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Dienstag, 10. Juni 2025

Klein ist die Seekajak-Gemeinde!

 

Windwerte zu Pfingsten auf Hooge
Eigentlich — Moment mal, hatten wir das nicht gerade?

Eine EPP-4-Prüfungsfahrt zu Pfingsten hatten Elke und ich schon im vergangenen Jahr verabredet. Hooge hätte es eigentlich sein sollen. Aber Hooge ist an diesem Pfingsten nicht gut (per Kajak) zu erreichen, der Wind dort soll nach der Vorhersage durchgängig mit sechs bis sieben Beaufort blasen. Dafür soll es fast jeden Tag regnen. Also überlegen wir noch einige Alternativen und wählen schließlich den Jadebusen als Revier und den Wilhelmshavener Kanu-Klub als Standquartier.

Leider liegt zwischen meinem Heimatstandort und Wilhelmshaven der Elbtunnel — und gefühlt verbringen außer mir auch alle anderen Kfz-Besitzer den Freitag vor Pfingsten auf der Autobahn. So benötige ich für die Hinfahrt über fünf Stunden! Ich fahre nie wieder Pfingsten durch den Elbtunnel!

Die übrige Truppe sitzt bereits gemütlich in der "Messe" des Vereinsheimes beieinander, als ich ankomme. Ich baue kurz mein Zelt auf und geselle mich dazu. Es sind neun Personen, die da aus allen Ecken der Republik zusammen gekommen sind. Elke und Susanne kenne ich bereits. Dann sind da noch Hannes, der wie die beiden aus Bremen kommt, Sven und Güli aus Hannover, Antje aus Unna, Martina und Ralf aus Hamburg und Christoph aus Bremerhaven.

Als erstes merke ich bei der Vorstellung, dass ich Martina bereits kenne. Ich habe an ihrem Online-Abend über Angst teilgenommen, den sie für die Salzwasser-Union ausgerichtet hat. Außerdem hat sie im Wesentlichen in der Schweiz das Seekajakfahren gelernt —  bei Rene, den ich wiederum mal auf Anglesey getroffen habe. Da mir auch Christoph so bekannt vorkommt, forschen wir gemeinsam etwas nach und finden heraus, dass wir beide vor zwei Jahren am Treibgut-Seminar des BKW teilgenommen haben.

Elke präsentiert mir ihre Idee für die kommenden Tage. Das sind ambitionierte Ziele, und die Wettervorhersage hat nicht gerade liebliche Winde im Angebot. Ich bin etwas verhalten, den Plan uneingeschränkt gutzuheißen. Dafür kenne ich die Truppe zu wenig, und das Wetter ist noch etwas unsicher. So entgegne ich auf den beschwichtigenden Kommentar für die geplante Fahrt nach Baltrum: "Ist doch nur eine Stunde!" mit "Sagen wir lieber: Es sind sieben Kilometer!".

Die Teilnehmer — und damit Prüfungsaspiranten — erklären mir noch den Plan für morgen in allen Details: Mit dem Auto nach Horumer Siel, dann östlich um das Minsener Oog herum, durch das Fahrwasser nach Wangerooge zum alten Anleger und durchs Wattfahrwasser westlich des Minsener Oogs zurück nach Horumer Siel. Die Tide lässt ein Aufstehen zu christlicher Zeit und ein gemütliches Frühstück zu. So liebe ich Fahrtenplanung: einfach nur dasitzen und anhören, was andere ausgearbeitet haben 😊.

Im Hafen von Horumer Siel ist einiges an Fußmarsch zu absolvieren, um Boote und Ausrüstung vom Parkplatz an einen Ort zu schaffen, wo wir ins Wasser gehen können. Leider hat der Füßling meines Trockenanzugs im Neoprenschuh eine Falte geschlagen. Mein kleiner Zeh wehrt sich wacker gegen die Angriffe der Falte — muss aber schließlich den Klügeren spielen und sich mit der Bildung einer Blase geschlagen geben.

