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Sonntag, 26. Juli 2026

Langeland-"Umrundung"

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Für dieses Jahr hatte ich Schottland als Paddelabenteuer ins Auge gefasst. Aber dann habe ich überlegt, wie ich das mit der Betreuung meines Vaters unter einen Hut bringen könnte. Schottland würde mich mindestens für drei Wochen von der Bildfläche nehmen. Und auch im Falle einer Katastrophe bräuchte ich eine Handvoll Tage, um wieder vor Ort wirksam werden zu können. Alles möglich zu organisieren — aber dafür hätte ich mehr Vorlauf benötigt.

Also etwas "Näherliegendes"! Ich habe doch die Insel Langeland noch nie umrundet — warum also nicht einfach das in Angriff nehmen? Diese beiden Sätze spiegeln in etwa die Gesamtheit meiner Gedanken wieder, die ich mir im Vorfeld zu der Unternehmung gemacht habe.

Irgendwann hat sich noch Jörg als Begleitung angeboten. Und der hat, wie das seine Natur ist, etwas genauer hingesehen. Seine Anmerkung, dass wir dann aber jeden Tag eine mehr als anspruchsvolle Strecke paddeln müssten, hat mich nicht ungerührt gelassen. "Kein Stress! Aber wenn schon keine Umrundung, dann queren wir wenigstens den Großen Belt und übernachten einmal auf Lolland!".

Den Beginn der Tour haben wir auf Montag gelegt — da bleibt man von jeglichem Urlaubsstau unberührt — die Dauer auf maximal sieben Tage begrenzt. Mit dem Termin in absehbarer Nähe wurde die Windvorhersage zu Rate gezogen. Die schwänzelte ziemlich hin und her, hatte aber im wesentlichen heftige Winde aus westlicher Richtung im Angebot. Die erste Abwehrmaßnahme bestand in der Verschiebung der Abfahrt auf Dienstag. Damit war praktisch auch die Querung des Großen Beltes gestorben, denn einer Verlängerung der Tour und damit Verschieben der Rückfahrt standen andere Termine im Wege. Aber dann wollen wir wenigstens einmal um die Südspitze von Langeland und nach Lolland luken!

Durch die Anreise mitten in der Woche hält sich der Verkehr trotz Hauptferienzeit einigermaßen in Grenzen. Wir haben einen klitzekleinen Strandzugang zwischen Mommark und Fynshavn als Parkplatz für unseren Bus ausgewählt. Außer ein paar Anglern, die hier regelmäßig zu Wasser gehen, herrscht hier kein Betrieb. Es ist sonnig, der Wind ist lau — und nach kurzem Umpacken der Ausrüstung aus dem Bus in die Boote stechen wir erwartungsfroh in See. Ärö ist schon klar und deutlich zu sehen, aber nach wenigen hundert Metern quält Jörg die Ungewissheit, ob wir die Seitentür des Busses denn auch wirklich wieder zu gemacht haben. Ich kann mich auch nicht explizit erinnern, und so fahren wir noch eine kleine Schleife zurück zum Strand.

Es geht immerhin ein bisschen Wind, den wir versuchen, mit unseren Segeln einzufangen. Ziel ist erst mal die Steilküste am südlichen Ufer von Ärö, dort wo die Küste sich von ihrem klaren Nord-Südverlauf nach Südosten abbiegt. Dort angekommen kramen wir unsere Stullen hervor und machen eine kleine Pause, ohne an Land zu gehen. Danach geht es durch wunderbar türkisblaues Wasser weiter bis zum Shelter, den wir vor etlichen Jahren hier schon mal entdeckt und für spätere Touren als mögliches Ziel ausgemacht haben. Der Shelter ist aus der Entfernung nicht leicht zu entdecken, aber ich kann mich vage daran erinnern, dass da ein markanter Schornstein ganz in der Nähe war. Ein solcher zeigt sich dann auch bald — und meine Erinnerung hat prima funktioniert: der Shelter steht quasi direkt darunter dicht am Wasser!

Als wir geräuschvoll auf den Strand schrammen, schrecken wir eine dänische Nixe auf, die ein paar Meter entfernt entrückt ihren baren Busen der Sonne darbietet. Tschuldigung!

Die Inspektion der Infrastruktur lässt Entzücken aufkommen: Ein Schlaf-, ein Küchen- und ein Kackshelter stehen zur Verfügung! Wir einigen uns auf die Verteilung: Jörg wird sein Lager im Schlafshelter aufschlagen, ich meines im Küchenshelter — den Kackshelter heben wir uns für besondere Gelegenheiten auf. Das Tolle an diesem Ensemble ist, dass es wirklich sehr schlecht erreichbar ist: man kommt nicht mit dem Auto hierhier und auch nicht mit dem Fahrrad. Man muss schon eine erkleckliche Strecke zu Fuß zurücklegen, um hierher zu kommen. Und auch mit dem Kajak muss man gute 25 Kilometer paddeln, egal aus welcher Richtung man kommt! Das garantiert eine gewisse Exklusivität, die sich auch im Inneren der Holzgehäuse wiederspiegelt: die Liegeflächen im Schlafzimmer sind mit einer dünnen Isomatte ausgelegt, es gibt üppige, marokkanische Sofakissen, klappbare Gartenstühle, und im Küchenraum ist die Sitzfläche mit einem Polster ausgelegt! Ganz untypisch für dänische Shelter findet man hier diverse Möglichkeiten, Dinge aufzuhängen! Ein klarer Beweis, dass dieses Etablisment häufiger von denselben Nutzern aufgesucht wird, die es sich etwas gemütlicher eingerichtet haben.

Am nächsten Morgen geht ein deutlich frischerer Wind — aber aus westlicher Richtung, also eher von hinten. Das Wassern der Boote ist mit den auf den steinigen Strand brechenden Wellen nicht so ganz einfach. Ich gebe Jörg einen kräftigen Schubs, bevor ich mich dann selbst ins Boot zwänge.  Hoch am Strand auf den Steinen lauernd warte ich auf eine günstige Wellenkonstallation. Die lässt zwar etwas auf sich warten, aber schließlich komme ich doch einigermaßen geräuscharm ins Schwimmen.

Es geht ein solider Seegang, der einiges an Aufmerksamkeit erfordert, damit wir nicht dem jeweils anderen ins Boot rauschen. Da lassen wir die Segel heute erstmal angelascht. Hier draußen sind die Wellen zwar recht hoch, aber regelmäßig und harmlos. Sie rollen von Angeln etwa dreißig Kilometer hier rüber und werden unterwegs durch nichts in ihrem Ebenmaß gestört.

Dort, wo sich die Küstenlinie von Ärö abrupt von Süd-Ost nach Nord-Ost wendet, erzeugt das Steilufer einen recht passablen Windschutz. Mir wird fast ein wenig langweilig, so dass ich mein Segel zum Einsatz bringe. Aber zum einen erfasst uns der hier böige Wind mit zunehmender Entfernung vom Ufer immer stärker und zum anderen bringt er mich schnell auf eine Geschwindigkeit, der Jörg durch reines Paddeln kaum folgen könnte.

In der Wettervorhersage war die Rede davon, dass der Wind am frühen Nachmittag deutlich nachlassen sollte. Aber ganz offensichtlich fällt entweder der Nachmittag aus, oder etwas stimmt mit der Vorhersage nicht. Wir fahren recht dicht an der Hale von Marstall mit seinen putzigen Badehäuschen vorbei. Danach müssen wir nur noch die ca. vier Kilometer breite Bucht zwischen Ärö und Langeland queren. Wir erwarten sie als recht flaches Seegebiet, in dem sich eigentlich keine nennenswerten Wellen tummeln können. Aber da haben wir uns wieder mal irgendwie geirrt!

Ich bin echt perplex, was hier für eine krause See herrscht! Waren die Wellen vorhin zwar groß aber regelmäßig, so sind sie hier groß und chaotisch. Vorhin waren sie rein deutschen Ursprungs, hier mischen sich deutsche Wellen aus Angeln mit dänischen, die von Norden aus der Lücke zwischen Ärö und Langeland hereinströmen. Und man kann nicht sagen, dass diese beiden Wellensysteme harmonisch miteinander interagieren! Es ist deutliche Aufmerksamkeit geboten, wenn man nicht ihr hilfloser Spielball sein möchte!

