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Montag, 13. Juli 2026

Sylt — Amrum — Hooge

Peter wollte einmal wieder eine "richtige" Nordseetour machen! Nicht nur auf ein Wochenende begrenzt und nicht durch die ewig gleichen Rinnen rudern. Dafür ist es nicht so leicht, Mitfahrer zu finden. Aber Jörg und ich sind Rentner — und Ulrich ist selbständig und kann sich selbst freigeben, wann er will. Leider sind aber die beiden weiteren Teilnehmer, Wind und Tide, nicht ganz so kooperativ, wie wir uns das gewünscht hätten. So kommt nach intensivem, multilateralem Ge-Chatte doch wieder ein schon bekannter Tourverlauf zu stande: von Südwesthörn aus nördlich um Föhr herum nach Hörnum. Dann irgendwie an Amrum vorbei nach Hooge und schließlich irgendwo ans Festland zurück.

2009 hatten wir diese Tour schon einmal unternommen — mit Trenk statt Ulrich als Teilnehmer. Damals sind wir erst spät abends gestartet und hatten auf dem Hinweg Windstärke sechs genau von hinten. Heute ist Hochwasser gegen Mittag, auf das wir unseren Startzeitpunkt legen. Die Parksituation in Südwesthörn ist sehr entspannt. Es gibt reichlich Möglichkeiten, und keine kostet eine Gebühr. Allerdings geht mir auf unerklärliche Weise der Sicherungssplint verloren, der dafür sorgt, dass die Räder meines Bootswagens nicht unmotiviert von der Achse springen. Für mich ebenso unerklärlich aber glücklicherweise hat Peter genau so ein Exemplar als Ersatz mit! Sonst hätte ich später auf Hooge etwas alt ausgesehen.

Vom Sielhafen aus wollen wir irgendwie westlich fahren — so lange, bis wir auf den Priggenweg stoßen. Der lässt sich erst recht spät erkennen und wir müssen unseren Kurs leich korrigieren, um nicht zu weit nördlich zu gelangen. Bald danach zeigt sich auch die Tonne 29 des Hörnumtiefs, die wir erst einmal ansteuern, um eine gesicherte Position zu haben. Da wir die Tonne 27 schon "links" liegen lassen haben, gehe ich bei der nächsten Tonne lieber auf Nummer sicher und fahre sie so dicht an, dass ich ihre Bezeichnung ablesen kann: 25a. Im Grunde kann nicht viel schief gehen, wenn wir immer dem Fahrwasser folgen. Aber direkt östlich von Hörnum sind große Muschelzuchtgebiete, die man auf jeden Fall umfahren muss. Wegen des ablaufenden Wassers ist es ratsam, die Umfahrung nördlich zu legen, weil man sonst am Schluss eine erhebliche Strecke gegen den Tidenstrom fahren muss. Dazu sollte man nach Passieren der Tonne 23 das Verfolgen des Fahrwassers aufgeben und direkt nach Westen steuern.

Die Markierungen der Muschelfelder sind alles andere als leicht zu durchschauen. Und in und zwischen ihnen verkehren ständig diverse Arbeitsschiffe. Das macht das Navigieren etwas unentspannt, weil man allem ausweichen möchte, aber manchmal nicht so genau weiß, ob man sich jetzt gerade zwischen zwei Feldern befindet oder mitten in einem drin. Wir schaffen es aber, ohne Zwischenfälle in den Hafen von Hörnum einzulaufen. Der hat so gar nichts von dem Flair, das man von Sylt eigentlich erwarten würde. Stattdessen empfängt einen eine stark sanierungsbedürftige Industrieanlage, um dessen Aufbereitung sich die Erzeugergemeinschaft der Muschelfischer mit der schleswig-holsteinischen Landesregierung streitet. 

Aber trotz des eher tristen Erscheinungsbildes werden wir noch auf dem Wasser direkt vom Hafenmeister überaus freundlich begrüßt und eingewiesen. Die Boote bleiben auf den Schwimmstegen liegen, unsere Zelte können wir auf der Wiese des Sylter Yacht Clubs aufstellen. Die hier gebotene Infrastruktur ist bemerkenswert: Toiletten und Duschen vom Feinsten, und es gibt sogar eine Waschmaschine und einen Trockner! So abgesichert können wir wunderbar lauschigem Wetter der Entspannung Gelegenheit geben, tief ins Gemüt zu sickern. Am Abend gehen Jörg und ich noch in eines der (wenigen) Restaurants, das auch nach 19 Uhr noch geöffnet hat. Wie es aussieht, ist es wohl nicht leicht (oder nicht notwendig?), den Betrieb bis spät in den Abend aufrecht zu erhalten.

Am Sonntag ist Hochwasser um 12:30 Uhr. Wir wollen zwischen Amrum und Föhr hindurch fahren und uns dort mit dem Ebbstrom nach Wittdühn saugen lassen. Von dort wollen wir dann mit dem letzten ablaufenden Wasser die Norderaue queren, um nach dem Strömungskipp in die Süderaue einzulaufen, die uns schließlich nach Hooge bringt.

