Sonntag, 26. Juli 2026

Langeland-"Umrundung"

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Für dieses Jahr hatte ich Schottland als Paddelabenteuer ins Auge gefasst. Aber dann habe ich überlegt, wie ich das mit der Betreuung meines Vaters unter einen Hut bringen könnte. Schottland würde mich mindestens für drei Wochen von der Bildfläche nehmen. Und auch im Falle einer Katastrophe bräuchte ich eine Handvoll Tage, um wieder vor Ort wirksam werden zu können. Alles möglich zu organisieren — aber dafür hätte ich mehr Vorlauf benötigt.

Also etwas "Näherliegendes"! Ich habe doch die Insel Langeland noch nie umrundet — warum also nicht einfach das in Angriff nehmen? Diese beiden Sätze spiegeln in etwa die Gesamtheit meiner Gedanken wieder, die ich mir im Vorfeld zu der Unternehmung gemacht habe.

Irgendwann hat sich noch Jörg als Begleitung angeboten. Und der hat, wie das seine Natur ist, etwas genauer hingesehen. Seine Anmerkung, dass wir dann aber jeden Tag eine mehr als anspruchsvolle Strecke paddeln müssten, hat mich nicht ungerührt gelassen. "Kein Stress! Aber wenn schon keine Umrundung, dann queren wir wenigstens den Großen Belt und übernachten einmal auf Lolland!".

Den Beginn der Tour haben wir auf Montag gelegt — da bleibt man von jeglichem Urlaubsstau unberührt — die Dauer auf maximal sieben Tage begrenzt. Mit dem Termin in absehbarer Nähe wurde die Windvorhersage zu Rate gezogen. Die schwänzelte ziemlich hin und her, hatte aber im wesentlichen heftige Winde aus westlicher Richtung im Angebot. Die erste Abwehrmaßnahme bestand in der Verschiebung der Abfahrt auf Dienstag. Damit war praktisch auch die Querung des Großen Beltes gestorben, denn einer Verlängerung der Tour und damit Verschieben der Rückfahrt standen andere Termine im Wege. Aber dann wollen wir wenigstens einmal um die Südspitze von Langeland und nach Lolland luken!

Durch die Anreise mitten in der Woche hält sich der Verkehr trotz Hauptferienzeit einigermaßen in Grenzen. Wir haben einen klitzekleinen Strandzugang zwischen Mommark und Fynshavn als Parkplatz für unseren Bus ausgewählt. Außer ein paar Anglern, die hier regelmäßig zu Wasser gehen, herrscht hier kein Betrieb. Es ist sonnig, der Wind ist lau — und nach kurzem Umpacken der Ausrüstung aus dem Bus in die Boote stechen wir erwartungsfroh in See. Ärö ist schon klar und deutlich zu sehen, aber nach wenigen hundert Metern quält Jörg die Ungewissheit, ob wir die Seitentür des Busses denn auch wirklich wieder zu gemacht haben. Ich kann mich auch nicht explizit erinnern, und so fahren wir noch eine kleine Schleife zurück zum Strand.

Es geht immerhin ein bisschen Wind, den wir versuchen, mit unseren Segeln einzufangen. Ziel ist erst mal die Steilküste am südlichen Ufer von Ärö, dort wo die Küste sich von ihrem klaren Nord-Südverlauf nach Südosten abbiegt. Dort angekommen kramen wir unsere Stullen hervor und machen eine kleine Pause, ohne an Land zu gehen. Danach geht es durch wunderbar türkisblaues Wasser weiter bis zum Shelter, den wir vor etlichen Jahren hier schon mal entdeckt und für spätere Touren als mögliches Ziel ausgemacht haben. Der Shelter ist aus der Entfernung nicht leicht zu entdecken, aber ich kann mich vage daran erinnern, dass da ein markanter Schornstein ganz in der Nähe war. Ein solcher zeigt sich dann auch bald — und meine Erinnerung hat prima funktioniert: der Shelter steht quasi direkt darunter dicht am Wasser!

Als wir geräuschvoll auf den Strand schrammen, schrecken wir eine dänische Nixe auf, die ein paar Meter entfernt entrückt ihren baren Busen der Sonne darbietet. Tschuldigung!

Die Inspektion der Infrastruktur lässt Entzücken aufkommen: Ein Schlaf-, ein Küchen- und ein Kackshelter stehen zur Verfügung! Wir einigen uns auf die Verteilung: Jörg wird sein Lager im Schlafshelter aufschlagen, ich meines im Küchenshelter — den Kackshelter heben wir uns für besondere Gelegenheiten auf. Das Tolle an diesem Ensemble ist, dass es wirklich sehr schlecht erreichbar ist: man kommt nicht mit dem Auto hierhier und auch nicht mit dem Fahrrad. Man muss schon eine erkleckliche Strecke zu Fuß zurücklegen, um hierher zu kommen. Und auch mit dem Kajak muss man gute 25 Kilometer paddeln, egal aus welcher Richtung man kommt! Das garantiert eine gewisse Exklusivität, die sich auch im Inneren der Holzgehäuse wiederspiegelt: die Liegeflächen im Schlafzimmer sind mit einer dünnen Isomatte ausgelegt, es gibt üppige, marokkanische Sofakissen, klappbare Gartenstühle, und im Küchenraum ist die Sitzfläche mit einem Polster ausgelegt! Ganz untypisch für dänische Shelter findet man hier diverse Möglichkeiten, Dinge aufzuhängen! Ein klarer Beweis, dass dieses Etablisment häufiger von denselben Nutzern aufgesucht wird, die es sich etwas gemütlicher eingerichtet haben.

Am nächsten Morgen geht ein deutlich frischerer Wind — aber aus westlicher Richtung, also eher von hinten. Das Wassern der Boote ist mit den auf den steinigen Strand brechenden Wellen nicht so ganz einfach. Ich gebe Jörg einen kräftigen Schubs, bevor ich mich dann selbst ins Boot zwänge.  Hoch am Strand auf den Steinen lauernd warte ich auf eine günstige Wellenkonstallation. Die lässt zwar etwas auf sich warten, aber schließlich komme ich doch einigermaßen geräuscharm ins Schwimmen.

Es geht ein solider Seegang, der einiges an Aufmerksamkeit erfordert, damit wir nicht dem jeweils anderen ins Boot rauschen. Da lassen wir die Segel heute erstmal angelascht. Hier draußen sind die Wellen zwar recht hoch, aber regelmäßig und harmlos. Sie rollen von Angeln etwa dreißig Kilometer hier rüber und werden unterwegs durch nichts in ihrem Ebenmaß gestört.

Dort, wo sich die Küstenlinie von Ärö abrupt von Süd-Ost nach Nord-Ost wendet, erzeugt das Steilufer einen recht passablen Windschutz. Mir wird fast ein wenig langweilig, so dass ich mein Segel zum Einsatz bringe. Aber zum einen erfasst uns der hier böige Wind mit zunehmender Entfernung vom Ufer immer stärker und zum anderen bringt er mich schnell auf eine Geschwindigkeit, der Jörg durch reines Paddeln kaum folgen könnte.

In der Wettervorhersage war die Rede davon, dass der Wind am frühen Nachmittag deutlich nachlassen sollte. Aber ganz offensichtlich fällt entweder der Nachmittag aus, oder etwas stimmt mit der Vorhersage nicht. Wir fahren recht dicht an der Hale von Marstall mit seinen putzigen Badehäuschen vorbei. Danach müssen wir nur noch die ca. vier Kilometer breite Bucht zwischen Ärö und Langeland queren. Wir erwarten sie als recht flaches Seegebiet, in dem sich eigentlich keine nennenswerten Wellen tummeln können. Aber da haben wir uns wieder mal irgendwie geirrt!

Ich bin echt perplex, was hier für eine krause See herrscht! Waren die Wellen vorhin zwar groß aber regelmäßig, so sind sie hier groß und chaotisch. Vorhin waren sie rein deutschen Ursprungs, hier mischen sich deutsche Wellen aus Angeln mit dänischen, die von Norden aus der Lücke zwischen Ärö und Langeland hereinströmen. Und man kann nicht sagen, dass diese beiden Wellensysteme harmonisch miteinander interagieren! Es ist deutliche Aufmerksamkeit geboten, wenn man nicht ihr hilfloser Spielball sein möchte!

Ich paddle so fasziniert, dass ich total vergesse, hier ein Foto zu machen. Aber das hätte die Verhältnisse eh nur unzureichend wiedergegeben. Erst als wir versuchen, in die Engstelle Ristinge Löb einzufädeln (was auch nicht einfach war!), krame ich meine Kamera heraus. Hinter der Enge ist das Wasser derart flach, dass wir permanent mit den Paddeln aufsetzen und ich mir erst nicht sicher bin, ob wir ohne Aussteigen bis zu unserem Ziel kommen. Nachdem wir dann aber doch hinreichend Wasser unter dem Kiel haben, setzen wir beide unsere Segel. Der genau von achtern kommende Wind bringt uns auf Geschwindigkeiten von acht und kurzzeitig sogar zehn Stundenkilometern, ohne dass wir einen Handschlag dazutun! Das schafft man mit normalem Paddeln nicht!

Der Segelhafen von Ristinge ist klein, eng und bis auf den letzten Platz belegt. Eine Segelyacht hat deswegen schon außen festgemacht. Das ist ein erbärmlicher Liegeplatz, denn das Boot ist dem Wind gnadenlos ausgeliefert und wird von den Wellen gründlich durchgewalkt. Ein Handlauf ist bereits gebrochen und das hinten befestigte Beiboot bis zum Rand mit Wasser vollgeschlagen.

Obwohl ich eine Abneigung gegen Slips aus Beton habe, nutzen wir ihn, um uns aus den Booten zu pellen. Zum Glück ist der Slip durch eine dicke Schicht Seegras bedeckt — leider aber auch von dicken Wolken ekligen Schaums !

Die erste Inspektion des Hafens lässt gleich Entspannung um sich greifen. Hier gibt es alles, was das Paddlerherz erfreut: Waschraum mit Toilette und Dusche, natürlich Frischwasser, zwei Shelter im Windschutz und einen Transportwagen, der unsere Boote vom Slip zu den Sheltern bringt. Leider sind in der letzten Zeit in ganz Dänemark bei allen Sheltern die Türen abmontiert worden. Vermutlich, weil sie als bewegliche Elemente regelmäßig kaputt gegangen sind und man sich die Reparatur sparen wollte. Das ist im Sommer kein großes Drama, für den Winter aber ein echtes Manko.

Wir bringen kurz die hölzerne Tisch-Bank-Kombi an die korrekte Stelle (nämlich direkt vor unsere Shelter) und kochen uns erst mal einen Tee. Nach einer ausgiebigen Entspannungspause bereiten wir das Abendbrot. Das Wetter entwickelt sich erst etwas bedrohlich, indem sehr schwarze Wolken aufziehen. In der Ferne sieht man es auch hin und wieder blitzen und manchmal rummelt es vernehmlich. Eine Dame, die offensichtlich gekommen ist, um die Anlage zu kontrollieren und nach dem Rechten zu sehen, bietet uns großzügig an, dass wir gerne auch im Aufenthaltsraum des Hafengebäudes kochen und übernachten dürfen. Aber bei uns bleibt alles trocken!

Im Hafengebiet gibt es einen "Kayakomat"! Da kann sich jeder Hans und Franz einfach ein Kajak mit allem benötigtem Zubehör aus dem Verschlag ziehen und die Weltmeere bepaddeln! Der ganze Buchungsvorgang wird online abgewickelt und man kann zwischen Einer- und Zweierkajaks und SUPs wählen. Eine tolle Idee! Allerdings fehlt durch diese ganze Automatisierung etwas der Beratungs- und Einweisungsaspekt.

Als wir uns am nächsten Morgen fertig machen, erscheint eine vierköpfige Familie, die das Angebot nutzen möchte. Wir fragen vorsichtig nach ihren Plänen — der Wind weht auch heute noch eher garstig als lieblich. Aber sie möchten nur ein bisschen in der flachen und windgeschützten Bucht rumplantschen.

Sie brauchen recht lange mit den Vorbereitungen, so dass sie praktisch zeitgleich mit uns aufs Wasser kommen. Immerhin haben sie eine wesentlich bessere Stelle als den Slip ausgemacht, wo man sein Boot einsetzen kann. Auch wir nutzen die Stelle nördlich des Hafengebäudes. Mutter und die beiden Kinder sind bereits auf dem Wasser und schon eine ordentliche Strecke verweht, als der Vater sein Boot einsetzt und sich hinein. Jörg erkennt sofort: "Der kentert gleich!". Er sitzt offensichtlich zum allerersten Mal im Kajak und kommt keine zehn Meter weit! Das Wasser ist lediglich knietief, aber sein Cockpit nun natürlich voll Wasser. Ich gehe zu ihm hin und unterstütze ihn etwas. Ich gebe ihm auch noch kurz eine Sechzig-Sekunden-Einweisung in die Kunst, die Weltmeere zu befahren. Und vor allem, dass er sich mit dem Paddel vom Wasser abstützen soll, wenn er droht, das Gleichgewicht zu verlieren — und nicht mit der Hand! Schließlich sage ich ihm noch, dass das Wasser warm ist, nie mehr als hüfttief, und der Wind ihn an Land spülen würde. "Have fun!".

Die Sache mit dem "an der Südspitze von Langeland kurz um die Ecke lugen" haben wir einkassiert. Für die nächsten Tage ist weiterhin massiver Westwind angekündigt — und wir wollen (oder müssen) nach Westen! Wir sind mit zwei langen Schlägen bis hierhin gekommen — unterstützt von Rückenwind. Diegleiche Strecke zurück werden wir kaum in zwei Tagen bewältigen. Also machen wir uns ab hier auf den Rückweg. Birkholm soll unser nächstes Ziel sein. Wegen des Windes soll unser Weg östlich an Strynö vorbei gehen. Da könnte uns der Windschatten der Insel noch etwas Entspannung gewähren. 

Die Strecke von Ristinge Hav bis in den Windschatten von Strynö ist stoisches Ackern. Hier bin ich froh, zum einen dass ich selbst mittlerweile ziemlich gegenwindfest bin, vor allem aber auch, dass ich mit einem Partner unterwegs bin, von dem ich weiß, dass er ebenfalls stoisch paddeln kann, ohne den Mut zu verlieren. Man darf halt nicht den Fehler machen, bei Gegenwind so reinzuhauen, dass einem irgendwann die Luft ausgeht. Man muss einfach nur so viel Druck machen, wie man quasi unbegrenzt liefern kann — so als würde man bei Flaute paddeln.

Kurz vor der Nordspitze von Strynö ist eine kleine Lücke im Schilf, die wir zum Anlanden und Pause-machen nutzen. Wenn man hier aufs Wasser sieht, kann man schwer glauben, wie sehr wir uns von Ristinge hierher mühen mussten. Auch hier beginnt unsere Weiterfahrt wieder mit einer "Extra-Schleife": Jörg merkt irgendwann, dass ihm seine Mütze abhanden gekommen ist. Sie wartet auf uns im Wasser vor dem Strand unserer Pausenstelle.

Das Wetter ist fantastisch und die Sicht ist super gut. Östlich von Strynö treiben allerlei extrem flache Inseln auf dem Wasser, die es einem schwer machen, sie zu identifizieren und sich zu orientieren. Und dann ist da noch der seltsame Knubbel, der auch aussieht, wie eine Insel, sich aber schließlich als südlichster Zipfel von Taasinge herausstellt. Da ist halt eine Steilküste, während der Rest der Umgebung extrem flach und damit unsichtbar ist.

Birkholm ist wirklich nicht groß, aber es hat einen unnötig langen Sandhaken! Es sind ganze zwei Kilometer vom Beginn des Hakens bis zum Segelhafen — völlig übertrieben! Wegen meiner Abneigung gegen Slips aus Beton gehe ich am Strand westlich des Hafeneinganges an Land. Hier steht eine kleine Brandung auf den Strand, aber es gibt wieder hilfreiche Seegras-Anhäufungen.