Ich paddle so fasziniert, dass ich total vergesse, hier ein Foto zu machen. Aber das hätte die Verhältnisse eh nur unzureichend wiedergegeben. Erst als wir versuchen, in die Engstelle Ristinge Löb einzufädeln (was auch nicht einfach war!), krame ich meine Kamera heraus. Hinter der Enge ist das Wasser derart flach, dass wir permanent mit den Paddeln aufsetzen und ich mir erst nicht sicher bin, ob wir ohne Aussteigen bis zu unserem Ziel kommen. Nachdem wir dann aber doch hinreichend Wasser unter dem Kiel haben, setzen wir beide unsere Segel. Der genau von achtern kommende Wind bringt uns auf Geschwindigkeiten von acht und kurzzeitig sogar zehn Stundenkilometern, ohne dass wir einen Handschlag dazutun! Das schafft man mit normalem Paddeln nicht!

Der Segelhafen von Ristinge ist klein, eng und bis auf den letzten Platz belegt. Eine Segelyacht hat deswegen schon außen festgemacht. Das ist ein erbärmlicher Liegeplatz, denn das Boot ist dem Wind gnadenlos ausgeliefert und wird von den Wellen gründlich durchgewalkt. Ein Handlauf ist bereits gebrochen und das hinten befestigte Beiboot bis zum Rand mit Wasser vollgeschlagen.

Obwohl ich eine Abneigung gegen Slips aus Beton habe, nutzen wir ihn, um uns aus den Booten zu pellen. Zum Glück ist der Slip durch eine dicke Schicht Seegras bedeckt — leider aber auch von dicken Wolken ekligen Schaums !

Die erste Inspektion des Hafens lässt gleich Entspannung um sich greifen. Hier gibt es alles, was das Paddlerherz erfreut: Waschraum mit Toilette und Dusche, natürlich Frischwasser, zwei Shelter im Windschutz und einen Transportwagen, der unsere Boote vom Slip zu den Sheltern bringt. Leider sind in der letzten Zeit in ganz Dänemark bei allen Sheltern die Türen abmontiert worden. Vermutlich, weil sie als bewegliche Elemente regelmäßig kaputt gegangen sind und man sich die Reparatur sparen wollte. Das ist im Sommer kein großes Drama, für den Winter aber ein echtes Manko.

Wir bringen kurz die hölzerne Tisch-Bank-Kombi an die korrekte Stelle (nämlich direkt vor unsere Shelter) und kochen uns erst mal einen Tee. Nach einer ausgiebigen Entspannungspause bereiten wir das Abendbrot. Das Wetter entwickelt sich erst etwas bedrohlich, indem sehr schwarze Wolken aufziehen. In der Ferne sieht man es auch hin und wieder blitzen und manchmal rummelt es vernehmlich. Eine Dame, die offensichtlich gekommen ist, um die Anlage zu kontrollieren und nach dem Rechten zu sehen, bietet uns großzügig an, dass wir gerne auch im Aufenthaltsraum des Hafengebäudes kochen und übernachten dürfen. Aber bei uns bleibt alles trocken!

Im Hafengebiet gibt es einen "Kayakomat"! Da kann sich jeder Hans und Franz einfach ein Kajak mit allem benötigtem Zubehör aus dem Verschlag ziehen und die Weltmeere bepaddeln! Der ganze Buchungsvorgang wird online abgewickelt und man kann zwischen Einer- und Zweierkajaks und SUPs wählen. Eine tolle Idee! Allerdings fehlt durch diese ganze Automatisierung etwas der Beratungs- und Einweisungsaspekt.

Als wir uns am nächsten Morgen fertig machen, erscheint eine vierköpfige Familie, die das Angebot nutzen möchte. Wir fragen vorsichtig nach ihren Plänen — der Wind weht auch heute noch eher garstig als lieblich. Aber sie möchten nur ein bisschen in der flachen und windgeschützten Bucht rumplantschen.

Sie brauchen recht lange mit den Vorbereitungen, so dass sie praktisch zeitgleich mit uns aufs Wasser kommen. Immerhin haben sie eine wesentlich bessere Stelle als den Slip ausgemacht, wo man sein Boot einsetzen kann. Auch wir nutzen die Stelle nördlich des Hafengebäudes. Mutter und die beiden Kinder sind bereits auf dem Wasser und schon eine ordentliche Strecke verweht, als der Vater sein Boot einsetzt und sich hinein. Jörg erkennt sofort: "Der kentert gleich!". Er sitzt offensichtlich zum allerersten Mal im Kajak und kommt keine zehn Meter weit! Das Wasser ist lediglich knietief, aber sein Cockpit nun natürlich voll Wasser. Ich gehe zu ihm hin und unterstütze ihn etwas. Ich gebe ihm auch noch kurz eine Sechzig-Sekunden-Einweisung in die Kunst, die Weltmeere zu befahren. Und vor allem, dass er sich mit dem Paddel vom Wasser abstützen soll, wenn er droht, das Gleichgewicht zu verlieren — und nicht mit der Hand! Schließlich sage ich ihm noch, dass das Wasser warm ist, nie mehr als hüfttief, und der Wind ihn an Land spülen würde. "Have fun!".

Die Sache mit dem "an der Südspitze von Langeland kurz um die Ecke lugen" haben wir einkassiert. Für die nächsten Tage ist weiterhin massiver Westwind angekündigt — und wir wollen (oder müssen) nach Westen! Wir sind mit zwei langen Schlägen bis hierhin gekommen — unterstützt von Rückenwind. Diegleiche Strecke zurück werden wir kaum in zwei Tagen bewältigen. Also machen wir uns ab hier auf den Rückweg. Birkholm soll unser nächstes Ziel sein. Wegen des Windes soll unser Weg östlich an Strynö vorbei gehen. Da könnte uns der Windschatten der Insel noch etwas Entspannung gewähren. 

Die Strecke von Ristinge Hav bis in den Windschatten von Strynö ist stoisches Ackern. Hier bin ich froh, zum einen dass ich selbst mittlerweile ziemlich gegenwindfest bin, vor allem aber auch, dass ich mit einem Partner unterwegs bin, von dem ich weiß, dass er ebenfalls stoisch paddeln kann, ohne den Mut zu verlieren. Man darf halt nicht den Fehler machen, bei Gegenwind so reinzuhauen, dass einem irgendwann die Luft ausgeht. Man muss einfach nur so viel Druck machen, wie man quasi unbegrenzt liefern kann — so als würde man bei Flaute paddeln.

Kurz vor der Nordspitze von Strynö ist eine kleine Lücke im Schilf, die wir zum Anlanden und Pause-machen nutzen. Wenn man hier aufs Wasser sieht, kann man schwer glauben, wie sehr wir uns von Ristinge hierher mühen mussten. Auch hier beginnt unsere Weiterfahrt wieder mit einer "Extra-Schleife": Jörg merkt irgendwann, dass ihm seine Mütze abhanden gekommen ist. Sie wartet auf uns im Wasser vor dem Strand unserer Pausenstelle.

Das Wetter ist fantastisch und die Sicht ist super gut. Östlich von Strynö treiben allerlei extrem flache Inseln auf dem Wasser, die es einem schwer machen, sie zu identifizieren und sich zu orientieren. Und dann ist da noch der seltsame Knubbel, der auch aussieht, wie eine Insel, sich aber schließlich als südlichster Zipfel von Taasinge herausstellt. Da ist halt eine Steilküste, während der Rest der Umgebung extrem flach und damit unsichtbar ist.

Birkholm ist wirklich nicht groß, aber es hat einen unnötig langen Sandhaken! Es sind ganze zwei Kilometer vom Beginn des Hakens bis zum Segelhafen — völlig übertrieben! Wegen meiner Abneigung gegen Slips aus Beton gehe ich am Strand westlich des Hafeneinganges an Land. Hier steht eine kleine Brandung auf den Strand, aber es gibt wieder hilfreiche Seegras-Anhäufungen.

Kurz nach unserer Ankunft tauchen zwei Kajaks auf, die mit dem Wind gereist sind: zwei dänische Paddlerinnen aus Svendborg, Tove und Lene. Sie paddeln in den Hafen und gehen über den Slip an Land. Der ist hier so flach, gutmütig und ebenfalls mit Seegras gepolstert, dass er gar keine Abneigung verdient und eindeutig die leichtere Wahl zum Anlanden darstellt!

Wir inspizieren die hier vorhandenen Shelter, aber nach einem kurzen Gespräch mit den Däninnen lassen wir ihnen den Vortritt. Sie hätten die "Sache mit dem Zelten" länger nicht mehr praktiziert und seien jetzt etwas ungeübt darin. Nach dem Abendessen gesellen sie sich noch zu uns, und es entspinnt sich eine schöne und lange Unterhaltung.

