls als Indiz genutzt werden können, dass der Durchlass hier in der Nähe liegen muss.

Auf der dem GPS-Track hinterlegten Seekarte sieht man, dass wir trotzdem wir schon unglaublich weit draußen gepaddelt sind, immernoch innerhalb der Robben- und Vogelschutzzone unterwegs waren. Um sich absolut korrekt zu verhalten, hätten wir bis zur Tonne ST20 rausfahren müssen, die ich mir schon für meine letzte Tour in der Seekarte markiert hatte. Von dort aus kann man dann stumpf nach Süden fahren, bis man die Durchfahrt erreicht. Aber das ist mehr als doppelt so weit draußen, wie unsere Spur angibt. Ich gehe jede Wette ein, dass das noch nie jemand beherzigt hat und bezweifle, dass das irgendeinen plausiblen Sinn ergibt. Wie wenig auch die aktuellste Seekarte die realen Verhältnisse hier wiedergibt, kann man daran erkennen, dass wir mit unserem Schlenker erst nach Westen und dann nach Osten eine Sandinsel umrundet und an der mit dem roten Ball gekennzeichneten Stelle Pause gemacht haben.

Natürlich beobachten uns während der Pause wieder ein paar neugierige Seehunde. Auch eine Kegelrobbe ist dabei. Aber bisher haben wir von diesen pelzigen Torpedos noch nicht wirklich viele Exemplare gesehen. Das soll sich ändern, nachdem wir weiterfahren. Als erstes sichten wir am Südende des nördlichen Sandes eine Herde von ca. hundert Exemplaren. Wir machen gleich einen Schwenk weiter von ihnen weg, damit sie nicht beunruhigt werden und ihre Mittagspause unterbrechen müssen. Etwas nördlich davon sind einige Leute von einer Art Segelkutter an Land gegangen - aber sie nähern sich den Tieren auch nicht. Nur wenig später taucht eine ähnlich große Herde auf halbem Weg vor Pellworm auf.

Eigentlich müssten wir hier extrem langsam fahren, denn es muss ja erst noch Wasser zwischen Jappsand und Hooge einlaufen, damit wir da durchkommen. Aber der Wind kommt immer noch aus Süden und das macht es schwierig, langsam zu fahren. So dauert es dann auch gar nicht lange, bis die Wassertiefe auch für unsere kleinen Boote nicht mehr hinreicht. Als wir den ersten Schwenk nach Westen machen, steige ich extra noch mal aus meinem Boot, um im Stehen mit besserem Überblick zu sehen, dass der Nachbarpriel viel weiter mit Wasser gefüllt ist. Also fahren wir noch einmal zurück und fädeln in das nächste Rinnsal ein.

Hier geht es zwar erst deutlich weiter, aber bald wünsche ich mir die Tidensteiggeschwindigkeit von Jersey, wo das Wasser in zehn Minuten zwanzig Zentimeter steigt. Davon können wir hier nur träumen - stattdessen sitzen wir alle zehn Meter für gefühlte zwanzig Minuten auf der Stelle fest. Irgendwann sieht man, dass nun doch der Nachbarpriel, den wir vorhin extra verlassen hatten, deutlich weiter mit Wasser gefüllt ist. Also kehren wir nochmals um und fädeln wieder zurück. Eigentlich ist es auch egal, ob wir dadurch einen Umweg paddeln - Hauptsache wir haben etwas zu tun, denn mittlerweile hat Regen eingesetzt, so dass uns auch nicht mehr wirklich mollig in den Booten ist. Auch als vor uns eine quasi lückenlose Wasserfläche aufgefüllt ist, will noch keine rechte Freude aufkommen, denn die Wassertiefe ist dermaßen dürftig, dass wir immer wieder aufsetzen. Und als es dann tatsächlich spürbar tiefer wird, stellt sich heraus, dass die Strömung hier doch gegen uns läuft. Also so schlimm wie das Gestochere hier habe ich die Umrundung auf der Ostseite nicht in Erinnerung. Obwohl ich unsere erwartete Ankunftszeit schon großzügig geschätzt hatte, kommen wir auch heute eine gute Stunde später als vorhergsagt an. Einzig die Tatsache, dass das Wasser bereits so hoch aufgelaufen ist, dass wir bequem und unverschlickt über den Hafen auf die Zeltwiese fahren können, sorgt für etwas Entspannung.