Kurz nach unserer Ankunft tauchen zwei Kajaks auf, die mit dem Wind gereist sind: zwei dänische Paddlerinnen aus Svendborg, Tove und Lene. Sie paddeln in den Hafen und gehen über den Slip an Land. Der ist hier so flach, gutmütig und ebenfalls mit Seegras gepolstert, dass er gar keine Abneigung verdient und eindeutig die leichtere Wahl zum Anlanden darstellt!

Wir inspizieren die hier vorhandenen Shelter, aber nach einem kurzen Gespräch mit den Däninnen lassen wir ihnen den Vortritt. Sie hätten die "Sache mit dem Zelten" länger nicht mehr praktiziert und seien jetzt etwas ungeübt darin. Nach dem Abendessen gesellen sie sich noch zu uns, und es entspinnt sich eine schöne und lange Unterhaltung.

Mit die größten Glücksmomente auf meinen Touren sind immer die Gelegenheiten, bei denen ich angesammelten Verpackungsmüll irgendwo nachhaltig entsorgen kann! Je größer die Menge, desto größer das Glücksgefühl! Hier auf Birkholm hat meine Gaskartusche endlich ihr letztes Butanmolekül ausgehaucht, und ich kann die leere Hülle im Hafenschuppen zu ihren Kollegen stellen! Was für ein Fest!

Lene und Tove fahren auch heute wieder mit dem Wind: zurück nach Hause östlich um Taasinge herum. Und wir fahren auch an unserem vorletzten Tag wieder gegen den Wind, der alle seine fünf Stärken einsetzt, um am Fortkommen zu hindern. Unser Kurs ist fast genau West, erstmal auf die Steilküste von Urehoved zu. Dort angekommen, wirft Jörg die Frage in den Raum, ob wir nicht von hier einfach deutlicher nach Süden steuern sollen, um dadurch zuerst den Wind etwas weniger von vorn zu haben und später dann von der Abschirmung durch die Insel zu profitieren. Mit der Karte auf dem Vordeck ist mir aber klar, dass es da eigentlich nur zusätzliche Kilometer zu gewinnen gibt. Und so fahren wir einfach in der gleichen Richtung weiter auf den nächstgelegenen Strand zu, den wir für eine ausgiebige Pause nutzen.

Der Küstenverlauf von Ärö ist hier nicht besonders markant, und man kann schwer abschätzen, wie weit es noch bis zu unserem Ziel Näbbet, dem Flach an der Nordspitze der Insel, ist. Allerdings sind wir sehr überrascht, dass wir den Shelterplatz Skaaret schon nach deutlich weniger als einem Kilometer passieren. Bis Söby ist es dann auch nicht mehr weit, aber wir müssen der einlaufenden Fähre ausweichen, denn sie kommt von rechts!

Ich war das letzte Mal Pfingsten 2023 auf Näbbet, hinterm Rosenbusch. Zwischen jetzt und damals war die Sturmflut — und die hat die Landschaft hier radikal verändert! Es gibt keine Erde mehr, in die man seine Zelthäringe stecken könnte, das gesamte Gebiet ist mit Steinen übersät! Zum Glück haben die Steine eine recht kooperative Größe, so dass man recht passabel darauf zelten kann. Nur die Häringe zwischen ihnen zu versenken, ist recht anspruchsvoll. Ein kleiner Spaziergang über den nahen Golfplatz beschließt den Tag.

Für unseren letzten Tag ist tatsächlich recht schwacher Wind vorhergesagt! Das hätte nicht unbedingt Not getan, aber wir nehmen dieses Geschenk gerne an! Die Querung des Kleinen Beltes ist wirklich keine große Tat mehr. Allerdings ist unser Zielpunkt nicht einfach zu finden, denn es gibt keine markante Struktur an Land, die ihn auf weite Entfernung identifizieren würde. So ist heute der erste Tag, an dem ich mein GPS-Gerät einsetze und mir die Peilung zum Parkplatz unseres Busses anzeigen lasse.

Ich werfe hin und wieder einen Blick auf die angezeigten Werte und kann so auch einen Eindruck von den Strömungen gewinnen, die sich mal gegen uns richten und mal mit uns sind. Besonders direkt am Nordkapp der Insel spürt man deutlich ihre Wirkung.

Eine wirkliche Überraschung erleben wir aber ein paar Kilometer draußen auf dem Belt. Dort treffen wir plötzlich auf einen Bereich mit kurzen und spitzen Wellen, die eindeutig durch eine turbulente Strömung hervorgerufen werden. Es ist uns komplett schleierhaft, wie so ein Effekt hier fernab von erkennbaren Ursachen auftreten kann!

Als wir uns dem Ufer von Alsen schon auf weniger als zwei Kilometer genähert haben, mache ich mir etwas Sorgen. Ich kann unseren Bus bei besten Willen noch nicht am Ufer ausmachen! Dass ich mich mit meinem Wegpunkt geirrt haben könnte, schließe ich so gut wie aus. Aber vielleicht hat jemand den Bus geklaut? Das wäre doof! 

Erst aus einer Entfernung von etwa einem Kilometer kann ich unseren Transporter sicher am Strand erkennen — und mich wieder entspannen!

GPS-Daten der Tour 

P.S: Wir haben die Tour um einen Tag verkürzt. Am Tag nach dem Ende unserer Tour hat es von morgens bis abends ergiebig geregnet!

Montag, 13. Juli 2026

Sylt — Amrum — Hooge

Peter wollte einmal wieder eine "richtige" Nordseetour machen! Nicht nur auf ein Wochenende begrenzt und nicht durch die ewig gleichen Rinnen rudern. Dafür ist es nicht so leicht, Mitfahrer zu finden. Aber Jörg und ich sind Rentner — und Ulrich ist selbständig und kann sich selbst freigeben, wann er will. Leider sind aber die beiden weiteren Teilnehmer, Wind und Tide, nicht ganz so kooperativ, wie wir uns das gewünscht hätten. So kommt nach intensivem, multilateralem Ge-Chatte doch wieder ein schon bekannter Tourverlauf zu stande: von Südwesthörn aus nördlich um Föhr herum nach Hörnum. Dann irgendwie an Amrum vorbei nach Hooge und schließlich irgendwo ans Festland zurück.

2009 hatten wir diese Tour schon einmal unternommen — mit Trenk statt Ulrich als Teilnehmer. Damals sind wir erst spät abends gestartet und hatten auf dem Hinweg Windstärke sechs genau von hinten. Heute ist Hochwasser gegen Mittag, auf das wir unseren Startzeitpunkt legen. Die Parksituation in Südwesthörn ist sehr entspannt. Es gibt reichlich Möglichkeiten, und keine kostet eine Gebühr. Allerdings geht mir auf unerklärliche Weise der Sicherungssplint verloren, der dafür sorgt, dass die Räder meines Bootswagens nicht unmotiviert von der Achse springen. Für mich ebenso unerklärlich aber glücklicherweise hat Peter genau so ein Exemplar als Ersatz mit! Sonst hätte ich später auf Hooge etwas alt ausgesehen.

Vom Sielhafen aus wollen wir irgendwie westlich fahren — so lange, bis wir auf den Priggenweg stoßen. Der lässt sich erst recht spät erkennen und wir müssen unseren Kurs leich korrigieren, um nicht zu weit nördlich zu gelangen. Bald danach zeigt sich auch die Tonne 29 des Hörnumtiefs, die wir erst einmal ansteuern, um eine gesicherte Position zu haben. Da wir die Tonne 27 schon "links" liegen lassen haben, gehe ich bei der nächsten Tonne lieber auf Nummer sicher und fahre sie so dicht an, dass ich ihre Bezeichnung ablesen kann: 25a. Im Grunde kann nicht viel schief gehen, wenn wir immer dem Fahrwasser folgen. Aber direkt östlich von Hörnum sind große Muschelzuchtgebiete, die man auf jeden Fall umfahren muss. Wegen des ablaufenden Wassers ist es ratsam, die Umfahrung nördlich zu legen, weil man sonst am Schluss eine erhebliche Strecke gegen den Tidenstrom fahren muss. Dazu sollte man nach Passieren der Tonne 23 das Verfolgen des Fahrwassers aufgeben und direkt nach Westen steuern.

