Sonntag, 18. Juli 2021

Rund Alsen

Durch die durchweg positiven Erfahrungen im Vorjahr angefixt wollte ich auch dieses Jahr wieder eine Tour Anfang Juli auf der Nordseetour unternehmen. In der Hoffnung auf ein Corona-Wellental hatte ich sie schon Anfang April als Vereinsfahrt angeboten. Irgendwie habe ich mich bei dem ins Auge gefassten Termin aber mit der Tide vertan: am ursprünglich ausgesuchten ersten Wochenende im Juli war das Schwappen des Wassers einer entspannten Tour ganz und gar nicht gewogen. Ohne eine rechte Erklärung für meine anfängliche Wahl, die mein Ansehen und das Vertrauen in meine Kompetenz bezüglich Tourenplanung hätte retten können, musste ich den Termin dann um eine Woche verschieben. Dadurch verlor ich aber zwei Interessentinnen, die das dann gewählte Wochenende schon anderweitig verplant hatten. Immerhin konnte ich dadurch aber auch Ulrich und Peter noch als Mitfahrer gewinnen.

Vorhersage am Mittwoch, den 14.07.
Durch diese kleine Rochade klang die Gruppenzusammensetzung - Sabine, Jörg, Peter, Ulrich und ich - wie man sie gestalten würde, wenn man Größeres vorhätte. Hatte ich aber eigentlich nicht. Allerdings zeigte sich die Wettervorhersage, sobald das Wochenende in ihre Reichweite rutschte, wenig verlockend. Wind konstant mindestens sechs Beaufort - und konstant aus nordwestlichen Richtungen. Trotzig Verdrängung übend versuchten Peter, Jörg und ich noch am Mittwoch der Vorwoche eine Umrundung von Amrum zu planen. Das war im Prinzip auch kein unüberwindliches Problem. Allein die Windvorhersage müsste sich noch drastisch ändern. Wird schon.

Wurde aber nicht. Am darauffolgenden Mittwoch war die Vorhersage für die Nordsee immer noch so, dass ich dort keine Paddeltour veranstalten wollte - auch nicht, wenn sich mit der Gruppenzusammensetzung prinzipiell Größeres bewältigen ließe. Zusammen mit Peter entsteht die Idee, Alsen zu umrunden, was ich am nächsten Tag noch detailliert ausarbeite und den anderen mitteile.

Es soll gegen den Uhrzeigersinn um Alsen herum gehen. Das ist kein Pappenstiel, denn es sind über 100 Kilometer. Es gibt ja Leute, die diese Insel an einem Tag umrunden, wie ich in der letzten Ausgabe unserer Vereinszeitung lesen musste - aber die starten dann nicht in Deutschland - und die müssen sich auch nicht mit einem sechser Wind auseinandersetzen.

Zur Ausarbeitung gehört auch, dass ich mir Übernachtungsplätze an geeigneten Positionen raussuche, so dass die Gesamtstrecke in zu bewältigende Etappen zerfällt. Für Freitag habe ich mir den Platz Taksensand rausgesucht, bis zu dem es aber 37 Kilometer sind, wenn wir von Wackerballig aus starten. Da wir dort aber erst am späten Nachmittag starten können, ist das vielleicht etwas zu ehrgeizig, so dass ich noch Blommeskobbel ins Auge fasse, wohin es auch schon sportliche 29 Kilometer sind. Die Koordinaten beider Plätze übernehme ich sorgfältig in mein GPS-Gerät.

Der Samstag würde dann ausgiebig Gelegenheit bieten, seine eigene Gegenwindfestigkeit zu testen, bevor wir dann gegen Ende des Tages in den Alsenfjord einbiegen und von da an Rückenwind haben würden. Die Überfahrt von Sonderburg nach Wackerballig - 18 Kilometer vor einem steifen Wind - die sind es, worauf ich mich freue und was die Tour lohnenswert macht!

Die Anreise ist einigermaßen zäh - in Eckernförde bremst uns ein Stau und auf der Bundesstraße nach Kappeln flutscht es auch nicht wirklich. Die uneingeschränkt gute Nachricht ist, dass das Parken in Wackerballig nichts kostet! Überhaupt wirkt der Ort, als würde das Leben der restlichen Welt im wesentlichen an ihm vorbeitoben.

Davon träumen Babies!
Das Wasser am Strand hier wird so seicht tiefer, dass die Badegäste gute hundert Meter waten müssen, bevor sie in knietiefem Wasser endlich etwas schwimmen können. Dafür ist es so unglaublich warm, dass sogar das Mittelmeer neidisch werden würde! Nachdem ich mein Babythermometer ins Wasser gehalten habe, will ich es kaum glauben: 27° Wassertemperatur!

Es herrscht kaum Wind, wir gleiten zügig nach Norden. Ulrich hat ein funktionierendes GPS dabei und unsere Position, Geschwindigkeit und noch zu bewältigende Entfernung ständig im Blick, Sabine trägt eine GPS-Uhr am Arm, mit der sie unsere zurückgelegte Entfernung und die aktuelle Geschwindigkeit checken kann, und Jörg hat ein Handy und eine App, mit der er nachsehen könnte, wo wir sind und was wir da wollen! Peter fährt nach Bauchgefühl  und ich - sagte ich schon, dass mein sorgfältig mit den Koordinaten der Übernachtungsplätze programmiertes GPS-Gerät immer noch am USB-Port meines heimischen Rechners hängt?

Ulrich fährt vorschriftsmäßig soweit vom Ufer entfernt, dass er außerhalb der Grenzen des Naturschutzgebietes Geltinger Birk bleibt, während wir anderen einfach einen plausibel weiten Abstand zum Ufer halten, so dass kein Kormoran auf die Idee kommt, unsretwegen auffliegen zu müssen.

Hinter der Spitze der Birk müssen wir noch einmal deutlich nach Osten abbiegen, denn die Süd-Ost-Spitze von Alsen ragt noch eine ganze Ecke in diese Richtung über die Halbinsel Kegnäs hinaus. Das Queren der Flensburger Förde ist hier sehr meditativ, da sich kaum ein Wellchen regt oder ein Lüftchen weht. Ulrich macht die Hitze etwas zu schaffen. Er verschafft sich Linderung, indem er hin und wieder seinen Hut mit Ostseewasser tränkt.

