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Sonntag, 19. Oktober 2025

Kleiner Belt im Dunkeln

Als ich beim Planungstreffen des Vereins im Januar für Oktober eine Tour im Dunkeln über den kleinen Belt angekündigt hatte, war mir schon klar, dass sie vermutlich wegen widriger Bedingungen ins Wasser fallen würde. Zu oft habe ich schon Touren dort angeboten und sie dann wieder absagen müssen, weil die Wetterbedingungen keine sichere Überfahrt und vor allem keine für alle in der Gruppe zumutbare Rückfahrt garantieren konnten. Wenn ich nun noch die Dunkelheit als zusätzliche Komponente hinzunehme, würde das die Wahrscheinlichkeit einer Absage noch einmal deutlich erhöhen.

Nach Schluss der Anmeldungsfrist weist die Teilnehmerliste neun Nasen auf - eine erfreuliche Resonanz für ein doch etwas exotisches Unternehmen. Das war mir eigentlich etwas zu viel, aber zum Glück war auch Betzis Nase darunter, so dass ich eine kompetente Unterstützung hatte, eine so große Gruppe auch im Dunkeln sicher im Blick zu behalten. Auch die Sache mit dem Organisieren der fahrbaren Untersätze ließ sich nach einigem Rumgefrage befriedigend klären. Und die Wettervorhersage schien das Unglaubliche Wirklichkeit werden zu lassen: just am Samstag Abend sollte sich eine absolute Flaute zwischen zwei Tagen mit strammen Winden einstellen! Zwar schwänzelte die Vorhersage noch einige Male hin und her - aber der ins Auge gefasste Samstag blieb von Bedingungen verschont, die mich zu einer Absage der Tour bewogen hätten. Einzig für den Rückweg am Sonntag drohte heftiger Gegenwind. Aber über den habe ich mir keine großen Gedanken gemacht.

Dass es am Samstag schließlich nur noch sechs Teilnehmer sind, entspricht dem normalen Schwund. Ein kurzes Umorganisieren der Fahrzeuge - und schon steht dem Abenteuer nichts mehr im Wege.

Eigentlich hatte ich die Abfahrtszeit auf 18 Uhr festgelegt. Sonnenuntergang ist um 18:15 Uhr, so dass wir noch bequem im Hellen packen, uns orientieren und abfahren können und dann bald in die Dunkelheit kommen. Ich habe in den vergangenen Tagen mal bewusst darauf geachtet, wann es denn wirklich dunkel wird - so richtig schwarzdunkel. Danach erschien mir 18 Uhr fast etwas früh. Unsere Zeitplanung war natürlich großzügig ausgelegt, so dass die Gefahr bestand, dass wir vor der Abfahrt eventuell etwas warten müssten. Aber zum Glück beginnen an diesem Wochenende die Herbstferien in einigen Bundesländern, so dass unsere Anfahrt nach Fynshav deutlich länger dauert als geschätzt. Und das Schmücken der Kajaks und Paddler mit Knicklichtern dauert halt auch etwas.

Der Belt liegt spiegelglatt vor uns! Die Sicht ist supergut und vom Strand aus direkt nördlich des Fährhafens sieht man jede Menge anderes Ufer - scheinbar zum Greifen nahe! Aber wo ist Lyö? An der Tatsache, dass fast alle eine Seekarte des Gebietes dabei haben (bis auf mich 🙂), sieht man, dass hier engagierte Paddler unterwegs sind. Aber es macht noch einige Mühe, das Gesehene mit dem auf der Karte Abgebildeten in Deckung zu bringen. Fazit: Lyö kann man von hier aus nicht sehen, weil es hinter dem Hafenschuppen liegt!

So ist es dann tatsächlich kurz vor halb sieben, als wir auf dem Wasser schwimmen. Noch bevor wir die Hafenausfahrt erreicht haben, schwimmt uns ein junger Seehund entgegen, der erstaunlich wenig Scheu zeigt. Vermutlich ist es das erste Mal, dass er so komische längliche Enten auf dem Wasser schwimmen sieht. Hinter dem Hafen orientieren wir uns erst einmal und ordnen die sichtbaren Dinge ein. Da ist als markanteste Erscheinung der Leuchtturm von Skjoldnäs am Nordende von Ärö. Ganz schwach im fernen Grau ragt das Ostende von Avernakö knapp über den Horizont. Davor ist das Westende etwas deutlicher zu sehen. Bereits sehr deutlich mit erkennbaren Strukturen schließt sich Lyö an - da wollen wir hin!

Seezeichen sind sparsam gesät. Da gibt es den Leuchtturm, dann eine rot blinkende Tonne zwischen Ärö und Lyö - und ein weiß leuchtendes Licht weiter nördlich auf Fünen. Um unser Ziel zu treffen, müssen wir 65 Grad fahren. Anfangs ist es noch recht gut möglich, den Kompass abzulesen, später versuchen wir, uns eher an der schwarzen Silhouette von Lyö zu orientieren, die sich etwas gegen den dunkelgrauen Himmel abhebt. Wir sind komplett alleine auf dem Wasser, und es ist magisch, in die zauberhafte Stille und das Dunkelwerden hinein zu paddeln. Unsere Knicklichter leisten gute Dienste, so dass ich immer schnell überblicke, ob noch alle meine Begleiter in der Nähe sind. 

Mitten auf dem Belt sehe ich etwas schwarzes im dunklen Wasser - es stellt sich als toter Schwan heraus, der hier auf seinen Recycling-Prozess wartet. Mit zunehmender Dunkelheit trauen sich immer mehr Sterne aus der Deckung. Irgendwann entdecken wir, dass sich in den Wirbeln am Paddel Meeresleuchten zeigt. Ziemlich schüchtern zwar - aber eindeutig Meeresleuchten! Schließlich wölbt sich die Milchstraße erhaben am Himmel über uns. Immer mal wieder huschen Sternschnuppen über den Horizont. Magisch!

Da wir unseren Zielpunkt erst im richtig schwarzen Dunkel erreichen würden, habe ich ihn als Wegpunkt in mein GPS eingegeben. Unterwegs checke ich immer mal wieder, ob unsere Ablage vom Idealkurs noch im akzeptablen Rahmen liegt. Dabei kann ich erkennen, dass wir anfangs nach Norden versetzt werden, wenn wir mit dem Paddeln innehalten und später - auf der östlichen Hälfte des Beltes - nach Süden. Wir befinden uns quasi in einem gigantischen Kehrwasser. Als wir nur noch wenige hundert Meter vom Strand entfernt sind, fahre ich nur noch nach GPS - weil ich das Ziel möglichst genau treffen möchte. Ohne dass ich ihn auch nur erkenne, läuft mein Boot irgendwann sanft auf den steinigen Strand. Ich bitte die anderen, noch in den Booten zu bleiben, weil ich kurz überprüfen möchte, wo denn der wirklich optimale Ort zum Anlanden ist. Er liegt zwanzig Meter weiter südlich! So ein GPS-Gerät ist einfach toll!

In der nächsten halben Stunde irrlichtern sechs wasserdichte Glühwürmchen scheinbar wirr auf der Wiese herum - bis all ihre Zelte stehen. In der Schutzhütte müssen wir gar nicht viel umräumen, um für uns alle einen Sitzplatz an einem langen Tisch zu organisieren. Noch bevor wir mit dem Abendessen beginnen, kommt Lena mit der Nachricht von draußen herein, dass gerade Nordlichter am Himmel zu sehen seien. Magisch zum Quadrat!

Die Nacht ist ruhig - es gibt kaum gefiederte Lärmlinge hier. Aber es ist Wind aufgekommen, und das Meer rauscht. Und es ist frisch geworden. Aber es ist ein wunderschön sonniger Morgen, und die Zelte sind trocken. Frühstücken, packen und Boote fertig machen gehen in aller Gemütlichkeit vonstatten. Leider steht der Wind ziemlich auf den Strand, was das Einsteigen etwas anspruchsvoll macht. Dass wir dabei vielleicht nicht optimal agieren, liegt schlicht an mangelnder Übung. Aber wir bekommen es bruchfrei hin, dass alle ohne allzu viel Wasser im Cockpit loskommen. Ich bin froh, dass ich als letzer und damit alleine ohne Probleme ins Schwimmen komme.

Die Wellenhöhe ist sehr schnell sehr beeindruckend! Wir hatten uns beim Briefing für den Komplementärkurs zu 65 Grad (nach Diskussionen) auf 245 Grad geeinigt. Die nächste, gut ablesbare Zahl auf dem Kompass wäre 240 Grad. Das ist aber deutlich zu wenig als Vorhaltewinkel bei den herrschenden Bedingungen. Also gebe ich 210 Grad als zu steuernden Kurs vor. An Land hatte ich noch behauptet, ich würde später mittels GPS-Gerät überprüfen, ob der Kurs geeignet ist, unsere Abdrift zu kompensieren und gegebenenfalls nachjustieren. Ich merke aber gleich, dass Feinjustierung hier kein Thema ist und sage der Gruppe, dass wir die ganze Zeit zwei-eins-null steuern werden. Betzi, die ohne Kompass fährt, wünscht sich von mir, dass ich ihr eine Landmarke am gegenüberliegenden Ufer nenne, die sie ansteuern kann. Ich gebe ihr auch das südlichste momentan sichtbare Ende von Alsen als Anhaltspunkt. Wir merken beide schnell, dass das nicht lange gilt, aber Betzi kommt prima auch ohne weitere Ansage zurecht.

