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Sonntag, 3. August 2014

Nordsee-Einsteiger 2014 - oder: Spaß mit Johanna

Eigentlich stand sie gar nicht auf der Liste - aber dafür am Montag in Rollschuhen vor der Bootshalle. "Die Nordsee-Tour ist wohl nichts für mich, oder?" "Komm' am Mittwoch vorbei. Dann werden wir sehen." Auch wenn ich an Johannas Kraft, ihre Ausdauer und vor allem ihre Leidensfähigkeit glaube, will ich doch wenigstens noch einmal sehen, ob sie die Strecke bis zur Glockentonne problemlos bewältigt. Bei dem Test hat mich dann auch noch Uschi so überzeugt, dass ich meine ursprüngliche Absage an sie wieder zurückgenommen habe. Somit startet die diesjährige Nordsee-Einsteigertour also mit  sieben Teilnehmer.

Immerhin bin ich ja lernfähig und habe diesmal zur Bedingung gemacht, dass jeder eine Seekarte mit sich führt. Auch solle man sich darauf gefasst machen, dass es Aufgaben zu bewältigen gibt. Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass sich alle wieder auf mich verlassen und darauf bauen, dass ich sie schon durch die Nordsee führen werde, ohne dass sie selbst auf irgend etwas achten müssen.

Am Anleger treffen von Schlüttsiel wir noch zwei alte Bekannte: Udo B., der mit seiner Frau nach Oland fahren will und Sigurd S., der sich Udo anschließen wollte, aber viel zu spät ist und ihm hinterherpaddeln muss. Ich erkläre Olav und Helge dafür verantwortlich, uns von Schlüttsiel nach Hooge zu bringen. Es ist beileibe keine große Tat, denn im Prinzip könnte man sich bewegunglos ins Boot setzen und warten, bis einen die Tide an Hooge vorbeispült. Außerdem ist die Nordsee wieder einmal Augsburger-Puppenkistenmäßig platt - kein Lüftchen kräuselt die Oberfläche und es ist so warm, dass ich ohne Hemd und mit offener Spritzdecke fahre.

Meine Vorgabe war, nicht etwa durchs Langeness-Fahrwasser sondern zur Süderaue zu fahren. Aufmerksam registrieren die beiden Navigatoren die Beschriftung der Tonnen, an denen sich mit zunehmender Fahrtdauer die zunehmende Strömung zunehmend bemerkbar macht. Als wir einmal in der Nähe einer recht großen Tonne direkt auf diese zufahren, kann man überdeutlich sehen, dass es einen einmal nach rechts und unmittelbar danach wieder nach links versetzt - wie das Wasser davor also in Schlangenlinien strömt.

Verabredungsgemäß macht die Gruppe vor der Tonne SA18 Halt. Hier fordere ich sie wieder auf, die genau südlich liegende grüne Tonne an ihrer linken Seite zu passieren. Da man dazu genau quer zum Strom fahren muss, muss man deutlich vorhalten und ernsthaft paddeln, will man nicht im letzten Moment auf die Blechkanne gespült werden. Da die Hallig hier schon sehr nah ist und einen perfekten Hintergrund bietet, kann man wunderschön sehen, ob der eigene Vorhaltewinkel stimmt, oder die Strömung die Oberhand hat.

Im Laufe der Fahrt kommt eine weitere Gruppe Paddler von hinten auf. Man kann sie lange vorher hören. Nachdem sie uns überholt hat, kann man in weiter Ferne eine dritte Gruppe hören. Der Schall trägt ungemein weit auf unbewegtem Wasser, denn man kann die Verfolger bislang kaum sehen. Als wir am Steindamm vor dem Hooger Hafen aus unseren Booten steigen, höre ich eine bekannte Stimme von hinten pöbeln: "Habt ihr kein Zuhause?". Trenk ist mit einer Gruppe von vier Paddlern ebenfalls unterwegs. Wenn wir schon im Sommer nicht mehr zusammen paddeln können, ist es doch schön, sich per Zufall zu treffen!

Ich hatte damit gerechnet, dass der Zeltplatz dicht belegt sein würde, aber außer den drei praktisch
gleichzeitig eingetroffenen Gruppen, ist niemand da. Auch der Segelhafen ist so gut wie leer. Ein ruhiges Wochenende droht uns. Es wird kurz der Zeitplan für morgen abgesprochen - wir hatten ja alle relevanten Zeiten, Entfernungen und Fahrtdauern am vergangenen Mittwoch ausgerechnet.

Nach dem Aufstehen prüfe ich kurz die Wetterlage mit Hilfe von Trenks Smartphone. Die Windvorhersage für heute hat sich gegenüber der von gestern wieder etwas beruhigt, so dass unserem Plan, zur Pallas zu fahren, nichts entgegensteht. Heute lege ich die Navigation in die Hände von Michael und Peter. Die Zeiten hatten wir ja schon am Mittwoch errechnet, nun müssen auch noch die Kurse bestimmt werden, die uns hin- und möglichst auch wieder zurück bringen.

Die beiden sind sehr abgeklärt und wählen einen für mich zwar überraschenden, aber sehr solide fahrbaren Kurs. Natürlich wollen wir zunächst eine Pause auf Jappsand machen, das war Vorgabe, aber dann soll es die Süderaue komplett raus ein gutes Stück in Richtung Amrum gehen und nach der Passage des Schmaltiefs ins Rütergatt. Vor dort aus kann man einfach dem Tonnenstrich folgen und landet praktisch ohne Vorhalt an der Pallas. Nicht der direkteste Weg aber vielleicht der einfachste.

Der Wind weht recht konstant mit etwa drei bis vier Beaufort aus Südost. Das lässt kaum Wellen entstehen, aber die Strömung am Zusammenfluss von Norder- und Süderaue ist natürlich immens und lässt die Wasseroberfläche köcheln. Das sind ungewohnte Wellen, die es so auf der Ostsee kaum gibt. Als wir die rot-grüne Tonne am Eingang zum Rütergatt passieren, ist deutlich, dass die Verhältnisse einen ständigen Stress verusachen. Das würde die nächsten vier Stunden nicht besser werden. Ich gebe den Kniepsand als neues Ziel aus, für den der bisher gefahrene Kurs eh genau die Ideallinie dargestellt hat.

