Für dieses Jahr hatte ich ein Sabbatical für mich angekündigt. Ich wollte keine Termine im Vorhinein festlegen und keine Kurse übernehmen. Lediglich die EPP 4 - Prüfung, die ich schon im vergangenen Jahr mit Elke vereinbart hatte, stand als Pflock in meinem Kalender. Insbesondere für den Anfänger-Kurs hat das erst mal ein trockenes Schlucken bei den Verantwortlichen verursacht. Aber nachdem ich das über zwanzig Jahre stoisch durchgeführt habe, war es auch mal an der Zeit für eine Veränderung. Und am Ende hat sich alles wunderbar gefügt.
Naja — und dann hat mich Betzi noch überredet, ein Technik-Wochenende für Fortgeschrittene mit ihr zusammen zu veranstalten. Die Vorbereitung gestaltete sich etwas sperrig, weil wir ein Standquartier mit einiger Infrastruktur gesucht haben, um den Teilnehmern nicht allzu rustikales Leben zuzumuten. Die Recherche bei den einschlägigen Camping-Plätzen war aufwändig und letztlich nicht überzeugend. Außerdem wären erhebliche Kosten entstanden, die wir erst einmal hätten vorstrecken und später von den Teilnehmern eintreiben müssen.
Also haben wir erst mal nach Interesse an einer Teilnahme gefragt und der Bereitschaft, auch mit einem rustikalen Übernachtungsplatz Vorlieb zu nehmen. Die Rückmeldungen kamen anfangs sehr sparsam — nur drei Nasen! Einige Wochen später meldeten sich Kerstin und Jonathan noch an. Damit war zumindest unser unteres Limit von sechs Teilnehmern fast erreicht. Und alle waren entspannt, was den Komfort für den Übernachtungsplatz anging. Auch die Lage an der Transportfront war sehr komod: es standen genügend Fahrzeuge zur Verfügung mit reichlich Platz auf den Dächern für die zu transportierenden Boote. In den letzten zwei Tagen vor dem Termin wurde es dann aber noch einmal eng: zuerst meldete Hela noch ihre Tochter Janne an und dann wollte auch Hannah noch mit. Damit war die Sache mit dem Transport eigentlich geplatzt — bis am Abend der Vorbesprechung auch noch Dirk sein Interesse bekundete mitzumachen! Wie durch ein Wunder hatten wir damit genug Plätze für alle Teilnehmer inklusive ihrer Boote!
Die inhaltliche Vorbereitung dagegen war denkbar simpel: "Wir fragen die Teilnehmer, was sie gerne machen wollen und improvisieren dann!".
Unser Standquartier soll der primitive Übernachtungsplatz direkt neben dem Segelhafen von Hörup Hav sein. Die Windvorhersage für das Wochenende liegt durchgehend im Bereich von neun bis zehn Metern pro Sekunde aus westlichen Richtungen. Bei der Vorbesprechung stelle ich die Option in den Raum, dass wir am Freitag Abend noch versuchen könnten, um die südwestliche Ecke von Kegnäs herum ein Stück die Küste entlang paddeln könnten. Hier bestünde dann die Chance auf brechende Wellen, in denen wir Surfen üben könnten. Ich sage aber ausdrücklich, dass das nur eine Option ist und wir erst in der akuten Situation nach unserem Befinden entscheiden werden, wie weit wir gehen.Der Platz ist ideal für unser Vorhaben: eine große Wiese direkt am Wasser! Es gibt zwei Abfalleimer und zwei Tisch-Bank-Kombis. Eine öffentliche Toilette ist ca. 200m entfernt im Hafen. Man kann auch eine Hafenkarte lösen und hat dann Zugang zu den Sanitäranlagen des Segelhafens. Wenn das kein Komfort ist! Lediglich die Sache mit dem "direkt am Wasser" ist heute etwas "relativ": Der stramme Westwind hat das Wasser leider so weit nach Osten geweht, dass wir unsere Boote ein erkleckliches Stück schleppen müssen, bis sie schwimmen!Nachdem wir die Zelte aufgerichtet und uns eingerichtet haben, geht es daran, die angekündigte Option zu testen. Direkt vor der Zeltwiese sind wir vom Wind noch leidlich geschützt. Aber schon sehr bald zeigt sich, dass er doch grimmig weht und man sehr arbeiten muss, um gegen ihn anzukommen. Für Angela ist es bald eher Kampf als Arbeit und sie entscheidet sich vernünftigerweise für den Rückzug. Ich weise die Gruppe an, eine 360-Grad-Wende auf der Stelle zu fahren. Das bekommen alle problemlos hin, aber man sieht schon, dass sie im Umgang mit gutem Wind nicht unbedingt viel Übung haben.