Zu unserer Überraschung ist die andere Gruppe schon da. Erst vermuten wir, dass sie vielleicht gar nicht losgefahren sind, aber eine Nachfrage klärt den Sachverhalt: Sie meinten mit "Rummelloch" gar nicht die Durchfahrt zwischen den Außensänden, sondern das Fahrwasser zwischen Hooge und Pellworm. Sie sind nach Jappsand gefahren und wollten dann zwischen diesem und Hooge hindurch über das "Rummelloch" nach Pellworm. Leider sind sie noch nachhaltiger als wir am mangelnden Wasser gescheitert. Aber wenn man es recht bedenkt, war dieser Ausgang eigentlich vorhersehbar. Offensichtlich ist ihnen hier ein kleiner Planungsfehler unterlaufen.

https://naturfotografen-forum.de/o1492835-Steinw%C3%A4lzer
Bis zum Abendessen haben wir noch gut Zeit die wir gewissenhaft der Erholung widmen. Ich befestige mein Zelt noch mit einigen zusätzlichen Abspannleinen wegen des vorhergesagten starken Windes, der während der Nacht aufkommen soll. Später beobachte ich im durch das ablaufende Wasser freiwerdenden Schlick des Segelhafens mehrere Steinwälzer. Es ist das erste Mal, dass ich welche sehe, und ich musste im Nachhinein erst meinen KOSMOS-Vogelführer zu Rate ziehen, um sie identifizieren zu können.

Für den Peselbesuch haben wir uns diesmal sicherheitshalber im Voraus angemeldet - man weiß ja nicht, was man in der durch Corona so besonderen Situtation zu erwarten hat. Aber da das Wetter nicht besonders lauschig ist, sind die Tische draußen alle unbesetzt. Wir wollen es riskieren, aber ich frage lieber nach, ob man unseren Tisch drinnen frei halten kann, falls es doch zu regnen anfängt. Man kann. Leider ist die Karte ob der besonderen Umstände etwas eingedampft - und unser geliebtes Lammfilet gibt es heute nur in Form von Frikadellen. Macht nichts, wir sind hungrig und da ist auch das lecker! Leider ist die versprochene Riesenportion Kaiserschmarn mit Erdbeeren, die ich mir als Nachtisch bestellt habe, nur eine Kinderportion, aber der gröbste Hunger ist gestillt. Nach einem Kakao und einer Tasse Tee, die ich am Zelt noch zu mir nehme, geht es in die Federn.

Wie versprochen schüttet es in der Nacht wie aus Kübeln. Dazu dreht der Wind auf sieben Beaufort auf. Ich habe meine friedenstiftenden gelben Pfrömse in den Ohren und schlafe selig durch. Allein eine kleine Unachtsamkeit bekümmert mich am Morgen: weil es in der Nacht so warm war (es war ja komplett bewölkt), habe ich an beiden Seiten das Innenzelt etwas offen gelassen. Da es in meinem Zelt bei derartig heftigem und ausdauerndem Regen aber immer vom Außenzelt aufs Innenzelt tropft, liefen diese Tropfen erst das Innenzelt herunter und dann - wegen der offenen Seiten - ins Zeltinnere. Das war eine dumme Idee! Es schwimmt alles etwas um mich herum. Als erste Maßnahme setze ich mich auf meiner Isomatte aufrecht hin. "Wump!" Bei meiner Super-Duper-Exped-Iso-Luftmatratze ist mal wieder eine Rippe aufgeplatzt! So was dämliches! Da ist wieder mal ein Besuch im Reiseshop fällig!

Positiv wirkt auf meine Stimmung, dass es schon vor zehn Uhr morgens aufgehört hat zu regnen. Es ist zwar noch keine stabile Wetterlage, aber wir machen erst einmal einen großzügigen Spaziergang um den Westzipfel der Hallig. Das Wetter wird immer besser und wir sehen, dass Norderoogsand sich immer mehr zur Insel mausert, die in der katastrophalen Sturmflut 1962 untergegangene Ponswarft und einen Imker, der die flachsten Bienenstöcke aufstellt, die ich je gesehen habe.

Die andere Gruppe hat einen deutlich weiteren Heimweg von Schlüttsiel aus und will daher möglichst früh los. 13 Uhr ist die Ansage. Als wir gegen 13 Uhr von unserem Spaziergang zurück am Seglerheim eintreffen, steht die Gruppe aber immer noch in normaler Kleidung auf der Zeltwiese. Aber sie fangen an, ihre Kajaks auf die mitgebrachten Bootswagen zu schnallen. Leider gibt es dabei die eine oder andere Schwierigkeit, so dass es eine ziemliche Weile dauert, bis sie auf der anderen Seite des Hafentores ankommen. Dort müssen sie sich ja noch die Paddelklamotten anziehen, so dass sie im Endeffekt nur etwa eine dreiviertel Stunde vor uns loskommen.