Als wir etwa querab Kegnäs Fyr sind, fragt Sabine mich nach einer Schätzung der Entfernung bis zur gut sichtbaren grünen Fahrwassertonne. "Zwei Kilometer" ist meine Antwort. Als wir sie dann erreichen, zeigt ihre Uhr dann aber doch 150 Meter mehr an! "Und wieweit ist es nun bis zur Landspitze?" Die meisten schätzen das auf drei Kilometer - aber Ulrich raubt uns gleich die Illusion, er kann als einziger auf seinem GPS-Gerät sehen, dass es ziemlich genau fünf Kilometer sind. So verlässlich ist die Entfernungsschätzung auf See eben leider doch nicht.

Wir fahren hier zeitweise ziemlich weit verstreut auf der Wasserfläche umher - teilweise mit 500 und mehr Metern Abstand. Das ist für mich unter diesen Bedingungen aber überhaupt kein Problem. Solange sich die Teilnehmer in Sichtweite befinden, kann ich jeden jederzeit erreichen, wenn einer trotz fehlender Anlässe Probleme bekommen sollte - und er kann bei 24° Wassertemperatur gerne eine Weile im Wasser schwimmen, bevor ich ihn erreiche.

Bei Poelshuk, dem südöstlichen Zipfel von Alsen, beschließe ich, dass wir heute doch "nur" bis Blommeskobbel fahren. Wir würden sonst erst im Dunkeln ankommen und morgen haben wir halt den ganzen Tag Zeit und da können wir die "verlorenen" acht Kilometer leicht wieder reinpaddeln.

Ulrich benutzt wegen der Hitze sein Camel-Back häufig und intensiv - was ja gut ist. Aber es ist wohl noch recht neu - und schmeckt deshalb deutlich danach. Das führt schließlich dazu,  dass ihm total kodderig ist und wir kurz an Land müssen, um seinen inneren Zusammenhalt wiederherzustellen. Aber die wenigen Kilometer bis zum Übernachtungsplatz kann er danach ohne weitere Probleme aus eigener Kraft zurücklegen.

Nachdem wir an Mommark vorbei sind, wollen wir intensiv nach dem Übernachtungsplatz Ausschau halten. Jörg hat ja die Shelter-App und die zeigt ihm verlässlich, wie weit wir noch von unserem Ziel entfernt sind. Ja - wenn eben Empfang da ist. Ist aber nicht. Das beschäftigt ihn eine Weile. Insbesondere macht ihm zu schaffen, dass er keine Erklärung für die Empfangsverweigerung seines Gerätes hat. Nach einem kompletten Neustart, der das Problem schließlich behebt, bleibt für ihn als Grund für die Fehlfunktion nur die Erkenntnis: "Diese Geräte tun so etwas!"

Der Übernachtungsplatz liegt an einer Steilküste, aber der Weg nach oben ist nicht kompliziert. Oben erwartet uns ein idyllischer Lagerplatz mit wunderbarer Aussicht. Es ist unglaublich warm - auch ohne ein Lagerfeuer, um dessen Stelle wir uns versammelt haben, um jeder für sich das Abendessen  zu zelebrieren. Ich hatte Jörg missverstanden und dachte, dass er auch Essen für heute organisieren wollte und nicht nur für Samstag. Aber zum Glück habe ich ja eine Extra-Portion "Peking-Ente" eingepackt - für Notfälle!

Wir sitzen noch eine ganze Weile und sinnieren in die nicht vorhandenen Flammen, lassen das eine oder andere gemeinsam überstandene Abenteuer noch einmal aufleben. Nur vereinzelte Mücken stören die Idylle. Um Punkt 23 Uhr wird ein imaginärer Schalter umgelegt und die Flaute gründlich weggeweht. Das ist der Wetterwechsel! Die Baumkronen wiegen sich mächtig rauschend im Schwarz der Nacht.

Die ist übrigens entsetzlich warm. Ich habe meinen Schlafsack zwar ausgepackt, aber eigentlich nur, weil ich glaube, dass er sich außerhalb des ihn arg beengenden Packsack deutlich wohler fühlt. Zur Bedeckung reicht vollkommen das dünne Seideninlet, in das ich auch erst spät in der Nacht schlüpfe.

Am Morgen hat der Wind etwas nachgelassen - was nicht heißt. das keiner mehr wehen würde. Der Kleine Belt ist draußen voller weißer Schaumkronen - das sind immer noch satte fünf Beaufort. Leider wehen die genau aus der Richtung, in die wir wollen. Da ist es perfekt passend, dass Ulrich frische Eier mitgenommen hat und reichlich Pfannkuchen für uns alle zum Frühstück produziert. Die sind oberlecker und finden reißenden Absatz.

Da das Wasser am Ufer durch den Wind recht unruhig ist, ist es keine gute Idee, wenn jeder einzeln mit seinem vollbeladenen Boot versucht, den steinigen Uferstreifen zu überwinden. Wir überlegen uns eine ausgefeilte Taktik: als erstes tragen wir Sabines Boot gemeinsam ins Wasser und postieren sie daneben. Danach tragen wir die übrigen Boote zu viert ins Wasser und lassen sie dort von Sabine festhalten. Dann steigt einer nach dem anderen in sein Boot, wobei die anderen es festhalten - bis nur noch einer bis über die Hüften im Wasser steht. Als letztes versuche ich dann, so gut es geht, ebenfalls in mein Boot zu klettern, ohne allzu viel Ostsee mit hineinzunehmen. Wie schön, dass das Wasser hier um die 22° hat, da ist es kein Problem, ein Weilchen im Wasser zu stehen.

Die Lage an der Elektronik-Front stellt sich heute nicht sehr erfreulich dar: Jörgs Handy ist leer, Sabines GPS-Uhr hat über Nacht nicht geladen und die Knöpfe an Ulrichs GPS-Gerät sind nicht für die rauhe Behandlung ausgelegt, dass sie immer mittels Daumennagel betätigt werden müssen. Sie haben den Klügeren gespielt und nachgegeben - mit der Konsequenz, dass nun durch ein Loch Wasser ins Innere der Elektronik dringen könnte. Also müssen wir versuchen, unseren Weg heute alleine zu finden. Bei einer Inselumrundung sollte das zu machen sein: wir müssen nur darauf achten, dass links Land, vorne Wasser und rechts Ozean ist!

