Sonntag, 1. Januar 2012

Neujahr

Nach vier Wochen Paddelabstinenz musste ich heute einfach aufs Wasser - auch wenn das Wetter erbärmlich war. Zum Glück ging es Jörg ganz ähnlich, so dass ich nicht alleine paddeln musste. Ich habe mein GPS mal wieder mitgenommen. Am Steg versuche ich, die Track-Aufzeichnung zu aktivieren und bin wieder wegen meiner altersschwachen Augen auf Vermutungen angewiesen, welche Felder nun wo auf der Anzeige liegen und hoffe, dass ich sie richtig getroffen habe.

Wir fahren ins Trübe und lassen uns von einem leichten Rückenwind schieben. Die Welt liegt noch im Tran und entsprechend ruhig ist die Landschaft. Es ist nicht spektakulär, wir sind einfach froh, mal wieder auf dem Wasser zu sein und die gewohnten Bewegungen machen zu können. Aber irgendwie ist der Frohsinn doch begrenzt, denn so ganz selbstverständlich kommen uns die Bewegungen dann doch noch nicht wieder aus dem Handgelenk. In der Heikendorfer Bucht werden die Wellen schon höher und wir sind oft mit zehn bis elf Stundenkilometern unterwegs. Jörg nennt die Tonne 10 als Limit für ihn, dem ich gerne beipflichte, denn hier hat der Wind mittlerweile doch die Stärke sechs erreicht und ich weiß, dass gegenan nicht ganz so gemütlich geht wie bisher.


Das Stück nach dem Umkehren bis wir am Strand von Möltenort zu einer Pause auflaufen, war wirklich anstrengend. Ich habe die ganze Zeit gedacht: "Wenn das jetzt der Auftakt zu Sturmböen ist, wie wir sie die ganzen letzten Wochen immer wieder gehabt haben, dann gehe ich unterwegs an Land und ruf mir ein Taxi!". Zum Glück bringt uns das Verzehren der Stullen wieder einigermaßen in Form, so dass wir zuversichtlich sind, auch den Rückweg vollständig im Boot bewerkstelligen zu können. Die vorbei spazierenden Menschen sind alle ausgesprochen freundlich und wünschen uns fast ausnahmslos ein Gutes Neues Jahr!

Der Rückweg geht zwar nicht von alleine, aber wir haben es so gewollt. Beim Queren des Fahrwassers genau gegen den Wind machen wir nur noch etwa fünfeinhalb Stundenkilometer. Das ist nicht sehr viel aber auch nicht ganz wenig. Nach dem Einsetzen der Landabdeckung geht unsere Geschwindigkeit gleich um einen Stundenkilometer hoch und als wir unseren Kurs parallel zum Fahrwasser ausrichten, liegen wir bei siebeneinhalb. Ich freue mich schon auf die Auswertung des GPS-Tracks. Am heimischen Steg angekommen, landet gerade eine Armada vom Nachbarklub an: etwa zwanzig Paddler in zwei Mannschaftskanadiern haben sich zur Begrüßung des Paddeljahres zusammengefunden!

Leider muss ich zuhause am Computer feststellen, dass ich bei der Trackaufzeichnung mal wieder "On" und "Off" verwechselt habe! Ich muss mir unbedingt etwas ausdenken, wie ich mit meinen Maulwurfsaugen beim Paddeln umgehe!

Samstag, 31. Dezember 2011

Altlasten

Heute ist der dritte Anlauf, meine abgelaufenen Signalraketen endlich einmal abzuschießen. In den anderen Jahren stand der Wind immer zu ungünstig, so dass ich mir nicht sicher sein konnte, dass die Leuchtkugeln am Ende auch tatsächlich im Wasser landen würden. Im vergangenen Sommer hatte ich schon beim Kauf einer neuen für die Rücknahme einer alten vier Euro gezahlt. Nun musste ich auch mal selbst eine abschießen - schon aus Gründen der Praxis. Wie sollte ich sonst - womöglich noch im Dunkeln, die Bedienung erlernen?

Am Strand stehend hielt ich die die Rakete hoch über meinen Kopf und Marie-Theres eng an mich. Der Rückstoß war mehr psychologischer Natur als physikalischer. Mit einem schüchternen Glühen zwar aber ordentlich Schub schraubte sich das Geschoss gen Himmel. So richtig leuchten tat es eigentlich nicht, aber immerhin stieg es beeindruckend hoch. Schließlich war das Glimmen des Antriebs nicht mehr zu sehen. Okay, das Teil war mehr als drei Jahre überfällig, da sollte man nicht allzuviel erwarten. Aber nach einigen Sekunden färbte sich die Wolkendecke rot und nur wenig später schwebte eine grell rot leuchtende Kugel langsam aus den Wolken hernieder. Das Teil war einfach so hoch gestiegen, dass man es nicht mehr gesehen hat! Gemächlich segelte die Leuchtkugel an ihrem bald sichtbar werdenden Fallschirm auf uns zu. Hm - die kommt aber genau auf uns zu! Sicherheitshalber gehen wir ein paar Schritte beiseite um zu verhindern, dass das Geschoss direkt wieder in sein Abschussrohr zurückfällt. Die Rakete glüht tatsächlich genau so lange, bis sie den Boden erreicht. Die zweite kommt etwas weiter vor uns über dem Wasser herunter und lässt die Förde wunderbar rot leuchten, wie bei einem surrealen Sonnenuntergang mitten in der Nacht. Sie fällt noch knapp brennend ins Wasser. Es war eine weise Entscheidung, die Dinger nicht bei widriger Windrichtung abzufeuern!

