Sonntag, 15. Mai 2011

Mit GPS zur Tonne 4

Unser Nachbarverein feiert heute seinen 90. Geburtstag. Da bin ich eingeladen und da will ich auch gerne hingehen. Und wenn ich schon mal am Klub bin, kann ich ja auch gleich die Gelegenheit nutzen und paddeln gehen. Zuerst muss ich aber noch geduldig die vielen Reden durchstehen, die sich natürlich alle etwas in die Länge ziehen. Ich hätte nach den Bootstaufen gehen können, aber da wir eine lange Tour machen wollten, musste ich unbedingt noch mal hochgehen, um mir mit "ein paar" Schnittchen eine solide Grundlage für das Kommende zu verschaffen.

Außer Jörg ist heute mein frisch programmiertes GPS-Gerät mit von der Partie. Ich muss schließlich den Umgang damit üben, damit er mir im realen Einsatzfall leicht von der Hand geht. Ich habe eine Route eingegeben, der ich gerne folgen möchte, um zu sehen, wie sich das anfühlt und wie man mit Änderungen umgeht.

Wir hatten überlegt, die Tour am Samstag zu machen, haben sie aber wegen der Wettervorhersage, die mit Gewitterschauern drohte, um einen Tag auf den Sonntag verschoben. Wir sind etwas am zweifeln, ob das eine gute Idee war, denn nur wenige Minuten, nachdem wir auf dem Wasser sind, setzt der erste heftige Regenschauer ein. Und der Wind ist irgendwie auch nicht von schlechten Eltern. Da ich natürlich wieder viel zu hektisch meine Sachen gepackt habe, habe ich auch wieder etwas vergessen: meinen Südwester. Ich bereue es schmerzlich!

Und natürlich fallen wir wieder in unseren alten Trott, dass wir viel zu schnell fahren und uns verausgaben. Jörg ist es diesmal, der darauf aufmerksam macht und ein langsameres Tempo anmahnt. Das müssen wir echt üben! Es gehen noch hin und wieder einige Schauer über uns nieder aber wir folgen stur der durch das GPS vorgegebenen Route. Es ist wirklich praktisch, immer genau die Abdrift erkennen zu können - aber mit der Auswahl der angezeigten Daten muss ich noch experimentieren. Wir wollen zwar ausdrücklich etwas weiter als bis zur Glockentonne fahren, aber da Kiel Leuchtturm für heute außer Frage steht, loche ich die Tonne 4 als nächsten Wegpunkt ein. Etwa 20 Minute bis wir da sind, sagt mein GPS. Es soll verdammt genau recht behalten!
Jenseits von Laboe geht eine wirklich lebhafte See. War der Wind vorhin zwischen den Schauerfronten immer recht schwach, so ist er jetzt auf hohem Niveau eingerastet. Es macht Spaß, in den Wellen zu spielen. Für eine Pause am Scheitelpunkt unserer Tour ist das Wasser aber allzu ungemütlich. So fahren wir wieder bis zum Strand nach Möltenort zurück, wo wir die Boote nur auf den Sand setzen aber nicht aussteigen.
Natürlich hat sich die Windrichtung nicht die Spur zu unseren Gunsten entwickelt, so dass wir die ganze Zeit gegenan keulen müssen. Die Windgeschwindigkeit liegt leider auch deutlich über den vorhergesagten vier Beaufort. Am Ende der Tour waren es laut GPS gute 25 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,9km/h. Das ist ziemlich hurtig. Aber auf Helgoland bezogen ist es leider nur die halbe Miete - und eine zweite solche Hälfte ist bei derartigen Verhältnissen nicht drin!

Samstag, 2. April 2011

Leuchtturm Nonstop


Die Zeichen stehen günstig: Alle Familienmitglieder sind mit eigenen Unternehmungen beschäftigt und das Wetter soll bombastisch gut werden: 20 Grad und Sonne und nicht zuviel Wind. Genau richtig, um meine Vorbereitung für unsere große Tour in diesem Jahr voranzutreiben. Ich will versuchen, bis zum Leuchtturm zu kommen und wenn es geht, auch wieder zurück, ohne zwischendurch auszusteigen. Das Gute an der Förde ist ja, dass man es sich jederzeit anders überlegen kann und im Falle, dass man allzu porös ist, an Land gehen. Nicht so, als wenn man nach Helgoland unterwegs ist und man auf halben Wege merkt, dass der Hintern unerträglich durchgesessen ist, man einen Krampf im Oberschenkel hat, oder sonstige unverhergesehene Zwänge ein Weiterfahren unmöglich machen. Kiel Leuchtturm ist sozusagen "Helgoland mit Geländer", denn die Entfernung ist gar nicht so viel anders, als wollte man Deutschlands einzige Hochseeinsel erreichen.