Die lange Pause auf dem verschwenderisch breiten Strand von Amrum wird komplett im Urlaubsmodus verbracht. Alle gehen schwimmen, fast alle zum Kiosk ein Eis essen, und manche lassen sich den Pelz verbrennen...

Für die Tour zurück übertrage ich Johanna und Uschi die Navigationshoheit - aber mir ist klar, dass ich eher selbst dir Richtungen angeben muss, denn für beide ist Paddeln unter den hiesigen Bedingungen noch  eine komplett neue und unbekannte Welt. Ich zeige kurz auf der Karte, welche Tonnen wir wie anvisieren und wie wir von der einen zu anderen kommen wollen. Es ist hier schon zu spüren, dass meine eindringliche Ansage "die müssen wir links liegen lassen", noch nicht in der Tiefe verstanden wird, in der sie gemeint ist.

Nachdem wir die geschützen Gefilde des Kniepsandes verlassen haben und wieder in die Turbulenz der strömenden Priele eingetaucht sind, ist es mit der Entspanntheit auch gleich vorbei. Es spritzt und schwabbelt und den Kurs zu halten, ist nicht mehr ganz einfach. Ich fahre so, dass wir alle Verschneidungszonen rechtwinklig durchqueren, um nicht unnötige Unsicherheiten zu provozieren. Der Strom geht fast exakt quer zu unserer Fahrtrichtung und wir müssen gute 45 Grad vorhalten. Die Gewalt, mit der wir versetzt werden, beeindruckt alle sichtlich. Trotzdem produzieren wir eine sehr gerade Spur auf dem GPS-Log mit ganz ordentlicher Geschwindigkeit.

Ich sehe, wie Johanna häufig Mühe hat, die Nase ihres Bootes gegen den halben Wind in der
gewünschten Richtung zu halten. Immer wieder wird sie nach Lee verweht und muss sich mühselig mit Bogenschlägen zurück auf Kurs bringen. Als sie schließlich zu Konterschlägen greift, ist das für mich das Zeichen, dass sie den Bedingungen nicht gewachsen ist. Ich schließe zu ihr auf und frage, ob sie denn den Schieber für das Skeg auch ganz nach vorn geschoben hat. "Ja, habe ich!". Nun, dann ist das Mädel schlicht zu leicht und das kriegen wir so schnell nicht korrigiert. Aber ich weiß ja, dass sie über einen beeindruckenden Willen und eine ebensolche Leidensfähigkeit verfügt, so dass ich nicht im Geringsten beunruhigt bin. Als es bereits in der Nähe von Jappsand besonders verzweifelt ist, schicke ich Peter zu ihr, der sie etwas vom Wind abschirmen soll. Das funktioniert nur suboptimal so dass ich zusätzlich auf ihre Lee-Seite fahre und sie mit dem Paddel immer wieder auf Kurs drücke. Als Peter ihr besonders nahe kommt, fällt sein Blick auf den Skeg-Schieber an ihrem Boot und er sagt ungläubig: "Der ist ja gar nicht vorne!". Na ja: vorne und hinten kann man schon mal verwechseln. Nach der Korrektur ist es ein Kinderspiel für Johanna, ihr Boot auf Kurs zu halten. Nach dieser Selbstkasteiung gönnt sie sich in der Pause auf Jappsand ein ausgiebiges Bad, bei dem sie mit zwei Seehunden Ringelpiez mit Abtauchen spielt. Wir laufen genau mit Hochwasser in den Hooger Segelhafen ein und genießen den komfortablen Ausstieg direkt über die Wiese, ohne die Boote schleppen zu müssen.

Der Abend ist meiner langjährigen Tradition folgend dem Friesenpesel gewidmet. In lauer Luft schäkern wir mit der redseligen Aushilfsbedienung, und ich muss zum wiederholten Male feststellen, dass das Salzlamm in Riesling-Sauce einfach göttlich schmeckt. Heute wundere ich mich nur, dass meine Mitpaddler mir freiwillig den größten Teil der Kartoffelrösti überlassen. Beim Heimweg machen wir noch einen kleinen Abstecher zum Fähranleger um die Ecke. Johanna muss am Sonntag Abend zu einem Geburtstag in Hamburg sein und will daher gleich morgen früh mit der Fähre zurück. So weiß sie also genau, wo der Anleger ist und kann sehen, wieviel Zeit der Weg in Anspruch nimmt.

Da die Fähre bereits morgens um acht ablegt, muss Johanna bereits sehr früh aufstehen, ihre Sachen zusammen und ins Boot packen und sich auf die Socken machen. Obwohl wir für den Sonntag die Urlaubsvariante mit lange Ausschlafen und viel Zeit gewählt haben, habe ich mir extra den Wecker gestellt, um sie zu verabschieden. Ich kann ja nicht einfach eines meiner Schäfchen ohne Gruß ziehen lassen - noch weniger könnte ich mit ansehen, dass sie vielleicht verschläft und dadurch die Fähre verpasst. Aber als ich aus dem Zelt komme, hat Johanna ihre Sachen schon größtenteils zusammengepackt und sitzt gemütlich beim Kaffee. Als wir sie verabschieden, hat sie alle Zeit der Welt, den Weg bis zur Fähre zurückzulegen, so dass ich mich beruhigt wieder in meinen Schlafsack zurückziehe.

