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Freitag, 1. November 2019

Halloween auf Drejö

Manche Einleitung könnte ich kopieren, weil sich die Ereignisse gleichen: Tour lange Monate im Voraus geplant, dann rückt das Datum näher und schließlich trudelt Trenks Absage ein. "Rüsselseuche" wie er zu sagen pflegt. Scheint ein Abo auf Ende Oktober zu haben. Vermutlich ist Trenk noch geknickter als wir. Meine Befürchtung, dass auch Peter in den Sack hauen könnte, weil so lange Funkstille aus seiner Richtung dröhnte, war aber vollkommen unbegründet: er hatte zwar auf meine Mail geantwortet, die Antwort aber nur an Jörg geschickt! Diese moderne Handy-Technik ist eben für uns alle noch Neuland.

Ich hätte für jede Absage auch Verständnis gehabt, denn die Wettervorhersage war nicht so gestrickt, dass man sich gezwungen sehen musste, auf eine Zelt- und Paddeltour zu gehen. Aber die beiden anderen waren wild entschlossen, so dass ich mir fast etwas fremd vorkam in der Rolle des Bremsers: Wir hatten durch den lutherischen Feiertag zwar vier Tage zur freien Verfügung, aber die Kälte meiner Schleimünde-Tour noch in guter Erinnerung und die Aussicht auf durchgängigen Regen ab dem dritten Tag ließen mich doch darauf drängen, dass wir uns auf die ersten zwei Tage beschränken. Zum Glück war das kein großes Problem für meine verbliebenen Mitfahrer.

Wir treffen uns am Reformationstag um zehn Uhr morgens am Klub - wo bereits eine rege Geschäftigkeit herrscht. Allerhand Paddelbegeisterte wollen ebenfalls den freien Tag für einen Ausflug ins Feuchte nutzen. Natürlich wirkt sich das Getreibe nicht günstig auf unseren Abfahrtstermin aus, denn jeder muss ja mit jedem noch kurz ein Schnäckchen halten.

Was uns allerdings wirklich nach hinten wirft, ist der Anspruch unserer dänischen Freunde, an ihrer Grenze jedem Einreisenden einzeln grimmig ins Auge blicken zu wollen, um dadurch festzustellen, ob derjenige vielleicht illegal Wildschweine im Kofferraum mit sich führt. Wir blicken wie gewohnt unschuldig zurück und werden wortlos durchgewunken.

Erst bin ich etwas irritiert, weil im Hafen von Fynshav praktisch nur deutsche PKW parken. Dann dämmert mir aber, dass heute in Hamlets Reich ja ein furznormaler Arbeitstag ist, und die Deutschen die günstige Gelegenheit des langen Wochenendes nutzen, ihre hier liegenden Segel- und Motorboote winterfest zu machen.

Um viertel nach eins gleiten wir elegant in unsere Boote - unter strahlendem Sonnenschein und bei moderaten Temperaturen. Trotz dieser lieblichen Bedingungen haben wir uns natürlich winterfest eingepummelt. Da meine Borduhr noch auf Sommerzeit eingestellt ist, bin ich auch felsenfest davon überzeugt, dass wir erst in stockdusterer Nacht unseren Zielort erreichen. Und dann wird es eine erkleckliche Zeit unserer Überfahrt schon noch so kalt sein, dass wir froh über unsere mollige Unterwäsche sein werden.

Leider ist der Wind allzu lieblich, so dass wir zwar mächtig schwitzen - aber nicht, weil wir uns so anstrengen! Nur die Hoffnung auf eisige Temperaturen, wenn die Sonne erst einmal weg ist, hält uns aufrecht. Als ich durch eine kleine Nachhilfe meiner Begleiter aber einsehen muss, dass wir praktisch noch mit dem letzten Büchsenlicht ankommen werden, ist ein guter Teil dieser Hoffnung dahin. Nun gut, wir sind harte Männer und nehmen Kummer und Rückschläge stoisch hin.

Als wir die Nordspitze von Ärö genau querab haben, machen wir Pause. Jörg hat den Eindruck, dass wir während dieser Zeit rückwärts treiben, aber tatsächlich schiebt uns der Wind immer noch mit ca. einem Stundenkilometer unserem Ziel entgegen. Dass während unserer Untätigkeit die Wellen an uns vorbeiziehen, verursacht den Eindruck, dass man in der Gegenrichtung treibt.

Der Himmel ist herbstlich blau. Es ziehen Cirren auf, die Vorboten des schlechten Wetters, und es sind erstaunlich viele Chem-Trails zu sehen. Offensichtlich hat die Regierung ihr Programm zur Bevölkerungsreduktion intensiviert. Eine andere plausible Erklärung fällt mir nicht ein.

Nach exakt vier Stunden schrammen wir auf den Sand vor dem Shelter-Ensemble von Drejö. Das sind exakt sieben Stundenkilometer netto, wenn man die Pause abzieht, sogar 7,5. Ich bin immer wieder fasziniert, wie zügig man auch mit vollbeladenen Booten unterwegs sein kann - und dass wir diese Geschwindigkeit auch über einen Zeitraum von vier Stunden halten.

Die Inspektion der Shelter-Anlage fördert erst mal wenig Ermutigendes zu Tage: Ganz offensichtlich sind hier Handwerker zugange, denn keine der Holzhütten hat noch eine Tür, und es riecht auffällig verbrannt. Erst vermuten wir Brandstiftung, schwenken später aber um, dass irgendwelches Pech zur Konservierung der Außenschindeln diesen Geruch verursacht. Dummerweise und absolut nicht nachvollziehbar haben die Handwerker auch noch die Eingangsöffnung durch Anbringen eines Brettes so verkleinert, dass man sich beim Eintreten zwangsläufig die Birne daran stoßen muss. Aber im wesentlichen ist die Küchenhütte intakt, so dass wir unser Abendbrot darin bereiten können. Zur Erhöhung der Gemütlichkeit, bugsieren wir noch ein geeignetes Exemplar des herumlungernden Plattenmaterials vor die klaffende Türöffnung.
Zwischen fauchenden Kochern und vielen Köstlichkeiten, die jeder aus seinem Proviant zaubert, kommt herrliche Behaglichkeit auf. Die wird nur irgendwann empfindlich gestört durch eine auf der Suche nach ihrem Winterquartier irrlichternde Wespenkönigin . "Bsssssss" summt sie über unseren Köpfen herum. "Bsssss" umschwirrt sie Jörgs Nase, "Bssssss" schon sitzt sie auf meiner Hand, "Bsssss" an der Decke - und so fort. Peter hat einige entzückende rosa Teelichter mitgebracht, die verführerisch nach Himbeeren duften. "Bsssrgrmpf!" - eine herrliche Ruhe stellt sich ein!