Heller Bereich: Zeit auf dem Wasser
Die Windvorhersage hatte fünf Beaufort versprochen, die später auf sechs hochgehen sollten. Die Messwerte geben für unsere Zeit auf dem Wasser aber durchgängig sechs Beaufort an, mit Böen in sieben. Die Richtung ist Südsüdost - also schräg von vorne. Der Fetsch beträgt über fünfzig Kilometer und es weht halt schon eine ganze Weile - da ist die Wellenhöhe keine Überraschung. Sie liegt zwischen einem und zwei Metern. Betzi hat mal mitgeplottet, wie lange sie einen anderen Paddler nicht sieht, wenn der in ein Wellental abgetaucht ist. Sie ist auf drei Sekunden gekommen. Natürlich bin ich hier mit sicheren Paddlern unterwegs, aber auch wenn die Wellen im wesentlichen lang und harmlos sind, brechen einige doch und entwickeln eine nennenswerte Wucht, wenn sie einen treffen. Und dann ist das hier der kleine Belt, wo die Wellen eigenen spezifischen Gesetzmäßigkeiten folgen - da kommt auch schon mal eine Welle aus einer komplett verqueren Richtung und kabbelt sich mit den anderen. Ohne solide Stütze ist man hier nicht am richtigen Ort.

Ich beobachte meine Mitpaddler aufmerksam und unablässig. Alle fahren konzentriert aber unverkrampft. Alle Angriffe brechender Wellen werden souverän abgewehrt. Es gibt aber drei Dinge, die mir krause Gedanken bereiten. Das erste ist die Möglichkeit, dass jemand seekrank werden könnte. Ich habe das Wort Seekrankheit vorher bewusst nicht ausgesprochen, weil es schon einen unguten Effekt hat, wenn dieses Wort einem nur im Hirn rumgeistert. Sollte jemand tatsächlich innerlich zerfallen, werden wir eben damit umgehen.

Das Zweite ist die Tatsache, dass die Gruppe einen deutlich südlicheren Kurs als 210 Grad steuert. Ich versuche anfangs noch auf Kurs zu bleiben, muss aber erkennen, dass wir uns dadurch so weit voneinander entfernen, dass mir damit nicht mehr wohl ist. Also fahre ich immer wieder näher an die Gruppe oder winke sie zu mir heran. Irgendwann versuche ich zu erfragen, ob alle den verabredeten Kurs problemlos fahren können, erkenne aber quasi im Fragen, dass meine Frage und die jeweilige Antwort eigentlich vollkommen belanglos sind - hier sprechen einfach die Tatsachen! Ich kann schlecht darauf pochen, dass ich den korrekteren Kurs fahre, aber dann die Gruppe verlieren. Also sortiere ich einfach meine Prioritäten neu: Erstens: Gruppe zusammenhalten, zweitens: Kurs 210 halten! Dadurch fahren wir gewissermaßen eine reziproke Hundekurve.

Die dritte Besorgnis ist die Tatsache, dass wir eine ziemliche Strecke gegen einen ziemlichen Gegenwind paddeln müssen. Da muss man mit den Kräften haushalten. Am Anfang ist das Blut voller Adrenalin und die Muskeln noch voller Energie. Das verleitet dazu, am Anfang stärker reinzuhauen, als für eine lange Zeit gut ist. Es ist schwer einzuschätzen, ob das Tempo, das eine Gruppe fährt, so nachhaltig ist, dass es für die gesamte Tour reicht. Hier kommt mir Betzi zu Hilfe, die ziemlich bald ein etwas langsameres Tempo als der Rest der Gruppe fährt. Das gibt mir die Gelegenheit, den Rest der Gruppe abzubremsen. Die anderen passen sich bereitwillig unserem Tempo an. 

Das Optimum an Gruppendichte verdanken wir der Begegnung mit einem Segler! Der stampft in der Ferne schräge auf uns zu. Er hat Fock und Großsegel extrem gerefft und liegt trotzdem mächtig schräg im Wasser. Je näher er uns kommt, desto enger scharen sich meine Begleiter um mich. Ich höre einige hektische Kommentare aus der Gruppe, kümmere mich aber nicht weiter darum. Ich weiß, dass Anja immer sehr ängstlich auf Schiffsbegegnungen aller Art reagiert. Es besteht keine Gefahr einer Kollision, aber ich stelle das Paddeln trotzdem kurz ein, um ihn in sicherem Abstand passieren zu lassen. Die Mannschaft winkt uns kurz zu und ich erwidere den Gruß.

Nachdem der Segler passiert hat, nimmt die Wellenhöhe langsam ab. Kaum merklich zwar, und es sind immer noch beachtliche Kaventsmänner darunter, aber das Ärgste haben wir hinter uns. Auch der Wind bläst nicht mehr ganz so garstig, eine Konsequenz, dass wir näher an Alsen sind und die Insel ihre schützende Wirkung entfalten kann. Ich habe den Eindruck, dass unsere Geschwindigkeit etwas nachlässt und auch die Gruppe sagt hinterher, dass ihr im zweiten Teil etwas die Kräfte ausgingen. Aber wenn man auf unsere GPS-Daten sieht, lässt sich ein Nachlassen nicht bestätigen - wir sind im letzten Teil sogar geringfügig schneller geworden! 

Als wir nicht mehr weit vom Land entfernt sind, setzt sich Sabine deutlich nach Süden von der Gruppe ab. Normalerweise wäre sie mir viel zu weit weg gewesen, aber hier lasse ich sie einfach fahren. Ich kenne sie und weiß sofort, dass sie nur Anlauf nimmt, um einen möglichst guten Surf zu erwischen. Die anderen rufe ich erst etwas später zusammen, damit wir im dichten Pulk und mit dem Wind im Rücken die Hafeneinfahrt von Fynshav queren. Hier versuche ich auch, die schiebenden Wellen zu nutzen und erreiche meine maximale Geschwindigkeit von 13,4 km/h!

Hinter der Hafenmauer ist das Wasser so glatt, dass man glaubt, mit einer Luftmatraze nach Lyö paddeln zu können. Als Ausklang der wunderschönen, auf dem Hinweg magischen und auf dem Rückweg fordernden Tour lassen wir uns auf dem Campingplatz Naldmose von den überaus sympatischen deutschen Betreibern Kaffee und Kuchen servieren.

GPSDaten 

Sonntag, 30. Oktober 2016

Planung per Zufall

Im vergangenen Herbst hatte Trenk es nicht geschafft, Zeit für eine gemeinsame Tour mit uns zu erübrigen. Damit das dieses Jahr nicht wieder schief geht, haben wir bereits im Frühjahr das letzte Wochenende im Oktober als gemeinsamen Tourtermin festgenagelt. Eine knappe Woche vorher haben wir mit ebenso knappen Worten die letzten Details geklärt: wann und von wo los und wo hin? Alles war geregelt und alle voller Vorfreude. Am Mittwoch vor der Abfahrt muss Trenk die Reißleine ziehen: Er hat sich eine Rüsselseuche aufgehalst! Sie hat ihn so erwischt, dass er trotz des großen Drangs nicht mitkommen kann! Wir sind alle deutlich geknickt.

Aber verzichten wollen wir nicht. Jörg ist Rentner und ich habe genug Zeitguthaben aufgebaut, dass wir am Freitag bereits mittags in Kiel losfahren können. Wir wollen in Mommark starten, das sollten wir in guten anderthalb Stunden erreichen. Aber irgendwie dauert es doch etwas länger als die optimale Berechnung hergeben wollte, und als wir da sind, ist nicht nur 15 Uhr, sondern der Ort heißt auch noch Fynshav statt Mommark! Verdammt! Wir haben beide konstant Ausschau gehalten nach dem Schild, das uns zum Abbiegen auffordern sollte. Aber das Schild ist offensichtlich einkassiert worden - und nun stehen wir halt 10 Kilometer weiter nördlich auf Alsen! Wir überlegen kurz, ob wir noch nach Mommark umsetzen, weil es von dort aus deutlich kürzer bis zur Nordspitze von Ärö ist. Aber wenn ich mir die Landkarte und die Windrichtung so ansehe, ist Fynshav die weitaus bessere Wahl, und ich frage mich im Stillen, warum wir das nicht von Anfang an so geplant haben!

Wir machen eine kurze Begehung des Hafens und der angrenzenden Badestelle und entscheiden uns, statt des nahen aber garstigen Slips im Hafen den fernen aber weichen Strand der Badestelle zum Ablegen zu wählen. Zu unserem Glück stehen einige Transportkarren bereit, mit denen die Segler normalerweise ihre umfangreiche Ausrüstung von und zu ihren Booten transportieren. Leider sind sie angekettet und sie lassen sich genau nur durch eine Ein-Euro-Münze befreien. Davon haben wir nur ein einziges Exemplar, aber die Karre ist uns trotzdem eine wertvolle Hilfe.