Nach einer guten Stunde strecke ich meinen Kopf wieder aus dem Zelt - und sehe Johanna ihr Boot hinter sich her ziehend zum Zeltplatz zurücktrotten! Was ist passiert? Keine Fähre am Sonntag? Kein Geld dabei? Dem Kapitän vors Schienbein getreten? Nein, die Lösung ist ganz einfach: um zum Anleger zu kommen, muss man bei der Kirchwarft links abbiegen, so wie wir es gestern zweimal gemacht haben. Wenn man aber im Halbschlaf und "Kopf-unten-und-nix-denken-Trott-Modus" immer gerade aus geht, landet man auf der Hanswarft. Dort haben Jogger Johanna dann geweckt und gefragt, wo sie denn mit dem Boot hin will. Danach sind alle zusammen über die Hallig zum Anleger gejoggt. In Rekordzeit eine Minute nach Acht dort angekommen, konnten sie dem heute bereits eine Minute vor Acht abgefahrenen Dampfer noch hinterherwinken! Aber im Grunde wollte Johanna ja von Anfang an mit uns zurück paddeln!

Das gesamte Wochenende herrscht ein unglaublich schönes Wetter mit Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Nur mäßiger Wind und kein Regen. Na ja, fast kein Regen: nur in der Nacht zu Sonntag, als der Wind so arg an Johannas Zelt gerüttelt hat, dass sie sich mit ihrem Schlafsack lieber davor gelegt hat, nur da sind tatsächlich ein paar Tropfen Regen gefallen, gerade so viele, dass Johanna sich doch lieber wieder ins Zelt zurückzog. Bei diesem fantastischen Wetter also machen wir einen ausgiebigen Spaziergang über die Hallig. Auf der Einkaufswarft erbost Peter die Betreiberin des Souvenierladens, indem er ihr unterstellt, sie verkaufe Plastikflaschenpostflaschen, die die Kinder dann ins Meer schmeißen, wo sie riesige Müllteppiche bilden. Dabei steht da fett draufgedruckt: "Nicht ins Meer schmeißen!". Peter rudert heftig rückwärts, um die aufgebrachte Frau wieder etwas zu beruhigen. Uschi und ich erstehen einige Postkarten, von denen ich eine direkt an Klaus-Peter schicke - als Ersatz für die vergessene aus meinem Österreich-Urlaub.

In unseren Vorräten befinden sich noch große Mengen roter Grütze, die wir unmöglich wieder mit zurück nehmen können. Also versammeln wir uns vor der Abfahrt noch einmal unter dem gegen die gnadenlos brezelnde Sonne aufgespannten Tarp, um Erdbeer- und Gartenfruchtgrütze zu löffeln - wahlweise mit Vanillesauce oder griechischem Joghurt.

Sobald der Wasserstand es zulässt, bringen wir die Boote über die Rampe und machen uns auf den Heimweg. Navigation ist heute nicht notwendig, wir wollen einfach nach Hause. Der Wind hat über Nacht gedreht, er weht nun ziemlich genau aus West. Auch die Strömung geht in dieselbe Richtung. Wir könnten im Fahrwasser fahren und alles wäre einfach und leicht und - langweilig. Also biege ich unvermittelt ab und wähle einen Kurs quer über die Flachs und zwischen den Sandbänken. Hier schwabbelt das Wasser zwar wieder etwas, was nicht allen gefällt, aber auf dem "Hasenweg" hätte niemand etwas gelernt und niemand hätte die Flachs, über die wir uns stochern, auch nur gesehen.

Gegen Ende des Weges werden die Bedingungen zum Surfen immer besser und alle nutzen diese Gelegenheit nach ihrem jeweiligen Vermögen. Bei Michael und Olav macht sich deutlich eine gewisse Routine bemerkbar. Sie agieren sichtlich entspannter als noch im vergangenen Jahr und sind meist vorne zu finden. Ich gebe Michael, der eindeutig der beste Navigator ist, nach jedem Abschnitt meinen Plan bekannt und kann mir sicher sein, dass er ihn eigenständig verfolgt, auch wenn er weit vor mir fährt.

Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen von Schlüttsiel überhole ich die gesamte Gruppe, um zu sehen, ob sie es schaffen kann, vor der uns verfolgenden Amrum-Fähre ins Hafenbecken einzulaufen. Als ich wende und die Positionen der Fähre und der Gruppe sehe, weiß ich, dass das nichts werden kann. Also postiere ich mich südlich der Hafeneinfahrt außerhalb des Fahrwassers, in der festen Annahme, dass alle auf mich zufahren werden. Tun auch alle. Fast alle. Leider ist Johanna aber gerade so mit Surfen beschäftigt, dass sie für nichts anderes ein Auge hat und diagonal ins Fahrwasser driftet - der Fähre genau vor die Nase. Mir stockt der Atem und ich versuche, sie anzurufen, gestikuliere wild mit Armen und Paddel - aber der einzige, der Notiz davon nimmt, ist vermutlich der Kapitän der Fähre, denn der fährt weiter in aller Seelenruhe von hinten auf die Paddlerin zu und lässt sein Typhoon unangetastet. Ich sehe Johannchen schon im Schaum zerschreddert werden, als Helge, der etwas näher dran ist, sie anruft, was sie veranlasst, sich erst umzudrehen und dann kleinlaut wieder hinter die Pricken zu verziehen. Geht doch!


Freitag, 9. August 2013

Nordsee für Neulinge 2013: Der nasse Teil (2/3)

Freitag. Trotz einer konzertierten Aktion einiger Straßenbau-Terroristen, die nahezu alle Möglichkeiten, den Nord-Ostsee-Kanal zu queren, vereitelt hat, schaffen wir es eine halbe Stunde vor der geplanten Zeit in Schlüttsiel einzutrudeln. Das Packen dauert einfach immer eine Stunde - das kann man als Naturkonstante betrachten - aber das Wasser steht bei unserer Abfahrt noch deulich höher als zur gleichen Begebenheit im letzten Jahr. Zwar gehen auch die Wellen höher als letztes Jahr, aber das ist weder ein großes Kunststück noch ein Problem: damals herrschte absolut flaches Wasser, heute eine leichte Brise, die nicht einmal Windstärke drei erreicht. Wir fahren gemütlich aber zügig in die Abendsonne hinein immer am Tonnenstrich entlang.