Hier beerdige ich den Gedanken, um die Ecke der Halbinsel zu fahren und dann mit dem Wind nach Osten zu surfen. Das würde bedeuten, dass wir eine lange Strecke gegen den Wind wieder zurückpaddeln müssten. Stattdessen fahre ich dichter unter Land und dort noch etwas nach Westen. Mit dieser gewonnenen Höhe geht es mit dem kräftigen Wind zurück Richtung Zeltplatz. Das ist vollkommen hinreichend, um das Fahren mit Rückenwind zu üben. Niemand hat große Schwierigkeiten, aber auch hier zeigt sich, dass das nicht allzu oft praktiziert wird und die Stütztechnik noch stark verbessert werden kann.Betzi hatte angeboten, dass man heute schon mal den Wiedereinstieg üben könnte — immerhin hat man nicht häufig die Gelegenheit, das mal unter fordernden Bedingungen zu üben. Das Angebot wird bereitwillig angenommen. Es werden zwar nur elementare Dinge geübt, aber um überhaupt wieder ins Thema zu kommen, ist das genau richtig. Danach geht es mit dem Wind zurück zum Übernachtungsplatz.
Interessant war an unserer Aktion noch, dass wir während einer langen Phase ohne aktives Paddeln quasi nur nach Süden verdriftet sind — also nicht in Windrichtung, die uns nach Osten hätte driften müssen. Das rührt von dem Umstand her, dass eine kräftige Strömung aus der Bucht heraus geht! Das Wasser kann ja nicht über den Damm, sondern muss gegen den Wind in die offene Ostsee flüchten!Als wir wieder an Land sind, ist auch Hannah eingetroffen, die halt noch länger arbeiten musste und separat angereist ist. Wir versammeln uns am Tisch, um jeder sein Abendessen zu zelebieren. Die Ansätze hierzu sind jeweils sehr unterschiedlich gestrickt. Ich bin auf Touren vorwiegend hungrig, dahinter tritt der Genussfaktor etwas zurück. Also habe ich immer etwas einfach und schnell Zuzubereitendes dabei, das im Nu heiß ist und gegessen werden kann. Kerstin und Jonathan fahren frisches Gemüse auf und auch sonst allerlei Zeug, was lange gekocht werden will. Als sie soweit sind, ist es schon fast dunkel....
Am Samstag Morgen hat sich das Wasser etwas zurück getraut, und wir sind froh, nicht so weit wie gestern schleppen zu müssen. Heute stehen alle Techniken auf dem Plan, die man beim Paddeln benötigt und die einem sehr hilfreich sein können.
Neben energischem Rückwärtsfahren und dem Vertiefen und Verbessern des Bogenschlags steht vor allem erst mal Schleppen auf dem Programm. Kaum ist das Stichwort gefallen, bringen alle ihre Schleppleine in Stellung. Auf meine Frage, bei welchen Gelegenheiten denn geschleppt werden muss, werden allerlei mögliche Anlässe aufgezählt. Die sind alle korrekt, aber meistens doch eher Extremfälle, mit denen man eher selten konfrontiert wird. Die häufigsten Fälle sind sehr unscheinbarer Natur und meistens viel besser und schneller ohne Schleppleine entschärft. Also üben wir Push & Pull, V-Push, Umgang mit einer kurzen Schleppleine oder ein Paddler legt sich einfach auf Bug oder Heck eines Partners und lässt sich aus der prekären Zone schleppen.