Wir lassen die Boote südlich der Buhne an der Steinkante zu Wasser. Das ist wesentlich angenehmer als nördlich davon, wo zwar ein Sandstrand ist, dahinter aber ekliges Schlickwatt lauert. Zur unfallfreien Abwicklung bilden wir eine Kette und reichen die Boote von hinten nach vorne durch. So muss niemand mehr als nötig über die rutschigen Steine latschen.

Nachdem wir den Flachwasserbereich verlassen und in die Nähe des Fahrwassers kommen, erreicht unsere Geschwindigkeit fast durchgängig zweistellige Werte. Auch die Wellenhöhe macht dem Begriff "Seekajak-Tour" allmählich Ehre. Selbst als der Führungsauftrag von Susanne auf Christoph übertragen wird und wir eine Weile antriebslos auf der Nordsee dümpeln, weil wir erst mal neu eingenordet werden, beträgt die Geschwindigkeit immer noch 4 km/h. Fast müssen wir befürchten, viel zu früh an unserem Zielpunkt anzukommen.

Aber schon bald müssen wir hinter dem Minsener Oog nach Westen einschwenken und damit gegen den Strom fahren. Während wir einschwenken, kann man an der nahen Untiefentonne wunderbar erkennen, wie wir vehement nach Norden versetzt werden. Ohne solche Referenzobjekte hat man keine Chance, seine Abdrift zu erkennen. Gut — man könnte ein GPS-Gerät benutzen, aber das wäre zu einfach.

Wir sind recht knapp hinter dem Minsener Oog abgebogen, um etwas über den Wattrücken abzukürzen. Darauf sind zwar schon weiß brechende Wellen zu erkennen, aber es sieht aus, als wenn da noch genug Wasser für uns drüber steht. Das stimmt auch für fast alle! Nur Hannes muss irgendwann erkennen, dass er sein Boot ein Stück tragen muss, wenn er nicht sechs Stunden auf das Einsetzen der nächsten Flut warten will.

Die Pause auf dem Trittstein auf Wangerooge ist nicht wirklich gemütlich. Die Sonne hat sich hinter Wolken versteckt, es geht ein frischer Wind und immer wieder setzt Regen ein. Dafür kann hier jeder vorführen, was er oder sie als Wetterschutz mitführt. Es wird eine bunte Schau der Storm-Cags.

Der Rückweg ist wenig spektakulär, denn der Wind bleibt hinter der Vorhersage zurück und wir fahren durchgängig durch flaches Wasser. 

Für den Sonntag war eigentlich geplant, Incidence-Management im Nassau-Hafen zu üben. Da der Wind aber nicht gar so garstig werden soll, wollen wir einfach den Jadebusen nach Osten überqueren und vor Eckwarderhörne Rettungsübungen machen. Dort haben wir dann wenigstens Wind und Wellen, was ein viel realistischeres Szenario verspricht.

Jeder Teilnehmer soll einmal als Schwimmer und einmal als Retter einen assistierten Wiedereinstieg durchführen. Da uns der Wind mit Macht auf die nahe Steinschüttung drückt, muss gleichzeitig jeweils ein Dritter dafür sorgen, die beiden Agierenden vor der Kollision mit dem Ufer zu bewahren. Alle meistern die Aufgaben ohne Probleme, aber man sieht, dass sie dabei auch eine Menge lernen, denn so oft übt man das nicht unter solchen Bedingungen. Besonders der Schleppbeauftragte muss feststellen, dass es alles andere als einfach ist, hier seine Leine schnell und wirkungvoll einzusetzen.

Am Ende demonstriere ich noch mal die "Hand of God"-Technik. Dabei ist mir Martina ein williges "Opfer", die überhaupt keine Probleme damit hat, sich bewusstlos zu stellen und mit dem Kopf unter Wasser geduldig zu warten, bis ich sie wieder hochhole! Respekt! Einige der Teilnehmer wollen das danach auch noch mal üben. 

