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Sonntag, 2. Juni 2019

Ärö rund

Bereits im November des vergangenen Jahres, bei unser letzten gemeinsamen Unternehmung, hatten wir uns für das diesjährige Himmelfahrtswochenende zu einer Tour verabredet. Dass Trenks Terminkalender zu einer quasi sommerlichen Zeit eine Lücke für eine eigene Tour aufweisen würde, hat mich sehr überrascht, aber mehr noch gefreut. So einen Pflock im Terminkalender zu haben, wirkt den ganzen Winter hindurch wie die Aussicht auf eine Insel der Erholung und Entspannung in der rauen Ödnis des Alltags. Als dann im Laufe des Frühjahrs auch Peter noch sein entschlossenes Interesse bekundete, mit von der Partie zu sein, war ich richtig euphorisch, nach langen Jahren mal wieder mit der vollen Mannschaft auf Tour gehen zu  können.

Da in unserem Kreis keine große Abstimmung nötig ist, haben wir erst sehr kurz vor dem tatsächlichen Termin begonnen, uns über ein geeignetes Zielrevier Gedanken zu machen. Grundsätzlich wären alle daran interessiert, die "große Runde" von vor genau zehn Jahren auf der Nordsee zu wiederholen, bei der wir im großen Bogen Amrum und Föhr gegen den Uhrzeigersinn umrunden. Letztlich ist natürlich das Wetter wesentliches Kriterium für die Auswahl.

Leider ließ die Vorhersage die "große Runde" anfangs als keine gute Idee erscheinen: Am Himmelfahrtstag war viel Wind aus Westen und ordentlich Regen von oben angekündigt. Die anderen Tage waren eher mäßig und am Sonntag zwar schönes Wetter aber Wind aus Osten. Das hieße für Hin- und Rückfahrt ein Keulen gegen den Wind, der dann seinerseits jeweils gegen den Strom wehen würde. Das sprach doch eher für die dänische Südsee, die unter diesen Bedingungen mit Rückenwind für Hin- und Rückfahrt lockte.

Die Mails mit den Vorschlägen gingen hin und her, wie auch die Aussagen der Wettervorhersage täglich wie ein Lämmerschwanz wackelten und mal Nord- mal Ostsee vorteilhaft erscheinen ließen. Schließlich kam eine Mail dazwischen, in der Trenk seine Teilnahme kündigen musste! Er bräuchte die Zeit für die Vorbereitung der Veranstaltung auf Jersey. Was für eine herbe Enttäuschung! Da Peter sich bei den letzten Diskussionen zum Zielrevier auffallend zurückgehalten hatte, schwante mir auch in dieser Richtung schon Böses. Und ja - schließlich musste auch Peter absagen, weil er echte gesundheitliche Probleme hatte, die er erst nicht wirklich wahrhaben wollte, nun aber nicht mehr leugnen konnte. Was schade ist das denn?

Die "glorreichen" Vier von 2009
Nun gut, dann bleiben eben wieder nur die beiden alten, aber bewährten Säcke der ehemals glorreichen Vier übrig. Aber wir freuen uns trotzdem!

Selbst 24 Stunden vor Abfahrt hat sich die Wettervorhersage noch nicht stabilisiert, sondern bietet stündlich nennenswert differierende Aussagen. Trotzdem ist unterm Strich immer die Ostsee klar im Vorteil. Unser Plan daher: Von Mommark aus starten und dann aus dem Moment und dem Bauch heraus den weiteren Verlauf der Unternehmung den jeweils aktuellen Gegebenheiten anpassen.

Für Christi Himmelfahrt ist Regen angesagt, der ab Mittag aufhören soll. Der Wind soll mit sechs Beaufort südwestlich blasen und später auf fünf nachlassen. Da können wie entspannt frühstücken, um die Mittagszeit losfahren und so Regen und starken Wind elegant umgehen.

Als wir gegen 15 Uhr in Mommark eintreffen, ist von nachlassendem Regen allerdings noch nichts zu spüren. Also machen wir uns erst einmal einen Tee und warten ab. Zwar ringt sich das Wetter zu keiner grundlegenden Besserung durch, aber als wir um fünf ablegen, hat sich der Regen weitestgehend gelegt. Auch der Wind bläst nicht mehr mit sechs Beaufort sondern allenfalls mit kleinen fünf. Die Richtung ist südwestlich, so dass er leidlich schiebt.

Man kann Ärö nicht gleich von Anfang an sehen, aber wir haben uns erst mal auf einen Kurs von 90 Grad geeinigt - da kann nichts schiefgehen. Als unser Ziel bald sichtbar wird, gehen wir auf etwa 60 Grad. Es gehen schon Wellen auf dem Belt, aber das ist nichts, was uns Respekt oder gar Schlimmeres einflöst, das haben wir schon deutlich ruppiger erlebt. Aber es macht die Reise kurzweilig, denn wir haben noch eine ziemliche Strecke vor uns.

Wir haben uns mittlerweile entschieden, heute auf Ärö zu bleiben und in den nächsten Tagen die noch ausstehende Umrundung dieser Insel in Angriff zu nehmen. Als Übernachtungsplatz steuern wir den Shelter Skaaret an. Es sind 21 Kilometer bis dahin und wir benötigen ziemlich genau drei Stunden. Das sind zwar gute sieben Stundenkilometer, was für voll beladene Boote eine Super-Geschwindigkeit darstellt, aber wenn man den nicht unerheblichen Rückenwind bedenkt, sind wir fast ein bisschen enttäuscht. Immerhin haben wir die Überfahrt auf eigenem Kiel gemacht. Am Zielort sind bereits diverse andere Gruppen eingetroffen und jede geht ihrer eigenen Geschäftigkeit nach. Eine Gruppe der Salzwasserunion hat lieber die Fähre von Fynshov nach Soeby genommen. Eine gute Entscheidung, wenn man als Fahrtenleiter nicht weiß, wie sicher die Teilnehmer mit derartigen Bedingungen umgehen können.