Da auch die Schlafshelter in keinem benutzbaren Zustand sind, bauen wir in der Dunkelheit noch unsere Zelte auf und ziehen uns irgendwann in sie zurück. Eigentlich ist es wunderbar still, aber die vielen Flugzeuge zum Ausbringen der Chem-Trails verursachen einen solchen Lärm, dass ich mir schließlich doch Ohrenstöpsel reinschraube.

Es war wohl so gegen zehn Uhr, als wir uns gestern Abend in die Schlafsäcke kuschelten. Aber keiner von uns hat Schwierigkeiten, heute Morgen bis acht zu schlafen. Zum Aufwachen geht jeder zunächst einmal eigenen Verrichtungen nach. Ich begleite meinen Teller, der immer noch vom Abendessen vor Fett trieft zum Spülsaum und versuche so etwas wie einen Abwasch. Geht so mittelgut. Das Wasser ist halt arschkalt, so dass mir die Hände fast gefrieren und Spüli habe ich auch keines dabei, so dass das Fett nur wenig beeindruckt wird und ich es allenfalls zu einem gleichmäßigen Film verteilen kann, statt es zu entfernen. Danach halte ich meine Finger vor meinen Mund, um ihnen wieder Gefühl einzuhauchen. Ein Dutzend Meter von mir entfernt tritt ein dänisches Pärchen an den Strand, die beiden legen ihre Handtücher ab, die sie als einzige Bekleidungsstücke noch dabei haben und - stratzen schnurstraks in die Ostsee! Der Anblick lässt mich unmittelbar erschaudern!

Jörg hat vorher mit dem Pärchen etwa folgenden Dialog geführt, als sie über unseren Zeltplatz kamen: "Uih! Ihr zeltet hier? Ist das nicht furchtbar kalt?" "Nö. eigentlich nicht. Und ihr, wollt ihr spazieren gehen?" "Nein, wir wollen baden!" " Uih! Ist das nicht furchtbar kalt?" Es gibt halt verrückte Menschen!

Beim Frühstück weigert sich Peters Kocher beharrlich, seinen Dienst ordnungsgemäß zu tun. Da tritt immer Gas an einer Stelle aus, die nicht dafür gedacht ist. Das sieht nicht gut aus und so sind wir auf meinen Kocher angewiesen. Allerdings hat der keine geeignete Fläche, auf die man Peters Espresso-Maschine stellen könnte. So grummelt und grätzt er eine ganze Weile herum, bis wir eine Lösung finden: Es gibt einen einzigen Haken in dieser Hütte (ein genereller Mangel aller dänischen Shelter: sie bestechen durch Abwesenheit jeglicher Aufhängemöglichkeiten!). Ich platziere meinen Kocher genau unter diesem Haken, und mit dem Zwirn meiner Ahle, die ich seit dreißig Jahren mit mir führe, basteln wir eine Aufhängung, so dass die Espresso-Maschine frei schwebend über der fauchenden Flamme meines Kochers pendelt! So entspannen sich Peters Gesichtszüge zunehmend und wir laufen nicht Gefahr, die Rückreise mit einem grantigen, pausenlos grummelnden Begleiter antreten zu müssen.

Der Wind hat, wie von der Wettervorhersage versprochen, heute Nacht deutlich aufgefrischt und seine Richtung grundlegend geändert. Er bläst mit fünf bis sechs Beaufort eher aus Südost als dem vorhergesagten Südsüdost. Uns soll's recht sein. Allerdings macht er erst einmal das Einsetzen am sandigen Strand etwas schwierig. Wir versuchen, die Skegs so gut es geht ohne Verstopfung durch die Brandung zu bekommen. Aber natürlich klappt das nicht! Peters Finne ist nach dem Start so bombenfest verkeilt, dass Jörg sie nicht lösen kann und ich mit meinem Messer ran muss. Nach dem GPS-Track hat es 2min 57sec gedauert, bis ich das Teil frei bekommen habe. Das hört sich nicht viel an, aber wenn man mal versucht, drei Minuten ohne Sicht unter Wasser mit einem Messer in einem kaum zu ertastenden Skeg-Kasten rumzufummeln, ist das verdammt lange.

Peter ist heilfroh, dass sein kleiner Helfer wieder einsatzbereit ist, denn der Wind steht genau querab und ohne Skeg würde man sich hier zu Tode rudern. Die Vorhersage hatte zehn Meter pro Sekunde aufgerufen, was am oberen Ende des für die Windstärke fünf gedachten Bereichs liegt. Als wir abgelegt hatten, war das Meer auch dementsprechend weiß gesprenkelt. Allerdings frischt es immer wieder deutlich auf und weht mindestens die halbe Zeit mit eindeutigen sechs Beaufort. Ich merke das spätestens, wenn ich versuche zu fotografieren und das Paddel nur mit einer Hand halten kann. Dann ist es schwierig zu verhindern, dass der Wind es in eine ihm beliebige Richtung schlägt.

Die Wellen sind regelmäßig knapp unter einem Meter, aber natürlich viele auch darüber. Das ist deutlich interessanter als das Gleiten über glattes Wasser gestern! Wir fahren zuerst einen deutlich südlicheren Kurs als zum Erreichen unseres Zwischenziels, des Leuchtturms Skjoldnäs, notwendig gewesen wäre. Gesteuerte 240 Grad, aus denen der Wind 260 Grad macht. Dadurch kommen wir eher in den Genuss der Abdeckung durch das Ärö'sche Festland. Auf Höhe von Söby schwenken wir ein und und lassen uns nach Norden schieben.

Am Westende von Ärö gehen wir an den Kieselstrand und machen Pause. Zwar ist die Sonne die ganze Zeit bisher durch den Wolkenschleier zu sehen, aber außer ihrer Positionsmeldung schickt sie keine Wärme herunter. Entsprechend wenig gemütlich ist der Aufenthalt in der Mulde im Gras, in die wir uns gekauert haben, um dem Wind zu entgehen. Bevor wir uns wieder auf die feuchten Socken machen, joggen wir etwas am Strand entlang, um wieder in die Nähe unserer Betriebstemperatur zu kommen. Ich schnalle mir zusätzlich noch meine rote Kapuze über die krassgelbe Mütze, weil letztere nicht gesichert ist und ich die gesamte Fahrt hierher fürchten musste, dass der Wind sie mir vom Kopf weht.

