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Sonntag, 1. Juni 2025

Himmelfahrt in der Südsee

Eigentlich... 

Ja eigentlich. Wenn man mal überlegt, wieviel im Leben "eigentlich" ganz anders hätte laufen sollen, könnte man meinen, dass man gar keine wirkliche Kontrolle über den Lauf seines eigenes Lebens hat. Stattdessen passiert immer irgend etwas "eigentlich" gar nicht gewolltes, was sich dann aber in der Summe "mein Leben" nennt.

Eigentlich hätte ich also Pfingsten mit Elke zusammen eine ausgeschriebene Tour durch die Dänische Südsee führen sollen. Aber da gab es zu wenig Meldungen, so dass sie abgesagt werden musste. Aber sowohl für Elke als auch für mich stand fest, dass wir ein fürs Paddeln freigeräumtes Wochenende nicht so leicht aus der Hand geben würden. Elke fragte kurzerhand bei sich im Verein nach Interessenten für eine Begleitung, und ich hab Jörg gefragt. Der war auch gleich begeistert, musste dann aber wegen eines Trauerfalls in der Familie doch zurückziehen.

Die Bremer reisen bereits am Mittwoch vor Himmelfahrt an und übernachten auf dem Zeltplatz Naldmose - ich komme Donnerstag Morgen, wähle den Segelhafen von Fynshav als Startort und parke mein Auto dort. Ich versuchen noch, jemanden zu finden, dem ich irgendeine Parkgebühr aufdrücken kann - aber da ist niemand. 

Elke kontaktiere ich per Funkgerät und erfahre, dass sie und ihre Gruppe etwa zur gleichen Zeit wie ich auf dem Wasser sein werden. Weil mir beim Packen im windstillen Hafen so bärig warm geworden ist, starte ich zuerst ohne Paddeljacke, lege sie aber noch bevor ich den Fährhafen passiere an. 

Direkt danach sehe ich die Gruppe, es sind sieben Paddler. Elke und Frauke kenne ich bereits, und ich freue mich, sie wiederzusehen. Der Plan ist, bis zum Ostende von Avernakö zu fahren und vorher kurz auf Lyö Pause zu machen. Der Wind weht eher lustlos aus westlicher Richtung - mit so zwei bis drei Beaufort. Wie so häufig leider deutlich weniger als anfangs versprochen.

Während unserer Pause auf Lyö zeigt sich ein wunderschöner Halo, der die Sonne zu 360 Grad umschließt. Einen so vollständigen Halo mit einem so großen Radius habe ich tatsächlich noch nie gesehen. 

Beim Vorbeifahren an Avernakö muss ich feststellen, dass die Küstenlinie eine enorme Anziehungskraft auf Paddler ausübt - während ich eher geneigt bin, in gerader Linie auf das Ziel zu fahren, schmiegen sich die anderen recht dicht ans Ufer. Früher habe ich das auch getan, aber mittlerweile hat das Ufer seine Anziehungskraft auf mich verloren. Ich habe ein Segel dabei und bringe es hier zum Einsatz. Im Wesentlichen, um immer mal wieder den Umgang damit zu üben. Der Wind ist nicht wirklich so, dass man ohne Paddelunterstützung auskäme, aber so besteht auch keine Gefahr, dass mich das Segel den anderen davonzieht.

Unser erster Übernachtungsplatz ist der primitive Zeltplatz am Ostende von  Avernakö. Ich denke kurz nach, wann ich hier das erste Mal übernachtet habe - und muss feststellen, dass das genau 30 Jahre her ist. Da waren einige Teilnehmer dieser Tour knapp geboren! Am Himmel schieben sich bizarre Wolkenfetzen zusammen, was für baldigen Niederschlag spricht. Der ereilt uns auch tatsächlich, als wir unser Abendessen bereiten und einnehmen wollen. Aber er ist nicht so massiv, dass er uns von unserem Vorhaben abbringt. Außer uns bevölkern nur noch zwei junge Dänen in einem skurrilen Spitzzelt den Platz. Aber die genügen sich selbst und sind nicht besonders an Kontaktaufnahme interessiert. 