Es ist fast ein bisschen viel los an diesem Fleckchen Erde, so dass wir für unsere Zelte nur Plätze der Kategorie B finden. Aber der überdachte riesige Tisch bietet genug Platz für alle.

Wie vorhergesagt hat es in der Nacht ergiebig geregnet. Das kommt uns nicht ungelegen, denn es zwingt uns quasi, unsere Morgenverrichtungen so weit in die Länge zu ziehen, dass die Zelte hinreichend Gelegenheit haben, wenigstens überwiegend trocken zu werden. Die SaU-Truppe ist allerdings nicht wesentlich früher als wir auf dem Wasser. Wir wollen heute bis zu den drei Windmühlen fahren, das ist eine ordentliche Strecke, wovon wir fast die Hälfte gegen den heute westlichen Wind kämpfen müssen. Aber der Tag ist lang und wir können beliebig viele Pausen machen.

Bis über die Bucht vor Ärösköbing schiebt der schwache Wind wenigstens ein kleines bisschen. Danach muss man aufpassen, dass man bei dem ganzen flachen Geinsele in dieser Gegend nicht falsch abbiegt. Ohne Karte wäre ich hier in die Bucht von Ommel eingefädelt und hätte laut fluchend den gesamten Weg wieder zurückpaddeln müssen. Das Fahrwasser vor Marstal ist ebenfalls eine navigatorische Herausforderung - allerdings eher für Segler nicht für Paddler. Unsere Pause nach zweieinhalb Stunden machen wir auf Eriks Hale, der schmalen Sandbank südlich von Marstal, auf der die hübschen, kleinen Strandhäuser stehen, im Windschatten eines selben.

Leider hat der Wind mittlerweile etwas aufgefrischt - seine Richtung aber beibehalten. So weht er uns ab jetzt kräftig entgegen. In der Ferne verspricht eine hohe Steilküste Windschatten und wir wollen sie möglichst schnell erreichen. Dieses dringende Wollen führt dazu, dass sich der Gegenwind überhaupt nicht in unserem Geschwindigkeitsdiagramm niederschlägt. Im Gegenteil, erst als wir in den jämmerlich spät einsetzenden Windschutz kommen, geht unsere Geschwindigkeit merklich zurück - Entspannungmodus.

Kaum schrammen wir mit unseren Booten auf den rauen Slip vor unserem Ziel, bricht die Sonne durch! Binnen zehn Minuten ist der Himmel blau und es fühlt sich an wie Sommer!

Die Shelter, die wir für unsere Übernachtung ins Auge gefasst haben, stehen zwar auf einer wunderschönen Wiese, aber leider etwa 100 Meter von der Anlandestelle entfernt. So sind die Ikea-Tüten gefragt und einiges Gelatsche. Dafür sind wir hier alleine! Und das Schild vor den Sheltern sagt, dass man die nicht buchen kann, sondern sie nach dem Mühlenprinzip vergeben wird: wer zuerst kommt, mahlt zuerst!

Nachdem wir alle unsere Sachen herbeigeschafft und einen Teil bereits in einem der beiden Shelter deponiert haben, kommt ein dänischer Vater mit seinem kleinen Sohn im Auto herangerauscht und eröffnet uns, dass er eine der beiden Holzhütten gebucht habe. Wir eröffnen ihm, dass man diese Shelter ausweislich der Aussage auf dem Schild gar nicht buchen kann, wollen ihm und vor allem seinem Sohn die Freude aber nicht verderben. Wir haben ja Zelte dabei - und außerdem hat er ja bereits bezahlt!

Nach einiger Zeit torkeln zwei müde dänische Wandermädels auf uns zu und eine davon überschüttet mich gleich mit ihrem lokalen Idiom. Ich erkläre kurz, dass Dänisch nicht meine Paradedisziplin ist und fortan plappert sie genauso sprudelnd auf englisch. Sie sei heute schon über zwanzig Kilometer gelatscht und vollkommen durch und gehe nun keinen weiteren Schritt mehr - und übrigens haben sie einen der beiden Shelter gebucht! Hier trifft unsere Entgegnung, dass man diese Shelter gar nicht buchen kann, auf mittleres Entsetzen. Die Mädels sehen sich schon unter freiem Himmel übernachten und ihr bereits gezahltes Entgeld umsonst ausgegeben haben. Aber wir trösten auch sie, indem wir zusichern, keinen Anspruch auf die Hütten zu erheben. Sie fotografieren sicherheitshalber noch einmal den Text auf dem Schild, weil sie sich bitter beschweren wollen über diese Inkonsistenz des Buchungssystems. Während wir gemeinsam am Abendbrottisch sitzen, kommen noch zwei dänische Radwanderinnen heran - allerdings nur bis auf 20 Meter. Sie fragen, ob wir mit dem Boot da seien, trauen sich aber nicht dichter heran. Vielleicht liegt das an dem Hund, den die beiden Wanderinnen mithaben, vielleicht aber auch,weil sie vergessen haben, den Shelter zu buchen und sich nun keine Chance mehr ausrechnen. Sie drehen wieder ab und wir werden es nie erfahren.

