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Sonntag, 29. März 2026

Schleimünde im "Februar"


"Schleimünde Februar 2026" heißt die Signal-Gruppe, in der wir uns über unser Vorhaben für das erste Wochenende des titelgebenden Monats abstimmen. Leider sind die Temperaturen aber Wochen vor dem geplanten Termin dergestalt, dass Zweifel an der Klimaerwärmung aufkommen könnten: die Schlei ist in großen Teilen zugefroren!

Eine längliche Diskussion hebt an, wie wir mit dem misslichen Aggregatzustand umgehen. Am Ende steht ein neuer Termin für unsere Unternehmung: das letzte Wochenende im März. Bis auf eine Teilnehmerin können alle auch diesen Termin ermöglichen. Ein Nachrücker ist schnell gefunden — die Signal-Gruppe behält ihren Titel.

Es sind fünfzehn Teilnehmer angemeldet, und Anja hat es mal wieder geschafft, das Lotsenhaus für uns zu mieten. Es sind alles alte Schleimünde-Hasen, so dass die Abstimmung, wer was für die gemeinsame Essenszubereitung mitbringt, kein großes Aufheben macht.

Startort soll wieder Sieseby sein. Das sind rund 18 Kilometer und damit eine gute Tagestour. Der Wind bläst einigermaßen frisch aus einer gnädigen westlichen Richtung. Ulrich hat sogar sein Segel mitgenommen und rauscht gleich mächtig davon. Ich strenge mich am Anfang kurz an, um ihn einmal beim Segeln zu filmen. Danach rauscht er der Gruppe davon, und ich trödele ihr gemächlich hinterher. 

Durch den kooperativen Rückenwind sind wir mächtig zügig unterwegs und kommen nur in Arnis einmal kurz zum Sammeln zusammen — eine wirkliche Pause brauchen wir nicht. Ganze zwei und eine viertel Stunde dauert die Hinfahrt. Trotz des hohen Tempos ist niemand über das für die noch junge Saison vertretbare Maß angestrengt. Dass das für die Rückfahrt am Sonntag vermutlich nicht gilt, ist uns schon jetzt klar.

Peter hat sich ein neues Zelt gegönnt und muss dessen Performance ausprobieren, Sven ist wieder minimalistisch unterwegs und stellt sein Tarp auf den Sand. Auch ich lasse mir die Gelegenheit nicht entgehen, unter freiem Himmel zu übernachten. Aus der eindrücklichen Erfahrung am Wochenende vor vierzehn Tagen habe ich diesmal sogar meinen Schlafsack eingepackt! Damals hörte meine Körperwahrnehmung in der Nacht südlich der Kniee auf  — jenseits davon befanden sich nur noch irgendwelche fremdartigen Eiszapfen. Die Nachttemperatur betrug da aber nur etwa drei Grad, heute soll es nur auf fünf Grad herunter gehen.

Während wir unsere Stoffhütten aufbauen, wird im Lotsenhaus die Zimmerbelegung ausgefochten. Offensichtlich geht das aber ohne Blutvergießen vonstatten. Die Anzahl der Zimmer in dem Gebäude ist aber geeignet, durchaus auch noch größere Gruppen zu beherbergen. Danach wird zügig zum Abendessen übergegangen. Jeder hat irgend etwas mitgebracht, das auf den Tisch kommt und allen zur Verfügung steht. Es gibt leckeren Chinoa-Salat, einen Salat mit roten Beeten, Fladenbrot, Zimtbrötchen, leckere Dinger von Lena mit Äpfeln und Tomaten und ich weiß nicht, was alles noch. Und alles in schier unbewältigbaren Mengen, so dass wir fürchten, wir müssen unseren Aufenthalt hier verlängern, damit wir nicht die Hälfte davon mit zurück nehmen müssen.

Die Nacht war entspannt. Es ist kaum zu glauben, was so ein Schlafsack für einen Unterschied macht! Auch die beiden anderen Draußen-Schläfer sind zufrieden mit der Performance ihrer Ausrüstung. Beim Frühstück werden Pläne für den Tag geschmiedet. Nicht alle wollen nach Kappeln, um dort ein Fischbrötchen abzugreifen, einige ziehen eine Fahrt zum Leuchtturm Falshöft vor. So bilden wir zwei Gruppen — die Falshöft-Fraktion startet deutlich früher, denn sie hat ja eine weitere Strecke zu bewältigen. Ich möchte zum einen nicht so früh starten und will vor allem nicht auf das Fischbrötchen verzichten!

In Kappeln müssen wir am Ostufer anlegen, weil die andere Seite fest im Griff der zahlreichen Angler ist und wir fürchten, gegen deren Überzahl im Konfliktfall nicht bestehen zu können. Aber hier können wir die Boote auch viel problemloser deponieren. Unser Weg führt direkt zum amtlichen Fischbrötchen-Händler von Kappeln, der Fischräucherei Föh. Leider setzt unterwegs Regen ein, so dass Elli mit ihrer Daunenjacke einen beschleunigten Schritt vorlegt. Aber die Fischbrötchen sind einfach exquisit! Peter muss sich sogar noch ein Zweites bestellen.

Nach der Ankunft in unserer temporären Herberge auf der Lotseninsel bleibt mir nicht viel Zeit zur Entspannung. Ich kann nur eine kurze Weile in meinem Buch "Das Rosi-Projekt" lesen, da steht schon der nächste Pflichtpunkt auf dem Programm: Kaiserschmarrn essen! Peter hat mal wieder sein Boot voll Eier geladen und brutzelt für uns alle eine fluffige Stärkung. Zentraler und sinnstiftender Bestandteil sind seit einer Woche in kräftigem Rum ertränkte Rosinen! Ich habe Apfelmus und Vanille-Sauce zur Verfeinerung beigesteuert. Wenn ich das esse, weiß ich wieder, wofür ich all die Strapazen, Entbehrungen und Anstrengungen solcher Unternehmungen auf mich nehme!

Das gesellige Beisammensein hat neben allem Spaß und der Freude am Umgang mit liebenswerten Menschen auch den Effekt, dass in größerer Runde locker und unverbindlich Themen diskutiert werden, die im Verein aktuell sind. Es sind tragende Säulen des Vereinslebens mit von der Partie und solche, die es werden wollen oder mindestens könnten. So kommt eine solide Meinungsbildung zu Stande und oft genug sind daraus auch schon Initiativen entstanden, die den Verein voranbringen.