Mit die größten Glücksmomente auf meinen Touren sind immer die Gelegenheiten, bei denen ich angesammelten Verpackungsmüll irgendwo nachhaltig entsorgen kann! Je größer die Menge, desto größer das Glücksgefühl! Hier auf Birkholm hat meine Gaskartusche endlich ihr letztes Butanmolekül ausgehaucht, und ich kann die leere Hülle im Hafenschuppen zu ihren Kollegen stellen! Was für ein Fest!

Lene und Tove fahren auch heute wieder mit dem Wind: zurück nach Hause östlich um Taasinge herum. Und wir fahren auch an unserem vorletzten Tag wieder gegen den Wind, der alle seine fünf Stärken einsetzt, um uns am Fortkommen zu hindern. Unser Kurs ist fast genau West, erstmal auf die Steilküste von Urehoved zu. Dort angekommen, wirft Jörg die Frage in den Raum, ob wir nicht von hier einfach deutlicher nach Süden steuern sollen, um dadurch zuerst den Wind etwas weniger von vorn zu haben und später dann von der Abschirmung durch die Insel zu profitieren. Mit der Karte auf dem Vordeck ist mir aber klar, dass es da eigentlich nur zusätzliche Kilometer zu gewinnen gibt. Und so fahren wir einfach in der gleichen Richtung weiter auf den nächstgelegenen Strand zu, den wir für eine ausgiebige Pause nutzen.

Der Küstenverlauf von Ärö ist hier nicht besonders markant, und man kann schwer abschätzen, wie weit es noch bis zu unserem Ziel Näbbet, dem Flach an der Nordspitze der Insel, ist. Allerdings sind wir sehr überrascht, dass wir den Shelterplatz Skaaret schon nach deutlich weniger als einem Kilometer passieren. Bis Söby ist es dann auch nicht mehr weit, aber wir müssen der einlaufenden Fähre ausweichen, denn sie kommt von rechts!

Ich war das letzte Mal Pfingsten 2023 auf Näbbet, hinterm Rosenbusch. Zwischen jetzt und damals war die Sturmflut — und die hat die Landschaft hier radikal verändert! Es gibt keine Erde mehr, in die man seine Zelthäringe stecken könnte, das gesamte Gebiet ist mit Steinen übersät! Zum Glück haben die Steine eine recht kooperative Größe, so dass man recht passabel darauf zelten kann. Nur die Häringe zwischen ihnen zu versenken, ist recht anspruchsvoll. Ein kleiner Spaziergang über den nahen Golfplatz beschließt den Tag.

Für unseren letzten Tag ist tatsächlich recht schwacher Wind vorhergesagt! Das hätte nicht unbedingt Not getan, aber wir nehmen dieses Geschenk gerne an! Die Querung des Kleinen Beltes ist wirklich keine große Tat mehr. Allerdings ist unser Zielpunkt nicht einfach zu finden, denn es gibt keine markante Struktur an Land, die ihn auf weite Entfernung identifizieren würde. So ist heute der erste Tag, an dem ich mein GPS-Gerät einsetze und mir die Peilung zum Parkplatz unseres Busses anzeigen lasse.

Ich werfe hin und wieder einen Blick auf die angezeigten Werte und kann so auch einen Eindruck von den Strömungen gewinnen, die sich mal gegen uns richten und mal mit uns sind. Besonders direkt am Nordkapp der Insel spürt man deutlich ihre Wirkung.

Eine wirkliche Überraschung erleben wir aber ein paar Kilometer draußen auf dem Belt. Dort treffen wir plötzlich auf einen Bereich mit kurzen und spitzen Wellen, die eindeutig durch eine turbulente Strömung hervorgerufen werden. Es ist uns komplett schleierhaft, wie so ein Effekt hier fernab von erkennbaren Ursachen auftreten kann!

Als wir uns dem Ufer von Alsen schon auf weniger als zwei Kilometer genähert haben, mache ich mir etwas Sorgen. Ich kann unseren Bus bei besten Willen noch nicht am Ufer ausmachen! Dass ich mich mit meinem Wegpunkt geirrt haben könnte, schließe ich so gut wie aus. Aber vielleicht hat jemand den Bus geklaut? Das wäre doof! 

Erst aus einer Entfernung von etwa einem Kilometer kann ich unseren Transporter sicher am Strand erkennen — und mich wieder entspannen!

GPS-Daten der Tour 

P.S: Wir haben die Tour um einen Tag verkürzt. Am Tag nach dem Ende unserer Tour hat es von morgens bis abends ergiebig geregnet!

Sonntag, 28. Mai 2023

Entspannen zu Pfingsten

Bei meiner letzten Tour habe ich bedauert, nicht mehr Zeit gehabt zu haben, auf dem Flach am Nordende von Ärö die vielen dort lebenden Vögel zu beobachten. Das muss nachgeholt werden! Das Pfingstwochenende bietet eine geeignete Plattform dafür.

Um ja keinen Stress aufkommen zu lassen, will ich erst Samstag losfahren und bereits am Sonntag wieder zurückkommen. So entgehe ich elegant allen verkehrstechnischen Ballungen der Massen. Außerdem kann ich dann Marie-Theres am Samstag Morgen noch zu Bahnhof bringen, denn sie ist zu einem Mädelswochenende unterwegs. So kann ich quasi en passant mein Boot am Klub aufladen und mich der Entspannung hingeben.

Das erste Problem, dem ich mich stellen muss, ist die Tatsache, dass ich zwar alles Gepäck dabei - aber den Dachgepäckträger vergessen habe😐. So ist ein erster kleiner Umweg über den heimischen Carport fällig, um dieses kleine Missgeschick zu heilen. Als Ausgleich treffe ich am Klub dann jede Menge Vereinskameraden, die das Wochenende ebenfalls zum Paddeln nutzen wollen. Jens und Johanna wollen sogar wie ich von Alsen nach Ärö fahren. Ich gebe ihnen noch einen Tipp, wo sie günstig ihr Auto abstellen können. Das hat den weiteren Vorteil, dass wir uns dann dort treffen und sie mir beim Abladen des Bootes helfen können.

Das zweite Problem besteht darin, dass ich durch die Verzögerung exakt den Moment getroffen habe, zu dem die Stena Line hunderte von klitzekleinen LKW aus ihrem riesengroßen Bauch entlässt, damit sie die Kieler Innenstadt bis zur Autobahn verstopfen. Die Entspannung will noch nicht richtig einsetzen. Aber immerhin kenne ich mich hier aus, so dass ich nicht darauf angewiesen bin, mich ganz hinten in die Schlange einzureihen, sondern sie weitgehend umfahren kann.

Das dritte Problem hängt vermutlich auch mit meiner verspäteten und dann nochmals verzögerten Abfahrt zusammen: Die heutige Welle des Pfingstreiseverkehrs hat sich von Süden her bis vor die Rader Hochbrücke bei Rendsburg gearbeitet. Hätten die nicht alle gestern fahren können? So hole ich Jens und Johanna jedenfalls nicht ein.

Als ich etwa um halb zwölf an dem ausgemachten Parkplatz ankomme, ist von meinem Abladeteam jedenfalls nichts zu sehen. Entweder sind die längst durch, oder sie haben sich doch für eine andere Variante als Startpunkt entschieden. Abladen eines Seekajaks vom Autodach ist solo zum Glück gar nicht so schwer, wie ich es in Erinnerung hatte.

Wind geht eher keiner Und weit ist es zu meinem Ziel auch nicht - mein GPS ruft 11,6km für die reine Querung bis zur Nordspitze von Ärö auf. Das sollte in weniger aus zwei Stunden zu schaffen sein. Tatsächlich ist die Sache nach 1:35h erledigt. Zu meiner eigenen Überraschung bin ich im Schnitt mit 7,8 km/h unterwegs - und das mit vollbeladenem Boot! Das ist natürlich den optimalen Bedingungen geschuldet - Flaute und angenehme Temperaturen. Und vielleicht auch ein bisschen der Tatsache, dass ich weiß, dass ich heute insgesamt nur gut ein Dutzend Kilometer paddeln werde (es waren am Ende 13,4). Da muss man nicht übermäßig auf Nachhaltigkeit achten - ist ja quasi ne Sprintstrecke 😏. 

Am Geschwindigkeitsdiagramm sieht man, dass ich immer eine gute dreiviertel Stunde benötige, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Die Steigerung der Geschwindigkeit lag jedenfalls nicht an immer günstiger werdenden Strömungs- und Windbedingungen.

Ich halte ständig Ausschau, ob Jens und Johanna vielleicht doch irgendwo noch zu erblicken sind. Sie könnten von Mommark aus gefahren sein oder von Fynshav. Aber in beide Richtungen ist bis zum Horizont nichts zu sehen.