Zwischen Jörg und mir hat sich im Laufe der Zeit eine traute Harmonie eingestellt, was das Aufstehen am Morgen angeht. Wir kommen eigentlich im Abstand von - wenn überhaupt - wenigen Minuten aus dem Zelt. Das ist heute wie häufig so gegen acht. Um diese Zeit wollten die Mädels schon weg sein - nachdem sie ein Bad in der Ostsee hatten nehmen wollen. Weg ist aber nur der Vater mit dem Sohn. Die sind mitten in der Nacht abgereist - vermutlich hatte der Kleine Heimweh. Die beiden Däninnen sehen derweil recht zerknittert aus, sie haben nicht gut geschlafen und das Bad in der Ostsee ist ausgefallen. Nur wenig vor uns machen sie sich auf den Weg nach Ommel. Für uns soll es heute bis an die Nordspitze von Ärö gehen - "zu den Bäumen"!


Der Himmel ist ziemlich blau und der Wind bläst mäßig aus Südwest. Das ist ziemlich quer zu unserer Fahrtrichtung und hindert damit nicht wirklich. Schiebt aber auch nicht wirklich. Dafür legt sich die Wasseroberfläche aber in gefällige Wellchen, was das Paddeln wieder kurzweilig macht. Die gesamte Südwestküste von Äro ist als Steilküste konzipiert mit steinigen Stränden. Da gibt es wenig samtweiche Anlandemöglichkeiten. Allerdings entdecken wir einen bislang unbekannten Shelter auf halber Strecke. Den würde ich auch gerne mal ausprobieren - vielleicht im nächsten Winter.

Natürlich mussten wir für unsere Pause auch an einem der "harten" Strände anlanden und vor allem an ihrem Ende auch wieder zu Wasser gehen. Das hat mal wieder einige Spuren in unseren Unterschiffen hinterlassen, aber nix kritisches.

Wir hatten kurz diskutiert, ob wir unser Lager direkt an der westlichsten Stelle der Insel am Strand aufschlagen wollen, uns aber dann doch entschieden, wie damals "nur eben kurz um die Ecke zu den Bäumen" zu fahren. Dort finden wir ein wunderbar geschütztes Fleckchen hinter weißen und roten Heckenrosen, wo wir unsere Zelte aufbauen. Wir machen noch einen ausgiebigen Spaziergang über den riesigen Golfplatz, wo ganze zwei Golfer in einem Caddy spazierenfahren. Sie haben zwar keine Golfschläger dabei, dafür aber einen Hund am Caddy angebunden, mit dem sie auf diese Weise Gassi gehen. Den Abend verbringen wir damit, den zahlreichen Vögeln, die das Flach von Skjoldnäs bevölkern, zuzusehen und zu -hören. Ein Kuckuck kuckuckt fleißig durch die Idylle - und lässt sich sogar immer wieder mal sehen. Nicht sehen lässt sich ein Sprosser, der irgendwo im Gebüsch hinter uns wohnt. Er kollert noch bis tief in die Nacht hinein.

Der Sonntag Morgen startet sonnig, das war so ausgemacht. Ebenso ausgemacht war östlicher Wind, aber der ist eher nicht der Rede wert. Wir müssen heute nur noch zurück über den Belt, das ist keine große Sache. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen ist heute der Teufel los auf dem Wasser: alles, was irgendwie schwimmt, ist unterwegs. Natürlich ist heute Bombenwetter, aber es wundert mich schon etwas, dass wir an den anderen Tagen quasi alleine auf dem Wasser waren. Es waren lediglich regelmäßig dänische Seekajakfahrer zu sehen. Immer in großer Ferne, vorzugsweise dort, wo die Uferlinie abknickt. Dort verharren sie ortsfest, bis man ihnen näher kommt. Doch bevor man sie verlässlich erkennen kann, verwandelt sich die Besatzung in einen Kormoran und fliegt davon - und das Boot verwandelt sich in einen großen Stein!

In Mommark wählen wir die Bootsrampe im Hafen als Ausstieg. Könnte Kajak-freundlicher sein. Im Hafen gibt es Seekajaks zum Ausleihen. Für den läppischen Betrag von 100 Euro kann man sich einen ganzen Tag damit vergnügen - noch günstiger ist eine Woche für 500 Euro! Ich überlege, ob ich mein Kajak nicht vielleicht für ein paar Tage verleihen sollte.

Nachdem wir unsere Sachen gepackt und die Boote aufs Autodach gewuppt haben, kommt der Hafenmeister aus dem Restaurant nebenan auf uns zu marschiert. Er ist eben nicht nur Hafenmeister sondern auch der Restaurantbesitzer und überdies sichtlich verärgert. Wir sollen gefälligst für das Slippen bezahlen, was wir unmittelbar einsehen und gerne tun wollen. Was wir allerdings nicht einsehen, ist seine Begründung: Wir haben unseren Bus hier vier Tage stehen lassen und ihn nicht vorher um sein Einverständnis gebeten, deshalb sollen wir nun Slip-Gebühr bezahlen. Wir können nicht nachvollziehen, warum man um Einverständnis bitten soll, wenn man sein Auto auf einem erkennbar öffentlichen Parkplatz lässt. Aber es gibt halt unterschiedlich gestrickte Menschen.