Auch wenn man hier durchaus durch Üben besser werden kann, wir sind uns alle einig, dass wir nicht wünschen, diese Technik einmal wirklich zu benötigen. Insbesondere das Anfahren an das Opfer dauert so lange, dass ich hoffe, dass man im Zustand der Bewusstlosigkeit besonders entspannt ist, um unter Wasser auf das Eintreffen des Retters zu warten!

Bei der Rücktour müssen wir uns gegen den Wind quer zum jetzt voll ablaufenden Wasser nach Westen kämpfen. Das beschert und einige interessante Wellen. Und man sieht an unserer GPS-Spur, wie wir mit Eintritt in das Fahrwasser deutlich nach Norden versetzt werden.

Die ursprünglich angedachte zweitägige Tour nach Baltrum haben wir einvernehmlich gegen eine Fahrt nach Dangast eingetauscht — auch wenn wir dafür diesmal schon um unchristliche sieben Uhr aufstehen müssen!

Vom Nassauhafen aus startend ist die Herausforderung hier im wesentlichen, den Priggenweg zu finden, der einen direkt nach Dangast leitet. Hat man in ihn eingefädelt, ist es keine große Tat mehr, das Ziel zu erreichen. Allerdings muss man hin und wieder noch mal auf Ausflugsboote und die Sportschifffahrt achten. Da waren die Teilnehmer aber dermaßen achtsam, dass ich immer Schwierigkeiten hatte, das gemeldete, sich annähernde Boot überhaupt auszumachen. Der Alarm kam nämlich immer schon, wenn es sich praktisch gerade über die Kimm geschoben hatte. Mit diesem Ansatz käme ich auf der Kieler Förde nie aus dem Alarm-Modus heraus, weil einfach die Verkehrsdicht dort so viel höher ist. Aber es schadet ja nicht, wenn man frühzeitig warnt und dann alle Zeit der Welt hat, die weitere Entwicklung der Annäherung zu beobachten.

Was ich bei der Annährung an den Badestrand von Dangast beobachte, lässt mich leicht ins Grübeln kommen. Ich kann mich einfach nicht des Eindrucks erwären, dass ich da etwas Unanständiges erblicke. Nachdem Anlanden vergewissere ich mich gleich — aber mein Unglauben wird nur durch Ratlosigkeit eingetauscht: da steht tatsächlich die Skulptur eines überdimensionalen, in Stein gehauenen Phallus am Strand zwischen flanierenden Touristen und spielenden Kindern!

Als wir uns gerade nach einer durch Pflaumenkuchen versüßten Pause für das Briefing zur Rückfahrt versammelt haben, kommt eine ältere Dame auf uns zu und fragt nach unserer Herkunft. Und ob auch SaU-Mitglieder dabei sind. Mich verwundert diese Frage etwas — aber nicht mehr, als sie uns ihren Namen nennt. Sie ist die Witwe des vergangenen Jahres verstorbenen Mit-Gründers der Salzwasser-Union Wolfgang Half. Den kenne ich noch persönlich, und Christoph rückt damit heraus, dass er vor vierzig Jahren als Jugendlicher mal eine Tour mit ihm gemacht hat, bei der sie dann auch in ihrem Garten übernachtet haben.

Und weiß noch jemand etwas über die Familie Thiekötter? Mit denen sind die Halfs früher oft auf Tour gegangen. Nein, niemand weiß etwas über das Schiksal der Thiekötters — aber Güli hat irgendwann das Boot von Frau Thiekötter gekauft und ist hier damit unterwegs!

Frau Half hat so viel zu erzählen und freut sich sehr, dass "junge" Menschen den geliebten Sport weiter betreiben und pflegen, dass darüber einige Zeit ins plattdeutsche Land streicht. Unser eingeteilter Fahrtenleiter für die Rückfahrt wird wegen des ablaufenden Wassers langsam nervös und möchte sein Briefing beginnen. Aber die paar Minuten Verzögerung für so eine liebe Begegnung müssen auch auf Tidengewässern drin sein! 