Mit dem Flach hinter der Nordspitze von Ärö habe ich wie geplant meinen Zielpunkt für heute erreicht - der Rest des Tages ist der Erholung gewidmet. Ich wähle meinen Platz für die Nacht diesmal direkt unter dem Hang zum Golfplatz. Dort hat man potentiell die bessere Aussicht. Allerdings ziehe ich später doch wieder um - hinter den Rosenbusch, weil es dort deutlich weniger Mücken gibt. Es ist nicht wirklich warm - vielleicht 16 Grad - aber es weht kein wirklicher Wind und die Sonne scheint ungetrübt vom Himmel. Daher widme ich mich etwas der Vitamin-D-Produktion, habe aber immer ein Auge darauf, keinen Sonnenbrand zu bekommen. 

Als ich irgendwann aus dem Gras hochkomme, sehe ich Jens und Johanna in einiger Entfernung vorbeifahren - zu weit, um noch Kontakt aufnehmen zu können. Sie sind tatsächlich nach Fynshav gefahren und dort noch einigen Geschäften nachgegangen, wie Geld tauschen und - das andere habe ich vergessen.

Neben der allgemeinen Abschaltung ist mein Hauptauftrag, die Vögel hier zu beobachten. Dafür habe ich extra mein Fernglas und meine Lumix DMC FZ1000 mitgenommen. Ich mache mehrere Erkundungstouren durch das Gelände. Die meisten Vögel positionieren sich leider nicht so, dass beeindruckende Fotos möglich wären. Einige sind auch schlicht zu schnell, dass ich sie einfangen könnte - wie der Baumfalke, der immer mal wieder über mich hinweg fliegt . Es sind Mehl- und Rauchschwalben hier, was ungewöhnlich ist, denn normalerweise trifft man in einem Revier nur auf eine dieser Arten. Ein Seeadler wird penetrant von zwei Silbermöven attackiert, so dass er genervt das Weite sucht. Am Strand spazieren Austernfischer und Strandregenpfeifer herum. Aber auch Rotschenkel sind mit roten Schenkeln und "Tülüüt" am Spülsaum unterwegs. Lerchen gibt es hier viele und natürlich die allgegenwärtigen Mittelsäger, Kormorane und Eiderenten. Letztere führen gerade ihre Brut auf dem Wasser spazieren. Es gibt jede Menge "damned little brownies", die man nur mit noch viel mehr Zeit bestimmen kann. Einen konnte ich immerhin als Rohrammer einordnen. 

(Foto von Wikipedia)
Ich musste 65 Jahre alt werden, um das erste Mal einen Rothalstaucher zu Gesicht zu bekommen. Dabei sind die Dinger gar nicht mal besonders scheu - und hier sind mindestens zwei Paare von ihnen am Start! Da hätte ich eigentlich schon früher mal drauf stoßen können. Aber wie schön, wenn man in so greisem Alter noch Dinge das erste Mal erlebt!

Fischreiher staksen hier durch die Tümpel und durchs flache Wasser am Ufer. Ein keckernder Schilfrohrsänger, quäckende Rothalstaucher, quakende Frösche und ein kuckuckender Kuckuck machen aus der Stille eine entrückte Idylle.

Auf der Rücktour hat mich wieder ein Schwarm Tordalken überholt - etwa sechs bis sieben Stück. Die habe ich noch nie an Land gesehen (okay - bis auf in Wales, wo sie zu Tausenden an den Felsküsten brüten). 

Zwar habe ich auf dem Rückweg eigentlich Gegenwind, aber der hindert mich nicht nennenswert. Ich erreiche den Parkplatz am anderen Ufer früh nach dem Mittag und kann ganz entspannt die Rückreise nach Kiel antreten - ohne irgendwo in den Stau zu geraten. Ich bin so früh dran, dass ich sogar noch meinem Vater in Schleswig einen kurzen Kaffee-Besuch abstatte.

So ein kurzer Abstecher nur zur Entspannung ist mächtig entspannend! Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich den Vögeln hier auf den Pelz gerückt bin!

Donnerstag, 4. Mai 2023

Wohin der Wind mich weht...

"Alles okay?". "Ja - mir geht's gut!". "Brauchst du etwas?". "Ich habe alles! Aber ganz lieben Dank für die Nachfrage!". Ich hatte die Segelyacht eigentlich schon wieder vergessen, denn ihr ursprünglicher Kurs verlief so, dass er sie in einigen hundert Metern an mir vorbeigeführt hätte. Aber offensichtlich hat der Segler mich irgendwann entdeckt und seinen Kurs um fast 180 Grad geändert, um direkt auf mich zuzufahren. Wir sind noch über zehn Kilometer südlich von Ärö entfernt, und in der Richtung, aus der ich komme, sind es über 30 Kilometer zum Land. Da ist es in etwa so unerwartet, auf ein einzelnes Seekajak zu treffen wie auf ein weißes Kaninchen auf dem Potsdamer Platz. Das gehört da auch nicht hin und man könnte schon mal nachfragen. Ich bin sehr beeindruckt, dass diese Yacht hier tatsächlich ihren Kurs drastisch ändert und einen Umweg fährt, um sich nach meinem Wohlbefinden zu erkunden. 

Geraume Zeit vorher - nämlich exakt in the middle of nowhere - hat eine richtig große Segelyacht so meinen Weg gekreuzt, dass ich meine Fahrt sogar verlangsamen musste, um sie passieren zu lassen. Dort hat man sich darüber amüsiert, dass ich mich vermutlich verfahren hätte und wohl eigentlich nach Schleimünde wollte. Auf die Idee, nach meinem Befinden zu fragen, ist dort niemand gekommen. Das muss auch gar nicht sein, aber umso mehr Respekt habe ich vor einer Mannschaft, die nachfragt.

Der erste Mai fällt dieses Jahr auf einen Montag - freitags arbeite ich eh nicht, d.h. drei Tage Urlaub ergeben zehn Tage frei! Meine Frau ist auf Kur und Anfang Mai ist das Wetter ja bekanntlich schon richtig lauschig! Das schreit erbärmlich nach einer ausgedehnten Paddeltour! Der Entschluss steht fest - losfahren will ich entweder am Verein, oder, wenn die Umstände eine Querung der Kieler Bucht zulassen, am liebsten von Bülk am nördlichen Ende der Kieler Förde - wenn ich bis zur Südspitze von Ärö will, reicht es dann auch an Entfernung!

Wo es hingehen soll, will ich allein dem Wind und meinem Gemüt überlassen - ich muss ja nichts beschicken. Außerdem möchte ich die Tour nutzen, um den Umgang mit meiner Ausrüstung systematisch zu üben. Das mag sich merkwürdig anhören für jemanden, der häufig auf Tour geht. Aber ich kann weder mein GPS noch mein Funkgerät im Schlaf bedienen, und ich weiß auch nicht verlässlich, wieviel Gas oder Proviant ich pro Tag verbrauche. Bei meinen üblichen Wochenendtouren habe ich halt immer "genug" dabei. Und bei meiner Langstreckentour von Göteborg nach Oslo haben wir einfach so viel mitgenommen, wie unsere Boote fassen konnten - und den Rest unterwegs nachgekauft. Da ist die Gelegenheit günstig, einmal sieben Tage mit Ausrüstung und Proviant bestreiten zu müssen, um genau festzustellen, was man alles braucht und ob man das auch ins Boot bekommt.

Am Beginn der Tour
Wie man aus der Einleitung unschwer erkennen kann, hat sich das Wetter so entwickelt, dass ich die Querung nach Ärö wagen kann. Letztlich sind die Bedingungen aber erst am Sonntag statt am Freitag überzeugend für einen Tourstart. Ich nutze diesmal meine andere Tochter für den Transport ans Ende der Förde - wofür habe ich zwei? Für auf Tour gehende Seekajaker sind Töchter übrigens eine durchaus lohnende Anschaffung - sie sind immer gut, einen irgendwo hin zu bringen, wo abzuholen - und wenn es ganz günstig kommt, gehen sie sogar mit auf Tour!

Da diese Tour wie gesagt in vielerlei Hinsicht der Erkundung und Erprobung dienen soll, will ich den Bericht darüber einmal gänzlich anders gestalten - nicht chronologisch sondern themenbezogen aufgefädelt.

Langstrecke - offene See

Von Bülk am nördlichen Ende der Kieler Förde bis zum südlichsten Ende von Ärö sind es 44 Kilometer. Diese Entfernung ist schon rein vom Betrag her nichts, was man mal "eben so" machen sollte. Das gehört geübt. Neben der schieren Entfernung ist eine entscheidende Randbedingung, dass man die Strecke zwangsläufig "ganz" bestreiten muss: man kann weder nach der Hälfte umdrehen (theoretisch schon - aber das erscheint mir nicht sinnvoll) noch kann man unterwegs aussteigen und sich die Beine vertreten. Man muss sich in seinem Boot also so wohl fühlen, dass man die gesamte Zeit möglichst ohne Druckstellen, Krämpfe oder Schlimmeres überlebt.

Für Paddler aus dem Raum Kiel bietet sich die Strecke vom Gelände der Kanu-Vereinigung Kiel bis zum Kieler Leuchtturm und zurück als Trainingsstrecke an. Das ist ziemlich genau diegleiche Entfernung - aber sozusagen mit Geländer, weil man unterwegs jederzeit abrechen oder Pause machen kann. Alle anderen könnten auch von Eiderstedt nach Helgoland fahren 😊 (das ist genauso weit, aber man hat die Tide als Unterstützung).

Die Entfernung lässt sich exakt angeben, die Dauer nicht ganz so exakt. Ich weiß sehr genau, wie schnell ich paddeln kann. Wenn ich alleine bei Flaute im leeren Boot unterwegs bin, zische ich mit mehr als acht Ka-Em-Ha durchs Wasser. Beladenes Boot bedeutet sieben km/h, und je nach Gegenwind wird es halt immer weniger. Wir - mein Boot und ich - sind kein besonders schnelles Gespann. Beim Start des wöchentlichen Vereinspaddeln, fahren mir immer alle davon. Aber zum einen breche ich bei Gegenwind nicht so stark ein und zum anderen kann ich meine Geschwindigkeit über einen vergleichsweise langen Zeitraum sehr konstant halten.

Das erste Stück des Diagramms ist deswegen so konstant, weil
ich das Tracking zu spät aktiviert hatte. Ich kannte aber den
genauen Startzeitpunkt und habe ihn hinterher manuell ergänzt.
Sieben Stundenkilometer bedeuten sechs Stunden und zwanzig Minuten für die Überfahrt - ohne Pausen! Sechs Stundenkilometer bedeuten sieben Stunden und zwanzig Minuten. Ich habe genau sieben Stunden benötigt - inklusive Pausen. Bevor man hier Berechnungen anstellt, sollte man unbedingt ausprobieren, ob man die angenommene Leistung über den fraglichen Zeitraum überhaupt erbringen kann. Sieben Stunden muss man also mindestens kalkulieren. Wenn es schneller geht, kann man sich freuen, aber bei Problemen kann es auch leicht acht oder gar neun Stunden dauert, bis man wieder Land unter den Füßen hat.

Das Gebiet, in dem man bei dieser Tour paddelt, wird nur sehr sparsam von anderen Verkehrsteilnehmern genutzt. Mir sind insgesamt nur drei Segelyachten in "Grußweite" begegnet. Die Berufsschifffahrt fährt weiter östlich in den Langeland-Belt, die Sportschifffahrt verkehrt eher auf der Linie Bülk-Schleimünde, weil die meisten eher dorthin oder weiter in die Flensburger Förde fahren. Im Falle von Problemen darf man also nicht zu fest damit rechnen, ohne weiteres Hilfe zu bekommen. Ich hatte ein VHF-Funkgerät mit DSC-Funktion dabei, zwei Signalraketen und eine Laser-Signalleuchte, die ein optisches SOS-Signal abgibt. Das mag overequipped erscheinen, aber eine Alleinfahrt lässt wenig Spielraum, wenn sich etwas nicht wie gewünscht entwickelt.

Die Navigation ist einerseits nicht besonders anspruchsvoll - man muss einfach einen Kurs von knapp unter zwanzig Grad halten, dann kommt man schon irgendwo auf Ärö an. Andererseits ist in Fahrtrichtung nicht viel mehr zu sehen als Wasser und Horizont, und man muss den Blick ständig auf GPS bzw. Kompass gerichtet halten. Das ist anstrengend und dem Gleichgewicht nicht zuträglich. Die Sicht bei meiner Unternehmung war nicht kristallklar aber sehr gut. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die Strukturen am Horizont eindeutig als Windräder identifizieren konnte. Etwas in Vorausrichtung zu sehen, das man anpeilen kann, ist sehr hilfreich für das Kurshalten.

Man muss wissen, wieviel Fest- und Flüssigbrennstoff man für sieben Stunden benötigt. Ich bin vermutlich der Mensch, der am wenigsten trinkt - ich habe in der Zeit nur eine Halbliterflasche mit "Blue Bull"  (das ist Red Bull für Arme von Aldi!) konsumiert. Zwar hatte ich weitere sechs Liter Wasser in Cockpit, aber die Flasche nachzufüllen wäre alleine mühselig und riskant gewesen. Das war auf jeden Fall ein Fehler und ich hätte für mehr griffbereites Getränk sorgen müssen. Ebenso war es ein Versäumnis, keine wirkliche Verpflegung griffbereit zu haben - das habe ich schlicht vergessen. So habe ich also auch nur eine Banane und zwei Snikkers zu mir genommen. Das kann man nicht als hinreichend verkaufen! Bei meiner letzten Überfahrt (zusammen mit Jörg) war es ca. 30 Grad warm und ich hatte auch nur einen halben Liter Flüssigkeit dabei. Damals musste ich die letzte Stunde mit heftigen Krämpfen in der Rumpfmuskulatur leben. Manche Menschen lernen ja aus Fehlern. Manche auch nicht...

Sieben Stunden in einer Zwangshaltung in einem viel zu kleinen Cockpit eingepfercht - ein sich kaum verändernder Blick rundherum - vorne und rechts nix, links und hinten ein fahler Hauch von Land. Das klingt irgendwie tödlich. Ich hatte tatsächlich einigen Respekt davor, ob mich die Monotonie nicht anfressen oder mürbe machen und ich in immer kürzeren Abständen auf mein GPS schauen würde, um die Restzeit und -entfernung zu checken. Aber zu meiner eigenen Überraschung verging die Zeit wie im Flug. Ich weiß noch, dass ich nach fünf Stunden so überrascht war, dass schon so viel Zeit vergangen ist, ich das meiste schon geschafft habe und der Rest nicht mehr für grundsätzliche Zweifel reichte. Ich weiß nicht, ob ich da besonders duldsam bin, oder ob es ein allgemeines Phänomen ist, dass keine Langeweile aufkommt, wenn man etwas zu tun hat - auch wenn es gleichförmig ist. Ich muss aber auch sagen, dass ich keinerlei Probleme hatte, die mich irgendwie bedrängten: ich konnte die gesamte Zeit über eine gleichmäßige Leistung bringen, meine Gliedmaßen und mein Sitzfleisch haben nicht gemurrt und seekrank bin ich auch nicht geworden. Mit irgendeinem Dorn, der beständig ins Gemüt piekst, hätte es vermutlich anders ausgesehen.

Solo

Ich bin bereits, während ich diesen Bericht schreibe, mit anderen PaddlerInnen über die Tour ins Gespräch gekommen. Ein Aspekt ist mir dabei noch einmal deutlich geworden, dem ich vorher eigentlich gar nicht groß Beachtung geschenkt habe: ich habe die Tour - und insbesondere die langen Querungen darin - solo durchgeführt. Dazu haben eigentlich alle gesagt, dass sie sich das nicht trauen würden.

Ich paddle seit Anbeginn meiner Laufbahn (auch) alleine. Und seit genau diesem Anbeginn ist mir bewusst, dass Solo-Unternehmungen immer eine ganz besondere Nummer sind. Alleine sind manchmal die kleinsten Wirbel im Raum-Zeit-Kontinuum ein so unlösbares Problem, dass die Tour daran scheitern kann, während man sie in Begleitung eines Partners kaum als Problem wahrnimmt. Das kann ein eingeklemmtes Skeg sein, ein falsch geriggtes Segel oder ein nicht funktionierendes Feuerzeug. Wer einmal alleine mitten auf bewegtem Wasser seine Paddeljacke aus- oder anziehen musste, weiß, wovon ich rede. Mit halb ausgezogener Paddeljacke über dem Kopf ohne Sicht bei Seegang die Balance - und die Nerven - zu behalten, erfordert ein gerüttelt Maß an Konzentration und Kaltblütigkeit. (In so einer Position zu kentern, wäre übrigens mal eine lohneswerte Übung!). Zu zweit ist so eine Aktion nicht der Rede wert.

Natürlich sind die Optionen bei einer Solo-Tour deutlich eingeschränkt. Aber das ist nicht das Wesentliche - das in meinen Augen Prägende ist mentaler Natur! Mitpaddler wirken in so unglaublichem Maße als psychologische Rollatoren, dass man über mögliche Komplikationen gar nicht mehr nachdenkt, während einem ohne diese Stütze ständig Gedanken über den GAU im Kopfe kreisen. Das Risiko  eines Zwischenfalles ist bei einer Solo-Tour nicht größer als mit Begleitung. Bei den Optionen für den Umgang damit fallen zwar manche weg, aber man hat nicht zwangsläufig weniger davon. Durch Erfahrung, Wissen, Technik und letztlich auch Ausrüstung kann man sich Optionen erarbeiten - egal ob Solo oder in der Gruppe. Wenn ich über die Optionen in der Gruppe nicht verfügen kann, muss ich mir für eine Solofahrt genug andere Optionen erarbeitet haben, so dass ich mir sicher bin. Sicher für den Fall des Eintritts, mit den Gefahren umgehen zu können.

Trotzdem bleibt - bei allem technischen und intellektuellem Equipment - das mentale Problem. Das kann man nur vermindern, indem man Solo-Fahrten übt. Meine ersten Fahrten gingen ja nicht über viele Kilometer freies Wasser, sondern z.B. über die Strander Bucht, bei denen ich mich einige hundert Meter vom Ufer entfernt habe. Das wurde sehr langsam immer mehr, und meine erste Fahrt zum Kieler Leuchtturm (7 Kilometer offene Ostsee) war noch sehr aufregend. Mittlerweile bin ich in viele Richtungen gereift, so dass ich erst die Reflektion über andere Paddler brauchte, um mich wieder an die Besonderheit der Alleinfahrt zu erinnern.

Was ich bei aller Reifung nicht verloren habe, ist der Respekt vor den Elementen. Letztlich habe ich die zwei Tage, die ich die Tour später angefangen und die zwei Tage, die ich früher zurückgekommen bin, aus diesem Respekt geopfert.

Segel

(Bild stammt von einer anderen Tour)
Für die Überfahrt hatte ich mir eigentlich leichten süd- bis südwestlichen Wind gewünscht - so Stärke drei bis vier. Dann ist die Entfernung überhaupt nicht mehr der Rede wert! So hatte ich das Segel erst nach etwa der Hälfte der Strecke gesetzt - und was ich sicher weiß, ist, dass es mein Vorankommen nicht behindert hat. Ob es aber geholfen hat, kann ich nicht sicher sagen😶

Es gab aber durchaus Strecken, in denen das Segel eine wirkliche Hilfe und Entlastung war. So bin ich von Falshöft bis Schleimünde und von Bülk bis zum heimischen Steg in der Innenförde durchgehend unter Segeln gefahren.

Elementar wichtig ist es, den Verlauf der ganzen Strippen vor Fahrtantritt auf Korrektheit zu überprüfen. Ist man erst einmal auf dem Wasser, hat man als Solopaddler keine Chance mehr, etwas zu richten. Durch nachlässiges Aufriggen kann das Segel unbrauchbar, im schlimmsten Fall sogar zu einer echten Behinderung  werden!

Es ist wirklich faszinierend, bei welchen Windrichtungen man das Tuch noch nutzen kann, so dass es das Vorankommen erleichtert. Und wenn es zieht, ist es eine sehr willkommene Hilfe und Erleichterung. Lange Touren werde ich nicht mehr ohne Segel bestreiten!

GPS-Gerät

Ich bin schon seit langer Zeit im Besitz unterschiedlicher Garmin GPS-Geräte. Wirklich nutzen tue ich sie aber eigentlich nur äußerst selten - z.B. um den seeseitigen Eingang zum Rummelloch zu finden oder verlässlich zur Pallas zu kommen. Zur Track-Aufzeichnung habe ich bislang immer ein kleines Gerät von Holux genutzt, einfach weil das eine deutlich längere Betriebsdauer hat als die Garmin-Geräte.

Für meine geplante Lofoten-Tour habe ich mir ein neues Gerät gekauft, das auch InmarSat-Kommunikation nutzen kann (GPSMap 86i). Das Gerät unterscheidet sich in Funktion und Bedienung nicht großartig von seinen Vorgängern, aber ich habe mir vorgenommen, mich so vertraut mit ihm zu machen, dass ich es ohne Probleme auch in rauhen Bedingungen bedienen kann.

Die Nichtvertrautheit mit der technischen Ausrüstung macht sich gleich am Anfang des ersten Tourtages bemerkbar: Das GPS-Gerät unterscheidet zwischen Start der Navigation und Start der Track-Aufzeichnung 😏. Das war mir vorher nie wirklich aufgefallen. Ein zweites Missgeschick kommt mir aber zu Hilfe: irgendwie bin ich zwischendurch zufällig so auf die Tasten gekommen, dass die Track-Aufzeichnung wenigstens nach zwei Stunden gestartet ist! Dadurch lerne ich auch die Funktion zur Tastensperre schätzen!

Besonders faszinierend und hilfreich finde ich die Funktionalität, sich die aktuelle Ablage oder Querabweichung (XTE) anzeigen zu lassen.

Wenn man sich vom GPS-Gerät zu irgendeinem Ziel navigieren lässt, dann weiß es, wo man aktuell ist und zieht von diesem Punkt zum Ziel eine "Ideallinie". Fährt man auf das Ziel zu, wird man durch Wind, Strömung oder Unachtsamkeit sehr bald von dieser Ideallinie abweichen. Dann sagt einem das GPS-Gerät: "Du bist 9m zu weit links von der Ideallinie!". Wie genau man damit Kurs halten kann, zeigen die GPS-Tracks von meiner Tour. Besonders stolz bin ich auf das Teilstück von Alsen zum Leuchtturm Falshöft, das etwa 15km schnurgerade über freies Wasser geht - und der Wind kam genau von querab!

Eine andere Beobachtung verdeutlicht, wie sehr ein GPS-Gerät die Wahrnehmung schärfen kann.

Meine Geschwindigkeit bei der Überfahrt liegt die gesamte Zeit über sechs Stundenkilometer und ist erstaunlich konstant. Allerdings gibt es eine Phase nach etwa 25 Kilometern (vier Stunden, 16 Uhr), wo sie spürbar unter sechs km/h sinkt. Da der Wind sich nicht nennenwert geändert hat und auch meine Fitness nicht eingebrochen ist, heißt das nichts anderes, als dass hier eine Strömung herrscht, die meine Geschwindigkeit bremst! Nach vier weiteren Kilometern ist der Effekt vorbei und meine alte Geschwindigkeit wiederhergestellt. Vermutlich kann man so einen Effekt nur in einem Kajak in Verbindung mit einem GPS feststellen.

Eine uneingeschränkt positive Erfahrung ist die Lebensdauer des Geräts mit einer Akkuladung. Ich hatte es auf allen Teilstrecken jeweils die gesamte Zeit über angeschaltet und aufzeichnen lassen. Der erste und letzte Tag haben jeweils etwa sieben Stunden Betrieb bedeutet. Die Batterie war danach immer noch zu etwa drei Viertel voll!

Elektronisches Equipment

VHF-Funkgerät

In Deutschland ist der Einsatz von VHF-Funkgeräten unter Kajakfahrern noch die Ausnahme. In England ist er die Regel, und für den Erwerb meiner Sea-Kayak-Leader-Lizenz von British Canoeing musste ich eines haben. So bin ich also seit einigen Jahren im Besitz eines ICOM IC-M93D EURO Funkgerätes und habe den segensreichen Nutzen unter anderem während der Tour zur Trainer C-Ausbildung schätzen gelernt. 

Auf der hier beschriebenen Tour gab es keinen Grund es einzuschalten - bis auf den letzten Tag bei der Fahrt von Schleimünde nach Bülk. Da waren dermaßen viele Marineschiffe unterwegs, die allesamt erratrisch über die Kieler Bucht kreuzten, dass es mir ratsam schien, mein Gerät einzuschalten. Auch dieses Gerät bietet eine Funktionsfülle, die man nicht bezwingt, wenn man sich nicht vorher intensiv damit vertraut macht. Um die Bedienung zu vereinfachen, habe ich mir nur zwei Favoriten-Kanäle programmiert: 16 und 69. So brauche ich insgesamt nur drei Tasten: Einschalten, Key-Lock, Kanal umschalten. Und natürlich die Sprechtaste, wenn ich tatsächlich mal was sagen möchte.

Das Gerät verfügt über eine sehr gute Rauschunterdrückung. Die funktioniert so gut, dass das Gerät stundenlang nichts sagt und man dadurch komplett vergisst, dass es eingeschaltet ist. Wenn dann aber tatsächlich mal ein Funkspruch eingeht ("Hier ist Bremen Rescue, Bremen Rescue. Esperanza - wir hören Sie laut und deutlich!"), ist der dermaßen laut, dass ich jedesmal fast aus dem Kajak gefallen wäre!