Vor der ehemals legendären Toilette sind die Büsche in den vergangenen 30 Jahren leider so hoch gewachsen, dass man bei Verrichtung seines Geschäftes leider keinen Meerblick mehr genießen kann. Trotzdem ist es eine Wohltat, so ein Örtchen zur Verfügung zu haben. Man könnte vielleicht noch eine zweite Tisch-Bank-Kombi aufstellen, denn der Platz ist groß genug und wird häufig auch von größeren Gruppen genutzt.

Das Wetter am nächsten Tag ist trocken, leidlich warm und bietet etwas Wind - aus westlicher Richtung. Auch wenn es paradox klingt, aber er kommt uns quasi entgegen, denn wir wollen nach Osten - nach Skarö. Das ist nur ein knappes Dutzend Kilometer entfernt und mit der Unterstützung des Windes sind die schnell zurückgelegt. Manchesmal kommt mancher sogar ins Surfen!

Leider müssen wir im den langen Sandhaken von Skarö herum und dann praktisch gegen den Wind in den Hafen einlaufen. Hier sieht man doch, dass Gegenwindpaddeln bei den meisten nicht zur Lieblingsdisziplin gehört und man froh ist, dass es nur eine recht kurze Strecke ist. Während wir uns auf den Strand östlich des Fähranlegers zuarbeiten, kreuzt ein Schweinswal unseren Weg.

Die beiden Trolley, die der Camping-Platz von Skarö zur Verfügung stellt, leisten uns wertvolle Dienste. Es sind immerhin gute zweihundert Meter vom Strand bis zur Zeltwiese, und mit den Gefährten kann man die vollbeladenen Boote im Handumdrehen dorthin rollern. Ich bin immer wieder angetan davon, wie gut in Schuss und in Stand alles auf dem Campingplatz ist. Der Rasen ist gemäht, der alte Toilettenwagen durch zwei moderne Container ersetzt und der umgebaute Schweinestall - ein Traum! Kühlschrank, Kamin, Herd, jede Menge Bänke und Tische und eine prima Rundumsicht nach draußen. Und alles picobello sauber! Hier kann man notfalls den Weltuntergang abwettern! Lediglich der Preis ist gestiegen und beträgt nun 150 Kronen pro Nase und Nacht. Aber das ist m.E. durchaus angemessen, früher war er eher zu billig!

Weil ein knappes Dutzend Kilometer kein Programm für den ganzen Tag bieten, müssen wir noch etwas unternehmen. Als erstes ist ein Gang zum Cafe fällig, wo es das weltberühmte Skaröer Eis gibt. Das ist wirklich oberlecker - auch wenn sie leider die Sorte Malagga nicht führen! Danach müssen wir die Kirche besuchen, dann zum Südstrand und schließlich den Westteil der Insel umrunden. Das ist nicht ganz einfach, und man muss etwas über glibschige Steine klettern, so dass einige den Expeditionsteil der Tour über eine Wiese umgehen. Beide Gruppen treffen sich dann am Badestrand am Westkapp der Insel. 

Hier ist ein Erfrischungsbad fällig. Ich kann leider nicht mit ins Wasser, weil ich den Vorgang von Land aus fotographieren muss. Man kann halt nicht alles haben im Leben! Zurück im Schweinestall kochen wir komfortabel auf dem Herd mit dem zur Verfügung stehenden Kochgeschirr. Für die Getränke gibt es heißes Wasser aus einem Wasserkocher - was für ein Luxus! Ich werfe meine zwölf mitgebrachten Eierpfannkuchen auf dem Markt - und da sich einige etwas zurückhalten, ist für jeden auch genug da. Zum Abwaschen gibt es heißes Wasser aus dem Boiler - was für ein Luxus! Das einzige Manko hier: im Gras auf der Zeltwiese wohnen Zecken🙁!

Am heutigen Samstag wollen wir bis zum Segelhafen am Westende von Avernakö fahren, um am Sonntag dann von dort aus zurück nach Fynshav zu paddeln. Zum Glück herrscht heute praktisch Flaute, so dass wir das mit der Gegenwindfestigkeit nicht weiter prüfen müssen.