Wie auf der Hinfahrt machen wir auch jetzt Gebrauch von unserem geringen Tiefgang und folgen dem wild mäandernden Priggenweg nicht von Anfang an. Stattdessen kürzen wir gehörig ab und fädeln erst später in seine Gasse ein. Der Wind frischt auf und kommt nun aus West-Süd-West. Zu meiner Freude lässt der Fahrtenleiter Hannes den Priggenweg irgendwann Priggenweg sein und schwenkt aus ihm heraus. Dadurch gewinnen wir Höhe gegen den Wind, den wir bald durch einen deutlichen Schwenk nach Osten quasi in Rückenwind verwandeln. Ich nutze das gleich, um den einen oder anderen Surf zu genießen.

Je näher wir dem mit einer senkrechten Spundwand befestigten Ufer kommen, desto stärker machen sich die dadurch verursachten Reflexionswellen bemerkbar. Ich glaube nicht, dass Hannes dieser Effekt bewusst war, aber ich bin ihm dankbar, dass er die Gruppe da mitten hinein führt. Dieses "Kopfsteinpflaster des Meeres" ist für mich immer eine Quelle für großen Spaß! Und die Gruppe hat ein weiteres Mal die Gelegenheit, ihre große paddlerische Kompetenz unter Beweis zu stellen — niemand hat auch nur ansatzweise einen angespannten Gesichtsausdruck! Hätte ich anfangs gewusst, welches paddlerische Vermögen in der Gruppe versammelt ist, wäre ich nicht so verhalten gewesen, als Elke mir ihre Planung unterbreitet hat!

Bei der abschließenden Besprechung über die EPP-Würdigkeit der Teilnehmer stellt sich noch heraus, dass ich Antjes Mann auch kenne: mit ihm habe ich vor zwei Jahren eine gute Woche auf Jersey verbracht. Er war der Kandidat, der während meiner Prüfung zum Sea Kayak Leader aus seinem Boot gefallen ist, weil eine gigantische Welle es gegen einen Felsen katapultiert und dann senkrecht gestellt hat. Mit der nächsten Welle flog dann sein leeres Boot in hohem Bogen über den Felsen durch die Luft. So etwas vergisst man nicht!

Wenn man sich die vielen Querverbindungen zwischen den beteiligten Menschen vor Augen hält, die sich auf dieser Tour offenbart haben, dann muss man konstatieren, dass die Welt des Seekajak-Fahrens aus einer überschaubaren Gemeinde gebildet wird.

(GPS-Tracks der Touren hier.)


Dienstag, 21. Mai 2024

Wer A sagt, muss auch B sagen...

Wenn man einen Trainer-C-Schein hat, hat man die Berechtigung, Prüfungen zum Europäischen Paddelpass abzunehmen. Für die Stufe EPP 3 aber nur unter der zusätzlichen Bedingung, dass man selbst im Besitz der Stufe EPP 4 für die spezifische Disziplin ist. Da mir wegen persönlicher systeminterner Inkompatibilitäten leider die spezifischen Zertifikate des Deutschen Kanu-Verbandes fehlen, stellt das einen unheilbaren Mangel dar, im Verein entsprechende Kurse und Prüfungen anzubieten. Ich will aber gerne das System des EPP bei uns im Verein stärken und weiter voranbringen. Nun hatte ich also quasi den Bart in der Drehbank: wenn ich mit der Trainer-Lizenz nun schon so kurz vor dem Ziel stehe, bin ich fast gezwungen, auch noch die fehlende Prüfung zu machen😐.

Betzi, mit der zusammen ich diesen Pfad beschreite, hatte bereits eine Gelegenheit gefunden, den Mangel für sich selbst zu beseitigen. Mit Elke, der Ausbildungsleiterin vom Bremer Landeskanu-Verband, hatte ich bei der Treibgut-Veranstaltung im letzten September vereinbart, dass sie an Pfingsten eine EPP-4-Küste Prüfungsfahrt veranstaltet, an der ich teilnehmen würde.

