Sonntag, 20. September 2026

Schleimünde mit Segeln

Völlig unerwartet erreicht mich nach dem Mittwochspaddeln die Meldung, dass die traditionelle Schleimünde-Tour schon in zwei Wochen stattfindet! In meinem Terminkalender war sie erst für das Wochenende danach eingetragen! Die Plätze zum Mitfahren sind ja immer limitiert, weil einfach nicht mehr als 15 Menschen in das Gruppenzelt passen. Doch ich bin nach Ulrich, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, der zweite, der sich anmeldet.

Ich hatte mit der Option geliebäugelt, mein neues Trak-Faltboot dafür das erste mal auf einer Gepäcktour zu benutzen. Aber die Windvorhersage ließ richtig heftige Winde erwarten, was das Faltboot aus zwei Gründen die ungünstigere Wahl erscheinen ließ. Zum einen kann ich damit nicht segeln und zum anderen habe ich noch nicht getestet, ob ich bei Windstärke sechs oder mehr damit eine weitere Strecke ohne Probleme fahren kann. Am Tag vor der Abfahrt stabilisierte sich die Windvorhersage für die Hinfahrt auf fünf bis sechs Beaufort aus Südwest und auf sechs bis sieben Beaufort genau aus West für die Rückfahrt.

Ich hatte erwartet, dass die Mehrzahl der Teilnehmer bei der Windvorhersage für die Rücktour einen Start in Sundsacker vorziehen würden. Das würde eine erheblich geringere Strecke bedeuten und damit deutlich leichter zu bewerkstelligen sein. Aber es entscheiden sich nur drei Paddler(innen) für diese Option. Alle anderen fahren von Sieseby aus los — und müssen morgen dann auch wieder hierhin zurück!

Ulrich und ich hatten uns schon im Vorfeld darauf verständigt, dass wir die überaus günstige Gelegenheit zum Segeln nutzen wollten. Der Wind kommt wie vorhergesagt genau aus Südwesten, und damit haben wir ihn auf dem ersten Stück genau im Rücken. Gleich, nachdem wir die Segel gesetzt haben, werden wir energisch nach vorne gepuscht! Die anderen haben gar keine Chance, das Tempo mitzuhalten. Wir rauschen mit zehn und manchmal noch mehr Stundenkilometern durchs Wasser, und ich mache mir Gedanken, ob meine Takelage die erheblichen Kräfte auch klaglos verkraften kann. Sie kann!

Der Wind hat zwar durchaus bissige Böen im Angebot, aber da er direkt von hinten kommt, ist er recht problemlos zu handhaben. Die Paddel werden ausschließlich zum Stützen bzw. als Heckruder eingesetzt. Bei beidem muss man aber beherzt zu Werke gehen, sonst zerlegt es einen ganz schnell. Und man muss sich immer mal wieder sehr klein machen, um unter dem Segel hindurch blicken zu können. Es kommen ja doch manchmal Segelboote oder Ausflugsdamprer entgegen, mit denen man nicht kollidieren will. Ein paarmal sind wir baff erstaunt, wie spät wir Entgegenkommer entdecken!

Als wir den Anleger der Fähre bei Sundsacker passieren, entdecken wir Maditha, Sophia und Anne an Land. Sie sind noch am Packen, sollten aber problemlos fertig sein, wenn die anderen hier eintreffen.

Am Ende der kleinen Halbinsel, auf der sich die Häuser der Stadt aneinander kuscheln, dümpelt eine recht stattliche Segelyacht mitten im Fahrwasser. Eine zweite, recht kleine steht regungslos etwa auf gleicher Höhe rechts in Ufernähe. Wir stutzen eine Weile, bis wir die Situation erfassen: die kleine Yacht ist im flachen Wasser auf Grund gelaufen und die große will ihr helfen — kann aber nicht näher ranfahren, weil sie zu viel Tiefgang hat. Da sind eindeutig wir gefragt! 