Für die zweite Nacht nehme ich mir eine Decke aus dem Haus mit, die ich mir als zusätzliches Kopfkissen untergelege. Kopfkissen haben in meiner Jahrzehnte währenden Outdoor-Karriere kontinuierlich an Bedeutung gewonnen! Anfangs habe ich mir einfach immer nur Kleidungsstücke untergelegt, die ich in der Nacht nicht benötigt habe. Irgendwann habe ich mir dann ein aufblasbares Kissen schenken lassen, dass aber wirklich nicht sehr voluminös ist. Dank der zusätzlichen Decke wird die zweite Nacht noch entspannter, obwohl die Lufttemperatur auf nur zwei Grad zurückgeht. Vielleicht werde ich mir irgendwann einmal ein noch voluminöseres Kopfkissen schenken lassen!

Auch für die Rückfahrt am Sonntag bilden sich zwei Gruppen. Betzi hat am Nachmittag noch einen Termin und will nicht in Verdrückung geraten. Sie will mit Jens früher starten. Für alle anderen wird ein Abfahrttermin von zehn Uhr dreißig festgelegt. Sommerzeit! Allerdings sitzen wir unerklärlicher Weise bereits um zehn Uhr abfahrbereit in den Booten. Der Wind weht immer noch aus Westen und soll heute im Verlauf des Tages weiter zunehmen. Wie erwartet sind wir nicht ganz so schnell wie auf der Hintour. Aber im Grunde bin ich eher überrascht, wie harmlos der Wind ist — bis wir in Arnis aus dem Hafengebiet herausfahren! Während die Schlei zwischen Kappeln und Arnis ziemlich genau in Nord-Süd-Richtung verläuft, öffnet sie sich hier nach Süd-West. Entsprechend ungehindert bläst uns der Wind nun ins Gesicht! Allerdings gehen wir gleich im kleinen Steinhafen beim Spielplatz an Land, um Pause zu machen.

Anja hat in der Zwischenzeit eine Nachricht von Betzi empfangen, die mit Jens bereits in Sieseby angekommen ist. Sie sagt, dass dieses offene Stück keinen Spaß bereitet und bietet an, die Fahrer unserer Fahrzeuge in Sundsacker gegenüber von Arnis abzuholen und nach Sieseby zu fahren. Die paar hundert Meter offenes Wasser zwischen dem geschützten Arniser Hafen und dem Anlanden am Pausenplatz haben allen klar gemacht, dass es ein zäher Kampf werden würde, den Parkplatz unserer Autos auf dem Wasserwege zu erreichen.

Jörg und ich waren den ganzen Winter regelmäßig paddeln, so dass wir im Training sind. Lena geht auch regelmäßig paddeln und ist so jung, dass sie Anstengung ohne Probleme wegstecken kann. Peter ist eh unkaputtbar — und gegen Maditha ist der Duracell-Hase ein Schlappschwanz! Wir machen uns also zu fünft auf den Rückweg, die anderen setzen das kurze Stück auf die andere Schleiseite um und warten auf das Shuttle.

Wir queren zuerst auf die andere Seite und hangeln uns anfangs dicht ans Ufer geschmiegt vorwärts. Es gibt hier zwar keinen Windschutz, aber hier haben die Wellen nicht eine so häßliche Höhe, dass sie das Boot zum Bocken bringen. Nach einiger Zeit stelle ich fest, dass der Wind eigentlich gar nicht so garstig ist und ich keine große Mühe habe, dagegen anzukommen. Also fahre ich doch etwas weiter nach draußen — hier fühlt es sich etwas mehr nach Seekajak-Fahren an! Zu meiner Überraschung benötigen wir nur knapp mehr als eine Stunde, bis wir in das Schilf von Sieseby einlaufen.

Die Daten sind von Sonntag, dem 29.!

Der Wind legte während unserer Rückfahrt tatsächlich kontinuierlich zu. Zum Start (10 Uhr) kamen uns zarte vier Beaufort entgegen, zum Schluss (14:30 Uhr) mussten wir gegen eine solide Fünf ankeulen — mit Böen im Sechser-Bereich. Ein Glück, dass Jens und Betzi früher gestartet sind und uns so den Transfer-Service anbieten konnten, so dass nicht alle die gesamte Strecke gegen den Wind zurückpaddeln mussten. Wir Fünf haben zwar alle Spaß gehabt, aber ohne ausreichendes vorheriges Training wäre das für mache bestimmt eine spaßbefreite Schinderei geworden. So können alle das Wochenende als gelungenen Auftakt für eine vielversprechende Saison verbuchen!

GPS-Daten hier

 

Sonntag, 28. September 2025

Schleimünde 2025

Die letzte Zeit war bei mir etwas dicht gepackt mit Inhalten: erst musste ich nach Jersey, dann ins Baltikum. In das Wochenende zwischen den beiden Urlauben hatte ich mit Mühe die Leuchtturm-Tour gezwängt. Und kaum aus Litauen zurück, stand die traditionelle Schleimünde-Tour auf dem Programm. Nicht einmal zum Vorbereitungstreffen habe ich es geschafft! Aber natürlich hat Anja alles super organisiert! Sogar eine Mitfahrgelegenheit für mich und mein Boot, so dass ich mein eigenes Auto gar nicht brauchte.

Wind während der Tour
Die Tour erfreut sich immer sehr großer Beliebtheit. Anja hat das Limit auf 15 Personen gesetzt, weil genau so viele Menschen in unser Gruppenzelt passen - wenn man sie einigermaßen geschickt stapelt! Dieses Limit sorgt manchmal für lange Gesichter, aber erst mit dem Zelt wird die Tour zu dem Gemeinschaftserlebnis, das sie so beliebt und unvergessen macht. Und da wäre es nicht förderlich, wenn überzählige Teilnehmer draußen sitzen müssten. Und da ist es auch etwas ungünstig, dass Anja und Norbert beim Treffen vor der Bootshalle merken, dass sie das Zelt im heimischen Flur vergessen haben! Da ist also nochmal ein kleiner Umweg erforderlich!

Natürlich sind auch hier einige der Angemeldeten verhindert, als der Tag der Wahrheit vor der Tür steht. Und Nils ist sich noch nicht sicher, ob er bei dem angesagten Gegenwind überhaupt mitkommen möchte. Aber es rutschen auch immer noch wieder Leute spontan nach, die dann doch noch mitkommen können. Nils will sich die Situation erst mal vor Ort näher ansehen, bevor er sich entscheidet. Dazu will er nach Olpenitz fahren und einen Blick aufs Meer werfen. Ich sage ihm, dass Olpenitz dafür kein guter Ort ist. Er soll sich die Sache lieber in Sundsacker ansehen, von wo aus er mit Elke sowieso starten will.