Um viertel vor drei ist genug Wasser aufgelaufen, dass wir bequem von der Rampe einsetzen können. Der Wind kommt genau aus Westen - wir glauben zwar nicht, dass er auf die versprochenen vierzehn Meter pro Sekunde kommt, aber er weht kräftig. Wir sind von Anfang an recht schnell, aber es ist natürlich nicht ganz einfach, unter solchen Bedingungen einen gerade Kurs zu fahren. Da uns im Hoogefahrwasser eine Fähre entgegenkommt, wollen wir auf Nummer sicher gehen und sie nördlich passieren lassen. Aber dann dreht die Fähre nach Süden ab, so dass wir uns umentscheiden. Leider scheint der Kapitän sehr unentschlossen und ändert noch mehrmals seinen Kurs, aber wir erkennen immerhin, dass das Schiff keine große Geschwindigkeit drauf hat. Erst als wir ziemlich nahe sind, erkennen wir, dass es vor Anker liegt und einfach in der Strömung hin und her schwoit.

Über den flachen Sänden steht eine interessante Welle, die ich sehr genieße. Aus den Bemerkungen meiner Mitpaddler schließe ich später, dass sie nicht ganz so begeistert sind von diesem Chaos. Okay, müssen wir nächstes Mal den Kurs vielleicht besser abstimmen. In den tieferen Prielen sind die Wellen regelmäßiger und wir können einige schöne Surfs genießen. Was für ein Spaß bei warmen Wasser mit Wind und Wellen im Rücken nach Hause zu fliegen! Nach genau zwei Stunden laufen wir über die Rampe des Anlegers in Schlüttsiel. Die andere Gruppe packt noch ihre Sachen vorm Segelsteg. Sie fahren im Endeffekt immerhin zwei Minuten vor uns los.



GPS-Daten der Tour: Nordsee 2020

Freitag, 30. August 2019

Nordsee mit neuer Seekarte

Dieses Jahr sind meinem Fahrtenangebot, das normalerweise "Nordsee für Einsteiger" heißt, nur Paddler mit soliden Kenntnissen und Fertigkeiten gefolgt. Nachdem Björn in letzter Sekunde aus beruflichen Gründen absagen müsste, blieben fünf wackere Teilnehmer für ein Abenteuer auf der Nordsee übrig: Anja, Betzi, Lauritz, Maditha und ich. Niedrigwasser auf Hooge ist für 21 Uhr angesagt, Sonnenuntergang für zwanzig nach acht - das hört sich auf den ersten Blick entspannt an. Aber wenn man alles zusammenrechnet - zweieinhalb Stunden Paddeln, ein Stunde Packen in Schlüttsiel, zwei Stunden Autofahrt und eine halbe Stunde Packen vorm Bootshaus - kommen da sage und schreibe sechs Stunden bei raus! Wenn wir also um acht auf Hooge ankommen und damit überhaupt noch eine Chance wahren wollen, ohne schwarze Beine aus dem Schlick zu kommen, dann  müssen wir uns um zwei Uhr am Bootshaus treffen!

Zum Glück sind alle nicht nur überpünktlich sondern auch super schnell mit Verstauen des Gepäcks und Boote auf die Autos schnallen, so dass wir hier schon eine Viertel Stunde herausgeschlagen haben! Allerdings wird die gleich wieder durch den dichten Verkehr in Kiel aufgefressen. Zu allem Überfluss muss da auch noch ein Unfall direkt bei Karstadt unseren Schwung bremsen. Und selbst nachdem es auf der Autobahn bis Schleswig erwartungsgemäß glatt läuft, hält uns der nächste Unfall im Kreisel bei Schuby abermals auf. Dann verfransen wir und noch im Kreisel in Viöl, was rückblickend betrachtet aber vermutlich als Segen aufgefasst werden muss, denn auf unserer eigentlich anvisierten Route hätte nämlich eine Baustelle länglich umfahren werden müssen. Mit allem Für und Wider kommen wir dann doch wie geplant um halb fünf Uhr in Schlüttsiel an.