Die kleine Sandinsel Fläskholm passieren wir nördlich. Im flachen Wasser davor sehe ich in der Ferne das Wasser weiß spritzen. Erst denke ich, dass da ein wirklich großer Fisch in zu flaches Wasser gekommen ist und nun zurückrudert. Aber dann taucht ein Seehund auf, der keck zu uns rüberschaut, nur um gleich wieder unterzutauchen und weiter das Wasser umzupflügen. Vermutlich scheucht der damit Krebse und Fische auf - oder er ist einfach ausgeflippt, und es macht ihm Spaß.

Am traumhaften Sandstrand am Nordostende von Avernakö ist eine Pause und wieder ein Erfrischungsbad fällig. Ich muss leider wieder fotographieren... Vom Schweinswal, der hier seine Runden dreht, habe ich aber leider kein Bild gemacht.

Im Hafen von Avernakö ist dann die nächste Pause mit Kaffee und Kuchen fällig. Pause, weil wir uns mittlerweile überlegt haben, dass es klüger ist, heute doch noch ein Stückchen weiter zu fahren. Der Wind soll morgen relativ früh recht ungünstig für eine Querung des Kleinen Beltes werden. Die Bedingungen heute sind aber super günstig, um noch weiter bis Lyö zu fahren.

Die Wettervorhersage für Sonntag sagt erst mäßige Winde aus südwestlicher Richtung voraus, die dann etwa um 11 Uhr deutlich auffrischen und auf West drehen sollen. Das kommt uns diesmal entgegen im Sinne von "von vorne"!. Wir könnten hier die Gegenwindfestigkeit ausbauen - oder sehr früh starten. Wir optieren für sehr früh starten. Dafür sind wir bereits vor sieben Uhr (in Worten: 7 Uhr!) aufgestanden und wild entschlossen, um neun Uhr fertig in den Booten auf dem Wasser zu schwimmen. Wir schaffen sogar Viertel vor Neun! Wenn es nicht die massiven Steine am Strand, das doch etwas bewegte Wasser und einen damit verbundenen etwas komplexeren Startvorgang gegeben hätte, hätten wir sogar halb neun geschafft!

Draußen auf dem Belt geht tatsächlich etwas Seegang. Es ist nichts schlimmes, aber die Gruppe ist eher selten bei solchen Verhältnissen unterwegs und die Bedingungen nicht gewohnt. Aber bis auf das Gefühl, dass es sich ungewohnt anfühlt, hat niemand ein Problem damit - aber alle haben Spaß daran!

Pünktlich, wie der Wetterbericht es vorhergesagt hat, setzt etwa einen Kilometer vor dem Ziel stärkerer Wind ein, der uns genau ins Gesicht steht. Unsere Geschwindigkeit fällt dadurch auf gute drei Ka-Em-Ha zurück. Wären wir heute Morgen von Avernakö gestartet, hätten wir den ganzen Tag für die Rückfahrt benötigt! Und wir hätten richtig arbeiten müssen! Vielleicht wäre wir sogar nie angekommen! So kann sich die Gruppe bei ihrer Fahrtenleitung Elke bedanken, dass sie so umsichtig agiert hat. Dadurch bleibt uns auch noch Gelegenheit, den Tag und die gesamte Tour bei Kaffee und einem leckeren Stück Kuchen in einer gemütlichen Ecke des Zeltplatzes Naldmose ausklingen zu lassen

GPS-Daten der Tour.

Sonntag, 25. August 2019

Dänische Südsee - diesmal lieblich

"Grenzüberschreitungen" nenne ich diese Tour üblicherweise, die ich im Spätsommer anbiete, um ambitionierten Newcomern die Möglichkeit zu geben, erstmals eine große Überfahrt zu machen - und eben Grenzen zu überschreiten. Zum Glück findet diese Tour traditionell in dänischen Gewässern statt, so dass die Sache mit der Grenzüberschreitung auf jeden Fall sichergestellt ist.