Die Strömung sorgt für eine hohe Geschwindigkeit, ohne dass wir uns anstrengen müssen. Da, wo der GPS-Track rosa wird, sind wir schneller als zehn Stundenkilometer, wo er richtig rot wird, liegen wir über 12 km/h. Kurz vor Hooge lasse ich die Gruppe von der roten zur grünen Fahrwassertonne fahren. Das geht exakt quer zur Strömungsrichtung - prompt fallen wir auf unsere selbstgemachten sieben Stundenkilometer zurück. Doch das ist es nicht, was man bei dieser Aktion merkt und worauf es mir ankommt. Erst wenn man nicht mehr mit der Strömung fährt und man einen nahen Fixpunkt hat, merkt man, welche Macht die Strömung hat und wie sehr sie die Fahrt beeinflusst.

Unsere frühe Abfahrt und das schnelle Vorankommen bescheren uns einen leidlich komfortablen Wasserstand bei der Ankunft am Hooger Segelhafen. Die Wiese direkt hinter dem Deich ist mit großzügig darüber verteilten Zelten recht gut belegt, so dass wir das Grün direkt unter dem Seglerheim zu unserer vorübergehenden Heimat erklären. Hier hat auch Trenk bereits vor Stunden mit seiner kleinen Gruppe sein Lager aufgeschlagen.

Abfahrt Schlüttsiel 18:30 Uhr
Ankunft Hooge 20:45 Uhr
Samstag. Die Wettervorhersage hat sich seit gestern nicht großartig verändert. Es soll ein Wind mit sieben bis acht Metern pro Sekunde gehen, und die Wellenhöhe ist mit bis zu einem Meter vorhergesagt. Das sind keine Bedingungen, bei denen man mit wenig erfahrenen Paddlern zum Wrack der Pallas fährt. Trotzdem bleibt der avisierte Zeitplan mit dem frühen Aufstehen gleich, egal wohin die Reise geht. Das Ziel ist auch nicht so entscheidend - viel wichtiger ist, bei Nordsee-typischen Bedingungen auf dem Wasser zu sein und die Elemente und ihre Kräfte zu erfahren. Von Hooge wird man praktisch von alleine bis zur Spitze von Jappsand gesaugt. Während unserer kurzen Pause dort schwimmen ständig drei recht kleine Seehunde vor dem Sand herum und beäugen uns neugierig. Vor hier aus müssen wir nun das Rütergatt quer zur Strömung passieren, um zum Kniepsand zu gelangen. Die Sicht ist gut, auf der zu querenden Wasserfläche sind hier und da ein paar Tonnen zu sehen, da ist die Navigation auch ohne GPS ganz einfach. Ein kurzer aber heftiger Regenschauer trübt nur kurz die Sicht, danach ist der Wind deutlich zurückgegangen.

Ich versuche zwischendurch immer wieder den Blick auf die kleinen scheinbar unscheinbaren Dinge zu lenken, die einem erlauben, diese Welt genauer zu erkennen, ihre Geheimnisse zu erahnen: Dass die Oberfläche des Wassers die Tiefenänderungen verrät, die Neigung der Tonnen  Strömungsrichtung und -stärke und die Wolken den Wind. Dass die Tatsache, dass nach dem heftigen Schauer der Wind völlig einschläft, den Beginn eines neuen Wetterabschnittes bedeutet, der  vollkommen andere Verhältnisse mit sich bringen kann. Wenn man das zum ersten Mal hört und sieht, wird es einem nicht viel sagen. Aber wenn man immer mal wieder darauf gestoßen wird, entwickelt mancher vielleicht eigenes, tieferes Gefühl für diese Welt. Als wir schließlich das äußerste Südwestende des Kniepsands erreichen, sind die brechenden Wellen, die dort durch die zusammenlaufenden Strömungen über den flachen Grund gepresst werden, für jeden ganz offensichtlich als Störung der Regelmäßigkeit zu erkennen.

Unsere Spur ist auch ohne GPS leidlich gerade, obwohl wir den nicht unerheblichen Strom genau seitlich haben. Wir halten sicherheitshalber deutlich zuviel vor und schwenken genau nach Westen, nachdem der Querstrom spürbar nachlässt. Wir haben viel Zeit, denn Hochwasser auf Hooge ist erst um halb fünf und mehr als maximal drei Stunden können wir für die Rückfahrt kaum verbrauchen. So fahren wir bis Höhe Süddorf, wo sich einiges Leben am Strand etabliert hat - sogar ein Kino wir hier vom Kiosk betrieben! Wir trinken Kakao und machen uns auf zu einer ausgiebigen Wanderung durch die Dünen. Sabine macht uns heiß auf eine Vogelkoje, die es hier zu sehen geben soll - ist sich aber nicht hundert prozentig sicher. Also fragen wir einige der Entgegenkommenden, die wir an ihrem urigen Aussehen eindeutig als Eingeborene identifizieren, nach Details. Leider sprechen sie entweder kein Deutsch, oder sie sind das erste mal und erst seit zwei Stunden auf der Insel :-/

Das Inselinnere ist furchtbar idyllisch und lädt zum Schlendern, Schauen und Auskuppeln förmlich ein. Wir wundern uns etwas über den deutlich verhaltenen Betrieb, schließlich ist Samstag und später Vormittag. Aber am Strand bei der Wasserwacht stand ein Schild: Badezeit 14 bis 16 Uhr - vielleicht strömen dann die Massen und füllen die gefühlten 10.000 Fahrradständer. Im reetgedeckten Cafe, dass sich schüchtern zwischen die Dünen duckt, essen wir Kartoffelpuffer mit Apfelmus.