Um viertel vor elf bin ich auf dem Wasser, um gleich festzustellen, dass ich natürlich wieder meine Sonnenchreme vergessen habe. Zum Glück schützen mich ein paar Schleierwolken davor, am Ende des Tages wie eine Grillwurst auszusehen und den Stress mit Marie-Theres auszustehen. Allerdings muss ich nach etwa fünfhundert Metern ebenfalls feststellen, dass ich mit meiner Winterpaddeljacke hoffnungslos "overdressed" bin. Ich bin eine Weile unentschlossen, ob ich sie ablege, denn soo warm ist es auch nicht und das Wasser hat erfrischende vier Grad. Aber nach ein paar weiteren Metern gibt es keine Zweifel mehr: Die Jacke kommt ins Cockpit. Der Wind schiebt ein wenig von hinten - ich hätte ihn auf zwei bis drei Beaufort geschätzt, es sind aber tatsächlich vier. Das macht das Fahren sehr angenehm, aber skeptisch wie ich bin, mache ich mir bereits Gedanken über die Rücktour. Vielleicht muss ich doch das Geländer in Anspruch nehmen?

Ich paddle ohne große Anstrengung, denn ich rechne mit mindestens sechs Stunden - eher mehr. Jede Stunde mache ich eine kleine Pause, keine fünf Minuten, aber ich trinke jeweils etwas, später esse ich auch immer ein bisschen. Das wirkt Wunder. Der Wind hält über die gesamte Zeit seine Richtung und Stärke bei. Die Sicht ist sehr diesig, so dass ich mein Ziel erst an Tonne 5 schemenhaft erkennen kann. Um 13:25 Uhr erreiche ich den Leuchtturm und packe  Thermoskanne und Tupperdose aus. Bis hierher bin ich inklusive Pausen mit 8,25 Stundenkilometern unterwegs gewesen. Das ist supergut, aber nicht so bedeutend, denn dass ich drei Stunden diese Geschwindigkeit halten kann, wusste ich vorher. Es ist aber etwas überraschend, denn ich bin eher auf Nachhaltigkeit gefahren, so dass ich es dem Wind gutschreibe, dass ich so gut voran gekommen bin.

Bereits nach zehn Minuten mache ich mich wieder auf den Rückweg. Dadurch, dass ich immer mal eine kleine Pause gemacht habe, brauche ich jetzt nicht mehr Zeit zum Ausruhen. Mit dem Wind nun im Gesicht ist es gleich deutlich frischer, aber ich will die Paddeljacke noch nicht anziehen. Ich merke, dass es deutlich mehr ist, als was mir damals bei meiner Überfahrt nach Ärö ins Gesicht blies und ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr er mir nach vier Stunden zugesetzt hatte. Aber heute fühle ich mich noch ausgesprochen frisch und das Paddeln fällt mir leicht. Ich schaffe es immernoch, fast die gesamte Stunde mein Paddel rotieren zu lassen, ohne es zwischendurch abzulegen.

Meine erste Hochrechnung für den Zeitpunkt meiner Rückkehr liegt bei 17:00 bis 17:30, denn ich weiß dass ich das hohe Tempo der Hinfahrt auf gar keinen Fall halten kann. In der fünften Stunde wundere ich mich schon, dass ich noch nicht müder bin, den ich fliege immer noch mit einer fast beänstigenden Geschwindigkeit über das Wasser. Zwischendurch halte ich kurzzeitig eine Ankunft um 16:15 Uhr für möglich, aber da hat mich vermutlich eine Art Dilirium gepackt. In der sechsten Stunde hat der Wind ein Einsehen mit meiner hohen Geschwindigkeit und dreht auf fünf auf. Das macht mir echt zu schaffen! Das Paddel die volle Stunde in Bewegung zu halten, schaffe ich eh schon nicht mehr und nun muss mir der Wind hier auf den letzten Metern noch den Spaß verderben! Ich habe mir irgendwann vorgenommen, unter sechs Stunden zu bleiben, aber auch diese Marke scheint jetzt nicht mehr erreichbar. "Ach was! Ich schaffe das!", versuche ich, mir Mut zu machen. Und siehe da, als ich am Steg anschlage, sind sechs Stunden und zwei Minuten vergangen - aber von den zwei Minuten werde ich niemandem etwas erzählen!

44 Kilometer halb mit, halb geben den Wind in sechs Stunden, alle Pausen eingerechnet. Das sind 7,3 Stundenkilometer - ich bin richtig stolz! Wenn die Bedingungen günstig sind, sollte Helgoland auch ohne Geländer schaffbar sein.