Schon lange habe ich im Sinn gehabt, dabei nicht immer nur auf der Flensburger Förde oder im Alsensund zu bleiben, sondern auch einmal den Kleinen Belt zu queren. Das konnte ich aber bislang nie riskieren, weil ich ja immer gewährleisten musste, dass die Teilnehmer nicht nur die Hintour bewerkstelligen können, sondern auch die Rücktour. Diesmal ist das Teilnehmerfeld aber so robust gestrickt, dass ich mein Vorhaben umsetzen kann. Da sich alle am Freitag auch recht zeitig beim Klub einfinden können, will ich für den ersten Tag gleich die Strecke von Fynshav nach Drejö in Angriff nehmen. Auch der Wind spielt mit - am Freitag leicht westlich, am Samstag eher gar nichts und am Sonntag leicht östlich. Könnte man das besser planen?

Die Einfahrt zum Segelhafen in Fynshav zu finden, ist nicht trivial und - ja, ich bin schon mal einen direkteren Weg gefahren. Aber nach einigen Gekurve finden wir ihn doch. Das Packen nimmt auch nicht übermäßig viel Zeit in Anspruch, so dass wir kurz nach fünf auf dem Wasser sind. Es ist gute Sicht, Lyö und Ärö sind bereits einwandfrei zu sehen, Avernakö kann man ahnen - und Drejö wird wohl auch da sein, wo wir es vermuten. In weiter Ferne zu sehen ist auch ein Frachter, dessen Kurs den Belt nach Norden hoch weist und damit genau rechtwinklig zu unserem liegt. Es ist lange unentschieden, ob er vor unserem Bug durchgehen wird oder wir vor seinem. Aber nach langer Zeit zeigt sich, dass er seinen Kurs so genau eingezirkelt hat, dass wir ihm vier Beulen in die Bordwand dengeln würden, wenn wir stur unseren Stiefel weiter paddeln würden. Wir halten kurz inne und gewähren ihm großzügig Vorfahrt. Wenig später summt "Ellen" an uns vorbei, die neue Fähre, die zwischen Söby und Fynshav verkehrt - 100% elektrisch!

Je weiter wir uns Drejö nähern, desto weniger wird der Wind. Es ist nicht so recht auszumachen, ob das der Grund ist, dass unsere Geschwindigkeit etwas nachlässt - vielleicht liegt es auch einfach daran, dass man nicht vier Stunden am Stück mit konstantem Druck unterwegs sein kann. Ich hatte ein bisschen naiv gerechnet, das wir etwa mit Sonnenuntergang anlanden würden. Aber das wärmende Zentralgestirn hat sich schon längst hinter den Horizont verzogen, als wir etwa auf der Höhe zwischen Avernakö und Drejö paddeln. Die Restentfernung sieht aus, als wenn wir sie im Nu zurückgelegt haben, aber als unser Ziel irgendwie nicht in der Geschwindigkeit näher kommt, in der ich das erwartet hätte, drehe ich die letzten zwei Kilometer auf, damit ich überhaupt noch genug Licht habe, um den Shelterplatz zu finden.

Dort haben bereits zwei dänische Mädels häuslich eingerichtet, aber sie haben nichts dagegen, dass wir ebenfalls hier übernachten. Da es schon ziemlich dunkel ist, bietet der Küchenshelter uns eine mehr als willkommene Gelegenheit, das Abendessen zu bereiten und zum Klönschnack zusammen zu sitzen.

Der nächste Morgen begrüßt uns mit Sonnenschein und blauen Himmel auf der feuchten Wiese. Heute können wir draußen essen am langen Holztisch, der für uns vier knapp genug Platz bietet. Es ist auch ganz praktisch, dass wir draußen sind, weil Axel die Gaskartusche seines Kochers wechselt und dabei mindestens 80 Prozent des Inhalts laut zischend und gefährlich dampfend in die Freiheit entlässt.

