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Sonntag, 3. August 2014

Nordsee-Einsteiger 2014 - oder: Spaß mit Johanna

Eigentlich stand sie gar nicht auf der Liste - aber dafür am Montag in Rollschuhen vor der Bootshalle. "Die Nordsee-Tour ist wohl nichts für mich, oder?" "Komm' am Mittwoch vorbei. Dann werden wir sehen." Auch wenn ich an Johannas Kraft, ihre Ausdauer und vor allem ihre Leidensfähigkeit glaube, will ich doch wenigstens noch einmal sehen, ob sie die Strecke bis zur Glockentonne problemlos bewältigt. Bei dem Test hat mich dann auch noch Uschi so überzeugt, dass ich meine ursprüngliche Absage an sie wieder zurückgenommen habe. Somit startet die diesjährige Nordsee-Einsteigertour also mit  sieben Teilnehmer.

Immerhin bin ich ja lernfähig und habe diesmal zur Bedingung gemacht, dass jeder eine Seekarte mit sich führt. Auch solle man sich darauf gefasst machen, dass es Aufgaben zu bewältigen gibt. Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass sich alle wieder auf mich verlassen und darauf bauen, dass ich sie schon durch die Nordsee führen werde, ohne dass sie selbst auf irgend etwas achten müssen.

Am Anleger treffen von Schlüttsiel wir noch zwei alte Bekannte: Udo B., der mit seiner Frau nach Oland fahren will und Sigurd S., der sich Udo anschließen wollte, aber viel zu spät ist und ihm hinterherpaddeln muss. Ich erkläre Olav und Helge dafür verantwortlich, uns von Schlüttsiel nach Hooge zu bringen. Es ist beileibe keine große Tat, denn im Prinzip könnte man sich bewegunglos ins Boot setzen und warten, bis einen die Tide an Hooge vorbeispült. Außerdem ist die Nordsee wieder einmal Augsburger-Puppenkistenmäßig platt - kein Lüftchen kräuselt die Oberfläche und es ist so warm, dass ich ohne Hemd und mit offener Spritzdecke fahre.

Meine Vorgabe war, nicht etwa durchs Langeness-Fahrwasser sondern zur Süderaue zu fahren. Aufmerksam registrieren die beiden Navigatoren die Beschriftung der Tonnen, an denen sich mit zunehmender Fahrtdauer die zunehmende Strömung zunehmend bemerkbar macht. Als wir einmal in der Nähe einer recht großen Tonne direkt auf diese zufahren, kann man überdeutlich sehen, dass es einen einmal nach rechts und unmittelbar danach wieder nach links versetzt - wie das Wasser davor also in Schlangenlinien strömt.

Verabredungsgemäß macht die Gruppe vor der Tonne SA18 Halt. Hier fordere ich sie wieder auf, die genau südlich liegende grüne Tonne an ihrer linken Seite zu passieren. Da man dazu genau quer zum Strom fahren muss, muss man deutlich vorhalten und ernsthaft paddeln, will man nicht im letzten Moment auf die Blechkanne gespült werden. Da die Hallig hier schon sehr nah ist und einen perfekten Hintergrund bietet, kann man wunderschön sehen, ob der eigene Vorhaltewinkel stimmt, oder die Strömung die Oberhand hat.

Im Laufe der Fahrt kommt eine weitere Gruppe Paddler von hinten auf. Man kann sie lange vorher hören. Nachdem sie uns überholt hat, kann man in weiter Ferne eine dritte Gruppe hören. Der Schall trägt ungemein weit auf unbewegtem Wasser, denn man kann die Verfolger bislang kaum sehen. Als wir am Steindamm vor dem Hooger Hafen aus unseren Booten steigen, höre ich eine bekannte Stimme von hinten pöbeln: "Habt ihr kein Zuhause?". Trenk ist mit einer Gruppe von vier Paddlern ebenfalls unterwegs. Wenn wir schon im Sommer nicht mehr zusammen paddeln können, ist es doch schön, sich per Zufall zu treffen!

Ich hatte damit gerechnet, dass der Zeltplatz dicht belegt sein würde, aber außer den drei praktisch
gleichzeitig eingetroffenen Gruppen, ist niemand da. Auch der Segelhafen ist so gut wie leer. Ein ruhiges Wochenende droht uns. Es wird kurz der Zeitplan für morgen abgesprochen - wir hatten ja alle relevanten Zeiten, Entfernungen und Fahrtdauern am vergangenen Mittwoch ausgerechnet.

Nach dem Aufstehen prüfe ich kurz die Wetterlage mit Hilfe von Trenks Smartphone. Die Windvorhersage für heute hat sich gegenüber der von gestern wieder etwas beruhigt, so dass unserem Plan, zur Pallas zu fahren, nichts entgegensteht. Heute lege ich die Navigation in die Hände von Michael und Peter. Die Zeiten hatten wir ja schon am Mittwoch errechnet, nun müssen auch noch die Kurse bestimmt werden, die uns hin- und möglichst auch wieder zurück bringen.

Die beiden sind sehr abgeklärt und wählen einen für mich zwar überraschenden, aber sehr solide fahrbaren Kurs. Natürlich wollen wir zunächst eine Pause auf Jappsand machen, das war Vorgabe, aber dann soll es die Süderaue komplett raus ein gutes Stück in Richtung Amrum gehen und nach der Passage des Schmaltiefs ins Rütergatt. Vor dort aus kann man einfach dem Tonnenstrich folgen und landet praktisch ohne Vorhalt an der Pallas. Nicht der direkteste Weg aber vielleicht der einfachste.