Es ist viertel nach vier als wir ablegen, die Nordspitze von Ärö ist gute 14 Kilometer entfernt, der Wind bläst mit satten fünf bis sechs Beaufort aus Nordwest - in bummelig zwei Stunden sollte die Überfahrt gemeistert sein. Danach wären wir immer in Landnähe, so dass die dann einsetzende Dunkelheit keine Probleme bereiten sollte, ein Punkt, der Jörg bei der Vorbereitung sehr am Herzen lag. Je mehr wir aus der Landabdeckung und auf den offenen Belt hinaus fahren, desto größer werden die Wellen. Die aktuelle Windrichtung ist nicht geeignet, hier rekordverdächtige Wellen entstehen zu lassen, aber sie gehen doch solide an die Ein-Meter-Grenze. Es ist für uns beide das erste Mal, dass wir dieses Gewässer mit massivem Rückenwind queren. Sonst haben wir uns immer vorankämpfen müssen, heute werden wir so kräftig geschoben, dass wir uns hurtig und rauschend unserem Zielort nähern. 

Nach nur eindreiviertel Stunden haben wir den Leuchtturm von Skjoldnäs querab. Er hat nur wenig vorher sein Licht angeschaltet, das er nun - wie immer mit einer beeindruckenden Langsamkeit - in die umliegende Landschaft verteilt. Die Sonne hat sich bereits hinter den Horizont verzogen und die Dämmerung setzt ein. Aufgrund unserer gewachsenen Erfahrung und Reife holen wir hier unsere Lichter heraus. Mein Rundumlicht habe ich vor ein paar Wochen extra noch einmal auf Gängigkeit überprüft, nur um jetzt festzustellen, dass es nicht mehr funktioniert! Möglicherweise ist es beim Brandungspaddeln neulich allzu arg mit Wasser in Kontakt gekommen, so dass es sein letztes Lebenslicht ausgehaucht hat. Doof - und peinlich, wenn man unerlässliche Ausrüstung nicht wirklich direkt vor ihrem Einsatz noch einmal kontrolliert! So benzele ich mir lediglich ein Knicklicht an die Mütze - das sollte reichen, damit Jörg mich erkennen kann. Sollte!

Bis zu unserem Ziel, dem Übernachtungsplatz Skaaret, haben wir hier erst gut die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Das Licht versickert ziemlich zügig, so dass wir bald durch völlige Dunkelheit rauschen. Schiffsverkehr gibt es hier eher nicht, nur irgendwo weit hinter uns ist eine Segelsyacht auszumachen. Am Ufer ist nichts zu erkennen, so dass das Paddeln einen sehr meditativen Charakter hat. Jörg hat sein Rundumlicht auf dem Kopf, und anfangs ist das auch kein Problem. Je dunkler es allerdings wird, desto mehr blendet es mich, so dass ich absichtlich etwas Abstand zu ihm halte. Da wir an Land absolut keinen Anhaltspunkt haben, wo unser Ziel sein könnte, schalte ich irgendwann mein GPS ein und lasse mir Kurs und Entfernung angeben. Auch das Display blendet enorm, solange es eingeschaltet ist, so dass ich es nur in größeren Abständen zu Rate ziehe.

Als wir unserem Ziel schon recht nahe sind, schalte ich das GPS wieder ein und fahre genau in die von ihm vorgegebene Richtung auf das Ufer zu - in der sicheren Gewissheit, dass Jörg sich schon an mir orientieren wird, denn ich habe ja das GPS. Irgendwann meine ich etwas zu hören und blicke mich um. Ich bin alleine - etwa 500 Meter von mir entfernt irgendwo im Dunkeln glimmt ein Glühwürmchen, das Jörg heißt. Auf diese Entfernung kann er mein armseliges Knicklicht vermutlich nur schwer sehen! Ich paddle ein kleines Stück auf ihn zu, bis ich mir sicher bin, dass auch er in meine Richtung paddelt. Das war knapp und letztlich haben wir es nur Jörgs elend blendender Lampe zu verdanken, dass wir uns wiedergefunden haben! Nur mit Knicklichtern geschmückt, hätten wir uns vielleicht endgültig aus den Augen verloren!

Zum Glück steht keine brechende Brandung auf dem Strand, an dem wir an Land wollen. Vorsichtig tasten wir uns ans Ufer. Zwar besteht es hauptsächlich aus Sand, aber es sind genug dicke Steine eingebettet, dass man hier leicht ein echtes Problem haben kann. Die erste Inspektion der Umgebung ist schon sehr ermutigend - da gibt es ein überdachtes Esszimmer und ein Plumpsklo. Daneben ist ein Holzschuppen, den wir für den versprochenen Shelter halten. Aber der ist verriegelt. Erst beim Ziehen weiterer Kreise entdecken wir am Rande des Geländes einen der typischen neuen Shelter: solide gebaut und einladend! Es gibt eine Ober- und eine Unteretage. Für die Verteilung bemühen wir abermals unser Ein-Euro-Stück, das Jörg die untere Abteilung zuweist.

Wir kommen also in den Genuss, unsere Zelte nicht aufbauen zu müssen. Das beschleunigt auch die Zeremonie, die wir absolvieren müssen, bis wir uns endlich in die Daunenschlafsäcke kuscheln können: Umziehen, Ausrüstung aus den Booten laden, Essen kochen, essen und schnacken. Für das Essen zu sorgen, hat Jörg sich wieder bereit erklärt. Dafür stelle ich Kocher und Küchenausrüstung. Es soll Kohleintopf geben - mit Fleischeinlage. Oder war es Fleisch mit Kohlbeilage? Jedenfalls reicht die Menge optisch mindestens für eine mittlere Schulklasse. Mein großer Topf fasst mit Mühe die Hälfte davon. Eine harte Prüfung ist es, mit knurrendem Magen auf den dampfenden Topf zu starren und darauf zu warten, dass das Zeug endlich warm wird. Gar werden muss es nicht, denn Jörg hat es vorgekocht - und für heiß reicht unsere Geduld nicht! Die erste Portion schaffen wir ohne große Mühe, währenddessen mein großer Topf ein zweites Mal bis zum Rand gefüllt auf dem Brenner bruzzelt. Zu meiner Überraschung verschwindet auch diese Portion problemlos in unseren Bäuchen.

Zwar ist mir in der Nacht anfangs etwas zu warm, aber gegen Morgen lege ich mir doch die erstmals mitgeführte Fliesdecke über den Schlafsack. So halten wir in der gemütlichen Holzhütte durch bis halb neun. Dann lacht die Sonne die Welt so ungehemmt an, dass wir als erstes aus den Bullaugen nach draußen blicken. Sofort wenden wir uns mit Erschaudern ab: da steigen dänische Frauen zum Baden in die Ostsee! Unglaublich, bei den Temperaturen! Der Platz scheint insgesamt sehr beliebt zu sein. Während wir frühstücken und dann unsere Ausrüstung klar machen, kommen immer wieder Leute zum Angeln, noch welche zum Baden, oder nur zum Gucken.
Seit gestern Abend ist Jörgs Mütze verschwunden. Bei jedem Gang, den wir heute Morgen machen, halten wir immer wieder Ausschau nach ihr. Unsere Ausrüstung wird mehrfach umgegraben, und wir starten sogar etliche Sucheinsätze, die Mütze bleibt verschwunden. Allerdings kann Jörg sich auch nicht mit letzter Sicherheit daran erinnern, ob er sie überhaupt mitgehabt hat!

Das Wasser zwischen hier und Dreyö ist ziemlich weiß, mal mehr und mal sehr! Das legt die Stirn bei Jörg wieder in Falten und er sinniert schon über einen Plan B. Ich kenne das schon, wenn wir dann draußen sind, weiß er selbst nicht mehr, was ihn da eigentlich besorgt hat. Gegen halb zwölf sind wir auf dem Wasser und nehmen Peilung auf die Westspitze von Dreyö. Der Wind weht immer noch aus Nordwest und da wir etwa die Inselmitte treffen wollen, sollte das als Vorhaltewinkel reichen. Wir hatten gestern Abend kurz über unsere Optionen gesprochen und uns letztlich entschieden, auf Lyö zu übernachten. Würden wir auf Dreyö bleiben und der Wind nicht wie vorhergesagt deutlich abnehmen, hätten wir am Sonntag eine elend lange und knüppelharte Keulerei vor uns, zu der es keine Alternative gäbe.

Zwar hatten wir Lyö als Endpunkt festgelegt, den Besuch auf dem Shelterplatz von Dreyö aber weiterhin als zu erledigenden Auftrag aufgefasst. Erst nach einiger Zeit auf dem Wasser kommt es uns seltsam vor, dass wir einen Kurs fahren wollen, der uns weiter vom Endziel entfernt und uns damit eine noch längere Strecke gegen den Wind beschert. Wir schalten kurz unsere Vernunft ein und ändern die Peilung so, dass wir die Ostspitze von Avernakö erreichen. Es sind vom Punkt unserer Kursänderung gute neun Kilometer bis dahin, und wir haben den Wind schräg von vorne, so dass er uns deutlich versetzt. Aber nach dem Ausmessen unserer GPS-Spur sind wir nur maximal 200 Meter von der geraden Verbindungslinie abgetrieben worden. Das finde ich eine sehr solide Navigation!