Alle anderen starten von Sieseby aus. Die übrigen in Frage kommenden Startorte sind bei der Vorbesprechung verworfen worden, wegen schwieriger Anreisebedingungen aufgrund der momentan prekären Lage bei Brücken und Fähren, und weil sowieso zuviel Gegenwind herrscht für eine noch längere Paddelstrecke. So packen am Ende elf wackere Paddler ihre Siebensachen am Steg von Sieseby in ihre Boote. Zum Glück ist Bernhard mit von der Partie, denn sein großes Boot schreit förmlich danach, das Gruppenzelt zu beherbergen, was seinen Stauraum aber nur unwesentlich ausfüllt. 

Anja ist noch ganz beseelt vom auf Jersey Gelernten und macht ein ausführliches Briefing. Es werden zwei Pausen vereinbart - eine in Sundsacker, wo wir Elke und Nils aufnehmen wollen und eine an der Engstelle hinter Kappeln, wo sich die Schlei nach Osten öffnet und ab wo wir dem Gegenwind ins Auge blicken müssen. 

Um halb zwölf, eine halbe Stunde später als meine Schätzung, stechen wir in See. Wie üblich sind alle hoch motiviert und legen gleich ordentlich los. Ich schließe bald zu Angela auf und verabrede mit ihr, dass wir die jungen Leute einfach lospreschen lassen und wir beide gemütlich hinterher trotteln. Der Weg ist ja klar. Aber das ist nicht kompatibel mit Anjas Anspruch, das auf Jersey Gelernte in der Praxis anzuwenden. Entschlossen stoppt sie die Gruppe und gibt die Devise aus, dass wir als Pulk zusammen fahren und die Langsamsten das Tempo vorgeben. Ein lobenswerter Ansatz, aber nach meiner Erfahrung nicht einfach umzusetzen. Überdies besteht die Gefahr, dass die Langsameren sich im Pulk der Gruppe doch zu mehr Tempo hinreißen lassen, als sie dauerhaft könnten und dann mit fortschreitender Zeit ernsthaftere Probleme auftreten können. Aber bis zur Pause ist es ja nicht weit.

Zusätzlich zu meiner Verschätzung beim Starttermin habe ich auch die Zeit unterschätzt, die wir bis Sundsacker benötigen. So treffen wir also erst eine Dreiviertelstunde später dort ein, als  ich es Elke bei unserer Abfahrt vorhergesagt hatte. Unsere "Verspätung" hat die beiden aber nicht weiter beunruhigt, Ich war mir sicher, dass Nils sich für die Mitfahrt entscheidet, wenn er die Verhältnisse in Sundsacker sieht. Hier ist es leidlich geschützt und es sieht alles sehr harmlos aus. Ab hier fahren wir also mit dreizehn Nasen weiter.

Von hier bis hinter Kappeln ist die Schlei recht schmal und verläuft quasi genau in Nord-Süd-Richtung. Dadurch bieten die Ufer einen recht guten Windschutz und man merkt kaum, dass ein kräftiger Wind weht. Wir sind zügig unterwegs und auch recht dicht beeinander. Das ändert sich aber nach der Pause, die wir wie vereinbart an der Engstelle zelebrieren, wo sich die Schlei final nach Osten öffnet und auf ungeahnte Breite weitet.

Erst Zickzack, dann Begleitung von Nils, dann Kopplung...
Hier bläst uns nun der Wind erbarmungslos ins Gesicht! Die dadurch arg reduzierte Zügigkeit kompensiere ich anfangs, in dem ich einfach in Schlangenlinien hinter der Gruppe hinterherfahre. Hätte Nils gewusst, wie anstrengend es sein kann, nach Schleimünde zu kommen, hätte er vielleicht doch in den Sack gehauen. Bernhard zeigt sich solidarisch und paddelt dicht neben ihm. Nach guten zwanzig Minuten schließe ich zu beiden auf und biete an, dass ich ab nun neben Nils bleiben werde. Sehr zur Freude von Bernhard, der gleich zum vorderen Teil der Gruppe enteilt. Neben der Reduktion der Geschwindigkeit hat die geänderte Windsituation nämlich dazu geführt, dass sich die Gruppe über eine beträchtliche Strecke verteilt. Es ist eben doch nicht so ganz einfach, Gelerntes und eigentlich für richtig Erachtetes auf Dauer in der Praxis auch anzuwenden - insbesondere, wenn es ein seehr langsames Paddeln bedeutet.

Ich schaue immer mal wieder auf meine Super-Duper-GPS-Uhr, um unsere Geschwindigkeit zu checken. Die sinkt leider kontinuierlich ab und fällt zeitweise unter drei Stundenkilometer. Es sind noch gute drei Kilometer bis zu unserem Ziel, und wenn wir noch langsamer werden, kann das eine Weile dauern. Auf der Höhe von Maasholm biete ich Nils an, dass er sich an meinem Bug festhalten kann und ich ihn dann einfach schiebe. Das findet er eigentlich auch ganz angenehm, hat aber den Nachteil, dass unser Verband nicht mehr die eigentlich benötigten Kurs halten kann. Mein nächstes Angebot, ihn mit einer Schleppleine zu unterstützen, wenn er es von sich aus wünscht, kann er nicht wirklich widerstehen. Die Kopplung gestaltet sich etwas holperig, weil die Leinen auf Nils Boot nicht wirklich auf so eine Situation vorbereitet sind - aber auch wenn es uns währenddessen etwas zurück weht: wir bekommen es hin.

Ist es nicht so, dass sich die Geschwindigkeiten von zwei Kajaks addieren, wenn man sie mit einer Leine koppelt? Nils paddelt wacker mit, und zusammen sind wir nun so zügig unterwegs, dass wir fast die gesamte Gruppe einholen - bis auf Anja und Maditha, die ganz vorne fahren. 

Die Öhe hat auf mich immer sofort eine ungemein beruhigende Wirkung - nachdem ich sie nur betrete! Im Segelhafen herrscht überraschend viel Betrieb und auch das Hafenmeisterbüro ist besetzt. Hier gibt es sogar Kaffee und ein paar Kleinigkeiten zum Verzehr zu kaufen - als Ersatz für die nicht in Betrieb befindliche Giftbude. Nachdem wir unsere eigenen Zelte errichtet haben, wird das große Gemeinschaftzelt aufgebaut. Gut, dass wir Anja dabei haben, denn sie ist die einzige, die einen wirklichen Plan dafür hat. Aber wenn gleichzeitig etwa zehn Mann die notwendigen Stangen einschieben und Heringe an den richtigen Positionen in den Boden rammen, steht das Ding im Handumdrehen! Und der wirklich kräftige Wind macht ihm gar nix!