Der Wind weht recht konstant mit etwa drei bis vier Beaufort aus Südost. Das lässt kaum Wellen entstehen, aber die Strömung am Zusammenfluss von Norder- und Süderaue ist natürlich immens und lässt die Wasseroberfläche köcheln. Das sind ungewohnte Wellen, die es so auf der Ostsee kaum gibt. Als wir die rot-grüne Tonne am Eingang zum Rütergatt passieren, ist deutlich, dass die Verhältnisse einen ständigen Stress verusachen. Das würde die nächsten vier Stunden nicht besser werden. Ich gebe den Kniepsand als neues Ziel aus, für den der bisher gefahrene Kurs eh genau die Ideallinie dargestellt hat.

Die lange Pause auf dem verschwenderisch breiten Strand von Amrum wird komplett im Urlaubsmodus verbracht. Alle gehen schwimmen, fast alle zum Kiosk ein Eis essen, und manche lassen sich den Pelz verbrennen...

Für die Tour zurück übertrage ich Johanna und Uschi die Navigationshoheit - aber mir ist klar, dass ich eher selbst dir Richtungen angeben muss, denn für beide ist Paddeln unter den hiesigen Bedingungen noch  eine komplett neue und unbekannte Welt. Ich zeige kurz auf der Karte, welche Tonnen wir wie anvisieren und wie wir von der einen zu anderen kommen wollen. Es ist hier schon zu spüren, dass meine eindringliche Ansage "die müssen wir links liegen lassen", noch nicht in der Tiefe verstanden wird, in der sie gemeint ist.

Nachdem wir die geschützen Gefilde des Kniepsandes verlassen haben und wieder in die Turbulenz der strömenden Priele eingetaucht sind, ist es mit der Entspanntheit auch gleich vorbei. Es spritzt und schwabbelt und den Kurs zu halten, ist nicht mehr ganz einfach. Ich fahre so, dass wir alle Verschneidungszonen rechtwinklig durchqueren, um nicht unnötige Unsicherheiten zu provozieren. Der Strom geht fast exakt quer zu unserer Fahrtrichtung und wir müssen gute 45 Grad vorhalten. Die Gewalt, mit der wir versetzt werden, beeindruckt alle sichtlich. Trotzdem produzieren wir eine sehr gerade Spur auf dem GPS-Log mit ganz ordentlicher Geschwindigkeit.

Ich sehe, wie Johanna häufig Mühe hat, die Nase ihres Bootes gegen den halben Wind in der
gewünschten Richtung zu halten. Immer wieder wird sie nach Lee verweht und muss sich mühselig mit Bogenschlägen zurück auf Kurs bringen. Als sie schließlich zu Konterschlägen greift, ist das für mich das Zeichen, dass sie den Bedingungen nicht gewachsen ist. Ich schließe zu ihr auf und frage, ob sie denn den Schieber für das Skeg auch ganz nach vorn geschoben hat. "Ja, habe ich!". Nun, dann ist das Mädel schlicht zu leicht und das kriegen wir so schnell nicht korrigiert. Aber ich weiß ja, dass sie über einen beeindruckenden Willen und eine ebensolche Leidensfähigkeit verfügt, so dass ich nicht im Geringsten beunruhigt bin. Als es bereits in der Nähe von Jappsand besonders verzweifelt ist, schicke ich Peter zu ihr, der sie etwas vom Wind abschirmen soll. Das funktioniert nur suboptimal so dass ich zusätzlich auf ihre Lee-Seite fahre und sie mit dem Paddel immer wieder auf Kurs drücke. Als Peter ihr besonders nahe kommt, fällt sein Blick auf den Skeg-Schieber an ihrem Boot und er sagt ungläubig: "Der ist ja gar nicht vorne!". Na ja: vorne und hinten kann man schon mal verwechseln. Nach der Korrektur ist es ein Kinderspiel für Johanna, ihr Boot auf Kurs zu halten. Nach dieser Selbstkasteiung gönnt sie sich in der Pause auf Jappsand ein ausgiebiges Bad, bei dem sie mit zwei Seehunden Ringelpiez mit Abtauchen spielt. Wir laufen genau mit Hochwasser in den Hooger Segelhafen ein und genießen den komfortablen Ausstieg direkt über die Wiese, ohne die Boote schleppen zu müssen.

Der Abend ist meiner langjährigen Tradition folgend dem Friesenpesel gewidmet. In lauer Luft schäkern wir mit der redseligen Aushilfsbedienung, und ich muss zum wiederholten Male feststellen, dass das Salzlamm in Riesling-Sauce einfach göttlich schmeckt. Heute wundere ich mich nur, dass meine Mitpaddler mir freiwillig den größten Teil der Kartoffelrösti überlassen. Beim Heimweg machen wir noch einen kleinen Abstecher zum Fähranleger um die Ecke. Johanna muss am Sonntag Abend zu einem Geburtstag in Hamburg sein und will daher gleich morgen früh mit der Fähre zurück. So weiß sie also genau, wo der Anleger ist und kann sehen, wieviel Zeit der Weg in Anspruch nimmt.

Da die Fähre bereits morgens um acht ablegt, muss Johanna bereits sehr früh aufstehen, ihre Sachen zusammen und ins Boot packen und sich auf die Socken machen. Obwohl wir für den Sonntag die Urlaubsvariante mit lange Ausschlafen und viel Zeit gewählt haben, habe ich mir extra den Wecker gestellt, um sie zu verabschieden. Ich kann ja nicht einfach eines meiner Schäfchen ohne Gruß ziehen lassen - noch weniger könnte ich mit ansehen, dass sie vielleicht verschläft und dadurch die Fähre verpasst. Aber als ich aus dem Zelt komme, hat Johanna ihre Sachen schon größtenteils zusammengepackt und sitzt gemütlich beim Kaffee. Als wir sie verabschieden, hat sie alle Zeit der Welt, den Weg bis zur Fähre zurückzulegen, so dass ich mich beruhigt wieder in meinen Schlafsack zurückziehe.

Nach einer guten Stunde strecke ich meinen Kopf wieder aus dem Zelt - und sehe Johanna ihr Boot hinter sich her ziehend zum Zeltplatz zurücktrotten! Was ist passiert? Keine Fähre am Sonntag? Kein Geld dabei? Dem Kapitän vors Schienbein getreten? Nein, die Lösung ist ganz einfach: um zum Anleger zu kommen, muss man bei der Kirchwarft links abbiegen, so wie wir es gestern zweimal gemacht haben. Wenn man aber im Halbschlaf und "Kopf-unten-und-nix-denken-Trott-Modus" immer gerade aus geht, landet man auf der Hanswarft. Dort haben Jogger Johanna dann geweckt und gefragt, wo sie denn mit dem Boot hin will. Danach sind alle zusammen über die Hallig zum Anleger gejoggt. In Rekordzeit eine Minute nach Acht dort angekommen, konnten sie dem heute bereits eine Minute vor Acht abgefahrenen Dampfer noch hinterherwinken! Aber im Grunde wollte Johanna ja von Anfang an mit uns zurück paddeln!

Das gesamte Wochenende herrscht ein unglaublich schönes Wetter mit Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Nur mäßiger Wind und kein Regen. Na ja, fast kein Regen: nur in der Nacht zu Sonntag, als der Wind so arg an Johannas Zelt gerüttelt hat, dass sie sich mit ihrem Schlafsack lieber davor gelegt hat, nur da sind tatsächlich ein paar Tropfen Regen gefallen, gerade so viele, dass Johanna sich doch lieber wieder ins Zelt zurückzog. Bei diesem fantastischen Wetter also machen wir einen ausgiebigen Spaziergang über die Hallig. Auf der Einkaufswarft erbost Peter die Betreiberin des Souvenierladens, indem er ihr unterstellt, sie verkaufe Plastikflaschenpostflaschen, die die Kinder dann ins Meer schmeißen, wo sie riesige Müllteppiche bilden. Dabei steht da fett draufgedruckt: "Nicht ins Meer schmeißen!". Peter rudert heftig rückwärts, um die aufgebrachte Frau wieder etwas zu beruhigen. Uschi und ich erstehen einige Postkarten, von denen ich eine direkt an Klaus-Peter schicke - als Ersatz für die vergessene aus meinem Österreich-Urlaub.

In unseren Vorräten befinden sich noch große Mengen roter Grütze, die wir unmöglich wieder mit zurück nehmen können. Also versammeln wir uns vor der Abfahrt noch einmal unter dem gegen die gnadenlos brezelnde Sonne aufgespannten Tarp, um Erdbeer- und Gartenfruchtgrütze zu löffeln - wahlweise mit Vanillesauce oder griechischem Joghurt.

Sobald der Wasserstand es zulässt, bringen wir die Boote über die Rampe und machen uns auf den Heimweg. Navigation ist heute nicht notwendig, wir wollen einfach nach Hause. Der Wind hat über Nacht gedreht, er weht nun ziemlich genau aus West. Auch die Strömung geht in dieselbe Richtung. Wir könnten im Fahrwasser fahren und alles wäre einfach und leicht und - langweilig. Also biege ich unvermittelt ab und wähle einen Kurs quer über die Flachs und zwischen den Sandbänken. Hier schwabbelt das Wasser zwar wieder etwas, was nicht allen gefällt, aber auf dem "Hasenweg" hätte niemand etwas gelernt und niemand hätte die Flachs, über die wir uns stochern, auch nur gesehen.

Gegen Ende des Weges werden die Bedingungen zum Surfen immer besser und alle nutzen diese Gelegenheit nach ihrem jeweiligen Vermögen. Bei Michael und Olav macht sich deutlich eine gewisse Routine bemerkbar. Sie agieren sichtlich entspannter als noch im vergangenen Jahr und sind meist vorne zu finden. Ich gebe Michael, der eindeutig der beste Navigator ist, nach jedem Abschnitt meinen Plan bekannt und kann mir sicher sein, dass er ihn eigenständig verfolgt, auch wenn er weit vor mir fährt.

Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen von Schlüttsiel überhole ich die gesamte Gruppe, um zu sehen, ob sie es schaffen kann, vor der uns verfolgenden Amrum-Fähre ins Hafenbecken einzulaufen. Als ich wende und die Positionen der Fähre und der Gruppe sehe, weiß ich, dass das nichts werden kann. Also postiere ich mich südlich der Hafeneinfahrt außerhalb des Fahrwassers, in der festen Annahme, dass alle auf mich zufahren werden. Tun auch alle. Fast alle. Leider ist Johanna aber gerade so mit Surfen beschäftigt, dass sie für nichts anderes ein Auge hat und diagonal ins Fahrwasser driftet - der Fähre genau vor die Nase. Mir stockt der Atem und ich versuche, sie anzurufen, gestikuliere wild mit Armen und Paddel - aber der einzige, der Notiz davon nimmt, ist vermutlich der Kapitän der Fähre, denn der fährt weiter in aller Seelenruhe von hinten auf die Paddlerin zu und lässt sein Typhoon unangetastet. Ich sehe Johannchen schon im Schaum zerschreddert werden, als Helge, der etwas näher dran ist, sie anruft, was sie veranlasst, sich erst umzudrehen und dann kleinlaut wieder hinter die Pricken zu verziehen. Geht doch!


Montag, 28. Mai 2012

Manchmal kommt es anders...

Dem Heiligen Geist sei Dank! Gäbe es ihn und den dazugehörenden Pfingstmontag nicht, hätten wir am Freitag Nachmitag los gemusst. Am vergangenen Montag hatte ich das Einsteigerpaddeln geleitet, am Dienstag hurtig die wichtigsten Dinge gepackt, am Mittwoch Seminar "Kinderschutz", am Donnerstag Vorstandssitzung, am Freitag direkt von der Arbeit los. Wie hätte das gehen sollen? Vermutlich so, dass ich am Deich stehend festgestellt hätte, dass ich mein Paddel, mein Boot, meine zweite Unterhose oder ähnlich entscheidende Dinge in der Hektik vergessen habe.

So aber können wir einfach einen Tag später losfahren, am Freitag noch die letzten und am Samstag die allerletzten Dinge rauskramen und einpacken und dann am Nachmittag in aller Herrgottsruhe gen Westen fahren. Die Tide steht günstig, die Sonne lange am Himmel und der Wind auf unser Ziel! In einer ruhigen Abendstimmung packen wir unsere Habseligkeiten im Hafen von Schlüttsiel in unsere Boote und machen uns auf den Weg in eine andere Welt.

Peter merkt gleich nach ein paar Minuten, dass er sein Boot vertrimmt hat. Aber die Bedingungen sind gnädig, so dass er das nicht optimale Verhalten vorerst erträgt. Sollte es rauher werden, können wir immernoch irgendwo auf Langeness an Land gehen und den Trim verbessern.

Wir haben uns bewusst auf die späte Hochwasserwelle gesetzt, um uns von ihr hinaus in die nordfriesische Halligwelt tragen zu lassen. Wir hätten sogar gerne noch einen späteren Zeitpunkt akzeptiert, der eine Fahrt in die Nacht hinein bedeutet hätte. So fahren wir immerhin in die Dämmerung hinein und werden unser heutiges Ziel, den Kniepsand, erst deutlich nach Sonnenuntergang erreichen. Es ist still um ums, keine anderen Paddler, keine Segler, keine Frachter, keine Fischer - nur ab und an lugt ein Seehund aus dem erstaunlich warmen Wasser. Einer taucht verträumt keine fünf Meter neben mir  bis zur Brust aus dem Wasser, macht aber so erschrocken kehrt, dass er dabei fast gänzlich aus dem Wasser springt und mit einem lauten Platsch hektisch in vermeintlich geschütztere Gefilde abtaucht. Natürlich ist meine Digitalkamera nicht schnell genug mit dem Auslösen, so dass ich nur noch das Loch fotografiere, das er in die Wasseroberfläche gerissen hat.

Wir fahren durch das Langenessfahrwasser, so haben wir zwar nicht den mächtigen Strom der Süderaue mit uns, aber es geht dichter an Land entlang, und das macht es ein bisschen interessanter. Querab von Hilligenlei legen wir eine kleine Pause ein, bevor es auf "das offene Meer" hinaus geht. Wir haben unsere Seekarten so organisiert, dass meine das Gebiet bis hierher zeigt und Peters von hier bis Amrum. Wir einigen uns kurz auf den weiteren Kurs, und die Navigationshoheit wechselt nun von mir zu Peter. Mein Kartensatz ist ein gutes Dutzend Jahre alt, Peters gute zehn. Aber das ficht uns nicht an, denn auch die aktuellen Karten geben schließlich den sich ständig verändernden Verlauf der Priele nicht verlässlich an. Allerdings hat sich die Tonnenbestückung hier nennenswert geändert, so dass wir mit unseren Unterlagen im Moment nicht mehr viel anfangen können. Ich nehme die Seekarte aber sowieso eher als "unverbindliche Empfehlung": Sie gibt mir immerhin wertvolle Hinweise, wo ungefähr mit Flachs und wo mit tiefen Fahrwassern zu rechnen ist. Wo sich dann tatsächlich die Durchfahrten, Sandbänke oder steile Unterwasserkanten befinden, muss man mit dem Hintern erspüren oder an der Wasseroberfläche ablesen. Zudem haben fleißige Heinzelmännchen den Verlauf der Schweinsrückendurchfahrt mit jungen Birken markiert, so dass wir problemlos durch dieses anspruchsvolle Gewirr von Flachs und Tiefs mäandern. Wir fahren in die wunderschön hinter dem Horizont versinkenden Sonne hinein. Als sie die Kimm küsst, sieht es aus, als sei sie etwas verpixelt - so als stimme die Auflösung nicht für dieses breit angelegte Panorama. Wir haben keine Ahnung, wer da an den Einstellungen gedreht hat - wie HD-Qualität sieht das jedenfalls nicht aus!