Während unserer Pause ist die 100% elektrische "Ellen" an uns vorübergezogen. Die Fähre will wie wir nach Fynshav. An ihr können wir beobachten, wie sie gefährlich stampft und rollt, was auf richtig große Wellen deutet. Die lassen auch gar nicht lange auf sich warten. Schon bald nach unserer Abfahrt pflügen wir durch Wasserberge, die deutlich höher sind als die, die uns eben zwischen den Inseln begegnet sind. Wir legen unseren Kurs am Anfang auf genau West - also 270 Grad. Wind und Wellen machen daraus allerdings 283. Wären wir konsequent bei diesem Kurs geblieben, wären wir sage und schreibe 550 Meter nördlich der Hafeneinfahrt gelandet. Das finde ich schon ganz ordentlich navigiert! Allerdings entschließen wir uns doch, etwas rigoroser vorzuhalten, als wir den Ort deutlich ausmachen können.

Große Wellen kann man nicht fotografieren!
Ich überlege die ganze Zeit über, ob es nicht eine gute Gelegenheit wäre, hier und unter solchen Bedingungen einmal eine Rettungsübung zu versuchen. Aber so unbeweglich, wie man in den dicken Klamotten und bei den niedrigen Temperaturen ist, finde ich das Risiko für zu hoch. Andererseits denke ich, dass wir ja schließlich unter solchen Bedingungen fahren, und da wir nicht unter allen Umständen davon ausgehen können, dass nichts passiert, müssen wir sicher sein, dass wir eine Rettungsübung erfolgreich abschließen würden. Bei diesen Überlegungen ärgere ich mich auch die Krätze, dass ich mein Funkgerät und auch sonst keine Seenotmunition mitgenommen habe. Wäre Trenk mitgewesen, hätte ich es natürlich eingepackt, allein schon um uns gegenseitig anfunken  zu können, aber so - was soll ich da mit dem Gerät? Und bei der kompetenten Begleitung sind die Raketen doch eh überflüssig. Das stimmt alles, ist aber trotzdem hochgradig unprofessionell, und das ärgert mich.


Einen knappen Kilometer vor der Küste ändern wir unseren Kurs wieder deutlich nach Norden, so dass wir direkt auf die Hafeneinfahrt zuhalten. Damit haben wir die Wellen wieder genau achterlich, das reizt zum Surfen. Aber ein vollbeladenes Boot ins Surfen zu bekommen, ist leider mörderisch anstrengend, besonders am Ende einer durchaus fordernden Tour. Und so trudeln wir eher gemächlich unserem Endziel entgegen. Der angekündigte Wetterumschwung tritt gerade ein: es fängt an zu regnen.

Kleiner Schlenker kurz vor dem Ziel
Keine fünfhundert Meter vor der Hafeneinfahrt signalisiert mir mein peripheres Radar Alarm: Aus den Augenwinkeln sehe ich Peter umkippen! Ich rufe laut, um auch Jörg zu stoppen. Peter versucht noch dreimal, die Situation durch Rollen  wieder zu entschärfen, aber ich sehe, dass seine Position im Boot nicht optimal ist und weiß, dass die Chancen auf Erfolg gering sind. Jörg und ich nehmen ihn in die Mitte und bevor wir uns versehen, sitzt er wieder im Cockpit. Allerdings in Gesellschaft von so viel Ostseewasser, dass sein Süllrand bündig mit der Oberfläche des Kleinen Beltes abschließt. Gemeinsam versuchen wir, sein Cockpit wieder leer zu bekommen. Erschwert wird das dadurch, dass Peters Deckspumpe nicht einsatzbereit ist. So müssen wir die Spritzdecke offen halten, um mit meiner Pumpe zu arbeiten. Zum Glück hatte Peter aber sein Käsebrot in einer großen Tupperdose im Cockpit deponiert, so dass wir die Dose auch zum Schöpfen benutzen können. Derweil schwimmt das Käsebrot einträchtig mit der Cabanossi zwischen seinen Beinen herum. Zwar kommen immer wieder Schwälle von Wasser rein, aber wir schaffen es, den Füllstand so zu erniedrigen, dass Peter wieder ohne Unterstützung die restlichen 400 Meter paddeln kann.

Glücklich an Land
Hinterher war er eigentlich eher erleichtert über das Missgeschick (von dem er gar nicht weiß, wie es passiert ist). Das Wasser war gar nicht so kalt wie befürchtet, und die Funktionsfähigkeit der Hände blieb problemlos erhalten. Aber trotzdem hat der Zwischenfall uns nochmal gezeigt, dass auch unter alten Hasen nie auszuschließen ist, dass es zu einer Kenterung kommt. Umso wichtiger, dann geeignete Signalmittel dabei zu haben!

Sonntag, 4. Februar 2018

Schwentine im Schnee

Schnee war vorhergesagt. Ein bisschen - um 13 Uhr. Und Nordwind - ein lauer Fünfer. Als ich auf dem Weg zur Halle an der Seebadeanstalt vorbei fahre, lässt der Blick auf die Förde nur eine Konsequenz zu: Dichtes Schneetreiben und heftige Reflexionswellen - also: Schwentine! Jörg teilt mir bei Ankunft gleich mit, dass auch er allenfalls auf unserem Rückzugsfluss paddeln wird - keinesfalls aber Richtung Norden auf der offenen Förde. Johanna braucht noch ein bis
zwei Argumente aus den Mündern ihrer Senioren-Begleiter, bis auch sie sich dreinfügt.

Als wir unsere Boote in den Schnee vor der Halle legen, kann man das gegenüberliegende Ufer noch einwandfrei erkennen. Als wir zur Abfahrt fertig sind, steckt alles ab Fördemitte im dicken Dunst des Schneetreibens. Da können wir unmöglich losfahren, und so drehen wird die Boote auf den Kopf und verbringen noch eine gute dreiviertel Stunde mit Diskussionen über die Situation und zurückliegende Ereignisse. Dann ist das Schneetreiben licht genug, dass eine Überfahrt kein unverantwortliches
Wagnis mehr ist.

Allerdings geht schon Wind und seine nördliche Richtung schiebt Wellen zusammen, die nicht unerheblich sind. Das macht keinem von uns Probleme, aber der waagerecht treibende Schnee setzt Jörgs Brille von außen zu und von innen beschlägt sie durch die Kälte. So kann er die heranrauschenden Wellen zwar hören, aber irgendwann nicht mehr sehen. Mehrmals muss er innehalten, um sich wieder Sicht zu verschaffen.