Als erstes müssen die Segel niedergeholt werden. Das ist alles andere als trivial bei dem Druck, den der Wind auf sie ausübt. Man muss zwangsläufig erst mal so in den Wind drehen, dass die Segel flattern, dann kann man den Mast niederlegen und festlaschen. Bei der festgefahrenen Yacht angekommen, frage ich, ob sie einen Anker haben, den ich vielleicht in einiger Entfernung abwerfen könnte. Aber der Skipper sagt, dass der Untergrund hier dafür nicht geeignet ist und der Anker nur wegrutschen würde. Wir fahren ein paarmal zwischen den beiden Yachten hin und her, um das weitere Vorgehen abzusprechen. Schließlich übernehmen wir eine lange Leine vom großen Schiff und bringen sie zum kleinen. Die ganzen Manöver sind alles andere als einfach, weil ja immer noch der stramme Wind bläst und filigrane Positionierungen schon im Ansatz quasi verweht. Wir schaffen es aber, die lange (und wirklich schwere) Leine hochzureichen. Aber auch mit der längsten Leine, die der Havarist aufzubieten hat, ist sie nicht lang genug, den Abstand zur anderen Yacht zu überbrücken. Es als Ulrich zusätzlich seine Schleppleine opfert, reicht die Kombi. Nun zieht die große Yacht an, das Seil strafft und dehnt sich beachtlich. Wir befinden uns in Luv davon und möchten uns eigentlich gerne aus dem Staub machen, damit es uns bei einem Bruch nicht um die Ohren fliegt. Leider sind wir quasi gefangen und schaffen es lediglich, etwas Abstand zwischen uns und die bedrohliche Leine zu bringen. Recht schnell kommt aber die kleine Yacht frei — das Seil entspannt sich und mit ihm unsere Gemüter! Nur der Karabiner von Ulrichs Schleppleine war den Kräften nicht gewachsen und hat den Klügeren gespielt...

Kurz vor Arnis ändert die Schlei ihren Verlauf genau von Süd nach Nord und ist auch erheblich schmaler. Dadurch können sich hier kaum Wellen aufbauen, aber der Wind wird etwas herumgebeugt, so dass er quasi dem Verlauf der Wasserfläche folgt. Auf diesem Stück ist das Segeln ultra-entspannt!

Das hält an bis sich die Schlei nördlich von Kappeln wieder nach Osten wendet und deutlich weitet. Die Wellen werden kontinuierlich größer und der Wind kommt nun arg seitlich. Das resultiert in einem gänzlich anderen Charakter als auf den beiden vorherigen Teilstrecken. Hier ist im Wesentlichen das linke Paddelblatt gefragt, auf dem ein enormer Druck liegt, der dafür sorgen soll, dass man nicht koppeister geht! Ich fahre quasi Tonnenstrich — immer knapp rechts der roten Tonnen. So kann ich mir sicher sein, dass ich mit keinem entgegen kommenden Schiff kollidiere und nicht mit vollem Karacho auf eine der weiter südlich lauernden Flachstellen rausche. Das Kurshalten geht erstaunlich gut, auch wenn es mich manchmal arg aus der Richtung haut. Im Grunde ist das Segeln unter solchen Bedingungen im Wesentlichen eine psychologische Herausforderung: die größte Furcht besteht darin, dass eine plötzliche Böe einen in die Suppe kippt! Alle Segelyachten, die uns entgegen kommen, grüßen respektvoll — das macht man halt so unter Yachtis!

Dass die Bedingungen alles andere als trivial sind, sieht man an den Windmesswerten und auch daran, dass Jan-Philipp einmal von einer schiebenden Welle so verdreht wird, dass es ihn reinreißt. Keine große Tat mit so einer Truppe, und eine wertvolle Erfahrung und Erinnerung, das Fahren mit Rückenwind und schiebenden Wellen weiter zu üben.

Das Gelände der Öhe ist komplett zeltfrei — wer fährt schon bei solchen Bedingungen hier her? Jeder findet ein Fleckchen für seine Stoffhütte, und das Gemeinschaftszelt ist auch schnell aufgebaut. Mittlerweile haben wir ja schon etwas Übung darin und könnten es vermutlich sogar schaffen, ohne dass Anja dabei ist und Regie führt.

Das Wetter ist zwar nicht berauschend, aber die Wassertemperatur ist noch relativ moderat. Nun ja, sie liegt zwar definitiv unterhalb meines persönlichen Badelimits von 24 Grad, aber einige Verwegene nutzen die Gelegenheit für ein erfrischendes Bad.