Sonntag, 20. Februar 2011

Biike-Brennen-Ersatztour

"Lass uns doch mal eine Wintertour machen!" Schon vor Monaten hatten wir uns auf den Plan verständigt, zum Termin des Biike-Brennens eine Nordseetour zu machen, um dieses traditionelle Ereignis einmal aus nächster Nähe zu erleben. Für den Montag, an dem die Reisighaufen abgefackelt werden sollten, und den darauf folgenden Dienstag haben Trenk, Jörg und ich Urlaub eingereicht, damit wir auch alles im Vorfeld planiert haben, wenn es denn soweit ist. Natürlich ist eine Tourtermin für Mitte Februar mit einem hohen Risiko verbunden, dass die Unternehmung auf Grund des Wetters nicht Wirklichkeit werden kann. Aber es gibt auch schöne, milde Tage im Februar und wenn wir dem Glück keine Chance geben, klopft es nie an unsere Tür.

Leider war das mit dem Wetter letztlich doch nicht das entscheidende Kriterium. Eine Woche vor dem Termin stellte sich bei Jörg heraus, dass er an den anvisierten Tagen beruflich unabkömmlich sein würde. Aber wenn wir uns schon so lange zu einer Tour verabredet hatten, wollten wir versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Am Wochenende davor hätten alle Beteiligten ebenfalls Zeit. Ein Blick auf die Wettervorhersage am Sonntag vorher ließ keine warmen Wogen der Vorfreude aufkommen: Freitag Wind fünf bis sechs aus Ost bis Nordost, Samstag nicht viel weniger bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt. Da schaudert's einem eher, als dass es reizt, sich bei minus sieben Grad im Zelt auf einer Hallig ungeschützt dem beißenden Wind auszusetzen. Nicht mit uns - soviel war klar! Aber Sonntag! Kalt zwar, aber mit Chance auf Sonne und absolute Windstille! Da sollte wenigstens eine Tagestour unter angenehmen Bedingungen drin sein.

Überraschende Schneewehen bei der Anreise.
Um die Anreise für alle Beteiligten einigermaßen ausgewogen zu gestalten, einigen wir uns auf die Flensburger Förde als Revier. Bei der Feinabstimmung am Samstag vorher verlegen wir den Startpunkt doch lieber von Falshöft nach Habernis. Die nun genauere Vorhersage offeriert uns die Aussicht auf einen Dreier-Wind aus Ost. Bei einem Start in Falshöft hätten wir bei der Rücktour auf jeden Fall Gegenwind. Habernis bietet wenigstens theoretisch die Aussicht auf Rückenwind für den zweiten Teil der Tour.

Bei der Hinfahrt überraschen uns die zahlreichen nicht zu vernachlässigenden Schneewehen auf den Bundesstraßen in Schwansen und Angeln. Weder haben wir mit soviel Schnee gerechnet noch mit soviel Wind - das ist mehr als drei. Aber er soll ja auch nachlassen. Am Einsetzpunkt bei Habernis laufen einige Spaziergänger grimmig vermummt am Strand entlang. Eine kurze Prüfung bestätigt: die Vermummung ist nicht übertrieben - es weht ein beißender Wind aus östlicher Richtung, und auf dem Wasser sind durchaus weiße Wellen zu sehen.

Wir wollen direkt bis Sonderburg durchfahren, das sind gute zehn Kilometer wie wir mit dem dicken Daumen abschätzen. Wir haben seit einer guten Woche durchgängig Ostwind und die Förde bietet in diese Richtung einen ordentlichen Fetch, so dass wir trotz des unserer Meinung nach recht geringen Windes mit erklecklichen Wellen rechnen. Angesichts der Umstände haben wir angezogen, was unsere Ausrüstung hergab. Kaum auf dem Wasser macht sich die erste Konsequenz bemerkbar: Jörg brummelt etwas und Trenk ruft zurück: "Ich hör' nix!". Verständigung ist ziemlich schwierig mit dicken Mützen über den Ohren und pfeifendem Wind um die Nase.

Der Wind kommt zwar genau von querab, aber dadurch, dass wir deutlich vorhalten müssen, ist es natürlich eigentlich Gegenwind. Nicht übermäßig - aber deutlich und unausgesetzt, pausenlos, ständig und immer. Und irgendwie doch mehr als drei. Das zehrt auf die Dauer. Aber der Wind soll ja nachlassen. Wir wollen uns nicht verausgaben, denn schließlich müssen wir ja auch noch wieder zurück. Dadurch, dass wir nicht auf Höchsttouren laufen und der eiskalte Wind seinen Tribut fordert, sind meine Füße immer knapp an der Grenze zum kaltwerden. Ich mache von Zeit zu Zeit bewusste Beinarbeit, um sie nicht zu sehr abdriften zu lassen. Auf halber Strecke überlege ich mir, dass ich ja auch mal ein Foto von unterwegs benötige und fummele meine Kamera heraus. Zum Fotografieren muss ich das Paddel aus der Hand legen. Die Wellen sind nicht unbedingt so, dass man sich keine Gedanken machen müsste, und eine Kenterung ist das letzte, was wir hier gebrauchen könnten. Immerhin mache ich ein paar Fotos - danach sind meine Füße warm!