Sich an der Umtragestelle aus dem Boot zu winden, ist mühsam, und Jörg meint, er hätte sich beinahe zwischen Steg und Boot gesetzt - das wäre nicht gut gewesen. Die Schwentine präsentiert sich dann wunderbar verschneit und ruhig. Mit zunehmender Strecke wird die Gegenströmung stärker und wir geben uns redlich Mühe, jedes noch so kleine Kehrwasser auszunutzen. Ich glaube zwar, dass die meisten davon nur eingebildet sind, aber sie helfen trotzdem! Es gibt einige knifflige Stellen, bei denen unglücklich in den Fluss gefallene Bäume die Pfadfindung etwas knifflig gestallten, aber wir kommen überall problemlos durch.

Das letzte Stück vor der Oppendorfer Mühle verlangt uns wirklich alles ab, denn das viele Regenwasser der letzten Wochen und Monate will alles gleichzeitig ins Meer und kommt uns ungeduldig entgegen. So schlage ich vor, direkt hinter der Straßenbrücke unsere Stullen-verdrück-Pause zu machen und uns den Rest bis zum Kraftwerk zu schenken. Hier legen wir unsere obligate Literaturstunde ein, in der wir darüber philosophieren, ob "Über allen Wipfeln ist Ruh" von Ludendorff(*) ist oder von Eichendorff oder doch von Goethe.

*(Nicht, dass hier noch einer auf falsche Gedanken kommt: Ludendorff war General und hat keine Gedichte hinterlassen!)

Johanna merkt während unserer Pause noch an, dass das schwierigste am Fahren auf der Schwentine doch die Zweige sind, die allenthalben in die Strömung hängen und das Fahrwasser arg einengen. Nach der Stärkung freue ich mich, dass wir uns nur noch in der Hauptströmung halten müssen, und dann spült es uns schon ganz von alleine dreiviertel des Wegs nach Hause. Das geht die ersten paar Hundert Meter auf ziemlich gut - bis der Ruf "MATHIAS!" durch das verschneite Tal schallt. Eines der Kajaks hinter mir schwimmt kieloben im Wasser, daneben unsere junge Freundin, die die Sache mit den Zweigen noch mal genauer untersucht hat. Der Klassiker: in schneller Strömung um die Kurve nicht frühzeitig genug in die Strommitte gepaddelt, von einem Ast festgehalten worden, so dass das Boot kippt, stützen ist schwierig, rollen im Geäst noch schwieriger und das eiskalte Wasser tut ein Übriges, die Besatzung im Null-Komma-Nix aus dem Boot zu scheuchen.

Jörg ist bei ihr und assistiert beim Wiedereinstieg. So kann ich mich darum kümmern, die Thermoskanne wieder einzusammeln, die sich alleine stromab auf den Weg gemacht hat. Das Entleeren des vollen Cockpits funktioniert nicht wie gedacht, denn Johannas Pumpe tut nicht, was sie soll. Eingerostet oder so. Ich habe zwar eine zweite, funktionierende dabei, aber wir entschließen uns, einfach ans Ufer zu gehen und die Sache gründlich zu richten. Dort schicke ich Johanna erst einmal in den Wald, um sich warmzulaufen, während ich ihr Boot lenze und herrichte. Zwar hat ihr Trockenanzug dichtgehalten, aber ihre Hände, Füße und der Kopf sind eiskalt. Das Wasser der Schwentine ist im Winter immer noch kälter als das der Förde und dürfte nicht viel über null Grad haben.

Bis zum Klausdorfer Kanuklub sind es zwei bis drei Kilometer stromab, das hält Johanna nach ihrer Aufwärmrunde ohne Weiteres für schaffbar. Dort wollen wir dann sehen und entscheiden, ob wir sie dort deponieren und später abholen, oder ob sie mit uns komplett zurück paddeln kann.

Leider ist es ab nun vorbei mit meinem Traum vom gemütlichen sich mit der Strömung treiben lassen! Johanna paddelt, was das Zeug hält - und wenn ihr nicht warm ist - mir ist es definitiv! Am Klausdorfer Verein herrscht sogar einiger Betrieb, so dass eine Deponierung gar kein Problem wäre, aber Johanna sieht keine Notwendigkeit dafür und will den Rest der Strecke selbst paddeln. Mist - also muss ich bis zum Ende der Strecke keulen!

Zum Glück müssen wir an der Umtragestelle nicht aussteigen und der Wind auf der Förde hat auch etwas nachgelassen. Trotzdem bin ich ziemlich groggy, als ich am heimischen Steg anschlage. Johanna stellen wir gleich unter die warme Dusche, wo sie auch wieder auftaut und durchwärmt. Auch wenn dieser Zwischenfall beileibe kein Drama war, zeigt er doch deutlich, dass eine Schwimmeinlage im Winter sofort eine ernste Notsituation darstellt. Ich hatte früher immer eine zusätzliche Vliesjacke im Boot, ich werde in Zukunft wieder einen Beutel mit kompletter zweiter Garnitur mitnehmen. Nur für den Fall!

Sonntag, 11. August 2013

Nordsee für Neuling 2013: Nachbereitung (3/3)

Die Tour ist gedacht als Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen Erfahrungen im Seekajakfahren auf der Nordsee zu sammeln. Die Zielgruppe sind solide ausgebildete Paddler mit wenig bis keiner Erfahrung auf Tidengewässern aber mit der Bereitschaft, sich auf anspruchsvolle Bedingungen einzulassen.

Neben der reinen Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, möchte ich auch das notwendige Handwerkszeug vermitteln und erwarte, dass es von den Teilnehmern auf der Tour angewendet wird. Daher ist die Vorbesprechung auch nicht als schlichte Informationsveranstaltung ausgelegt, sondern als Arbeitssitzung, auf der für die Tour relevante Fahrtvarianten ganz konkret ausgearbeitet werden.

Für die Vorbesprechung hatte ich alle relevanten Daten und Unterlagen besorgt und mitgebracht. Damit sind wir ziemlich schnell zu einem konkreten Plan für die gestellte Aufgabe gekommen. Nachteilig war, dass nicht alle Teilnehmer zur Vorbesprechung anwesend sein konnten, und dass durch meine Vorarbeit natürlich ein Teil der notwendigen Vorbereitung gar nicht geleistet werden konnte. Auch ist ein einziges abendliches Zusammensein nicht ausreichend, eine komplette Tour hinreichend auszuarbeiten. Eventuell wären länger vorher an die Teilnehmer verteilte Aufgaben besser geeignet, diesen Aspekt nachhaltig zu vermitteln.

Die Fahrt selbst war etwas stark Fahrtenleiter-orientiert durch die Tatsache, dass kein einziger Teilnehmer eine Karte vom Tourgebiet mit sich führte. Dadurch war es quasi nicht möglich, die Führung der Gruppe zeitweilig jemand anderem zu übertragen. Aber erst durch den Zwang, wirklich sicher wissen zu müssen, ob die Erscheinung da vorne nun Habel, Hooge, Hilligenlei oder doch nur ein Seehund ist, erhält man die Gewissheit, dass das theoretisch gelernte auch praktisch angewendet werden kann. Hier muss ich mir in Zukunft definitiv etwas einfallen lassen, sonst ist meine Fahrt nur eine weitere aus der Kategorie "Ich bin nur mit!"

Die Bedingungen waren keinesfalls kritisch, aber auch nicht so außergewöhnlich lasch wie im letzten Jahr. Wir hatten am zentralen Samstag auf der Rückfahrt wie vorhergesagt Windstärke fünf. Die Entscheidung, nicht zur Pallas zu fahren, war absolut richtig und notwendig (übrigens haben alle drei Gruppen, die unterwegs waren und anfangs geplant hatten, zum Wrack zu fahren, diese Idee unabhängig voneinander verworfen). Es gab allerdings keinen alten Schwell und der Wind ging mit dem Strom, so dass die Wellen sich durchaus im Rahmen hielten. Es war aber für die meisten Teilnehmer das raueste, was sie bis dahin erlebt hatten. Insofern also genau richtig, entweder ein Vorankommen zu bewirken oder erkennen zu lassen, dass hier eine Grenze liegt, die man nicht überschreiten kann oder will. In jedem Fall ist der Respekt vor dieser Windstärke zurückgekehrt, den man leicht verlieren kann, wenn man sie immer nur auf der Förde oder ähnlich geschützten Gewässern erlebt.

Das zentrale Ereignis, die Kenterung am Samstag nachmittag, hat der Tour außerdem eine besondere Note verliehen. Ich bin überaus dankbar für diesen Zwischenfall, denn er hat eine Fülle von Erkenntnissen unverlierbar in die Erinnerung gebrannt, die man zwar auch vorher schon kannte, aber nicht so wirklich ernst genommen hat. Zuerst gilt Sven absoluter Respekt, dass er wirklich ohne mit der Wimper zu zucken den Rettungsvorgang eingeleitet hat. Es war gut, dass ich gleich dazu gekommen bin, aber Sven weiter machen lassen habe. Sonst hätte es auch hier nur "Ich bin nur mit!" geheißen. Danach habe ich die beiden Akteure im Rücken gehabt, weil ich versucht habe, das Päckchen an der Kabbelzone vorbei zu schleppen.

Die zweite Kenterung ist ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass sich noch zu viel Wasser in Brittas Cockpit befand. Wer einmal versucht hat, ein volles Cockpit mit einer Handpumpe zu leeren - während die Nordsee versucht, es mit jeder Welle wieder aufzufüllen - weiß, wie sehr das anstrengt und wie sehr man geneigt ist zu sagen: "Das Cockpit ist leer.", nur weil man keine Kraft mehr hat, weiter zu pumpen. Daher müssen sich zum einen die beiden Beteiligten beim Pumpen unbedingt abwechseln. Der nicht Pumpende muss versuchen, das Cockpit so gut es geht mit der Spritzdecke abzudecken und am Ende müssen beide überzeugt sein, dass das Cockpit leer ist. Auch ohne schwabbelndes Wasser im Boot ist ein einmal Gekenterter nicht mehr so sicher in der Hüfte wie vor dem Reinfall.

Als ich bei dem zweiten Ausstieg beschloss, meine Schleppleine klar zu machen, musste ich einsehen, dass sie hinter meinem Sitz nicht optimal gelagert ist. Ein Schleppgurt gehört um den Bauch! So musste ich erst mein Paddel aus der Hand legen, meine Spritzdecke öffnen, den Gurt hinter dem Sitz hervorkramen und unter den Decksgummis sichern, die Spritzdecke wieder schließen, den Gurt umlegen und in die Schnalle fummeln - um dann erst den Karabiner zwischen die Zähne zu nehmen! Das kostet unendlich viel Zeit und die anderen äußerten später ihr völliges Unverständnis darüber, wie ich das bei dem Seegang überhaupt bewerkstelligen konnte.

Mit dem Karabiner im Mund bin ich dann hurtig zu Svens Boot und habe ihn in die Vorleine eingehakt -
natürlich von unten! Doch als ich lospaddele, stellt sich kein Zug ein. Stattdessen ruft Sven nur, dass die Leine los sei. Vollkommen ungläubig ziehe ich das Schleppgeschirr ein und muss feststellen, dass die Sperrklinke nach dem Einhaken nicht zurückgesprungen sondern in ihrer geöffneten Stellung stehengeblieben ist. Auch bei "hurtig" muss also soviel Zeit sein, dass man überprüft, ob der Karabiner auch geschlossen ist. Zweiter Versuch, Karabiner geschlossen, losgepaddelt, Zug kommt auf und - zack, kein Zug mehr zu spüren. Abermals ratlos fische ich meine frei im Wasser schwimmende Schleppleine aufs Boot. Die Erklärung für das abermalige Fehlen finde ich erst später an Land: Ich hatte die Leine an einer der beiden an die Tasche genähten Gurtschlaufen befestigt. Der Stoff konnte natürlich dem gewaltigen Zug, den zwei angehängte Kajaks verursachen, nicht standhalten. Das hätte man vorher wissen können - wenn man sich gewissenhaft Gedanken gemacht hätte. Nun weiß ich es für alle Zeit. Zum Glück habe ich die kurze Schleppleine vorne auf dem Boot, so dass ich das eingeholte Ende der langen in deren einen Karabiner einhaken kann.

Das Schleppen ging ganz passabel. Zwischendurch hat auch Sabine noch eine recht kurze Schleppleine direkt an einem der beiden passiven Boote befestigt. Das war aber nicht hilfreich, weil ich weder sehen konnte, was vor sich geht, noch konnten wir uns koordinieren. Sie selbst hat es mehrfach der Gefahr des Kenterns ausgesetzt, weil der Zugunkt bei ihr  recht hoch lag und sich das Seil immer sehr ruckartig straffte. Dieses Rucken war auch bei Betzi und mir ein großes Problem. Wir sind schon ausgesprochen vorsichtig gefahren, um keine große Geschwindigkeitsdifferenz aufzubauen, und trotzdem riss es uns fast aus unseren Cockpits, als sich einmal beide Schleppseile gleichzeitig strafften. Wir hatten beide eine Ruckdämpfung in unserem Schleppgeschirr, waren aber erstaunt, wie wenig die bewirkt. Auch bei Betzi lag übrigens der Zugpunkt recht hoch. Wenn der Zug dann auch noch seitlich kam, war nur eine solide Stütze ihre Rettung.