Im großen Tipi finden alle Platz, aber da Jole seine Teilnahme im letzten Moment aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, sind wir auch nur vierzehn Personen. Einer mehr hätte vermutlich auch noch gepasst, aber dann wäre es doch eng geworden.

Neben den vierzehn Personen müssen ja auch noch mindestens zehn Kocher und ungezählte Küchenutensilien Platz finden. Und vor allem der Proviant! Das ganze Gemüse, die Nudeln und das Wasser sind dabei noch das geringste. Was wirklich in Mengen daherkommt, sind die diversen Kuchen, das obligate Mousse von Peter und die ganzen anderen Nachtische! Ehrlich gesagt liegt darin der wahre Grund, warum ich diese Fahrten so gerne mitmache!

Bevor der Tag zu Ende geht, wird noch der Plan für den nächsten durchgesprochen. Die Windvorhersage zeigt sich seit Tagen unverändert: sechs bis sieben Beaufort genau aus West! Das ist noch einmal mehr, als wir bei der Hinfahrt hatten! Immerhin haben wir ja die Möglichkeit, uns von Sundsacker aus mit dem dort stehenden Auto nach Sieseby fahren zu lassen, um die anderen Fahrzeuge von dort zu holen.

Am Sonntag Morgen ist der Wind erstaunlich lau. Das sind maximal drei bis vier Beaufort und keine sieben! Wegen des großen Respekt vor schlimmer werdenden Verhältnissen sind wir schon um viertel nach zehn abfahrbereit und nicht erst um elf, wie ursprünglich geplant. Wir können unser Glück kaum fassen, aber bis ins Stadtgebiet von Arnis hält diese "Flaute" an und wir können ohne Probleme die ersten zwei Drittel der Rückfahrt zurücklegen.

Als ich auf den hinter Arnis offener und breiter werdenden Ostseefjord blicke, schwant mir böses: das Wasser ist im wesentlichen weiß von brechenden Wellen! Um unseren Pausenplatz zu erreichen, müssen wir ca. zweihundert Meter durch diesen ungeschützten Bereich queren. Das gibt allen schon mal einen Vorgeschmack darauf, was uns für den Rest der Tour erwartet!

Die Messwerte zeigen ein abruptes Ansteigen der Windstärke gegen zwölf Uhr auf die von der Vorhersage schon für früher versprochenen Werte von sechs, in Böen über sieben Beaufort! Wir machen erst einmal Pause und stärken uns mit übrig gebliebenem Kuchen.

Vor der Weiterfahrt verabreden wir, dass wir uns am Nordufer entlang hangeln, um wenigstens etwas Windschutz genießen zu können. Allerdings zieht sich die Gruppe bald sehr in der Breite auseinander, so dass eine Verständigung untereinander nicht mehr gut möglich ist. Ich bitte Anja, auf das nächste sichtbare Gebäude am Nordufer zuzuhalten — ich würde dafür sorgen, dass alle anderen ihr folgen werden. Irgendwie hat das aber nicht die erhoffte Wirkung und wir bleiben unnötig lange auf dem offenen Wasser, wo uns der Gegenwind die Kräfte raubt. Irgendwann drehe ich selbst deutlich Richtung Nordufer ab, die Gruppe folgt bereitwillig. Unter dem hier recht hohen Ufer herrscht fast Flaute und wir kommen deutlich kräfteschonender voran.

Man kann unser Ziel in der Ferne schon sehen. Aber man kann in der Ferne auch das Heranrücken einer weiteren Regenfront erkennen. Regenfront heißt auch immer stärkere Böen, und natürlich trifft sie uns genau, als wir unsere finale Querung machen müssen. Also machen wir noch mal eine kurze und willkommene Pause am Nordufer, in der wir die Front passieren lassen. Danach führt Peter die Gruppe geschlossen mit optimal gewähltem Vorhaltewinkel zum Steg an unserem Zielort zurück. Die Querung macht niemandem Probleme, aber einige Arme sind doch recht lang geworden. Die Anforderungen waren schon extrem, und nicht jeder ist so viel zum Paddeln gekommen, dass seine Fitness das als Spaziergang erscheinen ließe.

GPS-Track hier 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen