Sonntag, 15. März 2020

Schleimünde in den Zeiten von Corona

Schon in den letzten Jahren kam, von Trenk getriggert, immer mal wieder die Idee auf, einmal im Winter das Lotsenhaus in Schleimünde zu mieten und mit einer Gruppe dort ein Wellness-Wochenende zu verbringen. Letztlich ist das immer an der komplizierten und auch teuren Mietprozedur gescheitert, die die Lighthouse-Foundation aufgestellt hatte, damit nicht jeder Hans und Franz sich hier einmieten kann. Seit 2018 ist die Insel aber an die Schleswiger Werkstätten verpachtet, die den Vorgang wesentlich unkomplizierter gemacht haben.

Die Erkundung der Voraussetzungen und Kosten verlief überaus ermutigend, und bald war eine stattliche Gruppe Interessierter und ein gemeinsamer Termin gefunden. Am Freitag, den 13. März sollte es losgehen und bis Sonntag drauf dauern.

Zwischenzeitlich gab es im Vorfeld noch eine kleine Irritation, weil unserem Traum von Ruhe und Abgeschiedenheit die Absicht einer mehr als doppelt so großen zweiten Gruppe entgegenstand, das Etablissement zur gleichen Zeit bevölkern zu wollen. Niemand von uns kannte das Gebäude von innen, und wir fürchteten schon ein beengtes Drüber und Drunter bei der großen Anzahl von Gästen. Erst ein Blick in den Grundriss und weitere Abstimmung mit der anderen Gruppe bescherte uns die Gewissheit, dass wir ein Stockwerk für uns alleine haben und damit unser Traum unbeschadet ausgelebt werden könnte.

Nach einem wettertechnisch unterirdischen Februar mit einer Niederschlagsmenge von 270% des langjährigen Mittels versprach die Vorhersage für unser Wochenende eine einigermaßen versöhnliche Mischung aus Wind, Wolken und sogar Sonne. Allerdings war für den Rückweg ziemlich ungnädiger Gegenwind mit Stärke sechs vorhergesagt. Sei's drum.

Weil ich eine so lange Zeit aus der Welt sein würde und die momentan so unklare Lage zur Corona-Ausbreitung in nächster Zeit Fragen der Vereinsmitglieder erwarten lässt, schreibe ich noch kurz vor der Abfahrt eine Mail an den Vorstand mit der Bitte, darüber nachzudenken, wie wir uns als Verein dazu aufstellen.

Die Hinfahrt wird in Teilgruppen durchgeführt, Andreas vom TSV Klausdorf will schon früh am Freitag alleine anreisen, Peter, Jörg, Axel und ich so ungefähr zum Mittag losfahren und Anja, Elke und Norbert später nachkommen. Trenk wird dann am Samstag anreisen - immerhin kommt er überhaupt!

In Kappeln sind die Heringsangler voll in Aktion. Es sind zwar noch nicht übermäßig viele, die an der Kaimauer im Hafen stehen, aber die haben alle ihre großen Eimer voll mit glitzernden Silberfischen. Peter und ich gönnen uns nach der Ankunft erst mal ein warmes Fischbrötchen.

Am südlichen Beginn der Klappbrücke ist eine prima Einsetzstelle - sogar einen Slip haben die hier, der allerdings von einem PKW mit Trailer blockiert wird. Der Fahrer ist gerade mit dem Angelboot unterwegs. Hier verläuft die Schlei noch in Nord-Süd-Richtung, so dass der kräftige Westwind anfangs nicht wirklich zu unserm Vorteil wirkt. Aber schon bald biegt die Schlei nach Osten, und wir haben Schub genau von achtern. Natürlich ist es hier nicht wirklich tief, so dass sich keine hohen Wellen aufbauen können, aber wir haben konstant sechs Beaufort und die ermöglichen uns immer wieder wirklich lange Surfs. Meinem GPS-Logger entsprechend beträgt unsere Geschwindigkeit oft deutlich über 15 Stundenkilometer! Für die fast acht Kilometer bis zur Lotseninsel benötigen wir genau eine Stunde.

Andreas ist schon eingetroffen und begrüßt uns. Er hat sein Zelt wie gewohnt auf der Zeltwiese aufgebaut - wo es allerdings genau gar keinen Windschutz gibt. Das wuchernde Rosengebüsch, hinter dem man sich sonst einigermaßen verschanzen konnte, haben sie komplett gerodet. Unterm Strich eine gute Idee - aber im Moment pfeift es doch ziemlich, so dass man sich fast nach ihm sehnt. Immerhin gibt es dafür gerade keine Mücken! Auch Peter und ich wollen zelten, und wir beschließen, unsere Hütten im Vorgarten des Lotsenhauses aufzubauen. Hier ist der Wind durch den Staudruck des Gebäudes deutlich geringer.


Die erste Inspektion des Hauses löst mittelschwere Begeisterung aus! Wir haben nicht nur eine sondern sogar zwei Etagen für uns! Jeder kann sein eigenes Zimmer beziehen - und wir haben immer noch ein Ankleide- und Telefonierzimmer übrig! Die Einrichtung lässt nichts zu Mäkeln übrig und die Aussicht ist grandios!

Den Nachmittag verbringen wir mit wohlfühlen - und damit die ständig eintrudelnden Nachrichten zur Corona-Krise zu lesen und zu kommentieren. Es ist unglaublich, was für eine Dynamik sich darin entfaltet. Während Peter und ich unsere Hütten im pfeifenden Wind aufbauen, fangen die anderen an, das Gemüse zu schnibbeln für die Kartoffel-Kohlsuppe. Zum, Glück verfügt die komplett und recht modern ausgestattete Küche über anstaltskompatible Kochtöpfe! Wir nehmen uns den größten und machen ihn bis oben hin voll. Die Suppe schmeckt ganz wunderbar, so dass ich mir drei große Teller davon gönnen muss - aber es bleibt immer noch ein guter Teil übrig. Das werden wir morgen regeln. Anja hat circa zwei Dutzend Würstchen besorgt, die dem ganzen eine pikante Note verleihen.

Ein letzter Spaziergang über die dunkle Insel lässt uns den wunderschönen Sternenhimmel bewundern. Dann zieht sich jeder in sein Zimmer oder Zelt zurück.

Gegen Morgen bekomme ich etwas kalte Füße. Es ist aber nicht so arg, dass ich mich aufraffen könnte, etwas an meiner Zudeckung umzuorganisieren. Dadurch würde ich nur final wach werden, was den Genuss der Idylle empfindlich mindern würde. Gegen acht Uhr habe ich dann aber genug Idylle gemuckelt und komme aus dem Zelt. Die Sonne scheint - aber die Welt ist weiß! Es war heute Nacht minus vier Grad! Hätte man sich denken können, bei der Wetterlage und dem wunderschönen Sternenhimmel!

Frühstück im Warmen an einem richtigen Tisch, Einsteigen in trockene Paddelklamotten - was für ein Luxus! Wir wollen heute eine kleine Paddeltour machen und als erstes Olpenitz ansehen. Ich war schon viele Jahre nicht mehr da. Schöner geworden ist es immer noch nicht, aber es sind deutlich mehr Häuser aus dem Boden gewachsen. Und nicht nur aus dem Boden: da ist mittlerweile ein kompletter Hafen mit Hausbooten gefüllt! Schwimmende Ferienwohnungen, die man bei Novasol mieten kann. Sieht ein bisschen nach Waterworld aus.

Der klare Sternenhimmel hat neben dem strammen Frost auch zur Folge, dass die Sonne heute ungehemmt aus einem makellos blauen Firmament herabstrahlt. Wir haben alle zum ersten Mal in diesem Jahr Sonnenmilch aufgetragen. Nach der Runde durch den alten Militärhafen schippern wir zurück in die Schlei nach Maasholm. Dort machen wir eine ausgiebige Pause bei der Kirche. Leider habe ich nach den drei Tellern Kartoffelsuppe mit vermutlich vier Würstchen immer noch keinen rechten Hunger, so dass mein Butterbrot mit nur einer kleinen Bissstelle mit mir zusammen die Heimreise antritt. Ich fahre noch zusammen mit Andreas ein Stück gegen den aufgefrischten Wind auf die offene Ostsee hinaus, um auf dem Rückweg etwas in den Wellen surfen zu können. Aber die Wellen taugen nicht zum Surfen, man kommt einfach nicht ins Gleiten.

Am späten Nachmittag suche ich die Ostsee nach Norden hin aufmerksam ab. Ich bin mir relativ sicher, dass Trenk von Falshöft her kommen wird, denn so kann er morgen mit Rückenwind zurückschweben. Da ist aber nichts zu sehen. Als ich daraufhin die Schlei absuche, erkenne ich in weiter Ferne zwar keinen Paddler, aber untrügliche, rhythmische Lichtreflexe, wie sie typischer Weise von auf- und abtauchenden Paddelblättern im Zusammenspiel mit der Sonne verursacht werden. Auch er muss erst noch bis zur Ansteuertonne auf die Ostsee rausfahren, um auf der Rücktour festzustellen, dass man in diesen Wellen nicht surfen kann.

Andreas hat sich verwundert darüber geäußert, dass das Wasser beim Duschen kalt war. Und auch ich finde, dass es heute deutlich fußkälter im Haus ist als gestern. Zum Glück kennt Trenk sich einigermaßen mit den Gegebenheiten der Heizungsanlage aus. Schnell ist festgestellt, dass sie tatsächlich ausgefallen ist. Wie man die mit Pellets gespeiste Anlage wieder in Schwung bekommt, wissen wir alle nicht, aber im gemeinsamen Brainstorming stellen wir geeignete Hypothesen auf. Grillanzünder bräuchten wir, aber bei den kleinen noch vorhandenen Restmengen davon sind alle brennbaren Stoffe derart ausgedünstet, dass sie unter Einwirkung meines Feuerzeuges nur noch schwarz werden, aber nicht mehr selbst brennen. So halte ich einfach mein Feuerzeug, das in Wirklichkeit eine Art Mini-Schweißbrenner ist, direkt auf die Pellets. Und siehe da: sie fangen an zu glühen und die Anlage kommt wieder in Schwung. Leider musste ich für die Aktion so tief in den Brennraum kriechen, dass ich hinterher aussehe wie Aschenputtel. Was tut man nicht alles für seine Kumpels, damit sie in einem warmen Gebäude schlafen können - während man selbst im Zelt übernachtet ;-)

Peter hat zwanzig frische Eier in seinem Boot mitgenommen - Kaiserschmarrn will er daraus für uns machen. Das ist eine echt langwierige Aufgabe, der er sich stoisch und mit großer Hingabe widmet. Heraus kommen lecker luftige Fladen, die super-leckere Rosinen umschließen, die (zur Desinfektion) vorher lange in Rum gelagert wurden!

Außerdem steht heute noch Sauna auf dem Programm. Einige genehmigen sich gleich mehrere Gänge hintereinander und sitzen danach mit hochrotem Kopf am Tisch. Meins ist das ja nicht so. Ich freu mich lieber aufs Abendessen. Es soll irgendetwas Asiatisches geben mit Hühnerfleisch und Kokos. Ich opfere mich, zuerst die restliche Kartoffelsuppe zu vernichten. Danach mache ich mich über das Asiatische her. Eigentlich sehr lecker - aber ich bin leider nicht würzfest! Die Schärfe treibt mir derart die Tränen in die Augen, dass ich nach der rettenden Milch greifen muss.

Auch heute sind die Messenger aller Handys wieder voll von Nachrichten über die Corona-Front. Auch Elisabet, die Mama von Poldi, schickt uns eine besorgte Warnung.

Die Nacht auf Sonntag ist bewölkt und nicht entfernt so kalt wie die vorherige. Es ist, wie vorhergesagt, windig. Das hat den unschätzbaren Vorteil, dass das Zelt vollkommen trocken ist, bevor wir es einpacken. Für den Tag heute ist nichts weiter vorgesehen, als den Rückweg aufrecht zu meistern. Nach einem ausgiebigem Frühstück sind wir um elf in den Booten - und schon wieder in über Nacht getrocknete Klamotten gestiegen! Da könnte ich mich dran gewöhnen!

Der Wind kommt der Vorhersage gemäß genau aus Süden. Anja, Elke und Norbert müssen nur bis Maasholm und fahren einen eigenen Kurs. Wir anderen versuchen, möglichst dicht am Südufer noch etwas Windschutz zu ergattern. Da ist eine Stelle, die mir schon auf der Herfahrt aufgefallen ist, wo das Wasser so flach wird, dass der Grund sogar trocken fällt. Aus der Ferne sieht es aus, als wenn es in der Mitte einen Durchlass gibt, auf den steuere ich zu. Zwar muss ich mich zwei, dreimal mit den Händen vom Boden abstoßen, aber ich komme problemlos durch. Axel, der mir hinterher gefahren ist, steigt aber aus und zieht sein Boot über das Flach. Das dauert ein Weilchen, so dass mein Kalkül, die gewonnene Höhe gegen den Wind nicht aufzugeben, nicht mehr wirklich Sinn macht. Die anderen haben das Flach weiter nördlich umfahren.

Dort, wo die Schlei stramm nach Süden abknickt, habe ich heftigen Gegenwind erwartet. Aber der hat längst nicht die angekündigte Stärke, so dass wir relativ entspannt die Einsetzstelle in Kappeln erreichen. Der Lotseninsel-Verantwortliche der Schleswiger Werkstätten kommt kurz vorbei, um den Schlüssel zurück zu erhalten. Wir sollen ruhig Werbung dafür machen, dass Wassersportler die Einrichtung nutzen. Das sei hiermit geschehen!


Das Nachdenken darüber, ob und welche Aktivitäten der Verein in der Corona-Krise noch durchführt, hat sich im Verlauf der vergangenen drei Tage komplett von selbst erledigt! Die Welt in die wir zurückkommen, ist eine komplett andere, als die, aus der wir losgefahren sind.

Samstag, 29. Februar 2020

Schweinebach für Fortgeschrittene

Es ist viel Wasser die Hagener Au herunter geflossen, seit dem ich sie das letzte Mal gepaddelt bin. Aber ich erinnere mich, dass es damals ein großer Spaß war. Zwar bin ich damals einmal so gut wie gekentert, aber in der Zwischenzeit habe ich ja viel Erfahrung gesammelt und bin technisch wesentlich versierter, so dass mir das heute nicht mehr passieren sollte. Also hatten Jörg und ich verabredet, am Wochenende eine Schweinebachtour zu unternehmen - vorzugsweise am Sonnabend, weil für den Sonntag mal wieder stürmischer Wind angekündigt war, und da ist man besser nicht im Wald.

Ein Aufruf über die Mailingliste brachte kein donnerndes Echo, nur Maditha meldete sich. Sie hatte zwar keine Vorstellung, was die Unternehmung bedeuten würde, aber "dreckig machen" hört sich gut an, sagte sie, und das genügte ihr. Zum Glück meldete sich am Freitag auch Bernhard noch, und damit war das Problem, dass wir ein zweites Auto benötigen würden, gelöst. Geeignete Boote hatten wir genug, meines lagert seit etwa zwei Jahren hinterm Haus. Bislang habe ich es immer nur verliehen, und es war dringend Zeit, dass ich selbst mal eine Tour damit unternehme. Für die beiden anderen hatte Jörg welche aus seinem Fundus anzubieten, allerdings zog Bernhard es dann nach der Anprobe in der Bootshalle doch vor, sich aus einer anderen Quelle zu bedienen.

Es ist ja mittlerweile recht lange hell und so setzten wir die Startzeit auf humane 11 Uhr. Jörg holt mich bei mir Zuhause ab und als wir schon startklar sind, gehe ich noch mal kurz ins Haus zurück. Um 16 Uhr will jemand kommen, um endlich Merles Paletten vom Hof zu holen, und ich hänge einen Zettel an die Tür - für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich nicht rechtzeitig zurück sein sollte.

Die Frage der Bekleidung wird individuell unterschiedlich beantwortet. Bernhard und Maditha laufen im Neo auf, Jörg und ich im Trockenanzug. Schwimmweste legen nur Bernhard und ich an, aber eigentlich eher aus Gewohnheit als aus Überzeugung der Notwendigkeit. Ich fahre als einziger mit Helm.

Das Einsetzen als "seal launch" ist für Madith und Bernhard eine neue Erfahrung und sehr nach ihrem Geschmack. Zum Glück lässt der Bach es langsam angehen und fordert uns erst mit kleinen Challenges. Aber schon hier zeigt sich: Mützen sind ein Problem! Immer greifen die Äste und vor allem die Brombeer-Ranken nach ihnen, so dass Maditha und Jörg ihre flauschigen Kopfbedeckungen meist mit den Zähnen gesichert im Mund spazieren fahren und später ganz verstauen.

Aber nicht nur Mützen machen Probleme. Auch Schwimmwesten sind in solcherart Revieren nicht ausschließlich segensbringend. Sie erhöhen schlicht den Körperumfang und damit das lichte Maß, das man benötigt, um unter querliegenden Bäumen hindurch schlüpfen zu können. Dasselbe Manko gilt für meinen Helm, der auch nicht freiwillig unter den Barrieren hindurch will. Aber ohne Kopfbedeckung zu fahren hat leider auch seine Tücken, wie Maditha feststellen muss, nachdem sich eine Brombeer-Ranke in ihrem wallenden Haupthaar verfangen hat.

Trotzdem sind die ersten Hinder- und Fährnisse eher dergestalt, dass wir sie als Herausforderung annehmen und Spaß mit ihnen haben. Bernhard macht sogar bald begeistert den Vorschlag, die Befahrung dieses Bächleins als festen Punkt in unser Vereinsfahrtenprogramm aufzunehmen.

Natürlich stehen auch wieder jede Menge Umtrage-Challenges an. Glücklicherweise finden wir an allen derartigen Stellen gute Möglichkeiten, aus dem Boot und an "Land" zu kommen. "Land" steht hier stellvertretend für ein Feststoff-Wasser-Gemisch, bei dem der Wassergehalt nicht zum Paddeln reicht und man zu Fuß nicht tiefer als knietief einsinkt.

Mit zunehmender Dauer wird die Strömung immer stärker. Man kann an Hindernissen nicht mehr in aller Ruhe probieren, wie man sie am besten überwindet. An den im Limbo-Stil zu passierenden Querliegern muss man das Boot schon in die richtige Richtung - flussab - kanten, damit die Strömung es einem nicht ungewollt umkippt und unter das Hindernis drückt. Bernhard nutzt diesen Effekt an einer Stelle besonders elegant: er fährt gerade auf den Baumstamm hinzu, bleibt erwartungsgemäß mit dem Oberkörper davor hängen und beginnt, sich nach hinten zu lehnen. Dadurch gerät sein schlankes Heck (das des Bootes) leicht unter Wasser und wird sofort von der Strömung nach unten gedrückt. Dadurch kommt er insgesamt so tief, dass er als erster überhaupt unter einem Hindernis hindurchgekerzt ist!

Als die Strömung langsam fordernd wird, rät Jörg zum langsamen Manövrieren. Das ist leichter gesagt als getan. Jörg fährt auf eine - vorsichtig formuliert - anspruchsvolle Stelle zu, ich im guten Abstand dahinter. Leider reißt es Jörg im Gestrüpp um und ich schaffe es nicht mehr, ein geeignetes Kehrwasser anzusteuern. Na gut- vielleicht kann ich vor Ort hilfreich sein. Erst sieht es auch so aus, als wenn die Chance bestünde, dass Jörg den Griff an meinem Bug als Halt benutzen könnte. Aber leider befindet sich der Griff ziemlich schnell auf der Unterseite meines Bootes (natürlich ist nicht der Griff auf die Unterseite gewandert, sondern die Oberseite meines Bootes nach unten!). Bei der Aktion ist mir leider auch mein Paddel abhanden gekommen, so dass ich mich auch schon gezwungen sehe auszusteigen. Da ich aber eine sehr tief gründende Abneigung gegen unfreiwillige Ausstiege habe, probiere ich, ohne Paddel zu rollen. Zu meiner großen Verwunderung klappt es auf Anhieb! Leider befällt mich sofort eine tiefgreifende Panik, weil ich kein Paddel mehr zur Verfügung habe und willenlos dem mitleidslos strömenden Bach ausgeliefert bin. Wie wild schaufele ich mit den Händen, um mein seelenruhig vor mir schwimmendes Paddel zu erreichen. Damit fahre ich erleichtert in das nächste Kehrwasser. Unsere zwei Schweinebach-Novizen passieren die "anspruchsvolle Stelle" übrigens ohne Probleme!

Leider bleibt das "ohne Probleme" für unsere beiden neuen nicht lange erhalten. Mit stärker werdender Strömung und zunehmendem Anspruch der Hindernisstellen, werden auch die Kenterungen der beiden häufiger. Alle Tourbeteiligten sind begnadete Roller, aber Rollen unter solchen Gegebenheiten ist eben eine ganz andere Nummer, vor allem weil man relativ schnell sein Paddel verliert. Keiner hat eine Rolle hinbekommen, außer meiner Handrolle, bei der ich das Glück hatte, in relativ freiem Wasser zu treiben und von der ich immer noch nicht weiß, wie ich sie überhaupt geschafft habe.

Irgendwo im nirgendwo sehen wir schon aus der Entfernung eine Brücke, die echte Zweifel daran aufkommen lässt, ob sie genug lichte Höhe lässt, um sie zu unterfahren. Drei von uns gehen schon in gebührendem Abstand ans Ufer, um sie zu umtragen. Jörg fährt aber bis genau vor die Brücke um festzustellen, dass er hier nicht mehr zurück kann und nur mit einem zweiten Boot als Stütze hindurchkommen könnte. Ich folge seinem Ruf und taste mich an ihn heran. Aber es ist sehr heikel, weil die Strömung vor der Brücke natürlich sehr beschleunigt wird und ich nicht riskieren will, dass ich ohne vorher sicheren Kontakt mit Jörg zu haben, ins Dunkle gesaugt werde. Während ich mich an seitlichen Ästen festhaltend zu Jörg vorarbeite, gerät sein rechtes Paddelblatt unter Wasser und die Strömung erfasst es sofort. So wird das eine Paddelblatt unter Wasser gegen den Grund gedrückt und das andere gegen die Unterseite der Brücke. Es wird dermaßen festgepresst, dass ich es schon aufgegeben habe. Aber Jörg bekommt es tatsächlich losgeruckelt. Leider um den Preis, dass die Strömung ihn erfasst und unter die Brücke spült! Die ist so niedrig, dass er sofort kentert, aber zum Glück hoch genug, dass ich noch sehe, wie er sofort aus dem Boot kommt und ins Freie schwimmen kann.

Ich brauche eine ganze Weile, bis ich es schaffe, mich in der starken Strömung aus dem Boot zu wringen und die hier fast senkrecht abfallende Böschung hoch zu beißen. Dann gehe ich erst mal Jörg suchen. Ich hätte ihn unmittelbar hinter der Brücke erwartet, aber da ist nichts zu sehen. Auch der hier recht weit einsehbare Teil des Baches hat keinen Anblick eines gelben Männchens zur Erleichterung im Angebot. Ich muss eine ganze Weile gehen, bis ich ihn am anderen Ufer finde und nach seinem Befinden frage. Alles in Butter - er musste nur seinem Paddel so weit nachkraulen, weil sich das ohne ihn davon gemacht hat. Er ist bestimmt 200 Meter geschwommen, was eine solide Leistung darstellt - was aber fast eine Meisterleistung daraus machte, war der Umstand, dass der Pinkler seines Trockenanzuges offen stand. So haben wir wieder etwas für unsere Veranstaltung "Fehler - und was wir daraus lernen können" im nächsten Jahr zu berichten.

Durch die Auswirkungen dieser kleinen Nachlässigkeit genötigt, drückt Jörg fortan etwas aufs Tempo. Aber Maditha zeigt bereits Anzeichen von Erschöpfung und macht entsprechend langsam. Sie ist insgesamt drei oder viermal gekentert und jedes mal ausgestiegen. Bernhard ist zwei oder dreimal gekentert und beide fragen öfter nach, wie weit es denn noch ist. Wenn man bedenkt, dass wir hier mit einigen der technisch besten Paddlern des Vereins unterwegs sind, dann sollten wir sehr darüber nachdenken, wen wir mitnehmen, wenn wir die Befahrung der Hagener Au in unser Vereinsprogramm aufnehmen wollen!

Den letzten Teil der Strecke fahren wir teilweise über die benachbarten überschwemmten Wiesen, weil man Bach und Wiese eh nicht unterscheiden kann und auf den Wiesen weniger Büsche wachsen. Zum Schluss müssen wir noch einmal unter einer langen Beton-Straßenbrücke hindurch. Die lichte Höhe ist hier leider auch nicht wunschgemäß und eine Passage ist nur möglich, indem sich zwei Paddler jeweils auf das Boot des Nebenmannes legen und so hindurchtreiben.

Als wir in Lutterbek ankommen, ist es 18 Uhr. Für die nicht einmal sieben Kilometer haben wir glatte fünfeinhalb Stunden benötigt. Das sind 1,2 Stundenkilometer - netto, denn wir haben keine Pause gemacht! Pünktlich zu den 20-Uhr-Nachrichten bin ich zu Hause. Die Sache mit 16:00 Uhr habe ich knapp verrissen. Morgen, wenn Marie-Theres nach Hause kommt, muss ich  ihr erklären, warum mein Gesicht so vollkommen zerschrammt ist :-|

Freitag, 1. November 2019

Halloween auf Drejö

Manche Einleitung könnte ich kopieren, weil sich die Ereignisse gleichen: Tour lange Monate im Voraus geplant, dann rückt das Datum näher und schließlich trudelt Trenks Absage ein. "Rüsselseuche" wie er zu sagen pflegt. Scheint ein Abo auf Ende Oktober zu haben. Vermutlich ist Trenk noch geknickter als wir. Meine Befürchtung, dass auch Peter in den Sack hauen könnte, weil so lange Funkstille aus seiner Richtung dröhnte, war aber vollkommen unbegründet: er hatte zwar auf meine Mail geantwortet, die Antwort aber nur an Jörg geschickt! Diese moderne Handy-Technik ist eben für uns alle noch Neuland.

Ich hätte für jede Absage auch Verständnis gehabt, denn die Wettervorhersage war nicht so gestrickt, dass man sich gezwungen sehen musste, auf eine Zelt- und Paddeltour zu gehen. Aber die beiden anderen waren wild entschlossen, so dass ich mir fast etwas fremd vorkam in der Rolle des Bremsers: Wir hatten durch den lutherischen Feiertag zwar vier Tage zur freien Verfügung, aber die Kälte meiner Schleimünde-Tour noch in guter Erinnerung und die Aussicht auf durchgängigen Regen ab dem dritten Tag ließen mich doch darauf drängen, dass wir uns auf die ersten zwei Tage beschränken. Zum Glück war das kein großes Problem für meine verbliebenen Mitfahrer.

Wir treffen uns am Reformationstag um zehn Uhr morgens am Klub - wo bereits eine rege Geschäftigkeit herrscht. Allerhand Paddelbegeisterte wollen ebenfalls den freien Tag für einen Ausflug ins Feuchte nutzen. Natürlich wirkt sich das Getreibe nicht günstig auf unseren Abfahrtstermin aus, denn jeder muss ja mit jedem noch kurz ein Schnäckchen halten.

Was uns allerdings wirklich nach hinten wirft, ist der Anspruch unserer dänischen Freunde, an ihrer Grenze jedem Einreisenden einzeln grimmig ins Auge blicken zu wollen, um dadurch festzustellen, ob derjenige vielleicht illegal Wildschweine im Kofferraum mit sich führt. Wir blicken wie gewohnt unschuldig zurück und werden wortlos durchgewunken.

Erst bin ich etwas irritiert, weil im Hafen von Fynshav praktisch nur deutsche PKW parken. Dann dämmert mir aber, dass heute in Hamlets Reich ja ein furznormaler Arbeitstag ist, und die Deutschen die günstige Gelegenheit des langen Wochenendes nutzen, ihre hier liegenden Segel- und Motorboote winterfest zu machen.

Um viertel nach eins gleiten wir elegant in unsere Boote - unter strahlendem Sonnenschein und bei moderaten Temperaturen. Trotz dieser lieblichen Bedingungen haben wir uns natürlich winterfest eingepummelt. Da meine Borduhr noch auf Sommerzeit eingestellt ist, bin ich auch felsenfest davon überzeugt, dass wir erst in stockdusterer Nacht unseren Zielort erreichen. Und dann wird es eine erkleckliche Zeit unserer Überfahrt schon noch so kalt sein, dass wir froh über unsere mollige Unterwäsche sein werden.

Leider ist der Wind allzu lieblich, so dass wir zwar mächtig schwitzen - aber nicht, weil wir uns so anstrengen! Nur die Hoffnung auf eisige Temperaturen, wenn die Sonne erst einmal weg ist, hält uns aufrecht. Als ich durch eine kleine Nachhilfe meiner Begleiter aber einsehen muss, dass wir praktisch noch mit dem letzten Büchsenlicht ankommen werden, ist ein guter Teil dieser Hoffnung dahin. Nun gut, wir sind harte Männer und nehmen Kummer und Rückschläge stoisch hin.

Als wir die Nordspitze von Ärö genau querab haben, machen wir Pause. Jörg hat den Eindruck, dass wir während dieser Zeit rückwärts treiben, aber tatsächlich schiebt uns der Wind immer noch mit ca. einem Stundenkilometer unserem Ziel entgegen. Dass während unserer Untätigkeit die Wellen an uns vorbeiziehen, verursacht den Eindruck, dass man in der Gegenrichtung treibt.

Der Himmel ist herbstlich blau. Es ziehen Cirren auf, die Vorboten des schlechten Wetters, und es sind erstaunlich viele Chem-Trails zu sehen. Offensichtlich hat die Regierung ihr Programm zur Bevölkerungsreduktion intensiviert. Eine andere plausible Erklärung fällt mir nicht ein.

Nach exakt vier Stunden schrammen wir auf den Sand vor dem Shelter-Ensemble von Drejö. Das sind exakt sieben Stundenkilometer netto, wenn man die Pause abzieht, sogar 7,5. Ich bin immer wieder fasziniert, wie zügig man auch mit vollbeladenen Booten unterwegs sein kann - und dass wir diese Geschwindigkeit auch über einen Zeitraum von vier Stunden halten.

Die Inspektion der Shelter-Anlage fördert erst mal wenig Ermutigendes zu Tage: Ganz offensichtlich sind hier Handwerker zugange, denn keine der Holzhütten hat noch eine Tür, und es riecht auffällig verbrannt. Erst vermuten wir Brandstiftung, schwenken später aber um, dass irgendwelches Pech zur Konservierung der Außenschindeln diesen Geruch verursacht. Dummerweise und absolut nicht nachvollziehbar haben die Handwerker auch noch die Eingangsöffnung durch Anbringen eines Brettes so verkleinert, dass man sich beim Eintreten zwangsläufig die Birne daran stoßen muss. Aber im wesentlichen ist die Küchenhütte intakt, so dass wir unser Abendbrot darin bereiten können. Zur Erhöhung der Gemütlichkeit, bugsieren wir noch ein geeignetes Exemplar des herumlungernden Plattenmaterials vor die klaffende Türöffnung.
Zwischen fauchenden Kochern und vielen Köstlichkeiten, die jeder aus seinem Proviant zaubert, kommt herrliche Behaglichkeit auf. Die wird nur irgendwann empfindlich gestört durch eine auf der Suche nach ihrem Winterquartier irrlichternde Wespenkönigin . "Bsssssss" summt sie über unseren Köpfen herum. "Bsssss" umschwirrt sie Jörgs Nase, "Bssssss" schon sitzt sie auf meiner Hand, "Bsssss" an der Decke - und so fort. Peter hat einige entzückende rosa Teelichter mitgebracht, die verführerisch nach Himbeeren duften. "Bsssrgrmpf!" - eine herrliche Ruhe stellt sich ein!

Da auch die Schlafshelter in keinem benutzbaren Zustand sind, bauen wir in der Dunkelheit noch unsere Zelte auf und ziehen uns irgendwann in sie zurück. Eigentlich ist es wunderbar still, aber die vielen Flugzeuge zum Ausbringen der Chem-Trails verursachen einen solchen Lärm, dass ich mir schließlich doch Ohrenstöpsel reinschraube.

Es war wohl so gegen zehn Uhr, als wir uns gestern Abend in die Schlafsäcke kuschelten. Aber keiner von uns hat Schwierigkeiten, heute Morgen bis acht zu schlafen. Zum Aufwachen geht jeder zunächst einmal eigenen Verrichtungen nach. Ich begleite meinen Teller, der immer noch vom Abendessen vor Fett trieft zum Spülsaum und versuche so etwas wie einen Abwasch. Geht so mittelgut. Das Wasser ist halt arschkalt, so dass mir die Hände fast gefrieren und Spüli habe ich auch keines dabei, so dass das Fett nur wenig beeindruckt wird und ich es allenfalls zu einem gleichmäßigen Film verteilen kann, statt es zu entfernen. Danach halte ich meine Finger vor meinen Mund, um ihnen wieder Gefühl einzuhauchen. Ein Dutzend Meter von mir entfernt tritt ein dänisches Pärchen an den Strand, die beiden legen ihre Handtücher ab, die sie als einzige Bekleidungsstücke noch dabei haben und - stratzen schnurstraks in die Ostsee! Der Anblick lässt mich unmittelbar erschaudern!

Jörg hat vorher mit dem Pärchen etwa folgenden Dialog geführt, als sie über unseren Zeltplatz kamen: "Uih! Ihr zeltet hier? Ist das nicht furchtbar kalt?" "Nö. eigentlich nicht. Und ihr, wollt ihr spazieren gehen?" "Nein, wir wollen baden!" " Uih! Ist das nicht furchtbar kalt?" Es gibt halt verrückte Menschen!

Beim Frühstück weigert sich Peters Kocher beharrlich, seinen Dienst ordnungsgemäß zu tun. Da tritt immer Gas an einer Stelle aus, die nicht dafür gedacht ist. Das sieht nicht gut aus und so sind wir auf meinen Kocher angewiesen. Allerdings hat der keine geeignete Fläche, auf die man Peters Espresso-Maschine stellen könnte. So grummelt und grätzt er eine ganze Weile herum, bis wir eine Lösung finden: Es gibt einen einzigen Haken in dieser Hütte (ein genereller Mangel aller dänischen Shelter: sie bestechen durch Abwesenheit jeglicher Aufhängemöglichkeiten!). Ich platziere meinen Kocher genau unter diesem Haken, und mit dem Zwirn meiner Ahle, die ich seit dreißig Jahren mit mir führe, basteln wir eine Aufhängung, so dass die Espresso-Maschine frei schwebend über der fauchenden Flamme meines Kochers pendelt! So entspannen sich Peters Gesichtszüge zunehmend und wir laufen nicht Gefahr, die Rückreise mit einem grantigen, pausenlos grummelnden Begleiter antreten zu müssen.

Der Wind hat, wie von der Wettervorhersage versprochen, heute Nacht deutlich aufgefrischt und seine Richtung grundlegend geändert. Er bläst mit fünf bis sechs Beaufort eher aus Südost als dem vorhergesagten Südsüdost. Uns soll's recht sein. Allerdings macht er erst einmal das Einsetzen am sandigen Strand etwas schwierig. Wir versuchen, die Skegs so gut es geht ohne Verstopfung durch die Brandung zu bekommen. Aber natürlich klappt das nicht! Peters Finne ist nach dem Start so bombenfest verkeilt, dass Jörg sie nicht lösen kann und ich mit meinem Messer ran muss. Nach dem GPS-Track hat es 2min 57sec gedauert, bis ich das Teil frei bekommen habe. Das hört sich nicht viel an, aber wenn man mal versucht, drei Minuten ohne Sicht unter Wasser mit einem Messer in einem kaum zu ertastenden Skeg-Kasten rumzufummeln, ist das verdammt lange.

Peter ist heilfroh, dass sein kleiner Helfer wieder einsatzbereit ist, denn der Wind steht genau querab und ohne Skeg würde man sich hier zu Tode rudern. Die Vorhersage hatte zehn Meter pro Sekunde aufgerufen, was am oberen Ende des für die Windstärke fünf gedachten Bereichs liegt. Als wir abgelegt hatten, war das Meer auch dementsprechend weiß gesprenkelt. Allerdings frischt es immer wieder deutlich auf und weht mindestens die halbe Zeit mit eindeutigen sechs Beaufort. Ich merke das spätestens, wenn ich versuche zu fotografieren und das Paddel nur mit einer Hand halten kann. Dann ist es schwierig zu verhindern, dass der Wind es in eine ihm beliebige Richtung schlägt.

Die Wellen sind regelmäßig knapp unter einem Meter, aber natürlich viele auch darüber. Das ist deutlich interessanter als das Gleiten über glattes Wasser gestern! Wir fahren zuerst einen deutlich südlicheren Kurs als zum Erreichen unseres Zwischenziels, des Leuchtturms Skjoldnäs, notwendig gewesen wäre. Gesteuerte 240 Grad, aus denen der Wind 260 Grad macht. Dadurch kommen wir eher in den Genuss der Abdeckung durch das Ärö'sche Festland. Auf Höhe von Söby schwenken wir ein und und lassen uns nach Norden schieben.

Am Westende von Ärö gehen wir an den Kieselstrand und machen Pause. Zwar ist die Sonne die ganze Zeit bisher durch den Wolkenschleier zu sehen, aber außer ihrer Positionsmeldung schickt sie keine Wärme herunter. Entsprechend wenig gemütlich ist der Aufenthalt in der Mulde im Gras, in die wir uns gekauert haben, um dem Wind zu entgehen. Bevor wir uns wieder auf die feuchten Socken machen, joggen wir etwas am Strand entlang, um wieder in die Nähe unserer Betriebstemperatur zu kommen. Ich schnalle mir zusätzlich noch meine rote Kapuze über die krassgelbe Mütze, weil letztere nicht gesichert ist und ich die gesamte Fahrt hierher fürchten musste, dass der Wind sie mir vom Kopf weht.

Während unserer Pause ist die 100% elektrische "Ellen" an uns vorübergezogen. Die Fähre will wie wir nach Fynshav. An ihr können wir beobachten, wie sie gefährlich stampft und rollt, was auf richtig große Wellen deutet. Die lassen auch gar nicht lange auf sich warten. Schon bald nach unserer Abfahrt pflügen wir durch Wasserberge, die deutlich höher sind als die, die uns eben zwischen den Inseln begegnet sind. Wir legen unseren Kurs am Anfang auf genau West - also 270 Grad. Wind und Wellen machen daraus allerdings 283. Wären wir konsequent bei diesem Kurs geblieben, wären wir sage und schreibe 550 Meter nördlich der Hafeneinfahrt gelandet. Das finde ich schon ganz ordentlich navigiert! Allerdings entschließen wir uns doch, etwas rigoroser vorzuhalten, als wir den Ort deutlich ausmachen können.

Große Wellen kann man nicht fotografieren!
Ich überlege die ganze Zeit über, ob es nicht eine gute Gelegenheit wäre, hier und unter solchen Bedingungen einmal eine Rettungsübung zu versuchen. Aber so unbeweglich, wie man in den dicken Klamotten und bei den niedrigen Temperaturen ist, finde ich das Risiko für zu hoch. Andererseits denke ich, dass wir ja schließlich unter solchen Bedingungen fahren, und da wir nicht unter allen Umständen davon ausgehen können, dass nichts passiert, müssen wir sicher sein, dass wir eine Rettungsübung erfolgreich abschließen würden. Bei diesen Überlegungen ärgere ich mich auch die Krätze, dass ich mein Funkgerät und auch sonst keine Seenotmunition mitgenommen habe. Wäre Trenk mitgewesen, hätte ich es natürlich eingepackt, allein schon um uns gegenseitig anfunken  zu können, aber so - was soll ich da mit dem Gerät? Und bei der kompetenten Begleitung sind die Raketen doch eh überflüssig. Das stimmt alles, ist aber trotzdem hochgradig unprofessionell, und das ärgert mich.


Einen knappen Kilometer vor der Küste ändern wir unseren Kurs wieder deutlich nach Norden, so dass wir direkt auf die Hafeneinfahrt zuhalten. Damit haben wir die Wellen wieder genau achterlich, das reizt zum Surfen. Aber ein vollbeladenes Boot ins Surfen zu bekommen, ist leider mörderisch anstrengend, besonders am Ende einer durchaus fordernden Tour. Und so trudeln wir eher gemächlich unserem Endziel entgegen. Der angekündigte Wetterumschwung tritt gerade ein: es fängt an zu regnen.

Kleiner Schlenker kurz vor dem Ziel
Keine fünfhundert Meter vor der Hafeneinfahrt signalisiert mir mein peripheres Radar Alarm: Aus den Augenwinkeln sehe ich Peter umkippen! Ich rufe laut, um auch Jörg zu stoppen. Peter versucht noch dreimal, die Situation durch Rollen  wieder zu entschärfen, aber ich sehe, dass seine Position im Boot nicht optimal ist und weiß, dass die Chancen auf Erfolg gering sind. Jörg und ich nehmen ihn in die Mitte und bevor wir uns versehen, sitzt er wieder im Cockpit. Allerdings in Gesellschaft von so viel Ostseewasser, dass sein Süllrand bündig mit der Oberfläche des Kleinen Beltes abschließt. Gemeinsam versuchen wir, sein Cockpit wieder leer zu bekommen. Erschwert wird das dadurch, dass Peters Deckspumpe nicht einsatzbereit ist. So müssen wir die Spritzdecke offen halten, um mit meiner Pumpe zu arbeiten. Zum Glück hatte Peter aber sein Käsebrot in einer großen Tupperdose im Cockpit deponiert, so dass wir die Dose auch zum Schöpfen benutzen können. Derweil schwimmt das Käsebrot einträchtig mit der Cabanossi zwischen seinen Beinen herum. Zwar kommen immer wieder Schwälle von Wasser rein, aber wir schaffen es, den Füllstand so zu erniedrigen, dass Peter wieder ohne Unterstützung die restlichen 400 Meter paddeln kann.

Glücklich an Land
Hinterher war er eigentlich eher erleichtert über das Missgeschick (von dem er gar nicht weiß, wie es passiert ist). Das Wasser war gar nicht so kalt wie befürchtet, und die Funktionsfähigkeit der Hände blieb problemlos erhalten. Aber trotzdem hat der Zwischenfall uns nochmal gezeigt, dass auch unter alten Hasen nie auszuschließen ist, dass es zu einer Kenterung kommt. Umso wichtiger, dann geeignete Signalmittel dabei zu haben!

Sonntag, 6. Oktober 2019

Schlei

Die Bestandsaufnahme bei der Vorbesprechung ergibt folgende Bilanz: siebzehn Teilnehmer haben sich angemeldet! Bernhard ist ganz nervös, ob alle Platz finden werden auf der Lotseninsel. "Wird schon!", versuche ich zu beruhigen. Im Stillen denke ich mir, dass vielleicht noch nicht jeder die Werte der Wettervorhersage gefühlsmäßig in vollem Umfang erfasst hat. Meinen Plan, eventuell am Sonntag, statt wieder auf der Schlei zurückzupaddeln, den direkten Weg über die Ostsee nach Bülk einzuschlagen, habe ich jedenfalls längst einkassiert. Meine für diese Option gedachte Frage, ob ich selbst ohne Auto teilnehmen kann, wurde positiv beantwortet.

Natürlich ist bei siebzehn Anmeldungen immer mit Imponderabilien zu rechnen, die den einen oder die andere zwingen, ihre Teilnahme absagen zu müssen. Allerdings ist meine Beobachtung schon, dass die Anzahl der Rücktritte nicht nur mit der Anzahl der Anmeldungen steigt, sondern irgendwie auch mit der Schlechtigkeit des Wetters zusammenhängt. Jedenfalls ereilt mich einen Tag vor Fahrtantritt die Bitte, doch lieber mein Auto mitzubringen. Kein Problem, ich will ja eh wieder mit zur Einsetzstelle zurückpaddeln.

Auch wenn die Feierlichkeiten zum Einheitsfest dreißig Jahre nach dem Mauerfall bereits seit zwei Tagen vorbei sind, gleicht die Fahrt zum Klub immer noch einem Abenteuer und dauert eine gute viertel Stunde länger als veranschlagt. Dabei war ich so pünktlich losgefahren! Aber als erstes erfahre ich, dass es noch mehr Absagen gehagelt hat, so dass mein Fahrzeug nun doch wieder nicht benötigt wird. Kein Problem, ich kann ja bei Karen mitfahren.

In Lindaunis ist kurz hinter der Brücke ein Parkplatz mit prima Einsetzstelle. Familie D. fährt noch ein paar Kilometer weiter nach Osten, damit die Strecke bis Schleimünde nicht so arg lang ist. Als wir aus dem windgeschützten Noor heraus und unter der Brücke hindurch fahren, erfassen uns sofort  der kräftige Gegenwind und ein ebensolcher -strom. Als alter und bekennender Stressvermeider lege ich meinen Kurs bald so, dass er sich eng dem Nordufer anschmiegt. Hier ist erstens die Strömungsgeschwindigkeit nahe null und man genießt zweitens hin und wieder recht gute Windabdeckung. So fahre ich recht gemütlich und definitiv einen weiteren Weg als die mitten im Fahrwasser bleibende Restgruppe, aber ich bin immer noch schneller als sie.

Immer wieder blicke ich nach rechts und sehe die Gruppe erst neben dann leicht hinter mir in der glitzernden Ferne. Bis ich kurz vor Arnis regelrecht erschrecke - plötzlich ist die Gruppe deutlich vor mir! Allerdings muss ich recht bald feststellen, dass es eine andere Gruppe ist: Wir haben Familie D. eingeholt. Gemeinsam machen wir in Arnis Pause.

Gleich danach sehen wir auf dem anderen Ufer an Land einen weiteren Teil unserer Gesamtgruppe sich fertig machen. Hier schließen sich noch mal drei Paddler uns an. Gerrit und Bernhard hatten vorhin behauptet, dass auf ihrer letzten Tour der Gegenwind zwar noch stärker war als heute, er aber auf dem letzten freien Stück, den fünf Kilometern vor Schleimünde, eigentlich kaum zu spüren war. Mir erscheint diese Hypothese sehr gewagt, aber wenn es denn so ist, will ich mich gerne freuen.

Es ist natürlich nicht so. Oder ich merke nicht, dass ich den Gegenwind nicht merke. Aber Sven, der neben mir fährt, merkt es auch nicht. Und die anderen sind eh schon reichlich zurückgefallen. Also entweder stimmt die Hypothese nicht oder sie entfaltet heute irgendwie keine Wirkung. Aber als alles klar ist, löse ich für den letzten Kilometer vor dem Ziel die Handbremse und laufe um 16:22 Uhr am Strand der Lotseninsel auf. Losgefahren sind wir um 10:51 Uhr - das macht immerhin viereinhalb Stunden. Eine halbe Stunde haben wir Pause gemacht, also haben wir vier Stunden für 22,5 Kilometer benötigt. Entspricht 5,6 km/h - das ist nicht schlecht für einen konstanten Gegenwind von erst fünf Beaufort und dann vier.


Zu unserer großen Erleichterung ist das Gelände leidlich aufgeräumt, und es gibt für jedes Zelt genügend Platz, ohne dass wir uns gegenseitig zu dicht auf die Pelle rücken müssen. Wir treffen auch noch auf zwei Bekannte aus Kiel, die schon gestern Abend angereist sind. Im Dunkeln - was nicht bei allen Teilnehmenden auf Begeisterung gestoßen ist. Gerrit und Bernhard müssen unbedingt noch baden gehen - is' ja quasi noch Sommer. Das Wasser hat etwa dreizehn Grad. Der Himmel reißt dann noch vollständig auf und wir können unser Abendessen am Holztisch im Freien einnehmen. Anja und Norbert haben ihr phänomenales Familienzelt mitgebracht, dass für den Fall gedacht war, dass es regnet. In ihm hätte wir alle bequem Platz gehabt - aber draußen ist schöner.

Der Abend klingt wunderschön aus und einige schließen noch einen Deal mit Bewohnern des großen Hauses, dass man gemeinsam in die Sauna gehen will. Die anderen ziehen sich schließlich doch wegen der zunehmenden Kälte in das phänomenale Familienzelt zurück.

Irgendwann in der Nacht soll es mächtig geweht haben. Zumindest haben Anja und Norbert um zwei Uhr das umgewehte Familienzelt eingepackt und damit vor dem kurz danach einsetzenden Regen gerettet. Helden! Ich habe dank meiner Ohrenstöpsel und eines gesegneten Schlafes nichts von alledem mitbekommen.

Zwar ist alles nass, als wir morgens aus den Zelten kriechen, aber der Regen hat aufgehört. Allerdings sieht der Horizont noch "interessant" aus, was nichts anderes heißt, als dass da noch Wasser im Zulauf ist. Wir bauen erst einmal unsere Frühstücksausrüstung am Holztisch auf und hoffen, dass der Regen an uns vorüberzieht. Tut er natürlich nicht! Also jeder hektisch wieder in sein Zelt und dort zu Ende frühstücken.

Der Teil der Gruppe, der gestern erst in Arnis zu uns gestoßen ist, will nicht unbedingt unserem Zeitplan folgen, aber alle anderen sind schon vor der ausgegebenen Startzeit von 11 Uhr im Boot und auf dem Wasser.

Heute soll der Wind günstiger sein. Die Vorhersage hatte ihn ziemlich südlich angekündigt, aber er hat doch eine einigermaßen befriedigende Ostkomponente. So rauschen wir ohne große Anstrengung bis Arnis, wo wir wieder zur Pause an Land gehen. Nach der Pause verläuft die Schlei nicht mehr genau von Nord nach Süd sondern eher südwestlich, so dass der Wind uns wieder besser unterstützen kann. Zwar entstehen hier keine wirklich großen Wellen, aber man kann auch kleine Wellen surfen und ein bisschen Spaß haben. Günstigerweise wird die Klappbrücke bei Lindaunis kurz bevor wir sie passieren gerade geöffnet, so dass wir nicht einmal unsere Köpfe einziehen müssen!

Seit unserem Start am Morgen ist das Wetter immer besser geworden. Der Regenschauer beim Frühstück war nur dazu gedacht gewesen, uns zu zeigen, wie schlecht das Wetter sein könnte. Stattdessen verbringen wir fast so etwas wie einen Sommertag auf dem Wasser. Alle, die wegen der schlechten Wettervorhersage zu Hause geblieben sind, ärgern sich, dass sie sich in Bockshorn haben jagen lassen. Wir gehen zufrieden und mit deutlich gebräunten Gesichtern im Noor von Lindau an Land. Gewissenhaft wie Gerrit ist, badet er sein Kajak noch gründlich, bevor er es aufs Auto lädt.

Sonntag, 29. September 2019

Fahrt ohne Wiederkehr 2019

Im vergangenen Jahr musste die Dämmertour nach Schönberg ausfallen, weil es Gerdi sehr schlecht ging. Dass Ingrid eindringlich darum gebeten hat, diese Tradition auch fortzusetzen, obwohl Gerdi nicht mehr bei uns ist, hat mich sehr gefreut, und ich bin der Bitte gerne nachgekommen. Die Rückmeldungen waren überraschend sparsam, so dass ich mir keine allzu großen Sorgen machen musste, dass wir die Kapazität von Ingrids Wohnzimmer sprengen würden. Aber ich habe nichts gegen eine gemütliche Fahrt im intimen Kreis von sechs Teilnehmern.

Die Sache mit der logistischen Organisation der Rückfahrt ist immer etwas aufwendig, aber letztlich nicht wirklich kompliziert. Allerdings hat die Stadt diesmal alles daran gesetzt, mich daran zu hindern, rechtzeitig zum Treffzeitpunkt am Klub zu erscheinen: Im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 30. Jubiläum der Deutschen Wiedervereinigung waren alle Straßen, die ich hätte nehmen können, gesperrt. Letztlich habe ich mein Auto irgendwo in der Reventlou-Allee geparkt und bin die letzten fünfhundert Meter mit meiner Paddelkiste unterm Arm zu Fuß zum Klub gelatscht. Die anderen kamen von Süden und hatten mehr Glück mit dem Durchkommen. Auch um die drei Autos dann aus Kiel rauszuwinden, müssen wir uns einiger Verbotsübertretungen bedienen, weil wir sonst nie zum Ziel gekommen wären. Dafür lässt sich bei der Rückfahrt der grimmig dreinblickende Wächter an der Absperrung in Sichtweite vor unserem Vereinsgelände überraschend schnell überreden, uns Durchlass zu gewähren.

Die Boote werden sorgfältig mit unterschiedlichen Ausführungen von Leuchtmitteln geschmückt und (fast) pünktlich um 17 Uhr legen wir ab in Richtung Norden. Als erstes müssen wir uns durch ein Feld von Segelyachten kämpfen, die offensichtlich an einer Regatta teilnehmen. Im Eifer des Gefechts hat eine Yacht ihren Spinnacker falsch herum montiert! Funktioniert aber auch so!

Das Wasser der Förde ist heute unheimlich braun. Eine Folge des vielen Regens der vergangenen Tage. Aber entgegen der Wettervorhersage von gestern hat bis jetzt den ganzen Tag die Sonne geschienen. Allerdings ist nach der heutigen Vorhersage für den späteren Abend doch noch ergiebiger Regen angekündigt. Der Wind kommt erstaunlich südlich und schiebt uns mit frischen fünf Beaufort aus der Förde heraus.

Nördlich des Friedrichsorter Leuchtturms habe ich ordentliche Wellen erwartet, aber komischerweise sind sie hier kleiner als in der Heikendorfer Bucht. Der Himmel hat sich mittlerweile ziemlich zugezogen und ich versuche verzweifelt, die Glockentonne auszumachen. Es sind unheimlich viele Tonnen zu sehen, die da eigentlich gar nicht hingehören, aber die Glockentonne ist nicht darunter. Des Rätsels Lösung ist, dass mal wieder ein umfangreiches Sperrgebiet eingerichtet wurde, in dem der Meeresgrund nach unguten Hinterlassenschaften aus dem Krieg abgesucht wird. Dort, wo normalerweise unsere klingelnde Wendemarke liegt, dümpelt nun eine rot gestreifte, gelbe Sperrgebietstonne rum.