Die Markierungen der Muschelfelder sind alles andere als leicht zu durchschauen. Und in und zwischen ihnen verkehren ständig diverse Arbeitsschiffe. Das macht das Navigieren etwas unentspannt, weil man allem ausweichen möchte, aber manchmal nicht so genau weiß, ob man sich jetzt gerade zwischen zwei Feldern befindet oder mitten in einem drin. Wir schaffen es aber, ohne Zwischenfälle in den Hafen von Hörnum einzulaufen. Der hat so gar nichts von dem Flair, das man von Sylt eigentlich erwarten würde. Stattdessen empfängt einen eine stark sanierungsbedürftige Industrieanlage, um dessen Aufbereitung sich die Erzeugergemeinschaft der Muschelfischer mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung streitet. 

Aber trotz des eher tristen Erscheinungsbildes werden wir noch auf dem Wasser direkt vom Hafenmeister überaus freundlich begrüßt und eingewiesen. Die Boote bleiben auf den Schwimmstegen liegen, unsere Zelte können wir auf der Wiese des Sylter Yacht Clubs aufstellen. Die hier gebotene Infrastruktur ist bemerkenswert: Toiletten und Duschen vom Feinsten, und es gibt sogar eine Waschmaschine und einen Trockner! So abgesichert können wir bei wunderbar lauschigem Wetter der Entspannung Gelegenheit geben, tief ins Gemüt zu sickern. Am Abend gehen Jörg und ich noch in eines der (wenigen) Restaurants, das auch nach 19 Uhr noch geöffnet hat. Wie es aussieht, ist es wohl nicht leicht (oder nicht notwendig?), den Betrieb bis spät in den Abend aufrecht zu erhalten.

Am Sonntag ist Hochwasser um 12:30 Uhr. Wir wollen zwischen Amrum und Föhr hindurch fahren und uns dort mit dem Ebbstrom nach Wittdühn saugen lassen. Von dort wollen wir dann mit dem letzten ablaufenden Wasser die Norderaue queren, um nach dem Strömungskipp in die Süderaue einzulaufen, die uns schließlich nach Hooge bringt.

Wir einigen uns auf eine Startzeit von 11:30 Uhr. Das dann noch auflaufende Wasser ist Garantie dafür, dass wir nicht westlich an Amrum vorbeigeschwemmt, sondern eher etwas in Richtung Festland gedrückt werden. Als erstes müssen wir wieder die Muschelfelder umgehen. Die vielen Stangen, die hier in den Meeresgrund gerammt sind, geben einen guten Anhalt, wie sehr uns der Strom noch nach Osten versetzt. Der Wind, der mit fünf Beaufort aus Nordwest weht und teils recht beachtliche Wellen zusammenschiebt, macht das Kurshalten auch nicht leichter. Nach Passieren der letzten Felder gibt Peter die Devise aus, dass wir einfach gar nicht mehr großartig vorhalten, weil die Stromrichtung sich sowieso demnächst umkehrt und uns dann in die richtige Richtung spült. Geniale Idee! Hätte von mir sein können😃!

Als wir das Hörnumtief halb gequert haben, können wir ganz deutlich die Kormoraninsel im Osten erkennen — und das bei genau Hochwasser! Da ist eigentlich nichts spektakuläres dran — außer der Tatsache, dass diese "Insel" zwar auf meiner 25 Jahre alten Seekarte verzeichnet ist, nicht aber auf Ulrichs tagesaktuellem Ausdruck der Wattpaddler-Seekarte! Selbst auf Google-Earth kann man sie eindeutig sehen, und sie ist sogar als solche bezeichnet. Da liegt doch irgend etwas mit den zu Grunde liegenden Daten im Argen!

Nach dem Passieren von Amrum-Odde wird das Wellenbild deutlich ruhiger. Hier müssen wir nur noch bis Wittdün paddeln, Wind und Strom sind gnädig mit uns. Das Wasser hat gerade seinen höchsten Stand und ich entscheide mich, Wittdün mehr oder minder direkt anzusteuern. Die anderen drei wenden sich etwas nach Osten, um im Amrumtief zu fahren. Ich habe überall reichlich Wasser unter meinem Schiff, lediglich kurz vor dem Fähranleger stoße ich auf dem Hubsand mit meinem Paddel auf den Grund. Der Priel läuft hier wirklich sehr, sehr dicht unter Land und ich will den Umweg nicht machen. Ich komme ohne Probleme durch — eine viertel Stunde später hätte ich hier vermutlich aussteigen und mein Boot ziehen müssen.

Kommentar eines Passanten: "Die
leben aber schon noch, oder?"


Es ist kurz nach zwei Uhr, als ich in Wittdün auf Land laufe, Strömungskipp ist etwa um 18 Uhr. Wir hatten geplant, um 17 Uhr hier loszufahren. Das  bedeutet eine längere Entspannungspause! Als erstes ist ein Eis fällig! Peter kennt den amtlichen Eisladen von Wittdün, wo ich mir eine Waffel mit zwei Kugeln bestelle. Die sind echt üppig, und ich bin fast damit überfordert, schnell genug zu schlecken, bevor mir die Kugeln aus der Waffel schmelzen. Aber lecker war's! Danach müssen wir uns ins Gras legen und mit geschlossenen Augen dem Wasser beim Ablaufen zusehen.

Leider führt das Ablaufen des Wassers dazu, dass wir unsere Boote ein ganzes Stück schleppen müssen, bevor wir sie wieder in die Nordsee setzen können. Aber mit vier Mann und meinen prima Tragegurten ist das schnell erledigt! Eigentlich wollten wir die Tonne SA 6 ansteuern, aber die gibt sich erst recht spät zu erkennen, und wir landen etwas nördlich von ihr. Wir machen uns keine großen Gedanken darüber, denn hier ist, soweit das Auge reicht, überall Wasser. Leider reicht das Auge nicht sehr weit Richung Meeresgrund — und der kommt uns tatsächlich kurz so nahe, dass ich ihn mit dem Paddel berühre und Ulrich einmal sogar aufsetzt. Da reicht doch so ein blöder, schmaler Haken des Schweinerückens verdammt weit nach Westen hinaus!

Unsere Geschwindigkeit beim Queren der Süderaue beträgt um die fünf Stundenkilometer. Das spricht sehr dafür, dass hier das Wasser hier tatsächlich noch abläuft. Erst als wir dicht vor dem Jappsand ins Hoogefahrwasser einschwenken, fängt der Strom an, uns zu schieben. 

Wir erreichen Hooge quasi bei Niedrigwasser. Wer die Verhältnisse hier kennt, weiß, dass das kein wirkliches Vergnügen ist. Die Einfahrt in den Hafen liegt komplett trocken und die Wattflächen östlich davon warten mit knietiefem Schlick auf unzeitige Paddler! Ich fahre noch ein ganzen Stückchen nach Osten, wo der Schlick nicht ganz so tief ist und sinke nicht mal bis zu Knöchel ein. Ich kann sogar mein Boot alleine auf dem Bootswagen an Land und dort auf dem Muschelstrand entlang rollern. Die anderen haben es inzwischen aufgegeben, ihre Boote mittels Bootswagen durch den tiefen Schlick zu würgen — wir tragen sie letztlich zu viert mit den Tragegurten über den Deich.

Das Rollern um den Hafen herum bis zum Zeltplatz am Stelzenhaus ist eigentlich kaum der Rede wert. Aber Ulrich muss erkennen, dass ein Bootswagen, der nur unter dem Bug des Bootes angebracht werden kann, leider dazu führt, dass man zwei Drittel des Gesamtgewichtes am langen Arm tragen muss. Und da werden die 500 Meter verdammt lang!

Da absehbar war, dass wir spät am Tag auf Hooge ankommen würden, haben wir gar nicht erst den Versuch gemacht, im Friesenpesel unser traditionelles Lammfilet einzunehmen. Stattdessen kochen wir halt selbst etwas leckeres — allerdings habe ich vergessen, was das war😐.