Die Windvorhersage hatte für heute gegenüber gestern nachlassende Winde versprochen. Aber da hat nix nachgelassen - es sind immer noch fünf bis sechs Beaufort! Ich bin überrascht, dass sich in diesem doch relativ geschützten Gebiet überhaupt so große Wellen aufbauen. Sie sind nicht ganz so groß wie gestern und in keiner Weise bedrohlich, aber man muss schon sicher im Boot sitzen, um hier entspannt paddeln zu können. Wobei das mit dem "entspannt" nicht wirklich stimmt, weil es einfach mörderanstrengend ist, gegen so einen Wind anzupaddeln. Mehrmals klatschen uns brechende Wellen gegen die Brust, so dass wir kurzzeitig komplett in ihrer Gischt verschwinden. Ich habe nur ein einziges Foto während unserer Überfahrt gemacht! Trotzdem schaffen wir die gut 10 Kilometer in genau zwei Stunden - das ist jetzt keine Rekordgeschwindigkeit, aber eben auch solide!

In der Nähe des Übernachtungsplatzes auf Korshavn, wie der östliche Teil von Avernakö heißt, gehen wir in der windgeschützten Bucht an Land und ruhen die müden Knochen und Gelenke aus. Das Wetter meint es überaus gut mit uns, denn der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Trotzdem ist es etwas zugig hier, was keine ungetrübte Gemütlichkeit aufkommen lässt. Mit etwas gebeuteltem Gebälk überlegen wir, wie wir weiter vorgehen. Wir könnten den lieben Gott einen gutem Mann sein lassen und direkt hier unser Lager aufschlagen. Dafür ist der Tag aber noch etwas zu jung, und dann hätten wir morgen eine recht lange Strecke vor uns,  was wir mit dem Plan "Lyö" doch eigentlich vermeiden wollten. Wir könnten uns an der Südseite von Avernakö nach Westen entlanghangeln, um etwas Windschutz zu erheischen. Wenn die Küstenlinie dann nach Norden abbiegt, könnten wir entscheiden, ob wir tatsächlich nach Lyö fahren, oder im Segelhafen von Avernakö übernachten. Den habe ich zwar als nicht besonders attraktiv in Erinnerung, weil er keinen Windschutz bietet, aber wenn man nur hinreichend porös ist, wird so etwas schnell relativ.

Also hangeln wir uns im nicht wirklich existierenden Windschutz von Avernakö Richtung Westen. Als auch das letzte bisschen Abschirmung der westlichen Teilinsel verloren geht, muss auch der Wind unbedingt noch einmal eine Stärke zulegen! Dieses Auffrischen dauert genau bis wir den westlichsten Punkt der Insel erreicht haben und uns entscheiden müssen, wohin die weitere Reise gehen soll: noch mal vier Kilometer weiterhin gegen diesen Wind bis zur Nachbarinsel - oder zwei Kilometer mit seitlichem Wind in den Segelhafen? Wenn man sich unsere Geschwindigkeit auf dem letzten Teilstück ansieht (3,7 km/h  im Durchschnitt), weiß man, dass wir nicht lange überlegen müssen. Direkt mit unserer Entscheidung flaut der Wind wieder auf fünf Beaufort ab. Zusammen mit der fälligen Kursänderung geht das Paddeln fast von alleine! Aber nur fast!

Die Küste ist hier nicht besonders abwechslungsreich und um wenigstens die Illusion des Vorankommens zu haben, suche ich mir immer einen nicht zu weit entfernten, markanten Punkt am Ufer, um zu sehen, wie er erst näher kommt, dann querab liegt und schließlich nach hinten verschwindet. So eine dunkle Struktur, die am Strand in den Blick kommt, eignet sich sehr gut für dieses Spielchen. Ich kann sie am Anfang nicht recht einordnen. Irgendwann erscheint sie mir wie ein toter Seehund, der ans Ufer gespült wurde. Ich versuche, sie fest mit den Augen zu fixieren, um sie besser identifizieren zu können. Irgendwann erkenne ich, dass es sich um einen großen Treckerreifen handelt, der halb unter Steinen begraben ist. Ich wende meinen Blick wieder nach vorne und schrecke zusammen, weil ich gerade mit meinem Paddel auf einen toten Seehund stoße und mit dem Boot drüber fahre.

Um fünf Uhr schrammen wir auf den Strand neben dem Fähranleger. Eine knappe Stunde vor Sonnenuntergang, es bleibt uns also noch genug Tageslicht für die notwendigen Verrichtungen. Als erstes müssen wir ein windgeschütztes Plätzchen finden, was wie erwartet nicht ganz einfach ist. Wir entscheiden uns, unsere Zelte direkt hinter dem Cafe-Kiosk aufzuschlagen, in dem jetzt laut Schild im Fenster eh "Stille" herrscht. Auf dessen Holzveranda gibt es einen Camping-Tisch und -Stühle, so dass wir hier gemütlich und bequem zu Abend essen können. Überhaupt bietet die Infrastruktur hier überraschend viel Komfort: da gibt es Toiletten mit Wasserspülung, eine Dusche (für die man aber dänische Kronenmünzen benötigt) und - als Krönung des Ganzen - fließend heißes Wasser!

Da ich auf den Touren der letzten Vergangenheit immer nur mein kleines Zelt mit hatte, wundere ich mich heute, wie gigantisch viel Platz in meiner großen Hütte ist. Ich mümmele mich unter Schlafsack und Fliesdecke und dämmere zufrieden hinweg.

Als ich wieder zu mir komme, blicke ich auf mein Handy, um die Uhrzeit zu erfahren. Halb acht. Aber es ist taghell. Irgendwie verstehe ich das nicht, denn wenn ich normalerweise um diese Zeit mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, ist es immer deutlich dunkler. Auch mein Versuch, die Sache mit der hier deutlich nördlicheren Lage zu erklären, befriedigt mich nicht, also vertage ich die Untersuchung dieses Problems.

Es ist nicht nur taghell - die Sonne scheint auch! Und der Wind, obwohl er in der Nacht noch lange gewütet hat, ist auf eine liebliche Luftbewegung zusammengeschnurrt! Das Leben kann so schön sein! In aller Ausgiebigkeit frühstücken wir und machen uns für den letzten Teil unserer Reise bereit. Zelt und Paddelsachen sind trocken und als wir fertig in den Booten sitzen, zeigt meine Borduhr zwölf an. Auch das finde ich merkwürdig, denn obwohl wir sehr gemütlich gemacht haben, hätte ich nicht gedacht, dass wir so lange gebraucht haben.

Es ist nicht weit bis Lyö und der Gegenwind ist nicht wirklich fordernd, so dass wir problemlos direkt bis Alsen durchfahren könnten. Aber wir haben uns Stullen geschmiert, die gegessen werden wollen, und schließlich wollen wir ja nicht möglichst schnell hier weg kommen. Also fahren wir an der Westseite von Lyö noch einmal an Land und machen eine Pause in der Sonne. Auch das letzte Teilstück zurück bis Fynshavn ist problemlos - und nachdem ich mir die Sache mit der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit, die heute Nacht stattgefunden hat, einmal genau überlegt habe, bin ich auch wieder mit den zurückgestellten Problemen ausgesöhnt: mein Handy hat sich natürlich automatisch umgestellt, deswegen war es trotz der frühen Zeit schon hell, meine Borduhr hingegen zeigte weiterhin die Sommerzeit an, deswegen haben wir scheinbar so lange gebraucht! Das Leben kann nicht nur schön, es kann auch ganz schön kompliziert sein!

Auf dem Weg zurück nach Deutschland warten wir immer auf die Abzweigung nach Krusaa - aber ehe wir uns versehen, sind wir auf der Autobahn! Auch dieses zweite Verfahren erweist sich als Segen, denn die Strecke ist deutlich kürzer als unser Hinweg! Manchmal ist der Zufall eben der deutlich bessere Navigator!

Sonntag, 6. April 2014

Nordsee im April

Es muss November gewesen sein, als wir diesen Termin für eine Tour ausgekungelt haben. Aber auch, wenn wir uns erst eine Woche vorher verabredet hätten: Anfang April ist einfach kein Datum, an dem man mit verlässlich akzeptablen Bedingungen rechnen kann. Wenn ich an das letzte Jahr denke, als um diese Zeit noch Schnee lag und die Temperaturen darnieder - bei solchen Bedingungen hätte wohl keiner von uns ein Wochenende im Schlafsack auf der Hallig verbracht. Doch die im Vorfeld bang beobachtete Wettervorhersage nimmt uns allen Wind aus den Segeln: Am Freitag tagsüber noch fünf bis sechs Beaufort, aber ab 17:00 Uhr abflauend und außerdem eh aus Osten. An den folgenden Tagen dann nur noch schwachwindig aus westlicher Richtung. Das verspricht doch eine gemütliche Unternehmung zu werden mit Rückenwind auf Hin- wie Herweg. Und am Sonnabend soll durchgängig die Sonne scheinen! Welch Glückes Geschick!