Zurück am Strand zeigt der neue Wetterabschnitt seinen Charakter: Es hat deutlich aufgefrischt. Heute morgen hatte ich noch vage Hoffnungen auf eine ordentliche Brandung auf dem Kniepsand, aber bei unserer Ankunft lag die Wellenhöhe irgendwo unterhalb einer Handbreit. Was sich uns da nun präsentiert, ist zwar noch keine nenneswerte Brandung, aber das Ablegen ist nicht mehr trivial und man bekommt wenigstens einen Eindruck, dass es auch ganz leicht schwierig werden kann.

Die Wellenhöhe liegt nun bei 60 bis 70 Zentimetern und wenn die Kameraden gerade im anderen Tal sind, könnte man höchstens noch ihre Paddelspitzen sehen - wenn nicht bei fast allen mit Zunahme der Wellenhöhe der Paddelstil an selbiger verlieren würde. Außer mir hat kein weiterer Teilnehmer eine Seekarte dabei. Daher übernehme ich komplett die Vorgabe der Richtung, in die wir paddeln. Der Versatz durch den quer zu unserer Fahrtrichtung nach Südwest gehenden Tidenstrom ist wieder beeindruckend. Die Tonnen, bei denen ich weit im Voraus angebe, auf welcher Seite wir sie passieren sollten, wollen einfach nicht kooperieren und tun alles, damit meine Vorgabe nicht eingehalten werden kann. Trotzdem kommen wir mit Beharrlichkeit auf erstaunlich gerader Linie voran. Der Wind hilft uns, indem er schiebt.

Diese Hilfe mag gut gemeint sein, wird aber nicht von allen entsprechend goutiert. Während sich Sabine gleich nach dem Ablegen von Kniepsand auf die Suche nach günstigem Winkel und Wellen zum Surfen macht, duckt sich manch anderer in seinem Cockpit und blickt konzentriert nur noch nach vorn. Um für mehr Stabilität und Kohäsion zu sorgen, habe ich direkt nach dem Start die Gruppe zu Pärchen geordnet. So muss ich nicht mehr acht Einzelpaddler im Auge behalten sondern nur noch vier Zweiergruppen. Außerdem fühlt es sich besser an, wenn jeder weiß, dass da ein anderer ein Auge auf ihn hat - auch wenn dieser andere genauso viel mit sich zu tun hat, wie man selbst. Auch die Tatsache, dass die anfangs eingeteilten Pärchen tatsächlich ständig dicht beieinander bleiben, macht klar, dass so gut wie alle hier im Konzentrationsmodus fahren.

Als wir uns Jappsand nähern, sieht man ein Gebiet mit schäumenden Wellen, die sich an dem Flach nördlich davon brechen. Da will niemand durch und ich peile das tiefe Wasser zwischen den beiden Sänden an. Aber wir kommen nicht um die Tatsache herum, dass hier das Wasser insgesamt flacher wird, die aus dem Tiefen kommenden Wellen hier also steiler werden. Ich sehe mich immer wieder um, um zu überprüfen, wie die Gruppe damit zurechtkommt. Die Augen in den Gesichtern sind hellwach, die Paddel meist als Heckruder und zur seitlichen Stütze eingesetzt. Unterhaltungen gibt es nicht mehr, meine Einwürfe "Sieh mal, da voraus ist es flach. Das sieht man prima an den dort brechenden Wellen!", werden nicht mehr wirklich wissbegierig aufgenommen - aber es besteht kein Grund zur Sorge. Auch wenn ich hier mit auf der Nordsee kaum erfahrenen Paddlern unterwegs bin, sind sie solide ausgebildet und können ausdauernd paddeln.

Leider können wir in unserer Ausbildung hohe und brechende Wellen nur sehr unzureichend berücksichtgen. So ist Britta mit einer Welle, die ihr über die Schulter bricht, überfordert und kentert. Sven, der andere Teil ihrer Zweiergruppe, ist sofort bei ihr und leitet den Wiedereinstieg ein. Ich weise die anderen an, dicht zusammen und am Geschehen zu bleiben. Als ich sehe, dass Sven Schwierigkeiten hat, in den hoch gehenden Wellen das Gleichgewicht zu halten, trotzdem Britta an seinem Bug hängt, breche ich diesen Teil des Standardplanes ab. Spätestens wenn er anfängt, mit dem schweren Boot zu hantieren, würde er vermutlich auch ins Wasser fallen. Und selbst wenn er es schaffen würde, das Boot zu leeren, die Wellen würden es ohne Schwierigkeiten wieder auffüllen. während Britta den Wiedereinstieg macht.

Die Situation ist anspruchsvoller als im Schwimmbad, es ist ein Segen, dass die Schwimmerin eine Rettungsweste trägt und zum Glück ist das Wasser warm. Unser gutes Training zahlt sich aus und so sitzt Britta bald wieder im Boot. Doch nun kommt der schwierigere Teil: Außer ihr ist da noch jede Menge Nordsee im Cockpit - und die muss raus. Die Nordsee! Ich hatte die Boote während des Einstieges stabilisiert und mit dem Bug in die Wellen gehalten, nun lege ich meine kurze Schleppleine an und beginne beide zu ziehen, damit wir nicht in das Gebiet mit den schäumend brechenden Wellen driften. Betzi ist so geistesgegenwärtig, ihre Schleppleine fertig zu machen und damit mein Boot zu ziehen. Allein ihrem Einsatz können wir verdanken, dass unser Verband in gemäßigteren Gefilden geblieben ist. Irgendwann sagt Britta zu Sven, dass das Cockpit leer genug sei und sie nun wieder alleine weiter paddeln könnte. Ihre Alleinfahrt dauert aber nur wenige Sekunden - es war doch noch zuviel Wasser im Schiff. Auch der zweite Einstieg verläuft reibungslos. Während des erneuten Pumpens mache ich meine lange Schleppleine klar und zusammen mit Betzi ziehen wir beide Richtung Hooge. Dieses Mal nimmt Britta sich mehr Zeit mit dem Lenzen und als wir den Schleppverband dann auflösen, legt sie den Rest der Strecke mit durchgängig erhobenem Haupt zurück. Auf Hooge veschwindet sie erst einmal für eine Stunde unter die heiße Dusche.