Nun hat mich aber gewurmt, dass ich zwar nicht die explizite EPP-4-Lizenz habe, dafür aber die Seakayak-Leader Lizenz für Tidengewässer des britischen Verbandes. Und schon die Voraussetzungen dafür sind deutlich höher als die von DKV geforderten - von der Ausbildung ganz zu schweigen. Also habe ich mich an den DKV gewandt, um meine britische Lizenz als mindestens gleichwertigen Ersatz anerkennen zu lassen. Dabei wollte ich eine Anerkennung nicht nur für mich persönlich erreichen, sondern ein Bekenntnis, dass eine bestimmte britische Lizenz generell einer entsprechenden DKV-Lizenz als gleichwertig anerkannt wird. Es hat zwar fast ein halbes Jahr gedauert, aber das war eher dem bürokratischen Mechanismus geschuldet - grundsätzlich war der DKV meinem Anliegen gegenüber sehr positiv eingestellt. Am Ende entstand eine Tabelle, aus der nun jeder Inhaber einer britischen Lizenz ablesen kann, welcher deutschen Lizenz sie gleichgestellt ist!

Damit war zwar für mich die Notwendigkeit entfallen, an der Prüfungsfahrt zu Pfingsten teilzunehmen. Aber ich wollte mir doch eine Nordseetour in Nordfriesland nicht durch die Lappen gehen lassen! Elke war ganz froh, dass ich sie trotzdem begleiten wollte, denn Nordfriesland ist nicht wirklich ihr Zuhause, und sie wollte meine intime Revierkenntnis gerne nutzen.

Wir sollen um 10 Uhr abfahrtbereit in Schlüttsiel auf der Rampe stehen. Ich reise zusammen mit Maditha an. Wir haben die kürzeste  Anreise - müssen aber auch schon um halb sieben losfahren, um das Soll zu erfüllen. Die Teilnehmer aus Bremen übernachten alle auf der Kirchwarft in Ockholm, Cornelia irgendwo direkt in Sielnähe.

Bei der Vorstellung geben noch alle an, dass sie am Ablegen der Prüfung interessiert sind - bis auf Marcia, die schon im Besitz dieser Qualifikation ist. Wir sind insgesamt 10 PaddlerInnen - Elke, Marcia und mich abgezogen sind das immerhin noch sieben Prüflinge - eine stattliche Gruppe. Das Packen geht erfreulich professionell und zügig vonstatten. Man sieht halt, dass man es hier mit erfahrenen Tourenpaddlern zu tun hat. Aber irgendwie will nicht bei allen alles in die Stauräume des eigenen Kajaks passen. So landen am Ende sechs Räder für Bootswagen in meinem Schiff.

Die Wetterbedingungen sind enttäuschend lieblich. Hatte die Vorhersage noch vor Kurzem Wind mit fünf bis sechs Beaufort aus Osten versprochen, kräuseln jetzt maximal drei Windstärken die Oberfläche der Nordsee. Da kann nicht wirklich Spaß geschweige denn Stress aufkommen, aber das entspannt die Sache mit der Navigation für die Aspiranten natürlich erheblich. Auf dem Weg werden immer mal wieder kleine Fragen gestellt oder Erläuterungen gegeben. Auch kleine Übungen sind dabei, wie das Fahren eine Seilfähre genau quer zum Strom zwischen zwei recht dicht beieinander liegenden Tonnen. Pelworm dient als fixer Hintergrund, um festzustellen, wie stark die Abdrift ist und wie weit man vorhalten muss. Kurz vor Hooge gibt es noch die erste Gelegenheit, die Beherrschung des Pflichtelements "Rolle links und rechts" zu demonstrieren. Ich bin etwas überrascht, wie lang und umfangreich die Vorbereitung bei einigen dafür ist. Im Ernstfall wird es die Zeit nicht geben, vorher noch die Nasenklammer aufzusetzen, das Paddel zu wechseln oder das Deck aufzuräumen. Unter "Routine" fällt das meines Erachtens eher nicht.