Alles in allem ein großartiger Erfolg: Ich habe geübt, Signalraketen bei dunkler Nacht abzufeuern, bin die Dinger günstig los - und trotz jahrelanger Überschreitung des Ablaufdatums haben sie noch einwandfrei funktioniert! Und das obwohl ich sie wirklich nicht schonend gelagert, sondern meistens offen an Deck transportiert habe. Als wir uns danach die Silvesterraketen der anderen Strandbesucher ansehen, kommen sie uns unsäglich mickrig vor!

Sonntag, 27. November 2011

Viel Wind

Der Mailverkehr zur Abstimmung, ob, wie und wo gepaddelt wird, verlief etwas kontrovers. Es war heftiger Wind vorausgesagt aus der bei uns üblichen Richtung, die ein Paddeln auf der Förde eher unerquicklich werden lässt. Nachdem die Nacht und der Morgen ausgesprochen stürmisch verlaufen sind, versichere ich mich noch einmal telefonisch bei Jörg, ob er seine Entscheidung nicht inzwischen schon revidiert hat. Wir verabreden uns, einen Blick vor Ort zu werfen und dann zu entscheiden.



Am Leuchtturm herrscht durchgehend Windstärke neun - von den Böen will ich gar nicht wissen, wie stark sie sind. Für die Innenförde weist das Institut für Meereskunde eine unspektakuläre Sechs aus. Aber irgendwie kann ich das kaum glauben, denn ich habe schon oft eine sechs erlebt und die Schaumkronen sehen irgendwie giftiger aus. Ein Kontrollgang zum Steg fördert unser erstes Problem zu Tage: Da ist kaum Wasser in der Förde! Die Schwimmteile der Steganlage liegen auf Grund und man könnte prima Miesmuscheln sammeln, ohne sich die Füße nass zu machen.

Ein fieser Regen hat eingesetzt, so einer, bei dem eigentlich keine Tropfen vom Himmel fallen, sondern das Wasser gleichmäßig in der Luft verteilt ist. Wir haben uns mit Trockenanzügen gewappnet und oben mit Südwestern abgedichtet. Unseren anfänglichen Kurs legen wir viel südlicher als wir müssten. Wir haben einen gehörigen Respekt vor dem strammen Wind und wollen ihm nicht genau unsere Breitseite bieten. Es weht ziemlich heftig, konstant zwar, ohne herausragende Böen, die einen umzuschubsen versuchen, aber trotzdem hängen wir sehr zur einen Seite im Boot. Die Wassertemperatur ist in den letzten Tagen zwar wieder auf etwa neun Grad gestiegen, und dennoch sind wir nicht wirklich locker. Wie so oft ist weniger die rechnerische Kombination aus Windstärke und Wellenhöhe das limitierende Element, sondern das innere Unbehagen, das durch die Gesamtheit der Bedingungen entsteht. Man kann auf einem zwanzig Zentimeter breiten Doppel-T-Träger vollkommen unbeschwert herumtanzen und -hüpfen, solange er auf dem Boden liegt. Man hätte nicht im Geringsten Bedenken, herunter zu fallen. Kragt dieser Träger aber in 200 Metern Höhe über wuselndem Verkehr aus einem Hochhaus, man würde sich panisch an das Eisen klammern und keinen einzigen Schritt wagen. Das Unbehagen löst sich erst, nachdem wir Richtung Norden abgedreht haben und mit dem Wind im Rücken in die Schwentine rauschen.

Am Schwall schäumt es ungewohnt, denn durch den niedrigen Wasserstand fällt die Schwentine über einen nun frei liegenden Absatz. Ganz und gar nicht frei liegt der Zugang zur Bootsgasse. Da ist kein Rankommen mit den Booten und wir müssen ein paar Meter vorher im Schlick aussteigen. Beim Hochtragen der Boote ramme ich mit dem Kopf gegen einen leicht aus dem Gewölbe hervorspringenden Stein, weil mir der Südwester etwas die Sicht nimmt. Die größten Gefahren beim Paddeln im Sturm lauern eben doch an Land - nicht auf dem Wasser.

Auf der Schwentine ist es leidlich geschützt, aber an manchen freien Stellen greift uns der Wind doch noch heftig an. Es sind noch nicht viele Wintergäste unter den Vögeln zu entdecken, aber immerhin können wir zwei wunderschöne Schellentenpaare aus nächster Nähe beobachten. Rhein und Main liegen in diesen Tagen fast trocken da - die Schwentine dagegen kann nicht über Wassermangel klagen. Im oberen Bereich, da wo die Wasseramsel wohnt, müssen wir hintereinander fahren und unsere Spur mit Bedacht wählen, weil die Strömung nicht von schlechten Eltern ist. Unter der Brücke vor der Oppendorfer Mühle ist das Wasser wie immer flacher, als man denkt, und ich haue mein Paddel ein paarmal heftig gegen die Steine am Grund. Ich ärgere mich jedes Mal, aber irgendwie ist ein Umdrehen vor der Brücke so etwas wie Aufgeben. Mal sehen, wieviele Kerben es in meinem Paddel noch braucht, bevor ich die Größe habe, diese Prüfung auszulassen, ohne dass mein Selbstbewusstsein eine Kerbe davonträgt.