GPS-Daten hier

Sonntag, 4. November 2018

Dänische Südsee November 2018

Windvorhersage
Anderthalb Jahre ist es her, dass ich mit Trenk zusammen auf Tour war. Entsprechend groß war meine Freude, als er einen gemeinsamen Termin in diesem November in Aussicht stellte. Auch Jörg würde dabei sein wollen - wie immer mit den üblichen meteorologischen Vorbehalten. Natürlich ist November kein Garant für stabiles Wetter, aber wenn man darauf setzt, sollte man vielleicht lieber irgendetwas mit "Indoor" als Vorsilbe machen. Die dänische Südsee hatten wir bald als Revier identifiziert, in dem wir uns austoben wollten. Sobald man unser Wochenende am fernen Horizont in der Wettervorhersage erkennen konnte, sah es erst supergut aus, dann eher so mittelgut, dann so, dass ich vorschlug, doch lieber direkt nach Fünen zu fahren, statt den Kleinen Belt auf eigenem Kiel zu queren - und schließlich pendelte es sich bei machbaren Wind- und akzeptablen Wetterverhältnissen ein.

Am Freitag sollten sechs Beaufort aus West wehen - wenn das nicht nach unserem Gusto ist! Jörg ist Rentner, ich arbeite mittlerweile nur noch vier Tage die Woche - und Trenk nur noch drei. Somit haben wir alle am Freitag frei und können uns entspannt für 11:30 Uhr in Fynshav verabreden. Da wir wissen, dass Trenk immer so früh da ist und dann mit trommelnden Fingern im Trockenanzug ungeduldig darauf wartet, dass wir endlich fertig werden, fahren Jörg und ich zeitig los, so dass wir schon um 11 Uhr am Treffpunkt eintrudeln. Trenk steht schon da - hat aber immerhin den Trockenanzug noch nicht an!

Kurz nach zwölf haben wir unsere Boote gepackt und am Slip ins Wasser gesetzt. Es dauert nur ein paar hundert Meter, bis überraschend hohe Wellen von Süden her auf uns zurollen. Da die aktuelle Windrichtung ziemlich westlich ist, haben wir eigentlich mit einem ganz allmählichen Anwachsen der Wellenhöhe gerechnet. Allerdings hat es die gesamten letzten Tage recht ordentlich mit südlicher Komponente geweht, so dass die gesamte Ostsee noch unter Schwingungen steht. Diese laufen hier ganz offensichtlich von Süden herein - was uns mehr als recht ist!

Ich habe auf dem Belt ja schon öfter sein sehr eigenes Wellenmuster bewundert, heute haben wir abermals Gelegenheit dazu. Die gesamte Überfahrt über haben wir es mit zwei fast neunzig Grad gegeneinander versetzten Wellensystemen zu tun: da ist zum einen das Muster, dass durch den aktuellen Wind hervorgerufen wird und mit zunehmenden Fetch immer größere Wellen erzeugt, und zum anderen mit den von der offenen Ostsee von Süden her einlaufenden schwellartigen Wellen. Die Fetchwellen sind zwar recht üppig, aber da die Einwirklänge des Windes nur maximal zehn Kilometer beträgt, bleibt die Amplitude doch im Rahmen. Die Schwellwellen sind dagegen deutlich größer: sie reichen mühelos bis an die Zwei-Meter-Marke heran.

Wir sind alle begeistert von den Verhältnissen und versuchen Spaß mit ihnen zu haben. Das ist mit vollbeladenen Booten nicht ganz anstrengungsfrei zu haben, aber wir bekommen die Boote immer mal wieder in ausgedehnte Surfs. Meine Spitzengeschwindigkeit war 19,5 km/h! Trenk fährt - mal wieder - ein neues Boot, einen Tarantella von Rockpool. In dem legt er auch wie von der Tarantel gestochen los und lässt uns nach Belieben in der Landschaft zurück.

Wir wollen zum Shelter auf Drejö fahren und natürlich können wir unser Ziel lange Zeit nicht sehen - weil es einfach zu weit weg ist. 27,16 Kilometer bei 96,14 Grad hatte ich vorher ausgemessen. Damit wir bei den Nachkommastellen für den Kurs einer Meinung sind, frage ich die anderen nach der Anzeige ihrer Kompasse. Jörgs und meiner zeigen denselben Wert an, wenn wir exakt in die gleiche Richtung paddeln - Trenks liegt 20 Grad daneben! Dafür leuchtet er jetzt im Dunkeln! Trenk hat neulich eine Lampe eingebaut mit extra dicker Batterie. Die hat halt unguten Einfluss auf die Anzeige. Man kann eben nicht alles haben!

Windmesswerte
Nach der Hälfte der Strecke passieren wir die Nordspitze von Ärö. Hier können die Roller von der offenen Ostsee nicht mehr so ungehindert reinlaufen, und ab nun haben wir es vorwiegend mit einer reinen Windsee zu tun. Die ist immer noch beeindruckend und eher nicht Anfänger-kompatibel, denn der Wind hat keinen Deut nachgelassen. Er weht etwas südlicher, als von der Vorhersage vorhergesehen, was aber noch als reiner Rückenwind gewertet werden kann. Allerdings wird auch hier wieder deutlich, dass heftiger Rückenwind zwar kurzzeitige Geschwindigkeitsrekorde ermöglicht, die Durchschnittsgeschwindigkeit gegenüber Flautenbedingungen aber enttäuschend wenig erhöht: wir sind über die 28km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 7,5km/h unterwegs gewesen.

Der Shelterplatz ist wie erwartet vollkommen verwaist und wir schmücken die bereit stehenden Bäume erst einmal mit unseren nassen Trockenanzügen, Vliesteddies und Ski-Unterwäsche. Jörgs und mein Trockenanzug sind halt nicht mehr so ganz hundertprozentig dicht. Entsprechend tropft unsere Wäsche lange vor sich hin, während Trenks eher klamm als nass ist. Aber Kokatat hat eben auch seinen Preis.