Die geschätzten zehn Kilometer bis Sonderburg sind dann doch über zwölf und eine Pause hochwillkommen - wenn nicht unausweichlich. Aber die Suche nach einem windgeschützten Plätzchen gestaltet sich schwierig. Letztlich laufen wir am Strand vor dem Schloss auf. Durch den Ostwind herrscht eine recht starke Strömung parallel zum Strand, und man muss beim Aussteigen ziemlich aufpassen, dass es einem das Schiff nicht verdreht. So dick eingepummelt, wie wir sind, sind wir auch keine Wunder an Beweglich- und Geschmeidigkeit. Da überrascht es nicht, dass Jörg bei dieser Prozedur plötzlich neben seinem Boot schwimmt und im zwei Grad kalten Wasser plantscht.

Wir verbringen unsere Pause auf dem Sockel des abmontierten Badesteges. Gegen den Wind wehren wir uns mit zwei Ponchos - nicht wirklich erfolgreich. Jörg und Trenk versuchen ihre eiskalten Finger wiederzubeleben, indem sie sie in heißem Tee baden. Die Gemütlichkeit kann sich ob der äußeren Umstände nicht voll entfalten und so schrauben wir uns schon recht bald wieder ungelenk in die Boote. Die Paddelschäfte sind eiskalt, dass die eh schon steifen Hände beinahe daran festfrieren. Leider sind nach dem Ablegen auch Trenks und mein Skeg in ihren Gehäusen festgefroren, so dass wir sie uns gegenseitig gängig machen müssen. Das Rumfummeln im eiskalten Wasser gibt meinen Händen den Rest - sie sind dermaßen kalt, dass ich außer stechenden Schmerzen nichts mehr fühle und es eine halbe Stunde dauert, bis sie wieder aufgetaut sind.

Gestern hatten wir im Warmen sitzend noch schwadroniert, zum Leuchtturm Kalkgrund zu fahren. Heute bewegt uns eher die Frage, wie wir mit möglichst wenig Aufwand wieder zurück kommen. Der direkte Weg ist natürlich nicht immer der "kürzeste" und unser Plan ist, erstmal direkt nach Osten zur Spitze der Halbinsel Kegnaes zu fahren, um etwas "Höhe zu machen" und dadurch wenigstens leicht schiebenden Wind für die Überfahrt zu gewinnen.

"Direkt nach Osten" ist eine Verniedlichung von "direkt gegen den Wind" und irgendwie ist aus dem Nachlassen des Windes bisher nichts geworden. Zentimeter für Zentimeter erarbeiten wir uns mühsam den Weg nach Kegnaes . Nur der Glaube "Dadurch gewinnen wir Höhe!" lässt uns die schier unendlichen sechs Kilometer überleben. An der Westspitze der Halbinsel angekommen bin ich so porös, dass ich mir Gedanken mache, ob ich für die gut doppelt so lange Überfahrt überhaupt noch genug Kraft habe. Jörgs Befindlichkeit ähnelt meiner, während Trenk vor Kraft und Fitness strotzt. Er schafft es im Gegensatz zu uns, einmal die Woche aufs Wasser zu kommen. So ein konsequentes Training macht sich bezahlt.

Die Pause ist kurz, aber sie tut ihre Schuldigkeit in bezug auf die Wiederherstellung unserer Leistungs- und Leidensfähigkeit. Mit frischem Mut geht es Richtung Süden bis zur östlichen Gefahrentonne des Kegnaes-Flachs. Danach halten wir etwa 200 Grad. Unser Zielplatz ist nicht zu erkennen, aber unsere "Daumennavigation" funktioniert perfekt: Trotz des starken Versatzes durch den Wind müssen wir unseren Kurs erst ganz kurz vorm Ziel leicht anpassen. Auch die Rechnung mit dem "Höhe gewinnen" ging auf. Man kann zwar nicht von reinem Rückenwind reden, aber Gegenwind haben wir nicht mehr. Etwas anderes hätte ich auch nicht überlebt. Jörg vermutlich auch nicht. Während Jungspund Trenk frohgemut vorweg paddelt, als sei alles nicht der Rede wert, kriechen wir zwei Senioren müde hinterher. Aber auch wir kommen lebend und in einem Stück am Zielort an!