In Gesellschaft zweier bunter Entenattrappen legen wir unsere Pause ein, die mehr eine Andacht in der Natur und im Regen ist, als ein notwendige Stärkung nach kräftezehrendem Schinden. Es sind nicht viele Paddler unterwegs heute. Genau genommen außer und nur noch der TUS-Paddler, der immer paddelt - sonst niemand. Kann am Wetter liegen. Jörg sagt, dass der Regen nach unserer Pause mal kurz aufgehört haben soll. Hab ich gar nicht gemerkt, vermutlich habe ich gerade in mein Cockpit gesehen. Kurz vor der Umsetzstelle zeigt uns eine Böe, was uns auf der Förde blüht: Ein Schaudern auf der Wasseroberfäche kommt im Zickzack auf uns zugerast und packt uns an den Paddelblättern. "Holla, halt den Knüppel fest!". Wir sind gewahrschaut! Nachdem wir uns aus dem Schlick unten an der Umsetzstelle gewühlt haben, schleichen wir und dicht an die Kaimauer geschmiegt zurück bis zum Messturm des Marinearsenals. Leider sind wir zehn Minuten zu spät, sonst hätte wir die auslaufende Oslo-Fähre für einige Sekunden als Windschutz nutzen können. So aber sind wir dem nun genau von vorne kommenden Wind vollkommen schutzlos ausgeliefert.

Es ist nur ein einziger Kilometer vom Messturm bis zu unserem Steg. Und man kann das bisschen Weg kaum Fetch nennen, der nennenswerte Wellen erzeugen könnte. Aber dieser Kilometer hatte es wirklich in sich. Wir schätzen beide die durchgehende Windstärke auf sieben, mittendrin fegen Böen über uns hinweg, die uns froh darüber sein lassen, dass sie genau von vorne kommen. Und am Ende sind wir uns einig, dass der Weg auch nicht wesentlich länger hätte sein dürfen, sonst wären wir umgekehrt, weil wir keine Fahrt mehr über Grund gemacht hätten. Diese Windstärke ist insbsondere ohne Wellen zwar kein großes Problem - aber es ist kein erquickliches Fortkommen gegen sie möglich.

Als ich am Abend die Daten von den Messgeräten des Instituts abrufe, kann ich die gemessene Sechs immer noch nicht mit den vielen anderen gemessenen Sechsen in Einklang bringen, in denen ich schon gepaddelt bin. Irgend etwas muss hier noch im Dunkeln liegen, denn auch die Diskrepanz zwischen der Neun am Leuchtturm und der Sechs hier drinnen, leuchtet mir nicht wirklich ein, denn immerhin ist der Sensor am Institut in über 50 Meter Höhe.

Sonntag, 20. November 2011

Suppe am Sonntag

Auf der Fahrt mit dem Fahrrad zum Klub halte ich extra noch einmal an, um zu kontrollieren, ob ich meine Stirnlampe auch wirklich mitgenommen habe. Es herrscht schon vor der Haustür so dicker Nebel, dass kein Zweifel bestehen kann, ob das mehr oder weniger als 1000 Meter Sicht ist. 100 Meter wären schon stark geprahlt. Nun - die Lampe habe ich dabei, aber meinen Fotoapparat nicht, was ich schon bei der Fahrt durch den Wald bitter bereue - und auch mein GPS-Gerät nicht. Auf der Hochbrücke kann ich die Wasseroberfläche etwa 50 Meter unter mir nicht erkennen. Ob wir wohl überhaupt auf's Wasser gehen werden?

Im Bootshaus herrscht schon ein geschäftiges Treiben. Obwohl ich dachte, dass ich besonders früh bin, bin ich der letzte, der eintrudelt. Leider habe ich beim Packen meiner Sachen statt einer Garnitur Skiunterwäsche irrtümlich zwei lange Unterhosen erwischt. Kein Problem, wenn man im Pulk ist: Jörg bietet mir großzügig sein zweites Funktionsunterhemd an. "Ist olfaktorisch nicht ganz unproblematisch", sagt er noch - und "Riecht etwas nach Iltis". Ich will ihm nicht prinzipiell widersprechen nur insofern, als dass man den Iltissen als Gesamtheit damit vermutlich bitter unrecht tut. Mag sein, dass es unter ihnen Exemplare gibt, die ähnlich stinken. Wenige. Einzelne. Und die sind bestimmt seeehr einsam.

Hanno und Ralf wollen sich in die Schwentine zurückziehen, weil Ralf länger nicht mehr im Boot gesessen hat, und keine so weiteTour machen möchte. Sabine, Jörg, Peter und ich  wollen es wagen, die Förde nach Norden zu befahren. Selbstredend kann man das gegenüberliegende Ufer nicht sehen, aber wir wissen, dass es da ist und fahren straks rüber. Es herrscht absolute Flaute, die Umgebung ist recht still und man hört überall Geräusche, die von einem Wasserfahrzeug stammen könnten - es aber dann doch nicht tun. Bis fünfzig Meter ist die Sicht klar - darüber ist klar, dass keine Sicht nicht existiert.

Nachdem wir die Förde mit einem Kurs von grob 90 Grad bis zur Tonne "Kiel 6" gequert haben, müssen wir uns entscheiden, in welche Richtung wir fahren. Normalerweise steuern wir hier einfach das seewärtige Ende des Anlegers vor dem Ostuferhafen an. Aber wir sehen von hier aus noch nicht einmal das andere Ufer der Schwentinemündung. Zum Glück wissen wir, dass die Förde in etwa in Richtung 30 Grad nach Norden verläuft. Also einigen wir uns auf diesen Kurs.

Unter dem Anleger kommen uns Andrea, die offensichtlich endgültig dem Paddelvirus zum Opfer gefallen ist, und ein weiterer TSV-Paddler entgegen. Sie haben aufgegeben, weil der Nebel zu dicht war und es überall tutete. Auch Eckehard sehen wir am Strand bei Möltenort. So eine kurze Tour fährt er sonst nie.

Wir halten uns die ganze Zeit relativ dicht am Ufer. Unsere unwillkürliche Abweichung vom selbstgewählten Sollkurs lässt uns immer eher nach Osten, also zu sicheren Seite, abdriften. Auf den größen Wasserflächen, wo wir für lange Zeit kein Ufer und kein nichts sehen, fahren Sabine und Peter, die beide keinen Kompass montiert haben, teilweise bis zu 45 Grad in die falsche Richtung. Und auch mit Kompass ist dauernde Konzentration erforderlich, damit man nicht einfach nur intuitiv der Verlängerung der Verbindung vom Heck zum Bug folgt. Ohne ständigen Blick auf den unbestechlichen Begleiter wäre man felsenfest davon überzeugt, einen schnurgeraden Kurs zu fahren, während man einen Kreis mit erschreckend kleinem Radius zieht.

Die Stimmung ist beklemmend schön. Es gibt nur uns, eine spiegelglatte Wasseroberfläche, die an das Celophan-Meer aus der Augsburger Puppenkiste erinnert, und die milchig weiße Watte, die den Rest der Welt verschluckt. Das Wasser ist fantastisch klar und da kein Kräusel die Oberfläche stört und keine Sonne einen Reflex erzeugt, kann man in ungeahnte Tiefen blicken. Es ist wunderschön still, nur wenige Schiffe tuten ab und zu in der Ferne. Wir schieben unseren 50 Meter im Radius messenden Weltkreis ständig mit uns nach Norden, es ist kein Vorankommen zu erkennen, nichts, was sich nähert. Dieses In-Watte-gepackt-Sein erzeugt ein Gefühl, als käme man gar nicht voran, obwohl wir recht zügig unterwegs sind. Immer wieder hat man die Halluzination, dass man da hinten im Nebel etwas erkennt - aber wenig später muss man einsehen, dass sich das wohl doch nur auf der Netzhaut abgespielt hat.

Und wenn man dann doch mal etwas sieht, hat man das Problem, der aus dem Kontext gerissenen isolierten Erscheinung eine Interpretation zukommen lassen zu müssen. In der Nähe von Korügen sehen wir plötzlich ein paar Dalben im Wasser stehen. Keiner kann sich erinnern, so etwas hier schon mal gesehen zu haben. Vermutlich haben wir sie zwar schon tausendmal gesehen, aber sie nie beachtet und wahrgenommen. Wir beschließen, dass es diese Dinger hier nicht gibt und dass wir auf dem richtigen Kurs sind - auch wenn wir wenig später feststellen müssen, dass wir mitten durchs Sperrgebiet gefahren sind und beinahe die Munitionspier gerammt haben.

Da wir uns ab hier nicht mehr so sicher sind mit der exakten zu steuernden Gradzahl, halten wir uns dichter am Ufer und hangeln uns an der Steinmole des Laboer Hafens entlang. Erst kommt die Einfahrt zum Sportboothafen, dann die des Fischereihafens. Da liegt ein größeres Boot am Kai direkt hinter der Einfahrt. Was steht da drauf? "Falshöft"? Ach, du Schei.... - Was macht denn die Wasserschutzpolizei bei diesem Wetter hier draußen? Wir schwenken unauffällig vor uns hinpfeifend nach Westen ab. Zum Glück ist wohl keiner an Bord, der bei unserem Anblick auf dem Heck das HB-Männchen hätte spielen können.

Wir wollen nicht das Wagnis eingehen, die Glockentonne anzusteuern, denn wenn wir die verfehlen, landen wir zwangsläufig im Fahrwasser. Also fahren wir über das Badeflach vor Laboe. "Aber ein bisschen Fahrwasser wär schon schön!", gibt Peter zu bedenken, nachdem uns der Bernoulli-Effekt im knietiefen Wasser gehörig trietzt. Wir suchen die Kante, wo der Sand in das tiefe Wasser übergeht und hangeln uns daran entlang.

Das geht ganz gut, wenn man davon absieht, dass die Kante etwas unkoordiniert in der Gegend herummäandriert, statt eine geordnete Linie zu formen. Zu unserer Überraschung sichten wir die Glockentonne, die ich eigentlich nicht in so kurzer Entfernung von der Flachwasserkante vermutet hätte. Hier gehen die Deckel der Tagesluken auf und dampfender Tee lässt die Sicht noch weiter eintrüben.

Als ich meine Marzipankartoffeln in die Runde reiche, machen sich weihnachtliche Gefühle breit: "Ein Gedicht fehlt noch!". Sabine macht den Anfang mit:
Sonnenuntergang
von Heinrich Heine
Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück.
Das war schon ganz schön, kann aber schwerlich mit meinem Lieblingsepos mithalten, das meiner Grundhaltung entsprechend mehr weltliche Bedürfnisse ins Zentrum stellt:

Weihnachdsgebägg
von Alfred Vökel
Mir machngs
wej die aldn
Bärchleid
Mir haua
enn Schdolln
nei
Jörg hat Hemmungen mit Gedichten und zitiert

Robert Gernhardt
Ich leide an Versagensangst,
besonders wenn ich dichte
Die Angst, die machte mir bereits
so manchen Reim zuschanden.
Selisch und geistlich gestärkt setzen wir uns gedanklich mit dem Rückweg auseinander. Die Diskussion, ob wir nun grob nach Südosten fahren müssen, wenn wir auf dem Hinweg grob nach Nordosten gehalten haben und die Feststellung, dass Westen auf dem Kompass ja bei 90 Grad liegt, zeigen, dass der Nebel uns zumindest geistig teilweise durchdrungen hat.

Bei der Rückfahrt achten wir darauf, etwas weiter draußen zu fahren, so dass die Wasserschutzpolizei uns nicht sehen kann. Kurz südlich davon erscheinen zwei schemenhafte Gestalten aus dem Nebel, die später die Form von Nopa und Sebastian vom Nachbarklub annehmen. Es ist schon erstaunlich, wieviele Wassersportler bei diesen Bedingungen unterwegs sind. Die beiden fahren mit uns zurück.

