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Sonntag, 26. Juli 2020

Nordsee 2020

Unser erster Termin für eine Nordseetour in diesem Jahr ist für mich einem hässlichen Gnubbel am Ellenbogen zum Opfer gefallen. Die beiden anderen Tourwilligen sind dann bei der Aussicht auf gruseliges Wetter meinem Beispiel gefolgt, Friesland Friesland sein zu lassen und sich die Sache aus dem sicheren Wohnzimmer heraus anzusehen. Aber einen neuen Termin haben wir immerhin vereinbart: am letzten Wochenende im Juli wollen wir es noch einmal versuchen!

Die Wettervorhersage ist alles andere als verlockend: am Freitag soll es mit mindestens fünf Beaufort aus Westen wehen, am Samstag dann zwar insgesamt weniger Wind sein, so dass man recht frei mit der Gestaltung des Tages umgehen könnte, aber in der Nacht zum Sonntag dann heftigster Regen fallen, der erst am späten Sonntag Nachmittag abebben soll. Dazu Wind zwischen zwölf und vierzehn Metern pro Sekunde - in schlichten Worten: sechs bis sieben Beaufort. Das mit dem Wind ist eher reizvoll, denn er würde aus  West kommen. Nur, dass wir vermutlich unser Zelt im strömenden Regen abbauen und einpacken müssten, reizt nicht so. Aber das Wasser ist warm und die Luft auch und der Strom geht mit dem Wind - wo also sollte ein Problem liegen?

Das Problem liegt auf der A7 kurz vor der Ausfahrt nach Jagel. Dort hat sich mindestens ein Fahrzeug in die linke Leitplanke gebohrt und ebenso viele in die rechte. So können wir über eine Stunde lang der Zeit beim Verstreichen zusehen. Bei solchen Gelegenheiten kommt einem die Gnadenlosigkeit, mit der die Tide ihren Plan durchzieht, besonders ungerecht vor. Zum Glück kennt Jörg auf dieser Strecke nicht nur jeden Wegweiser - sei es der nach Spinkebüll oder der nach Süderhackstedt - er kennt auch jeden Schleichweg, so dass wir die schon seit über einem Jahr existierende Schikane der Vollsperrung von Drelsdorf geschickt umfahren können. Wir holen tatsächlich ein wenig von der verlorenen Zeit wieder rein und sind nur eine Stunde später als geplant in Schlüttsiel.

Eigentlich wollten wir genau jetzt mit dem letzten auflaufendem Wasser bereits den Hafen verlassen - aber das tut nun eine andere Gruppe von sechs Paddlern. Wir sind uns sicher, dass wir sie auf Hooge wiedertreffen und es ist noch lange genug hell, dass wir nicht im Dunkeln unsere Zelte werden aufbauen müssen. Die Sachen sind zügig in den Booten verstaut und bereits nach einer dreiviertel Stunde sitzen wir mit den Spritzdecken am Süllrand befestigt in unseren Booten.

Der Wind ist nicht gar so garstig wie befürchtet, aber er steht gegenan. Dafür scheint die Sonne und die Temperaturen sind angenehm. Wir fahren am Tonnenstrich entlang - wir wollen keine großen Spierenzchen machen. Der kleine Knick in userer Spur rührt von der Tatsache, dass meine Mitfahrer eine Tonne in der Ferne für den Beginn des Langenessfahrwassers erklären. Ich bin skeptisch und sehe nach. Die Tonne weist sich als Schl.10 aus - das Langenessfahrwasser zweigt erst bei Schl.6 ab. Dieses Mal schaffen wir es auch, rechtzeitig und nachhaltig genug aus der Süderaue nach Süden ins Hoogefahrwasser abzubiegen und nicht wie sonst üblich auf der dazwischen liegenden Sandbank zu stranden. Nach bummeligen zwei und einer Viertelstunde erreichen wir den Hooger Segelhafen. Jörg und Peter paddeln durch das Betontor, ich ziehe ein schlickfreies Anlanden außen an der Mole vor.

Natürlich treffen wir die andere Truppe hier wieder. Sie sind offensichtlich gar nicht so viel früher als wir da gewesen, denn sie sind noch nicht fertig damit, ihre Zelte aufzubauen. Friedlich in der Abendsonne sitzend, bereiten wir uns ein Abendessen, bei dem jeder den anderen in Bescheidenheit übertrumpft: Ich vernichte endlich das asiatische Nudelgericht mit Ente, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum im Juni 2018 abgelaufen ist, Peter bereitet eine Art Spaghetti Carbonara zu (bei deren Vertilgung ich ihm unterstützend zur Hand gehe) und Jörg, der sonst immer eine fulminate Kochsession zelebriert, hat Kartoffelsalat mit kalten Würstchen mitgebracht. Schmeckt alles lecker!

Jörg hat heute auch seinen neuen Helinox-Faltstuhl dabei, den er erst in vierzehn Tagen zum Geburtstag geschenkt bekommt! Wir besprechen kurz unsere Optionen für morgen und einigen uns darauf, um neun Uhr mit dem ablaufenden Wasser rauszufahren, Japp- und Norderoogsand zu umrunden und durch das Rummelloch-West wieder zurück zu fahren. Als Besonderheit wollen wir auf dem Rückweg westlich an Hooge vorbei fahren - weil das viel günstiger und bequemer ist.

Bevor wir am Samstag Morgen losfahren, erkundigen wir uns noch nach dem Plan der anderen Gruppe. Sie wollen um elf Uhr los und dann durchs Rummelloch nach Pellworm. Das kommt uns erst einmal fremdartig vor, aber wenn man bedenkt, dass man Pellworm überhaupt nur bei hohem Wasserstand erreicht, macht es Sinn, möglichst spät loszufahren. Dass das genau bei Niedrigwasser sein muss und man dafür in Kauf nimmt, die ganze Zeit bis zum Rummelloch gegen Wind und Strom fahren zu müssen, hätten wir jetzt nicht so entschieden, aber das obliegt ja dem eigenen Ermessen.

Jappsand ist mit dem kräftig schiebendem Strom schnell erreicht. Danach dringe ich nachdrücklich darauf, nicht der Versuchung zu erliegen, sich an der vermeintlich so leicht erkennbaren Sandkante entlang zu hangeln, sondern gegen die Intuition weit draußen zu bleiben und stramm Kurs 180 Grad zu fahren. Bisher bin ich so gut wie jedes Mal zu dicht an den Norderoogsand geraten, so dass ich am Ende immer einen gehörigen Schlenker nach Westen fahren musste, um überhaupt in den Durchlass zwischen den beiden Sänden zu gelangen.

Auch diesmal sind wir uns nicht sicher, ob wir den augenscheinlich quer vor uns liegenden Sand noch umrunden müssen, oder ob links davon eine freie Durchfahrt ist, oder ob er vielleicht sogar schon Teil des Süderoogsandes ist. Und obwohl wir schon ausgesprochen konsequent draußen geblieben sind, müssen wir zum Schluss doch noch einen Haken schlagen. Als wir an einem Sandabschnitt mit steiler Uferkante an Land gehen, stellen wir fest, dass es sich um eine Insel handelt, die direkt im Durchlass der beiden Sande liegt. Die Gegend hier verändert sich von Jahr zu Jahr so stark, dass auch meine jedes Mal gesetzten GPS-Wegpunkte allenfalls als Indiz genutzt werden können, dass der Durchlass hier in der Nähe liegen muss.

Auf der dem GPS-Track hinterlegten Seekarte sieht man, dass wir trotzdem wir schon unglaublich weit draußen gepaddelt sind, immernoch innerhalb der Robben- und Vogelschutzzone unterwegs waren. Um sich absolut korrekt zu verhalten, hätten wir bis zur Tonne ST20 rausfahren müssen, die ich mir schon für meine letzte Tour in der Seekarte markiert hatte. Von dort aus kann man dann stumpf nach Süden fahren, bis man die Durchfahrt erreicht. Aber das ist mehr als doppelt so weit draußen, wie unsere Spur angibt. Ich gehe jede Wette ein, dass das noch nie jemand beherzigt hat und bezweifle, dass das irgendeinen plausiblen Sinn ergibt. Wie wenig auch die aktuellste Seekarte die realen Verhältnisse hier wiedergibt, kann man daran erkennen, dass wir mit unserem Schlenker erst nach Westen und dann nach Osten eine Sandinsel umrundet und an der mit dem roten Ball gekennzeichneten Stelle Pause gemacht haben.

Natürlich beobachten uns während der Pause wieder ein paar neugierige Seehunde. Auch eine Kegelrobbe ist dabei. Aber bisher haben wir von diesen pelzigen Torpedos noch nicht wirklich viele Exemplare gesehen. Das soll sich ändern, nachdem wir weiterfahren. Als erstes sichten wir am Südende des nördlichen Sandes eine Herde von ca. hundert Exemplaren. Wir machen gleich einen Schwenk weiter von ihnen weg, damit sie nicht beunruhigt werden und ihre Mittagspause unterbrechen müssen. Etwas nördlich davon sind einige Leute von einer Art Segelkutter an Land gegangen - aber sie nähern sich den Tieren auch nicht. Nur wenig später taucht eine ähnlich große Herde auf halbem Weg vor Pellworm auf.

Eigentlich müssten wir hier extrem langsam fahren, denn es muss ja erst noch Wasser zwischen Jappsand und Hooge einlaufen, damit wir da durchkommen. Aber der Wind kommt immer noch aus Süden und das macht es schwierig, langsam zu fahren. So dauert es dann auch gar nicht lange, bis die Wassertiefe auch für unsere kleinen Boote nicht mehr hinreicht. Als wir den ersten Schwenk nach Westen machen, steige ich extra noch mal aus meinem Boot, um im Stehen mit besserem Überblick zu sehen, dass der Nachbarpriel viel weiter mit Wasser gefüllt ist. Also fahren wir noch einmal zurück und fädeln in das nächste Rinnsal ein.

Hier geht es zwar erst deutlich weiter, aber bald wünsche ich mir die Tidensteiggeschwindigkeit von Jersey, wo das Wasser in zehn Minuten zwanzig Zentimeter steigt. Davon können wir hier nur träumen - stattdessen sitzen wir alle zehn Meter für gefühlte zwanzig Minuten auf der Stelle fest. Irgendwann sieht man, dass nun doch der Nachbarpriel, den wir vorhin extra verlassen hatten, deutlich weiter mit Wasser gefüllt ist. Also kehren wir nochmals um und fädeln wieder zurück. Eigentlich ist es auch egal, ob wir dadurch einen Umweg paddeln - Hauptsache wir haben etwas zu tun, denn mittlerweile hat Regen eingesetzt, so dass uns auch nicht mehr wirklich mollig in den Booten ist. Auch als vor uns eine quasi lückenlose Wasserfläche aufgefüllt ist, will noch keine rechte Freude aufkommen, denn die Wassertiefe ist dermaßen dürftig, dass wir immer wieder aufsetzen. Und als es dann tatsächlich spürbar tiefer wird, stellt sich heraus, dass die Strömung hier doch gegen uns läuft. Also so schlimm wie das Gestochere hier habe ich die Umrundung auf der Ostseite nicht in Erinnerung. Obwohl ich unsere erwartete Ankunftszeit schon großzügig geschätzt hatte, kommen wir auch heute eine gute Stunde später als vorhergsagt an. Einzig die Tatsache, dass das Wasser bereits so hoch aufgelaufen ist, dass wir bequem und unverschlickt über den Hafen auf die Zeltwiese fahren können, sorgt für etwas Entspannung.

Zu unserer Überraschung ist die andere Gruppe schon da. Erst vermuten wir, dass sie vielleicht gar nicht losgefahren sind, aber eine Nachfrage klärt den Sachverhalt: Sie meinten mit "Rummelloch" gar nicht die Durchfahrt zwischen den Außensänden, sondern das Fahrwasser zwischen Hooge und Pellworm. Sie sind nach Jappsand gefahren und wollten dann zwischen diesem und Hooge hindurch über das "Rummelloch" nach Pellworm. Leider sind sie noch nachhaltiger als wir am mangelnden Wasser gescheitert. Aber wenn man es recht bedenkt, war dieser Ausgang eigentlich vorhersehbar. Offensichtlich ist ihnen hier ein kleiner Planungsfehler unterlaufen.

https://naturfotografen-forum.de/o1492835-Steinw%C3%A4lzer
Bis zum Abendessen haben wir noch gut Zeit die wir gewissenhaft der Erholung widmen. Ich befestige mein Zelt noch mit einigen zusätzlichen Abspannleinen wegen des vorhergesagten starken Windes, der während der Nacht aufkommen soll. Später beobachte ich im durch das ablaufende Wasser freiwerdenden Schlick des Segelhafens mehrere Steinwälzer. Es ist das erste Mal, dass ich welche sehe, und ich musste im Nachhinein erst meinen KOSMOS-Vogelführer zu Rate ziehen, um sie identifizieren zu können.

Für den Peselbesuch haben wir uns diesmal sicherheitshalber im Voraus angemeldet - man weiß ja nicht, was man in der durch Corona so besonderen Situtation zu erwarten hat. Aber da das Wetter nicht besonders lauschig ist, sind die Tische draußen alle unbesetzt. Wir wollen es riskieren, aber ich frage lieber nach, ob man unseren Tisch drinnen frei halten kann, falls es doch zu regnen anfängt. Man kann. Leider ist die Karte ob der besonderen Umstände etwas eingedampft - und unser geliebtes Lammfilet gibt es heute nur in Form von Frikadellen. Macht nichts, wir sind hungrig und da ist auch das lecker! Leider ist die versprochene Riesenportion Kaiserschmarn mit Erdbeeren, die ich mir als Nachtisch bestellt habe, nur eine Kinderportion, aber der gröbste Hunger ist gestillt. Nach einem Kakao und einer Tasse Tee, die ich am Zelt noch zu mir nehme, geht es in die Federn.

Wie versprochen schüttet es in der Nacht wie aus Kübeln. Dazu dreht der Wind auf sieben Beaufort auf. Ich habe meine friedenstiftenden gelben Pfrömse in den Ohren und schlafe selig durch. Allein eine kleine Unachtsamkeit bekümmert mich am Morgen: weil es in der Nacht so warm war (es war ja komplett bewölkt), habe ich an beiden Seiten das Innenzelt etwas offen gelassen. Da es in meinem Zelt bei derartig heftigem und ausdauerndem Regen aber immer vom Außenzelt aufs Innenzelt tropft, liefen diese Tropfen erst das Innenzelt herunter und dann - wegen der offenen Seiten - ins Zeltinnere. Das war eine dumme Idee! Es schwimmt alles etwas um mich herum. Als erste Maßnahme setze ich mich auf meiner Isomatte aufrecht hin. "Wump!" Bei meiner Super-Duper-Exped-Iso-Luftmatratze ist mal wieder eine Rippe aufgeplatzt! So was dämliches! Da ist wieder mal ein Besuch im Reiseshop fällig!

Positiv wirkt auf meine Stimmung, dass es schon vor zehn Uhr morgens aufgehört hat zu regnen. Es ist zwar noch keine stabile Wetterlage, aber wir machen erst einmal einen großzügigen Spaziergang um den Westzipfel der Hallig. Das Wetter wird immer besser und wir sehen, dass Norderoogsand sich immer mehr zur Insel mausert, die in der katastrophalen Sturmflut 1962 untergegangene Ponswarft und einen Imker, der die flachsten Bienenstöcke aufstellt, die ich je gesehen habe.

Die andere Gruppe hat einen deutlich weiteren Heimweg von Schlüttsiel aus und will daher möglichst früh los. 13 Uhr ist die Ansage. Als wir gegen 13 Uhr von unserem Spaziergang zurück am Seglerheim eintreffen, steht die Gruppe aber immer noch in normaler Kleidung auf der Zeltwiese. Aber sie fangen an, ihre Kajaks auf die mitgebrachten Bootswagen zu schnallen. Leider gibt es dabei die eine oder andere Schwierigkeit, so dass es eine ziemliche Weile dauert, bis sie auf der anderen Seite des Hafentores ankommen. Dort müssen sie sich ja noch die Paddelklamotten anziehen, so dass sie im Endeffekt nur etwa eine dreiviertel Stunde vor uns loskommen.

Um viertel vor drei ist genug Wasser aufgelaufen, dass wir bequem von der Rampe einsetzen können. Der Wind kommt genau aus Westen - wir glauben zwar nicht, dass er auf die versprochenen vierzehn Meter pro Sekunde kommt, aber er weht kräftig. Wir sind von Anfang an recht schnell, aber es ist natürlich nicht ganz einfach, unter solchen Bedingungen einen gerade Kurs zu fahren. Da uns im Hoogefahrwasser eine Fähre entgegenkommt, wollen wir auf Nummer sicher gehen und sie nördlich passieren lassen. Aber dann dreht die Fähre nach Süden ab, so dass wir uns umentscheiden. Leider scheint der Kapitän sehr unentschlossen und ändert noch mehrmals seinen Kurs, aber wir erkennen immerhin, dass das Schiff keine große Geschwindigkeit drauf hat. Erst als wir ziemlich nahe sind, erkennen wir, dass es vor Anker liegt und einfach in der Strömung hin und her schwoit.

Über den flachen Sänden steht eine interessante Welle, die ich sehr genieße. Aus den Bemerkungen meiner Mitpaddler schließe ich später, dass sie nicht ganz so begeistert sind von diesem Chaos. Okay, müssen wir nächstes Mal den Kurs vielleicht besser abstimmen. In den tieferen Prielen sind die Wellen regelmäßiger und wir können einige schöne Surfs genießen. Was für ein Spaß bei warmen Wasser mit Wind und Wellen im Rücken nach Hause zu fliegen! Nach genau zwei Stunden laufen wir über die Rampe des Anlegers in Schlüttsiel. Die andere Gruppe packt noch ihre Sachen vorm Segelsteg. Sie fahren im Endeffekt immerhin zwei Minuten vor uns los.



GPS-Daten der Tour: Nordsee 2020

Samstag, 25. August 2018

Kurzes Wochenende auf Hooge

Eine so große Lücke in meinem Paddeltagebuch hat es noch nie gegeben: der letzte Eintrag stammt von Anfang Februar! Aber nicht nur meine paddlerischen Aktivitäten auch die Planung der Touren und anderweitigen Unternehmungen im Verein habe ich dieses Jahr verpasst - sie ging in den Wirren meines verkorksten Frühjahres verschütt. Um nicht ganz nackt und ohne Hoffnung dazustehen, habe ich dann irgendwann beschlossen, im Stillen und abseits der offiziellen Gleise eine Nordseetour zu planen. Mitpaddler würde ich schon finden. Unseren eigenen Wanderwart zum Beispiel und den des Nachbarvereines, weil beide noch keine Nordseeerfahrung haben und Förderung unbedingt verdienen. Später fragte Peter noch nach, ob ich dieses Jahr etwas in westlicher Richtung unternehmen würde - er würde gerne mal seine Tochter im Zweier mit auf die Nordsee nehmen. Schließlich hat Ulrich sich derart beflissen fortentwickelt und Symptome nachhaltiger Infektion mit dem Seekajak-Virus gezeigt, dass ich auch ihm die Chance anbieten wollte, einmal unser Tidengewässer kennen zu lernen. Recht spät hat Sven das betreffende Wochenende noch frei von der Familie bekommen, und ich habe ihm gerne zugesagt. So war ein gutes Trüppchen beisammen, und ich hatte lange Monate Zeit, mich während eines nicht enden wollenden Jahrhundertsommers auf eine Flucht aus dem Alltag und einen Ausflug in die Natur zu freuen.

Erste Risse bekam die Vorfreude durch die Absage der beiden Wanderwarte. Der eine musste auf eine Tour zu einem befreundeten Kanu-Verein in Bremen, der andere hatte die Unnachgiebigkeit der Tide noch nicht vollständig erfasst und konnte seinen Terminkalender damit nicht in Einklang bringen. Fünf Teilnehmer sind immer noch genug - eigentlich sogar viel intimer und intensiver.