Die Akku-Lebensdauer ist auch beeindruckend! Wenn man nicht aktiv funkt, kann man es den ganzen Tag angeschaltet haben - und am Ende sagt die Akkuanzeige, dass eher nichts verbraucht ist!

Action-Cam

Lange Jahre lag meine GoPro ungenutzt im Keller. Das hat sie eigentlich nicht verdient und ich wollte sie mal wieder einsetzen. Hier musste ich als erstes lernen, dass sie sich nicht selbständig ausschaltet, wenn man sie von der Ladestation trennt. Der erste Akku war schon leer und musste ausgewechselt werden, bevor ich überhaupt gestartet bin.

Als zweites musste ich lernen, dass die Kamera auch Strom verbraucht, wenn sie nicht filmt! Wenn sie einfach eingeschaltet ist und nichts tut, ist der Akku nach drei Stunden leer! Man muss sie also zwischendurch immer ausschalten. 

Ich habe die Kamera vorne auf Deck mit einer Saugnapf-Halterung montiert. Die hält sehr verlässlich, und ich kann sie so positionieren, dass sie (kaum) beim Paddeln stört. Selbstredend ist sie zusätzlich mit einem Zeising gesichert.

Fotoapparat

Ich habe in meiner Paddellaufbahn bestimmt schon ein halbes Dutzend wasserdichte Kompaktkameras verbraucht. Wasserdicht ist halt das eine - salzwasserbeständig das andere. Meine aktuelle "kleine Kamera für immer dabei" ist eine Lumix DMC FT5. Die ist schon ziemlich gut, aber das Objektiv liegt frei und da ich sie nicht schonend behandeln kann, hat die Frontscheibe mittlerweile leider eine kleine trübe Stelle, die sich manchmal störend bemerkbar macht.

Auf dieser Fahrt habe ich auf sie verzichtet und stattdessen meine Nikon AW1 mitgenommen. Die macht natürlich die besseren Bilder, ist in der Handhabung aber deutlich aufwendiger, weil ich sie nicht wie die Kleine in die Schwimmweste stecken kann, sondern sie in einer Kameratasche unter Deck transportiere. Sie ist also eher nicht für Action-Aufnahmen tauglich

Drohne

Ich hatte auf dieser Tour das erste Mal eine Drohne mit. Ich habe sie in einem wasserdichten Koffer auf dem hinteren Lukendeckel transportiert. Die gute Nachricht ist, dass der Koffer tatsächlich wasserdicht ist! 

Eine Drohne ist hervorragend geeignet, die Landschaft und die Unternehmung spektakulär zu dokumentieren. Allerdings ist der Umgang mit dem Gerät nicht trivial und die Bearbeitung des Videomaterials hinterher ungemein aufwendig. Ich stehe mit beidem noch sehr am Anfang und muss mich noch intensiv in die Materie einarbeiten. Aber ich werde es weiter verfolgen.

Solarpanel und Powerbank

Der Umfang an technischer Ausrüstung, den man mittlerweile so mit sich rumschleppt und der auf eine Stromversorgung angewiesen ist, ist beachtlich.

(wird nachgetragen)

Verpflegung

(wird nachgetragen)

Zelt

Ebenfalls im Hinblick auf die Lofoten habe ich mir ein neues Zelt gegönnt - ein Hilleberg Jannu. Ich bin geneigt zu sagen, dass es einfach unverschämt teuer ist. Aber vielleicht ist das der Preis, den ein solide verarbeitetes Zwei-Personenzelt haben muss, wenn man auf alle hässlichen Kniffe verzichtet, die gemeinhin angewendet werden, um Produktionen so billig wie möglich zu machen. Die Frage ist dann, ob man es sich leisten will und kann, so viel Geld dafür auszugeben.

Das Zelt ist ein Traum! Von meinem bisherigen Zelt, einem Wechsel Forum 42 gibt es einen Film, wie es bei Windstärke acht aufgebaut wird. Ich habe dieses Zelt auch schon bei starkem Wind aufgebaut - aber einfach ist das nicht! Bei dem Jannu bin ich da wesentlich zuversichtlicher, dass mir die Stangen nicht auf halbem Wege wegbrechen, weil eben das Prinzip solide ist!

Allerdings muss man eingestehen, dass das Zelt kein Leichtgewicht ist und auch einiges an Volumen unter Deck in Anspruch nimmt. Irgendwas ist ja auch immer und man muss Prioritäten setzen. In Anbetracht der Üppigkeit des Stauraumes in meinem Boot, ist meine Präferenz eindeutig auf Seiten des Komforts und der "Betriebssicherheit", die mir dieses Zelt bieten.

Wetterentwicklung

(Der helle Bereich der Diagramme ist jeweils der Zeitraum, in dem ich auf dem Wasser unterwegs war.)

An den Tagen, bevor ich losgefahren bin, kam der Wind noch aus nordwestlicher Richtung. Das ist ausgesprochen ungünstig, wenn man nach Nordwesten will! Aber am Sonntag sollte ein Wechsel einsetzen. Meinen Startzeitpunkt für die Überfahrt habe ich tatsächlich optimal gewählt, denn der anfängliche leichte Gegenwind wandelte sich bald in eine Flaute und kam dann nur noch von der Seite. So erhielt ich durch den Wind zwar keinerlei Unterstützung, aber er behinderte mich auch nicht wirklich. Es war den ganzen Tag über trocken und sonnig. Die Temperatur - mit gutem Willen - gerade zweistellig.

Mittwoch, 8. September 2021

Mein erstes Mal mit Maditha...

Ich habe seit zwei Wochen Urlaub und will gerne eine längere Paddeltour machen. Aber das Wetter bietet leider immer nur zwei Tage in Reihe mit akzeptablen Bedingungen an. Am Wochenende steht das Techniktraining in Flensburg an, für das ich mich als Unterstützung angeboten habe - vielleicht bietet sich ja im Anschluss die Möglichkeit in die Dänische Südsee zu fahren, wenn ich doch schon mal in der Nähe bin. Maditha hat auch Zeit, Lust und jede Menge Bedarf, etwas die Seele Entspannendes zu unternehmen. Sie muss eh nach Flensburg, um ihr neues Boot abzuholen und will dann auch gleich am Techniktraining teilnehmen. Ich bin noch nie mit ihr alleine auf Tour gegangen, aber mit ihr gibt es wenig Grenzen, das macht es ausgesprochen reizvoll. Als ich sie in der Bootshalle abhole, hat sie gerade die Bestätigung von Trenk erhalten, dass ihr Boot eingetroffen ist. Sie ist ganz aufgeregt!

Leider gibt sich die Windvorhersage auch während der Trainingstage maximal unkooperativ: Am Sonntag, wenn wir nach Osten wollen: Ostwind mit fünf Beaufort - am Dienstag, wenn wir zurück nach Westen müssten: Westwind der Stärke sechs. 

Am tatsächlichen Sonntag bläst der Ostwind wie vorhergesagt - die Vorhersage für den Westwind am Dienstag hat sich aber auf vier bis fünf Beaufort abgeschwächt. Wir fahren also nach Mommark, um drei Tage durchs südfünische Inselmeer zu cruisen.

Der Parkplatz in Mommark ist brechend voll, die Autos stehen sogar ein ganzes Stück die Straße hoch. Es tobt eine Art Hochzeits- oder Geburtstagsveranstaltung im Restaurant. Zum Glück wird gerade ein Parkplatz direkt am Durchgang zum Strand frei, so dass wir Boote und Gepäck nicht kilometerweit durch die Landschaft tragen müssen. Seit meinem letzten Besuch sind hier übrigens drei Palmen am Strand gewachsen - Südsee eben!

Die Sicht ist supergut, wir können unser Ziel problemlos ausmachen. Die Wellen, die hier auf den Strand laufen, versprechen einigen Spaß unterwegs. Da der Wind erst seit heute aus dieser Richtung weht, sind die Wellen nicht ganz so groß, aber es sind nicht wenige dabei, die über die Ein-Meter-Marke gehen und uns die Sicht auf Ärö und sogar den Mitpaddler nehmen. Nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke dreht der Wind noch mal etwas auf, was sich auch in unserer Geschwindigkeit bemerkbar macht. Nach zweieinviertel Stunden sind wir am Weststrand von Skjoldnäs.