Insbesondere der Küchenshelter ist ein wahrer Segen. Im Sommer kann man problemlos draußen sitzen und zusammen kochen, aber im Winter ist das bei Dunkelheit, Kälte, Wind und  Feuchtigkeit ein eher ungemütliches Unterfangen. Hier sitzen wir entspannt und geschützt am Tisch und brutzeln uns Nudeln mit Thunfisch auf meinem gemütlich fauchenden Gaskocher.

Jörg und ich belegen je einen der hölzernen Familiensärge für die Nacht, während Trenk sich bereit erklärt hat, sein Zelt aufzubauen. In den Sheltern hat man recht viel Platz und sie sind erstaunlich winddicht - regendicht sind sie sowieso. Da die Temperaturen für November auch eher mild sind, wird es eine sehr gemütliche Nacht - nachdem ich mir die Strümpfe ausgezogen habe, weil mir zu warm war!

Für den Weg zurück haben wir zwei Tage Zeit. Heute am Samstag wollen wir nur bis zur Westseite von Lyö und dann am Sonntag von dort zurück nach Fynshav. Da wir also reichlich Zeit haben, geben Jörg und ich die Devise aus, dass wir erst los fahren, wenn unsere Klamotten trocken sind. Zwar kommt sogar die Sonne hervor und es weht ein leichter Wind - aber der Partialdruck des Wasserdampfes in der Luft ist leider nicht dergestalt, dass die Verdunstungsrate nennenswert über der Kondensationsrate liegt. Im Dilemma zwischen los wollen und in trockene Klamotten zu steigen, gebe ich die folgende Definition aus: "Trocken ist, wenn man wringt und es nicht mehr tropft!" Unsere Minen verziehen sich nur leicht, als wir in unsere derart für trocken erklärte Wäsche steigen.

Damit die Strecke heute nicht allzu kurz ist, fahren wir um die Südspitze von Drejö herum. Die Fahrt bis zum Segelhafen von Avernakö ist nicht besonders spektakulär, aber sie macht wieder einmal deutlich, dass ich jedesmal, wenn ich im Sydfynske Öhav unterwegs bin, eine gewisse Zeit benötige, mich an die Lage und Größe der Inseln zu gewöhnen und die Abstände zwischen ihnen. Hat man sich erst einmal kalibriert, findet man sich gut zurecht und verwechselt nicht mehr Svelmö mit Björnö. Aber ich bin trotzdem davon überzeugt, dass die Inseln früher näher beieinander lagen! Zum Glück weht heute nur ein mäßiger Wind. Trotzdem kommt uns das geheizte Wartehäuschen im Hafen von Avernakö mehr als recht, in dem wir uns aufwärmen, ausruhen und unser Pausenbrot mümmeln.

Auch Lyö hat sich im Laufe der Jahre weiter von seiner östlichen Nachbarinsel entfernt, und im Vorbeifahren an seiner Südküste erinnere ich mich an die katastrophale Umrundung der Insel vor fünf Jahren bei Windstärke sieben. Heute sehen wir schon aus recht großer Entfernung einen anderen Paddler, der aber penetrant auf der Stelle stehen bleibt. Schließlich müssen wir doch einsehen, dass es sich schlicht um einen ortsfesten riesengroßen Stein nahe am Ufer handelt - an den ich mich aber leider nicht die Bohne erinnern kann. Obwohl der Getränkekistenhafen nicht mehr existiert, finden wir punktgenau die Stelle zum Anlanden.

Der Schuppen ist diesmal deutlich aufgeräumter als in den Jahren zuvor, vor allem ist der Saunaraum komplett leer. Hier arrangieren wir einige der umherstehenden Kisten als Tisch - und schon haben wir auch hier eine gemütliche Stube für unser Abendessen. Ich habe wieder meinen Gaskocher dabei inklusive der Kartusche, die mir schon auf den drei Touren davor treue Dienste geleistet hat. Ich bin ja noch neu im Gasgeschäft und weiß nicht, wie lange so eine Kartusche hält. Natürlich habe ich alle anderen Gaskocherinhaber, die mir begegnet sind, gefragt, wie lange man denn damit reicht. "Ewig!" war immer die gleichlautende Antwort. Unser Abendessen ist leidlich warm - da läuft gerade die Ewigkeit ab! Es ist insofern eine beruhigende Erfahrung, als dass das Ablaufen kein sich elendig lange hinziehender Prozess ist, sondern einem ersten Schwächeln ca. zehn Sekunden später schon das Aushauchen des letzen Moleküls folgt. Zum Glück war es Ultra-Schnellkoch-.Reis! Aber für den Tee nach dem Essen müssen wir uns bei Trenk einschmeicheln.

Als positive Erfahrung möchte ich vermelden, dass eine Wägung der Kartusche im jungfräulichen Zustand 391 Gramm ergab. Eine Nachwägung der der leeren Kartusche brachte exakt 230 Gramm weniger zur Anzeige - das ist das aufgedruckte Gewicht der enthaltenen Gasmenge! Immerhin kann man so überprüfen, wie voll so eine Gaskartusche ist - und damit, wie lange die Ewigkeit noch dauert.

Der zweite gravierende Nachteil, den ich eigentlich schon kannte und der vor ca. 30 Jahren Grund für meine Zuwendung zu benzingetriebenen Exemplaren war, ist der Umstand, dass eine Gaskartusche bei Betrieb im Winter  einfach eiskalt wird - Boyle und Mariotte sei Dank! So musste ich schon gestern und auch heute die Blechbüchse immer mit meinen Händen wärmen, damit überhaupt genug Druck zustande kommt. Das will ich eigentlich auch nicht unbedingt haben. Somit steht mein Beschluss für die Zukunft fest: im Sommer Gas - im Winter Benzin. Punkt!