Die Wettervorhersage sieht eine Woche vor dem Termin eher wie ein Software-Fehler aus: während die Jacken an der Garderobe seit Monaten Spinnweben ansetzen, man es schon als ungewöhnlich empfindet, wenn das Thermometer einen Tag mal nicht die 25 Grad überschreitet, man das Gefühl von Regen auf der Haut nachhaltig vergessen hat und man "braun" antwortet, wenn man nach der Farbe von Gras gefragt wird, sollte es an diesem Wochenende ergiebig regnen, heftig wehen und die Quecksilbersäule die 15 Grad Marke nicht erreichen. Zur Sicherheit waren noch Gewitter angekündigt - besonders an der Nordsee!

Die Verantwortlichen werden den Softwarefehler bestimmt in den nächsten Tage fixen, war meine feste Überzeugung. Also ließ ich die Planung unbeirrt weiterlaufen. Am Mittwoch sah es immer noch nicht überzeugend besser aus, so dass wir vereinbarten, den Wetterbericht am Freitag selbst abzuwarten, um dann mit genauerem Blick auf die Lage zu entscheiden.

Donnerstag Abend meldete sich noch die Gruppe mit Nina, Olav und Johanna, dass sie sich wegen der unsicheren Lage gerne uns anschließen wollten und nicht auf eigene Faust von "Schlüttmoorsiel" ("Johannisch" für Holmersiel!) aus losfahren. Das war mir sehr recht, denn damit hatte ich ein besseres Gefühl.

Die Lage am Freitag war dann aber bescheiden! So leid es mir tat, ich sagte den Start für Freitag ab und verschob ihn auf Samstag um dieselbe Zeit. Peter zog es vor, mit seiner Tochter per Fähre nachzukommen und dann nur die Rückfahrt am Sonntag auf eigenem Kiel zu machen. So ist unsere Gruppe auf übersichtliche drei Nasen zusammengeschrumpft, denn die "Schlüttmoorsieler" haben eh nur Freitag/Samstag Zeit, aufs Wasser zu gehen.

Weil die Tide ja samstags eine Stunde später läuft als freitags, sind wir mit unserer Abfahrtszeit deutlich im entspannten Bereich. Bis Bredsted geht auch alles gut, bis auf die üblichen Zweifel an den bekannten neuralgischen Punkten, wo ich mir immer mit dem Abbiegen nicht sicher bin. Aber ein, zwei Ehrenrunden in den Kreiseln richten das Ganze unauffällig. Allerdings ist die Straße am Deich entlang, die uns nach Schlüttsiel bringen soll, voll gesperrt und eine Umleitung über Niebüll ausgeschildert. Davon hat uns Google-Maps kein Sterbenswörtchen gesagt! So schmilzt ein großer Teil unseres Vorsprungs durch unnötiges Gegurke durch die nordfriesische Landschaft wieder dahin.

Trotzdem erreichen wir den Hafen noch so rechtzeitig, dass ein Einsetzen an der Rampe gut möglich scheint. Zügiges Packen und Umsetzen des Autos bescheren uns gerade noch soviel Wasser über der Kante, dass wir die Boote problemlos einsetzen können. Der Wind ist lieblich, als wir um halb fünf aus dem Hafen treiben, etwa drei Beaufort. Die Halligen - Habel, Gröde und Langeness - sind alle noch an ihrem angestammten Platz und werden kurz benannt, um allen die Orientierung zu erleichtern. Der Wettervorhersage gehorchend wird der Wind immer stärker und erreicht bis zu unserer Ankunft auf Hooge etwa fünf Beaufort. Das ist kein wirkliches Problem und bietet wenigstens auf den letzten Metern noch die Gelegenheit, ein bisschen durch spritzende Wellen zu fahren. Trotz des Gegenwindes kommen wir gut voran. Wie von mir vorgegeben führen alle Beteiligten eine Seekarte auf dem Vordeck mit - bis auf den Fahrtenleiter! Zwar hatte ich die Karte noch rausgesucht und auch die Deckstasche bereit gelegt, aber schließlich doch vergessen, sie einzupacken. Peinlich!

So fahre ich mehr intuitiv, habe aber keine wirklichen Bedenken, das bald sichtbare Hooge zu treffen. Die einzige Schwierigkeit ist, rechtzeitig ins Hooge-Fahrwasser zu gelangen, bevor der Wasserstand soweit gefallen ist, dass man die nördlich davon liegende Sandbank nicht mehr überqueren kann. Aber in einiger Entfernung ist eine große Gruppe Paddler zu sehen, die genau auf unserem Kurs liegt. Da ist also auf jeden Fall noch genug Wasser. Erst als sich die Paddelgruppe beim Näherkommen als eine Horde Watvögel entpuppt, die dort mit ihren endlich langen Beinen auf dem Grund des Meeres stehen, biege ruckartig nach links ab - gerade noch rechtzeitig, um bei weniger als knietiefem Wasser ins Hooge-Fahrwasser zu wechseln.

Die Zeltwiese ist pappenleer. Eigentlich sind die Wetterbedingungen ja nicht schlecht - sie sind es nur, wenn man sie in Relation zu den Verhältnissen setzt, die die vergangenen Monate durchgängig geherrscht haben. Es soll uns recht sein. Jeder sucht sich ein Fleckchen, das ihm gefällt, und fängt an, sein Zelt aufzubauen. Da trudeln auch schon Peter und Mirja ein, die quasi gleichzeitig mit uns die Hallig erreicht haben - nur eben mit der Fähre. Sie sind noch kurz im Friesenpesel vorbeigegangen und haben gefragt, wie lange man dort noch etwas zu essen bekommt. "Um acht Uhr macht die Küche zu!", ist die Antwort. "Bis zehn vor Acht muss die Bestellung abgegeben sein!". Es ist jetzt kurz nach sieben und wir stehen mit halb aufgebauten Zelten in Paddelmontur auf der Wiese rum - das wird knapp! Kurzerhand geben wir Peter unsere Bestellwünsche mit, und er macht sich auf den Weg, im Pesel Tisch und Essen für uns sicher zu stellen.

Das Lammfilet ist wie immer lecker und wir bekommen ungefragt dreierlei Beilagen in hinreichender Menge geliefert: Kartoffeln, Pommes und Rösti! Wir bleiben nicht unnötig lange, weil um diese Jahreszeit das Tageslicht ja nicht mehr unbegrenzt verfügbar ist und wir noch die Zelte fertig aufbauen müssen. Als wir uns auf den Weg zurück machen, pieselt es bereits leicht, aber das ist noch kein Grund, eine Regenjacke anzuziehen. Wir richten unsere eigenen Stoffhütten fertig ein und helfen Peter und Mirja kurz, ihr Zelt in der einsetzenden Dunkelheit aufzubauen. Kaum sind alle Heringe in den Wiesenboden gezwungen, setzt richtiger Regen ein - und wir verschwinden ein jeder hinter seinem eigenen Reißverschluss.

Ich habe extra meinen neuen Gaskocher mitgenommen, den ich unbedingt unter Expeditionsbedingungen ausprobieren muss. Nach etwa zwanzig Jahren Leben mit einem fauchenden Benzinkocher, der mit seiner halbmeterhohen Stichflamme beim Entzünden alles wegfackelt, was ihm in die Quere kommt, ist das Kochen mit so einem Gasbrenner ein echtes Kinderspiel! Man dreht den Gashahn auf, hält das Feuerzeug dran und - pfuchchchch - brennt das Teil! Aber das mit dem Fauchen ist ehrlich gesagt nicht viel leiser als bei meinem alten Benziner! Da ich schon reichlich gegessen habe, mache ich mir nur einen heißen Kakao und genieße ihn, während der Regen gegen mein Zelt pladdert. Der Regen schafft eine perfekte Isolation von der Außenwelt: man hört nix als sein Pladdern und nichts und niemand wird ihn durchdringen. Es ist, als wäre man weit weg auf einer einsamen Insel... Augenblicklich stellt sich eine umfassende Behaglichkeit ein.

Es regnet die ganze Nacht hindurch und der Wind weht mit unverminderter Stärke. Gegen frühen Morgen dreht er einmal sehr ordentlich auf, um sich dann deutlich zu beruhigen. Als ich genug geschlafen habe und aus dem Zelt blicke, sitzt Ulrich dort bereits in der Morgensonne und genießt seinen ersten Kaffee. Kein Regen, kein Wind, dafür Sonne und weiße Wolken am Himmel. Irgendwann tapert sogar der Hafenmeister über den Steg und ich laufe gleich zu ihm, um die Sache dem Hafengeld zu regeln. Der gibt mit aber nur den Schlüssel für das Seglerheim, so dass ich das alleine regeln kann. Allerdings passt der Schlüssel weder für die Duschen, die Toiletten noch den Gemeinschaftsraum und ich stehe erst einmal etwas ratlos in der Gegend rum. Erst als Mirja herzhaft gegen die Tür drückt, springt diese einfach auf und wir können eintreten. Das Windmessinstrument zeigt gute vier Beaufort aus leicht nördlichem West, die manchmal in den Fünfer-Bereich reinragen.

Das auflaufende Wasser kulminiert erst um 14 Uhr in Schlüttsiel und unsere Fahrtzeit wird bei unter drei Stunden liegen. Das bedeutet einen entspannten Vormittag mit ausgiebigem Frühstück und geruhsamen Packen. Zum Glück hält sich das Wetter auch, so dass alle Ausrüstung knochentrocken in die Stauräume wandert.

Im tiefen Wasser des Hooge-Fahrwassers kann der Wind gute Wirkung entfalten und einige spritzende Wellen aufschieben. Das macht allen Spaß. Um die Eigenheiten des Tidengewässers mit seinen Sandbänken und Prielen anschaulich zu machen, lasse ich über die mittlerweile überflutete Sandbank in die benachbarte Süderaue wechseln. Im Bereich des flachen Wassers gibt es zum einen keine Wellen und zum anderen lässt unsere Geschwindigkeit deutlich nach - denn hier strömt es halt nicht so scharf.