Die Yacht birgt gerade den Kite-Surfer
- die Stena tuckert nach Schweden
Meine Vorgabe war, die Ansteuertonne Marina Wendtorf um 19 Uhr zu erreichen - also genau bei Sonnenuntergang. Trotz fünfminutiger Verspätung unserer Abfahrt erreichen wir die Tonne bereits zwanzig vor sieben - dem Südwind sei Dank! Schon aus einiger Entfernung fällt uns ein Kite-Surfer auf, der verzweifelt versucht, gegen den ablandigen Wind ans rettende Ufer zurück zu kommen. Allein - er schafft es nicht. Aus mir unerfindlichen Gründen läuft noch eine Segelyacht aus dem Hafen der Marina aus und nähert sich dem Surfer. In einer komplizierten Aktion werden er und sein Kite vom Wasser geborgen. An Bord wird der offensichtlich deutlich ausgekühlte Sportler erst einmal versorgt. Gut, dass die Yacht ihn aufgenommen hat - sonst hätten wir unseren Plan ändern müssen!

Im Hintergrund die krass beleuchtete Aida (Foto: Mona)
Ab hier lasse ich Zweiergruppen bilden und weise eindringlich darauf hin, dass wir uns ab nun ständig gegenseitig im Auge behalten müssen. Es wird auch rapide dunkler und unsere unterschiedlichen Beleuchtungsstrategien sind unterschiedlich geeignet. Basti fährt ein grell leuchtendes Navi-Light auf dem Heck mit sich herum, dass dermaßen blendet, dass niemand neben ihm fahren will. Die kleinen Armreifen-Knicklichter taugen nichts, sie sind einfach viel zu schwach, so dass man sie schon nach wenigen Metern Entfernung nicht mehr sieht. Am besten ist noch Monas Beleuchtung: sie hat ihr Navi-Light auf den Kopf geschnallt - aber die Kapuze darüber! So wird das Licht genau so weit gedimmt, dass es nicht mehr blendet, man sie aber trotzdem prima sehen kann.

Obwohl wir nach der Pause an der Ansteuertonne deutlich langsamer unterwegs sind, sind wir bereits um halb neun am Strand zwischen der 13. und 14. Laterne. Der Regen, der quasi mit dem Sonnenuntergang eingesetzt hatte, hatte in der Zwischenzeit ausgesetzt - nur um genau jetzt wieder anzufangen! Zum Glück gibt es hinterm Deich ein Toilettenhäuschen, das wir nutzen, um uns in trockene Kleider zu schmeißen. Die Kleider bleiben allerdings nicht wirklich trocken, weil das Verstauen der Boote auf mein Auto seeehr lange dauert - und der Regen seeehr ergiebig ist. So muss ich Ingrid um ein Handtuch bitten, das ich mir unterlegen kann, um nicht ihre schönen Polsterstühle zu ruinieren.

Ingrid freut sich sichtlich, dass es geklappt hat mit dem Besuch und sie mal wieder "junge" Leute in der Bude hat. Um diese Jahreszeit tanzt in Schönberg nicht unbedingt der Bär und sie ist meist recht alleine in dem Haus. Sie versorgt uns mit Unmengen leckeren und heißen Tees - wir steuern Bienenstich und Negerküsse bei. Es wird wild geschnattert über dies und das und vor allem übers Paddeln, und Mona und Ingrid stellen fest, dass sie gemeinsame Bekannte in Hamburg haben. Als wir uns nach elf auf den Heimweg machen, haben wir die Einladung im Gepäck, nächstes Jahr wiederkommen zu dürfen. Das will ich gerne in Angriff nehmen!

Freitag, 30. August 2019

Nordsee mit neuer Seekarte

Dieses Jahr sind meinem Fahrtenangebot, das normalerweise "Nordsee für Einsteiger" heißt, nur Paddler mit soliden Kenntnissen und Fertigkeiten gefolgt. Nachdem Björn in letzter Sekunde aus beruflichen Gründen absagen müsste, blieben fünf wackere Teilnehmer für ein Abenteuer auf der Nordsee übrig: Anja, Betzi, Lauritz, Maditha und ich. Niedrigwasser auf Hooge ist für 21 Uhr angesagt, Sonnenuntergang für zwanzig nach acht - das hört sich auf den ersten Blick entspannt an. Aber wenn man alles zusammenrechnet - zweieinhalb Stunden Paddeln, ein Stunde Packen in Schlüttsiel, zwei Stunden Autofahrt und eine halbe Stunde Packen vorm Bootshaus - kommen da sage und schreibe sechs Stunden bei raus! Wenn wir also um acht auf Hooge ankommen und damit überhaupt noch eine Chance wahren wollen, ohne schwarze Beine aus dem Schlick zu kommen, dann  müssen wir uns um zwei Uhr am Bootshaus treffen!

Zum Glück sind alle nicht nur überpünktlich sondern auch super schnell mit Verstauen des Gepäcks und Boote auf die Autos schnallen, so dass wir hier schon eine Viertel Stunde herausgeschlagen haben! Allerdings wird die gleich wieder durch den dichten Verkehr in Kiel aufgefressen. Zu allem Überfluss muss da auch noch ein Unfall direkt bei Karstadt unseren Schwung bremsen. Und selbst nachdem es auf der Autobahn bis Schleswig erwartungsgemäß glatt läuft, hält uns der nächste Unfall im Kreisel bei Schuby abermals auf. Dann verfransen wir und noch im Kreisel in Viöl, was rückblickend betrachtet aber vermutlich als Segen aufgefasst werden muss, denn auf unserer eigentlich anvisierten Route hätte nämlich eine Baustelle länglich umfahren werden müssen. Mit allem Für und Wider kommen wir dann doch wie geplant um halb fünf Uhr in Schlüttsiel an.

Aber auch hier sind wir super schnell im Packen, so dass wir abermals eine halbe Stunde gut machen und bereits um fünf in unseren Booten auf der Nordsee schaukeln. Das war gerade noch rechtzeitig, um an der Rampe problemlos ins Wasser zu kommen! Tide kann ganz schön unentspannt sein!

Die Sonne scheint, es ist warm und der Wind weht uns lustlos entgegen. Um nicht unnötig Zeit zu vertrödeln, schenke ich mir die Umrundung von Gröde, die etwas Abwechslung bedeutet und uns mehr von der Landschaft gezeigt hätte. Die ersten Kilometer sind der Gewöhnung an die Landschaft und an die sparsamen Orientierungsmöglichkeiten gewidmet. Es ist tatsächlich das erste Mal, dass alle in der Gruppe eine Seekarte mitführen - und sich auch mit ihrer Hilfe in der Landschaft orientieren! Bis auf Anja haben sogar alle die brandaktuelle Version dabei. Es ist auch für mich, der tapfer zwanzig Jahre lang dieselbe Seekarte genutzt hat, eine ganz neue Erfahrung, dass sich die Tonnen tatsächlich da befinden, wo sie verzeichnet sind, und auch in Natura so bemalt, wie sie auf der Seekarte beschriftet sind! Total einfach, so zu navigieren! Das zahlt sich insbesondere im letzten Drittel unserer Reise aus, wo das irgendwann neu geschaffene Hooge-Fahrwasser in die Süderaue mündet. Das ist auf Anjas Seekarte noch sehr anders dargestellt! Hier schrammen wir etwas zu weit westlich über die die beiden Priele trennende Sandbank - fünf Minuten zu spät, so dass wir tatsächlich kurz aussteigen müssen, um unsere Boote zehn Meter über den Sand zu ziehen.

Um kurz vor halb acht schrammen wir auf die hässlichen Steine auf dem Grund der Ausfahrt aus dem Hooger Segelhafen. Wir schaffen es leidlich unverschlickt auf den Leitdamm - bis auf Maditha, die keinen großen Aufwand treibt, dem schwarzen Schleim zu entkommen. Ungehemmt stapft sie bis zu den Knien im Schlick durch den Modder. Und weil ihre Badelatschen dem saugenden Griff des Watts nicht gewachsen sind, muss sie sie mit den Armen bis zum Ellenbogen im Schlick wieder ausbuddeln. Da wir die Boote dann immer zu viert nach oben tragen, sehen die Teile danach alle sehr nach "Anlanden auf Hooge bei Niedrigwasser" aus.

Kaum sind die Zelte hergerichtet, breitet sich in uns allen unmittelbar die Hallig-spezifische Entspannung aus. Die Luft ist lau, der Wind eingeschlafen und die Sonne auf ihrem letzten Stück Weg hinter den Horizont. Gemütlich lauschen wir auf dem Deich sitzend dem beruhigendem Rauschen meines Kochers, der erst einen heißen Kakao, dann Nudeln mit Ente, einen Tee und dann wieder einen Kakao bereitet. So geht Erholung!

Bei der Vorbesprechung, was wir am Samstag unternehmen wollen, haben wir die Fahrt zur Pallas fallen gelassen, weil die ein Aufstehen um fünf Uhr bedeutet hätte. Die Variante, stattdessen um Japp- und Norderoogsand zu fahren, ist etwas humaner: Aufstehen um sechs, auf dem Wasser um acht. Auch hier zeigt sich, mit was für einer reifen und professionellen Truppe ich es zu tun habe: gewöhnlich wird die Ansage "Abfahrt um acht" eher so aufgefasst, dass man um acht sich selbst und das eigene Kajak bereit gemacht hat, dass man sich jetzt in Richtung Wasser in Bewegung setzen könnte. Dass der Akt, eine Truppe von der Wiese ins Wasser zu befördern, mindestens zwanzig Minuten dauert, wird gerne unterschlagen. Nicht so heute: Punkt acht Uhr sitzt alles, was mit will, im Kajak.