An der Hafeneinfahrt von Fynshav halten wir kurz inne und lassen einen Kormoran passieren - und die Fähre gleich mit, weil sie auch gerade kommt.

Wenig später sehe ich etwas grünes im grünen Wasser dümpeln und fahre hin. Es ist eine Flaschenpost, deren Inhalt noch halbwegs intakt aussieht. Ich rette sie in mein Boot und werde sie in aller Ruhe und Sorgfalt zu Hause öffnen und dann den darin beschriebenen Schatz heben - oder die Schiffbrüchigen, deren Hilferuf es ist, von ihrer Insel retten - oder die Prinzessin befreien, die hier von ihrer Gefangenschaft berichtet - und sie dann heiraten und ihre Stiefmutter ins Gefängnis stecken! Das hat sie dann davon! Jedenfalls bin ich gespannt.

Hinter Fynyhav erstreckt sich eine flache Bucht, die wir in gerader Linie queren. Wir peilen den Leuchtturm an, der an ihrem Ende schon von weitem erkennbar ist - wie sich das für gute Leuchttürme gehört - und wovon sich das Bülker Exemplar mal eine Scheibe abschneiden sollte!

Eigentlich wollten wir gerne direkt am Leuchtturm Pause machen, aber offensichtlich verspürt Sabine, die meistens weit vorne fährt, einen solchen Druck in der Blase, dass sie einige hundert Meter vorher an Land geht und umgehend im Buschwerk verschwindet. Wie wir feststellen müssen, ist der Ort optimal gewählt, denn ab hier bis zum Leuchtturm ist alles Schutzgebiet, in dem man nicht anlanden darf. Außerdem gibt es hier eine Tisch-Bank-Kombination, mehrere Abfalleimer - und in einiger Entfernung sogar eine komfortable Toilette! Wir stärken uns ausgiebig und vernichten dabei auch die vom Frühstück übrig gebliebenen Eierlappen.

Bis hierhin haben wir 15 Kilometer auf der Uhr - und wir sind gute drei Stunden unterwegs. Diese auf den ersten Blick wenig beeindruckende Performance ist schlicht Ausdruck der Tatsache, dass wir uns die gesamte Zeit gegen einen Wind voran kämpfen, der uns mit vier bis fünf Beaufort entgegenbläst. Dafür ist unsere Geschwindigkeit sehr solide.

Vom Geschwindigkeitsdiagramm des heutigen Tages kann man sich praktisch die gesamte Tour erzählen lassen: bis zur ersten, kurzen Pause in Fynshav, bei der wir den Kormoran passieren lassen, wirkt die Küstenlinie noch etwas als Windschutz, danach knickt die Landschaft deutlich nach Westen ab und liefert uns damit dem Wind ungeschützt aus. Man sieht auch, dass mit zunehmender Dauer die Geschwindigkeit nachlässt.

Nach der Pause am Leuchtturm (km 15) geht es mit frischer Energie weiter. Der deutlich erhöhte Block zwischen km 20 und 24 spiegelt die halbe Stunde wieder, in der ich "mein Boot mal laufen lassen" habe. Der kleine, noch höhere Peak ist die kurze Phase, in der ich mit dem Wind zur Gruppe zurück paddle. Ab da mühen wir uns wieder mit nachlassender Spritzigkeit bis zur nächsten Pause kurz hinter der äußersten Nordspitze der Insel. Auch diese Pause wirkt belebend, und wir sind danach über einen Stundenkilometer flotter unterwegs als die letzte dreiviertel Stunde davor. Als wir schließlich in den Alsenfjord einbiegen, haben wir den Wind endlich von hinten, und wir surfen entspannt dem anvisierten Übernachtungsplatz zu. Schon toll, was man aus so einem GPS-Diagramm alles heraus lesen kann!

Direkt vor dem Nordkapp von Alsen liegt ein ziemlich ausgedehntes Flach. Das erzeugt natürlich spritzende Wellen, die einem aber nix tun, weil sie einfach zu klein sind. Aber es tummeln sich zahlreiche Kite-Surfer hier, für die das natürlich ein ideales Revier ist.

Die Navigation im Alsenfjord ist nicht mehr so trivial wie vorher - weil wir jetzt links und rechts Land haben! Und dann zweigt auch noch der Augustenborgfjord nach links ab und bietet damit eine prima Möglichkeit, sich grandios zu verfahren. Aber bei der Versammlung gewiefter Navigatoren bewältigen wir die Herausforderung, ohne Umwege in den Alsensund einzubiegen, ohne Probleme. Einen Umweg machen aber Sabine und Jörg noch - sie sind sich nicht sicher, ob wir mit unserem Trinkwasser über die Runden kommen und holen noch Nachschub vom Zeltplatz auf der anderen Sundseite.

Am Übernachtungsplatz Arnkill hat außer uns nur noch ein dänisches Pärchen sein Zelt aufgeschlagen. Die beiden sind mit Fahrrädern unterwegs und wollen morgen eine ordentliche Strecke zurücklegen. Aber anders als wir, wollen sie morgen gegen den Wind fahren! Der Platz hat sich nicht großartig verändert, seitdem ich das letzte Mal hier war - allerdings existiert das Plumpsklo im Wald nicht mehr. Dafür gibt es jetzt Bremsen hier!

Am nächsten Morgen muss ich wieder feststellen, das der Platz immer ausgesprochen feucht ist. Und die Morgensonne erreicht die Zelte erst sehr spät. Aber bis zum Einpacken ist unsere Ausrüstung gut durchgetrocknet. Es ist deutlich kühler geworden. Als wir in die Boote steigen, haben alle an der Bekleidung zugelegt. Ich habe eine langärmlige Paddeljacke an und überlege bald, sie wieder auszuziehen, weil es so kalt dann doch nicht ist. Ich warte damit bis zur Pause in Sonderburg.