Hanno und Ralf waren dichter dran - da weiß man wenigstens, was einem blüht!
Bei Möltenort hören wir in der Ferne den sonoren Typhon der ColorLine-Fähre. Sie wirft, wie es ihr vorgeschrieben ist, alle zwei Minuten ein Schallsignal ab, das uns von mal zu mal mit größerer Wucht trifft. In der Heikendorfer Bucht ist vor uns nur milchiges Weiß zu sehen, während ein tiefes, bedrohliches Brummeln, Rumpeln und Rauschen immer näher auf uns zukommt. Man kann die Richtung, aus der es kommt, nicht genau ausmachen, aber es macht nervös. So nervös, dass ich beim nächsten "TUUUUUUUUUUUUUUUT" fast aus dem Boot falle. Die Fähre passiert uns mit einem gefühlten Abstand von höchstens 10 Metern - aber wir sehen nix! Sabine und Peter fahren nun in erklecklichem Abstand westlich von uns. Sie haben zwar keinen Kompass, aber ein sicheres Gefühl dafür, wo "vorne" ist. Als sich plötzlich die Tonne 14 aus dem milchigem Dunst schält, ist ihre Mitteilung an die beiden, dass sie bereits gefährlich weit im Fahrwasser fahren!

Wir entdecken eine Steganlage am Strand und halten sie für die Badeanstalt Heikendorf.  Es erstaunt uns, dass wir soweit nach Osten abgedriftet sein sollen. Wenn man sich die Seekarte ansieht, erkennt man, dass wir so einen Kurs gar nicht gefahren sein können und dass sich der Steg am Südende der Heikendorfer Bucht befindet. Aber wir haben (natürlich) keine Seekarte dabei. Das zeigt mehr als deutlich, dass man selbst in einem Revier, das man wie seine Westentasche kennt, unter solchen Bedingungen hoffnungslos verloren ist.

Es ist eine ausgesprochen wertvolle Erfahrung, bei so schlechter Sicht zu paddeln und zu sehen, wie schnell und nachhaltig einen die eigene Wahrnehmung im Stich lässt. Leider ist die Kieler Förde nicht das ideale Revier diese Erfahrung zu machen, denn sie bietet allerhand Risiken. Eigentlich müsste man so etwas in einem Gewässer üben, in dem kein Schiffsverkehr herrscht, aber üben sollte man das - und unser Hausrevier ist eben leider nur die Kieler Förde.

Es war eine schöne Fahrt, aber: nächstes Mal bringe ich wieder mein eigenes Unterhemd mit!

Dienstag, 11. Oktober 2011

Lektionen (2/2)

Der Muskelkater klingt langsam ab. Aber andere Eindrücke sind bleibend im Gedächtnis verankert. Da waren eine ganze Menge Dinge, die ich gelernt habe und die mich weiterbringen können - wenn ich die Lehren aus ihnen beherzige.

Zuerst die simple Tatsache, dass eine einzige Nacht und ein Vormittag mit Wind der Stärke sechs aus der richtigen Richtung auf der Ostsee Verhältnisse erzeugen, die jenseits des Bereiches liegen, den ich souverän handhaben kann. Unsere anfängliche leichte Enttäuschung, dass niemand mitkommen wollte, war eine völlige Fehleinschätzung der herrschenden Bedingungen. Ob die anderen die Lage kompetenter eingeschätzt, keine Zeit oder keine Lust hatten, ist einerlei - es war am Ende ein glücklicher Umstand, dass wir für niemand sonst verantwortlich waren.

Das zweite Mal verschätzten wir uns, als wir am Strand standen und auf die hereinrollenden Brecher sahen. Sie erschienen uns zwar reizvoll, aber wir hätten uns größere gewünscht. Ich habe vor St.-Peter-Ording beileibe größere Wellen gesehen und Jörg auf Korsika sowieso, aber lange, regelmäßige Wellen, die weit übers offene Meer hereinrollen, sind etwas anderes als durch Steinmolen und Flachs gezwungene, relativ kurze Ostseewellen. Ich hätte erwartet, dass ich nach in einiger Entfernung vom Ufer ein regelmäßiges Muster mit flacheren Wellen und runderen Kämmen antreffen würde. Stattdessen wuchs die Wellenhöhe mit der Entfernung vom Ufer an, sie waren auch in einigen hundert Metern vom Strand immer noch so steil, dass sie sich ständig brachen - und regelmäßig würde man das Muster eher nicht nennen. Ich habe immer, wenn ich wieder am Strand stand, nach den Wellen draußen gesehen - und auch mit dem Wissen des Dortgewesenen war es von hier aus nicht zu erkennen, dass die Wellen dort dermaßen hoch aufliefen.

Unser grundlegendes Handwerk verstehen wir gut: gegen die Brecher hinauszufahren, in ihnen zu wenden, sie quer zu nehmen und mit ihnen im Nacken (im wahrsten Sinne des Wortes!) gen Strand zu surfen, beherrschen wir mit Verlässlichkeit. Das sind alles Dinge, die wir häufig praktizieren, wenn auch nicht unter ganz so extremen Bedingungen. Unsere Defizite zeigen sich, wenn es an Dinge geht, bei denen uns ganz schlicht die Gelegenheit zur Übung fehlt.