Allein - in Schlüttsiel am Anleger stehend müssen wir uns eingestehen, dass der Wind nicht wirklich nachlassen will und die Messwerte der Windgeschwindigkeiten sich herzlich wenig um die Vorhersage scheren! Sie liegen im Mittel deutlich über zehn Meter pro Sekunde und damit im Sechser-Bereich. Die Böen liegen über 14 m/s, was ganz unromatische sieben Beaufort sind. Die Sicht ist nicht berauschend und es sind Schauer angesagt. Ist es klug, bei sechs Grad Wassertemperatur, sechs Beaufort und Wetterbedingungen, die auch eher die Schulnote sechs verdienen, mit klitzekleinen Booten über die Nordsee zu schippern? "Klug" ist vielleicht nicht ganz die richtige Frage. Aber die richtige Frage möchten wir dann doch lieber nicht stellen.

Trenk ist prall geladen mit dem Wunsch, sein neues Boot auszuprobieren und eine der für ihn immer schwieriger zu arrangierenden Fahrten mit uns auch durchzuführen. Fast nimmt er uns die Luft, zu einer unbeeinflussten Überzeugung zu gelangen. Jörg ist prinzipiell sogar bereit, die ganze Unternehmung abzublasen, und ich suche noch nach einem Kompromiss zwischen meinen Befürchtungen und Wünschen. Ich fürchte am meisten, dass uns der eiskalte Wind zusammen mit dem eiskalten Wasser so arg zusetzen könnte, dass wir den grimmigen Wellen nicht genug Elastizität entgegen zu setzen hätten und dies ein zu hohes Risiko darstellen würde. Schließlich einigen wir uns darauf, nicht in den Hooger Hafen sondern nach Hilligenlei zu fahren. Das ist zwar weitaus weniger attraktiv, weil es dort kein Seglerheim gibt mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum, aber wir müssten so nicht über offenes Wasser fahren, und die Sandbank, die südlich des Langeness-Fahrwassers liegt, würde uns vor großen Wellen schützen.

Trenk fährt heute zum ersten Mal einen nagelneuen "Romany" von Nigel Dennis. Ein Kursboot, von dem er wissen möchte, wie es sich unter ernsthaften Bedingungen verhält. Da das Schott hier natürlich nicht auf seine Beinlänge angepasst ist, fährt er viel leeren Raum im Cockpit spazieren und hat einige Mühe, alles Gepäck unterzubringen. Auch Jörg hat Mühe, alles zu verstauen, so dass ein paar Dinge wieder in meinem Kahn landen, der innen eben besonders hohl ist: obwohl ich als einziger einen Bootswagen mitführe, habe ich sogar noch nennenswert ungenutzten Raum. Allen gemeinsam ist uns, dass wir diesmal keinen Wasservorrat mitführen. Wozu auch, auf Hilligenlei gibt es die Rixwaft mit Toilettengebäude und auf Hooge das Seglerheim mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum.

Wir sind bereits um kurz nach sechs auf dem Wasser, lediglich ein paar Minuten nach Hochwasser. Sonnenuntergang ist etwa um 20:00 Uhr - alles passt also bestens. Wir haben uns kräftig eingepummelt, zu groß ist unser Respekt vor den Bedingungen. Jörg hat eine Fliesmütze und darüber noch seine Neoprenhaube auf dem Kopf. Ich habe meine Neo-Haube nur als Halskrause übergestülpt, aber über der Fliesmütze die neue knallrote Kapuze, die der Weihnachtsmann mir als Trost für das Debakel von Lyö beschert hat. Trenk's Kapuze ist im Trockenanzug integriert.


Ich mache gleich anfangs die Ankündigung, dass ich ein gemütliches Tempo fahren werde. Ich will von Beginn an eine ehrgeizige Wettfahrt verhindern, denn wir werden unsere Kraft besonders am Ende der Fahrt benötigen. Doch der Strom wird schon dafür sorgen, dass wir trotzdem mit gutem Tempo voran kommen werden. Die Sicht ist nicht berauschend aber immerhin gut genug, dass man die jeweils unmittelbar nächste Tonne knapp erkennen kann. Trotzdem der Wind immer noch rauscht, sind die Wellen überraschend klein und zahm. Bis zur Tonne, an der wir uns entscheiden müssen, ob wir in die Süderaue nach Hooge oder das Langenessfahrwasser nach Hilligenlei fahren wollen, haben wir uns mit den Umständen vollkommen ausgesöhnt. Wir kommen kurz zur Absprache zusammen und es herrscht ungetrübte Einigkeit, dass wir keine Bedenken haben, die Fahrt nach Hooge zu meistern.

"Das Glück ist mit den Tüchtigen" - wir müssen wohl zu diesen Menschen zählen, denn der Wind nimmt sich augenscheinlich etwas zurück, während wir die große Wasserfläche queren. Immer noch sind die Wellen für die herrschende Windstärke überraschend klein. Bliese es aus der entgegengesetzten Richtung und stünde der Wind damit gegen den Strom, würde hier das reine Chaos herrschen. Erst als die Süderaue kurz vor Hooge zwischen die zu Tage tretenden Sandbänke gepresst wird, stärkerer Regen einsetzt der Wind wieder auffrischt, fangen die Wellen an zu rauschen. Bis hierhin waren wir mit durchschnittlich 8,6 km/h unterwegs - die nächste viertel Stunde rauschen wir mit gemittelten 11,2 km/h durch die immer dunkler werdende Nordsee! Trenk ist eins mit seinem Boot und juchzt irgendwo in der Ferne. Jörg und ich legen es bewusst nicht darauf an, die Boote ins Surfen zu bekommen, sondern fahren gesittet näher unter Land. Um zwanzig nach Acht passieren wir die Hafeneinfahrt von Hooge - nur wenig mehr als zwei Stunden, nachdem wir in Schlüttsiel von der Rampe gerutscht sind.

Eine erste Begutachtung des vollkommen leeren Zeltplatzes bringt uns zu der wenig überraschenden Erkenntnis, dass es hier mit dem Windschutz nicht zum Besten bestellt ist. Nun sind vor dem Wind schützende Erhebungen der Erdkruste auf Halligen vergleichsweise selten anzutreffen. Einzig der Erdhaufen, in den das Seglerheim seine Stelzen steckt, könnte als solche dienen. Um in den Genuss dessen zu gelangen, müssten unsere drei Boote aber noch die hundert Meter über den Steg bewältigen, der den schlickgefüllten Hafen quert. Natürlich habe ich als professioneller Paddler meinen geländegängigen Bootswagen dabei - und zwei plötzlich emsig Süßholz raspelnde Kameraden, die auch gerne dessen Dienste in Anspruch genommen hätten. Zwar habe ich dämlicher Weise keinen Spanngurt zur Befestigung dabei, aber als professioneller Paddler bin ich bis an die Zehen mit den unterschiedlichsten Schnüren bewaffnet, so dass dieser Lapsus uns vor keine ernst zu nehmenden Probleme stellt.

Etwas anders sieht es mit örtlichen Infrastruktur aus: aus uns unerfindlichen Gründen hat das Seglerheim die Saison noch nicht eröffnet. Zwar ist der Segelhafen pappenleer, aber das ist doch noch lange kein Grund, auch die Wasserhähne abzustellen! Nichts mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum! Damit haben wir beim besten Willen nicht gerechnet. Trenk und ich machen uns auf, zur Peselwarft zu stapfen und dort um etwas Wasser zu betteln. Es ist dunkel, es regnet immer noch und wärmer ist es auch nicht geworden. Also machen wir uns in voller Montur auf die Neoprensocken: Trockenanzug, Schwimmweste, Kapuze und sogar die Spritzdecke lassen wir, wo sie sind. Die Bedienung im Friesenpesel guckt wie ein Auto, als wir ihr unseren Wunsch vorbringen. "Wo kommt ihr denn her?", fragt sie ebenso entgeistert wie sie unsere ehrliche Antwort "Aus Schlüttsiel." ungläubig und kopfschüttelnd quittiert.

Der große Wassersack von Jörg ist ziemlich schwer, so dass wir ihn den langen Weg zurück zu zweit schleppen müssen. Zumindest sollten wir nun für drei Tage genug Wasser gebunkert haben. Das Umsetzen der Boote, der Gang zum Brunnen, das Zelte-Aufbauen im Dunkeln und bei immer noch recht heftigem Wind, das Umziehen und Ausladen der Sachen sowie  Nach-Hause-Telefonieren haben ihre Zeit gebraucht. Als ich mir endlich meine Bratkartoffeln auf dem Trangia brutzele, ist es bereits nach zehn Uhr. Einen heißen Orangensaft noch, um die letzte Kälte aus den Gliedern zu vertreiben und dann mummele ich mich gemütlich in meinen Schlafsack.

Wenn ich jemals Zweifel an der Dichtigkeit meines Zeltes gehabt haben sollte, diese Nacht hat sie weggeschwemmt! Stundenlang pladdert heftiger Regen auf unsere Hütten und der Wind rüttelt an den Planen. Das war der ultimative und beruhigende Test! Der große Wassersack von Jörg hat seinen Test übrigens nicht bestanden: er hat das gesamte, mühselig vom anderen Ende der Insel herbeigeschleppte Wasser durch ein Leck verloren!

Für heute stand kurzzeitig ein Ausflug zur Pallas auf dem Programm. Aber zum einen ist die Sicht noch schlechter als gestern, so dass schon die keine 300 Meter entfernt stehende Kirchwarft nur noch schemenhaft zu erkennen ist, und zum anderen würde das eine Tour weit über der Vierzig-Kilometer-Marke bedeuten, für die wir uns noch nicht fit genug fühlen. Und was sollen wir zehn Kilometer auf dem offenen Meer bei einem Kilometer Sicht, nur um so einen imaginären Punkt im trüben Nichts zu suchen? Stattdessen wollen wir um Japp- und Norderoogsand fahren, das wird schon interessant und lang genug. Bevor wir allerdings die Spritzdecken über unsere muckeligen Cockpits schließen können, müssen wir noch aus unseren trockenen Sachen in die über Nacht natürlich nicht getrocknete dafür aber eiskalte Paddelmontur schlüpfen. Das ist der Moment, bei dem auch bei dem hartgesottensten Kanuten Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Tuns aufkommen...

Wir wollen nach Möglichkeit ohne GPS auskommen, um unseren Weg zu finden. Aber das ist hier draußen schon bei optimalen Sichtverhältnissen nicht ganz einfach, denn Tonnen gibt es nicht, und die Sände sehen über ihre gesamte Länge vollkommen einförmig aus. Einzig der alte Kirchtum von Pellworm böte navigatorischen Halt und Orientierung in dieser nassen Wüstenei. Bei der trüben Sicht heute ist der aber nicht zu sehen, so dass man raten müsste und stochern. So schielen wir dann doch mit zunehmender Nähe zum Rummelloch immer öfter auf unsere kleinen elektronischen Helfer. Es dient eigentlich nicht so sehr zur Orientierung als vielmehr zur Bestätigung, dass wir uns auch tatsächlich dort befinden, wo wir uns vermuten. Es beruhigt ungemein, wenn man das Ziel mit Gewissheit noch vor sich weiß. Nebel erzeugt nämlich eine ungeheure Reibung auf dem Zeitstrahl und die Minuten brauchen mehr als doppelt so lange zum Zergehen. Da bekommt man schnell das Gefühl, das Ziel müsste längst erreicht sein. Und ohne die Versicherung durch das GPS ist man leicht versucht, zu früh abzubiegen, aufzulaufen, zu raten, ob man schon zu weit oder noch nicht weit genug ist, sich für die falsche Option zu entscheiden, zurückzufahren, festzustellen, dass man doch noch nicht weit genug war, wieder zurückzufahren und das Spielchen von neuem zu beginnen. Auch spannend, aber eher etwas für wärmere Tage.

Wir lassen uns an einer Robbenherde vorbei treiben. Die hat natürlich wieder genau dort Stellung bezogen, wo wir eigentlich Pause machen wollten. Es sind gut zwei Dutzend Tiere - darunter mindestens vier Kegelrobben. Einige - vorrangig die jungen Tiere - robben ins Wasser und schwimmen auf uns zu. Die Knopfaugen sind erstens ungemein kurzsichtig und zweitens ebenso neugierig. Wir verstehen gut, dass sie dankbar sind, mal etwas Abwechslung geboten zu bekommen. Ihr restliches Leben besteht ja nur aus ödem Verfolgen von Fischen und Dösen auf der Sandbank.

Die Pause ist nicht wirklich gemütlich, weil uns schnell kalt wird, denn die Sonne ist nicht einmal mit gutem Willen zu erahnen. Den Rückweg beginnen wir ausgesprochen gemütlich, die Paddel werden nur hin und wieder zur Richtungskorrektur genutzt. Ständig umschwimmen und beäugen uns die Seehunde. Als Trenk einen Blick auf sein GPS wirft, beträgt unsere Geschwindigkeit zwölf Stundenkilometer! Nicht schlecht für ohne Anstrengung! Man bekommt eine beklemmende Ahnung, warum das Rummelloch Rummelloch heißt und dass die Einfahrt bei Nebel oder hohen Winden in Zeiten, die noch keine elektronischen Helferlein kannten, einem Selbstmordversuch gleich kam.

Es ist für uns keine große Herausforderung, zu unserem Ausgangspunkt zurück zu finden. Aber die schlechte Sicht lässt doch einige interessante Zweifel aufkommen. Als sich die Schutzhütte von Norderoog schemenhaft zu erkennen gibt, kann man sie nur mittels Kompass und Blick auf die Karte als solche einordnen. Und ich sehe im Nebel ja immer irgendwelche Wälder am nicht vorhandenen Horizont. So auch diesmal wieder. Ich kann irgendwann sogar mit Bestimmtheit - ja Gewissheit - sagen, dass es sich um einen dichten Buchenwald handelt. Aber ich behalte diese Gewissheit für mich, denn ich bin mir sicher, dass die anderen mir nicht glauben würden, dass auf Hooge während unserer Abwesenheit ein dichter Buchenwald entstanden ist. So entpuppt sich dieser Buchenwald dann auch bald als Silhouette der Ockenswarft, die da durch den Dunst schimmert. Bis hierher hat uns der Tidenstrom getragen, nun müssen wir, um nicht aufzulaufen, erst einen etwas größeren Bogen noch Osten machen und uns dann die restlichen zwei Kilometer gegen den vollen Strom der Süderaue zum Segelhafen kämpfen. Am Ende einer Lahnung steht ein junger Seeadler. Ein Dutzend Möven tut lautstark kund, dass sie mit seiner Anwesenheit nicht glücklich sind.

Heute ist das Lammfilet fällig und wir wandern gegen Abend zum Friesenpesel, wo wir erst nach einer Weile als die verwegenen Wasserholer von gestern wiedererkannt werden. Wir bekommen nur einen Tisch zweiter Wahl, denn trotz vermeintlicher Nebensaison gibt es zahlreiche Reservierungen. Der Wetterbericht für morgen könnte günstiger nicht ausfallen: Schwache westliche Winde und ungetrübter Sonnenschein von morgens bis zum späten Nachmittag!

"Über den Wolken..." mag die Sonne wohl scheinen, denken wir, als wir am Sonntag Morgen aus den Zelten kommen - hier unten allerdings herrscht die gleiche Suppe wie gestern! Ein erneuter Blick auf eines dieser phantastischen modernen "Telefone" zeigt uns einen vollkommen anderen Wetterbericht, als der, der uns gestern Abend verkauft wurde: den ganzen Tag grau und ab Mittag Regen! Wir machen erst einmal einen ausgiebigen Spaziergang über die Insel. Es herrscht rege Betriebsamkeit, denn die gesamte Bevölkerung strömt zur Kirche, wo heute die diesjährige Konfirmandin von Hooge vorgestellt wird. Nächsten Sonntag ist dann die Konfirmation. Der Toilettenwagen am Pelwormer Anleger ist übrigens schon in Position - und hat fließend Wasser! Vielleicht hätten wir hier campieren sollen. Außer von uns wird die Hallig momentan von 40 Waldorfschülern und -schülerinnen heimgesucht, die wie jedes Jahr die Insel neu vermessen. Zehn Tage verbringen die Jugendlichen hier. Ach ja, und dann sind da noch die etwa 40 Tausend Ringelgänse und -gänsinnen, die sich hier einen runden Bauch anfressen für ihre anstehende Reise nach Sibirien.

Der einzige Dienst, den uns das Seglerheim bietet, ist ein guter Windschutz, in dem wir uns umziehen können. Wir lassen unsere Boote so früh wie das auflaufende Wasser und die elendige Molenkante es gefahrlos zulassen in den Priel. Der Weg ist klar - auch bei trüber Sicht: Immer dem Fahrwasser folgend bis nach Schlüttsiel. Wir halten uns an den Tonnenstrich, um nicht unnötig den Fähren ins Gehege zu kommen, die uns vermutlich schlecht sehen und auf jeden Fall gar nicht mit uns rechnen werden. Zu unserer Überraschung ist bei unserer Ankunft im Hafen von Schlüttsiel schon so viel Wasser aufgelaufen, dass wir sogar an der südlichen breiten Rampe aussteigen können. Die erste ernsthafte und größere Tour des Jahres ist gemeistert - ich freue mich auf die weiteren!

Montag, 28. Mai 2012

Manchmal kommt es anders...

Dem Heiligen Geist sei Dank! Gäbe es ihn und den dazugehörenden Pfingstmontag nicht, hätten wir am Freitag Nachmitag los gemusst. Am vergangenen Montag hatte ich das Einsteigerpaddeln geleitet, am Dienstag hurtig die wichtigsten Dinge gepackt, am Mittwoch Seminar "Kinderschutz", am Donnerstag Vorstandssitzung, am Freitag direkt von der Arbeit los. Wie hätte das gehen sollen? Vermutlich so, dass ich am Deich stehend festgestellt hätte, dass ich mein Paddel, mein Boot, meine zweite Unterhose oder ähnlich entscheidende Dinge in der Hektik vergessen habe.