Es sind zwar nur gute sieben Kilometer bis zum Strand an der Bucht Vemmingbund am südlichen Ausgang des Alsensunds, aber hier ist die letzte Möglichkeit, eine Pause an Land zu machen, bevor wir die 18 Kilometer weite Querung zurück nach Wackerballig angehen. Hier am Strand ist es sehr windgeschützt und man kann kaum glauben, dass draußen ernst zu nehmende Wellen auf uns warten. Aber ich sehe mir lange und ausgiebig den Horizont an und die Segelboote, die weit draußen gefährlich schief durch die Landschaft stampfen. Die Kimm ist leidlich ausgefranst - ein untrügliches Zeichen für eine rauhe See. 

In einer kurzen Lagebesprechung einigen wir uns auf den zu steuernden Kurs. Die gegenüberliegende Küste ist zwar eindeutig zu erkennen, aber natürlich sind auf die Entfernung keine Einzelheiten auszumachen. Ulrich hat eine grobe, vom Bildschirm abgepauste, handgemalte Seekarte dabei und zudem ein Fernglas. Ich habe Kopien der einzelnen Routenabschnitte mit allen Peilungen und Entfernungen im vorderen Schott und in der Tagesluke ein Tablet mit einer Fully-Featured-Navigations-App, bei der ich die Route schon einprogrammiert habe. Nichts davon benutzen wir. Ich weiß im Nachhinein nicht wirklich, warum wir uns lediglich auf eine grobe, optische Daumenpeilung beschränken. Es kann natürlich unter diesen Verhältnissen nichts wirklich schief gehen, aber irgendwie wäre es professioneller gewesen, wenigstens eines der anerkannten Navigationsmittel zu benutzen. So schätze ich die Richtung zu unserem Ziel auf deutlich mehr als 45 Grad südlich von Ost. Unter Berücksichtigung der Winddrift und der kajakspezifisch möglichen Präzision beim Ablesen der Kompasswerte gebe ich zwischen 150 und 180 Grad als zu steuernden Kurs vor (der in meiner Routenplanung angegebene Kurs wäre 161 Grad gewesen).

Eine dreiviertel Stunde gönnen wir uns, um Kräfte zu sammeln, die Toilette zu nutzen und - nach meiner eindringlichen Beschreibung der uns erwartenden Verhältnisse - nochmals die Kleidung anzupassen, bevor wir wieder in See stechen. Anfangs ist der Seegang noch recht moderat, aber sehr bald steigert er sich beträchtlich - und es ist absehbar, dass es noch deutlich anspruchsvoller werden wird. Obwohl ich weiß, dass alle meine Begleiter solche Bedingungen sicher handhaben können, bin ich anfangs deutlich angespannt. Es ist keinesfalls aus Sorge, dass mir die Verhältnisse selbst Probleme bereiten würden. Es ist eine Sorge, die sich allein aus der Verantwortung ergibt: diese Tour ist keine, für die Peter, Jörg und ich uns zusammengefunden haben und sie gemeinsam unternehmen - es ist eine, die ich angeboten habe und für die sich Peter, Jörg und die beiden anderen angemeldet haben. Es ist von außen betrachtet eigentlich kein Unterschied - aber es fühlt sich innen deutlich anders an!

Es dauert zum Glück nicht übermäßig lange, bis ich mich wieder entspanne. Komischer Weise nimmt die Entspannung mit zunehmender Wellenhöhe immer weiter zu! Anfangs beträgt die Wellenhöhe einen guten halben Meter - mit vereinzelten Kavenzfrauen dazwischen, die auf einen dreiviertel Meter kommen. Aber nach zwei Dritteln der Strecke sind die meisten Wellen im dreiviertel Meter-Bereich und ziemlich viele einen Meter hoch. Auch diese gestiegene Herausforderung kann man am Geschwindigkeitsdiagramm ablesen: Wir werden im Verlaufe der Querung kontinuierlich langsamer - obwohl der Rückenwind immer weiter zunimmt! Das liegt bestimmt nicht an zunehmender Erschöpfung!

Wir fahren die ganze Zeit einen konstanten Kurs - eine Gruppe von Windrädern an Land im Visier, die so schön passend postiert ist, dass wir nie unter 150 Grad steuern. Gemäß meiner Ansage vor Beginn der Überfahrt bleiben wir auch dicht beieinander, so dass jederzeit eine koordinierte Rettungsaktion möglich wäre, sollte einer einen Krebs fangen.

Ich versuche die gesamte Zeit über, die mehr oder minder unstrukturierte Küstenlinie daraufhin abzusuchen, wo der westliche Eingang der Geltinger Bucht liegt. Erst sehr spät meine ich etwas passendes gefunden zu haben, dass überraschender Weise genau in unserem Vorauskurs liegt. Ich hatte damit gerechnet, dass wir eigentlich weiter östlich gesteuert hätten. Nur wenig nach meiner Erkenntnis macht mich Sabine auf seltsame Strukturen aufmerksam, die in genau südlicher Richtung liegen. Sie erinnern etwas an Hochhäuser, aber wir wissen, dass es in dieser Richtung keine gibt. Erst mit Näherkommen lösen sich die einzelnen Blöcke auf und man erkennt, dass es dicht zusammen stehende Segelmasten sind, die auf die Entfernung in Gruppen wie durchgehende Blöcke erscheinen. Das kann nur der Segelhafen von Gelting sein! Damit steht fest, dass wir ganz gehörig zu weit nach Osten gesteuert haben!

Was wir für die östliche Begrenzung der Geltinger Bucht gehalten haben, ist lediglich der Eingang in ein klitzekleines Noor innerhalb der Geltinger Birk. Die Begrenzungen der Bucht selbst sind mit dem bloßen Auge an der Horizontlinie überhaupt nicht als solche auszumachen! Wenn man sich die Seekarte ansieht, ist das auch nicht weiter verwunderlich: unser Kurs verläuft eigentlich die gesamte Zeit über parallel zur westlichen Uferlinie der Geltinger Bucht! Die Küstenlinie hat also praktisch überall denselben Abstand von uns - nirgends ein Punkt, ab wo die Linie nach hinten wegspringt! Für die letzten paar Minuten legen wir den Kurs deutlich nach Süden und haben den Wind damit genau von der Seite. Unsere Geschwindigkeit geht dadurch nicht merklich zurück.