Durch die mannigfachen Unterbrechungen und weil wir auch sonst eher nicht hurtig unterwegs waren, haben wir fast vier Stunden bis zum Zeltplatz gebraucht. Aber da wir ja sogar vor Hochwasser losgekommen sind, steht das Wasser vor Hooge immer noch so hoch, dass wir fast bis zur Steinschüttung fahren können. Wir landen gleich östlich vom Hafeneingang an, die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr und die Warnung von Stan am vergangenen Mittwoch sind mir noch zu gegenwärtig, so dass ich lieber den längeren aber sicheren Weg wähle. Ich hatte Elke ja im Vorfeld auch gebeten, alle anzuweisen, dass sie einen Bootswagen benötigen.

Den Rest des Tages verbringen wir im Wesentlichen damit auszuruhen, das schöne Wetter zu genießen und das Abendessen zuzubereiten. Die Infrastruktur auf der Hallig leidet etwas darunter, dass die Abwasserleitung nicht richtig funktioniert. So haben wir nur eine Toilette zur Verfügung und es wird gebeten nicht mehr als einmal am Tag(!) zu duschen. Ich bespreche mich in der Zwischenzeit mit Elke, was wir morgen auf den Plan setzen. Wir wollen in zwei Gruppen a fünf Personen fahren. Erst gegen den auflaufenden Strom zur Nordspitze von Jappsand, dann genau quer zu ihm, um zur Tonne SA10 zu kommen und dann nach Hilligenley zu fahren. Von dort ein Stück das Langenessfahrwasser hoch und schließlich zurück zu unserem Basislager auf Hooge. Nach dem Abendessen eröffnen wir unseren Vorhaben den anderen, die einen detaillierten Plan ausarbeiten sollen, wie man das realisieren kann.

Die Pläne der beiden Gruppen unterscheiden sich nicht wesentlich, was nicht verwundert. Als wir uns am nächsten Tag gegen das auflaufende Wasser nach Westen zu Nordspitze von Jappsand vorarbeiten, meiden wir das tiefe  Fahrwasser des Priels vor Hooge und fahren dicht die Hallig geschmiegt über das flache Wasser der Wattflächen. Hier geht eine deutlich geringere Strömung. Wir kommen mit fünf bis sechs Stundenkilometern voran, nur unbedeutend langsamer als komplett ohne Stromeinfluss.

An der Nordspitze von Jappsand steigen wir kurz aus, um das weitere Vorgehen festzulegen. Da sich die Teilnehmer hier nicht wirklich auskennen, fällt es ihnen erwartungsgemäß etwas schwer, die relevanten Tonnen zu finden und sie dann auch eindeutig zu identifizieren. Wenn man aber innerlich einen Schritt zurück geht, liegen nur zwei Tonnen innerhalb des Erwartungssektors für die Tonne SA10. Das ist einmal die rot-grüne Tonne SA10 selbst und die grüne Tonne SA7. Und selbst für den Fall, dass man die "falsche" der beiden Tonnen ansteuert, ist man auf der sicheren Seite, weil man ohne einen großen Umweg gefahren zu haben und ohne Probleme zur SA10 kommt.

Frauke, die die Aufgabe hat, die Gruppe zu führen, wählt die SA7 als Zwischenziel und gibt einen Kompasskurs an, der einen üppig gestalteten Vorhaltewinkel beinhaltet. Sie merkt sehr bald selbst, dass das zu viel des Guten ist und korrigiert ihn. Es folgen noch diverse Korrekturen, die unterm Strich eine recht gerade Spur zum Zwischenziel ergeben. Die Technik, bei der herrschenden hervorragenden Sicht, das anzupeilende Objekt konstant mit einem ausgezeichneten Referenzobjekt am Horizont in Deckung zu halten, ist in der Gruppe noch eher fremd. Von hier zur SA10 zu kommen, ist ein leichtes — das Erreichen des Anlegers von Hilligenlei nicht der Rede wert. Als Verantwortlicher für eine Gruppe ist man beim Anlanden am besten dort positioniert, wo das größte Risiko lauert und man am besten eingreifen kann. Wo das in diesem Fall gewesen wäre, ist allen Beteiligten bei der Nachbesprechung unmittelbar einleuchtend.