Das Ausziehen gestaltet sich noch einmal schwierig: Der Reißverschluss meiner Schwimmweste ist total vereist, so dass ich ihn nicht öffnen kann und auch Jörg benötigt Hilfe beim Verlassen seines zugefrorenen Trockenanzugs. Wir sind noch etwas kalt und ziemlich groggy - aber vor allem auch stolz, dass wir die Tour überhaupt geschafft haben - so vollkommen außerhalb der Saison auf dem Tiefststand unserer Fitness!

Mehr Fotos hier.

Samstag, 12. Februar 2011

Die neue Saison wirft ihre Schatten voraus...

In der letzten Zeit gab es viele Gründe, die mich gehindert haben, aufs Wasser zu kommen. Aber es stehen auch Unternehmungen in der Zukunft an, die es erfordern, dass ich schleunigst damit anfange, den sich bildenden Rost aus dem Gebälk zu bürsten.

Eigentlich wollte ich am Sonntag aufs Wasser gehen, aber ich habe mich vom Wetterbericht umstimmen lassen. Das war eine gute Maßnahme, denn der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint und die Luft ist knackig klar. Allerdings ist es deutlich unter null Grad und es geht ein frischer Wind. Nach Vorhersage hätte der aus Südost kommen sollen, so dass ich wenigstens für die Hintour Rückenwind hätte haben sollen. Aber er stellt sich hier als reiner Ostwind dar. Theoretisch also genau von querab, was aber faktisch Gegenwind bedeutet - und zwar auf Hin- und Rücktour!
Nun gut, ich will ja irgendwie auch gefordert werden, denn in einer guten Woche soll es auf die Nordsee gehen - wenn uns denn  das Wetter und die anderen Imponderabilien günstig gewogen sind. Bei meiner Abfahrt ist der feste Mittelteil des Steges satt unter Wasser. Der hohe Wasserstand wundert mich etwas, denn er ist auf keinen Fall im Gleichgewicht mit den Wetterbedingungen. Der eiskalte Wind ist trotz Fleecemütze unangenehm am Kopf. Hier wäre eine Kapuze Gold wert, aber an meinem Trockenanzug ist nun mal keine dran. Ich ziehe mir die Mütze weit über die Ohren und überlege, wie ich meinen Kopf bei einer längeren Tour besser schützen könnte.

Als ich nach einer dreiviertel Stunde Möltenort passieren, bin ich richtig schön eingepaddelt. Trotz nicht gerade günstiger Bedingungen fällt das Paddel wie von alleine abwechselnd auf beiden Seiten des Bootes ins Wasser und ich komme zügig voran.

Bei meiner Freundin, der Glockentonne, mache ich kehrt. Der Himmel ist ist immer noch strahlend blau, aber die Zirren bestätigen schon, dass meine Entscheidung heute zu fahren, richtig war. Ich bin mit meiner Kondition bis hierher ganz zufrieden, unerwartete acht Stundenkilometer habe ich hingelegt. Die Bewährungsprobe, wie nachhaltig ich dieses Tempo fahren kann,  wird aber der zweite Teil der Tour erbringen. Da die Rücktour gefühlt deutlich länger dauern wird, als die Hintour, verlege ich meine Pause wieder an den Strand von Möltenort. Obwohl die Sonne ziemlich kräftig scheint, wird mir recht schnell recht kalt, als ich am Strand sitzend meine Stullen verdrücke und den heißen Apfelsaft trinke. Als ich mich nach kurzer Zeit wieder ins Boot fädele, habe ich eiskalte Hände und es dauert eine ganze Weile, bis das Leben wieder in die letzte Fingerspitze zurückgekehrt ist.

Es ist zwar ausgesprochen still auf der Förde, aber immerhin sind schon die ersten Segler wieder unterwegs. Ein unerschrockener Windsurfer ist auf dem Wasser und die Wirtschaftskrise ist sichtbar überstanden. Es herrscht wieder Betrieb wie vor den deutlichen Einbruch und die Schiffe ragen nicht mehr so hoch aus dem Wasser. Irgendwann begegnet mir ein seltsames Gefährt - so etwas wie ein "Schiff ohne Unterleib". Es sieht aus wie ein ganz normaler  Frachter, hat aber keine Brücke. So als hätte das Geld am Ende nicht gereicht und man sich gegen dieses überflüssige Zubehör entschieden hat. Stattdessen müht sich am Heck ein Schlepper, dem unvollständigen Etwas einen Sinn zu geben.

Als ich am Steg anlege, ist der Wasserstand um einen guten halben Meter gefallen. Die Förde sucht immer noch ihr Gleichgewicht. Ich hatte es unterwegs schon deutlich gespürt und auch meine Reisezeit lässt keinen Zweifel aufkommen: Zwar geht ein Teil auf meine noch längst nicht optimale Verfassung zurück, aber ein Teil eben auch auf den deutlich spürbaren Gegenstrom. Aber Strom und Wind seien wie sie wollen, wenn ich in einer Woche auf die Nordsee will, muss das Wetter schon deutlich gnädig sein!