Die Kenterung fand bei auflaufender Tide etwa fünfhundert Meter vom Jappsand entfernt bei einer Wellenhöhe von 60 bis 70 Zentimetern statt. Das Wasser war etwa neunzehn Grad warm. Selbst bei deutlich weniger Kompetenz kann man so eine Situation kaum als bedrohlich bezeichnen. Bei einer Wiederholung unter ähnlich günstigen Bedingungen würde ich versuchen, mich selbst komplett aus der Rolle des Agierenden heraus zu halten und stattdessen die Tourteilnehmer stärker in die Pflicht zu nehmen. Das erfordert eine wache Rezeption und Reflexion. Schon Sven die Regie beim Wiedereinstieg zu überlassen, kostete mich einige Zurückhaltung. Zwar waren zunächst alle Unbeteiligten genug damit beschäftigt, selbst aufrecht zu bleiben, trotzdem glaube ich, dass es insgesamt besser gewesen wäre, wenn ich mich darauf beschränkt hätte, die Sache zu koordinieren und zu überwachen. Es hätte viel stärker der Intention der Tour gedient, den Teilnehmern Wissen und Praktiken zu vermitteln als ihnen einfach nur ein schönes Erleben zu präsentieren.

Dieselbe Welle übrigens, die Britta aus dem Boot befördert hat, schob Klaus-Peter auf das in diesem Moment quer zu ihm fahrende Boot von Michael. Klaus-Peter fiel in Richtung auf Michaels Heck und konnte wegen der Enge nicht gescheit stützen. Ich hatte ihn schon im Wasser schwimmen gesehen, doch er griff geistesgegenwärtig das Heck von Michaels Boot und richtete sich dann wieder auf. Mit einer weiteren Person im Wasser wäre die Situation schon spannender gewesen, denn dann hätten sich zwangsläufig weitere Teilnehmer an der Rettung beteiligen müssen. Wäre dann auch noch Michael durch Klaus-Peter umgerissen worden, wäre ich bestimmt angefangen, nervös zu werden...


Freitag, 9. August 2013

Nordsee für Neulinge 2013: Der nasse Teil (2/3)

Freitag. Trotz einer konzertierten Aktion einiger Straßenbau-Terroristen, die nahezu alle Möglichkeiten, den Nord-Ostsee-Kanal zu queren, vereitelt hat, schaffen wir es eine halbe Stunde vor der geplanten Zeit in Schlüttsiel einzutrudeln. Das Packen dauert einfach immer eine Stunde - das kann man als Naturkonstante betrachten - aber das Wasser steht bei unserer Abfahrt noch deulich höher als zur gleichen Begebenheit im letzten Jahr. Zwar gehen auch die Wellen höher als letztes Jahr, aber das ist weder ein großes Kunststück noch ein Problem: damals herrschte absolut flaches Wasser, heute eine leichte Brise, die nicht einmal Windstärke drei erreicht. Wir fahren gemütlich aber zügig in die Abendsonne hinein immer am Tonnenstrich entlang.

Die Strömung sorgt für eine hohe Geschwindigkeit, ohne dass wir uns anstrengen müssen. Da, wo der GPS-Track rosa wird, sind wir schneller als zehn Stundenkilometer, wo er richtig rot wird, liegen wir über 12 km/h. Kurz vor Hooge lasse ich die Gruppe von der roten zur grünen Fahrwassertonne fahren. Das geht exakt quer zur Strömungsrichtung - prompt fallen wir auf unsere selbstgemachten sieben Stundenkilometer zurück. Doch das ist es nicht, was man bei dieser Aktion merkt und worauf es mir ankommt. Erst wenn man nicht mehr mit der Strömung fährt und man einen nahen Fixpunkt hat, merkt man, welche Macht die Strömung hat und wie sehr sie die Fahrt beeinflusst.

Unsere frühe Abfahrt und das schnelle Vorankommen bescheren uns einen leidlich komfortablen Wasserstand bei der Ankunft am Hooger Segelhafen. Die Wiese direkt hinter dem Deich ist mit großzügig darüber verteilten Zelten recht gut belegt, so dass wir das Grün direkt unter dem Seglerheim zu unserer vorübergehenden Heimat erklären. Hier hat auch Trenk bereits vor Stunden mit seiner kleinen Gruppe sein Lager aufgeschlagen.

Abfahrt Schlüttsiel 18:30 Uhr
Ankunft Hooge 20:45 Uhr
Samstag. Die Wettervorhersage hat sich seit gestern nicht großartig verändert. Es soll ein Wind mit sieben bis acht Metern pro Sekunde gehen, und die Wellenhöhe ist mit bis zu einem Meter vorhergesagt. Das sind keine Bedingungen, bei denen man mit wenig erfahrenen Paddlern zum Wrack der Pallas fährt. Trotzdem bleibt der avisierte Zeitplan mit dem frühen Aufstehen gleich, egal wohin die Reise geht. Das Ziel ist auch nicht so entscheidend - viel wichtiger ist, bei Nordsee-typischen Bedingungen auf dem Wasser zu sein und die Elemente und ihre Kräfte zu erfahren. Von Hooge wird man praktisch von alleine bis zur Spitze von Jappsand gesaugt. Während unserer kurzen Pause dort schwimmen ständig drei recht kleine Seehunde vor dem Sand herum und beäugen uns neugierig. Vor hier aus müssen wir nun das Rütergatt quer zur Strömung passieren, um zum Kniepsand zu gelangen. Die Sicht ist gut, auf der zu querenden Wasserfläche sind hier und da ein paar Tonnen zu sehen, da ist die Navigation auch ohne GPS ganz einfach. Ein kurzer aber heftiger Regenschauer trübt nur kurz die Sicht, danach ist der Wind deutlich zurückgegangen.

Ich versuche zwischendurch immer wieder den Blick auf die kleinen scheinbar unscheinbaren Dinge zu lenken, die einem erlauben, diese Welt genauer zu erkennen, ihre Geheimnisse zu erahnen: Dass die Oberfläche des Wassers die Tiefenänderungen verrät, die Neigung der Tonnen  Strömungsrichtung und -stärke und die Wolken den Wind. Dass die Tatsache, dass nach dem heftigen Schauer der Wind völlig einschläft, den Beginn eines neuen Wetterabschnittes bedeutet, der  vollkommen andere Verhältnisse mit sich bringen kann. Wenn man das zum ersten Mal hört und sieht, wird es einem nicht viel sagen. Aber wenn man immer mal wieder darauf gestoßen wird, entwickelt mancher vielleicht eigenes, tieferes Gefühl für diese Welt. Als wir schließlich das äußerste Südwestende des Kniepsands erreichen, sind die brechenden Wellen, die dort durch die zusammenlaufenden Strömungen über den flachen Grund gepresst werden, für jeden ganz offensichtlich als Störung der Regelmäßigkeit zu erkennen.