Das Wasser vor Wackerballig ist immer noch so flach, wie bei unserer Abfahrt und nicht sehr viel kühler. Aber heute sind deutlich mehr Kite-Surfer unterwegs, durch die wir uns den Weg bahnen müssen. Selbst an Land rauscht der Wind immer noch so gewaltig, dass man den Eindruck hat, die Blätter wollen unbedingt nach Osten und bleiben nur, weil sie ihren Baum nicht mitbekommen. Beim Entladen der Boote muss Sabine feststellen, dass ihre vordere Gepäckluke randvoll mit Wasser gefüllt ist!

Heute ist die Parksituation hier nicht so entspannt wie am Freitag. Wir wollen noch ein kleines Eis essen gehen, machen aber vorher noch ein kleines Umpark-Manöver, damit jemand anderes schon mal unsere demnächst freiwerdende Parklücke nutzen kann. Es ist ein Kite-Surfer, der auch erfahrener Segler ist und gar nicht glauben kann, dass wir unter den Bedingungen mit so kleinen Booten von Sonderburg herüber gekommen sind. Wir sagen, dass die Boote schon sehr gut dafür geeignet sind - dass man es aber vorher üben sollte, wenn man es nachmachen möchte. Leider gibt es in ganz Downtown-Wackerballig keine einzige Möglichkeit, ein Eis zu essen :-|

Sonntag, 25. April 2021

Schwentine eiskalt

Es ist kaum zu glauben: fast ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem ich meine letzte Tour gemacht habe! Nicht, dass ich in der Zwischenzeit nicht gepaddelt wäre - ganz im Gegenteil! Mit stoischer Regelmäßigkeit haben Jörg und ich in diesem Winter unsere Furchen in die Förde gepflügt. Nur ein einziges Wochenende mussten wir an Land bleiben und spazieren gehen, weil das Wasser gefroren war. Aber es war eine zwar segensreiche aber auf die Dauer doch ermüdende Routine, in der wir auf das Sinken der Inzidenzzahlen gewartet haben, und dass wir mal wieder eine Unternehmung mit mehreren machen können.

Um dem ewigen Einerlei wenigstens etwas zu entkommen, haben wir uns für dieses Wochenende vorgenommen, die Schwentine ein längeres Stück abzupaddeln. Die Umstände zeigen sich günstig: die Bäume pressen allenthalben das Grün aus ihren Knospen, der ins Auge gefasste Tag soll sonnig, warm und windstill werden! Und meine Tochter Merle hat sich bereit erklärt, uns bis nach Niederkleveez zu fahren. Auf dem Weg dorthin stellen wir Jörgs Bulli am Rosensee ab, so dass wir nachher nicht mehr zu unserem Startpunkt zurückfahren müssen, weil Merle das Auto ja wieder mit zurück genommen hat.

Die Einsetzstelle am Badestrand des örtlichen Hotels präsentiert sich genau so sonnig wie im letzen Jahr. Allerdings sind von den damals 20 Grad heute nicht einmal mehr die Hälfte anzutreffen - und das, obwohl wir die Tour in diesem Jahr drei Wochen später unternehmen! Zudem sind da überall weiße Bäckermützen auf dem Dieksee, die es bei der vorhergesagten Flaute eigentlich nicht geben sollte.

Ich hatte im Vorfeld lange überlegt, was ich anziehen sollte. Im vergangenen Jahr bin ich im Neo ohne Paddeljacke gefahren - aber da waren es eben auch schon Tage vorher nahe 20 Grad. Unterm Strich habe ich dann doch meinen alten Dry-Fashion-Trockenanzug mit mitteldickem Unterfutter gewählt. Vor allem sind wir beide froh, dass wir unsere Handschuhe und Mützen dabei haben!

An der Umsetzstelle der Ölmühle muss Jörg allerdings doch seinen dicken Wollpulli ablegen, denn beim Paddeln gegen den Wind wird ihm dann doch zu warm. Der Wind entspricht weder der Wettervorhersage noch unseren Erwartungen. Schließlich war die vorhergesagte Flaute einer der vier Gründe, warum wir die Tour auf den heutigen Tag gelegt haben. Wenigstens die Passage über den Großen Plöner See unterstützt er uns, so dass wir ganz gemütlich mit den Miniwellen surfen können.

Ab der Südspitze von Spitzenort müssen wir aber stetig nach Norden - und von dort kommt der eiskalte Wind. Das war der zweite Grund, warum wir nicht schon gestern gefahren sind: heute sollten die Temperaturen deutlich angenehmer sein. Aber die hat offensichtlich der nicht angekündigte Wind verweht. 

Die Rohrdommelbucht ist wie letzten Jahr voller Haubentaucher, eine Rohrdommel habe ich hier noch nie gesehen, und dass ich eine gehört habe, ist mehr als 20 Jahre her. Jörg macht den Vorschlag, sie in "Karpfen- und Haubentaucherbucht" umzubenennen. Bei der Annäherung an den Bürstenpass hinter dem Campingplatz bringe ich auch schon meine Kamera in Stellung, um die Hundertschaften von fetten Karpfen zu filmen, die uns hier im letzten Jahr entgegen gekommen sind. Aber heute lässt sich nicht mal ein magerer Stichling blicken. Also nur "Haubentaucherbucht".

Spätestens auf dem Kleinen Plöner See vermissen wir auch den dritten Grund, der uns heute rausgetrieben hat: der angekündigte ungetrübte blaue Himmel ist übersät mit wunderbar weichen Wattewolken, von denen sich mindestens eine immer genau auf der Linie zwischen der Sonne und uns aufhält. Zusammen mit dem Gegenwind kommt so keine rechte Gemütlichkeit auf.

Um etwas Windabdeckung zu finden, steuern wir die Landnase direkt vor uns an und schmiegen uns dicht an sie. Dahinter fahren wir wieder in direkter Linie auf die nächste Landnase zu, um auch dort schnell wieder in den Windschutz zu gelangen. Gewiefte Navigatoren machen das so. Das ist auch gut und sinnvoll - allerdings nur, wenn der Windschutz wenigstens grob in der beabsichtigten Fahrtrichtung liegt. Diese Bedingung ist in unserem Fall leider nicht gegeben und wir müssen knappe zwei Kilometer wieder zurückpaddeln. Immerhin haben wir dabei keinen Gegenwind!