Leider hat der Wind bereits spürbar nachgelassen, als wir wieder tiefes Wasser erreichen und so ist das mit dem Spritzen und den Wellen nicht mehr halb so schön. Auf halber Strecke machen wir für eine gute Viertelstunde Pause - und werden immer noch mit satten drei Stundenkilometern Richtung Westen geschoben. Das Sielgebäude ist wie immer unnötig früh zu sehen und macht die letzten Meilen lang. Peter meint, auf Höhe von Oland einen Schweinswal gesehen zu haben, aber sonst haben wir auf dieser Tour nicht einen einzigen Seehund gesehen.

Im Zielhafen ist das Wasser schon gut über die Rampe gelaufen, so dass der Ausstieg einfach und elegant zu machen ist.

Ein kurzes aber nichts desto trotz erholsames Wochenende - auch wenn das Cafè im Hafen mittlerweile seinen Betrieb eingestellt hat und wir keinen viel zu süßen Abschlusskakao trinken können!

GPS-Daten hier.

Sonntag, 23. Juli 2017

Nordsee für Einsteiger 2017

Dieses Jahr war es schwierig, einen Termin für meine Nordseetour zu finden. Die Tide stand einfach immer ungünstig. Dieses Wochenende stellte noch den akzeptabelsten Kompromiss dar. Wie immer habe ich meinen (diesmal drei) Begleitern unter anderem die Aufgabe gestellt, den Zeitpunkt für ein Treffen am Bootshaus zu ermitteln, der gerade noch ein geregeltes Ankommen auf Hooge gewährleistet. Maditha hielt sich bei der Beantwortung der gestellten Fragen noch etwas zurück, aber Olav und Jörg haben beide übereinstimmend einen Zeitpunkt ermittelt, der bereits am Freitag Vormittag liegen müsste. Da Olav mit viel Stress frühestens um 14 Uhr am Treffpunkt auflaufen könnte, sah er seine Teilnahme schon nachhaltig gefährdet.

Die Vorbesprechung musste während des gemeinsamen Grillens mit dem Nachbarverein stattfinden, weil natürlich immer alle Termine grundsätzlich auf Kollision gebürstet sind! Hier habe ich dann die durchaus korrekten Ausarbeitungen, Überlegungen und Bedenken der Mitpaddler aufgenommen, kommentiert und so korrigiert, dass alle teilnehmen können. Wenn wir uns um 13 Uhr treffen und Olav sein Gepäck schon vorher in der Halle deponiert hat, können wir die Autos so beladen, dass er noch fünf Minuten hat, um sein Fahrrad abzuschließen und wir um 14:05 Uhr starten können.

Die Ankunft auf Hooge habe ich dabei so berechnet, dass sie auf eine halbe Stunde nach Niedrigwasser fällt. Da das Wasser immer noch ca. eine halbe Stunde nach Tidenkipp nachläuft, sollte das kein Problem sein - im Gegenteil, dann ist das Wasser am Leitdamm eventuell sogar schon wieder ein paar Zentimeter gestiegen, was den Ausstieg eher erleichtern würde.

Auch der Zeitpunkt, wann wir am nächsten Tag aufbrechen und vor allem aufstehen müssten, um bei Tidenkipp an der Pallas einzutrudeln, trifft auf das Veto von Olaf. Um drei Uhr nachts möchte er nicht aufstehen! Die beiden anderen sind durchaus bereit, für eine besondere Aktion auch besondere Opfer zu bringen, aber ich zeige ihnen kurz ein paar Bilder von Steffen und Johanna aus dem letzten Jahr, als wir zwar erst um fünf Uhr aufstehen mussten, die Augen aber trotzdem kaum aufgehen wollten. Zum Glück kommt Birke, die als eigentlich Unbeteiligte daneben sitzt, auf die Idee, dass es ja immer zwei Niedrigwasser am Tag gibt! Sofort erhellt sich Olavs Mine wieder!

In Schlüttsiel wähle ich gleich die nördliche, kleine Rampe, um dort unsere Boote zu beladen. Das Wasser ist allerdings bereits zu Beginn unserer Aktion unter die abschließende Betonkante gesunken. Als ich nach dem Packen nachsehe, ob wir hier die Boote ins Wasser bekommen, muss ich feststellen, dass die Kante so glibschig ist, dass es viel zu gefährlich wäre, sie zum Einsetzen zu benutzen. Wir weichen auf den benachbarten Seglersteg aus. Hier steht das Wasser gerade noch soweit über dem Schlick, dass unsere Boote knapp schwimmen. Obwohl wir in rekordverdächtiger Zeit gepackt haben, hätte es auch keine Minute länger dauern dürfen, sonst wären wir für die nächsten acht Stunden nicht aus dem Hafen gekommen.

Wegen unseres knappen Zeitplanes will ich gar keine Sperenzchen machen und auf dem kürzesten und direktesten Weg nach Hooge fahren. Nachdem wir den Hafen gut hinter uns gelassen haben, erkläre ich die sichtbaren Erscheinungen am Horizont: Oland, Langeness und Gröde sind gut zu sehen, Pelworm zu erahnen und Föhr nur mit Mühe von Langeness zu unterscheiden. Es ist allen unmittelbar einsichtig, dass die Orientierung hier grundsätzlich schwieriger ist, als z.B. auf der Kieler Förde, wo man immer einen untrüglichen Anhalt für die Richtung hat, in die man gerade blickt. Maditha hat keinen Kompass auf ihrem Schiff und ihre Seekarte ist so weit vorne, dass es ihr manchmal schwer fällt, unseren Kurs zu verfolgen.

Wir nutzen die Tour von Anfang an auch zum Erlernen neuer bzw. zur Rettung vom Untergang bedrohter Wörter : Gleich hinter dem Schlüttsieler Hafen ist eine Schute zu sehen, die bis oben in voll mit Faschinen beladen ist. Die Faschinen werden in den Lahnungen verbaut, die den vom auflaufenden Wasser angeschwemmten Schlick einfangen sollen.

Die Sicht ist blendend und es dauert nicht lange, bis das gelbe Portal des Fähranlegers von Hooge in Sichtweite kommt. Allerdings ist - vorerst noch nicht allen - klar, dass es gewaltig über den Horizont gehoben wird, denn von den benachbarten Warften ist noch nicht das Geringste zu sehen.

Es herrscht fast Flaute, so dass wir recht gut voran kommen. Leider gibt es aber kaum mehr Strom, so dass eine Übung, dass Fahrwasser von einer Tonne zur gegenüberliegenden zu kreuzen, nicht den beeindruckenden Effekt hinterlässt wie sonst. Dafür beeindruckt die Heckwelle der "Adler-Express" umso mehr. Die Fähre hatte sich eine Weile am Anleger gemüht, aus dem Schlick freizukommen und ist dann mit der ihr eigenen knapp unter der Schallgrenze liegenden Geschwindigkeit abgebraust. Ihre Heckwelle arbeitet sich ca. fünf Minuten lang unsichtbar auf uns zu. Keine zwanzig Meter neben uns baut sie sich zu einer beeindruckenden Höhe von einem halben Meter auf, um dann krachend in sich zusammenzubrechen! Hätten wir gerade in diesem Moment die Sandbank gequert, die die Welle so aufsteilen ließ, wäre das durchaus interessant geworden!

Genau zum Zeitpunkt des Niedrigwassers erreichen wir den Leitdamm des Hooger Segelhafens. Da besteht keine Chance, noch näher an das Schleusentor heranzukommen. Das Watt östlich davon ist durchgehend fest, so dass man es ohne weiteres mit den Bootswagen überqueren könnte. Aber dann müsste man die Boote noch eine ziemliche Strecke um den gesamten Hafen herumbollern. Also erkunde ich das Watt westlich der Einfahrt und befinde es für passierbar. Lediglich an einer Stelle, an der das Wasser durch die Lücke einer Steinlahnung fließt, ist der Schlick knöcheltief. Olav und Jörg tragen ihre Boote über diese 20 Meter weite Stelle, während ich Maditha helfe, ihr Boot einfach über die Barriere zu hieven. Mein eigenes ziehe ich dann alleine durch den Schlick. Die letzten Meter vom Deichfuß bis zum Rasen des Zeltplatzes hilft uns der örtliche Krabbenfischernachwuchs beim Tragen.

Es stehen bereits ein halbes Dutzend Zelte auf der Wiese, und da wir die Bootswagen noch unter unseren Schiffen haben, rollern wir sie kurzerhand über die Hafenbrücke zur Wiese, auf dem das Stelzenhaus steht. Aber ein freundlicher Eingeborener macht uns darauf aufmerksam, dass hier keineswegs freie Platzwahl gilt, sondern man sich erst nachdem die erste Wiese überquillt, auf der zweiten breit machen darf. Das trifft sich gut, denn sonst hätte ich die unangetastete Flasche Rotwein auf dem Zeltplatz nie gefunden!

Olav und Maditha hatten sich schon vorher bereit erklärt, für ein gemeinsames Abendessen zu sorgen. Sie schnibbeln Unmengen von Zwiebeln, Paprika und sonstigem Gemüse in der Abendsonne. Wir sind alleine auf der Zeltwiese, vermutlich sind die Bewohner der anderen Zelte irgendwo auf der Hallig unterwegs zwecks Bewegung, Kulturprogramm oder um schlicht irgendwo Abendessen zu peseln. So verbringen wir den Abend gemütlich in lauer Luft auf dem Deich sitzend, heißen Kakao und gefundenen Wein trinkend, damit, der Sonne beim Untergehen zuzusehen.

Da uns das Programm für Samstag frühestens am späten Nachmittag aufs Wasser zwingt, nutzen wir diese gute Gelegenheit, ausgiebig auszuschlafen. Unsere Nachbarn, eine Truppe unter der Leitung eines der vielen anderen Matthiasse, die sich regelmäßig auf der Nordsee tummeln, haben es nicht so gut. Sie müssen schon recht früh in die Boote und Richtung Pelworm aufbrechen. Schließlich haben sie eine Tour bei Seakayaking Germany gebucht, die vom Wetter bislang arg gebeutelt worden ist und müssen für ihr Geld Erlebnisse einfahren. Außer ihnen ist auch noch ein Pärchen aus Preetz mit uns. Sie wollen heute nur bis Oland fahren und dann am Sonntag von dort aus nach Schlüttsiel zurück.