Samstag, 22. Januar 2011

Meine erste Schweinebachtour!

Vom legendären Ruf der Hagener Au hatte ich schon viel und oft gehört - aber ich bin sie noch nie gepaddelt. Heute sollte meine erste "Schweinebach"-Tour sein. Der Name hat seinen Ursprung nicht etwa im wüsten Charakter des Flusses - oder sagen wir ehrlicherweise: des Baches - sondern in der Tatsache, dass sich das Erscheinungsbild der Tourteilnehmer gegen Ende der Fahrt dem der namensgebenden Kreatur annähert.

Als vom Hörensagen erfahrener Kleinflussfahrer hatte ich meine Einhandklappsäge eingepackt, um alle unerwünschten Hemm- und Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Was also sollte sich mir in den Weg stellen wollen?

Das erste Mal musste ich schlucken, als Sabine sich an der Einsetzstelle oben am Hang in ihr Boot setzte, ein paarmal kurz nach vorne juckelte und schwungvoll, elegant und spritzend ins Wasser schoss. Als eingefleischter Seekajakfahrer habe ich eine eingebaute Aversion gegen Situationen, in denen der Bug meines Bootes tief ins Wasser getaucht ist, während das Heck noch hoch auf Land liegt. Da aber auch Jörg und Piet und die andere Sabine diese Art des "Einsetzen" für das Natürlichste der Welt hielten, konnte ich mir ja keine Blöße geben und sah mich gezwungen, es ihnen gleich zu tun. "Ich kann ja ganz gut stützen!", hab ich mir gesagt, um mich zu beruhigen, dass ich schon nicht koppeister ins kalte Wasser gehen würde. Wie ich bei noch zahlreichen folgenden Gelegenheiten dieser Art feststellen konnte, verhalten sich Wildwasserboote bei dieser Prozedur spürbar anders als Seekajaks! Gutmütiger eben!

Sieben Kilometer sollte die Entfernung bis zum Zielort betragen. Mit der Strömung kann das ja wohl kaum mehr als eine Stunde dauern - dachte ich. Aber als Jörg sagte: "In drei Stunden können wir das gut schaffen!", dachte ich schon, dass es die eine oder andere Situation geben könnte, die unser Fortkommen bremsen würde.

Die ließ auch gar nicht lange auf sich warten. Wir waren noch keine fünf Minuten in den Booten, da mussten wir sie auch schon wieder verlassen, weil ein solider Baumstamm quer lag. Mit meiner Säge hätte ich gegen ihn ausgesehen, wie ein Bauarbeiter, der versucht, mit einem Teelöffel eine Baugrube auszuheben. Ein Kilo Sprengstoff hätte gute Dienste geleistet, hatte ich aber nicht dabei. Nun gut, ich wollte eh noch mal überprüfen, ob es wirklich so schwer ist, meine Spritzdecke wieder über den Süllrand zu bekommen. Da ich diese Aktion im Laufe der Tour ein gutes Dutzend Mal exerziert habe, kann ich mit Fug und Recht sagen: ja, es ist tatsächlich so schwer!

Die zu meisternden Hindernisse lassen sich in mehrere, klar voneinander trennbare Kategorien einteilen.

Da ist als erstes die gemeine Unterfahrung zu nennen. Ein Hindernis liegt in einer gewissen Höhe quer über dem Bach und lässt noch "genügend" Spielraum für den Paddler, sich mit seinem Boot unten hindurch zu zwängen. Natürlich gibt es bei dieser Kategorie ein kontinuierliches Spektrum der lichten Durchfahrtshöhe von "naja, ich leg' mal den Kopf zur Seite" bis zu "vielleicht ist es besser, wir gehen lieber drüber, statt drunter durch!". In jedem Falle ist eine gute Beweglichkeit gefragt, damit man nicht doch noch im letzten Moment mit der Nase an einem hervorstehenden Zweig hängenbleibt. Genauso wichtig ist bei niedrig und schräge ins Wasser gleitenden Hindernissen eine ausgereifte Technik, sich unter ihnen hindurch zu hangeln - und dabei auch das Paddel mit zu bekommen! In kritischen Situationen bräuchte man das Paddel nämlich eigentlich quer zum Boot, um ein Umkippen stützend zu verhindern. Aber damit bleibt man zwangsläufig an den Ästen und Zweigen oder gleich am Haupthindernis hängen. Auch das Festhalten mit den Armen ist nicht die Rettung schlechthin, denn das Boot unter einem will der Strömung folgen und hält nicht freiwillig an. Diese komplexe Aufgabe hat mich an einem Hindernis dieser Kategorie leider derart überfordert, so dass es mich komplett unter Wasser gedrückt hat. Zum Glück war ich aber grimmig entschlossen, nicht auszusteigen, und irgendwie habe ich es dann doch geschafft, Boot und Besatzung wieder in die richtige vertikale Reihenfolge zu bringen - aber meine Mütze war nass!