Für das Schleppen mit Leine positionieren Betzi und ich uns als Felsen ortsfest im Wasser. Die Teilnehmer sollen ihre Last um uns herum schleppen und dabei die Wirkung des nicht unerheblichen Windes beachten. Ein besonderer Wunsch der Teilnehmer war, die "Hand of God"-Methode mal auszuprobieren. Zum Glück stellt Angela sich als Opfer dafür zur Verfügung! Ich demonstriere die Übung ein paarmal mit ihr und weise eindringlich auf die zu beachtenden Punkte hin. Wenn man die beachtet, dauert der Vorgang wirklich nur kurze Zeit und man bekommt auch "Opfer" wieder an die Oberfläche, die deutlich schwerer sind als man selbst. Das kritische ist aber das Anfahren! Ich habe es selbst mehrfach erlebt, dass Paddler nach einer Kenterung nicht aus ihrem Cockpit gekommen sind und ich, so schnell ich konnte, hinhechten musste. Das hat dann vielleicht zehn bis maximal fünfzehn Sekunden gedauert — aber schon das ist im Ernstfall eine Ewigkeit. Meine Meinung zu "Hand of God": es ist gut zu wissen, wie sie funktioniert, aber in erster Linie muss man hoffen, dass man sie nie benötigt!Das Anlanden zur Mittagspause nutzen wir für eine ausführliche Diskussion von Anlandetechniken. An einem steinigen Strand, auf den vielleicht sogar eine kleine Brandung steht, lohnt es sich, voher auszusteigen und entweder durch das flache Wasser zu waten, oder sogar hinter seinem Boot hinterher zu schwimmen. Bei größerer Brandung sollte man sich am besten eine andere Stelle zu anlanden suchen. Hier gibt es so viele Aspekte, dass die Diskussion darüber sich noch weit in die Mittagspause hinein zieht.Danach steht die zweite Runde Wiedereinstiegsübungen auf dem Programm. Auf Betzis Wunsch sollen alle die Gelegenheit nutzen, die flache Stütze einfach mal so weit zu treiben, bis man kentert. Das mit der Stütze klappt so mittelgut — aber es endet immerhin mit einem perfekten Kentern! Es werden unterschiedliche Arten des Wiedereinstiegs probiert: mit und ohne Assistenz, Heel-Hook und V-Einstieg, Cowboy-Einstieg mit und ohne Paddelfloat. Das Wasser ist warm und an Land wartet die Möglichkeit, eine heiße Dusche zu nehmen — das lässt alle intensiv, entspannt und ausführlich üben.Nach dem Pflichtteil können wir den Abend zur Entspannung nutzen. Diesmal schaffen auch bei Kerstin und Jonathan das Kochen noch im Hellen zu beenden! Als sich der Himmel vorzeitig arg verdustert, gehen wir Richtung Hafengelände und versammeln uns unter einem sechseckigen Grillpilz. Irgendjemand hat ein Kartenspiel mitgebracht und wir überlegen, was man mit 32 Karten und sechs Spielern so anstellen kann. Mau-Mau geht immer! Danach versuchen wir noch dieses Spiel, bei dem man immer verdeckt eine höherwertige Karte als sein Vorgänger legen muss — oder zumindest behaupten, dass sie höherwertig ist! Hier kann Hannah ihre Wiener Coolness gewinnbringend einsetzen und zockt uns alle ab! Während wir im Grillpilz zocken, ergießt sich ein heftiger Regenschauer über das Land. Der war in keiner unserer Super-Duper-Wetter-Apps vorhergesagt!
Am Sonntag beginnen wir mit Theorie an Land. Wir sprechen noch mal alle Aspekte der gestern geübten Techniken durch. Betzi demonstriert dabei, wie man einfach, schnell und ohne großen Kraftaufwand ein voll gelaufenes Kajak lenzen kann. Gestern hatten einige mit diesem Thema erkennbare Schwierigkeiten. Es werden auch alle Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Wiedereinstiegsvarianten ausführlich diskutiert. Hier muss jeder seine bevorzugte Methode finden und vor allem auch die seines Partners kennen und anwenden können.Danach lüfte ich das Geheimnis, warum mein Boot immer das schwerste der Gruppe ist: ich habe halt immer ein erhebliches Maß an Ausrüstung dabei, die nur dem Umstand geschuldet ist, dass ich in der Regel in der Verantwortung stehe, wenn etwas "unrund" läuft. Mein Stormshelter wird gleich ausprobiert und mit vier Leuten bevölkert — auch wenn er nur für zwei gedacht ist! Geht durchaus! Und wenn man als Alternative ungeschützt im Schneesturm ausharren muss, ist das doch die bessere Wahl.Super gekantet, super C-Haltung |
Abschließend übt jeder noch einmal die Techniken, die ihm besonders am Herzen liegen, sei es Wriggen, Rollen, Wiedereinstieg mit und ohne Assistenz oder das Einsteigen unter Benutzung meiner Cockpit-Schlinge, das Angela besonders interessiert. Sie fand diese Methode sehr hilfreich.
Nach den leichten Wehen bei der Vorbereitung hat sich das Wochenende bei allen als großer Erfolg gezeigt. Der Platz ist ideal, um einer nicht kleinen Gruppe als Standlager zu dienen und stellt durch die unmittelbare Nähe zum Segelhafen mit seiner Infrastruktur echten Luxus zur Verfügung. Die durchaus rauhen Bedingungen waren ideal, um mal etwas realitätsnaher Dinge zu praktizieren, die man sonst nur bei Ententeichbedingungen übt.
Mir hat es riesigen Spaß gemacht, mit einer Gruppe zu arbeiten, die beflissen ist zu lernen und sich ihren Grenzen zu stellen, um sie zu erweitern — und mit einer Partnerin, die über mindestens die gleiche Kompetenz verfügt wie ich. Am Schluß waren Betzi und ich uns einig, dass dies nicht die letzte Veranstaltung dieser Art gewesen sein muss.