Aber auch hier sind wir super schnell im Packen, so dass wir abermals eine halbe Stunde gut machen und bereits um fünf in unseren Booten auf der Nordsee schaukeln. Das war gerade noch rechtzeitig, um an der Rampe problemlos ins Wasser zu kommen! Tide kann ganz schön unentspannt sein!

Die Sonne scheint, es ist warm und der Wind weht uns lustlos entgegen. Um nicht unnötig Zeit zu vertrödeln, schenke ich mir die Umrundung von Gröde, die etwas Abwechslung bedeutet und uns mehr von der Landschaft gezeigt hätte. Die ersten Kilometer sind der Gewöhnung an die Landschaft und an die sparsamen Orientierungsmöglichkeiten gewidmet. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass alle in der Gruppe eine Seekarte mitführen - und sich auch mit ihrer Hilfe in der Landschaft orientieren! Bis auf Anja haben sogar alle die brandaktuelle Version dabei. Es ist auch für mich, der tapfer zwanzig Jahre lang dieselbe Seekarte genutzt hat, eine ganz neue Erfahrung, dass sich die Tonnen tatsächlich da befinden, wo sie verzeichnet sind, und auch in Natura so bemalt, wie sie auf der Seekarte beschriftet sind! Total einfach, so zu navigieren! Das zahlt sich insbesondere im letzten Drittel unserer Reise aus, wo das irgendwann neu geschaffene Hooge-Fahrwasser in die Süderaue mündet. Das ist auf Anjas Seekarte noch sehr anders dargestellt! Hier schrammen wir etwas zu weit westlich über die die beiden Priele trennende Sandbank - fünf Minuten zu spät, so dass wir tatsächlich kurz aussteigen müssen, um unsere Boote zehn Meter über den Sand zu ziehen.

Um kurz vor halb acht schrammen wir auf die hässlichen Steine auf dem Grund der Ausfahrt aus dem Hooger Segelhafen. Wir schaffen es leidlich unverschlickt auf den Leitdamm - bis auf Maditha, die keinen großen Aufwand treibt, dem schwarzen Schleim zu entkommen. Ungehemmt stapft sie bis zu den Knien im Schlick durch den Modder. Und weil ihre Badelatschen dem saugenden Griff des Watts nicht gewachsen sind, muss sie sie mit den Armen bis zum Ellenbogen im Schlick wieder ausbuddeln. Da wir die Boote dann immer zu viert nach oben tragen, sehen die Teile danach alle sehr nach "Anlanden auf Hooge bei Niedrigwasser" aus.

Kaum sind die Zelte hergerichtet, breitet sich in uns allen unmittelbar die Hallig-spezifische Entspannung aus. Die Luft ist lau, der Wind eingeschlafen und die Sonne auf ihrem letzten Stück Weg hinter den Horizont. Gemütlich lauschen wir auf dem Deich sitzend dem beruhigendem Rauschen meines Kochers, der erst einen heißen Kakao, dann Nudeln mit Ente, einen Tee und dann wieder einen Kakao bereitet. So geht Erholung!

Bei der Vorbesprechung, was wir am Samstag unternehmen wollen, haben wir die Fahrt zur Pallas fallen gelassen, weil die ein Aufstehen um fünf Uhr bedeutet hätte. Die Variante, stattdessen um Japp- und Norderoogsand zu fahren, ist etwas humaner: Aufstehen um sechs, auf dem Wasser um acht. Auch hier zeigt sich, mit was für einer reifen und professionellen Truppe ich es zu tun habe: gewöhnlich wird die Ansage "Abfahrt um acht" eher so aufgefasst, dass man um acht sich selbst und das eigene Kajak bereit gemacht hat, dass man sich jetzt in Richtung Wasser in Bewegung setzen könnte. Dass der Akt, eine Truppe von der Wiese ins Wasser zu befördern, mindestens zwanzig Minuten dauert, wird gerne unterschlagen. Nicht so heute: Punkt acht Uhr sitzt alles, was mit will, im Kajak.

Wir wollen zuerst mehr oder minder genau nach Westen fahren - aber höchstens bis um 9:00 Uhr. Aus dem Hooge-Fahrwasser an Jappsand vorbei in Richtung der Tonne 20 ins Schmaltief. Und dann genau nach Süden - so lange, bis wir die Durchfahrt zwischen Norder- und Süderoogsand treffen. Anfangs läuft das auch mehr als geschmeidig, durch die starke Stromunterstützung sind wir mit über zehn Stundenkilometern unterwegs. Das wird gleich weniger, als wir aus dem tiefen Priel ins flachere Wasser dicht vor Jappsand kommen. Da man unsere Zieltonne 20 nicht sieht, habe ich Kurs 240 Grad angegeben, das lässt sich gut ablesen und steuern. Trotz recht guter Sicht dauert es überraschend lange, bis ich eine Tonne sehe. Die liegt etwas nördlicher als unser Kurs - aber es ist besser auf eine unbekannte Tonne zuzusteuern als immer nach Kompasskurs zu fahren, also nehme ich sie aufs Korn. Bis Betzi mich auf die "richtige" Tonne aufmerksam macht! Die liegt tatsächlich auf 240 Grad - und schon fahren wir wieder in diese Richtung.

Um neun Uhr haben wir die Tonne zwar bei Weitem nicht erreicht, aber nun macht es keinen Sinn mehr, weiter in ihre Richtung zu fahren, weil ab jetzt der Strom südlicher läuft. Neue Kursansage: 180 Grad. Damit sollten wir nach meinen Berechnungen den Eingang zum Rummelloch finden, ohne vorher auf Sand zu laufen. Auf etwa halber Strecke liegt ein Fischkutter genau auf unserem Kurs. Das ist ungemein praktisch, weil wir ihn dadurch zum Anpeilen nutzen können, was wesentlich angenehmer ist, als immer auf den Kompass zu blicken. Als wir ihn passieren, können wir niemanden an Bord erkennen. Also ist das entweder die Kuttervariante des Fliegenden Holländers oder die Besatzung hält ein Nickerchen, um sich vom nächtlichen Fischzug auszuruhen. Ich hatte kurz vorher mein Funkgerät eingeschaltet, um ansprechbar zu sein, sollte die Besatzung Kontakt mit uns aufnehmen wollen. Man muss bedenken, dass wir hier ziemlich weit draußen auf der offenen Nordsee sind, wo man gemeinhin nicht damit rechnet, Kajaks anzutreffen. Es wäre durchaus plausibel, wenn besorgte Nachfragen über Funk abgesetzt würden. Statt der Kutterbesatzung meldet sich der Seewetterbericht, dem ich für einige Zeit lausche. Er stehen keine schlimmen Dinge für uns in Aussicht, aber das kurze Aussetzen des Paddelns offenbart, dass die Strömung weit früher und radikaler gekippt ist, als das die Topp-Glowing-in-the-Dark-Navigationsapp des Nautischen Verlages vorhergesagt hat: statt uns sachte einfach von West nach Ost zu schieben, steht sie genau gegen uns! Das wirkt sich durchaus negativ auf unsere Geschwindigkeit aus.

Da wir es aber eh nicht eilig haben, ist es kein großes Drama. Allerdings bringt es mich nachhaltig durcheinander in der Abschätzung, wie weit wir uns dem Durchlass zwischen den beiden großen Sänden schon genähert haben. Zwar habe ich einen Wegpunkt im GPS einprogrammiert, so dass wir stumpf nach Angaben des Gerätes fahren könnten. Aber ich will heute komplett ohne es auskommen, schließlich ist die Sicht gut genug und es kann nicht wirklich etwas schief gehen. Lieber fahre ich kurz auf eine falsche Tonne zu und mache hier einen unnötigen Schlenker und wir lernen etwas, als dass ich mich von der Technik (ver)führen lasse, ohne einen eigenen Beitrag zu leisten.

Und siehe da - wie immer glaube ich, dass ich eine Durchfahrtmöglichkeit in der Ferne erkenne und lasse drauf zu steuern. Und wie immer stellt es sich schließlich heraus, dass da doch Sand im Weg ist, und wir müssen unseren Kurs noch einmal mehr in Richtung England drehen. Immerhin kommen wir dadurch in das Gebiet, wo die Wellen frontal auf den flachen Sand laufen und sich weiß brechen. Je nach innerer Einstellung sieht das entweder bedrohlich aus oder verlockend. Ich weiß aber, dass die Wellen zu klein sind, um bedrohlich sein zu können und leider ist hier auch das Wasser zu flach, als dass man nenneswert Spaß haben könnte. Aber immerhin spritzt es ein bisschen. Kurz danach gehen wir an "Land", denn nur wenig weiter liegt eine Horde Robben auf dem Sand, die wir nicht aufscheuchen wollen.

Wir ziehen unsere Boote gleich ein ordentliches Stück auf den Sand hoch - schließlich wollen wir nicht nach zehn Minuten schon wieder durch das auflaufende Wasser gestört werden. Eine ausführliche Pause ist fällig, in der allerlei Leckeres aus den Stauräumen gefischt und vertilgt wird.