Für unseren Rückreisetag ist nördlicher, aber schwacher Wind angesagt. Im Prinzip müssten wir bis Südwesthörn, denn dort stehen unsere Autos. Mit dem Paddelboot ist das aber elend weit weg und der Weg dahin bietet unter den herrschenden Bedingungen wenig reizvolles. Dagebüll wäre auch eine Option als Ziel, und von dort dann mit dem Taxi weiter. Aber das ist paddeltechnisch nur etwa eine Stunde weniger — und die würde man mit der Taxi-Option locker wieder verbrauchen. Also beschließen wir, einfach nach Schlüttsiel zu paddeln und uns ein Taxi nach dort zu bestellen. Das entspannt die ganze Aktion deutlich!

Ich habe einen ganzen Stapel Seekarten eingepackt und vermutlich auch eine für unsere geplante Strecke. Aber die bin ich nun schon so viele dutzendmale gepaddelt, dass ich mir nicht die Mühe mache, sie rauszusuchen und in meine Kartentasche zu friemeln. Außerdem herrscht Sonnenschein und gute Sicht! 

Das Wasser ist bereits hoch genug aufgelaufen, so dass wir dass Hoogefahrwasser queren und direkt in die Süderaue einfädeln. Dort erfasst uns auch gleich der Flutstrom und beschleunigt uns spürbar. Irgendwann noch deutlich vor Gröde sage ich zu Peter: "Guck mal, in der Richtung, in die wir fahren, ist der Horizont mit irgendeinem Blurr-Filter unterlegt!". Tatsächlich ist die Sicht in Richtung Osten nicht mehr wirklich gut — und sie wird rasant schlechter!

Es dauert keine zehn Minuten, und wir sind komplett vom Nebel eingeschlossen! Nirgendwo kein Land zu sehen! Soviel zum Thema: "Ich brauch' keine Seekarte!". Ich schalte als erstes mein GPS-Gerät und mein Funkgerät ein. Nach kurzer Zeit krächzt eine Meldung "To all Stations" aus dem Lautsprecher: "Vorsicht Nebel!". Das hätten wir sonst gar nicht gemerkt! 

Ich nutze das GPS-Gerät lediglich, um meine Position auf der Seekarte zu checken — nicht zur Navigation. Das übernimmt Ulrich, der uns nach jeder Tonne sagt, welchen Kurs wir fahren müssen, um die nächste zu treffen. So tasten wir uns weiter nach vorne, vorsichtig Ausschau haltend nach Fähren und anderen harten Gegenständen, die unangenehm werden könnten. Es begegnet uns auch tatsächlich ein Objekt! Wir halten es anfangs für eine Fähre, aber es entpuppt sich als recht kleines Motorboot, auf dem eine Familie durchs Unsichtige schippert. Eigentlich müsste es mindestens alle zwei Minuten ein Schallsignal geben! Aber andererseits müssten wir das eigentlich auch!

So schnell, wie der Nebel entstanden ist, löst er sich auch wieder auf. Es war eine interessante Erfahrung, dass so eine Situation eintreten kann, auch wenn das Wetter und die Vorhersage sie absolut nicht erwarten lassen! Den Hafen von Schlüttsiel erreichen wir bei klarer Sicht und wunderbarem Wetter. Der Taxifahrer wundert sich etwas über die selten georderte Strecke von hier nach Südwesthörn. Mit fünfzig Euro ist die Sache beglichen. Warten aufs Taxi, umziehen, Autos aus Südwesthörn ranrudern, Sachen packen und verstauen sind so zügig erledigt, dass wir noch Zeit finden, uns ins Sielrestaurant zu setzen und gemütlich einen abschließenden Tee zu trinken.

GPS-Daten hier

Sonntag, 5. Juli 2026

Technik-Wochenende

Für dieses Jahr hatte ich ein Sabbatical für mich angekündigt. Ich wollte keine Termine im Vorhinein festlegen und keine Kurse übernehmen. Lediglich die EPP 4 - Prüfung, die ich schon im vergangenen Jahr mit Elke vereinbart hatte, stand als Pflock in meinem Kalender. Insbesondere für den Anfänger-Kurs hat das erst mal ein trockenes Schlucken bei den Verantwortlichen verursacht. Aber nachdem ich das über zwanzig Jahre stoisch durchgeführt habe, war es auch mal an der Zeit für eine Veränderung. Und am Ende hat sich alles wunderbar gefügt.

Naja — und dann hat mich Betzi noch überredet, ein Technik-Wochenende für Fortgeschrittene mit ihr zusammen zu veranstalten. Die Vorbereitung gestaltete sich etwas sperrig, weil wir ein Standquartier mit einiger Infrastruktur gesucht haben, um den Teilnehmern nicht allzu rustikales Leben zuzumuten. Die Recherche bei den einschlägigen Camping-Plätzen war aufwändig und letztlich nicht überzeugend. Außerdem wären erhebliche Kosten entstanden, die wir erst einmal hätten vorstrecken und später von den Teilnehmern eintreiben müssen.

Also haben wir erst  mal nach Interesse an einer Teilnahme gefragt und der Bereitschaft, auch mit einem rustikalen Übernachtungsplatz Vorlieb zu nehmen. Die Rückmeldungen kamen anfangs sehr sparsam — nur drei Nasen! Einige Wochen später meldeten sich Kerstin und Jonathan noch an. Damit war zumindest unser unteres Limit von sechs Teilnehmern fast erreicht. Und alle waren entspannt, was den Komfort für den Übernachtungsplatz anging. Auch die Lage an der Transportfront war sehr komod: es standen genügend Fahrzeuge zur Verfügung mit reichlich Platz auf den Dächern für die zu transportierenden Boote. In den letzten zwei Tagen vor dem Termin wurde es dann aber noch einmal eng: zuerst meldete Hela noch ihre Tochter Janne an und dann wollte auch Hannah noch mit. Damit war die Sache mit dem Transport eigentlich geplatzt — bis am Abend der Vorbesprechung auch noch Dirk sein Interesse bekundete mitzumachen! Wie durch ein Wunder hatten wir damit genug Plätze für alle Teilnehmer inklusive ihrer Boote!

Die inhaltliche Vorbereitung dagegen war denkbar simpel: "Wir fragen die Teilnehmer, was sie gerne machen wollen und improvisieren dann!".

Unser Standquartier soll der primitive Übernachtungsplatz direkt neben dem Segelhafen von Hörup Hav sein. Die Windvorhersage für das Wochenende liegt durchgehend im Bereich von neun bis zehn Metern pro Sekunde aus westlichen Richtungen. Bei der Vorbesprechung stelle ich die Option in den Raum, dass wir am Freitag Abend noch versuchen könnten, um die südwestliche Ecke von Kegnäs herum ein Stück die Küste entlang paddeln könnten. Hier bestünde dann die Chance auf brechende Wellen, in denen wir Surfen üben könnten. Ich sage aber ausdrücklich, dass das nur eine Option ist und wir erst in der akuten Situation nach unserem Befinden entscheiden werden, wie weit wir gehen.

Der Platz ist ideal für unser Vorhaben: eine große Wiese direkt am Wasser! Es gibt zwei Abfalleimer und zwei Tisch-Bank-Kombis. Eine öffentliche Toilette ist ca. 200m entfernt im Hafen. Man kann auch eine Hafenkarte lösen und hat dann Zugang zu den Sanitäranlagen des Segelhafens. Wenn das kein Komfort ist! Lediglich die Sache mit dem "direkt am Wasser" ist heute etwas "relativ": Der stramme Westwind hat das Wasser leider so weit nach Osten geweht, dass wir unsere Boote ein erkleckliches Stück schleppen müssen, bis sie schwimmen!

Nachdem wir die Zelte aufgerichtet und uns eingerichtet haben, geht es daran, die angekündigte Option zu testen. Direkt vor der Zeltwiese sind wir vom Wind noch leidlich geschützt. Aber schon sehr bald zeigt sich, dass er doch grimmig weht und man sehr arbeiten muss, um gegen ihn anzukommen. Für Angela ist es bald eher Kampf als Arbeit und sie entscheidet sich vernünftigerweise für den Rückzug. Ich weise die Gruppe an, eine 360-Grad-Wende auf der Stelle zu fahren. Das bekommen alle problemlos hin, aber man sieht schon, dass sie im Umgang mit gutem Wind nicht unbedingt viel Übung haben.