Die Pause machen wir an einer geschützen Stelle, wo die Schwentine das erste Mal richtig strömt und man etwas arbeiten muss, um an Land zu kommen. Hier können wir ausgiebig den vierten Grund vermissen, weswegen wir unbedingt auf die Schwentine wollten: das ersehnte Grün der Bäume steckt hier noch tief in fest verschlossenen Knospen!

Es ist nicht wirklich viel Betrieb auf dem Wasser, nur ab und zu begegnet uns der eine oder die andere Paddlerin. Erst als wir uns Preetz nähern wird es spürbar mehr. Zwar sind Menschen an der Badestelle, als wir sie passieren, aber im Gegensatz zum letzten Jahr badet hier keiner!

Nach meiner Erinnerung sollte der Fluss nach dem Ort geschützt durch dichtes Gehölz verlaufen. Aber leider hat mir meine Erinnerung da wieder einen Streich gespielt! Es ist leider relativ offenes Gelände und der Wind sucht sich genau das Bett des Flusses, um sich dort auszutoben. Nur an einigen Stellen herrscht vollkommen unmotiviert Windstille. Hier tummeln sich hunderte von Rauchschwalben, die möglicherweise Insekten jagen. Allerdings kann ich keine entdecken, und müsste wohl verhungern, wenn ich davon leben sollte. Aber ich bin ja zum Glück nicht als Schwalbe konzipiert.

Wenn man dann schließlich den Teil erreicht hat, wo tatsächlich dichtes Gehölz den Wind abhält, ist es auch gar nicht mehr weit bis zum Rosensee. Hier ziehen wir uns kurz um und verladen unsere Ausrüstung, bevor wir Tisch und Klappstühle aufstellen und genüsslich den mitgeführten Kuchen verzehren.

Auch wenn keiner der vier Gründe zutraf, um derentwegen wir uns auf die Tour gefreut haben - es ist einfach schön, mal wieder eine andere Tour zu machen, als sonst jedes Wochenende. Ich hoffe allerdings, dass sich das nächste Jahr nicht wieder so alternativlos darstellt und wir vielleicht mal eine andere Tour möglicher Weise auch mit mehr Teilnehmern machen können!

GPS-Track hier.

Freitag, 6. November 2020

Corona-Fluchttour

Am letzten Wochenende im Oktober wollten wir eigentlich eine größere Tour unternehmen, aber die Wettervorhersage war alles andere als einladend. Dann kam auch noch der zweite Lockdown dazu, der unsere Möglichkeiten weiter einschränkte. Um überhaupt etwas zu unternehmen, verabredeten Jörg und ich uns zu einer Einweg-Tour von Eckernförde nach Bülk. Das war ja schon ganz nett, aber kein befriedigender Ersatz für eine richtige Tour. Zwar hatten wir immerhin einen Kocher mit, mit dem wir uns den leckeren Birnen-Bohnen-und-Speck-Eintopf aufgewärmt haben, den Jörg vorbereitet hatte, aber Zelt und Schlafsack und deren Anwendung fehlten halt. 

Für das Ende der Woche kündigte sich eine deutliche Wetterverbesserung an, so dass an eine Paddeltour zu denken wäre. Da Jörg den Samstag nicht freimachen konnte, habe ich kurzerhand für den Donnerstag Urlaub genommen, so dass wir wenigstens Donnerstag/Freitag zur Verfügung hatten.

Wohin sollten wir fahren? Dänemark hat seine Grenzen bereits wieder geschlossen, die Halligen lassen keinen an Land und Camping- und Wohnmobilstellplätze sind tabu. Schleimünde könnte gehen - ist ja eigentlich kein Zeltplatz und Wohnmobile sind hier auch eher selten. Ein kurzer Check der Webseite des Hafens - aber die sieht ziemlich verlassen aus. Wir gehen davon aus, dass das Gelände ebenso verlassen ist und keiner sich daran stoßen wird, dass wir hier übernachten.

Unseren Plan, von Bülk los und am nächsten Tag wieder dahin zurück zu fahren, müssen wir fallen lassen: für den Donnerstag ist leider maximal widriger Gegenwind angesagt. Zum Glück erklärt sich Doro bereit, uns nach Lindaunis zu chauffieren, das verwandelt den scheddrigen Gegenwind in eine angenehme Unterstützung.

Der Parkplatz am Noor ist pappenleer und auf den Straßen wenig Verkehr. Zwar müssen wir nur zwei Tage und eine Nacht aus unseren Booten leben, aber es ist Winter und da ist die Ausrüstung immer etwas voluminöser. Trotzdem bringen wir alles in den Stauräumen unter und bekommen die Lukendeckel auch wieder zu. Im Noor ist es noch recht windgeschützt und Strömung geht hier auch nicht. Das ändert sich aber drastisch, als wir lässig in den Durchlass unter der Eisenbahnbrücke einbiegen wollen. Da müssen einige energische Notschläge helfen zu verhindern, dass die heftige Strömung uns gegen die Betonpfeiler spült.

Die Schlei verläuft hier grob in Richtung Ost-Nord-Ost - der Wind kommt genau aus West. Und er kommt heftiger als vorhergesagt und erwartet. Mehr als einmal sind wir dankbar, dass wir uns nicht auf die Keul-und-Klotz-Variante eingelassen haben, uns von Bülk nach Westen zu kämpfen. Und noch häufiger sind wir dankbar für die zahlreichen Surfs, die uns immer wieder in die Nähe der 15km/h-Grenze katapultieren. Auf der Schlei kommen nun mal keine wirklich großen Wellen zustande, aber diese kleinen flachen Wasserbuckel zusammen mit dem Winddruck sorgen für ein zügiges Vorankommen. Völlig unerwartet bietet sich uns hier ein erquickender Spaß.

 
Unterwegs begegnen uns große Schwärme Seevögel, meist Kormorane, Eiderenten oder Graugänse. Mehrmals kreisen zwei Seeadler hoch über uns. Sie fliegen so hoch, dass ich mir unmöglich vorstellen kann, dass sie von dort oben einen Fisch im Wasser erkennen können. Ich vermute, sie genießen einfach wie wir das Segeln und Gleiten im Wind. In Kappeln lassen wir uns einfach treiben und verrichten unsere Pause. Trotz keinerlei eigenen Antriebs treiben wir immer noch mit zwei bis drei Stundenkilometern unserem Zeil entgegen - und das, obwohl das Gewässer hier eher in Nord-Süd-Richtung verläuft.