Um halb elf laufen wir sanft auf dem Saum des Kniepsandes auf. Ungelenkt puhlen wir uns aus unseren Gehäusen, um mit steifen Beinen einen ersten Erkundungsgang zu machen. Da uns in einiger Entfernung noch ein schlickiger Priel den Zugang zum dauerhaft trockenen Sand verwehrt, beschließen wir, unsere Boote in einem kleinen Bogen zu einer geeigneten Lagerstelle zu rollern. Direkt am Wasser ist der Sand fest und glatt, so dass der Bootswagen fast von alleine rollt. Aber bald geraten wir in so weichen Untergrund, dass wir keuchend fast waagerecht vor unseren Lasten liegen und tiefe Riefen in den Sand fräsen. Irgendwann kippt mein Bootswagen unter dem Boot einfach um, so dass ich anhalten und ihn neu justieren muss. Die großen Kräfte, die im Zweikampf zwischen mir und dem Sand zur Wirkung gekommen sind, haben eine Strebe meines eigentlich überaus stabilen Gefährtes brechen lassen. Wenn man genauer drüber nachdenkt, ist es kein Wunder, dass das Gerät derartige Scherkräfte nicht überleben kann. Ich packe meine Schleppleine aus und befestige das hintere Ende an der Achse. So ziehe ich den Bootswagen nicht indirekt über das Boot, sondern direkt dort, wo auch die Gegenkräfte ansetzen. Trotzdem kann "von alleine rollen" nicht die Rede sein. Peter sieht mir und meinen breiten Reifen neidisch hinterher, als ich ihn in besonders tiefem Sand überhole, wo er soweit einsinkt, dass sogar seine Achse durch den Sand pfügt.

Meiner Paranoia folgend, dass ich es absolut nicht leiden kann, wenn ich nachts im Schlaf von sanft rauschenden Nordseewellen wachgekitzelt werde, haben wir unseren Zeltplatz so weit vom Wasser entfernt gewählt, dass schon die nächste Jahrhundertflut kommen müsste, damit wir hier nass werden. Die Zelte sind zügig aufgebaut, denn trotz der fortgeschritttenen Zeit kann man noch prima sehen. Zufrieden und geschafft kriechen wir in unsere Schlafsäcke.

Der Vorteil einer Nacht auf dem Kniepsand ist, dass hier weder bewollte noch gefiederte Lärmlinge ihr Unwesen treiben! So kann man in herrlicher Ruhe die Nacht ohne Blöken und Piepen zur Entspannung genießen und sich morgens erst durch die Sonne aus dem Zelt kitzeln lassen. Der Nachteil beim Biwakieren auf dem Kniepsand liegt im zweiten Teil seines Namens begründet: Überall ist SAND! Es gehört eine gehörige Portion Professionalität dazu, dem unnachgiebigem Drang dieses nur scheinbar inaktiven Materials, sich gleichmäßig in Nasen, Ohren und Ausrüstung zu verteilen, Paroli zu bieten. Man kann diesen Kampf zwar nicht wirklich gewinnen, aber ich bin schon stolz, wenn ich sagen kann, dass er unentschieden ausgegangen ist und mein Margarinetopf für den Rest der Fahrt nicht von solch kleinen, dunklen Punkten übersät ist. Trotzdem genießen wir den wunderschönen Morgen in der schon wärmenden Sonne.

Wir haben zwar Hochwasser, aber leider hat das Wasser die sandige Kluft, die wir gestern Abend zwischen uns und das Niedrigwasser gebracht haben, nur zum allerkleinsten Teil überwunden. Den Rest müssen wir wieder unter unsere unterschiedlich breiten Räder nehmen. Der Plan für heute ist, uns mit dem ablaufenden Wasser zum Wrack der "Pallas" spülen zu lassen und dann um beide Außensände herum in Richtung Eiderstedt zu fahren, wo wir uns wieder am Strand niederlassen wollen. Das ablaufende Wasser sorgt für eine flotte Fahrt und nach wenig mehr als einer Stunde sind wir am Wrack. Beim Navigieren leistet mir das GPS-Gerät wieder wertvolle Dienste: Zum einen weiß ich, dass wir immer zwischen zehn und elf Stundenkilometer schnell sind, zum anderen sagt es mir genau den Vorhaltewinkel, den wir fahren müssen, um nicht unnötig Weg zu vergeuden. Peter ist anfangs etwas skeptisch wegen der Richtung, gibt sich der Überlegenheit der modernen Technik aber geschlagen.

Ich habe das Südende des Süderoogsandes als nächsten Wegpunkt einprogrammiert. Nach kurzer Bedenkzeit äußert Peter aber den berechtigten Einwand, dass wir bei diesem Kurs nicht die Option haben, durchs Rummelloch abzukürzen, wenn uns der Schlag zu lang wird. Um uns also nicht in Zugzwang zu setzen, halten wir quasi genau nach Osten auf die Lücke zwischen den großen Sänden zu. Da das Wasser immer noch abläuft, müssen wir nun gegen den Ebbstrom anpaddeln. Wir sind nur noch knapp halb so schnell und kriechen mit knappen fünf Stundenkilometern über die Nordsee. So dauert es gute zweieinhalb Stunden, bis wir die läppischen etwa zwölf Kilometer zurückgelegt haben.