Eine etwas diffuse Erscheinung hat die nächste Kategorie: Ich will sie mit "Gestrüpp" betiteln. Eine vermittelbare Befahrenstechnik gibt es hier eigentlich nicht, am ehesten noch "Augen zu und durch!". Meine mitgeführte Klappsäge erwies sich nicht als das geeignete Mittel, hier für Linderung zu sorgen. Auch das vorhin erwähnte Dynamit käme nur als zweite Wahl in Betracht, zumal man es auch gar nicht in ausreichender Menge hätte mitführen können, ohne sein Boot zu versenken. Auf meiner nächsten Tour dieser Art hätte ich eine Rosenschere im Holster - und eine Skibrille im Gesicht! So gerüstet wären Hindernisse dieser Kategorie kaum der Erwähnung wert, man könnte sich auf die auch nicht triviale Aufgabe konzentrieren, sein Paddel und seine Mütze in erreichbarer Nähe zum Boot zu halten.

Als vorletztes ist da noch die einfachste Kategorie, die sich aber leider von der letzten, nämlich der hoffnungslosen Kategorie nur sehr schwer unterscheiden lässt. Offensichtlich nicht nur von mir als Anfänger, sonst hätten die anderen sich nicht mehrfach in der Einordnung solcher Hindernisse vertan. Die noch nicht hoffnungslose Kategorie stellt sich als totale Verblockung des Fahrwassers durch einen oder mehrere mehr oder weniger starke Bäume, Äste, Steine oder sonstige Widernisse dar, die aber nicht allzu hoch aus dem Wasser ragen. Mit energischer Kompromisslosigkeit und ordentlich Schmackes kommt man meist recht unproblematisch über sie hinweg. Manchmal muss ein nachträgliches Juckeln, Rudern mit den Armen und Zerren an knapp erreichbaren Zweigen ein Übriges tun.

Das verräterische an diesen Hindernissen ist eben das Kriterium "nicht allzu hoch"! Ein mickriger Zentimeter zu viel, kein knapp erreichbarer Zweig in der Nähe - und schon befinden wir uns in der letzten Kategorie, in der hoffnungslosen. Manchmal muss man offensichtlich einige Zeit mit seinem Boot aussichtslos auf dem Hindernis sitzen, bis man sich zur richtigen Einordnung durchringen kann. An Demut gewachsen puhlt man sich aus dem Schiff, schleift es durch den seitlichen Sumpf und kämpft den verbissenen Kampf: Allein gegen die Spritzdecke!

Nach sieben Kilometern - oder drei Stunden später - bin ich ein anderer Mensch: Äußerlich mache ich dem Titel der Tour alle Ehre. Innerlich bin ich gereift und gefestigt: Außer einer Schramme am rechten Zeigefinger und einer nassen Mütze habe ich die schäumenden Wasser der Hagener Au unversehrt überlebt!

Eine kurzweilige Tour - so ganz anders als meine sonstigen Unternehmungen - zusammen mit vier wunderschönen Menschen!

Samstag, 8. Januar 2011

"Vom Eise befreit..."?


Zur Sicherheit habe ich heute meinen Dachgepäckträger mitgenommen, denn wenn wir am Steg wieder nicht ins Wasser kommen, wollen wir uns ein Fleckchen suchen, wo wir unsere Boote einsetzen können. Aber ich traue meinen Augen kaum: da ist nicht das geringste Stückchen Eis zu sehen, das unser Vorhaben verhindern könnte. Noch etwas ist kaum zu glauben: die ganze Woche verfolge ich nun schon den Wetterbericht für den heutigen Samstag. Bis zur Zeitung heute morgen waren sich alle einig, dass es zwar warm und erklecklich windig sein würde, dass uns aber auch dunkle Wolken und eine Menge Regen begleiten würden. Uns waren diese Randbedingungen egal, aber die Wirklichkeit straft die Vorhersage eh Lügen: der Himmel ist strahlend blau mit ein paar weißen Wolken, und die Sonne entfaltet eine wärmende Kraft.

Uns steht der Sinn nach ausgiebigem Paddeln, daher fahren wir nicht in die Schwentine, wo wir uns der Wintertour des TSV hätten anschließen können, die in einem geselligen Angrillen kulminieren würde. Statt dessen fahren wir Richtung 30 Grad, wie Norbert es ausdrückt. Er ist etwas später gekommen und würde uns gerne nachher auf der Förde treffen. Ich glaube, dass er "30 Grad nördlicher Breite" meint, aber er korrigiert mich: "Kompasskurs!" Letztlich kommt aber beides auf dasselbe heraus.