Nach der Pause soll Haye die Gruppe das Langenessfahrwasser entlang führen, bis wir spätestens an seinem Ende einen Schwenk nach Süden machen und zu unserer Zeltwiese zurückkehren werden. Auf dieser Strecke soll es einen unerwarteten Zwischenfall geben. Dazu instruiere ich Conelia, dass sie auf ein Zeichen von mir hin kentern soll. Maditha sage ich, dass sie, sobald Haye die Kenterung von Conelia erkannt und auf seine Reaktion eingeleitet hat, ebenfalls kentern und ihrem Boot einen Schubs geben soll, damit es von Wind vertrieben wird. Nach einer Weile fällt mir noch ein, dass ich auch Marcia noch instruieren muss, damit sie als erfahrene Paddlerin und EPP4-Inhaberin die Dinge nicht selbst in die Hand nimmt. Ich erkläre ihr, dass die von nun an auf das Niveau einer EPP2-Paddlerin zurückgestuft ist.

Kurz vor Erreichen der Tonne L20 gebe ich das Zeichen. Haye reagiert blitzschnell und souverän. Als Maditha ebenfalls kentert, erfasst er auch diese Situation und erkennt, dass er nicht beide Probleme eigenhändig bearbeiten kann. Er bittet Marcia, sich um Maditha zu kümmern. Er fragt sie sogar, ob sie mit dem Umgang dieser Situation vertraut ist. Natürlich ist sie das! Aber gemäß meiner Rückstufung gibt sie zu bedenken, dass sie das zwar schon mal geübt habe, aber nur im Schwimmbad! "Versuch es einfach.", ermuntert Haye sie. Leider ging mein Kalkül, dass der Wind Madithas leeres Boot wegwehen würde, so gar nicht auf — es weht leider genau gar kein Wind 😐. Während der gesamten Rettungsaktion, die etwa 15 Minuten gedauert hat, sind wir durch das mittlerweile wieder schwach ablaufende Wasser 500 Meter zurückgetrieben worden. Nachdem alle wieder betriebsbereit in ihrem Booten sitzen, soll Maditha uns zurück führen. Das ist in Anbetracht der Verhältnisse, der kompletten Abwesenheit von Wind und Madithas Souveränität bei der Navigation kein Problem.

Es ist gar nicht so leicht, sich eine sinnvolle Tour auszudenken, weil die Lage der Tide an diesem Wochenende alles andere als ideal ist. Meine Abstimmung mit Elke für den kommenden Tag resultiert in der Aufgabe, Hooge im Uhrzeigersinn zu umrunden. Währenddessen sollen dann noch mal ein paar Paddeltechniken demonstriert werden. Elke und ich tauschen dabei die Gruppen. Zur Umsetzung fahren wir zuerst genau nach Osten bis zum Priggenfahrwasser, das in das Rummelloch führt. Südlich von Hooge trifft das auflaufende Wasser auf die Hallig und muss sich entscheiden, ob es sie links oder rechts herum umfließt. Es gibt also einen Punkt, an dem die Stromrichtung von Ost auf West umspringt. Ich versuche, den Teilnehmern zu vermitteln, wie sie feststellen können, in welche Richtung die Strömung zieht. Wenn man sich zwei hintereinander liegende Objekte auf der Hallig sucht und sieht, wie sich sich relativ zueinander bewegen, hat man ein sicheres Indiz, in welche Richtung die Strömung geht. Es braucht einige Gewöhnung, aber schließlich erkennen alle das Prinzip dieser Technik.