Wir wollen zuerst mehr oder minder genau nach Westen fahren - aber höchstens bis um 9:00 Uhr. Aus dem Hooge-Fahrwasser an Jappsand vorbei in Richtung der Tonne 20 ins Schmaltief. Und dann genau nach Süden - so lange, bis wir die Durchfahrt zwischen Norder- und Süderoogsand treffen. Anfangs läuft das auch mehr als geschmeidig, durch die starke Stromunterstützung sind wir mit über zehn Stundenkilometern unterwegs. Das wird gleich weniger, als wir aus dem tiefen Priel ins flachere Wasser dicht vor Jappsand kommen. Da man unsere Zieltonne 20 nicht sieht, habe ich Kurs 240 Grad angegeben, das lässt sich gut ablesen und steuern. Trotz recht guter Sicht dauert es überraschend lange, bis ich eine Tonne sehe. Die liegt etwas nördlicher als unser Kurs - aber es ist besser auf eine unbekannte Tonne zuzusteuern als immer nach Kompasskurs zu fahren, also nehme ich sie aufs Korn. Bis Betzi mich auf die "richtige" Tonne aufmerksam macht! Die liegt tatsächlich auf 240 Grad - und schon fahren wir wieder in diese Richtung.

Um neun Uhr haben wir die Tonne zwar bei Weitem nicht erreicht, aber nun macht es keinen Sinn mehr, weiter in ihre Richtung zu fahren, weil ab jetzt der Strom südlicher läuft. Neue Kursansage: 180 Grad. Damit sollten wir nach meinen Berechnungen den Eingang zum Rummelloch finden, ohne vorher auf Sand zu laufen. Auf etwa halber Strecke liegt ein Fischkutter genau auf unserem Kurs. Das ist ungemein praktisch, weil wir ihn dadurch zum Anpeilen nutzen können, was wesentlich angenehmer ist, als immer auf den Kompass zu blicken. Als wir ihn passieren, können wir niemanden an Bord erkennen. Also ist das entweder die Kuttervariante des Fliegenden Holländers oder die Besatzung hält ein Nickerchen, um sich vom nächtlichen Fischzug auszuruhen. Ich hatte kurz vorher mein Funkgerät eingeschaltet, um ansprechbar zu sein, sollte die Besatzung Kontakt mit uns aufnehmen wollen. Man muss bedenken, dass wir hier ziemlich weit draußen auf der offenen Nordsee sind, wo man gemeinhin nicht damit rechnet, Kajaks anzutreffen. Es wäre durchaus plausibel, wenn besorgte Nachfragen über Funk abgesetzt würden. Statt der Kutterbesatzung meldet sich der Seewetterbericht, dem ich für einige Zeit lausche. Er stehen keine schlimmen Dinge für uns in Aussicht, aber das kurze Aussetzen des Paddelns offenbart, dass die Strömung weit früher und radikaler gekippt ist, als das die Topp-Glowing-in-the-Dark-Navigationsapp des Nautischen Verlages vorhergesagt hat: statt uns sachte einfach von West nach Ost zu schieben, steht sie genau gegen uns! Das wirkt sich durchaus negativ auf unsere Geschwindigkeit aus.

Da wir es aber eh nicht eilig haben, ist es kein großes Drama. Allerdings bringt es mich nachhaltig durcheinander in der Abschätzung, wie weit wir uns dem Durchlass zwischen den beiden großen Sänden schon genähert haben. Zwar habe ich einen Wegpunkt im GPS einprogrammiert, so dass wir stumpf nach Angaben des Gerätes fahren könnten. Aber ich will heute komplett ohne es auskommen, schließlich ist die Sicht gut genug und es kann nicht wirklich etwas schief gehen. Lieber fahre ich kurz auf eine falsche Tonne zu und mache hier einen unnötigen Schlenker und wir lernen etwas, als dass ich mich von der Technik (ver)führen lasse, ohne einen eigenen Beitrag zu leisten.

Und siehe da - wie immer glaube ich, dass ich eine Durchfahrtmöglichkeit in der Ferne erkenne und lasse drauf zu steuern. Und wie immer stellt es sich schließlich heraus, dass da doch Sand im Weg ist, und wir müssen unseren Kurs noch einmal mehr in Richtung England drehen. Immerhin kommen wir dadurch in das Gebiet, wo die Wellen frontal auf den flachen Sand laufen und sich weiß brechen. Je nach innerer Einstellung sieht das entweder bedrohlich aus oder verlockend. Ich weiß aber, dass die Wellen zu klein sind, um bedrohlich sein zu können und leider ist hier auch das Wasser zu flach, als dass man nenneswert Spaß haben könnte. Aber immerhin spritzt es ein bisschen. Kurz danach gehen wir an "Land", denn nur wenig weiter liegt eine Horde Robben auf dem Sand, die wir nicht aufscheuchen wollen.

Wir ziehen unsere Boote gleich ein ordentliches Stück auf den Sand hoch - schließlich wollen wir nicht nach zehn Minuten schon wieder durch das auflaufende Wasser gestört werden. Eine ausführliche Pause ist fällig, in der allerlei Leckeres aus den Stauräumen gefischt und vertilgt wird.

Nach einer guten Stunde hat sich das Wasser bis an unsere Boote herangemacht, das ist das Zeichen weiterzufahren. Die gesamte Zeit über haben uns zwei Seehunde beobachtet, die vor dem Sand Streife schwammen. Sie beobachten auch unseren Aufbruch. Ihre Kumpels, die etwas weiter auf dem Sand ihre Bäuche in die Sonne halten, sind in der Zwischenzeit auf gute hundert Exemplare angewachsen. Wir fahren weit genug um sie herum, so dass kein Tier auf die Idee kommt, ins Wasser zu gleiten.

Der Charakter der Landschaft und die Bedingungen sind hinter den Sänden radikal verschieden von den Verhältnissen draußen vor. Zwar weht kein wirklicher Wind, aber auf der offenen See führt das bisschen Luftbewegung, das wir haben, immerhin zu einigermaßen bewegtem Wasser. Hier drinnen herrscht Ententeich und Sonnenschein. Es ist aber nicht ganz leicht, hier seinen Weg zu finden. Zwar liegt zwischen uns und Hooge eine durchgehende Wasserfläche, aber die Tiefe unter der Fläche ist sehr unterschiedlich. Zwar kommen wir manchmal in so flaches Wasser, dass wir mit den Paddeln aufsetzen, aber im Großen und Ganzen bekommen wir es ganz gut hin, die tiefen Priele und die zügige Strömung darin zu nutzen.

Kurz bevor wir in den Hooger Segelhafen einlaufen, lädt Betzi noch dazu ein, ein bisschen im warmen Wasser zu üben. Ich mache einen halbherzigen Versuch, nach einer Kenterung mein halbes Ersatzpaddel unter Wasser aus seiner Halterung zu ziehen und damit hochzurollen. Klappt aber nicht auf Anhieb, und so helfe ich erst mal einer Segeljolle gegen den Wind in den Hafen zu kommen. Das Einlaufen im Segelhafen ist eine wahre Freude: das Wasser steht so hoch, dass man quasi direkt mit dem Boot auf die Zeltwiese fahren kann!

Nur Anja begleitet mich heute in den Friesenpesel, die anderen kochen selbst auf dem Deich. Später sitzen wir noch zusammen und beobachten das Flackern des Himmels und rätseln, ob das nun Wetterleuchten ist oder Gewitter.

Was da nachts genau um null Uhr an den Zelten rüttelt und üppig Wasser vom Himmel schüttet, ist auf jeden Fall ein Gewitter! Der Wind schnellt innerhalb von kürzester Zeit auf acht Beaufort hoch, und es gießt wie aus Kübeln. Einige aus unserer Gruppe müssen noch mal die Zeltabspannungen nachbessern. Da das Wetter auch morgens noch nicht so ganz nach "draußen frühstücken" aussieht, ziehen wir mit unserem Trödel ins Seglerheim zurück. Hier können wir in muckeliger Wärme dem Regen dabei zusehen, wie er gegen die großen Scheiben wütet. Und den Windmesser können wir auch beobachten: Nordnordwest und so um die achtzehn Knoten - macht etwa fünf Beaufort. Aber als dann eine Front durchzieht, geht es hoch bis auf 27 Knoten - das ist Windstärke sieben! Da kommt der eine oder andere Gedanke an die Fähre auf.

Wir wollen so früh, wie der Wasserstand es zulässt, losfahren, um nicht allzu spät zu Hause anzukommen. Zum Glück hat sich der Regen gelegt und wir bekomme unsere Ausrüstung leidlich trocken in die Boote. Um halb zwölf macht Betzi ein Gruppenfoto mit Selbstauslöser und wir blasen zur Abfahrt. Der Wind bläst nicht mehr gar so arg, so dass die Wellen wieder mal zu klein für richtigen Spaß bleiben. Aber auch wenn Nordnordwest kein wirklicher Rückenwind ist, ist es eben auch kein Gegenwind. Nach nicht einmal zweieinhalb Stunden kommen wir in Schlüttsiel an, wo das Wasser gerade über die Kante lugt, so dass wir bequem anlanden können.

Für mich war dies die Nordseetour mit dem meisten Know-How und dem größten Engagement für die Gegend und die Navigation. Fühlt sich gut an!

(Fotos Courtesy Maditha K. - und BalticPaddler)