Der Eingang zum Rummelloch ist übrigens ausgesprochen schwierig zu finden. Auf der Karte sieht es so einfach aus, die Stelle mit dem offenen Wasser zu finden, aber in der Realität sieht man überall nur dünne Streifen von aus dem Wasser ragenden Sänden. Man kann leider unmöglich erkennen, wie weit sie jeweils entfernt sind oder auch nur, ob sie von Westen nach Osten verlaufen oder von Norden nach Süden. Der Unterschied ist gewaltig: Wenn der dünne Streifen Sand da vor uns von Westen nach Osten verläuft, verblockt er uns die Einfahrt und wir müssen rechts um ihn herum. Machen wir uns aber auf, ihn rechts zu umrunden und er verläuft von Nord nach Süd, so ist es bereits der Süderoogsand und eine Umrundung würde den Rest des Tages in Anspruch nehmen. Irgendwann definieren wir das vor uns liegende Wasser einfach als Durchfahrt und folgen ihm bis wir einen geeigneten Pausenplatz finden. Das Kriterium dafür ist, dass die Sandkante möglichst steil ist, denn erstens wollen wir unsere Schiffe nicht mehr als ein paar Meter aus dem Wasser ziehen und sie zum anderen nicht alle paar Minuten wieder vor dem auflaufenden Wasser in Sicherheit bringen müssen. Leider hat eine Horde Seehunde die gleichen Kriterien für einen schönen Pausenplatz und so paddeln wir bald wieder ein paar hundert Meter zurück um unsere ebenso kegelförmigen wie kurzsichtigen Freunde nicht zu beunruhigen.

Peter öffnet sein vorderes Lug und zieht ein paar triefnasse Packsäcke daraus hervor. Als ich einen Blick in die (von Gepäck) fast leere Luke werfe, bin ich ehrlich geschockt: es ist zu dreiviertel voll mit Wasser! "Da muss ich wohl die Dichtung mal auswechseln!", ist Peters Einschätzung. Ich bin froh, dass wir keine wirklich ruppigen Bedingungen haben, denn so könnten wir immer noch unterwegs eine Lenzung erfolgreich praktizieren. Der Vorschlag, nicht direkt zur Spitze des Süderoogsandes zu fahren, erhält so nachträglich eine besonders nachdrückliche Berechtigung. Überhaupt schenken wir uns die lange Keulerei bis nach Eiderstedt und entscheiden uns für die Urlaubsvariante: Kurzer Weg nach Hooge - Nachmittag frei zum Relaxen, Zelten auf Gras statt auf Sand!

Während draußen vor den Sänden doch noch etwas Wind ging und vor allem die See unablässigt bewegt war, ist hier drinnen die Wasseroberfläche spiegelglatt. Wir fahren betont langsam, denn wir laufen eher Gefahr, zu früh an unserem Ziel anzukommen und alles, was wir hier an Zeit vertrödeln, sparen wir hinterher beim Wuchten unserer Boote über den Schlick. Es sind am Ende nur etwa fünfzig Meter, die wir die Schiffe bis zur Badetreppe schleifen müssen, jeder mit seiner dafür individuellen Technik. Es herrscht erstaunlich reger Betrieb auf der Wiese vor dem Anleger der Pelworm-Fähre. Da tummeln sich etwa ein halbes Dutzend Menschen in Strandkörben oder auf Picknickdecken vor unserer Nase. Naja, wir gehen davon aus, dass sie sich mit der untergehenden Sonne verziehen werden.

Der Rest des Tages ist dem "dolce fa niente" gewidmet, dem wir uns mit großem Eifer hingeben. Natürlich gehört ein abschließender Spaziergang über die Insel mit Einkehr im "Friesenpesel" dazu. Da wir beide vorher ausgiebig gekocht und gegessen haben, kommen die Salzwiesenlämmer heute glimpflich davon und werden nicht in Senfsoße gebadet. Die Sonne geht hier nicht ganz so spektakulär unter wie gestern - aber die Auflösung ist besser!


Am Montag ist Morgenhochwasser um sieben, das Nachmittaghochwassser in Schlüttsiel um 19:30 Uhr. Das erscheint auf den ersten Blick ungünstig, aber wir haben einen Plan gemacht: Wir fahren irgendwann morgens, wenn noch genug Wasser da ist, zum Jappsand, machen dort Pause bis zum Tidenkipp und lassen und dann nach Schlüttsiel schlürfen. Gesagt, getan. Um neun Uhr morgens ist noch Wasser über dem Schlick und wir müssen unsere Boote nur die Badetreppe hinuntertragen, wo wir sie sanft absetzen können. Bis zur Spitze von Jappsand ist es ein Katzensprung und nach einer knappen Stunde sind wir da. Auch hier suchen wir uns einen Rastplatz mit steilem Abfall des Sandes zum Wasser. Die dort lagernden Eiderenten ernten nicht so viel Rücksicht wie die Seehunde gestern und müssen weichen. Nach einer Erkundung der näheren Umgebung entlocken wir unseren Booten die letzten Köstlichkeiten und bereiten etwas zu essen und zu trinken. Peter hat nur einen Gaskocher, aber ich mache mit meinem heiligen Spiritus-Kocher dem Pfingstmontag alle Ehre!