Unsere Spur ist auch ohne GPS leidlich gerade, obwohl wir den nicht unerheblichen Strom genau seitlich haben. Wir halten sicherheitshalber deutlich zuviel vor und schwenken genau nach Westen, nachdem der Querstrom spürbar nachlässt. Wir haben viel Zeit, denn Hochwasser auf Hooge ist erst um halb fünf und mehr als maximal drei Stunden können wir für die Rückfahrt kaum verbrauchen. So fahren wir bis Höhe Süddorf, wo sich einiges Leben am Strand etabliert hat - sogar ein Kino wir hier vom Kiosk betrieben! Wir trinken Kakao und machen uns auf zu einer ausgiebigen Wanderung durch die Dünen. Sabine macht uns heiß auf eine Vogelkoje, die es hier zu sehen geben soll - ist sich aber nicht hundert prozentig sicher. Also fragen wir einige der Entgegenkommenden, die wir an ihrem urigen Aussehen eindeutig als Eingeborene identifizieren, nach Details. Leider sprechen sie entweder kein Deutsch, oder sie sind das erste mal und erst seit zwei Stunden auf der Insel :-/

Das Inselinnere ist furchtbar idyllisch und lädt zum Schlendern, Schauen und Auskuppeln förmlich ein. Wir wundern uns etwas über den deutlich verhaltenen Betrieb, schließlich ist Samstag und später Vormittag. Aber am Strand bei der Wasserwacht stand ein Schild: Badezeit 14 bis 16 Uhr - vielleicht strömen dann die Massen und füllen die gefühlten 10.000 Fahrradständer. Im reetgedeckten Cafe, dass sich schüchtern zwischen die Dünen duckt, essen wir Kartoffelpuffer mit Apfelmus.

Zurück am Strand zeigt der neue Wetterabschnitt seinen Charakter: Es hat deutlich aufgefrischt. Heute morgen hatte ich noch vage Hoffnungen auf eine ordentliche Brandung auf dem Kniepsand, aber bei unserer Ankunft lag die Wellenhöhe irgendwo unterhalb einer Handbreit. Was sich uns da nun präsentiert, ist zwar noch keine nenneswerte Brandung, aber das Ablegen ist nicht mehr trivial und man bekommt wenigstens einen Eindruck, dass es auch ganz leicht schwierig werden kann.

Die Wellenhöhe liegt nun bei 60 bis 70 Zentimetern und wenn die Kameraden gerade im anderen Tal sind, könnte man höchstens noch ihre Paddelspitzen sehen - wenn nicht bei fast allen mit Zunahme der Wellenhöhe der Paddelstil an selbiger verlieren würde. Außer mir hat kein weiterer Teilnehmer eine Seekarte dabei. Daher übernehme ich komplett die Vorgabe der Richtung, in die wir paddeln. Der Versatz durch den quer zu unserer Fahrtrichtung nach Südwest gehenden Tidenstrom ist wieder beeindruckend. Die Tonnen, bei denen ich weit im Voraus angebe, auf welcher Seite wir sie passieren sollten, wollen einfach nicht kooperieren und tun alles, damit meine Vorgabe nicht eingehalten werden kann. Trotzdem kommen wir mit Beharrlichkeit auf erstaunlich gerader Linie voran. Der Wind hilft uns, indem er schiebt.

Diese Hilfe mag gut gemeint sein, wird aber nicht von allen entsprechend goutiert. Während sich Sabine gleich nach dem Ablegen von Kniepsand auf die Suche nach günstigem Winkel und Wellen zum Surfen macht, duckt sich manch anderer in seinem Cockpit und blickt konzentriert nur noch nach vorn. Um für mehr Stabilität und Kohäsion zu sorgen, habe ich direkt nach dem Start die Gruppe zu Pärchen geordnet. So muss ich nicht mehr acht Einzelpaddler im Auge behalten sondern nur noch vier Zweiergruppen. Außerdem fühlt es sich besser an, wenn jeder weiß, dass da ein anderer ein Auge auf ihn hat - auch wenn dieser andere genauso viel mit sich zu tun hat, wie man selbst. Auch die Tatsache, dass die anfangs eingeteilten Pärchen tatsächlich ständig dicht beieinander bleiben, macht klar, dass so gut wie alle hier im Konzentrationsmodus fahren.

Als wir uns Jappsand nähern, sieht man ein Gebiet mit schäumenden Wellen, die sich an dem Flach nördlich davon brechen. Da will niemand durch und ich peile das tiefe Wasser zwischen den beiden Sänden an. Aber wir kommen nicht um die Tatsache herum, dass hier das Wasser insgesamt flacher wird, die aus dem Tiefen kommenden Wellen hier also steiler werden. Ich sehe mich immer wieder um, um zu überprüfen, wie die Gruppe damit zurechtkommt. Die Augen in den Gesichtern sind hellwach, die Paddel meist als Heckruder und zur seitlichen Stütze eingesetzt. Unterhaltungen gibt es nicht mehr, meine Einwürfe "Sieh mal, da voraus ist es flach. Das sieht man prima an den dort brechenden Wellen!", werden nicht mehr wirklich wissbegierig aufgenommen - aber es besteht kein Grund zur Sorge. Auch wenn ich hier mit auf der Nordsee kaum erfahrenen Paddlern unterwegs bin, sind sie solide ausgebildet und können ausdauernd paddeln.

Leider können wir in unserer Ausbildung hohe und brechende Wellen nur sehr unzureichend berücksichtgen. So ist Britta mit einer Welle, die ihr über die Schulter bricht, überfordert und kentert. Sven, der andere Teil ihrer Zweiergruppe, ist sofort bei ihr und leitet den Wiedereinstieg ein. Ich weise die anderen an, dicht zusammen und am Geschehen zu bleiben. Als ich sehe, dass Sven Schwierigkeiten hat, in den hoch gehenden Wellen das Gleichgewicht zu halten, trotzdem Britta an seinem Bug hängt, breche ich diesen Teil des Standardplanes ab. Spätestens wenn er anfängt, mit dem schweren Boot zu hantieren, würde er vermutlich auch ins Wasser fallen. Und selbst wenn er es schaffen würde, das Boot zu leeren, die Wellen würden es ohne Schwierigkeiten wieder auffüllen. während Britta den Wiedereinstieg macht.