Wir einigen uns auf eine Startzeit von 11:30 Uhr. Das dann noch auflaufende Wasser ist Garantie dafür, dass wir nicht westlich an Amrum vorbeigeschwemmt, sondern eher etwas in Richtung Festland gedrückt werden. Als erstes müssen wir wieder die Muschelfelder umgehen. Die vielen Stangen, die hier in den Meeresgrund gerammt sind, geben einen guten Anhalt, wie sehr uns der Strom noch nach Osten versetzt. Der Wind, der mit fünf Beaufort aus Nordwest weht und teils recht beachtliche Wellen zusammenschiebt, macht das Kurshalten auch nicht leichter. Nach Passieren der letzten Felder gibt Peter die Devise aus, dass wir einfach gar nicht mehr großartig vorhalten, weil die Stromrichtung sich sowieso demnächst umkehrt und uns dann in die richtige Richtung spült. Genial Idee! Hätte von mir sein können😃!

Als wir das Hörnumtief halb gequert haben, können wir ganz deutlich die Kormoraninsel im Osten erkennen — und das bei genau Hochwasser! Da ist eigentlich nichts spektakuläres dran — außer der Tatsache, dass diese "Insel" zwar auf meiner 25 Jahre alten Seekarte verzeichnet ist, nicht aber auf Ulrichs tagesaktuellem Ausdruck der Wattpaddler-Seekarte! Selbst auf Google-Earth kann man sie eindeutig sehen, und sie ist sogar als solche bezeichnet. Da liegt doch irgend etwas mit den zu Grunde liegenden Daten im Argen!

Nach dem Passieren von Amrum-Odde wird das Wellenbild deutlich ruhiger. Hier müssen wir nur noch bis Wittdün paddeln, Wind und Strom sind gnädig mit uns. Das Wasser hat gerade seinen höchsten Stand und ich entscheide mich, Wittdün mehr oder minder direkt anzusteuern. Die anderen drei wenden sich etwas nach Osten, um im Amrumtief zu fahren. Ich habe überall reichlich Wasser unter meinem Schiff, lediglich kurz vor dem Fähranleger stoße ich auf dem Hubsand mit meinem Paddel auf den Grund. Der Priel läuft hier wirklich sehr, sehr dicht unter Land und ich will den Umweg nicht machen. Ich komme ohne Probleme durch — eine viertel Stunde später hätte ich hier vermutlich aussteigen und mein Boot ziehen müssen.

Kommentar eines Passanten: "Die
leben aber schon noch, oder?"


Es ist kurz nach zwei Uhr, als ich in Wittdün auf Land laufe, Strömungskipp ist etwa um 18 Uhr. Wir hatten geplant, um 17 Uhr hier loszufahren. Das  bedeutet eine längere Entspannungspause! Als erstes ist ein Eis fällig! Peter kennt den amtlichen Eisladen von Wittdün, wo ich mir eine Waffel mit zwei Kugeln bestelle. Die sind echt üppig, und ich bin fast damit überfordert, schnell genug zu schlecken, bevor mir die Kugeln aus der Waffel schmelzen. Aber lecker war's! Danach müssen wir uns ins Gras legen und mit geschlossenen Augen dem Wasser beim Ablaufen zusehen.

Leider führt das Ablaufen des Wassers dazu, dass wir unsere Boote ein ganzes Stück schleppen müssen, bevor wir sie wieder in die Nordsee setzen können. Aber mit vier Mann und meinen prima Tragegurten ist das schnell erledigt! Eigentlich wollten wir die Tonne SA 6 ansteuern, aber die gibt sich erst recht spät zu erkennen, und wir landen etwas nördlich von ihr. Wir machen uns keine großen Gedanken darüber, denn hier ist, soweit das Auge reicht, überall Wasser. Leider reicht das Auge nicht sehr weit Richung Meeresgrund — und der kommt uns tatsächlich kurz so nahe, dass ich ihn mit dem Paddel berühre und Ulrich einmal sogar aufsetzt. Da reicht doch so ein blöder, schmaler Haken des Schweinerückens verdammt weit nach Westen hinaus!

Unsere Geschwindigkeit beim Queren der Süderaue beträgt um die fünf Stundenkilometer. Das spricht sehr dafür, dass hier das Wasser hier tatsächlich noch abläuft. Erst als wir dicht vor dem Jappsand ins Hoogefahrwasser einschwenken, fängt der Strom an, uns zu schieben. 