Abfahrt Hooge 7:30 Uhr.
Ankunft Jappsand-Nordspitze 8:00 Uhr
Abfahrt Jappsand-Nordspitze 8:15 Uhr
Ankunft Kniepsand Höhe Süddorf 10:15 Uhr
Abfahrt Kniepsand Höhe Süddorf 12:15 Uhr
Ankunft Hooge 14:30 Uhr
Hooge ist nicht Hooge ohne einen Besuch im Friesenpesel. Dieser Pflichtpunkt ist heute abend fällig. Es ist Sommer und wir sind kernige Bürschchen und Mädels - also sitzen wir draußen. Trenk und seine Gruppe ziehen eher das düstere Innere des Hauses vor. Warmduscher! Die immer gleiche Bedienung ist heute seltsam aufgeräumt und ständig am Herumhüpfen - das Salzlamm schmeckt lecker wie eh und je.

Sonntag. Nach der Vorhersage von gestern abend bestand die Möglichkeit, dass der Wind am frühen Nachmittag sprunghaft und deutlich auffrischen könnte. Nach unserem ursprünglichen Plan - kurz nach Mittag in Hooge los und durch die Süderaue nach Schlüttsiel zurück - hätten wir genau zur halben Zeit mitten auf freiem Wasser Windstärke sechs gehabt. Das wäre nicht ohne gewesen und nach den Eindrücken vom Vortag kam bei niemandem ungetrübte Freude über diese Aussicht auf. Also habe ich den Plan geändert: Statt bei auflaufendem Wasser so früh wie möglich los, würden wir bei ablaufendem Wasser so spät wie möglich los. Statt bei hohem Wasser durch die offene Süderaue würden wir bei niedrigem Wasser durch das geschütztere Langeness-Fahrwasser fahren. Und statt mit neun Paddlern würden wir nur zu siebt fahren: Britta und Klaus-Peter haben sich entschlossen, mit der Fähre zurück zu fahren.

Eigentlich hätte der Sonntag mit langem Ausschlafen beginnen sollen, aber mit dem geänderten Plan müssen wir schon wieder um sechs aus den Federn. Das hat allerdings den Vorteil, dass wir unsere gesamte Ausrüstung vollkommen trocken in die Boote verpackt bekommen, denn der Regen setzt erst ein, als wir quasi abfahrbereit am Deich stehen. Den Schauer wettern wir im Schutz des Seglerheims ab - wir haben eh viel zuviel Zeit.

Auch während der Überfahrt nach Langeness können wir wieder das Vorhalten üben und die Wirkung der Abrift studieren. Zu meiner Überraschung steht auf der ersten Sandbank vor dem Langeness-Fahrwasser noch so viel Wasser, dass wir problemlos darüber fahren können, auf der zweiten steige nur ich aus, bin beim Waten aber nicht schneller, als die anderen, die sich paddelnd durch das flache Wasser quälen.

In der Rixwarft ist mal wieder ein heißer Kakao bzw. Kaffee fällig und dann brechen wir zu einer ausgedehnten Wanderung über den Westteil der Insel auf. Der Leuchtturm Nordmarsch wird besucht und ebenso der alte Hafen. Man hat hier einen herrlichen Blick auf die immer weiter aus dem Wasser ragenden Sände. Föhr ist zum Greifen nahe und Amrum auch nicht viel weiter weg. Der Spaziergang hat schon gut Zeit verbraucht, aber als wir bei unseren Booten zurück sind, läuft das Wasser immer noch ab. Wir suchen uns jeder eine Muschel oder einen Stein dicht an der Wasserkante und versuchen mittels dieser Marke heraus zu bekommen, wann denn der Tidenkipp einsetzt.



Als es dann kurz vor zwölf eindeutig soweit ist, rutschen wir das kurze Stück über den nun frei liegenden Schlick ins Wasser. Wir wollen gaaanz gemütlich zurückfahren, um nicht zu früh ins Schlüttsiel zu sein. Aber Wind und Strom machen uns einen Strich durch die Rechnung: Die Wellen sind heute so gutmütig, dass man einfach gar nicht langsam fahren kann. Alle versuchen, ins Surfen zu kommen, keine Spur von Konzentrationsmodus - eindeutig Spaßmodus! Nach nicht einmal zwei Stunden laufen wir in den Hafen ein, wo wir zu meiner Überraschung bereits so viel Wasser vorfinden, dass wir den Steg der Segelboote erreichen und damit aussteigen können. Das ist bestimmt dem bereits tagelang herrschenden Westwind geschuldet, der das Wasser hereingedrückt hat.

Während wir unsere Sachen zusammenpacken, frischt der Wind tatsächlich spürbar auf und das Wasser draußen ist voll weißer Schaumkronen. Unsere Planänderung ist also voll aufgegangen!

Abfahrt Hooge 8:10 Uhr
Ankunft Anleger Rixwarft: 9:05 Uhr
Abfahrt Anleger Rixwarft:11:55 Uhr
Ankunft Schlüttsiel: 13:45 Uhr

Sonntag, 19. August 2012

Nordsee für Neulinge 2012 - oder: Timing ist alles!

Seit zwei Jahren biete ich im Verein eine Nordseetour an, bei der ich versuche, noch nicht so versierten und erfahrenen Paddlern die Schönheit und die Geheimnisse dieses Paddelrevieres nahe zu bringen. Im letzten Jahr wurde auf Grund der Tidenverhältnisse leider nur eine Zwei-Tage-Tour daraus. Aber dieses Jahr habe ich alles daran gesetzt, dass wir bereits am Freitag losfahren, um auch den Samstag voll nutzen zu können.