(Wenn die Beteiligten sich wiedererkennen - bitte melden)
Mir fällt mal wieder auf, dass viele auch im Sommer im Trockenanzug unterwegs sind, das scheint heutzutage fast der Standard zu sein. Da hat sich in den vergangenen zehn Jahren wirklich viel getan - damals waren Trockenanzüge noch die absolute Ausnahme und eher nur bei den notorischen Auch-bei-Sauwetter-Paddlern anzutreffen. Vermutlich ist es gut so, und auch ich bin froh, dass ich bei Bedarf auf eine solche Rüstung zurückgreifen kann. Aber den sehe ich für mich meistens nur bei mehrtägigen Touren im Winter gegeben. Oder beim Brandungspaddeln im Spätherbst. Selbst wenn ich im Winter nur eine kurze Tour mache, ist mir mein Long-John mit ausreichend pummeligem Vlies meist genug Komfort. Vor Kenterungen in dieser Montur bei arktischen Bedingungen habe ich keine Angst, das habe ich oft genug gemacht und zudem ein gutes Vertrauen in meine Rolle. Ansonsten fühle ich mich im Trockenanzug eben genau so: wie in eine Rüstung gezwängt. Und bei zwanzig Grad Luft- und Wassertemperatur komme ich mir mit meinem Neo-Shorty vor, als würde ich im Cabrio durch die Landschaft fahren - da möchte ich  nicht in einer geschlossenen Kabine vergleichbar der eines Londoner Taxis sitzen.

Um die freie Zeit zu nutzen, wollen wir ins Lichtspielhaus auf der Kinowarft. Die Wanderung dahin bringt uns an der Kirche vorbei, die wir eingehend besichtigen. In ihrer Kleinheit und Verlorenheit macht sie die Zerbrechlichkeit und das Ausgeliefertsein der Hallig und ihrer Bewohner den Elementen und damit Gott gegenüber direkt fühlbar. Wenn man sich vorstellt, wie wenige Meter hinter einem wütende Wellen einer tosenden Sturmflut gegen den kleinen Deich um die Warft peitschen, wie fauchende Gischt gegen die wackelnden Fenster prasselt, dann braucht es nicht viel, dass man sich vorstellen kann, wie man vor dem Altar auf die Kniee sinkt und im Geiste nach einem verschütteten Gebet sucht.

In der Zeit, die uns noch bis zum Beginn der "Sturmflutfilmvorstellung" im Halligkino bleibt, erkunden wir noch die zugehörige Warft, die statt "Kinowarft" auch manchmal auch ganz unromatisch Hanswarft genannt wird. Hier gibt es noch einen Feting, der früher für die Versorgung des Viehs mit Trinkwasser genutzt wurde. Als Trinkwasser für die Menschen wurde das Regenwasser von den Hausdächern gesammelt. Erst seit 1968 gibt es auf Hooge eine Wasserleitung, die verlässlich Süßwasser vom Festland liefert.

Die Filmvorführung besticht vor allem durch die unvergleichliche Kommentarstimme, in der sich die Mentalität der Eingeborenen eindringlich wiederspiegelt. Danach ist der obligate Besuch im Pesel auf der Backenswarft fällig. Dass ich sonst hier immer erst abends einkehre, merke ich erst, also ich das Lammfilet vergeblich auf der Speisekarte suche. "Das gibt's erst nach 18 Uhr!" werde ich enttäuscht. Ein herber Tiefschlag! Ich weiche aus auf Matjesfilet mit Bratkartoffeln.

Wegen der unklaren Wetterlage - es war immer von Gewitterneigung die Rede - hatte ich den Besuch der Pallas schon frühzeitig abgesagt. Aber wir wollten dennoch wenigstens eine kleine Tour machen und die Nordsee spüren. Um 18 Uhr machen wir uns zu einem kleinen Dreieckskurs auf, der uns zuerst zum Jappsand führt, dann nach Langeness und schließlich genau quer zum Tidenstrom vor dort wieder zurück nach Hooge. Auch wenn das nicht mal 10 Kilometer waren, konnte man hier doch (fast) alle typischen Gebaren der Nordsee erleben: spiegelblanke See, pilzendes Wasser, bremsende Flachs und Wellen gegen Strom. Auch das Zufahren auf die Hooger Hafeneinfahrt war lehrreich, weil wir einen beträchtlichen Versatz durch die Strömung kompensieren mussten.

Auch die Rückfahrt am Sonntag liegt zeitlich in christlichen Regionen: So gegen zehn Uhr dümpeln wir im trüben Wasser der Hafeneinfahrt. Maditha soll versuchen, uns auf dem einfachsten Wege wieder zurück zu unserem Startort zu bringen. Ich muss nur einmal eingreifen, weil sie etwas zu lange hinter einem Krabbenkutter hinterher fährt, der ihr leider die Sicht auf die korrekten Tonnen nimmt. Wäre sie den von ihr ins Auge gefassten gefolgt, wären wir auf Pelworm angekommen.

Auch wenn sich die Nordsee an diesem Wochenende nicht besonders besonders gezeigt hat und wir die Pallas wieder einmal nicht erreicht haben, hat die Tour doch bei allen Beteiligten die Faszination für diese Landschaft entweder aufgefrischt, vertieft oder gar neu geweckt. Ich freue mich schon darauf, im nächsten Jahr wieder hierher zu kommen.

GPSDaten hier!

Sonntag, 3. August 2014

Nordsee-Einsteiger 2014 - oder: Spaß mit Johanna

Eigentlich stand sie gar nicht auf der Liste - aber dafür am Montag in Rollschuhen vor der Bootshalle. "Die Nordsee-Tour ist wohl nichts für mich, oder?" "Komm' am Mittwoch vorbei. Dann werden wir sehen." Auch wenn ich an Johannas Kraft, ihre Ausdauer und vor allem ihre Leidensfähigkeit glaube, will ich doch wenigstens noch einmal sehen, ob sie die Strecke bis zur Glockentonne problemlos bewältigt. Bei dem Test hat mich dann auch noch Uschi so überzeugt, dass ich meine ursprüngliche Absage an sie wieder zurückgenommen habe. Somit startet die diesjährige Nordsee-Einsteigertour also mit  sieben Teilnehmer.

Immerhin bin ich ja lernfähig und habe diesmal zur Bedingung gemacht, dass jeder eine Seekarte mit sich führt. Auch solle man sich darauf gefasst machen, dass es Aufgaben zu bewältigen gibt. Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass sich alle wieder auf mich verlassen und darauf bauen, dass ich sie schon durch die Nordsee führen werde, ohne dass sie selbst auf irgend etwas achten müssen.

Am Anleger treffen von Schlüttsiel wir noch zwei alte Bekannte: Udo B., der mit seiner Frau nach Oland fahren will und Sigurd S., der sich Udo anschließen wollte, aber viel zu spät ist und ihm hinterherpaddeln muss. Ich erkläre Olav und Helge dafür verantwortlich, uns von Schlüttsiel nach Hooge zu bringen. Es ist beileibe keine große Tat, denn im Prinzip könnte man sich bewegunglos ins Boot setzen und warten, bis einen die Tide an Hooge vorbeispült. Außerdem ist die Nordsee wieder einmal Augsburger-Puppenkistenmäßig platt - kein Lüftchen kräuselt die Oberfläche und es ist so warm, dass ich ohne Hemd und mit offener Spritzdecke fahre.

Meine Vorgabe war, nicht etwa durchs Langeness-Fahrwasser sondern zur Süderaue zu fahren. Aufmerksam registrieren die beiden Navigatoren die Beschriftung der Tonnen, an denen sich mit zunehmender Fahrtdauer die zunehmende Strömung zunehmend bemerkbar macht. Als wir einmal in der Nähe einer recht großen Tonne direkt auf diese zufahren, kann man überdeutlich sehen, dass es einen einmal nach rechts und unmittelbar danach wieder nach links versetzt - wie das Wasser davor also in Schlangenlinien strömt.

Verabredungsgemäß macht die Gruppe vor der Tonne SA18 Halt. Hier fordere ich sie wieder auf, die genau südlich liegende grüne Tonne an ihrer linken Seite zu passieren. Da man dazu genau quer zum Strom fahren muss, muss man deutlich vorhalten und ernsthaft paddeln, will man nicht im letzten Moment auf die Blechkanne gespült werden. Da die Hallig hier schon sehr nah ist und einen perfekten Hintergrund bietet, kann man wunderschön sehen, ob der eigene Vorhaltewinkel stimmt, oder die Strömung die Oberhand hat.

Im Laufe der Fahrt kommt eine weitere Gruppe Paddler von hinten auf. Man kann sie lange vorher hören. Nachdem sie uns überholt hat, kann man in weiter Ferne eine dritte Gruppe hören. Der Schall trägt ungemein weit auf unbewegtem Wasser, denn man kann die Verfolger bislang kaum sehen. Als wir am Steindamm vor dem Hooger Hafen aus unseren Booten steigen, höre ich eine bekannte Stimme von hinten pöbeln: "Habt ihr kein Zuhause?". Trenk ist mit einer Gruppe von vier Paddlern ebenfalls unterwegs. Wenn wir schon im Sommer nicht mehr zusammen paddeln können, ist es doch schön, sich per Zufall zu treffen!

Ich hatte damit gerechnet, dass der Zeltplatz dicht belegt sein würde, aber außer den drei praktisch
gleichzeitig eingetroffenen Gruppen, ist niemand da. Auch der Segelhafen ist so gut wie leer. Ein ruhiges Wochenende droht uns. Es wird kurz der Zeitplan für morgen abgesprochen - wir hatten ja alle relevanten Zeiten, Entfernungen und Fahrtdauern am vergangenen Mittwoch ausgerechnet.

Nach dem Aufstehen prüfe ich kurz die Wetterlage mit Hilfe von Trenks Smartphone. Die Windvorhersage für heute hat sich gegenüber der von gestern wieder etwas beruhigt, so dass unserem Plan, zur Pallas zu fahren, nichts entgegensteht. Heute lege ich die Navigation in die Hände von Michael und Peter. Die Zeiten hatten wir ja schon am Mittwoch errechnet, nun müssen auch noch die Kurse bestimmt werden, die uns hin- und möglichst auch wieder zurück bringen.