Wir erreichen Hooge quasi bei Niedrigwasser. Wer die Verhältnisse hier kennt, weiß, dass das kein wirkliches Vergnügen ist. Die Einfahrt in den Hafen liegt komplett trocken und die Wattflächen östlich davon warten mit knietiefem Schlick auf unzeitige Paddler! Ich fahre noch ein ganzen Stückchen nach Osten, wo der Schlick nicht ganz so tief ist und sinke nicht mal bis zu Knöchel ein. Ich kann sogar mein Boot alleine auf dem Bootswagen an Land und dort auf dem Muschelstrand entlang rollern. Die anderen haben es inzwischen aufgegeben, ihre Boote mittels Bootswagen durch den tiefen Schlick zu würgen — wir tragen sie letztlich zu viert mit den Tragegurten über den Deich.

Das Rollern um den Hafen herum bis zum Zeltplatz am Stelzenhaus ist eigentlich kaum der Rede wert. Aber Ulrich muss erkennen, dass ein Bootswagen, der nur unter dem Bug des Bootes angebracht werden kann, leider dazu führt, dass man zwei Drittel des Gesamtgewichtes am langen Arm tragen muss. Und da werden die 500 Meter verdammt lang!

Da absehbar war, dass wir spät am Tag auf Hooge ankommen würden, haben wir gar nicht erst den Versuch gemacht, im Friesenpesel unser traditionelles Lammfilet einzunehmen. Stattdessen kochen wir halt selbst etwas leckeres — allerdings habe ich vergessen, was das war😐.

Für unseren Rückreisetag ist nördlicher, aber schwacher Wind angesagt. Im Prinzip müssten wir bis Südwesthörn, denn dort stehen unsere Autos. Mit dem Paddelboot ist das aber elend weit weg und der Weg dahin bietet unter den herrschenden Bedingungen wenig reizvolles. Dagebüll wäre auch eine Option als Ziel, und von dort dann mit dem Taxi weiter. Aber das ist paddeltechnisch nur etwa eine Stunde weniger — und die würde man mit der Taxi-Option locker wieder verbrauchen. Also beschließen wir, einfach nach Schlüttsiel zu paddeln und uns ein Taxi nach dort zu bestellen. Das entspannt die ganze Aktion deutlich!

Ich habe einen ganzen Stapel Seekarten eingepackt und vermutlich auch eine für unsere geplante Strecke. Aber die bin ich nun schon so viele dutzendmale gepaddelt, dass ich mir nicht die Mühe mache, sie rauszusuchen und in meine Kartentasche zu friemeln. Außerdem herrscht Sonnenschein und gute Sicht! 

Das Wasser ist bereits hoch genug aufgelaufen, so dass wir dass Hoogefahrwasser queren und direkt in die Süderaue einfädeln. Dort erfasst uns auch gleich der Flutstrom und beschleunigt uns spürbar. Irgendwann noch deutlich vor Gröde sage ich zu Peter: "Guck mal, in der Richtung, in die wir fahren, ist der Horizont mit irgendeinem Blurr-Filter unterlegt!". Tatsächlich ist die Sicht in Richtung Osten nicht mehr wirklich gut — und sie wird rasant schlechter!

Es dauert keine zehn Minuten, und wir sind komplett vom Nebel eingeschlossen! Nirgendwo kein Land zu sehen! Soviel zum Thema: "Ich brauch' keine Seekarte!". Ich schalte als erstes mein GPS-Gerät und mein Funkgerät ein. Nach kurzer Zeit krächzt eine Meldung "To all Stations" aus dem Lautsprecher: "Vorsicht Nebel!". Das hätten wir sonst gar nicht gemerkt! 

Ich nutze das GPS-Gerät lediglich, um meine Position auf der Seekarte zu checken — nicht zur Navigation. Das übernimmt Ulrich, der uns nach jeder Tonne sagt, welchen Kurs wir fahren müssen, um die nächste zu treffen. So tasten wir uns weiter nach vorne, vorsichtig Ausschau haltend nach Fähren und anderen harten Gegenständen, die unangenehm werden könnten. Es begegnet uns auch tatsächlich ein Objekt! Wir halten es Anfangs für eine Fähre, aber es entpuppt sich als recht kleines Motorboot, auf dem eine Familie durchs Unsichtige schippert. Eigentlich müsste es mindestens alle zwei Minuten ein Schallsignal geben! Aber andererseits müssten wir das eigentlich auch!

So schnell, wie der Nebel entstanden ist, löst er sich auch wieder auf. Es war eine interessante Erfahrung, dass so eine Situation eintreten kann, auch wenn das Wetter und die Vorhersage sie absolut nicht erwarten lassen! Den Hafen von Schlüttsiel erreichen wir bei klarer Sicht und wunderbarem Wetter. Der Taxifahrer wundert sich etwas über die selten georderte Strecke von hier nach Südwesthörn. Mit fünfzig Euro ist die Sache beglichen. Warten aufs Taxi, umziehen, Autos aus Südwesthörn ranrudern, Sachen packen und verstauen sind so zügig erledigt, dass wir noch Zeit finden, uns ins Sielrestaurant zu setzen und gemütlich einen abschließenden Tee zu trinken.

GPS-Daten hier