Bei der Vorbesprechung habe ich den Ablauf des Freitags kurz skizziert. Ich habe versucht, auf einen möglichst zeitigen Start zu drängen, damit wir früh in Schlüttsiel starten können und noch vor Einbruch der Dunkelheit auf Hooge ankämen. Hochwasser in Schlüttsiel wäre um 14:41 Uhr, Niedrigwasser auf Hooge um 20:59 Uhr, Sonnenuntergang um 20:52 Uhr. Meine Rechnung war, dass wir uns um 15 Uhr am Klub treffen, um 16 Uhr losfahren, um 17:45 in Schlüttsiel ankommen, um 18:45 dort lospaddeln und um 21:15 auf Hooge eintreffen. Das war ziemlich auf Kante genäht, aber ich habe es nicht deutlich gemacht und den anderen war es nicht bewusst. Die Wettervorhersage war ausgesprochen günstig - wenn man Flaute, Sonnenschein und hohe Temperaturen als Vorteil betrachtet.

Für den Freitag bestand also kein Schlupf, innerhalb dessen man hätte rangieren können. Einmal losgetreten würde der Plan abspulen und sich eine Aktion an die nächste reihen, bis man die Zelte auf Hooge errichtet. Man muss keine Entscheidung fällen, nur hinmachen.

Für den Samstag habe ich drei Möglichkeiten vorgeschlagen, was man unternehmen könnte: Zur Pallas fahren, nach Amrum paddeln oder den Norderoogsand umrunden. Auf meine Frage, was wir denn machen sollten, kam der Vorschlag: "Wir stimmen ab!". Okay, da war wohl noch nicht das volle Bewusstsein für die maßgeblichen Begleitumstände und Entscheidungskriterien entwickelt. Als Entscheidungshilfen habe ich die Gezeitenkurven und den Strömungsatlas angeboten. Um die Sache nicht zu kompliziert zu machen, war meine erste Frage, wann wir frühestens los fahren können und wann wir es spätestens müssen. Hier setzte die erste Ernüchterung ein: Der Zeitpunkt für das Losfahren bedeutete auf jeden Fall ein Aufstehen vor dem Aufwachen! Die Frage, wann wir uns spätestens auf dem Rückweg befinden müssen, war etwas schwieriger zu klären, denn der Umgang mit dem Strömungsatlas war keinem so richtig geläufig. Da sind die Zeiten alle auf Hochwasser Helgoland bezogen und das muss erst übersetzt werden in richtige Uhrzeiten. Zusätzlich lieferte ich noch weitere Aspekte, die es zwar zu berücksichtigen gilt, die man aber ohne Erfahrung noch nicht auf der Rechnung hat: Da ist die Ausgesetztheit der Tour zur Pallas, die für einen Neuling eine nicht unerhebliche Herausforderung darstellt, das Problem, dass man bei der Umrundung des Norderoogsandes auch noch Hooge umrunden muss und der nicht zu unterschätzende Querstrom im Rütergatt, mit dem man sich bei der Rückfahrt von Amrum auseinandersetzen muss. Meine Absicht, die ich mit der Vorbesprechung verfolgte, hat jedenfalls Erfolg gehabt: Die Erkenntnis, dass man bei einer Nordseetour nicht erst mal ausschlafen, gemütlich frühstücken und sich dann überlegen kann, wohin man fährt, sickerte langsam in das Bewusstsein der Teilnehmer.

Das Fertigmachen an der Bootshalle, die Fahrt nach Schlüttsiel sowie das Packen dort verliefen ausgesprochen konzentriert, zielgerichtet und zügig. So konnten wir unsere Boote bereits vor 18 Uhr einsetzen - genau so rechtzeitig, dass wir bequem an der gerade aus dem Wasser aufgetauchten Betonkante einsteigen konnten. Eine andere Gruppe von Paddlern aus Hamburg, von denen bereits einige Teilnehmer am Packen waren, als wir ankamen, benötigte etwas länger und hatte es vermutlich nicht mehr so bequem wie wir.

Die Überfahrt nach Hooge war gemütlich und unspektakulär. Ich las von Zeit zu Zeit die Geschwindigkeit von meinem GPS ab - zum Erstaunen der meisten näherten wir uns unserem Bestimmungsort mit fast ständig mehr als 10 Stundenkilometern. An einer roten Fahrwassertonne nahe Hooge ließ ich die Gruppe anhalten und gab die Aufgabe, die gegenüberliegende grüne Tonne an der stromauf liegenden Seite zu passieren. Dadurch, dass man die Insel hinter der Tonne sah, konnte man gut sehen, ob man seitlich versetzt wurde und den korrekten Vorhaltewinkel für die Seilfähre sehr einfach bestimmen. Durch diese kleine Einlage entstand ein viel besseres Gefühl dafür, mit welcher Macht die Süderaue hier strömt, als wenn wir immer nur genau in Richtung des Tidenstromes gefahren wären.

Durch unser gutes Vorankommen erreichten wir den Leitdamm vor dem Hooger Segelhafen bereits vor halb neun. Das war absolut die letzte Möglichkeit, die Steine des Dammes noch direkt aus dem Boot heraus zu erreichen. So konnten wir wenigstens einigermaßen vom Schlick verschont Boote und Ausrüstung auf den Zeltplatz schaffen. Die Hamburger Truppe ist ca. eine halbe Stunde später eingetroffen. Drei von ihnen sind noch direkt ausgestiegen, hüfttief im Schlick versunken, hingefallen und sahen aus, wie direkt aus einem Moorbad gezogen. Die übrigen Teilnehmer haben es vorgezogen, fünf Meter von der rettenden aber unerreichbaren Insel in ihren Booten sitzend auf das Steigen des Wassers zu warten, um dann in ziemlicher Dunkelheit auf den glitschigen Steinen mit den schweren Booten zu balancieren. Übrigens ist Sven beim Tragen der Boote mit seinem Fuß abgerutscht, in ein Loch getreten und hat sich das Gelenk arg gequetscht. Zum Glück hat ihn das nicht beim Paddeln behindert, nur beim Gehen hatte er noch mehrere Tage lang Schmerzen.