 Randvoll mit Ostsee!
(man muss schon genau hinsehen, um das Wasser im Cockpit zu erkennen!)
Hier könnte man zelten, obwohl der Strand durchweg aus bis zu faustgroßen Steinen besteht. Aber darauf lässt sich erstaunlich gut schlafen, denn die Steine sind klein genug, dass sie sich unter dem Körpergewicht wegdrücken und groß genug, dass sie nicht wie Sand an der kompletten Ausrüstung kleben bleiben. Ich sage das Maditha und sage auch, dass auf der anderen Seite ein viel lauschigerer Zeltplatz lauert, für den wir aber nochmals zwei Kilometer gegen den Wind und schäumende Brandung fahren müssten, was eben nicht jeder nach der Anstrengung unbedingt möchte. Sie ist sofort einverstanden, noch weiter zu fahren!

Die Brandung ist nicht nennenswert, aber sie schafft es immerhin, mein Cockpit bis zum Anschlag zu fluten. Da Maditha ihrem nagelneuen Boot noch nicht zumuten möchte, auf den Strand zu schrammen, steigt sie vorher im Wasser aus. Ich helfe ihr, das Boot unbeschadet an Land zu tragen.

Der Wind pfeift recht ordentlich - und steht direkt auf den Strand. Aber der Heckenrosenbusch, den ich mir ausgesucht habe, schafft ein vollkommen windstilles Refugium, wo wir unsere Zelte aufbauen können. Man hört hier nur die Wellen auf den Strand donnern, spürt aber absolut keinen Wind. Während wir gemütlich unser Abendbrot einnehmen, setzt sich keine zehn Meter entfernt von uns ein Sperber auf die Paddelwäsche, die Maditha zum Trocknen in die Büsche gehängt hat. Leider flüchtet er irritiert wieder, bevor ich meinen Foto-Apparat in Stellung gebracht habe.

Der Montag Morgen beginnt vollkommen windstill und sonnig - obwohl die Vorhersage ein Abflauen des Windes erst gegen Mittag voraussah und den ganzen Tag keine Sonne scheinen sollte. Da wollen wir uns mal nicht beschweren! 

Nach dem ausgiebigen Frühstück sind wir erst kurz vor elf auf dem Wasser und nehmen Kurs auf Drejö. Als Ziel haben wir uns Lyö gesetzt, denn wir wollen keine so große Strecke mehr vor uns haben, wenn wir morgen gegen den heftigen Wind zurück über den Belt möchten. Außerdem hegt Maditha die ganze Zeit schon den dringlichen Wunsch, ihr Boot komplett bis nach Kiel zurück zu paddeln. Da sie aber schon am Mittwoch wieder dort sein muss, hätte sie nur den Dienstag und allenfalls noch den Mittwoch Morgen zur Verfügung. Sie überprüft ständig, wie weit es bis Kiel ist und welchen Kurs sie bei welchen Windstärken noch fahren kann. Von Lyö über Mommark bis Bülk mit einem kleinen Schlenker in die Flensburger Förde, um dem Westwind Tribut zu zollen, sind es immerhin 80 Kilometer! "Das ist doch eine gute Entfernung!", sagt Maditha! Nun ja, das muss man wollen! Und können! Aber Maditha traue ich das zu. Nur dass sie mit dem Gedanken spielt, am selben Tag auch noch von Bülk nach Kiel rein zu fahren, behagt mir nicht. Die Förde im Dunkeln ist auch mit der zugehörigen Beleuchtung kein Spaß - und ohne wirklich nicht ratsam.

Auf Drejö gehen wir kurz an Land, und ich zeige Maditha den schönen Shelter-Platz. Vielleicht hat sie ja mal Gelegenheit, ihn irgendwann zu nutzen. Der Platz ist von einer Gruppe Fahrrad-Wanderer besiedelt, die aber wohl gerade einen Ausflug zu Fuß machen. Außer ihrer kompletten Ausrüstung und den Fahrrädern ist nichts von ihnen zu sehen. Wir lassen die Ausrüstung mal unberührt, weil wir eh nicht wüssten, wie wir die Fahrräder auf den Booten mitnehmen sollten und machen uns an die Umrundung von Drejö.

Kohlrabi, Messer - Aua!
Unsere Mittagspause machen wir am Südende von Korshavn, dem zweiten Teil von Avernakö. Dort leihe ich Maditha mein Messer, damit sie ihren Kohlrabi schälen kann. Das beschert uns die Gelegenheit, mein wasserfestes Pflaster zum Einsatz zu bringen!

Der Wind ist den ganzen Tag nur ein laues Lüftchen, und ich habe immer wieder gecheckt, wie die Vorhersage für morgen ist. Die ursprünglichen sechs Beaufort sind erst auf vier zusammengeschrumpft und nun sieht es eher nach drei aus. Daher habe ich mir überlegt, dass wir eventuell schon heute die Querung zurück nach Alsen machen könnten. Dann hätte Maditha für ihre Bootsüberführung nach Kiel morgen erheblich gewonnen. Dass sie das Unternehmen angehen würde, steht für mich fest, und wenn sie es schon macht, soll sie wenigstens eine Chance haben, nicht in die Dunkelheit kommen zu müssen. Wir wollen, wie geplant, erst einmal nach Lyö fahren, uns dort in die Augen sehen und dann entscheiden, ob wir heute noch rübermachen.

Wir sind bereits vor halb sechs am Westende von Lyö. Die Entfernung bis zum Übernachtungsplatz Blommeskobbel sind gute elf Kilometer - also etwa knappe zwei Stunden. Wie ich mir das bei Gruppenfahrten angewöhnt habe, versuche ich die Befindlichkeit meiner Mitpaddler zu ergründen, ohne Druck aufkommen zu lassen. Immerhin könnten wir hier den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und direkt unsere Zelte aufbauen. Es besteht also keine Notwendigkeit, weiter zu fahren - ich würde es aber machen, wenn "alle" damit einverstanden sind. Es sind alle damit einverstanden!

Leider kann man mit meiner Navigations-App nicht wirklich gut Peilungen nehmen. Aber ich bin ganz gut darin, eine Peilung einfach von der Karte zu schätzen. Die Richtung zu unserem Ziel schätze ich auf 45 Grad südlicher als West, was 225 Grad entspricht (es sind 221, wie ich später mit meiner richtigen Navigations-App nachprüfe). Zur Sicherheit schnalle ich mir noch mein Handy um den Hals, das durch eine wasserdichte Hülle vor dem Schicksal seines Vorgängers geschützt ist. Damit habe ich mein VHF-Funkgerät, meine Kamera, mein Handy und meine "Blue Bull"-Flasche zwischen Rippen und Schwimmweste stecken. Alles - bis auf die Flasche - mit Benzeln oder Karabiner gesichert. Da ist es beruhigend, ein scharfes Messer griffbereit mitzuführen - und damit selbstverständlich wasserfestes Pflaster in einer der Taschen der Schwimmweste 😎.

Die Überprüfung unseres gesteuerten Kurses mittels Handy-App ergibt, dass wir deutlich nach Norden versetzt werden - warum auch immer. Erst als wir uns auf "den anderen" Wald als anzusteuerndes Ziel einigen, fallen Kurs über Grund und Zielrichtung überein. Um kurz vor halb acht erreichen den Übernachtungsplatz. Es fehlen nur 800 Meter zu einem Tagespensum von 50 Kilometern.

Wegen der schützenden Bäume sind die Zelte am nächsten Morgen praktisch trocken. Das ist auch gut so, denn zwar zeigt sich die Sonne am Horizont, aber sie hat keinen richtigen Wumms, weil ihre Strahlen sich erst durch eine dicke Dunstschicht arbeiten müssen. So schafft sie es kaum, unsere aufgehängte Wäsche zu trocken. Wir sind recht früh aus den Zelten gekrochen und die notwendigen Verrichtungen gehen recht zügig vonstatten, so dass wir bereits um neun Uhr auf dem Wasser dümpeln. Die Entfernung bis zum Hafen von Mommark beträgt gute drei Kilometer - das sollte uns nicht lange aufhalten. Die ursprünglich angesagten sechs Windstärken sind allesamt spurlos verdunstet - es herrscht klassische Flaute!

In Mommark entladen wir mein Boot komplett und Madithas soweit, dass sie nur das absolut Notwendigste übrig behält. Sollte sie in Bülk übernachten müssen, will sie eben im Biwaksack schlafen.

Zum Abschied drücke ich Maditha noch einmal und wünsche ihr eine gute Fahrt. Ich weiß aber, dass sie die optimalen Bedingungen hat - und den notwendigen Willen, ihr Boot nach Kiel zu paddeln!

Unterwegs haben wir festgestellt, dass ich genau so  alt bin wie ihr Vater! Wie schön, wenn die Begeisterung für das Paddeln zwei so weit entfernte Generationen zusammenbringt und beiden eine so schöne Fahrt beschert!

... nur noch 72 Kilometer!