Bei mir ist das auf jeden Fall das Rollen in wirklich rauschenden Wellen. So sicher und selbstverständlich ich in übersichtlichen Bedingungen rollen kann, hier hat sich gezeigt, dass es eine andere Welt ist, in braunem, sand- und luftdurchsetztem Wasser zu rollen, in dem die Oberfläche nicht nur nicht zu erkennen ist, sondern wo es sie nicht einmal gibt. Denn wo eben noch die Grenzfläche zur geliebten Luft war, rollt nun schon wieder ein einen Meter hoher Wellenberg drüber. Rollt man zur "falschen" Seite hoch, hat man wenig Chancen, aufrecht zu bleiben, weil die anstürmenden Seen einen wieder zurück in die Suppe drücken. Zu entscheiden, wo die "richtige" Seite ist, nachdem man eben noch um alle denkbaren Achsen gedreht und verwirbelt worden ist, ist kein leichtes Unterfangen. Mein mehrfaches Fehlen in dieser Disziplin zeigt, dass es nicht gut möglich ist, diesen Anforderungen durch Üben "in der Halle" gerecht zu werden - auch wenn ich dort mit einer Hand, mit links und mit halbem Paddel rollen kann. Wenn ich Frust darüber spüre, dann nicht, weil ich es nicht geschafft habe, sondern weil ich es so gerne öfter üben möchte und leider so wenig Gelegenheit dazu habe. Jörg ist mir mit seiner Wildwassererfahrung da deutlich voraus. Das Bewussstsein, wie sehr ich hier hinterherhinke, was für eine große Lücke bei mir noch klafft, lässt in mir die die grimmige Entschlossenheit wachsen, intensiver nach Gelegenheiten zum Übung Ausschau zu halten und mich in die Fluten zu stürzen.

Eine gemeinsame Schwachstelle von Jörg und mir ist der Umgang mit Malaisen unter diesen Bedingungen. Nachdem ich relativ weit draußen ausgestiegen bin, war ich vollkommen darauf fixiert, mich selbst zu retten. Ich habe unmittelbar nach der Steinmole Ausschau gehalten, um die Gefahr des Draufgespültwerdens abzuschätzen. Solange sie bestand, wollte ich nichts unternehmen, um wieder ins Boot zu kommen. Dabei hätte durchaus eine realistische Chance bestanden, dass ich mit Jörgs Hilfe wieder reingekommen wäre, bevor es mich auf den Felsen zerlegt hätte. Diese Fixiertheit auf mich selbst mag aus zwei Dingen herrühren: dass ich häufig alleine unterwegs bin und ich mich auf keine Hilfe verlassen kann und - und das halte ich für bedeutender - dass ich meistens als "Fähnleinführer" agiere, der für die Situation verantwortlich ist. Ich habe in Angelsey gelernt, wie man mit präkären Situationen in der Nähe von Felsen umgeht. Aber ich habe diese Techniken nur für die Rolle als "Retter" verinnerlicht, nicht für die Rolle als "Opfer".

Dir richtige Reaktion wäre gewesen, dass Jörg mich mit seinem Cowtail aus der Gefahrenzone herauszieht und wir dann geeignete Maßnahmen durchführen. Diesem Vorgehen standen drei Dinge im Weg: Jörg bekam seinen Cowtail nicht schnell genug heraus und ich war nicht auf die Opferrolle eingestellt. Der dritte widrige Umstand war die Tatsache, dass man außerhalb seines Bootes im Wasser einen erklecklichen Teil seiner geistigen Beweglichkeit einbüßt: In dieser unerwarteten Lage denkt man nicht mehr klar und nüchtern, sondern ist schlicht gesagt leicht gelähmt. Daher sollte der in "Normallage" befindliche Paddler auf jeden Fall das Kommando übernehmen und das Vorgehen bestimmen. Dazu hätte aber das Verhältnis zwischen Jörg und mir, das normalerweise durch Absprache und Einigung geprägt ist, in dieser Situation eine vollkommen andere Färbung bekommen müssen. Das ist nicht einfach und so sind wir bei unserem alten Muster geblieben und haben über die Möglichkeiten geredet und meine Meinung hatte das gleiche Gewicht wie Jörgs. Das ist wie mit den wirbelnden Wellen: wenn man nie in ihnen übt, wird man von ihnen überrascht und überfordert. Ich brenne darauf, Rettungsübungen unter wirklich rettungswürdigen Umständen zu machen! Wär aber schon schön, wenn das Wasser auch wenigstens ein bisschen warm wäre!

Samstag, 8. Oktober 2011

Eine Übung in Demut (1/2)

 Seit Jahren erzählen Jörg und ich schon davon, dass wir mal spontan nach Kalifornien fahren sollten, wenn der Wind aus nördlicher Richtung kommt. Nördliche Windrichtungen sind bei uns aber leider extrem selten - außer im Winter. Gestern abend sah die Vorhersage unerwartet günstig aus: Überwiegend trocken und einiger Wind aus Nordwest! Ein Blick auf die einschlägigen Webcams heute morgen zeigt bewegtes Wasser vor Kalifornien. Sollte heute der Tag sein, an dem wir endlich zu unserem Vergnügen in brechender Brandung kämen? Jörg hatte noch ein Rundmail geschickt, ob nicht noch jemand Interesse hätte mitzukommen, aber da war kein Echo. Eigentlich waren wir etwas enttäuscht, denn so gute Gelegenheiten gibt es eben nicht zu Hauf, solange das Wasser noch so warm ist wie jetzt.

Beim Verladen der Boote vor dem Bootshaus hegen wir leise Zweifel, ob denn tatsächlich Wind weht. Aber wir sind sicher, dass uns die Abschattung durch das hohe Gelände hinter uns wieder nur einen Streich spielt und Flaute vortäuscht. Auf dem Weg in die Probstei können wir auch schon an der Landschaft sehen, dass die Luftmassen doch hurtig übers Land huschen: Den Bäumen hängen die Zweige arg östlich und als wir zum Mittelstrand einbiegen, ficht das letzte Fitzelchen einer Fahne seinen verbissenen Kampf gegen einen zerrenden Wind. Obwohl der Kalender bereits Oktober zeigt und die Saison damit eigentlich vorüber ist, will der Schlagbaum vor dem Parkplatz doch noch zwei Euro sehen, bevor er uns passieren lässt. Geschenkt.