Hier beerdige ich den Gedanken, um die Ecke der Halbinsel zu fahren und dann mit dem Wind nach Osten zu surfen. Das würde bedeuten, dass wir eine lange Strecke gegen den Wind wieder zurückpaddeln müssten. Stattdessen fahre ich dichter unter Land und dort noch etwas nach Westen. Mit dieser gewonnenen Höhe geht es mit dem kräftigen Wind zurück Richtung Zeltplatz. Das ist vollkommen hinreichend, um das Fahren mit Rückenwind zu üben. Niemand hat große Schwierigkeiten, aber auch hier zeigt sich, dass das nicht allzu oft praktiziert wird und die Stütztechnik noch stark verbessert werden kann.

Betzi hatte angeboten, dass man heute schon mal den Wiedereinstieg üben könnte — immerhin hat man nicht häufig die Gelegenheit, das mal unter fordernden Bedingungen zu üben. Das Angebot wird bereitwillig angenommen. Es werden zwar nur elementare Dinge geübt, aber um überhaupt wieder ins Thema zu kommen, ist das genau richtig. Danach geht es mit dem Wind zurück zum Übernachtungsplatz.

Interessant war an unserer Aktion noch, dass wir während einer langen Phase ohne aktives Paddeln quasi nur nach Süden verdriftet sind — also nicht in Windrichtung, die uns nach Osten hätte driften müssen. Das rührt von dem Umstand her, dass eine kräftige Strömung aus der Bucht heraus geht! Das Wasser kann ja nicht über den Damm, sondern muss gegen den Wind in die offene Ostsee flüchten!

Als wir wieder an Land sind, ist auch Hannah eingetroffen, die halt noch länger arbeiten musste und separat angereist ist. Wir versammeln uns am Tisch, um jeder sein Abendessen zu zelebieren. Die Ansätze hierzu sind jeweils sehr unterschiedlich gestrickt. Ich bin auf Touren vorwiegend hungrig, dahinter tritt der Genussfaktor etwas zurück. Also habe ich immer etwas einfach und schnell Zuzubereitendes dabei, das im Nu heiß ist und gegessen werden kann. Kerstin und Jonathan fahren frisches Gemüse auf und auch sonst allerlei Zeug, was lange gekocht werden will. Als sie soweit sind, ist es schon fast dunkel....

Am Samstag Morgen hat sich das Wasser etwas zurück getraut, und wir sind froh, nicht so weit wie gestern schleppen zu müssen. Heute stehen alle Techniken auf dem Plan, die man beim Paddeln benötigt und die einem sehr hilfreich sein können.

Neben energischem Rückwärtsfahren und dem Vertiefen und Verbessern des Bogenschlags steht vor allem erst mal Schleppen auf dem Programm. Kaum ist das Stichwort gefallen, bringen alle ihre Schleppleine in Stellung. Auf meine Frage, bei welchen Gelegenheiten denn geschleppt werden muss, werden allerlei mögliche Anlässe aufgezählt. Die sind alle korrekt, aber meistens doch eher Extremfälle, mit denen man eher selten konfrontiert wird. Die häufigsten Fälle sind sehr unscheinbarer Natur und meistens viel besser und schneller ohne Schleppleine entschärft. Also üben wir Push & Pull, V-Push, Umgang mit einer kurzen Schleppleine oder ein Paddler legt sich einfach auf Bug oder Heck eines Partners und lässt sich aus der prekären Zone schleppen.

Für das Schleppen mit Leine positionieren Betzi und ich uns als Felsen ortsfest im Wasser. Die Teilnehmer sollen ihre Last um uns herum schleppen und dabei die Wirkung des nicht unerheblichen Windes beachten. Ein besonderer Wunsch der Teilnehmer war, die "Hand of God"-Methode mal auszuprobieren. Zum Glück stellt Angela sich als Opfer dafür zur Verfügung! Ich demonstriere die Übung ein paarmal mit ihr und weise eindringlich auf die zu beachtenden Punkte hin. Wenn man die beachtet, dauert der Vorgang wirklich nur kurze Zeit und man bekommt auch "Opfer" wieder an die Oberfläche, die deutlich schwerer sind als man selbst. Das kritische ist aber das Anfahren! Ich habe es selbst mehrfach erlebt, dass Paddler nach einer Kenterung nicht aus ihrem Cockpit gekommen sind und ich, so schnell ich konnte, hinhechten musste. Das hat dann vielleicht zehn bis maximal fünfzehn Sekunden gedauert — aber schon das ist im Ernstfall eine Ewigkeit. Meine Meinung zu "Hand of God": es ist gut zu wissen, wie sie funktioniert, aber in erster Linie muss man hoffen, dass man sie nie benötigt!

Das Anlanden zur Mittagspause nutzen wir für eine ausführliche Diskussion von Anlandetechniken. An einem steinigen Strand, auf den vielleicht sogar eine kleine Brandung steht, lohnt es sich, voher auszusteigen und entweder durch das flache Wasser zu waten, oder sogar hinter seinem Boot hinterher zu schwimmen. Bei größerer Brandung sollte man sich am besten eine andere Stelle zum Anlanden suchen. Hier gibt es so viele Aspekte, dass die Diskussion darüber sich noch weit in die Mittagspause hinein zieht.

Danach steht die zweite Runde Wiedereinstiegsübungen auf dem Programm. Auf Betzis Wunsch sollen alle die Gelegenheit nutzen, die flache Stütze einfach mal so weit zu treiben, bis man kentert. Das mit der Stütze klappt so mittelgut — aber es endet immerhin mit einem perfekten Kentern! Es werden unterschiedliche Arten des Wiedereinstiegs probiert: mit und ohne Assistenz, Heel-Hook und V-Einstieg, Cowboy-Einstieg mit und ohne Paddelfloat. Das Wasser ist warm und an Land wartet die Möglichkeit, eine heiße Dusche zu nehmen — das lässt alle intensiv, entspannt und ausführlich üben.

Nach dem Pflichtteil können wir den Abend zur Entspannung nutzen. Diesmal schaffen auch bei Kerstin und Jonathan das Kochen noch im Hellen zu beenden! Als sich der Himmel vorzeitig arg verdustert, gehen wir Richtung Hafengelände und versammeln uns unter einem sechseckigen Grillpilz. Irgendjemand hat ein Kartenspiel mitgebracht und wir überlegen, was man mit 32 Karten und sechs Spielern so anstellen kann. Mau-Mau geht immer! Danach versuchen wir noch dieses Spiel, bei dem man immer verdeckt eine höherwertige Karte als sein Vorgänger legen muss — oder zumindest behaupten, dass sie höherwertig ist! Hier kann Hannah ihre Wiener Coolness gewinnbringend einsetzen und zockt uns alle ab! Während wir im Grillpilz zocken, ergießt sich ein heftiger Regenschauer über das Land. Der war in keiner unserer Super-Duper-Wetter-Apps vorhergesagt!

Am Sonntag beginnen wir mit Theorie an Land. Wir sprechen noch mal alle Aspekte der gestern geübten Techniken durch. Betzi demonstriert dabei, wie man einfach, schnell und ohne großen Kraftaufwand ein voll gelaufenes Kajak lenzen kann. Gestern hatten einige mit diesem Thema erkennbare Schwierigkeiten. Es werden auch alle Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Wiedereinstiegsvarianten ausführlich diskutiert. Hier muss jeder seine bevorzugte Methode finden und vor allem auch die seines Partners kennen und anwenden können.

Danach lüfte ich das Geheimnis, warum mein Boot immer das schwerste der Gruppe ist: ich habe halt immer ein erhebliches Maß an Ausrüstung dabei, die nur dem Umstand geschuldet ist, dass ich in der Regel in der Verantwortung stehe, wenn etwas "unrund" läuft. Mein Stormshelter wird gleich ausprobiert und mit vier Leuten bevölkert — auch wenn er nur für zwei gedacht ist! Geht durchaus! Und wenn man als Alternative ungeschützt im Schneesturm ausharren muss, ist das doch die bessere Wahl.