Für den Tee am Sonntag Morgen muss wieder Trenks Benzinkocher herhalten. Die Windvorhersage für heute hatte ziemlich konstante neun Meter pro Sekunde im Köcher, eine solide Fünf, aber genau quer zu unserer Fahrtrichtung. Das sollte also keine allzu großen Blasen an die Finger treiben. Seltsamer Weise begegnen wir den größten Wellen erst relativ kurz vor unserem Zielort Fynshav. Trenk macht die Probe aufs Exempel und stellt sein Paddel bei Durchgang eines besonders großen Exemplars senkrecht auf seine Spritzdecke. Ich kann aus dem benachbarten Wellental nur noch sein oberes Paddelblatt sehen. Das sind deutlich über anderthalb Meter Wellenhöhe - nicht schlecht für kleine fünf Beaufort!

Als ich  mich mit Trenk vor Monaten auf diesen Termin verabredet hatte, war mir klar, dass wir vom Wetter nicht viel erwarten dürften. Was uns dann geboten wurde, war weit mehr als das: Milde Luft- und Wassertemperaturen, kein Regen, Wind zwischen optimal bis akzeptabel und immer mal wieder Sonnenschein! Wie gut, dass nicht alle wissen, dass die perfekten Paddelwochenenden im November liegen!

Freitag, 5. Oktober 2018

Langes Wochenende zur Einheit (1/3)

Lange schon habe ich mir den Donnerstag nach dem Mittwoch der Einheit freigenommen. Da ich freitags nun immer Frei-Tag habe, würde da eine super-lange Reihe von freien Tage zusammenkommen, die paddeltechnisch genutzt werden will. Eine Kreuzfahrt durch die Dänische Südsee unter herbstlich milder Sonne habe ich mir vorgestellt, mit irgendwie kooperativen Winden oder zumindest ohne widrige.

Schlimmer hätte die Aussicht dann gar nicht sein können, als der Termin in den Vorhersagebereich rückte: durchgängig Winde jenseits von sechs, teilweise bis acht Beaufort aus West. Für den gesamten Zeitraum! Als Zugabe viel Regen und wenig Temperaturen. So sehr ich auch überlegte und Alternativen erwog - ich sah mich schon zu Hause sitzen und weiter dem niesligen November beim Einzug in mein Gemüt zuzusehen.

Erst am Dienstag war klar, dass der gesamte Wind sich auf den Mittwoch und der Regen auf den Donnerstag konzentrieren würden. Freitag wenig Wind, Samstag so gut wie gar keiner - und vor allem am Sonntag kräftiger Nordwind! Gerettet!

Marie-Theres fährt mich am Nachmittag nach Habernis am Westende der Geltinger Bucht. Das Boot ist schnell gepackt - ich habe allerhand Überflüssiges zu Hause gelassen, was ich sonst nur mitnehme, wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin. Entsprechend viel Platz ist in meinem Boot noch. Trotzdem ächzt Marie-Theres, als sie es das kleine Stück bis zum Wasser tragen muss.

Ich will den Shelter, von dem Trenk mir erzählt hat, ausprobieren und halte daher einen deutlich westlicheren Kurs als sonst. Es soll eine Metalltreppe vom Strand zu ihm hinauf führen, das ist mein Anhaltspunkt. Es scheint die erhoffte milde Herbstsonne und die Temperaturen liegen bei unglaublichen 19 Grad!

Der Shelterplatz ist schnell gefunden, aber er ist längst nicht so entlegen wie der Übernachtungsplatz ein Stück weiter im Wald. Als ich die Holzhütte in näheren Augenschein nehme, beschließe ich aber doch hierzubleiben und sie zu nutzen. Die Hütte hat keinen Blick aufs Wasser, dafür wird sie aber bis zum letzten Moment von der Abendsonne beschienen. Fürs Abendessen wähle ich den Holztisch direkt am Wasser, das ist romantischer. Die Nudeln zu kochen, ist keine große Tat - allerdings kippt mir die Tüte mit der Tomatensauce so unglücklich um, dass etliches davon unter dem Tisch landet. Dass ich große Teile davon auch auf meiner Hose verteilt habe, merke ich leider nicht gleich, so dass der Brei schön einmassiert wird und ich aussehe wie ein inkontinenter Penner.

Ich bin nur knapp sechs Kilometer gepaddelt - und doch Lichtjahre entflohen - und vor allem und ganz unzweifelhaft: angekommen! Die Luft ist unglaublich lau, am Horizont sendet der Leuchtturm von Kalkgrund stolz und stoisch sein Licht in die Runde. Das seines Kollegen von Kegnes sieht dagegen fast etwas eingeschüchtert aus. Im dunkler werdenden Rund blinkt noch dies und das und alles in beruhigender Langsamkeit. Nur ein Seezeichen in der Nähe meines Startortes blinkt ganz hektisch. Es hat eine Frequenz von etwa zwei Hertz, was im Spektrum der Nautik etwa dem entspricht, was in der Optik unter extrem harter Röntgenstrahlung geführt wird. Die Lichter des Campingplatzes bei Habernis liegen so dicht über dem Horizont, dass sie flimmern wie eine animierte Weihnachtsbeleuchtung. Insgesamt ist die Szenerie aber sehr sparsam illuminiert. Und alles fein ordentlich sortiert: was ortsfest ist, hat blinkende Lichter, was sich bewegt, führt feste Lichter. Nur ein ortsfestes, konstant grünes Licht, etwa auf halber Strecke zwischen Kalkgrund und dem Mars, bringt Unordnung in diese Harmonie. Erst, als nach einiger Zeit glucksende Geräusche aus weiter Ferne herangetragen werden, die man als bemühte Startversuche eines Dieselmotors interpretieren könnte und sich wenig später der Campingplatz auf das ortsfeste grüne Licht zubewegt, ist die Ordnung wieder hergestellt.