Es herrscht ziemliche Flaute und die Sonne soll den ganzen Tag scheinen und wir haben Zeit ohne Ende. Und da meine Begleiter allesamt das erste Mal die Dänischen Südsee bereisen, beschließen wir, eine großzügige Kreuzfahrt durch dieses Gebiet zu machen. Über Birkholm, Hjortö und Skarö soll es ans Osteende von Avernakö gehen.

Auf Birkholm gibt es eine neue Holzhütte, von der aus man prima auf das Meer blicken kann. Allerdings ist sie etwas niedrig, so dass man sich eigentlich nur sitzend in ihr aufhalten kann. Ich glaube, irgend so ein Mal-Klub hat sie aufgebaut, um bei Regen besser schöne Bilder vom Meer malen zu können. Heute bräuchte man die Hütte eher, um sich vor der sengenden Sonne zu schützen. Aber wir sind harte Kerle und gut eingeölt, so dass wir der fast unmenschlichen Hitze und den gefährlichen Strahlen trotzen. Zwischen den beiden Hjortö-Inseln ist das Wasser immer noch flach und man kann hier handgestrickte Socken kaufen - aber danach steht uns nicht der Sinn. Wir fahren stattdessen straks weiter nach Skarö, wo wir Pause machen wollen.

Hier veranstaltet Audi einen Segelwettbewerb. Am Strand ist allerhand Tamtam aufgebaut, so dass wir kaum Platz zum Anlanden finden. Vermutlich möchte Audi alle Insel-Bewohner davon überzeugen, dass sie unbedingt einen Q8 brauchen, um von einem Ende ihres Eilands zum anderen zu gelangen. Als wir am etwas inseleinwärts gelegenen Zeltplatz vorbeischlendern, können wir auch die schicken Unterkünfte für die Segelcrews bewundern. Wie Sven sagt, hat Audi da wohl eine Aktion nach dem Motto: "Kauf´ 30 - zahl´ nur 25!" genutzt!

Natürlich können wir nicht auf Skarö gewesen sein, ohne eine Portion des weltberühmten selbstgemachten Eises gegessen zu haben. Auch wenn es nicht ganz billig ist, es ist wirklich lecker und allemal seinen Preis wert.

Der Sandhaken am Nordende von Skarö ist jedesmal wieder überraschend lang - das kenne ich schon und lege meinen Kurs gleich exakt nach Norden, auch wenn man denkt, dass man damit einen ziemlichen Umweg fährt. Fährt man nicht! Danach geht es in geradest möglicher Linie auf die Bucht am Osteende von Avernakö zu. Dort wollen Bernhard und Gerrit auf uns warten. Erst ziemlich kurz, bevor wir in die Bucht einlaufen, erkennen wir, dass die beiden uns vom Strand entgegen paddeln.

Unsere Zelte werden gleichmäßig über die Wiese verteilt und der Holztisch für unser Abendessen in Beschlag genommen. Der ist für nun sechs Leute eindeutig zu klein! Gerrit und Bernhard haben die Tour im wesentlichen nur deshalb gemacht, weil sie unbedingt Kartoffelpuffer backen wollen. In großer Emsigkeit schälen sie gelbe Knollen, hacken Zwiebeln und braten den Teig in üppigem Öl. Zum Glück hat Bernhard mehr Teig als Hunger und so bekomme ich auch noch ein Exemplar ab - wirklich oberlecker!

Mein Zelt habe ich so platziert, dass die Morgensonne es am Sonntag recht zeitig in ihren Blick bekommt. So spät im Jahr sind die Nächte nämlich in der Regel recht feucht und da ist es gut, wenn man dem Zelt einige Zeit Gelegenheit gibt, trocken zu werden, bevor man es wieder ins Boot zwängt. Auch heute ist es wieder eher heiß als warm - und eher Flaute als windstill. So geht es über glattes, mal blaues, mal grünes Wasser zurück - zunächst bis Lyö. Hier machen wir noch einmal Pause am Weststrand, neugierig beäugt von einem Seehund, der wohl auch hier Urlaub macht.