Als die Schlei nördlich von Kappeln wieder nach Osten abbiegt, haben wir den Wind wieder genau im Rücken. Wir wünschen uns etwas mehr Wassertiefe, die zu etwas höheren Wellen führen würde, nehmen aber die kleinen aber zahlreichen Surfs dankbar und innerlich juchzend an.

Wie erwartet liegt die Lotseninsel von allen guten Geistern verlassen da. Wir bauen unsere Zelte gleich ganz oben im Eck zwischen Mauer und Haus auf, um einigermaßen vor dem immer noch pfeifenden Wind geschützt zu sein. Am westlichen Horizont ziehen gelblich graue Wolken auf, die auf Niederschlag deuten. Zwar hat Jörg extra noch sein Tarp eingepackt, aber Regen im Zusammenspiel mit Wind können die Gemütlichkeit empfindlich beeinträchtigen. Wir sehen uns auf dem Gelände um, ob es alternative Optionen bietet. Alle Gebäude inklusive der Duschen und Toiletten sind natürlich verrammelt. Aber da gibt es ein Gewächshaus, das zwar nicht wirklich winddichte Wände hat - vor allem weil in den Fensterrahmen, die zur Tür verbaut sind, die Scheiben fehlen - aber es hat ein regendichtes Dach und bietet wenigstens etwas besseren Windschutz als ein Tarp.

Da wir durch die günstigen Umstände sehr früh angelandet sind und das Aufbauen der Zelte auch nicht lange gedauert hat (für den Transport unserer Sachen vom Boot zum Zeltplatz haben wir uns zwei herumstehende Schubkarren ausgeliehen), müssen wir erst mal einige Zeit verbringen, bevor wir daran gehen können, unser Abendbrot zu bereiten. Gespräche über dies und das und die Welt und das Überprüfen, wie es um die amerikanische Präsidentschaftswahl steht, nehmen ihre Zeit in Anspruch. Aber es ist nicht leicht, im Angesicht eines leckeren Kohleintopfes nach einem Tag mit reichlich körperlicher Anstrengung aber sparsamer Nahrungsaufnahme den aufsteigenden Heißhunger zu überhören. Um halb sieben erklären wir, dass die Zeit gekommen ist, dem Eintopf zu Leibe zu rücken. Ich muss meinen großen Topf bemühen, bekomme aber nur die Hälfte des Vorrats, den Jörg mitgebracht hat, darin untergebracht. Das Zuschauen, wie der Inhalt warm wird und dabei betörende Gerüche verbreitet, macht die Sache mit dem Hunger nicht einfacher. Zum Glück braucht es aber nicht wirklich lange, bis die Erlösung heiß ist. Und während wir uns über die erste Hälfte hermachen, köchelt die andere Hälfte bereits auf dem Kocher, so dass lückenlos weitergegessen werden kann, nachdem der erste Teller leer ist. Es ist einfach unglaublich, welche Mengen man nach einer Anstrengung an frischer Luft verputzen kann!

Der Betrieb auf der Lotseninsel hält sich in Grenzen. Anfangs liegt noch ein Fischkutter am Außensteg und sortiert Fang und Beifang. Nach Einbruch der Dunkelheit läuft noch eine Segelyacht ein. Sie kommt aus Flensburg und soll nach Rügen überführt werden. Dafür wollen sie morgen bereits um sechs Uhr auslaufen, um den dann noch günstigen Wind zu nutzen. Die Besatzung ist einigermaßen beeindruckt, dass wir unter diesen Verhältnissen hier zelten und wünschen uns eine nicht zu kalte Nacht.

Die Nacht ist aber gar nicht kalt und irgendwann hat auch der fiese Nieselregen aufgehört, der am Abend zuvor eingesetzt und dann nicht wieder aufgehört hat. Zum Frühstück im Gewächshaus gibt es Müsli und ich koche mir meine(*) zwei Eier (das "meine" steht da nur, um Jörg wieder eine Steilvorlage dafür zu liefern, dass er sich jetzt eine Anmerkung erspart!). Das eine Ei wird auf meinem Schinkenbrot verteilt, das andere wandert in eine der zahlreichen Taschen meiner Schwimmweste, um später auf hoher See mit Genuss verspeist zu werden. Nach dem Zusammenpacken unserer Sachen, bei dem uns die Schiebkarren wieder gute Dienste erweisen, müssen wir noch das Gelände und das Gewächshaus wieder so herrichten, dass niemand erkennen kann, dass jemand es zweckentfremdet genutzt hat. Um halb elf sind wir startklar, der Wind hat gegenüber gestern deutlich nachgelassen, kommt aber noch aus derselben Richtung.

Der Wasserstand ist deutlich höher als gestern Abend, was nichts anderes heißt, als dass es in die Schlei hineinströmt. Vor der Hafeneinfahrt schwimmt ein großer Schwarm Kormorane - durchsetzt mit allerlei Möven unterschiedlichen Strickmusters. Sie hoffen vermutlich auf Brosamen, die für sie abfallen, denn fast jeder Kormoran hat einen Fisch im Schnabel oder schon im Hals, wenn er nach seinem Tauchgang wieder hochkommt. Wahrscheinlich hängt das hohe Fischaufkommen mit der satten Strömung zusammen, die von der Ostsee in die Schlei hinein geht.

Als wir aus dem Segelhafen hinausfahren, spüren wir sofort den Zug der Strömung. Um nicht unnötig Kraft zu verbrauchen, fahren wir dicht an die Mole geschmiegt Richtung offene Ostsee. Ich bin nachhaltig beindruckt, mit welcher Geschwindigkeit das Wasser hier entgegen der  Hauptströmung nach draußen drängt: ohne einen Paddelschlag zu tun, werden wir mit acht Stundenkilometern aus der Schlei geschoben! Allerdings nur um hundert Meter weiter mit zehn Stundenkilometern wieder zurückgsaugt zu werden! Das Wasser ist so turbulent mit Pilzen und kleinen Überfallwellen, wie ich es hier noch nie gesehen habe! Das wäre eine prima Übungsstelle, um den Umgang mit turbulentem Wasser zu üben!