Ich habe heute das erste Mal seit dem vergangenen Winter wieder meinen Trockenanzug rausgekramt. Sogar meinen Helm, den ich mir letztes Jahr in Wales von Freya gekauft habe, habe ich ausgegraben. Ein erster Blick auf die Wellen ergibt leidliche Zufriedenheit: Da kann man wohl einigen Spaß haben. Das Problem, im Boot sitzend vom Strand ins Wasser zu kommen, lösen wir ganz souverän. Aber danach klatschen uns auch schon die Brecher gegen die Brust. Das ist noch nichts dramatisches, aber der Winddruck ist doch größer als erwartet. Wir verabreden, dass wir erst einmal ein Stück hinausfahren und uns etwas an die Situation gewöhnen wollen. Es herrscht ein recht anspruchsvolles Chaos aus brechenden und reflektierten Wellen, wodurch das Boot arg hin und her geschmissen wird und man gut daran tut, mit den Schenkeln druckvoll Kontakt zum Boot zu halten.

Wir fahren ein gutes Stück hinaus, aber das Wellenchaos wird nicht wesentlich besser. Immer wieder fahre ich eine steile Wellenfront hoch, schieße über ihren Kamm hinaus, so dass mein Boot vom Bug bis zum Cockpit in der Luft schwebt und knalle mit einem harten "Bamm!" auf die hinteren Wellenflanke. Die Wellen sind deutlich höher, als ich sie von Land eingeschätzt habe. Etliche erreichen locker über zwei Meter, und auch hier draußen brechen sie sich noch - mit Wucht und nicht mit niedlichen Bäckermützchen! Die Aussicht, in solchen Verhältnissen wenden und den Wellen seine Breitseite präsentieren zu müssen, ist nicht verlockend. Aber wenn wir nicht nach Ärö fahren wollen, müssen wir irgendwann  die Biege machen. Ich agiere ausgesprochen aufmerksam und lege es bei der Rückfahrt erst einmal nicht darauf an, einen möglichst guten Surf zu erwischen. Ich will vornehmlich kontrolliert zurückfahren, was mir erstaunlich gut gelingt, trotz einiger Versuche der Wellen, mich umzuschubsen.

Beim nächsten Rausfahren türmen sich die Wellen noch höher - das ist schon beeindruckend. Wir fahren beide recht dicht nebeneinander, trotzdem sind die Verhältnisse hier komplett anders als zwei Meter daneben. Während ich eine besonders hohe und steile Welle ohne große Probleme überwinde, bricht sie mit voller Wucht über Jörg herein, so dass er sie rückwärts wieder herunterrutscht. Er hält im Rückwärtssurf wacker das Gleichgewicht, bis sich das Heck seines Bootes im Wellental ins Wasser bohrt und er koppeister geht. "Hmm", denke ich, "schwierig, da jetzt zu helfen." Aber es dauert nicht lange, da sehe ich schon wieder Jörgs Nasenspitze - er ist erfolgreich hochgerollt.

Bei einer anderen Gelegenheit habe ich nicht so viel Erfolg. Auch ich werde von einem so großen Brecher in die Waagerechte gelegt und kann mich nur ein Weilchen halten, bis ein zweiter, querlaufender Brecher mich endgültig unter Wasser drückt. Dort wirbelt es furchtbar und ist ziemlich braun und luftdurchsetzt. Ich mühe mich zwar, eine Rolle hinzubekommen, aber das hier ist anspruchsvoll und ich habe nicht viel Übung in solchen Verhältnissen. Es lässt sich nicht leicht feststellen, wo oben ist und meine Versuche enden alle unterhalb der Sauerstoffzone. Aussteigen. Bitter im ersten Moment aber unabwendbar. Ich schwimme etwa fünfzig Meter nördlich und ebensoweit westlich der Steinmole, der mein erster, ängstlich suchender Blick gilt, als ich wieder an der Wasseroberfläche bin. Da der Wind aus Nordwest kommt, bin ich mir sicher, dass ich problemlos an der Mole vorbei an den Strand treiben werde. Aber ich erkenne schnell, dass eine heftige Strömung quer zum Strand nach Osten geht und ich es definitiv nicht schaffen werde. Ich mache mir Gedanken, wie ich es vermeiden soll, auf die Felsen gespült zu werden und wie ich mein Boot in einem Stück erhalten kann. Jörg ist inzwischen bei mir, aber es ist schwierig, unter diesen Umständen mit einer Einstiegsaktion anzufangen, wenn wir wissen, dass wir vermutlich mittendrin mit der Mole kollidieren werden. Ich erkenne recht bald, dass die Strömung so stark ist, dass ich nicht einmal auf die Mole gespült werde, sondern an ihr vorbei. Zuerst beruhigt es mich, um mir dann gleich wieder Sorgen zu machen, denn direkt neben der Mole sind die größten Brecher, die ich eigentlich nicht schwimmend erleben wollte. Nachdem sicher ist, dass ich die Steine nicht touchieren werde, habe ich mich hinten an mein Boot gehängt und arbeite mich schwimmend, treibend vorwärts. Nachdem ich mich und die Situation wieder einigermaßen unter Kontrolle habe, sage ich mir: "Das ist die Herausforderung!" und probiere einen Unterwassereinstieg. Ich bin nicht panisch und gut genug sortiert, dass ich mich bewusst richtig zu den Wellen postiere. Das Hochrollen klappt sehr gut, eigentlich zu gut, denn der Schwung, die nächste brechende Welle und das volle Cockpit sorgen dafür, dass ich gleich wieder auf der anderen Seite hineinfalle. Nu ist nix mehr mit richtig zur Welle! Aber grimmig entschlossen rolle ich trotzdem wieder hoch. Ein Boot mit geflutetem Cockpit ist allerdings nicht unbedingt leichter aufrecht zu halten oder zu mänövrieren. Trotzdem schaffe ich es ohne weitere Kenterung bis ans Ufer. Das war anstrengend!