Wir schwärmen von der Einsamkeit und der glitzernden Umgebung und dass sie uns alleine gehört, weil hier niemand herkommen kann, der nicht ein Kajak hat. Ich erinnere mich an einen Besuch im Schloss Neuschwanstein, wo man als Touristenware verwurstet wurde und in langen Schlangen und Gedränge vergeblich nach Beschaulickeit und Besinnung suchte! Wie schnöde war der doch hiergegen! Hier ist Stille. Hier ist Einsamkeit. Hier ist Einzigartigkeit. Hier ist ... die "Hauke Haien"! Nanu? Was will die denn hier??? Ungerührt tuckert der Ausflugsdampfer direkt auf uns zu und rammt keine fünf Meter neben uns auf den Sand. Ist eben die steilste Stelle hier. Eine Leiter wird am Bug heruntergelassen und flugs sind wir von ca. drei Dutzend Sommerfrischlern umgeben, die beim ersten Betreten des Sandes entzückt ausrufen: "Oh, guck mal, 'ne Muschel!". Sie sind aber alle ausgesprochen gut erzogen und fragen sogar, bevor sie uns fotografieren, was wir gnädig gewähren. Meine Erlaubnis: "Sie dürfen uns auch füttern!", lässt aber leider niemanden Bananen oder Erdnüsse zücken. Wir machen aus der misslichen Lage das Beste und ordern von der Besatzung des Dampfers zwei Eiswaffeln. Wenn schon, dann wollen wir auch unseren Nutzen von dieser Störung haben.

Peter will das unglaublich warme Wasser zum Baden nutzen und stürzt sich in die Fluten. Er kann das "unglaublich" problemlos bestätigen.  Das "warm" allerdings nur für die obersten 25 Zentimeter - darunter gesellt sich zum "unglaublich" eher ein erfrischendes "kalt". Während seines Bades herrscht genau Stillwasser, so dass wir danach gemächlich unsere Boote packen und den Rückweg antreten. Da wir wieder im Langenessfahrwasser zurück wollen, gilt es, in die richtige Einfahrt einzufädeln und nicht durch eine der davor lauernden Sandbänke abgestreift zu werden. Der Wind hat in der Nacht gedreht und weht nun lau aus Nordwest. Damit ist es keine große Sache bis zu unserem Heimathafen zu paddeln. Auf halbem Wege überholen wir eine Gruppe von vier Paddlern aus Hamburg. Zusammen mit den dreien, die wir auf Hooge gesichtet haben, ist das nicht der Andrang, den wir uns aufgrund der Wetterlage und des besonderen Wochenendes erwartet haben.

Wenn man die Wetterlage an diesem Wochenende einmal rückblickend betrachtet, dann war sie für eine Helgolandfahrt wie geschaffen: Am Samstag wehte ein leichter Ostwind mit maximal drei Beaufort und am Montag schlug er um in Nordwest mit der gleichen Stärke. Die Temperaturen waren ideal mit etwa 18 bis 20 Grad in Luft und Wasser. So etwas wünsche ich mir für unseren nächsten Anlauf auch! Aber wenn mich dieses Wochenende eines für die Fahrt nach Helgoland gelehrt hat, dann dass dafür nicht nur das Wetter stimmen muss, sondern dass es andere Bedingungen gibt, die noch wichtiger sind und noch unkalkulierbarer. Es bedeutet zwar nur das endlose Durchqueren einer öden Wasserwüste, nach Helgoland zu fahren. Der tiefere Reiz aber besteht im gemeinsamen Planen, Vorbereiten und Erleben der Herausforderung. Gegen diese Gemeinsamkeit  ist das bloße Durchpaddeln der Strecke ein mageres Gut.

Und manchmal besteht das gemeinsame Erleben ja auch darin, dass man gemeinsam auf ein Erleben verzichtet.

Freitag, 3. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS - Freitag (2/4)

Wir wollen heute  zum Wrack der Pallas fahren. Das liegt gute zehn Kilometer vor den Außensänden im freien Wasser und außer Trenk hat es noch keiner von uns besucht. Wir rechnen mit drei Stunden Fahrt und wollen grob bei Niedrigwasser dort sein. Dazu hätten wir um halb sechs aufstehen müssen, aber wir genehmigen uns eine Stunde Aufschub, denn wir sind auf Erholung hier. Zwei Stunden vor Niedrigwasser ist es gerade noch möglich, den Hafen von Hooge zu verlassen, aber man schrammt schon über die Steine am Grunde der Zufahrt. Ist man erst einmal im Fahrwasser, ist der Jappsand auch schnell erreicht. Trenk nutzt diese Gelegenheit, dem Drang des vielen eingefüllten Tees nach Freiheit nachzugeben.