Am Nordende von Jappsand geht es an Land. Das Wasser im Flach davor hat sage und schreibe eine Temperatur von 22 Grad! Einige nutzen das, um wahlweise Rolle zu üben oder zu baden. Ein recht kleiner Seehund nähert sich uns und geht vollkommen ohne Scheu direkt bei unseren Booten an Land. Ich habe das Gefühl, dass er nicht ganz gesund ist.

Die beiden Gruppen sollen im Wettbewerb gegeneinander ein "All-In" ausführen. Sieger ist, wer als erster zurück an Land ist und dort den Notruf absetzt. Die Gruppen sind bei einzelnen Elementen im Ablauf sehr unterschiedlich schnell, aber am Ende setzen beide den Notruf und wenige Sekunden nacheinander ab. Ich würde sagen, beide Gruppen haben bei der Übung zusätzliche Sicherheit im Umgang damit gewonnen! An Land angekommen, eröffne ich ihnen, dass einer meiner Lukendecken verloren gegangen ist und sie sich etwas überlegen müssen. Auch das stellt für die Teilnehmer keine unlösbare Aufgabe dar. Ich bin überrascht, wie gut sie ausgerüstet sind und finde mein Boot nur wenig später perfekt abgeschottet vor. Ich fahre damit problemlos und mit trockenem Schott zurück nach Hooge.

Für Dienstag, den Tag der Rückreise, ist heftiger Wind aus Osten angesagt. Es ist nicht ganz klar, ob wir bei den zu erwartenden Verhältnissen auf eigenem Kiel zurückfahren können. Wir wollen die Entscheidung erst mit der Vorhersage am Tag selbst fällen. Ich stehe sehr früh auf, um mir ein Bild zu machen. Es sieht für mich durchaus machbar aus, würde aber wenigstens anstrengend werden. Ich verabrede mit Elke, dass wir der Gruppe sagen, dass wir alle mit der Fähre zurück fahren werden. Wenn dann jemand von sich aus sagt, dass er aber unbedingt paddeln möchte, würde ich ihn begleiten. Ich möchte aber nicht im vorhinein anbieten, dass ich mitkommen würde, wenn jemand paddeln möchte. Wie erwartet, will Maditha unbedingt paddeln! Dafür bin ich ihr sehr dankbar!

Maditha und ich auf der Rückfahrt, 
von der Fähre aus fotografiert.
Ostwind und auflaufendes Wasser bedeuten Wind gegen Strom, was Garant für interessante Wellen ist. Sie sind nicht wirklich groß, so um einen halben Meter, Fetch und Wassertiefe geben halt nicht mehr her, aber sie sind steil und machen Spaß! Und es macht Spaß, Maditha neben sich zu haben, die ständig ein seliges Grinsen im Gesicht hat. Was mich beeindruckt, ist, dass sie in diesem Chaos an den Schlüsselstellen immer wieder seelenruhig auf die Karte sieht, um unsere Position und die weitere Richtung zu bestimmen! Wir benötigen keine drei Stunden für die gesamte Strecke. Das sind 7 km/h —  was nichts anderes bedeutet, als dass sich die Effekte der unterstützenden Strömung und des hindernden Windes gegenseitig genau aufgehoben haben.

Meine Karriere während dieser Tour verlief steil — vom zu prüfenden Kandidaten, über begleitenden Ortskundigen zum Assistenten der Prüferin. Ich habe das nicht angestrebt und möchte mich auch gar nicht weiter in diese Richtung bewegen — aber es hat mir Spaß gemacht. Insbesondere das innere Wollen der Teilnehmer hat mich begeistert und natürlich auch ihre je eigene Kompetenz. Es ist ein grundsätzlich anderes Gefühl, Paddler mit intrinsischem Antrieb zu führen, als wenn die Teilnehmer eigentlich "nur mit" sind. Und es ist schön zu sehen, dass es andere gibt, die sich der Weitergabe ihres Wissens an Dritte verschrieben haben.