So aber können wir einfach einen Tag später losfahren, am Freitag noch die letzten und am Samstag die allerletzten Dinge rauskramen und einpacken und dann am Nachmittag in aller Herrgottsruhe gen Westen fahren. Die Tide steht günstig, die Sonne lange am Himmel und der Wind auf unser Ziel! In einer ruhigen Abendstimmung packen wir unsere Habseligkeiten im Hafen von Schlüttsiel in unsere Boote und machen uns auf den Weg in eine andere Welt.

Peter merkt gleich nach ein paar Minuten, dass er sein Boot vertrimmt hat. Aber die Bedingungen sind gnädig, so dass er das nicht optimale Verhalten vorerst erträgt. Sollte es rauher werden, können wir immernoch irgendwo auf Langeness an Land gehen und den Trim verbessern.

Wir haben uns bewusst auf die späte Hochwasserwelle gesetzt, um uns von ihr hinaus in die nordfriesische Halligwelt tragen zu lassen. Wir hätten sogar gerne noch einen späteren Zeitpunkt akzeptiert, der eine Fahrt in die Nacht hinein bedeutet hätte. So fahren wir immerhin in die Dämmerung hinein und werden unser heutiges Ziel, den Kniepsand, erst deutlich nach Sonnenuntergang erreichen. Es ist still um ums, keine anderen Paddler, keine Segler, keine Frachter, keine Fischer - nur ab und an lugt ein Seehund aus dem erstaunlich warmen Wasser. Einer taucht verträumt keine fünf Meter neben mir  bis zur Brust aus dem Wasser, macht aber so erschrocken kehrt, dass er dabei fast gänzlich aus dem Wasser springt und mit einem lauten Platsch hektisch in vermeintlich geschütztere Gefilde abtaucht. Natürlich ist meine Digitalkamera nicht schnell genug mit dem Auslösen, so dass ich nur noch das Loch fotografiere, das er in die Wasseroberfläche gerissen hat.

Wir fahren durch das Langenessfahrwasser, so haben wir zwar nicht den mächtigen Strom der Süderaue mit uns, aber es geht dichter an Land entlang, und das macht es ein bisschen interessanter. Querab von Hilligenlei legen wir eine kleine Pause ein, bevor es auf "das offene Meer" hinaus geht. Wir haben unsere Seekarten so organisiert, dass meine das Gebiet bis hierher zeigt und Peters von hier bis Amrum. Wir einigen uns kurz auf den weiteren Kurs, und die Navigationshoheit wechselt nun von mir zu Peter. Mein Kartensatz ist ein gutes Dutzend Jahre alt, Peters gute zehn. Aber das ficht uns nicht an, denn auch die aktuellen Karten geben schließlich den sich ständig verändernden Verlauf der Priele nicht verlässlich an. Allerdings hat sich die Tonnenbestückung hier nennenswert geändert, so dass wir mit unseren Unterlagen im Moment nicht mehr viel anfangen können. Ich nehme die Seekarte aber sowieso eher als "unverbindliche Empfehlung": Sie gibt mir immerhin wertvolle Hinweise, wo ungefähr mit Flachs und wo mit tiefen Fahrwassern zu rechnen ist. Wo sich dann tatsächlich die Durchfahrten, Sandbänke oder steile Unterwasserkanten befinden, muss man mit dem Hintern erspüren oder an der Wasseroberfläche ablesen. Zudem haben fleißige Heinzelmännchen den Verlauf der Schweinsrückendurchfahrt mit jungen Birken markiert, so dass wir problemlos durch dieses anspruchsvolle Gewirr von Flachs und Tiefs mäandern. Wir fahren in die wunderschön hinter dem Horizont versinkenden Sonne hinein. Als sie die Kimm küsst, sieht es aus, als sei sie etwas verpixelt - so als stimme die Auflösung nicht für dieses breit angelegte Panorama. Wir haben keine Ahnung, wer da an den Einstellungen gedreht hat - wie HD-Qualität sieht das jedenfalls nicht aus!


Um halb elf laufen wir sanft auf dem Saum des Kniepsandes auf. Ungelenkt puhlen wir uns aus unseren Gehäusen, um mit steifen Beinen einen ersten Erkundungsgang zu machen. Da uns in einiger Entfernung noch ein schlickiger Priel den Zugang zum dauerhaft trockenen Sand verwehrt, beschließen wir, unsere Boote in einem kleinen Bogen zu einer geeigneten Lagerstelle zu rollern. Direkt am Wasser ist der Sand fest und glatt, so dass der Bootswagen fast von alleine rollt. Aber bald geraten wir in so weichen Untergrund, dass wir keuchend fast waagerecht vor unseren Lasten liegen und tiefe Riefen in den Sand fräsen. Irgendwann kippt mein Bootswagen unter dem Boot einfach um, so dass ich anhalten und ihn neu justieren muss. Die großen Kräfte, die im Zweikampf zwischen mir und dem Sand zur Wirkung gekommen sind, haben eine Strebe meines eigentlich überaus stabilen Gefährtes brechen lassen. Wenn man genauer drüber nachdenkt, ist es kein Wunder, dass das Gerät derartige Scherkräfte nicht überleben kann. Ich packe meine Schleppleine aus und befestige das hintere Ende an der Achse. So ziehe ich den Bootswagen nicht indirekt über das Boot, sondern direkt dort, wo auch die Gegenkräfte ansetzen. Trotzdem kann "von alleine rollen" nicht die Rede sein. Peter sieht mir und meinen breiten Reifen neidisch hinterher, als ich ihn in besonders tiefem Sand überhole, wo er soweit einsinkt, dass sogar seine Achse durch den Sand pfügt.

Meiner Paranoia folgend, dass ich es absolut nicht leiden kann, wenn ich nachts im Schlaf von sanft rauschenden Nordseewellen wachgekitzelt werde, haben wir unseren Zeltplatz so weit vom Wasser entfernt gewählt, dass schon die nächste Jahrhundertflut kommen müsste, damit wir hier nass werden. Die Zelte sind zügig aufgebaut, denn trotz der fortgeschritttenen Zeit kann man noch prima sehen. Zufrieden und geschafft kriechen wir in unsere Schlafsäcke.

Der Vorteil einer Nacht auf dem Kniepsand ist, dass hier weder bewollte noch gefiederte Lärmlinge ihr Unwesen treiben! So kann man in herrlicher Ruhe die Nacht ohne Blöken und Piepen zur Entspannung genießen und sich morgens erst durch die Sonne aus dem Zelt kitzeln lassen. Der Nachteil beim Biwakieren auf dem Kniepsand liegt im zweiten Teil seines Namens begründet: Überall ist SAND! Es gehört eine gehörige Portion Professionalität dazu, dem unnachgiebigem Drang dieses nur scheinbar inaktiven Materials, sich gleichmäßig in Nasen, Ohren und Ausrüstung zu verteilen, Paroli zu bieten. Man kann diesen Kampf zwar nicht wirklich gewinnen, aber ich bin schon stolz, wenn ich sagen kann, dass er unentschieden ausgegangen ist und mein Margarinetopf für den Rest der Fahrt nicht von solch kleinen, dunklen Punkten übersät ist. Trotzdem genießen wir den wunderschönen Morgen in der schon wärmenden Sonne.

Wir haben zwar Hochwasser, aber leider hat das Wasser die sandige Kluft, die wir gestern Abend zwischen uns und das Niedrigwasser gebracht haben, nur zum allerkleinsten Teil überwunden. Den Rest müssen wir wieder unter unsere unterschiedlich breiten Räder nehmen. Der Plan für heute ist, uns mit dem ablaufenden Wasser zum Wrack der "Pallas" spülen zu lassen und dann um beide Außensände herum in Richtung Eiderstedt zu fahren, wo wir uns wieder am Strand niederlassen wollen. Das ablaufende Wasser sorgt für eine flotte Fahrt und nach wenig mehr als einer Stunde sind wir am Wrack. Beim Navigieren leistet mir das GPS-Gerät wieder wertvolle Dienste: Zum einen weiß ich, dass wir immer zwischen zehn und elf Stundenkilometer schnell sind, zum anderen sagt es mir genau den Vorhaltewinkel, den wir fahren müssen, um nicht unnötig Weg zu vergeuden. Peter ist anfangs etwas skeptisch wegen der Richtung, gibt sich der Überlegenheit der modernen Technik aber geschlagen.

Ich habe das Südende des Süderoogsandes als nächsten Wegpunkt einprogrammiert. Nach kurzer Bedenkzeit äußert Peter aber den berechtigten Einwand, dass wir bei diesem Kurs nicht die Option haben, durchs Rummelloch abzukürzen, wenn uns der Schlag zu lang wird. Um uns also nicht in Zugzwang zu setzen, halten wir quasi genau nach Osten auf die Lücke zwischen den großen Sänden zu. Da das Wasser immer noch abläuft, müssen wir nun gegen den Ebbstrom anpaddeln. Wir sind nur noch knapp halb so schnell und kriechen mit knappen fünf Stundenkilometern über die Nordsee. So dauert es gute zweieinhalb Stunden, bis wir die läppischen etwa zwölf Kilometer zurückgelegt haben.