Beim Fotograferen muss man das Paddel loslassen. Das kribbelt!
Wir sind mittlerweile froh, dass niemand auf Jörgs Aufruf mitzukommen reagiert hat! Wir hätten hier kaum helfen können und die meisten unserer hoffungsvollen Nachwuchspaddler wären hier doch deutlich überfordert gewesen. Der Kampf aus dieser Bucht um die Mole herum in unsere alte Bucht, war ausgesprochen zäh und ich hatte einen solchen Respekt vor der Steinmole, dass ich einen betont großen Bogen um sie gemacht habe. Mit der Zeit stellt sich doch eine größere Kaltblütigkeit beim Umgang mit den brechenden Wellen ein und solange man sie frontal nimmt und dabei sein Paddel festhält, kann nicht viel passieren. Ich riskiere auch bewusst, dass mich Brecher genau von der Seite treffen. Dabei liege ich waagerecht im Wasser und werde mit ziemlicher Geschwindigkeit quer durchs Wasser gewubbelt. Geht recht gut, man muss nur entschlossen sein. Ebenso entschlossen muss man sein, wenn man in diesen Verhältnissen Fotos machen möchte. Ein paar mal probiere ich es, aber es ist schon ein besonderer Kitzel, einem Brecher in die Kehle schauen zu müssen und sein Paddel gerade nicht benutzen zu können! Apropos Paddel: Ich bin froh, dass ich ein so stabiles Exemplar habe!

Bei einem Surf reißt es mich dann wieder rein. ein erster Rollversuch wird von der nächsten lauernden Welle zunichte gemacht. Mein zweiter Versuch ist ein Rohrkrepierer und für einen dritten reicht die Luft nicht mehr. Das ist, was mich heute am meisten überrascht: wie wenig Luft man unter solchen Umständen hat. Normalerweise hätte ich gesagt, dass ich mindestens ein halbe Minute unter Wasser agieren kann, bis ich an die Luft muss. Aber wenn man schon über Wasser vollkommen aus der Puste ist, dann hat man unter Wasser nicht mehr die Muße, sich bei einem Fehlversuch erst einmal zu sammeln,  irgendwelche Lehrsätze aus der Erinnerung zu kramen und es dann noch einmal in Ruhe zu versuchen. Aber diese Erkenntnis ruft keinen Frust in mir hoch - im Gegenteil: Das Ganze war eine wertvolle Erfahrung und ich würde viel drum geben, wenn wir so etwas öfter veranstalten könnte. Denn - wie formuliert Jörg es so treffend: "Üben übt!".

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Sonntag, 21. August 2011

Fördetour: Im Strom der Rückreisenden

 
In der Nacht hat es doch tatsächlich etwas geregnet! Aber als wir aus den Zelten kriechen, zeigt sich schon die Sonne hinter der Obstplantage, an der unser Übernachtungsplatz liegt. Durch die Aufmerksamkeit des Obstbauern, der einen seiner vollen Container direkt am Zaun abgestellt hat, haben wir heute frische Birnen für das Müsli zum Frühstück. Birke, Karen und ich haben zur Feier des Tages unsere Vereins-T-Shirts angezogen und geben ein beeindruckendes Bild am Frühstückstisch ab!

Obwohl wir heute die Zelte noch trocknen müssen, sind wir schneller mit dem Packen als die letzten Tage. Da macht sich eindeutig aufkommende Routine bemerkbar. Wir machen uns zusammen mit einigen der zahlreichen Segler, die die Nacht vor unserem Strand im Sund geankert haben, auf dem Weg zurück nach Sonderburg. Das Wetter ist unerwartet gut und wir genießen den kräftigen Sonnenschein. Bevor wir auf die offene Ostsee hinaus fahren, machen wir am Strand noch einmal Pause. Der Wind kommt heute östlich, so dass wir auf Broager wohl kaum problemlos anlanden könnten. Der Strand von Sonderburg ist zwar etwas früh für eine Pause, aber letztlich ja keine schlechte Wahl. Ron fällt beim Aussteigen aus dem Boot direkt ins Wasser, ist aber nach eigener Aussage gar nicht nass geworden - auch wenn nur noch seine Nasenspitze aus dem Wasser ragte!

Der Sonntag neigt sich dem Ende, was man unschwer daran erkennen kann, dass ein steter Strom von Segelbooten von Sonderburg nach Flensburg zieht. Wir fahren etwas dichter unter Land als dieser Strom, so dass wir ihn kaum merken, aber als wir die Förde schließlich queren wollen, müssen wir uns doch mit ihm arrangieren. Mir fällt auf, wie ausgesprochen freundlich die Segler hier (oder heute?) sind: sie grüßen von sich aus, ohne dass wir vorher gegrüßt hätten. Vielleicht weil hier eher selten Paddler anzutreffen sind, vielleich sind es aber auch einfach freundliche Menschen, die da an uns vorbei fahren.

In Habernis trennen sich die Wege der Beteiligten wieder für unterschiedlich lange Zeit. Aber es war eine ausgesprochen erholsame und harmonische Tour - und das lag nicht nur am durchgehend guten Wetter!

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