Mit dem Wind im Rücken sind wir im Nu bei der Glockentonne, aber es ist uns schon bewußt, dass die Rückfahrt nicht ganz so entspannt vonstatten gehen wird. Die Pause legen wir auf die "gefühlte" Mitte der Tour, die etwa nach einem Drittel der geometrischen Länge der Rücktour erreicht ist. Auf dem Weg gabeln wir Norbert auf, der mit uns zusammen zurück fährt. Am Kurstrand von Möltenort ist der Restschnee zu einer festen Eisdecke zusammengeschmolzen, auf der es so glatt ist, dass man kaum stehen kann. Die Pausenbank an der Promenade zu erreichen, ist daher heute der gefährlichste Teil der Tour.


Einem älteren Ehepaar müssen wir ausführlich erklären, warum es nicht zu kalt ist, bei diesem Wetter mit einem Paddelboot auf der Förde zu fahren. Die Wassertemperatur beträgt knapp ein halbes Grad und ich hatte gleich nach dem Einstetzen meine Hände einmal für zehn Sekunden ins Wasser gehalten. Das kostete schon einige Überwindung, dann nach fünf Sekunden fängt es an weh zu tun und nach zehn Sekunden wird der Schmerz bereits heftig. Aber  mit der intensiven Bewegung und so dick eingepummelt, wie wir sind, war uns am Anfang natürlich wieder viel zu warm. Mittlerweile geht es, denn der Wind bläst uns immerhin mit Stärke fünf ins Gesicht. Es ist schon erstaunlich, dass man am Anfang immer wieder denkt: "Hätte ich doch bloß nicht so viel angezogen!" und gegen Ende: "Gut, dass ich nicht weniger angezogen habe! Sonst hätte ich erbärmlich gefroren!".


Die Stärkung und das Verschnaufen waren notwendig, aber trotzdem fahren die Boote nicht von alleine gegen den Wind. Dreimal müssen wir anhalten und einen ausführlichen Klönschnack mit entgegenkommenden Paddlern halten - das bringt uns auch nicht nach vorne. Aber ich finde es schön, dass das Winterpaddeln auf der Förde im Laufe der Jahre zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Direkt vor dem Düsternbrooker Hafen löst sich auch das Rätsel mit dem verschwundenen Eis: Es treibt als riesige Scholle mitten im Wasser! Jörg fährt direkt drauf zu und sagt: "Da fahre ich durch!", rudert dann aber ziemlich bald ziemlich kleinlaut zurück. Die Eisscholle ist etwa zehn Zentimeter dick, aber sehr porös und weich. Man kommt mit dem Boot kaum hinauf, würde oben einbrechen, hat keine Möglichkeit, das Eis mit dem Paddel zu durchstechen und Rollen steht außer Frage. Da ist Rückzug schon die einzig vernünftige Option.

Am Steg ziehe ich mir kurz die Neoprenhaube über den Kopf und mache die obligatorische Abschlussrolle. Der größte Effekt davon ist, dass ich jedesmal ungemein beruhigt bin, wie undramatisch das von der Kälte her ist und dass ich problemlos wieder hoch komme. Als ich Jörg später mit dem Auto nach Hause fahre, setzt der für den ganzen Tag vorhergesagte Regen ein.

Sonntag, 2. Januar 2011

Kein Paddeln!

Wie erwartet ist die Förde in der Zwischenzeit zugefroren. Wir hatten etwas die Hoffnung gehegt, dass es heute möglich sein könnte, aufs Wasser zu kommen und uns verabredet. Für den Fall, dass am Klub kein Reinkommen möglich sein sollte, wollte Jörg seine Dachgepäckträger mitbringen und wir uns dann eine geeignete Stelle suchen, wo wir in Wasser kämen. Die erste Bedingung war erfüllt - vom Steg bis hinter die Tonne 5 war das Wasser solide gefroren. Es zeichnete sich im Eis die einsame Spur eines verbissenen Paddlers ab, der sich mit der Situation nicht abfinden wollte und sich irgendwie über die Eisfläche ins Wasser bugsiert hat. Das ist bestimmt spaßig, aber wir wollten uns das heute nicht geben. Die Chance, an der Kante ins Wasser zu kippen, ist erheblich und diejenige nach der Rückkehr auch wieder aus dem Wasser aufs Eis zurück zu kommen, liegt nicht bei 100%. Da die zweite Option nicht zum Tragen kommen konnte, weil Jörg seinen Wagen nicht aus der Parklücke bekam, in der er ihn die Witterung die letzten Wochen genüsslich festgefroren hat, haben wir unsere Zusammenkunft in Jörgs neue Wohnung verlegt und uns bei Tee und Keksen der Planung künftiger Unternehmungen hingegeben.