Als ich meinen GPS-Tracker für die letzte Etappe von Lyö nach Fynshav einschalte, verschluckt er sich offenbar - denn die einzelnen Positionen, die er loggt, springen dermaßen erratrisch hin und her, dass am Ende für die nominell ca. 12 Kilometer ganze 235 Kilometer auf dem Tacho stehen. Ich muss im Nachhinein einiges an Glättung vornehmen, damit der Track überhaupt in die Nähe einer realistischen Wiedergabe kommt!

Unterm Strich war die Tour durchaus "grenzwertig": viel zu warm und zu windstill, die Grenzüberschreitungen waren diesmal eher anderer Natur als sonst!

Montag, 6. Juni 2016

Südsee unter Segeln (2/5)

Wir haben uns entschlossen, nur unsere kleinen Zelte mitzunehmen. Zusammen mit den Tarps bieten sie bei den vorhergesagten Wetterbedingungen hinreichend Komfort und Schutz. Ich liebe diese kleinen Zelte, bei denen alles so schön einfach geht und man so viel Platz im Boot hat, den sie gar nicht brauchen! Auf einen Bootswagen haben wir auch verzichtet und an Signalmitteln haben wir nur jeder ein Nico-Gerät mitgenommen. Zusammen mit dem Beschluss, nur einen Kocher einzupacken, macht das ziemlich viel Raum für Essbares! Leider fehlen in diesem Raum Zwiebeln und Knoblauch, was beides noch auf Jörgs Küchentisch liegt. So fehlte unserem Abendessen gestern der sonst übliche Pepp.

Wie es aussieht, hat am Vortag unserer Ankunft eine größere Festivität auf diesem Platz stattgefunden. Man erkennt es unschwer am halben Kubikmeter Dosenmüll, der in großen Tüten neben der Abfalltonne der Abfuhr harrt. Und an einem riesigen Berg Eiskrümel, der im Knick der allmählichen Schmelze übergeben wurde. Wir haben dieses Glück genutzt und all unsere verderbliche Ware, wie Milch, Joghurt und Butter, über Nacht auf ihm drapiert. So haben wir zum Frühstück den Luxus von kühler Milch und harter Butter! Und noch eine Hinterlassenschaft der Partygäste kommt uns sehr zu Pass: da liegt ein 1A Fahrrad mitten auf der Wiese, das wir nutzen, um die doch recht erhebliche Strecke zwischen unseren Zelten und den am anderen Ende der Wiese liegenden Booten zurückzulegen. Leider wird das Fahrrad früh am Morgen vom inzwischen ausgenüchterten Eigner wieder abgeholt.

Die beiden Shelter auf diesem Platz sind wirklich solide und durchdacht konstruiert. Einer ist als Esszimmer gestaltet, der andere als Schlafzimmer. Sie wären ideal für eine Winterunternehmung, wenn sie nur nicht so weit von allem entfernt wären, was man Kajak-technisch an einem Wochenende erreichen kann.

Der Wind ist gestern Abend noch wie vorhergesagt deutlich aufgefrischt und auf Nord gedreht. Was für ein Segen, dass er uns auf der Überfahrt verschont hat! Heute ist er auf Ost gedreht und weht etwa mit Stärke fünf. Da wir um die Ostspitze von Ärö herum nach Norden wollen, bedeutet das erst einmal zehn Kilometer gegen an. Durch meine intensive Mineraldeponie-Auffrischkur sind alle Krampfanfälle verscheucht und wir rauschen frohgemut durch das lebhafte Wasser.