Die Situation ist anspruchsvoller als im Schwimmbad, es ist ein Segen, dass die Schwimmerin eine Rettungsweste trägt und zum Glück ist das Wasser warm. Unser gutes Training zahlt sich aus und so sitzt Britta bald wieder im Boot. Doch nun kommt der schwierigere Teil: Außer ihr ist da noch jede Menge Nordsee im Cockpit - und die muss raus. Die Nordsee! Ich hatte die Boote während des Einstieges stabilisiert und mit dem Bug in die Wellen gehalten, nun lege ich meine kurze Schleppleine an und beginne beide zu ziehen, damit wir nicht in das Gebiet mit den schäumend brechenden Wellen driften. Betzi ist so geistesgegenwärtig, ihre Schleppleine fertig zu machen und damit mein Boot zu ziehen. Allein ihrem Einsatz können wir verdanken, dass unser Verband in gemäßigteren Gefilden geblieben ist. Irgendwann sagt Britta zu Sven, dass das Cockpit leer genug sei und sie nun wieder alleine weiter paddeln könnte. Ihre Alleinfahrt dauert aber nur wenige Sekunden - es war doch noch zuviel Wasser im Schiff. Auch der zweite Einstieg verläuft reibungslos. Während des erneuten Pumpens mache ich meine lange Schleppleine klar und zusammen mit Betzi ziehen wir beide Richtung Hooge. Dieses Mal nimmt Britta sich mehr Zeit mit dem Lenzen und als wir den Schleppverband dann auflösen, legt sie den Rest der Strecke mit durchgängig erhobenem Haupt zurück. Auf Hooge veschwindet sie erst einmal für eine Stunde unter die heiße Dusche.

Abfahrt Hooge 7:30 Uhr.
Ankunft Jappsand-Nordspitze 8:00 Uhr
Abfahrt Jappsand-Nordspitze 8:15 Uhr
Ankunft Kniepsand Höhe Süddorf 10:15 Uhr
Abfahrt Kniepsand Höhe Süddorf 12:15 Uhr
Ankunft Hooge 14:30 Uhr
Hooge ist nicht Hooge ohne einen Besuch im Friesenpesel. Dieser Pflichtpunkt ist heute abend fällig. Es ist Sommer und wir sind kernige Bürschchen und Mädels - also sitzen wir draußen. Trenk und seine Gruppe ziehen eher das düstere Innere des Hauses vor. Warmduscher! Die immer gleiche Bedienung ist heute seltsam aufgeräumt und ständig am Herumhüpfen - das Salzlamm schmeckt lecker wie eh und je.

Sonntag. Nach der Vorhersage von gestern abend bestand die Möglichkeit, dass der Wind am frühen Nachmittag sprunghaft und deutlich auffrischen könnte. Nach unserem ursprünglichen Plan - kurz nach Mittag in Hooge los und durch die Süderaue nach Schlüttsiel zurück - hätten wir genau zur halben Zeit mitten auf freiem Wasser Windstärke sechs gehabt. Das wäre nicht ohne gewesen und nach den Eindrücken vom Vortag kam bei niemandem ungetrübte Freude über diese Aussicht auf. Also habe ich den Plan geändert: Statt bei auflaufendem Wasser so früh wie möglich los, würden wir bei ablaufendem Wasser so spät wie möglich los. Statt bei hohem Wasser durch die offene Süderaue würden wir bei niedrigem Wasser durch das geschütztere Langeness-Fahrwasser fahren. Und statt mit neun Paddlern würden wir nur zu siebt fahren: Britta und Klaus-Peter haben sich entschlossen, mit der Fähre zurück zu fahren.

Eigentlich hätte der Sonntag mit langem Ausschlafen beginnen sollen, aber mit dem geänderten Plan müssen wir schon wieder um sechs aus den Federn. Das hat allerdings den Vorteil, dass wir unsere gesamte Ausrüstung vollkommen trocken in die Boote verpackt bekommen, denn der Regen setzt erst ein, als wir quasi abfahrbereit am Deich stehen. Den Schauer wettern wir im Schutz des Seglerheims ab - wir haben eh viel zuviel Zeit.

Auch während der Überfahrt nach Langeness können wir wieder das Vorhalten üben und die Wirkung der Abrift studieren. Zu meiner Überraschung steht auf der ersten Sandbank vor dem Langeness-Fahrwasser noch so viel Wasser, dass wir problemlos darüber fahren können, auf der zweiten steige nur ich aus, bin beim Waten aber nicht schneller, als die anderen, die sich paddelnd durch das flache Wasser quälen.

In der Rixwarft ist mal wieder ein heißer Kakao bzw. Kaffee fällig und dann brechen wir zu einer ausgedehnten Wanderung über den Westteil der Insel auf. Der Leuchtturm Nordmarsch wird besucht und ebenso der alte Hafen. Man hat hier einen herrlichen Blick auf die immer weiter aus dem Wasser ragenden Sände. Föhr ist zum Greifen nahe und Amrum auch nicht viel weiter weg. Der Spaziergang hat schon gut Zeit verbraucht, aber als wir bei unseren Booten zurück sind, läuft das Wasser immer noch ab. Wir suchen uns jeder eine Muschel oder einen Stein dicht an der Wasserkante und versuchen mittels dieser Marke heraus zu bekommen, wann denn der Tidenkipp einsetzt.



Als es dann kurz vor zwölf eindeutig soweit ist, rutschen wir das kurze Stück über den nun frei liegenden Schlick ins Wasser. Wir wollen gaaanz gemütlich zurückfahren, um nicht zu früh ins Schlüttsiel zu sein. Aber Wind und Strom machen uns einen Strich durch die Rechnung: Die Wellen sind heute so gutmütig, dass man einfach gar nicht langsam fahren kann. Alle versuchen, ins Surfen zu kommen, keine Spur von Konzentrationsmodus - eindeutig Spaßmodus! Nach nicht einmal zwei Stunden laufen wir in den Hafen ein, wo wir zu meiner Überraschung bereits so viel Wasser vorfinden, dass wir den Steg der Segelboote erreichen und damit aussteigen können. Das ist bestimmt dem bereits tagelang herrschenden Westwind geschuldet, der das Wasser hereingedrückt hat.

Während wir unsere Sachen zusammenpacken, frischt der Wind tatsächlich spürbar auf und das Wasser draußen ist voll weißer Schaumkronen. Unsere Planänderung ist also voll aufgegangen!

Abfahrt Hooge 8:10 Uhr
Ankunft Anleger Rixwarft: 9:05 Uhr
Abfahrt Anleger Rixwarft:11:55 Uhr
Ankunft Schlüttsiel: 13:45 Uhr