Allerdings ist das Wetter so schön und die Luft so lau, dass wir unseren Nachmittagskaffee draußen an den Holzbänken zu uns nehmen. Ich habe das Gefühl, dass der Herbst zeigen will, dass auch er unglaublich schöne und warme Wochenenden zustande bekommt!

Auch am nächsten Morgen ist es so warm und sonnig, dass wir das Gemeinschaftszelt leer lassen und stattdessen ein paar Holzbank-Tisch-Kombinationen so arrangieren, dass wir mit allen daran frühstücken können. Die Diskussion, wann wir denn fertig für die Rücktour sein wollen - oder müssen - endet mit einem entspannungsfreundlichen elf Uhr!

Zwar hat der Wind gegen gestern erheblich abgenommen, aber er weht immer noch frisch. Hinzu kommt, dass durch den verminderten Winddruck das Wasser nun aus der Schlei hinausströmt - also dem Wind entgegen. Das erzeugt erfrischende Wellen! Statt mich direkt nach rechts Richtung Sieseby zu wenden, fahre ich nach links - dem Vergnügen entgegen. Einige andere wollen auch noch etwas Spaß haben. Die Windstärke beträgt nur noch vier bis fünf Beaufort, was ziemlich mau ist, aber durch die heftige Strömung bauen sich direkt in der Fahrrinne bis einen Meter hohe Wellen auf. Die Segelyachten, die die Schlei verlassen, stampfen wie bockige Broncos. Es macht mir großen Spaß, mit den Wellen zu spielen, und ich fahre bis hinter Tonne 1. Nach der Wende sehe ich, dass mir doch niemand gefolgt ist. Schade, denn auch der Weg zurück ist spritzig und macht Spaß.

Der Heimweg nach Sieseby ist mit dem Wind im Rücken für niemanden ein Problem. Dort stärken wir uns noch durch Kaffee und Kuchen in der Sonne. Wieder einmal haben wir ein sagenhaftes Glück gehabt und ein traumhaftes Wochenende geschenkt bekommen. Vielleicht würde Nils nicht unbedingt "geschenkt" sagen, aber "traumhaft" wird er bestimmt unterschreiben können!

 GPS-Daten

Montag, 29. August 2022

Notlösung Schleimünde

Seit Jahren haust mein Kollege Rüdiger auf Pellworm - und ich wollte ihn schon immer mal besuchen. Nachdem ich meine Termine auf ein überschaubares Maß abgebaggert hatte, konnte ich mich daran machen, einen Besuch bei ihm zu planen. Dabei musste ich lernen, dass man Pellworm bequem eigentlich nur von Westen kommend mit dem auflaufenden Wasser erreichen und nur nach Westen fahrend mit dem ablaufenden Wasser verlassen kann. In der Summe macht es diese Insel für Kajakfahrer zu einem blinden Fleck auf der Seekarte. Letztlich ist auch der aufwendig angelegte Tiefwasseranleger nur Ausdruck dieses Dilemmas, dass die Eingeborenen gerne eine verlässliche Verbindung mit dem nordfriesischen Kontinent schaffen wollten.

Natürlich haben wir als gewiefte Navigatoren die quasi Nicht-Erreichbar- bzw. Verlassbarkeit der Insel nicht als Hürde gesehen sondern als Ansporn, unseren nautischen Intellekt zu nutzen, um Gezeiten, Prielen, Schutzzonen und sonstigen widrigen Umständen einen Weg abzutrotzen, meinen Kollegen dennoch zu besuchen. Es ist auch ein solider Plan dabei herausgekommen, der über Hooge und das Rummelloch-Ost zum Schwimmsteg des Pellwormer Segelhafens geführt hätte. Hätte! Denn wie üblich, wenn ich im August eine Paddeltour plane, ballt sich das Wetter immer mit aller Kraft zusammen und macht mir einen Strich durch die Rechnung: Freitag Nachmittag bis Sonntag durchgängig sechs Beaufort aus Nordnordwest! Für die Hinfahrt nach Hooge und die Überfahrt nach Pellworm wäre das kein Hinderungsgrund - aber am Sonntag über zwanzig Kilometer gegen so einen Wind zurück nach Schlüttsiel zu keulen - das entsprach nicht unserem Wunsch nach einem entspannten Wochenende!

Also muss eine Alternative her. Dänische Südsee wird ja immer gern genommen, aber dafür war die Windvorhersage schlicht gesagt: widrig. Zur Not, wenn gar nichts anderes geht, würde ich auch nach Schleimünde fahren. Hauptsache raus! Ein etwas detaillierterer Blick auf die Wetter- und Windvorhersage zeigt aber ein überaus versöhnliches Bild: Am Freitag soll leichter Ostwind herrschen, den wir mit etwas Glück für unsere Segel benutzen könnten und am Sonntag dann durchaus frischer Westwind, mit dem wir wieder zurücksegeln könnten! Dazwischen bietet sich ein Urlaubstag in der näheren Umgebung von Schleimünde an. Einziges Haar in der Suppe: ein bißchen Regen am Freitag und Samstag und eine leichte Gewitterneigung am Freitag, die sich aber erst am späten Nachmittag und eher weiter südlich entfalten soll.

Wir lassen uns nach Strande bringen und gehen am steinigen Strand vor dem Kiosk ins Wasser. Es herrscht überraschender Weise Seenebel mit einer Sicht von wenigen Kilometern. Um halb eins starten wir zunächst noch ohne Segel gegen den Wind. Aber gleich nachdem wir die letzte Mole am Bülker Leuchtturm passiert haben, bringen wir unsere kleinen weißen Helferlein an den Start. Das geht zum Glück vollkommen problemlos während der Fahrt. Man muss nur den Zeising lösen, mit dem das Segel an Deck gelascht ist, an der Schot ziehen, die den Mast aufrichtet und ihm mit der anderen Hand einen kleinen Schubs nach oben geben. Der deutliche Ruck, der durch das Boot geht, sobald der Wind ins Segel gefasst hat, ist immer für einen kleinen Schreckmoment gut!