Der Wetterbericht hat Nord- bis Nordostwind versprochen, aber bei der Himmelsrichtung müssen die vergrabenen Dinge im Schlüttsieler Hafen mitgewirkt haben: Was da weht, ist West! Zusammen mit der Strömung müssen wir das in den Vorhaltewinkel für unsere Navigation einbeziehen. Das ist die eigentliche Premiere für mein GPS! Gestern Abend habe ich die Koordinaten der Pallas eingegeben und lasse mir nun anzeigen, in welche Richtung wir fahren müssen, um sie zu erreichen. Total einfach so etwas: Einfach nur dem Pfeil auf der Anzeige folgen! Aber ich will ja auch ein Gefühl dafür entwickeln, wie ich ohne dieses Gerät fahren würde. Daher suche ich angestrengt den Horizont nach einer Erscheinung ab, die man als Wrack werten könnte. Nix zu sehen. Ich weiß, dass wir nach Süden versetzt werden, also wird mein GPS uns etwas nach Norden weisen, damit wir nicht am Ziel vorbeifahren. Ich suche den Horizont also etwas südlich der angewiesenen Richtung ab. Nix zu sehen.

Nach erklecklicher Zeit fragt Jörg mich nach einer Erscheinung in weiter Ferne, die ungefähr 45 Grad südlich unseres Kurses liegt. "Könnte ein Frachter sein.", sage ich. "Und wenn das die Pallas ist?" "Dann gebe ich mein GPS zurück!". Wir fahren weiter in die durch den Pfeil vorgegebene Richtung. Je länger die Zeit fortschreitet, desto mehr muss ich zugeben, dass der Frachter die Pallas sein muss. Die Tatsache, dass die Erscheinung so weit von dem vom GPS vorgeschlagenen Kurs weg liegt, stürzt mich in erhebliche Zweifel. Ich überlege, ob ich mich beim Eintippen der Koordinaten vertan habe, oder ob wir vielleicht ein anderes Wrack genommen haben. Aber keine der Theorien kann mich so überzeugen, dass sich eine innere Gewissheit wohlig breit macht. Es kostet mich einige Disziplin, weiter dem Pfeil zu folgen, intuitiv würde ich viel weiter nach Süden halten. Aber nachdem sich die Peilung über eine halbe Stunde nicht merklich geändert hat, muss ich die Realitäten anerkennen: Wir haben einen mächtigen Strom nach Süden und mein GPS rechnet nicht intuitiv sondern gehorcht unsentimentalen Algorithmen.

Als wir nur noch wenige Kilometer vom Ziel entfernt sind, kann Trenk sich nicht mehr gegen seine Intuition wehren und fährt einen deutlich direkteren Kurs. Obwohl es hier draußen nicht den geringsten Anhaltspunkt für die Strömung gibt, können Jörg und ich bald erkennen, dass unser junger Freund bald Probleme bekommen wird, wenn er unser Ziel nicht verfehlen will.Er selbst merkt es auch irgendwann und muss sich dann mächtig anstrengen, die verlorene Höhe wieder zu gewinnen. Am Wrack angekommen, bin ich beeindruckt, wie geradlinig unsere Spur vom Jappsand bis hierher war: mit rein manueller Navigation wäre ich eine erheblich ungünstigere Kurve gefahren!

Wir legen uns in den Windschatten hinter das Wrack, wo sich ein Kehrwasser bildet und relative Ruhe beschert. Trenk verhilft einer weiteren Portion Tee in die Freiheit, aber wirkliche Gemütlichkeit will nicht aufkommen. Es schwallt und strömt ständig um das Wrack herum und hinter uns macht es unheimliche Geräusche, so dass wir es nach einer kurzen Stärkung bald wieder verlassen.

Um dem Tag einen angemessenen Inhalt zu geben, hatten wir geplant, auf dem Rückweg noch Amrum zu umrunden. Wir fahren erst einmal genau nach Norden, denn damit sollten wir gut an der Insel vorbei kommen. Es wird aber bald offensichtlich, dass wir kaum etwas gut machen gegen Amrum, so dass ich mein mittlerweile ausgeschaltetes GPS wieder bemühe, um die konkrete Abdrift zu ermitteln. Danach müssten wir etwa 330 Grad fahren, würden gegen Strom und Wind nur etwa fünf Stundenkilometer machen und wir hätten keine Zeit mehr für die angedachte Pause auf dem Kniepsand. Wir rufen uns kurz in Erinnerung, dass wir zur Erholung hier sind und belassen den Kurs bei Null Grad, womit wir aber faktisch auf den Leuchtturm von Amrum zusteuern. So können wir dort an den Strand gehen, eine ausgiebige Pause machen und haben eine stressfreie Fahrt zurück nach Hooge.

Auf der Überfahrt von Amrum nach Hooge sichten wir in einiger Entfernung eine recht große Gruppe von Paddlern. Sie sind deutlich vor uns, fahren aber auch deutlich langsamer - oder korrekter Weise sollte ich sagen, wir fahren deutlich schneller. Als wir in den Segelhafen einlaufen, ist fast Hochwasser und wir können bequem an einem schimpfenden Austernfischer vorbei zu unseren Zelten gelangen. Die Gruppe um Thomas Driller, die wir überholt haben, trifft auch bald ein und dann noch mehrere andere Grüppchen, bis schließlich 16 Zelte auf der Wiese stehen. Heute ist der obligate Verzehr des Lammfilets im Friesenpesel als Abendprogramm angesetzt. Nach unserer Rückkehr versammeln sich alle Paddler auf der Deichkrone, um den beeindruckenden Sonnenuntergang zu würdigen.