Der Eingang zum Rummelloch ist übrigens ausgesprochen schwierig zu finden. Auf der Karte sieht es so einfach aus, die Stelle mit dem offenen Wasser zu finden, aber in der Realität sieht man überall nur dünne Streifen von aus dem Wasser ragenden Sänden. Man kann leider unmöglich erkennen, wie weit sie jeweils entfernt sind oder auch nur, ob sie von Westen nach Osten verlaufen oder von Norden nach Süden. Der Unterschied ist gewaltig: Wenn der dünne Streifen Sand da vor uns von Westen nach Osten verläuft, verblockt er uns die Einfahrt und wir müssen rechts um ihn herum. Machen wir uns aber auf, ihn rechts zu umrunden und er verläuft von Nord nach Süd, so ist es bereits der Süderoogsand und eine Umrundung würde den Rest des Tages in Anspruch nehmen. Irgendwann definieren wir das vor uns liegende Wasser einfach als Durchfahrt und folgen ihm bis wir einen geeigneten Pausenplatz finden. Das Kriterium dafür ist, dass die Sandkante möglichst steil ist, denn erstens wollen wir unsere Schiffe nicht mehr als ein paar Meter aus dem Wasser ziehen und sie zum anderen nicht alle paar Minuten wieder vor dem auflaufenden Wasser in Sicherheit bringen müssen. Leider hat eine Horde Seehunde die gleichen Kriterien für einen schönen Pausenplatz und so paddeln wir bald wieder ein paar hundert Meter zurück um unsere ebenso kegelförmigen wie kurzsichtigen Freunde nicht zu beunruhigen.

Peter öffnet sein vorderes Lug und zieht ein paar triefnasse Packsäcke daraus hervor. Als ich einen Blick in die (von Gepäck) fast leere Luke werfe, bin ich ehrlich geschockt: es ist zu dreiviertel voll mit Wasser! "Da muss ich wohl die Dichtung mal auswechseln!", ist Peters Einschätzung. Ich bin froh, dass wir keine wirklich ruppigen Bedingungen haben, denn so könnten wir immer noch unterwegs eine Lenzung erfolgreich praktizieren. Der Vorschlag, nicht direkt zur Spitze des Süderoogsandes zu fahren, erhält so nachträglich eine besonders nachdrückliche Berechtigung. Überhaupt schenken wir uns die lange Keulerei bis nach Eiderstedt und entscheiden uns für die Urlaubsvariante: Kurzer Weg nach Hooge - Nachmittag frei zum Relaxen, Zelten auf Gras statt auf Sand!

Während draußen vor den Sänden doch noch etwas Wind ging und vor allem die See unablässigt bewegt war, ist hier drinnen die Wasseroberfläche spiegelglatt. Wir fahren betont langsam, denn wir laufen eher Gefahr, zu früh an unserem Ziel anzukommen und alles, was wir hier an Zeit vertrödeln, sparen wir hinterher beim Wuchten unserer Boote über den Schlick. Es sind am Ende nur etwa fünfzig Meter, die wir die Schiffe bis zur Badetreppe schleifen müssen, jeder mit seiner dafür individuellen Technik. Es herrscht erstaunlich reger Betrieb auf der Wiese vor dem Anleger der Pelworm-Fähre. Da tummeln sich etwa ein halbes Dutzend Menschen in Strandkörben oder auf Picknickdecken vor unserer Nase. Naja, wir gehen davon aus, dass sie sich mit der untergehenden Sonne verziehen werden.

Der Rest des Tages ist dem "dolce fa niente" gewidmet, dem wir uns mit großem Eifer hingeben. Natürlich gehört ein abschließender Spaziergang über die Insel mit Einkehr im "Friesenpesel" dazu. Da wir beide vorher ausgiebig gekocht und gegessen haben, kommen die Salzwiesenlämmer heute glimpflich davon und werden nicht in Senfsoße gebadet. Die Sonne geht hier nicht ganz so spektakulär unter wie gestern - aber die Auflösung ist besser!


Am Montag ist Morgenhochwasser um sieben, das Nachmittaghochwassser in Schlüttsiel um 19:30 Uhr. Das erscheint auf den ersten Blick ungünstig, aber wir haben einen Plan gemacht: Wir fahren irgendwann morgens, wenn noch genug Wasser da ist, zum Jappsand, machen dort Pause bis zum Tidenkipp und lassen und dann nach Schlüttsiel schlürfen. Gesagt, getan. Um neun Uhr morgens ist noch Wasser über dem Schlick und wir müssen unsere Boote nur die Badetreppe hinuntertragen, wo wir sie sanft absetzen können. Bis zur Spitze von Jappsand ist es ein Katzensprung und nach einer knappen Stunde sind wir da. Auch hier suchen wir uns einen Rastplatz mit steilem Abfall des Sandes zum Wasser. Die dort lagernden Eiderenten ernten nicht so viel Rücksicht wie die Seehunde gestern und müssen weichen. Nach einer Erkundung der näheren Umgebung entlocken wir unseren Booten die letzten Köstlichkeiten und bereiten etwas zu essen und zu trinken. Peter hat nur einen Gaskocher, aber ich mache mit meinem heiligen Spiritus-Kocher dem Pfingstmontag alle Ehre!

Wir schwärmen von der Einsamkeit und der glitzernden Umgebung und dass sie uns alleine gehört, weil hier niemand herkommen kann, der nicht ein Kajak hat. Ich erinnere mich an einen Besuch im Schloss Neuschwanstein, wo man als Touristenware verwurstet wurde und in langen Schlangen und Gedränge vergeblich nach Beschaulickeit und Besinnung suchte! Wie schnöde war der doch hiergegen! Hier ist Stille. Hier ist Einsamkeit. Hier ist Einzigartigkeit. Hier ist ... die "Hauke Haien"! Nanu? Was will die denn hier??? Ungerührt tuckert der Ausflugsdampfer direkt auf uns zu und rammt keine fünf Meter neben uns auf den Sand. Ist eben die steilste Stelle hier. Eine Leiter wird am Bug heruntergelassen und flugs sind wir von ca. drei Dutzend Sommerfrischlern umgeben, die beim ersten Betreten des Sandes entzückt ausrufen: "Oh, guck mal, 'ne Muschel!". Sie sind aber alle ausgesprochen gut erzogen und fragen sogar, bevor sie uns fotografieren, was wir gnädig gewähren. Meine Erlaubnis: "Sie dürfen uns auch füttern!", lässt aber leider niemanden Bananen oder Erdnüsse zücken. Wir machen aus der misslichen Lage das Beste und ordern von der Besatzung des Dampfers zwei Eiswaffeln. Wenn schon, dann wollen wir auch unseren Nutzen von dieser Störung haben.

Peter will das unglaublich warme Wasser zum Baden nutzen und stürzt sich in die Fluten. Er kann das "unglaublich" problemlos bestätigen.  Das "warm" allerdings nur für die obersten 25 Zentimeter - darunter gesellt sich zum "unglaublich" eher ein erfrischendes "kalt". Während seines Bades herrscht genau Stillwasser, so dass wir danach gemächlich unsere Boote packen und den Rückweg antreten. Da wir wieder im Langenessfahrwasser zurück wollen, gilt es, in die richtige Einfahrt einzufädeln und nicht durch eine der davor lauernden Sandbänke abgestreift zu werden. Der Wind hat in der Nacht gedreht und weht nun lau aus Nordwest. Damit ist es keine große Sache bis zu unserem Heimathafen zu paddeln. Auf halbem Wege überholen wir eine Gruppe von vier Paddlern aus Hamburg. Zusammen mit den dreien, die wir auf Hooge gesichtet haben, ist das nicht der Andrang, den wir uns aufgrund der Wetterlage und des besonderen Wochenendes erwartet haben.

Wenn man die Wetterlage an diesem Wochenende einmal rückblickend betrachtet, dann war sie für eine Helgolandfahrt wie geschaffen: Am Samstag wehte ein leichter Ostwind mit maximal drei Beaufort und am Montag schlug er um in Nordwest mit der gleichen Stärke. Die Temperaturen waren ideal mit etwa 18 bis 20 Grad in Luft und Wasser. So etwas wünsche ich mir für unseren nächsten Anlauf auch! Aber wenn mich dieses Wochenende eines für die Fahrt nach Helgoland gelehrt hat, dann dass dafür nicht nur das Wetter stimmen muss, sondern dass es andere Bedingungen gibt, die noch wichtiger sind und noch unkalkulierbarer. Es bedeutet zwar nur das endlose Durchqueren einer öden Wasserwüste, nach Helgoland zu fahren. Der tiefere Reiz aber besteht im gemeinsamen Planen, Vorbereiten und Erleben der Herausforderung. Gegen diese Gemeinsamkeit  ist das bloße Durchpaddeln der Strecke ein mageres Gut.

Und manchmal besteht das gemeinsame Erleben ja auch darin, dass man gemeinsam auf ein Erleben verzichtet.