Ab geht die wilde Post! Das gegenüberliegende Ufer ist über fünfzehn Kilometer entfernt und nicht zu sehen, auch wenn der Seenebel sich deutlich gelichtet hat. Aber ich habe wieder mit meiner bewährten Methode der Kursermittlung ("deutlich nördlicher als 45 Grad von West") einen Kompasskurs von 330 Grad festgelegt. Die Segel ziehen uns flott durch das traumhaft grüne, traumhaft warme Wasser (mein Baby-Bade-Thermometer hat allerdings nur 20 Grad gemeldet!). Die Wellen sind lang und gutmütig und von einer Größe, die immer wieder wunderbare Surfs ermöglicht. Ein besonders langer und flotter katapultiert mich über gefühlte zehn Sekunden auf gute fünfzehn Stundenkilometer!

Unser Kurs würde perfekt stimmen und uns eine Kollision mit dem Schießgebiet vor Schwansen ersparen - aber nach wenig mehr als einer Stunde Fahrt vernehmen wir - mehr mit den Zwerchfell als mit den Ohren - ein deutliches Gewittergrummeln! Das ist so ziemlich der ungünstigste Ort, den man sich für ein Gewitter aussuchen kann: eine erreichbare Küste ist in jeder Richtung über eine Stunde entfernt! Wir machen einen deutlichen Knick nach Westen in Richtung Campingplatz Booknis, den man mittlerweile schemenhaft erkennen kann. Das ist für uns das am schnellsten erreichbare Festland. Nach über einer Stunde sind wir soweit unter Land, dass wir wieder nach Norden schwenken und uns fortan dreihundert Meter vom Ufer entfernt unserem Ziel nähern.

Irgendwann sind Gebäude-ähnliche Strukturen in der Ferne zu erkennen, und wir rätseln, ob das vielleicht das Lotsenhaus auf der Öhe ist. Da sind auch noch einige andere Dinge zu erkennen, denen wir nicht auf Anhieb eine eindeutige Interpretation zuordnen können. Wir einigen uns auf die Taktik, näher ran zu fahren und dann zu entscheiden, was das jeweils sein soll. Fakt ist, dass die Hafeneinfahrt von Olpenitz so weit nach Osten hinausragt, dass man, aus unserer Richtung kommend, Schleimünde noch gar nicht sehen kann. Der Leuchtturm ist aus dieser Richtung nur über Land zu sehen - in einer Baulücke des Ferienortes.

Nach ziemlich genau vier Stunden Fahrt schlagen wir im Hafenbecken von Schleimünde am Strand an. Das sind bei über 31 gefahrenen Kilometern ziemlich genau 8 Stundenkilometer - mit vollbeladenen Booten keine schlechte Leistung! Den Segeln sei Dank! Der Wind blies übrigens die gesamte Zeit mit ziemlich genau sieben bis acht Metern pro Sekunde genau aus Ost - das war deutlich mehr als vorhergesagt - zum Glück!

Ein bisschen überrascht es uns, dass keine anderen Paddler zu sehen sind. Lediglich ein Vater mit seiner ca. dreijährigen Tochter hat ein Zelt auf der Wiese stehen. Sie sind mit dem offenen Holzboot "Fischerei auf Sicht" gekommen. In der Giftbude genehmigen wir uns eine dem Tag angemessene Stärkung: Jörg nimmt Matjes mit Kartoffelsalat, ich Schnitzel mit Pommes - veganfrei!

Die Wettervorhersage für heute hatte neben dem ausgebliebenen Gewitter einiges an Regen im Köcher gehabt. Insgesamt sind über Schleimünde etwa sieben Tropfen niedergegangen - der Rest vermutlich in Pinneberg, wo es die halbe Stadt geflutet hat.

Für die Nacht ist großflächig intensives Gewitter vorhergesagt - der Himmel hat allerdings nichts zu bieten, was darauf hin deuten könnte. Ich liege noch lange wach im Zelt und lausche dem auffrischenden Wind. Mitten in der Nacht spanne ich noch mal das Zelt nach, wobei ich am Horizont tatsächlich Wetterleuchten sehe. Etwas armselig für die dramatische Warnung des Wetterdienstes. In Ungarn haben sie vergangenen Montag die Chefin des Wetterdienstes entlassen, weil sie ein Gewitter für den Nationalfeiertag vorhergesagt hatte, das dann doch nicht gekommen ist. Vielleicht zittern sie beim DWD schon.

Mit den friedenstiftenden gelben Frömsen in den Ohren schaffe ich es, bis halb neun durchzuschlafen. Die Welt, in die ich dann trete, ist noch frisch, so dass ich mir erstmalig die mitgeführte Schlupfjacke übertue. Zum Frühstück soll es Rührei mit Speck geben - wir haben extra bei Aldi noch vier Eier gekauft! Aber wegen der arg unsymetrischen Mengenverhältnisse werden daraus gebratene Speckwürfel, die Spuren von Ei enthalten können. Zusammen mit dem obligaten Müsli schafft das eine solide Grundlage für die Herausforderungen des Tages. Es soll nach Kappeln gehen - Fischbrötchen abgreifen.

Als ich zum Hafenmeister gehe, um für die zweite Nacht zu bezahlen, sind die kleinen zuckersüßen Geschäftsmädels schon bei der Arbeit: die eine bemalt - vollkommen entrückt und in sich versunken - Steine, die andere blickt versonnen in die Gegend und genießt vorwiegend die Nähe ihrer großen Schwester. Ich kann ein schönes handbemaltes Unikat zu einem fairen Preis erstehen. Sie sind zweisprachig unterwegs: auf der einen Seite ihres Pappaufstellers steht ihr Angebot auf deutsch, auf der anderen Seite auf dänisch, so erreicht man ein größeres Publikum.

Es sind nur überraschend kurze sieben Kilometer bis Kappeln. Wir haben uns im Vorfeld etwas Gedanken gemacht, wo wir denn an Land gehen und die Boote unbeaufsichtigt liegen lassen könnten. Vollkommen unnötig, denn am Ort angekommen folgen wir unauffällig dem Ruderboot "Bierchen", das am Steg des Kappelner Rudervereins anlegt. Hier können wir die Boote ruhigen Herzens liegen lassen und uns stadtfein anziehen. Neben dem Pflichtpunkt Fischbrötchen essen, steht noch Bratkartoffeln kaufen auf dem Programm, denn meine Packung liegt noch im heimischen Kühlschrank. Unser schlauer Freund Google hilft uns, ein geeignetes Lebensmittelgeschäft zu finden. Dort gibt es sogar Rotwein, der Jörg so bettelnd anschaut, dass er ihn mitnehmen muss. Nach den Anstrengungen des Pflichtprogrammes ist Kaffee und Kuchen fällig. Heimbs-Kaffee, über den nix drüber geht, und Kuchen mit Sahne!