Super gekantet, super C-Haltung
— nur der Ellbogen könnte etwas
mehr in Kraftrichtung über dem
Paddelschaft sein.

Wir wollen zum Abschluss noch einmal die Gelegenheit nutzen, aufs Wasser zu gehen. Als Erkenntnis aus dem gestern teilweise langwierigen Anfahren eines gekenterten oder zu schleppenden Bootes üben wir, das eigene Boot um Bug oder Heck des anderen Bootes zu drehen. Nach einigem Üben klappt das ganz phantastisch! Danach geht es an den Strand in so flaches Wasser, dass man sich im Falle einer Kenterung mit dem Arm am Grund abstützen kann. Hier können wir die Sache mit der flachen Stütze noch einmal ausführlich üben, ohne Angst haben zu müssen umzufallen. Mit dieser Versicherung verbessern alle ihre Stütztechnik deutlich!

Abschließend übt jeder noch einmal die Techniken, die ihm besonders am Herzen liegen, sei es Wriggen, Rollen, Wiedereinstieg mit und ohne Assistenz oder das Einsteigen unter Benutzung meiner Cockpit-Schlinge, das Angela besonders interessiert. Sie fand diese Methode sehr hilfreich.

Nach den leichten Wehen bei der Vorbereitung hat sich das Wochenende bei allen als großer Erfolg gezeigt. Der Platz ist ideal, um einer nicht kleinen Gruppe als Standlager zu dienen und stellt durch die unmittelbare Nähe zum Segelhafen mit seiner Infrastruktur echten Luxus zur Verfügung. Die durchaus rauhen Bedingungen waren ideal, um mal etwas realitätsnaher Dinge zu praktizieren, die man sonst nur bei Ententeichbedingungen übt. 

Mir hat es riesigen Spaß gemacht, mit einer Gruppe zu arbeiten, die beflissen ist zu lernen und sich ihren Grenzen zu stellen, um sie zu erweitern — und mit einer Partnerin, die über mindestens die gleiche Kompetenz verfügt wie ich. Am Schluß waren Betzi und ich uns einig, dass dies nicht die letzte Veranstaltung dieser Art gewesen sein muss. 


Montag, 25. Mai 2026

EPP4-Prüfungsersatzfahrt

Nachdem Elke und ich in den letzten zwei Jahren etwa zwanzig Aspiranten für ein EPP4-Zertifikat verwurstet haben, gab es für das diesjährige Angebot nur eine einzige Anmeldung. Ich finde das nicht sonderlich verwunderlich, denn die Anzahl möglicher Kandidaten für eine solche Prüfung ist ja eher begrenzt. Offensichtlich haben wir da bereits einen gewissen Berg abgetragen und nun muss sich erst wieder einer anhäufen.

Aber Elke wäre nicht Elke und ich nicht ich, wenn wir uns durch solche Kleinigkeiten aus dem Konzept bringen ließen. Wenn sich keine Opfer freiwillig melden, suchen wir uns eben selbst Begleitung für ein Wochenende auf Hooge! Aus Bremen war eine gute Anzahl Paddler angekündigt, so dass ich nur Lena gefragt habe, ob sie Lust hätte, uns zu begleiten. Hatte sie!

Das Abendhochwasser in Schlüttsiel sollte etwa um 19 Uhr sein. Lena muss freitags bis 18 Uhr arbeiten, zwei Stunden Hinfahrt, eine Stunde Packen vor Ort — vor 22 Uhr wären wir vermutlich nicht los gekommen. Das lohnt nicht und würde nur Stress aufkommen lassen! Wir fahren gemütlich am Freitag Abend von Kiel nach Ockholm und übernachten dort auf der Kirchwarft. Zivile 15 Euro kassiert man hier für zwei Erwachsene mit Zelt.

Nachdem die Bremer Delegation eintrifft, die sich mittlerweile auf vier Nasen eingedampft hat, entwerfen wir kurz einen Plan für den nächsten Tag. Hochwasser ist um halb acht, losfahren wollen wir um halb neun. Ich bringe die Option ins Spiel, dass wir wegen des frühen Starts und der vergleichsweise lieblichen Bedingungen überlegen könnten, an Hooge vorbei direkt weiter bis zum Wrack der Pallas zu fahren — eine Unternehmung, für die die Bedingungen nicht allzu häufig so günstig sind. Die Aussicht auf dieses Abenteuer wird allgemein mit einer gewissen Begeisterung aufgenommen. Was die Sache so einfach macht, ist die Tatsache, dass man sich nicht schon am Anfang dazu bekennen muss, sondern erst einmal bis Hooge paddeln, sich dort in die Augen sehen und fragen kann, wie sich die Fahrt bis hierher entwickelt hat, wie man sich fühlt, und ob die Begeisterung nach zwanzig gepaddelten Kilometern noch für vierzig weitere reicht!

Außer Elke und mir sind unsere Mitpaddler alle relative Neulinge in diesem Revier. Hannes und Frank sind das erste Mal hier — Frauke und Lena das zweite Mal! Alle sind aber hinreichend kompetent, dass sie sich hier auch alleine zurecht finden können. Damit sie aber nicht nur passiv hinterherfahren, sondern die Navigation selbst aktiv bestreiten müssen, überlasse ich ihnen die Wegfindung. Das klappt sehr gut — auch wenn wir statt zur eigentlich angedachten Tonne SA 26/Schlütt 2 zur Tonne SA 28 gefahren sind. Das ist nicht falsch sondern nur anders. Aber dadurch können alle lernen, dass man sich erstens verdammt schnell die erste sichtbare Tonne als nächste anzusteuernde aussucht. Danach hält man an ihr fest, auch wenn sich die Anzeichen mehren und verdichten, dass es die falsche ist. Und zweitens kann man lernen, wie man erkennen kann, dass es nicht das richtige Ziel ist: der Kompasskurs weicht immer drastischer vom Erwartungswert ab, und im Hintergrund ist Pellworm zu sehen und nicht Hooge, wie es eigentlich sein müsste.

Start um 8:30 Uhr; Ende 11:30 Uhr
Nach diesem kleinen Schlenker geht es  mustergültig weiter in das Hooge-Fahrwasser bis zur Tonne Ho 5, die genau nördlich vor der Einfahrt des Segelhafens liegt. Hier blicken wir uns in die Augen und ins Gemüt und versuchen zu ergründen, wie es um unser inneres Verhältnis zur Option "Wir fahren durch bis zur Pallas!" bestellt ist. Wir hatten die gesamte Zeit über Gegenwind von vier Beaufort, der ließ die Boote unangenehm platschen und stahl uns immer wieder erklecklich Fahrt. Die Mehrzahl der Augen, in die ich blicke, lassen eine klare "war schön — aber eigentlich reicht es auch"-Gemütslage erkennen. Wir verschieben die Eroberung der Pallas auf den nächsten Tag.

Wir steigen östlich der Hafeneinfahrt aus. Das Wasser steht noch so hoch, dass man mit dem Schiff noch auf Sand und Muschelschalen aufsetzt und nicht durch den Schlick stapfen muss. Generell kommt man hier mit einer Gruppe gefahrlos an Land bzw. ins Wasser — um den Preis, dass man seine Boote um das Hafenbecken herumrollern muss. Aber das ist mir lieber, als Invaliden zu produzieren, die im Zweikampf mit den amerikanischen Austern auf der Westmole den Kürzeren gezogen haben.

Nach der kurzzeitigen Verwirrung, dass das  Zelten auf Hooge aus Naturschutzgründen absolut untersagt ist, ist eine pragmatische Lösung gefunden worden, dass Einzelpaddler und kleine Gruppen auf der Wiese direkt unter dem Segelheim übernachten können. Eine Seekajak-Woche kann man aber vermutlich nicht mehr ausrichten. 

Es ist Pfingsten, und es herrscht angesagt gutes Wetter — aber außer uns sind keine weiteren Zelte im Hafen — nur Segler! Keine Ahnung, wo all die anderen sind! Vielleicht auf Sylt, wo an diesem Wochenende großes Gedränge herrscht? Mir soll es sehr recht sein.