Die beiden sind sehr abgeklärt und wählen einen für mich zwar überraschenden, aber sehr solide fahrbaren Kurs. Natürlich wollen wir zunächst eine Pause auf Jappsand machen, das war Vorgabe, aber dann soll es die Süderaue komplett raus ein gutes Stück in Richtung Amrum gehen und nach der Passage des Schmaltiefs ins Rütergatt. Vor dort aus kann man einfach dem Tonnenstrich folgen und landet praktisch ohne Vorhalt an der Pallas. Nicht der direkteste Weg aber vielleicht der einfachste.

Der Wind weht recht konstant mit etwa drei bis vier Beaufort aus Südost. Das lässt kaum Wellen entstehen, aber die Strömung am Zusammenfluss von Norder- und Süderaue ist natürlich immens und lässt die Wasseroberfläche köcheln. Das sind ungewohnte Wellen, die es so auf der Ostsee kaum gibt. Als wir die rot-grüne Tonne am Eingang zum Rütergatt passieren, ist deutlich, dass die Verhältnisse einen ständigen Stress verusachen. Das würde die nächsten vier Stunden nicht besser werden. Ich gebe den Kniepsand als neues Ziel aus, für den der bisher gefahrene Kurs eh genau die Ideallinie dargestellt hat.

Die lange Pause auf dem verschwenderisch breiten Strand von Amrum wird komplett im Urlaubsmodus verbracht. Alle gehen schwimmen, fast alle zum Kiosk ein Eis essen, und manche lassen sich den Pelz verbrennen...

Für die Tour zurück übertrage ich Johanna und Uschi die Navigationshoheit - aber mir ist klar, dass ich eher selbst dir Richtungen angeben muss, denn für beide ist Paddeln unter den hiesigen Bedingungen noch  eine komplett neue und unbekannte Welt. Ich zeige kurz auf der Karte, welche Tonnen wir wie anvisieren und wie wir von der einen zu anderen kommen wollen. Es ist hier schon zu spüren, dass meine eindringliche Ansage "die müssen wir links liegen lassen", noch nicht in der Tiefe verstanden wird, in der sie gemeint ist.

Nachdem wir die geschützen Gefilde des Kniepsandes verlassen haben und wieder in die Turbulenz der strömenden Priele eingetaucht sind, ist es mit der Entspanntheit auch gleich vorbei. Es spritzt und schwabbelt und den Kurs zu halten, ist nicht mehr ganz einfach. Ich fahre so, dass wir alle Verschneidungszonen rechtwinklig durchqueren, um nicht unnötige Unsicherheiten zu provozieren. Der Strom geht fast exakt quer zu unserer Fahrtrichtung und wir müssen gute 45 Grad vorhalten. Die Gewalt, mit der wir versetzt werden, beeindruckt alle sichtlich. Trotzdem produzieren wir eine sehr gerade Spur auf dem GPS-Log mit ganz ordentlicher Geschwindigkeit.

Ich sehe, wie Johanna häufig Mühe hat, die Nase ihres Bootes gegen den halben Wind in der
gewünschten Richtung zu halten. Immer wieder wird sie nach Lee verweht und muss sich mühselig mit Bogenschlägen zurück auf Kurs bringen. Als sie schließlich zu Konterschlägen greift, ist das für mich das Zeichen, dass sie den Bedingungen nicht gewachsen ist. Ich schließe zu ihr auf und frage, ob sie denn den Schieber für das Skeg auch ganz nach vorn geschoben hat. "Ja, habe ich!". Nun, dann ist das Mädel schlicht zu leicht und das kriegen wir so schnell nicht korrigiert. Aber ich weiß ja, dass sie über einen beeindruckenden Willen und eine ebensolche Leidensfähigkeit verfügt, so dass ich nicht im Geringsten beunruhigt bin. Als es bereits in der Nähe von Jappsand besonders verzweifelt ist, schicke ich Peter zu ihr, der sie etwas vom Wind abschirmen soll. Das funktioniert nur suboptimal so dass ich zusätzlich auf ihre Lee-Seite fahre und sie mit dem Paddel immer wieder auf Kurs drücke. Als Peter ihr besonders nahe kommt, fällt sein Blick auf den Skeg-Schieber an ihrem Boot und er sagt ungläubig: "Der ist ja gar nicht vorne!". Na ja: vorne und hinten kann man schon mal verwechseln. Nach der Korrektur ist es ein Kinderspiel für Johanna, ihr Boot auf Kurs zu halten. Nach dieser Selbstkasteiung gönnt sie sich in der Pause auf Jappsand ein ausgiebiges Bad, bei dem sie mit zwei Seehunden Ringelpiez mit Abtauchen spielt. Wir laufen genau mit Hochwasser in den Hooger Segelhafen ein und genießen den komfortablen Ausstieg direkt über die Wiese, ohne die Boote schleppen zu müssen.

Der Abend ist meiner langjährigen Tradition folgend dem Friesenpesel gewidmet. In lauer Luft schäkern wir mit der redseligen Aushilfsbedienung, und ich muss zum wiederholten Male feststellen, dass das Salzlamm in Riesling-Sauce einfach göttlich schmeckt. Heute wundere ich mich nur, dass meine Mitpaddler mir freiwillig den größten Teil der Kartoffelrösti überlassen. Beim Heimweg machen wir noch einen kleinen Abstecher zum Fähranleger um die Ecke. Johanna muss am Sonntag Abend zu einem Geburtstag in Hamburg sein und will daher gleich morgen früh mit der Fähre zurück. So weiß sie also genau, wo der Anleger ist und kann sehen, wieviel Zeit der Weg in Anspruch nimmt.

Da die Fähre bereits morgens um acht ablegt, muss Johanna bereits sehr früh aufstehen, ihre Sachen zusammen und ins Boot packen und sich auf die Socken machen. Obwohl wir für den Sonntag die Urlaubsvariante mit lange Ausschlafen und viel Zeit gewählt haben, habe ich mir extra den Wecker gestellt, um sie zu verabschieden. Ich kann ja nicht einfach eines meiner Schäfchen ohne Gruß ziehen lassen - noch weniger könnte ich mit ansehen, dass sie vielleicht verschläft und dadurch die Fähre verpasst. Aber als ich aus dem Zelt komme, hat Johanna ihre Sachen schon größtenteils zusammengepackt und sitzt gemütlich beim Kaffee. Als wir sie verabschieden, hat sie alle Zeit der Welt, den Weg bis zur Fähre zurückzulegen, so dass ich mich beruhigt wieder in meinen Schlafsack zurückziehe.

Nach einer guten Stunde strecke ich meinen Kopf wieder aus dem Zelt - und sehe Johanna ihr Boot hinter sich her ziehend zum Zeltplatz zurücktrotten! Was ist passiert? Keine Fähre am Sonntag? Kein Geld dabei? Dem Kapitän vors Schienbein getreten? Nein, die Lösung ist ganz einfach: um zum Anleger zu kommen, muss man bei der Kirchwarft links abbiegen, so wie wir es gestern zweimal gemacht haben. Wenn man aber im Halbschlaf und "Kopf-unten-und-nix-denken-Trott-Modus" immer gerade aus geht, landet man auf der Hanswarft. Dort haben Jogger Johanna dann geweckt und gefragt, wo sie denn mit dem Boot hin will. Danach sind alle zusammen über die Hallig zum Anleger gejoggt. In Rekordzeit eine Minute nach Acht dort angekommen, konnten sie dem heute bereits eine Minute vor Acht abgefahrenen Dampfer noch hinterherwinken! Aber im Grunde wollte Johanna ja von Anfang an mit uns zurück paddeln!

Das gesamte Wochenende herrscht ein unglaublich schönes Wetter mit Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Nur mäßiger Wind und kein Regen. Na ja, fast kein Regen: nur in der Nacht zu Sonntag, als der Wind so arg an Johannas Zelt gerüttelt hat, dass sie sich mit ihrem Schlafsack lieber davor gelegt hat, nur da sind tatsächlich ein paar Tropfen Regen gefallen, gerade so viele, dass Johanna sich doch lieber wieder ins Zelt zurückzog. Bei diesem fantastischen Wetter also machen wir einen ausgiebigen Spaziergang über die Hallig. Auf der Einkaufswarft erbost Peter die Betreiberin des Souvenierladens, indem er ihr unterstellt, sie verkaufe Plastikflaschenpostflaschen, die die Kinder dann ins Meer schmeißen, wo sie riesige Müllteppiche bilden. Dabei steht da fett draufgedruckt: "Nicht ins Meer schmeißen!". Peter rudert heftig rückwärts, um die aufgebrachte Frau wieder etwas zu beruhigen. Uschi und ich erstehen einige Postkarten, von denen ich eine direkt an Klaus-Peter schicke - als Ersatz für die vergessene aus meinem Österreich-Urlaub.

In unseren Vorräten befinden sich noch große Mengen roter Grütze, die wir unmöglich wieder mit zurück nehmen können. Also versammeln wir uns vor der Abfahrt noch einmal unter dem gegen die gnadenlos brezelnde Sonne aufgespannten Tarp, um Erdbeer- und Gartenfruchtgrütze zu löffeln - wahlweise mit Vanillesauce oder griechischem Joghurt.

Sobald der Wasserstand es zulässt, bringen wir die Boote über die Rampe und machen uns auf den Heimweg. Navigation ist heute nicht notwendig, wir wollen einfach nach Hause. Der Wind hat über Nacht gedreht, er weht nun ziemlich genau aus West. Auch die Strömung geht in dieselbe Richtung. Wir könnten im Fahrwasser fahren und alles wäre einfach und leicht und - langweilig. Also biege ich unvermittelt ab und wähle einen Kurs quer über die Flachs und zwischen den Sandbänken. Hier schwabbelt das Wasser zwar wieder etwas, was nicht allen gefällt, aber auf dem "Hasenweg" hätte niemand etwas gelernt und niemand hätte die Flachs, über die wir uns stochern, auch nur gesehen.

Gegen Ende des Weges werden die Bedingungen zum Surfen immer besser und alle nutzen diese Gelegenheit nach ihrem jeweiligen Vermögen. Bei Michael und Olav macht sich deutlich eine gewisse Routine bemerkbar. Sie agieren sichtlich entspannter als noch im vergangenen Jahr und sind meist vorne zu finden. Ich gebe Michael, der eindeutig der beste Navigator ist, nach jedem Abschnitt meinen Plan bekannt und kann mir sicher sein, dass er ihn eigenständig verfolgt, auch wenn er weit vor mir fährt.

Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen von Schlüttsiel überhole ich die gesamte Gruppe, um zu sehen, ob sie es schaffen kann, vor der uns verfolgenden Amrum-Fähre ins Hafenbecken einzulaufen. Als ich wende und die Positionen der Fähre und der Gruppe sehe, weiß ich, dass das nichts werden kann. Also postiere ich mich südlich der Hafeneinfahrt außerhalb des Fahrwassers, in der festen Annahme, dass alle auf mich zufahren werden. Tun auch alle. Fast alle. Leider ist Johanna aber gerade so mit Surfen beschäftigt, dass sie für nichts anderes ein Auge hat und diagonal ins Fahrwasser driftet - der Fähre genau vor die Nase. Mir stockt der Atem und ich versuche, sie anzurufen, gestikuliere wild mit Armen und Paddel - aber der einzige, der Notiz davon nimmt, ist vermutlich der Kapitän der Fähre, denn der fährt weiter in aller Seelenruhe von hinten auf die Paddlerin zu und lässt sein Typhoon unangetastet. Ich sehe Johannchen schon im Schaum zerschreddert werden, als Helge, der etwas näher dran ist, sie anruft, was sie veranlasst, sich erst umzudrehen und dann kleinlaut wieder hinter die Pricken zu verziehen. Geht doch!


Sonntag, 6. April 2014

Nordsee im April

Es muss November gewesen sein, als wir diesen Termin für eine Tour ausgekungelt haben. Aber auch, wenn wir uns erst eine Woche vorher verabredet hätten: Anfang April ist einfach kein Datum, an dem man mit verlässlich akzeptablen Bedingungen rechnen kann. Wenn ich an das letzte Jahr denke, als um diese Zeit noch Schnee lag und die Temperaturen darnieder - bei solchen Bedingungen hätte wohl keiner von uns ein Wochenende im Schlafsack auf der Hallig verbracht. Doch die im Vorfeld bang beobachtete Wettervorhersage nimmt uns allen Wind aus den Segeln: Am Freitag tagsüber noch fünf bis sechs Beaufort, aber ab 17:00 Uhr abflauend und außerdem eh aus Osten. An den folgenden Tagen dann nur noch schwachwindig aus westlicher Richtung. Das verspricht doch eine gemütliche Unternehmung zu werden mit Rückenwind auf Hin- wie Herweg. Und am Sonnabend soll durchgängig die Sonne scheinen! Welch Glückes Geschick!

Allein - in Schlüttsiel am Anleger stehend müssen wir uns eingestehen, dass der Wind nicht wirklich nachlassen will und die Messwerte der Windgeschwindigkeiten sich herzlich wenig um die Vorhersage scheren! Sie liegen im Mittel deutlich über zehn Meter pro Sekunde und damit im Sechser-Bereich. Die Böen liegen über 14 m/s, was ganz unromatische sieben Beaufort sind. Die Sicht ist nicht berauschend und es sind Schauer angesagt. Ist es klug, bei sechs Grad Wassertemperatur, sechs Beaufort und Wetterbedingungen, die auch eher die Schulnote sechs verdienen, mit klitzekleinen Booten über die Nordsee zu schippern? "Klug" ist vielleicht nicht ganz die richtige Frage. Aber die richtige Frage möchten wir dann doch lieber nicht stellen.

Trenk ist prall geladen mit dem Wunsch, sein neues Boot auszuprobieren und eine der für ihn immer schwieriger zu arrangierenden Fahrten mit uns auch durchzuführen. Fast nimmt er uns die Luft, zu einer unbeeinflussten Überzeugung zu gelangen. Jörg ist prinzipiell sogar bereit, die ganze Unternehmung abzublasen, und ich suche noch nach einem Kompromiss zwischen meinen Befürchtungen und Wünschen. Ich fürchte am meisten, dass uns der eiskalte Wind zusammen mit dem eiskalten Wasser so arg zusetzen könnte, dass wir den grimmigen Wellen nicht genug Elastizität entgegen zu setzen hätten und dies ein zu hohes Risiko darstellen würde. Schließlich einigen wir uns darauf, nicht in den Hooger Hafen sondern nach Hilligenlei zu fahren. Das ist zwar weitaus weniger attraktiv, weil es dort kein Seglerheim gibt mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum, aber wir müssten so nicht über offenes Wasser fahren, und die Sandbank, die südlich des Langeness-Fahrwassers liegt, würde uns vor großen Wellen schützen.

Trenk fährt heute zum ersten Mal einen nagelneuen "Romany" von Nigel Dennis. Ein Kursboot, von dem er wissen möchte, wie es sich unter ernsthaften Bedingungen verhält. Da das Schott hier natürlich nicht auf seine Beinlänge angepasst ist, fährt er viel leeren Raum im Cockpit spazieren und hat einige Mühe, alles Gepäck unterzubringen. Auch Jörg hat Mühe, alles zu verstauen, so dass ein paar Dinge wieder in meinem Kahn landen, der innen eben besonders hohl ist: obwohl ich als einziger einen Bootswagen mitführe, habe ich sogar noch nennenswert ungenutzten Raum. Allen gemeinsam ist uns, dass wir diesmal keinen Wasservorrat mitführen. Wozu auch, auf Hilligenlei gibt es die Rixwaft mit Toilettengebäude und auf Hooge das Seglerheim mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum.

Wir sind bereits um kurz nach sechs auf dem Wasser, lediglich ein paar Minuten nach Hochwasser. Sonnenuntergang ist etwa um 20:00 Uhr - alles passt also bestens. Wir haben uns kräftig eingepummelt, zu groß ist unser Respekt vor den Bedingungen. Jörg hat eine Fliesmütze und darüber noch seine Neoprenhaube auf dem Kopf. Ich habe meine Neo-Haube nur als Halskrause übergestülpt, aber über der Fliesmütze die neue knallrote Kapuze, die der Weihnachtsmann mir als Trost für das Debakel von Lyö beschert hat. Trenk's Kapuze ist im Trockenanzug integriert.


Ich mache gleich anfangs die Ankündigung, dass ich ein gemütliches Tempo fahren werde. Ich will von Beginn an eine ehrgeizige Wettfahrt verhindern, denn wir werden unsere Kraft besonders am Ende der Fahrt benötigen. Doch der Strom wird schon dafür sorgen, dass wir trotzdem mit gutem Tempo voran kommen werden. Die Sicht ist nicht berauschend aber immerhin gut genug, dass man die jeweils unmittelbar nächste Tonne knapp erkennen kann. Trotzdem der Wind immer noch rauscht, sind die Wellen überraschend klein und zahm. Bis zur Tonne, an der wir uns entscheiden müssen, ob wir in die Süderaue nach Hooge oder das Langenessfahrwasser nach Hilligenlei fahren wollen, haben wir uns mit den Umständen vollkommen ausgesöhnt. Wir kommen kurz zur Absprache zusammen und es herrscht ungetrübte Einigkeit, dass wir keine Bedenken haben, die Fahrt nach Hooge zu meistern.

"Das Glück ist mit den Tüchtigen" - wir müssen wohl zu diesen Menschen zählen, denn der Wind nimmt sich augenscheinlich etwas zurück, während wir die große Wasserfläche queren. Immer noch sind die Wellen für die herrschende Windstärke überraschend klein. Bliese es aus der entgegengesetzten Richtung und stünde der Wind damit gegen den Strom, würde hier das reine Chaos herrschen. Erst als die Süderaue kurz vor Hooge zwischen die zu Tage tretenden Sandbänke gepresst wird, stärkerer Regen einsetzt der Wind wieder auffrischt, fangen die Wellen an zu rauschen. Bis hierhin waren wir mit durchschnittlich 8,6 km/h unterwegs - die nächste viertel Stunde rauschen wir mit gemittelten 11,2 km/h durch die immer dunkler werdende Nordsee! Trenk ist eins mit seinem Boot und juchzt irgendwo in der Ferne. Jörg und ich legen es bewusst nicht darauf an, die Boote ins Surfen zu bekommen, sondern fahren gesittet näher unter Land. Um zwanzig nach Acht passieren wir die Hafeneinfahrt von Hooge - nur wenig mehr als zwei Stunden, nachdem wir in Schlüttsiel von der Rampe gerutscht sind.

Eine erste Begutachtung des vollkommen leeren Zeltplatzes bringt uns zu der wenig überraschenden Erkenntnis, dass es hier mit dem Windschutz nicht zum Besten bestellt ist. Nun sind vor dem Wind schützende Erhebungen der Erdkruste auf Halligen vergleichsweise selten anzutreffen. Einzig der Erdhaufen, in den das Seglerheim seine Stelzen steckt, könnte als solche dienen. Um in den Genuss dessen zu gelangen, müssten unsere drei Boote aber noch die hundert Meter über den Steg bewältigen, der den schlickgefüllten Hafen quert. Natürlich habe ich als professioneller Paddler meinen geländegängigen Bootswagen dabei - und zwei plötzlich emsig Süßholz raspelnde Kameraden, die auch gerne dessen Dienste in Anspruch genommen hätten. Zwar habe ich dämlicher Weise keinen Spanngurt zur Befestigung dabei, aber als professioneller Paddler bin ich bis an die Zehen mit den unterschiedlichsten Schnüren bewaffnet, so dass dieser Lapsus uns vor keine ernst zu nehmenden Probleme stellt.

Etwas anders sieht es mit örtlichen Infrastruktur aus: aus uns unerfindlichen Gründen hat das Seglerheim die Saison noch nicht eröffnet. Zwar ist der Segelhafen pappenleer, aber das ist doch noch lange kein Grund, auch die Wasserhähne abzustellen! Nichts mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum! Damit haben wir beim besten Willen nicht gerechnet. Trenk und ich machen uns auf, zur Peselwarft zu stapfen und dort um etwas Wasser zu betteln. Es ist dunkel, es regnet immer noch und wärmer ist es auch nicht geworden. Also machen wir uns in voller Montur auf die Neoprensocken: Trockenanzug, Schwimmweste, Kapuze und sogar die Spritzdecke lassen wir, wo sie sind. Die Bedienung im Friesenpesel guckt wie ein Auto, als wir ihr unseren Wunsch vorbringen. "Wo kommt ihr denn her?", fragt sie ebenso entgeistert wie sie unsere ehrliche Antwort "Aus Schlüttsiel." ungläubig und kopfschüttelnd quittiert.

Der große Wassersack von Jörg ist ziemlich schwer, so dass wir ihn den langen Weg zurück zu zweit schleppen müssen. Zumindest sollten wir nun für drei Tage genug Wasser gebunkert haben. Das Umsetzen der Boote, der Gang zum Brunnen, das Zelte-Aufbauen im Dunkeln und bei immer noch recht heftigem Wind, das Umziehen und Ausladen der Sachen sowie  Nach-Hause-Telefonieren haben ihre Zeit gebraucht. Als ich mir endlich meine Bratkartoffeln auf dem Trangia brutzele, ist es bereits nach zehn Uhr. Einen heißen Orangensaft noch, um die letzte Kälte aus den Gliedern zu vertreiben und dann mummele ich mich gemütlich in meinen Schlafsack.

Wenn ich jemals Zweifel an der Dichtigkeit meines Zeltes gehabt haben sollte, diese Nacht hat sie weggeschwemmt! Stundenlang pladdert heftiger Regen auf unsere Hütten und der Wind rüttelt an den Planen. Das war der ultimative und beruhigende Test! Der große Wassersack von Jörg hat seinen Test übrigens nicht bestanden: er hat das gesamte, mühselig vom anderen Ende der Insel herbeigeschleppte Wasser durch ein Leck verloren!

Für heute stand kurzzeitig ein Ausflug zur Pallas auf dem Programm. Aber zum einen ist die Sicht noch schlechter als gestern, so dass schon die keine 300 Meter entfernt stehende Kirchwarft nur noch schemenhaft zu erkennen ist, und zum anderen würde das eine Tour weit über der Vierzig-Kilometer-Marke bedeuten, für die wir uns noch nicht fit genug fühlen. Und was sollen wir zehn Kilometer auf dem offenen Meer bei einem Kilometer Sicht, nur um so einen imaginären Punkt im trüben Nichts zu suchen? Stattdessen wollen wir um Japp- und Norderoogsand fahren, das wird schon interessant und lang genug. Bevor wir allerdings die Spritzdecken über unsere muckeligen Cockpits schließen können, müssen wir noch aus unseren trockenen Sachen in die über Nacht natürlich nicht getrocknete dafür aber eiskalte Paddelmontur schlüpfen. Das ist der Moment, bei dem auch bei dem hartgesottensten Kanuten Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Tuns aufkommen...

Wir wollen nach Möglichkeit ohne GPS auskommen, um unseren Weg zu finden. Aber das ist hier draußen schon bei optimalen Sichtverhältnissen nicht ganz einfach, denn Tonnen gibt es nicht, und die Sände sehen über ihre gesamte Länge vollkommen einförmig aus. Einzig der alte Kirchtum von Pellworm böte navigatorischen Halt und Orientierung in dieser nassen Wüstenei. Bei der trüben Sicht heute ist der aber nicht zu sehen, so dass man raten müsste und stochern. So schielen wir dann doch mit zunehmender Nähe zum Rummelloch immer öfter auf unsere kleinen elektronischen Helfer. Es dient eigentlich nicht so sehr zur Orientierung als vielmehr zur Bestätigung, dass wir uns auch tatsächlich dort befinden, wo wir uns vermuten. Es beruhigt ungemein, wenn man das Ziel mit Gewissheit noch vor sich weiß. Nebel erzeugt nämlich eine ungeheure Reibung auf dem Zeitstrahl und die Minuten brauchen mehr als doppelt so lange zum Zergehen. Da bekommt man schnell das Gefühl, das Ziel müsste längst erreicht sein. Und ohne die Versicherung durch das GPS ist man leicht versucht, zu früh abzubiegen, aufzulaufen, zu raten, ob man schon zu weit oder noch nicht weit genug ist, sich für die falsche Option zu entscheiden, zurückzufahren, festzustellen, dass man doch noch nicht weit genug war, wieder zurückzufahren und das Spielchen von neuem zu beginnen. Auch spannend, aber eher etwas für wärmere Tage.

Wir lassen uns an einer Robbenherde vorbei treiben. Die hat natürlich wieder genau dort Stellung bezogen, wo wir eigentlich Pause machen wollten. Es sind gut zwei Dutzend Tiere - darunter mindestens vier Kegelrobben. Einige - vorrangig die jungen Tiere - robben ins Wasser und schwimmen auf uns zu. Die Knopfaugen sind erstens ungemein kurzsichtig und zweitens ebenso neugierig. Wir verstehen gut, dass sie dankbar sind, mal etwas Abwechslung geboten zu bekommen. Ihr restliches Leben besteht ja nur aus ödem Verfolgen von Fischen und Dösen auf der Sandbank.

Die Pause ist nicht wirklich gemütlich, weil uns schnell kalt wird, denn die Sonne ist nicht einmal mit gutem Willen zu erahnen. Den Rückweg beginnen wir ausgesprochen gemütlich, die Paddel werden nur hin und wieder zur Richtungskorrektur genutzt. Ständig umschwimmen und beäugen uns die Seehunde. Als Trenk einen Blick auf sein GPS wirft, beträgt unsere Geschwindigkeit zwölf Stundenkilometer! Nicht schlecht für ohne Anstrengung! Man bekommt eine beklemmende Ahnung, warum das Rummelloch Rummelloch heißt und dass die Einfahrt bei Nebel oder hohen Winden in Zeiten, die noch keine elektronischen Helferlein kannten, einem Selbstmordversuch gleich kam.

Es ist für uns keine große Herausforderung, zu unserem Ausgangspunkt zurück zu finden. Aber die schlechte Sicht lässt doch einige interessante Zweifel aufkommen. Als sich die Schutzhütte von Norderoog schemenhaft zu erkennen gibt, kann man sie nur mittels Kompass und Blick auf die Karte als solche einordnen. Und ich sehe im Nebel ja immer irgendwelche Wälder am nicht vorhandenen Horizont. So auch diesmal wieder. Ich kann irgendwann sogar mit Bestimmtheit - ja Gewissheit - sagen, dass es sich um einen dichten Buchenwald handelt. Aber ich behalte diese Gewissheit für mich, denn ich bin mir sicher, dass die anderen mir nicht glauben würden, dass auf Hooge während unserer Abwesenheit ein dichter Buchenwald entstanden ist. So entpuppt sich dieser Buchenwald dann auch bald als Silhouette der Ockenswarft, die da durch den Dunst schimmert. Bis hierher hat uns der Tidenstrom getragen, nun müssen wir, um nicht aufzulaufen, erst einen etwas größeren Bogen noch Osten machen und uns dann die restlichen zwei Kilometer gegen den vollen Strom der Süderaue zum Segelhafen kämpfen. Am Ende einer Lahnung steht ein junger Seeadler. Ein Dutzend Möven tut lautstark kund, dass sie mit seiner Anwesenheit nicht glücklich sind.

Heute ist das Lammfilet fällig und wir wandern gegen Abend zum Friesenpesel, wo wir erst nach einer Weile als die verwegenen Wasserholer von gestern wiedererkannt werden. Wir bekommen nur einen Tisch zweiter Wahl, denn trotz vermeintlicher Nebensaison gibt es zahlreiche Reservierungen. Der Wetterbericht für morgen könnte günstiger nicht ausfallen: Schwache westliche Winde und ungetrübter Sonnenschein von morgens bis zum späten Nachmittag!

"Über den Wolken..." mag die Sonne wohl scheinen, denken wir, als wir am Sonntag Morgen aus den Zelten kommen - hier unten allerdings herrscht die gleiche Suppe wie gestern! Ein erneuter Blick auf eines dieser phantastischen modernen "Telefone" zeigt uns einen vollkommen anderen Wetterbericht, als der, der uns gestern Abend verkauft wurde: den ganzen Tag grau und ab Mittag Regen! Wir machen erst einmal einen ausgiebigen Spaziergang über die Insel. Es herrscht rege Betriebsamkeit, denn die gesamte Bevölkerung strömt zur Kirche, wo heute die diesjährige Konfirmandin von Hooge vorgestellt wird. Nächsten Sonntag ist dann die Konfirmation. Der Toilettenwagen am Pelwormer Anleger ist übrigens schon in Position - und hat fließend Wasser! Vielleicht hätten wir hier campieren sollen. Außer von uns wird die Hallig momentan von 40 Waldorfschülern und -schülerinnen heimgesucht, die wie jedes Jahr die Insel neu vermessen. Zehn Tage verbringen die Jugendlichen hier. Ach ja, und dann sind da noch die etwa 40 Tausend Ringelgänse und -gänsinnen, die sich hier einen runden Bauch anfressen für ihre anstehende Reise nach Sibirien.

Der einzige Dienst, den uns das Seglerheim bietet, ist ein guter Windschutz, in dem wir uns umziehen können. Wir lassen unsere Boote so früh wie das auflaufende Wasser und die elendige Molenkante es gefahrlos zulassen in den Priel. Der Weg ist klar - auch bei trüber Sicht: Immer dem Fahrwasser folgend bis nach Schlüttsiel. Wir halten uns an den Tonnenstrich, um nicht unnötig den Fähren ins Gehege zu kommen, die uns vermutlich schlecht sehen und auf jeden Fall gar nicht mit uns rechnen werden. Zu unserer Überraschung ist bei unserer Ankunft im Hafen von Schlüttsiel schon so viel Wasser aufgelaufen, dass wir sogar an der südlichen breiten Rampe aussteigen können. Die erste ernsthafte und größere Tour des Jahres ist gemeistert - ich freue mich auf die weiteren!