Meine Ansage für Sonnabend war es, um 7 Uhr in den Boote zu sitzen - und um fünf Minuten vor sieben sitzen alle abfahrbereit in ihren Booten! Es ist etwa dreieinhalb Stunden nach Hochwassser und das Einsteigen ist noch einigermaßen gut möglich. Letztlich habe ich selbst entschieden, dass wir heute die einfachste der drei Möglichkeiten wahrnehmen: Wir fahren zum Kniepsand nach Amrum. An der Nordspitze des Jappsandes kann man schön das unterschiedliche Aussehen der Wasseroberfläche bei unterschiedlich tiefem Wasser studieren. Ich gehe hier kurz an Land, denn stehend hat man einen deutlich besseren Überblick über die Verhältnisse hier. Tatsächlich tritt bald genau n der Stelle, für die ich es vorausgsagt habe, eine Sandbank zu Tage.
Unser Ziel ist bereits klar zu erkennen und es scheint ein Klacks zu sein, es auch zu erreichen. Der Strom ist zu einem guten Teil mit uns, er versetzt uns nur etwas nach Südwesten. Zu meiner Überraschung halten die vorne fahrenden Paddler aber weiter vor als es für unseren Kurs notwendig wäre - ein für den Normalpaddler völlig unübliches Verhalten. Es liegt mit großer Wahrscheinlichkeit daran, dass alle mehr oder minder auf "Amrum" zuhalten - während wir eigentlich um die Südspitze des Kniepsandes herum müssen, die zwar viel weiter südlich liegt, im Gegensatz zu "Amrum" aber kaum zu sehen ist.

Der Kniepsand ist unsere Basis für eine lange und entspannte Pause. Interessiert beobachten wir eine kleine Gruppe Nudisten, die nach einem Bad in der Nordsee ausdauernd Yoga-Übungen macht. Wir sind beeindruckt von dem gewaltigen Sonnenschirm, den Reinhard aus seinem Boot zaubert und der hier majestätisch seinen Schatten wirft. Ich habe mein Tarp dabei und obwohl die Sonne nicht wirklich derart brezelt, dass es nötig wäre, baue ich es auf. Wenn ich es schon mitnehme, will ich es wenigstens auch einmal einsetzen. Leider steigt das Wasser während unserer Pause doch so hoch, dass unsere Boote fortgespült werden würden, und so  müssen wir sie grummelnd ein Stück weiter den Strand hoch schleppen.

Etwa um 12 Uhr treten wir den Rückweg an. Ich habe mir vorgenommen, genau mit Hochwasser auf Hooge einzulaufen und das ist gegen 15 Uhr. Natürlich haben wir dadurch einen ordentlichen Strom im Rütergatt quer zu unserer Fahrtrichtung. Eine gute Gelegenheit, das Bewusstsein dafür zu schärfen und den Umgang damit zu üben. Als wir eine grün-rote Fahrwassertonne passieren, liegt eine gute Meile entfernt links eine rote Tonne fast genau querab von uns in der Gegend. Etwas weiter südlich davon, aber immer noch mehr als 45 Grad gegen unsere Vorausrichtung liegt die dazugehörige grüne Tonne. Wir sind nicht besonders schnell und der Strom versetzt uns mit beträchtlicher Geschwindigkeit, so dass ich sogar etwas Sorge habe, ob wir die Süderaue überhaupt wie geplant erreichen. Als ich die Devise ausgebe, dass wir die links momentan noch querab liegende rote Tonne links liegen lassen müssen - und wenn wir es schaffen auch noch die dazuhörige grüne, sehe ich, dass niemand sich vorstellen kann, dass wir das eventuell nicht schaffen könnten. Schließlich zeigt unsere Vorausrichtung ja deutlich an beiden Tonne vorbei. Wir fahren eine Zeitlang mit unvermindertem Tempo in immer die gleiche Richtung, bis ich die Aufmerksamkeit der Gruppe auf die vorhin passierte grün-rote Fahrwassertonne lenke. Sie liegt immer noch genau rechts querab, obwohl wir schon eine erkleckliche Zeit von ihr wegpaddeln. Erst jetzt wird allen bewusst, wie stark die Strömung geht und wie sehr wir versetzt werden. Wir schaffen es gerade, die rote Tonne links liegen zu lassen, bei der grünen haben wir nicht den Hauch einer Chance! Aber mit Erreichen dieses Tonnenpaares ist das meiste geschafft und der Strom drückt nun mehr in die Süderaue hinein.
Um 14 Uhr,also eigentlich etwas zu früh, fahren wir in den Segelhafen von Hooge hinein und steigen direkt aus den Booten auf die Zeltwiese. Hier ist erstmal ein ausgiebiges Bad im mit warmen Wasser randvollen Hafen fällig. Der sehr hohe Anleger direkt neben unseren Zelten eignet sich ideal zum Verbessern der Arschbombentechnik. Der Tag ist noch lang und wir genießen die Sonne und die Wärme - jeder auf seine Weise. Und natürlich ist heute das Salzlamm fällig! Gegen Abend marschieren wir zum Friesenpesel, wo wir die Bedienung mit unserem kaum zu stillenden Appetit beeindrucken: Wir haben noch gar nicht angefangen, da gehen wir schon auf das Angebot ein, Bratkartoffeln nachordern zu können.


Die Rücktour an Sonntag ist insofern spektakulär, als dass extreme Flaute bei tropischen Temperaturen herrscht. Die Boote gleiten auf dem glatten Wasser dahin, wie Jim Knopfs Dampfer über das Zellophanmeer in der Augsburger Puppenkiste. Irgendwann ist Birke so heiß, dass sie sich vor Gröde entschließt, mitten in der Nordsee schwimmen zu gehen. Das bringt eine willkommene Abkühlung. Genau um zwei Uhr läuft mein Boot über die soeben überflutete Kante der Kaimauer in Schlüttsiel. Eine Tour mit perfektem Timing!

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