Am Ende der Hale von Marstall angekommen, knickt unser Kurs nach Norden ab. Das ist das Signal, endlich das bislang nutzlos mitgeführte Segel zu setzen! Voll gespannter Erwartung mache ich es los und will es hissen, als ich plötzlich die dafür zuständige Schot lose in der Hand halte! Der Knoten, mit dem sie am Gummiband befestigt war, das letztlich den Mast hochzieht, hat sich unerlaubt gelöst! Jörg versucht, mit einem neuen Knoten das Malheur zu beheben, während wir beide ungehemmt über die Frechheit fluchen, ein Segelsystem mit einem nicht funktionierenden Knoten auszuliefern! Und das zu dem Preis! Nachdem wir das hier extrem schmale Fahrwasser passiert haben, will auch Jörg sein Segel setzen. Obwohl ich mir extra noch den Knoten an seinem Mast angesehen und für solide befunden hatte, als er meinen wieder herzustellen versuchte, hält auch Jörg nun plötzlich seine Schot lose in der Hand. Überdies ist bei ihm das Gummi verschütt gegangen, so dass wir zwangsweise an Land gehen müssen, um das zu reparieren. Auf dem kurzen Weg bis zur nächsten Mikroinsel hallen derbe Flüche über mangelnde Qualität des Flat-Earth-Sailing-Riggs über die Dänische Südsee!

Mit einem Stück Gummi aus der Paddelleine geht es weiter in schnurgerader Linie und geschwinder Fahrt durch eine unglaubliche Landschaft mit gelb, türkis, grün und blau leuchtendem Wasser an weißen Stränden vorbei unter strahlendem Sonnenschein nach Birkholm. Dort machen wir Pause.

Eine Gruppe deutscher Segelurlauber erkundigt sich danach, wo wir herkommen und haben erst etwas Schwierigkeiten zu glauben, dass wir die Überfahrt direkt von Kiel gemacht haben. Auch den weiteren Plänen zollen sie ehrfürchtigen Respekt - das hätten sie solchen Booten nie zugetraut.

Der Wind verbleibt für den Rest des Tages in seiner leicht südöstlichen Richtung und wir können die Segel bis zu unserem Ziel Skarö nutzen. Dort ist mein Lieblingszeltplatz der Dänischen Südsee - mit großzügigem Gemeinschaftsraum mit Gasherd und Kühlschrank. Auf der Fahrt dahin rätseln wir ständig darüber, welche Insel da gerade zu sehen ist, wo Lyö liegt und warum man diese verdammten Fahrwassertonnen nicht sieht, die hier eigentlich sein müssten. Wenn man sich etwas länger mit der Seekarte auseinandersetzt, findet alles seinen Platz, und auch die Fahrwassertonnen sind da - nur auf der anderen Seite unseres Kurses, weil wir eben doch viel weiter westlich fahren als gedacht! Zur zusätzlichen Verwirrung sind extrem flache Inselchen in die Dänische Südsee eingestreut, die man eigentlich erst sieht, wenn man auf sie aufläuft. Auf der Seekarte sehen sie allerdings nicht anders aus als die anderen, ihre gut sichtbaren Geschwister.

Skarö bietet auch den Luxus, dass man sein vollbeladenes Kajak mit einem Bootstrailer bequem bis auf den Zeltplatz ziehen kann. Das elende Hin- und Herlaufen mit vollen Ikea-Taschen zwischen Zelt und Boot entfällt hier komplett! Wir finden einen schnuckeligen Platz für unsere Zelte, der sie vor dem immer noch frisch wehendem Ostwind abschirmt und auch für die morgen früh zu erwartende Windrichtung Schutz bietet. Unser Erkundungsgang über die Insel führt am mittlerweile "Til Salg" gehörendem Supermarkt vorbei zum verbliebenen Krog, der neben ein paar Lebensmitteln auch das weltberühmte Skarö-Eis verkauft. Er soll bis 22 Uhr geöffnet haben, was uns veranlasst, nach Verrichtung unserer Verpflichtungen wie Zeltaufbau und Abendessen noch einmal hierher zurückzukehren. Im Hof sitzen zwei Dänen vor einem gigantischen Grill, der auch vor einem ausgewachsenen Ochsen nicht kapitulieren müsste. Sie haben noch etwa 50 Hot-Dog-Würstchen und -Brötchen übrig, an denen wir uns bedienen dürften. Leider haben wir uns eben erst furchtbar voll gefressen, nehmen aber aus Höflichkeit jeder einen halben Pölser ab.

Es entspannt sich ein sehr nettes Gespräch mit den beiden über unsere Tour, ihre Insel mit den 27 Bewohnern und den Rest des Weltgeschehens.