Für die Rücktour leisten uns die Segel wieder wertvolle Dienste, denn der Wind hat ja - wie vorhergesagt - um 180 Grad gedreht. Während unserer Abwesenheit hat eine wundersame Besiedelung der Öhe stattgefunden: die Jugendgruppe des Arniser Segelklubs ist mit 19 Kindern und Jugendlichen eingefallen und die haben ihre Wurfzelte aufgebaut. Dazu kommen noch ca. vier unterschiedliche Gruppen von Paddlern sowie ein wunderschönes geklinkertes Wikingerboot mit Mannschaft. Die Zeltwiese ist gut belegt, aber es ist längst nicht so gedrängt wie im Segelhafen, wo die Boote schon in zwei Reihen hintereinander und sogar außen an der Hafenmauer festgemacht haben.

Abends genießen wir wieder das große Hafenkino: während man am Tisch vor der Giftbude sein Abendessen oder -getränk zu sich nimmt, kann man herrlich dem Treiben vor und im Hafen zusehen. Geglückten Anlegemanövern und misslungenen, dem Suchen der einlaufenden Segelyachten nach freien Liegeplätzen, den unterschiedlichen Umgang mit Rollfocks oder einfach vorbeiflanierende Menschen.

Für die Nacht war kein Regen vorhergesagt, aber der Himmel war sternenklar. Trotz des stetigen Windes, der die ganze Nacht hindurch geweht hat, sind die Zelte am Morgen ziemlich nass. Wir sind heute früher am Start, denn es gibt etwas zu erledigen: die Heimfahrt will bewältigt sein. Auch die anderen Paddler und die Jugendgruppe wollen zurück, und so herrscht eine rege Geschäftigkeit auf dem Gelände. Kurz nach zehn haben wir unsere Kajaks sorgfältig aufgeriggt und sind startklar. Während ich an der Hafenausfahrt warte, muss Jörg feststellen, dass man alleine wenig bewirken kann, wenn am Rigg etwas nicht stimmt. Er muss noch einmal zurückfahren, weil sich sein Segel unerlaubt um den Mast gedreht hatte.

Ich setze mein Segel erst nach dem Ende der Mole und es entwickelt sofort einen spürbaren Zug. Wir wollen erst einmal deutlich südlicher fahren, als der direkte Weg nach Bülk erfordern würde. So gewinnen wir etwas Höhe gegenüber dem Wind, und wir vermeiden, dass wir wie beim letzten Mal quer durch das Schießgebiet fahren. Die mit uns fahrenden Segelyachten sind kaum schneller als wir, gegenüber einer vorausfahrenden gewinnen wir sogar Raum. Wir hätten schon früher einen Schwenk nach Osten machen können, aber den Triumpf, diese Yacht zu überholen, will ich mir unbedingt gönnen!

Danach geht es mit einem Kompasskurs von 150 Grad genau auf Bülk zu. Der Wind kommt fast genau aus Westen mit ein paar Grad Nord im Köcher. Dadurch entfalten unsere Segel eine gute Unterstützung. Die Navigationsmarken Ehrenmal von Laboe und Kieler Leuchtturm versuchen wieder, uns durch ihre Lage zu verwirren. Aber wir sind im Laufe der Zeit schlauer (oder sollte ich sagen: noch gewiefter?) geworden. Nach ziemlich genau drei Stunden gehen wir unter dem Bülker Leuchtturm an den Strand. Das waren 27 Kilometer mit über achteinhalb Stundenkilometern im Schnitt - das ist ohne Segel mit unseren Booten kaum möglich.

Zwei Yachten im Rennen gegeneinander...
Wir hatten verabredet, dass wir in Bülk entscheiden, ob wir uns hier abholen lassen oder den Rest der Strecke bis zum Klub auch noch auf eigenem Kiel zurücklegen wollen. Alle Beteiligten sind der Meinung, dass da noch genug Zeit und Energie vorhanden ist, um die Sache zu einem runden Ende zu bringen. Und obwohl unser Kurs mit dem Einlaufen in die Förde immer weiter nach rechts dreht, so dass der Wind am Ende sogar eine Frontal-Komponente hat, erzeugen die Segel immer noch eine spürbaren Zug. Das hätte ich nie geglaubt, wenn mir das jemand erzählt hätte.

Was anfänglich nur als Notlösung gestartet ist, hat sich zu einem bezaubernden Wochenende entwickelt, bei dem das Wetter die Vorhersage im besten Sinne Lügen gestraft und uns mit optimalem Wind eine unvergessliche Tour beschert hat! Naja - der Wind hätte gerne etwas stärker sein können - aber man will ja nicht meckern.

Tourendaten hier.

Freitag, 6. November 2020

Corona-Fluchttour

Am letzten Wochenende im Oktober wollten wir eigentlich eine größere Tour unternehmen, aber die Wettervorhersage war alles andere als einladend. Dann kam auch noch der zweite Lockdown dazu, der unsere Möglichkeiten weiter einschränkte. Um überhaupt etwas zu unternehmen, verabredeten Jörg und ich uns zu einer Einweg-Tour von Eckernförde nach Bülk. Das war ja schon ganz nett, aber kein befriedigender Ersatz für eine richtige Tour. Zwar hatten wir immerhin einen Kocher mit, mit dem wir uns den leckeren Birnen-Bohnen-und-Speck-Eintopf aufgewärmt haben, den Jörg vorbereitet hatte, aber Zelt und Schlafsack und deren Anwendung fehlten halt. 

Für das Ende der Woche kündigte sich eine deutliche Wetterverbesserung an, so dass an eine Paddeltour zu denken wäre. Da Jörg den Samstag nicht freimachen konnte, habe ich kurzerhand für den Donnerstag Urlaub genommen, so dass wir wenigstens Donnerstag/Freitag zur Verfügung hatten.

Wohin sollten wir fahren? Dänemark hat seine Grenzen bereits wieder geschlossen, die Halligen lassen keinen an Land und Camping- und Wohnmobilstellplätze sind tabu. Schleimünde könnte gehen - ist ja eigentlich kein Zeltplatz und Wohnmobile sind hier auch eher selten. Ein kurzer Check der Webseite des Hafens - aber die sieht ziemlich verlassen aus. Wir gehen davon aus, dass das Gelände ebenso verlassen ist und keiner sich daran stoßen wird, dass wir hier übernachten.

Unseren Plan, von Bülk los und am nächsten Tag wieder dahin zurück zu fahren, müssen wir fallen lassen: für den Donnerstag ist leider maximal widriger Gegenwind angesagt. Zum Glück erklärt sich Doro bereit, uns nach Lindaunis zu chauffieren, das verwandelt den scheddrigen Gegenwind in eine angenehme Unterstützung.

Der Parkplatz am Noor ist pappenleer und auf den Straßen wenig Verkehr. Zwar müssen wir nur zwei Tage und eine Nacht aus unseren Booten leben, aber es ist Winter und da ist die Ausrüstung immer etwas voluminöser. Trotzdem bringen wir alles in den Stauräumen unter und bekommen die Lukendeckel auch wieder zu. Im Noor ist es noch recht windgeschützt und Strömung geht hier auch nicht. Das ändert sich aber drastisch, als wir lässig in den Durchlass unter der Eisenbahnbrücke einbiegen wollen. Da müssen einige energische Notschläge helfen zu verhindern, dass die heftige Strömung uns gegen die Betonpfeiler spült.

Die Schlei verläuft hier grob in Richtung Ost-Nord-Ost - der Wind kommt genau aus West. Und er kommt heftiger als vorhergesagt und erwartet. Mehr als einmal sind wir dankbar, dass wir uns nicht auf die Keul-und-Klotz-Variante eingelassen haben, uns von Bülk nach Westen zu kämpfen. Und noch häufiger sind wir dankbar für die zahlreichen Surfs, die uns immer wieder in die Nähe der 15km/h-Grenze katapultieren. Auf der Schlei kommen nun mal keine wirklich großen Wellen zustande, aber diese kleinen flachen Wasserbuckel zusammen mit dem Winddruck sorgen für ein zügiges Vorankommen. Völlig unerwartet bietet sich uns hier ein erquickender Spaß.

 
Unterwegs begegnen uns große Schwärme Seevögel, meist Kormorane, Eiderenten oder Graugänse. Mehrmals kreisen zwei Seeadler hoch über uns. Sie fliegen so hoch, dass ich mir unmöglich vorstellen kann, dass sie von dort oben einen Fisch im Wasser erkennen können. Ich vermute, sie genießen einfach wie wir das Segeln und Gleiten im Wind. In Kappeln lassen wir uns einfach treiben und verrichten unsere Pause. Trotz keinerlei eigenen Antriebs treiben wir immer noch mit zwei bis drei Stundenkilometern unserem Zeil entgegen - und das, obwohl das Gewässer hier eher in Nord-Süd-Richtung verläuft.

Als die Schlei nördlich von Kappeln wieder nach Osten abbiegt, haben wir den Wind wieder genau im Rücken. Wir wünschen uns etwas mehr Wassertiefe, die zu etwas höheren Wellen führen würde, nehmen aber die kleinen aber zahlreichen Surfs dankbar und innerlich juchzend an.

Wie erwartet liegt die Lotseninsel von allen guten Geistern verlassen da. Wir bauen unsere Zelte gleich ganz oben im Eck zwischen Mauer und Haus auf, um einigermaßen vor dem immer noch pfeifenden Wind geschützt zu sein. Am westlichen Horizont ziehen gelblich graue Wolken auf, die auf Niederschlag deuten. Zwar hat Jörg extra noch sein Tarp eingepackt, aber Regen im Zusammenspiel mit Wind können die Gemütlichkeit empfindlich beeinträchtigen. Wir sehen uns auf dem Gelände um, ob es alternative Optionen bietet. Alle Gebäude inklusive der Duschen und Toiletten sind natürlich verrammelt. Aber da gibt es ein Gewächshaus, das zwar nicht wirklich winddichte Wände hat - vor allem weil in den Fensterrahmen, die zur Tür verbaut sind, die Scheiben fehlen - aber es hat ein regendichtes Dach und bietet wenigstens etwas besseren Windschutz als ein Tarp.

Da wir durch die günstigen Umstände sehr früh angelandet sind und das Aufbauen der Zelte auch nicht lange gedauert hat (für den Transport unserer Sachen vom Boot zum Zeltplatz haben wir uns zwei herumstehende Schubkarren ausgeliehen), müssen wir erst mal einige Zeit verbringen, bevor wir daran gehen können, unser Abendbrot zu bereiten. Gespräche über dies und das und die Welt und das Überprüfen, wie es um die amerikanische Präsidentschaftswahl steht, nehmen ihre Zeit in Anspruch. Aber es ist nicht leicht, im Angesicht eines leckeren Kohleintopfes nach einem Tag mit reichlich körperlicher Anstrengung aber sparsamer Nahrungsaufnahme den aufsteigenden Heißhunger zu überhören. Um halb sieben erklären wir, dass die Zeit gekommen ist, dem Eintopf zu Leibe zu rücken. Ich muss meinen großen Topf bemühen, bekomme aber nur die Hälfte des Vorrats, den Jörg mitgebracht hat, darin untergebracht. Das Zuschauen, wie der Inhalt warm wird und dabei betörende Gerüche verbreitet, macht die Sache mit dem Hunger nicht einfacher. Zum Glück braucht es aber nicht wirklich lange, bis die Erlösung heiß ist. Und während wir uns über die erste Hälfte hermachen, köchelt die andere Hälfte bereits auf dem Kocher, so dass lückenlos weitergegessen werden kann, nachdem der erste Teller leer ist. Es ist einfach unglaublich, welche Mengen man nach einer Anstrengung an frischer Luft verputzen kann!

Der Betrieb auf der Lotseninsel hält sich in Grenzen. Anfangs liegt noch ein Fischkutter am Außensteg und sortiert Fang und Beifang. Nach Einbruch der Dunkelheit läuft noch eine Segelyacht ein. Sie kommt aus Flensburg und soll nach Rügen überführt werden. Dafür wollen sie morgen bereits um sechs Uhr auslaufen, um den dann noch günstigen Wind zu nutzen. Die Besatzung ist einigermaßen beeindruckt, dass wir unter diesen Verhältnissen hier zelten und wünschen uns eine nicht zu kalte Nacht.