Nach einer guten Stunde hat sich das Wasser bis an unsere Boote herangemacht, das ist das Zeichen weiterzufahren. Die gesamte Zeit über haben uns zwei Seehunde beobachtet, die vor dem Sand Streife schwammen. Sie beobachten auch unseren Aufbruch. Ihre Kumpels, die etwas weiter auf dem Sand ihre Bäuche in die Sonne halten, sind in der Zwischenzeit auf gute hundert Exemplare angewachsen. Wir fahren weit genug um sie herum, so dass kein Tier auf die Idee kommt, ins Wasser zu gleiten.

Der Charakter der Landschaft und die Bedingungen sind hinter den Sänden radikal verschieden von den Verhältnissen draußen vor. Zwar weht kein wirklicher Wind, aber auf der offenen See führt das bisschen Luftbewegung, das wir haben, immerhin zu einigermaßen bewegtem Wasser. Hier drinnen herrscht Ententeich und Sonnenschein. Es ist aber nicht ganz leicht, hier seinen Weg zu finden. Zwar liegt zwischen uns und Hooge eine durchgehende Wasserfläche, aber die Tiefe unter der Fläche ist sehr unterschiedlich. Zwar kommen wir manchmal in so flaches Wasser, dass wir mit den Paddeln aufsetzen, aber im Großen und Ganzen bekommen wir es ganz gut hin, die tiefen Priele und die zügige Strömung darin zu nutzen.

Kurz bevor wir in den Hooger Segelhafen einlaufen, lädt Betzi noch dazu ein, ein bisschen im warmen Wasser zu üben. Ich mache einen halbherzigen Versuch, nach einer Kenterung mein halbes Ersatzpaddel unter Wasser aus seiner Halterung zu ziehen und damit hochzurollen. Klappt aber nicht auf Anhieb, und so helfe ich erst mal einer Segeljolle gegen den Wind in den Hafen zu kommen. Das Einlaufen im Segelhafen ist eine wahre Freude: das Wasser steht so hoch, dass man quasi direkt mit dem Boot auf die Zeltwiese fahren kann!

Nur Anja begleitet mich heute in den Friesenpesel, die anderen kochen selbst auf dem Deich. Später sitzen wir noch zusammen und beobachten das Flackern des Himmels und rätseln, ob das nun Wetterleuchten ist oder Gewitter.

Was da nachts genau um null Uhr an den Zelten rüttelt und üppig Wasser vom Himmel schüttet, ist auf jeden Fall ein Gewitter! Der Wind schnellt innerhalb von kürzester Zeit auf acht Beaufort hoch, und es gießt wie aus Kübeln. Einige aus unserer Gruppe müssen noch mal die Zeltabspannungen nachbessern. Da das Wetter auch morgens noch nicht so ganz nach "draußen frühstücken" aussieht, ziehen wir mit unserem Trödel ins Seglerheim zurück. Hier können wir in muckeliger Wärme dem Regen dabei zusehen, wie er gegen die großen Scheiben wütet. Und den Windmesser können wir auch beobachten: Nordnordwest und so um die achtzehn Knoten - macht etwa fünf Beaufort. Aber als dann eine Front durchzieht, geht es hoch bis auf 27 Knoten - das ist Windstärke sieben! Da kommt der eine oder andere Gedanke an die Fähre auf.

Wir wollen so früh, wie der Wasserstand es zulässt, losfahren, um nicht allzu spät zu Hause anzukommen. Zum Glück hat sich der Regen gelegt und wir bekomme unsere Ausrüstung leidlich trocken in die Boote. Um halb zwölf macht Betzi ein Gruppenfoto mit Selbstauslöser und wir blasen zur Abfahrt. Der Wind bläst nicht mehr gar so arg, so dass die Wellen wieder mal zu klein für richtigen Spaß bleiben. Aber auch wenn Nordnordwest kein wirklicher Rückenwind ist, ist es eben auch kein Gegenwind. Nach nicht einmal zweieinhalb Stunden kommen wir in Schlüttsiel an, wo das Wasser gerade über die Kante lugt, so dass wir bequem anlanden können.

Für mich war dies die Nordseetour mit dem meisten Know-How und dem größten Engagement für die Gegend und die Navigation. Fühlt sich gut an!

(Fotos Courtesy Maditha K. - und BalticPaddler)