Wir sind ja bereits um die Mittagszeit auf Hooge angekommen, so dass wir einen herrlich entspannten Tag verbringen können. Als erstes muss der überwiegende Teil der Gruppe baden gehen. Ich kann ja leider wieder nicht dabei mitmachen, weil ich wie immer fotographieren muss 😐! Danach ist gemütliches Kochen angesagt. Da ich meinen üblichen Privatkoch Jörg diesmal nicht dabei habe, habe ich mich auf Einfachstverpflegung beschränkt: Hühnerfrikassee mit Reis, das ich nur aufwärmen muss. Die anderen kochen aufwendiger, und Hannes hat mit seinen Kindern wieder leckere Backwaren in großer Menge produziert, an denen wir uns gerne bedienen.

Das Ziel für morgen steht ja schon fest, aber ein solider Plan fehlt noch. Wir müssen uns Gedanken machen, wann wir am besten losfahren und wie wir navigieren, damit wir gut und sicher zur Pallas kommen — und wieder zurück!

Der Strömungskipp an der Pallas ist zwischen vier und fünf Stunden vor Hochwasser Helgoland. Das ist heute um 19 Uhr. Wir möchten also zwischen 14 und 15 Uhr am Wrack sein, um sowohl auf dem Hin- wie auch auf dem Rückweg nicht gegen die Tide fahren zu müssen. Die Strecke beträgt gute zwanzig Kilometer — benötigt also etwa drei Stunden Fahrzeit. Das bedeutet eine Startzeit zwischen 11 und 12 Uhr. Das ist ausgesprochen christlich und lässt ein gründliches Ausschlafen und ein ebensolches Frühstück zu. Andererseits ist das recht dicht am Niedrigwasserzeitpunkt auf Hooge und würde einen schlickigen Start bedeuten. Wir einigen uns auf den Kompromiss, etwas früher zu starten und dafür eine ausgiebige Pause auf dem Jappsand zu machen. Bingo! Plan steht!

Frank hat eine anstrengende Woche hinter sich und möchte eine Tag der Entspannung auf der Hallig verbringen. Er erhält von uns den Auftrag, ins Kino zu gehen und dort den ebenso einzigen wie legendären Film über das Halligleben bei Hochwasser anzusehen.

Wir starten bei angenehmem Wasserstand um kurz nach zehn. Nach der einstündigen Pause fahren wir von Jappsand aus erst einmal stumpf nach Westen und steuern die Tonne St22 an, die praktisch an der Gabelung der beiden Prielsysteme Schmaltief und Rütergatt steht. Recht bald merken wir, dass wir erklecklich gegen Strom und Wind nach Norden vorhalten müssten, um dieses Zwischenziel zu erreichen. Das macht nicht wirklich Sinn, wenn wir im Grunde nach Süden wollen. Also lassen wir diese Tonne, wo sie ist und steuern die nächst südlichere an. Auf dem GPS-Track sieht man sehr schön, wie wir in den Pausen, in denen wir innehalten und unsere Navigation abstimmen, mit ca. 3km/h genau nach Süden versetzt werden.

Der Wind weht heute anfangs mit drei Beaufort aus Nordwest, später mit vier aus West. Dafür ist die See erstaunlich glatt. Wir sind durchgehend mit sechs bis sieben Stundenkilometern unterwegs, was für ein Tidengewässer eher gemächlich ist, was aber perfekt zu unserem Plan passt, unser Ziel nicht vor Strömungskipp zu erreichen. Als wir nur noch wenigen hundert Meter vom Wrack entfernt sind, taucht ein Kajak auf, das uns entgegen fährt! Es ist Simone, die von Sylt aus alleine hierher gefahren ist. Respekt!

Da die Verhältnisse heute so lieblich sind, erkunden wir die Überreste des Holzfrachters sehr gründlich von allen Seiten. Es ist ein ziemlich magischer Ort: eigentlich ist hier nichts, nur ein trostloser Rosthaufen in the middle of nowhere. Aber es bedarf eben schon einiger Navigation, ihn zu finden und der festen Entscheidung, auch wirklich soweit raus zu fahren. Und wenn man diesen Punkt dann gefunden und erreicht hat, ist man auch ein bisschen Stolz, denn hier kommen nur ganz wenige Menschen hin — definitiv weniger als auf den Gipfel des Mount Everest!

Simone ist recht bald nach unserer Begegnung abgefahren — genau nach Osten. Sie war bereits nach wenig mehr als fünf Minuten nicht mehr zu sehen. Wir schlagen den gleichen Weg ein, folgen dann aber ab Tonne 8 dem Verlauf des Rütergatts nach Nordosten. Es herrscht sehr gute Sicht. Amrum ist die gesamte Zeit über zu sehen, Föhr auch irgendwann, dann die Außensände und schließlich Hooge. Was verschwunden zu sein scheint, ist Langeness! Keine Spur davon zu sehen, obwohl Hooge und Föhr eindeutig zu erkennen sind! Erst als wir schon recht nah an Jappsand sind, erkennt man Langeness und die Welt ist wieder im Lot! Die Hallig ist einfach zu flach und unsere Augenhöhe zu niedrig ist, um früher etwas davon zu sehen zu bekommen. 

Nach unserer Ankunft auf der Zeltwiese kommen bald noch drei Paddler aus Husum dazu. Sie sind früher mal hier gepaddelt und haben beschlossen, in ihrem Ruhestand ihr altes Hobby wiederzubeleben. Sie haben aber noch nicht alle Veränderungen mitbekommen, die sich in diesem Gebiet in den letzten 30 Jahren ergeben haben. Es ist heute einfach um so vieles sensibler und restriktiver geworden, dass man sich sehr viel umsichtiger verhalten muss als früher. 

Wer nicht da ist, ist Simone! Wir rätseln, wo sie statt nach Hooge hingefahren sein könnte, aber uns fällt nichts plausibles ein. Erst als wir schon längst das Abendessen vorbereiten, kommt sie schließlich angerollert! Sie hat auf Jappsand Pause gemacht und länglich den Trittstein gesucht. 

Für den Pfingstmontag teilen wir uns in zwei Gruppen auf: Lena und ich wollen mit der frühen Flut zurück, um nicht allzu spät nach Hause zu kommen. Die anderen ziehen einen gemütlichen Vormittag auf der Hallig vor und wollen mit der zweiten Flut zurück — aber so früh wie es eben geht. Ich bitte Elke, mir den Zeitpunkt und ein Foto zu schicken, damit ich weiß, wie gut man bei dem Tidenstand in Schlüttsiel aus dem Wasser kommt. Ergebnis: Ankunft drei Stunden vor Hochwasser — Ausstieg an der nördlichen Rampe kein Problem!

Auf der Rückfahrt lösen wir wieder ein auftretendes navigatorisches Problem: von Tonne SA24 kommend müssten wir zur Tonne SA26 fahren. Auf der Hintour hatten wir hier irrtümlich die Tonne SA28 aufs Korn genommen, weil die früher zu sehen war. Jetzt sehen wir in der Ferne eine rote Tonne, sind uns aber nicht sicher, ob es die 26 oder die 28 ist. Ein Blick auf die Seekarte zeigt, dass Gröde von uns aus direkt hinter unserer Tonne liegen müsste. Wir sehen Gröde sehr deutlich, aber das liegt nicht hinter der Tonne sondern nördlicher! Ist die gesichtete Tonne also wieder nur die 28? Da wir uns nicht sicher sind, fahren wir einfach in die richtige Richtung! 45 Grad noch Nordosten, wie die Daumenpeilung besagt! Damit sind wir auf der sicheren Seite und fahren eine ziemlich ideale Linie zur Tonne Schl4!

Eine Überprüfung zu Hause ergibt, dass Gröde zwar genau hinter der Tonne 26 liegt - aber von unsererm niedrigen Standpunkt aus nicht zu sehen ist! Was wir gesehen haben, ist lediglich die Warft, die halt viel höher liegt als das Land südlich davon! 

Übrigens habe ich wohl auf keiner Nordseetour so wenig Robben gesehen wie auf dieser!

GPS-Daten hier