Still ruht die See - es sind kaum Geräusche zu hören. Das Rauschen der Restwellchen ist fast das einzige, was die Ohren davor bewahrt, ihr eigenes Rauschen wahrzunehmen. Hin und wieder fliegt ein Schwarm Gänse über mich hinweg. Wie zum Teufel landen die jemals wieder? Die können doch nicht bis zur Morgendämmerung in der Luft bleiben! Und wenn sie jetzt zur Landung ansetzen, würden sie doch mit jeder Kuh kollidieren, die im Wege steht. Oder wie sehen die nachts? Ich jedenfalls würde nicht mal mehr zum Shelter zurückfinden ohne meine Stirnlampe.

Es treten immer mehr Sterne hervor, sogar die Milchstraße zeigt sich zögerlich. Dieses neblige Band, das ich als Kind immer so bewundert habe, ohne zu wissen, dass jeder Nebeltropfen in ihr eine Sonne darstellt, dieses Band traut sich in Kiel nicht mehr aus der Deckung. Schon für diesen Anblick hat sich die Aktion gelohnt.

Bei all dem Frieden, den ich so genieße und der mir so gut tut, überlege ich, ob mir das Paddeln vielleicht nur Mittel ist, um dieses Ziel zu erreichen, oder ob es auch Selbstzweck ist. Im Moment kann ich es nicht entscheiden und genieße nur, dass mir dieses Mittel solche Ziele ermöglicht.

Sonntag, 26. März 2017

Zelt und Schlafsack? Hoffnungslos überbewertet! (3/3)

Da wir heute eine erkleckliche Strecke bewältigen müssen, haben wir uns vorgenommen, früh aufzustehen und um 9 Uhr auf dem Wasser zu sein. Bis nach Fynshav sind es fast dreißig Kilometer, und die zurückzulegen, dauert seine Weile. Es ist wieder leidlich frisch heute Morgen und diesig, so dass die Sicht nicht sonderlich weit reicht. Aber es ist windstill - absolut windstill!

Es steht nichts mehr auf dem Programm, was wir erledigen müssten. Da Trenk mich davon überzeugen konnte, dass ich meine Paddelstulpen gar nicht mit auf die Tour genommen sondern sie im Auto gelassen habe, müssen wir auch nicht mehr Lyö anlaufen um nachzusehen, ob ich sie dort liegen gelassen habe. Das einzige, was es zu bewältigen gibt, sind die 30 Kilometer bis zu unseren Autos. Ich nehme erstmalig auf dieser Tour mein GPS zu Hilfe, um die Peilung auszumessen, denn wir wollen direktemong fahren. Im Rahmen unserer Navigationsgenauigkeit ist das 270 Grad, oder anders gesagt, genau West. Das ist einfach zu steuern und erleichtert das Kurshalten. Aber die Angelegenheit wird eine gute Übung in Geduld werden, denn es  wird sich über gute vier Stunden nichts ändern und wegen der trüben Sicht und des großen Abstandes zum Ufer auch dem Auge kein Reiz bieten. Am Ende des Tages wird eine "270" fest auf meiner Netzhaut eingebrannt sein!

Die erste Abwechslung ergibt sich, als ich nach zwei Stunden mitten auf dem kleinen Belt meine Pause einfordere. Ich mache immer nach zwei Stunden eine Pause und schließlich habe ich meine Stulle geschmiert, die vor Ankunft gegessen sein will! Die nächste Abwechslung folgt, als sich das Wetter ziemlich unvermittelt und ziemlich durchgreifend "bessert". Die Sonne bricht durch und bald ist der Himmel mehr Blau als Weiß. Allein, wir wissen nicht, ob wir uns darüber freuen sollen. Jedesmal, wenn die Wolken die Sonne freigeben und sie ungehindert auf uns niedersengt, geht meine Lust, das Paddel beherzt und mit Druck durchs Wasser zu ziehen, gegen Null. Immer, wenn sich eine Wolke vor den Heizstrahler schiebt, fällt es mir erheblich leichter, das Tempo zu halten. 

Apropos Tempo: Flaute, volle Boote, 28 Kilometer - 7,4 km/h - brutto, ohne die Pausen herauszurechnen. Der Rückenwind gestern hat also ganze 0,2 km/h gebracht! Unterm Strich muss ich sagen, dass ich meine Formkrise, in die mich dieser Winter gestürzt hat, ziemlich gut überwunden habe.

Die gesamte Tour
Und unterm Strich hat sich das Fehlen meines Schlafsacks und die Nicht-Einsetzbarkeit meines Zeltes überhaupt nicht genussmindernd bemerkbar gemacht. Allen auf den Inselchen verteilten Hütten und Gegenständen, die das möglich gemacht haben, sei Dank - vor allem aber der Tatsache, dass Trenk seinen Sommerschlafsack mitgenommen hat!