Die Nacht ist aber gar nicht kalt und irgendwann hat auch der fiese Nieselregen aufgehört, der am Abend zuvor eingesetzt und dann nicht wieder aufgehört hat. Zum Frühstück im Gewächshaus gibt es Müsli und ich koche mir meine(*) zwei Eier (das "meine" steht da nur, um Jörg wieder eine Steilvorlage dafür zu liefern, dass er sich jetzt eine Anmerkung erspart!). Das eine Ei wird auf meinem Schinkenbrot verteilt, das andere wandert in eine der zahlreichen Taschen meiner Schwimmweste, um später auf hoher See mit Genuss verspeist zu werden. Nach dem Zusammenpacken unserer Sachen, bei dem uns die Schiebkarren wieder gute Dienste erweisen, müssen wir noch das Gelände und das Gewächshaus wieder so herrichten, dass niemand erkennen kann, dass jemand es zweckentfremdet genutzt hat. Um halb elf sind wir startklar, der Wind hat gegenüber gestern deutlich nachgelassen, kommt aber noch aus derselben Richtung.

Der Wasserstand ist deutlich höher als gestern Abend, was nichts anderes heißt, als dass es in die Schlei hineinströmt. Vor der Hafeneinfahrt schwimmt ein großer Schwarm Kormorane - durchsetzt mit allerlei Möven unterschiedlichen Strickmusters. Sie hoffen vermutlich auf Brosamen, die für sie abfallen, denn fast jeder Kormoran hat einen Fisch im Schnabel oder schon im Hals, wenn er nach seinem Tauchgang wieder hochkommt. Wahrscheinlich hängt das hohe Fischaufkommen mit der satten Strömung zusammen, die von der Ostsee in die Schlei hinein geht.

Als wir aus dem Segelhafen hinausfahren, spüren wir sofort den Zug der Strömung. Um nicht unnötig Kraft zu verbrauchen, fahren wir dicht an die Mole geschmiegt Richtung offene Ostsee. Ich bin nachhaltig beindruckt, mit welcher Geschwindigkeit das Wasser hier entgegen der  Hauptströmung nach draußen drängt: ohne einen Paddelschlag zu tun, werden wir mit acht Stundenkilometern aus der Schlei geschoben! Allerdings nur um hundert Meter weiter mit zehn Stundenkilometern wieder zurückgsaugt zu werden! Das Wasser ist so turbulent mit Pilzen und kleinen Überfallwellen, wie ich es hier noch nie gesehen habe! Das wäre eine prima Übungsstelle, um den Umgang mit turbulentem Wasser zu üben!

 Der Himmel sieht recht vielversprechend aus. Zwar hängen über dem Festland ziemlich dicke Wolken, aber auf der offenen See ist der Himmel strahlend blau. Der  Wind hat gegenüber gestern deutlich nachgelassen, aber die Richtung beibehalten. Die ist ziemlich genau quer zu unserer Fahrtrichtung, so dass der Wind weder großartig hindert, noch dass er hilft. Für die Festlegung unseres Kurses müssen wir erst einmal länglich gegen die Sonne plieren, um in schier unendlicher Entfernung etwas zu erkennen, was wir als südwestliche Begrenzungstonne des Schießgebietes vor Schwansen deuten können. Die Tonne liegt auf einer Kompasspeilung von 150 Grad, aber Jörg kann seinen Kompass eh nicht ablesen, weil die Sonne so blendet.

Ich bin immer wieder überrascht, wie groß dieses Schießgebiet ist und wie lange man benötigt, um es zu passieren. Als wir unsere Orientierungstonne fast erreicht haben, zeigt sich in weiter Ferne genau südlich davon eine weitere Tonne, deren Farbe wir auf die Entfernung natürlich nicht ausmachen können. Und dann ist da in noch größerer Entfernung südöstlich noch so etwas, das man als Tonne deuten könnte. Wir sind uns nicht mehr sicher, ob wir hier wirklich die südliche Begrenzung des Sperrgebietes unmittelbar vor uns haben, oder ob das weitere Tonnenpaar diese Linie bildet. Aber da es einen Umweg bedeuten würde, lassen wir die neu aufgetauchten Tonnen liegen, wo sie sind und fahren weiter einen direkten Kurs auf unser Ziel. Leider musste ich im Nachhinein erkennen, dass das Sperrgebiet gar nicht von nur vier Tonnen eingerahmt wird, sondern von sieben! Und natürlich sind wir dadurch mitten durch gefahren😏. Das kommt davon, wenn Amateure sich aufs Wasser begeben!

Als wir uns auf der Linie Damp-Leuchtturm Kiel wähnen, machen wir eine Pause. Die Doppelstulle, die ich mir dafür geschmiert hatte, passte leider nicht in die dafür vorgesehene Tupperdose. Also musste ich sie mit sanfter Gewalt überreden, darin Platz zu finden. Leider hat der leichte Zwang dazu geführt, dass das Brot total zerbröselt ist und nicht mehr wirklich als Stück zu greifen. So muss ich mir die kleinen Brösel und die Bruchstücke des Käses einzeln in den Mund stecken. Aber bei dem Hunger, den ich habe, ist mir die Form der Kalorien herzlich egal. Die Drift während unserer etwa zehnminütigen Pause beträgt keine dreihundert Meter, was gut ist, denn wir werden genau quer zu unserer Fahrtrichtung abgetrieben.

Mittlerweile haben wir uns auch darauf geeinigt, welche Erscheinungen wir als Kieler Leuchtturm interpretieren und was man für das Ehrenmal von Laboe halten kann. Bei der "Mühle von Laboe" sind wir uns jedoch uneins, und wir müssen noch eine Weile paddeln, bevor wir beide der Meinung sind, dass es sich dabei um den Bülker Leuchtturm handelt. Normalerweise ist der nämlich so gut wie gar nicht zu erkennen, und heute sticht er nur deswegen so prägnant hervor, weil er renoviert wird und eingerüstet ist.

Kurzzeitig sind wir der Meinung, dass wir viel zu früh ankommen werden. Weil unsere Abholgelegenheit erst ab halb vier am Zielort aufschlagen kann, versuchen wir, etwas langsamer zu machen - aber das gelingt uns nicht wirklich gut. Und natürlich ist es auch noch viel weiter, als es aussieht - das werden wir nie lernen. So sind wir noch nicht einmal mit Umkleiden fertig, als Doro schon mit dem Bulli aufkreuzt, um uns nach Hause zu holen.

Ich kann sogar den Luxus genießen, dass ich direkt bei mir zu Hause abgeladen werde, und die beiden mein Boot und meine Ausrüstung, insbesondere meine Schwimmweste, für mich zurück zur Bootshalle bringen. Das hartgekochte Ei in einer der zahlreichen Taschen meiner Schwimmweste wartet immer noch darauf, mit Genuss verspeist zu werden