Samstag, 25. März 2017

Zelt und Schlafsack? Hoffnungslos überbewertet! (2/3)

In der unentschiedenen Phase zwischen Noch-Nicht-Wachsein und Nicht-Mehr-Tiefselig-Schnorcheln dringt ein permanentes Tackern an ein Ohr. Ich gebe mir große Mühe, es zu ignorieren. Aber es lässt mir keine Ruhe, dass ich dem Geräusch so gar keine Ursache zuordnen kann. Dass Trenk es im Kopf gekriegt hat und aus lauter Langeweile die Holzbänke in der Hütte mit Polstern betackert, ziehe ich nur kurz in Erwägung - das ist schließlich so gar nicht seine Art. Es ist gegen sieben Uhr und damit für Urlaub eindeutig zu früh zum Aufstehen - zumal ich ja nicht friere. Andererseits ist es bereits hell und das mit dem Ignorieren des stetigen "tackack"s funktioniert auch nur semi-optimal. Als ich schließlich Trenks Schritte draußen höre, trete ich auch vor die Tür meiner Schlaf-Sauna.

Das Tackern ist weg. Die einzig weltliche Erklärung, die mir einfällt, ist ein Vogel, der vielleicht auf dem Dach nach irgendwelchen Körnern gepickt und uns damit den Schlaf geraubt hat. Mein erster Gang geht zum Wasser, um das überschüssige zu lassen und das andere zu begutachten. Es ist Wind aufgekommen - genau wie in der Vorhersage angegeben und genau aus der richtigen Richtung! Unsere Sachen sind über Nacht wenigstens nicht feuchter geworden und gestern haben wir ja auch nicht übermäßig geschwitzt. Beim Zusammenpacken und Wiederherrichten des Holzschuppens klauben wir eine Reihe von liebevoll bemalten Steinen und Muscheln aus dem Gras. Wir drapieren sie etwas repräsentativer auf der Bank vor der Hütte.

Das Packen geht heute doppelt zügig bei mir, denn ich muss ja weder mein Zelt abbauen noch meine Isomatte einrollen! Geduldig warte ich, bis auch Trenk endlich fertig ist. Er hatte heute Nacht etwas Probleme mit seiner Downmat: im Laufe der Zeit hat sie Luft verloren, so dass er am Ende mit der Hüfte auf dem blanken Boden aufgesetzt und die Kälte dadurch übermäßig ins Gemark gekrochen ist. Aber dagegen hätte vermutlich auch sein Sommerschlafsack nicht wirklich geholfen. So war der doch besser bei mir aufgehoben!

Das Wetter ist nicht wirklich klar, aber auch nicht trübe. Es weht mit fünf bis sechs Metern pro Sekunde aus West und wir wollen nach Osten. Die neuen Shelter auf Drejö sind unser Ziel - nicht etwa weil ich kein Zelt mit habe, sondern weil sie uns natürlich brennend interessieren! Wir fahren mehr oder weniger schnurgerade dahin. Wir können sogar den einen oder anderen Surf mitnehmen, aber unsere vollbeladenen Booten agieren halt nicht besonders leichtfüßig. Trenk fährt heute einen "Latitude" von Nigel Dennis. Unter Fachleuten nennt man so etwas "Bulk Carrier". So gestaltet sich unsere Geschwindigkeit nicht besonders beeindruckend: 7,6 km/h im Schnitt. Das ist nicht schlecht, aber die 7,2 km/h von gestern haben wir bei Flaute ohne die geringste Anstrengung hinbekommen, während wir heute zwar Rückenwind haben, aber trotzdem erheblich mehr ins Schwitzen kommen. Zugegeben, wir fahren heute die doppelte Strecke, aber es zeigt sich immer wieder, dass Rückenwind gar nicht so viel bringt, wie man vermuten möchte.

Um halb eins haben wir unser Ziel erreicht, aber Trenk fragt gleich, ob das nur eine erste Etappe war, der wir vielleicht noch weitere folgen lassen möchten. Ich verspüre gerade keinen so übermäßigen Drang, noch "mal eben nach Skarö" und vor allem wieder zurück zu paddeln. Wir könnten noch nach Avernakö fahren, dann hätten wir am letzten Tag eine nicht ganz so weite Strecke zu bewältigen. Aber heute soll der Wind den ganzen Tag stramm aus Westen blasen, so dass Avernakö eine rechte Schinderei wäre. Morgen hingegen soll wieder absolute Flaute herrschen, was einen deutlich geringeren Aufwand bedeuten würde. So einigen wir uns darauf, die Trockenanzüge auszuziehen und auf Entspannung zu schalten.

Die erste Begehung des Platzes zeigt ein üppiges Angebot: Da ist ein geräumiger Esszimmershelter mit solidem Holztisch, ein Toilettenshelter, zwei Schlafshelter und ein  leider verschlossener Sauna-Shelter. Sogar einen Abfalleimer gibt es - fehlt eigentlich nur ein Frischwasseranschluss zum Fünf-Sterne-Übernachtungsplatz! Wir speisen die aufgehängte Blechbox mit dem nötigen Obulus, denn wir möchten, dass so eine tolle Idee auch weiter unterstützt wird.

Während ich schon mal eine Vorerkundung der Insel unternehme, haut Trenk sich eine Weile aufs Ohr. Später umrunden wir die Hälfte der halben Doppelinsel und sind ganz begeistert, dass es auf diesem Eiland sage und schreibe drei Übernachtungsplätze gibt: einen im neuen Segelhafen, einen im alten und den Shelter-Platz. Eigentlich ein idealer Standort für einen längeren Kajak-Urlaub, denn hier ist man genau mitten im südfünschen Inselmeer! Außerdem gibt es auf der Insel so viele Wegweiser, dass sich sogar Blinde hier nicht verirren könnten!

Zum Abendessen spendiert Trenk Eierpfannkuchen, die wir mit Kirsch-Brombeermarmelade von mir bestreichen. Ich habe mir extra nur einen Teil meiner Bratkartoffeln gemacht, damit ich mehr Platz für den Nachtisch habe!