 Der Himmel sieht recht vielversprechend aus. Zwar hängen über dem Festland ziemlich dicke Wolken, aber auf der offenen See ist der Himmel strahlend blau. Der  Wind hat gegenüber gestern deutlich nachgelassen, aber die Richtung beibehalten. Die ist ziemlich genau quer zu unserer Fahrtrichtung, so dass der Wind weder großartig hindert, noch dass er hilft. Für die Festlegung unseres Kurses müssen wir erst einmal länglich gegen die Sonne plieren, um in schier unendlicher Entfernung etwas zu erkennen, was wir als südwestliche Begrenzungstonne des Schießgebietes vor Schwansen deuten können. Die Tonne liegt auf einer Kompasspeilung von 150 Grad, aber Jörg kann seinen Kompass eh nicht ablesen, weil die Sonne so blendet.

Ich bin immer wieder überrascht, wie groß dieses Schießgebiet ist und wie lange man benötigt, um es zu passieren. Als wir unsere Orientierungstonne fast erreicht haben, zeigt sich in weiter Ferne genau südlich davon eine weitere Tonne, deren Farbe wir auf die Entfernung natürlich nicht ausmachen können. Und dann ist da in noch größerer Entfernung südöstlich noch so etwas, das man als Tonne deuten könnte. Wir sind uns nicht mehr sicher, ob wir hier wirklich die südliche Begrenzung des Sperrgebietes unmittelbar vor uns haben, oder ob das weitere Tonnenpaar diese Linie bildet. Aber da es einen Umweg bedeuten würde, lassen wir die neu aufgetauchten Tonnen liegen, wo sie sind und fahren weiter einen direkten Kurs auf unser Ziel. Leider musste ich im Nachhinein erkennen, dass das Sperrgebiet gar nicht von nur vier Tonnen eingerahmt wird, sondern von sieben! Und natürlich sind wir dadurch mitten durch gefahren😏. Das kommt davon, wenn Amateure sich aufs Wasser begeben!

Als wir uns auf der Linie Damp-Leuchtturm Kiel wähnen, machen wir eine Pause. Die Doppelstulle, die ich mir dafür geschmiert hatte, passte leider nicht in die dafür vorgesehene Tupperdose. Also musste ich sie mit sanfter Gewalt überreden, darin Platz zu finden. Leider hat der leichte Zwang dazu geführt, dass das Brot total zerbröselt ist und nicht mehr wirklich als Stück zu greifen. So muss ich mir die kleinen Brösel und die Bruchstücke des Käses einzeln in den Mund stecken. Aber bei dem Hunger, den ich habe, ist mir die Form der Kalorien herzlich egal. Die Drift während unserer etwa zehnminütigen Pause beträgt keine dreihundert Meter, was gut ist, denn wir werden genau quer zu unserer Fahrtrichtung abgetrieben.

Mittlerweile haben wir uns auch darauf geeinigt, welche Erscheinungen wir als Kieler Leuchtturm interpretieren und was man für das Ehrenmal von Laboe halten kann. Bei der "Mühle von Laboe" sind wir uns jedoch uneins, und wir müssen noch eine Weile paddeln, bevor wir beide der Meinung sind, dass es sich dabei um den Bülker Leuchtturm handelt. Normalerweise ist der nämlich so gut wie gar nicht zu erkennen, und heute sticht er nur deswegen so prägnant hervor, weil er renoviert wird und eingerüstet ist.

Kurzzeitig sind wir der Meinung, dass wir viel zu früh ankommen werden. Weil unsere Abholgelegenheit erst ab halb vier am Zielort aufschlagen kann, versuchen wir, etwas langsamer zu machen - aber das gelingt uns nicht wirklich gut. Und natürlich ist es auch noch viel weiter, als es aussieht - das werden wir nie lernen. So sind wir noch nicht einmal mit Umkleiden fertig, als Doro schon mit dem Bulli aufkreuzt, um uns nach Hause zu holen.

Ich kann sogar den Luxus genießen, dass ich direkt bei mir zu Hause abgeladen werde, und die beiden mein Boot und meine Ausrüstung, insbesondere meine Schwimmweste, für mich zurück zur Bootshalle bringen. Das hartgekochte Ei in einer der zahlreichen Taschen meiner Schwimmweste wartet immer noch darauf, mit Genuss verspeist zu werden

Sonntag, 26. Juli 2020

Nordsee 2020

Unser erster Termin für eine Nordseetour in diesem Jahr ist für mich einem hässlichen Gnubbel am Ellenbogen zum Opfer gefallen. Die beiden anderen Tourwilligen sind dann bei der Aussicht auf gruseliges Wetter meinem Beispiel gefolgt, Friesland Friesland sein zu lassen und sich die Sache aus dem sicheren Wohnzimmer heraus anzusehen. Aber einen neuen Termin haben wir immerhin vereinbart: am letzten Wochenende im Juli wollen wir es noch einmal versuchen!

Die Wettervorhersage ist alles andere als verlockend: am Freitag soll es mit mindestens fünf Beaufort aus Westen wehen, am Samstag dann zwar insgesamt weniger Wind sein, so dass man recht frei mit der Gestaltung des Tages umgehen könnte, aber in der Nacht zum Sonntag dann heftigster Regen fallen, der erst am späten Sonntag Nachmittag abebben soll. Dazu Wind zwischen zwölf und vierzehn Metern pro Sekunde - in schlichten Worten: sechs bis sieben Beaufort. Das mit dem Wind ist eher reizvoll, denn er würde aus  West kommen. Nur, dass wir vermutlich unser Zelt im strömenden Regen abbauen und einpacken müssten, reizt nicht so. Aber das Wasser ist warm und die Luft auch und der Strom geht mit dem Wind - wo also sollte ein Problem liegen?

Das Problem liegt auf der A7 kurz vor der Ausfahrt nach Jagel. Dort hat sich mindestens ein Fahrzeug in die linke Leitplanke gebohrt und ebenso viele in die rechte. So können wir über eine Stunde lang der Zeit beim Verstreichen zusehen. Bei solchen Gelegenheiten kommt einem die Gnadenlosigkeit, mit der die Tide ihren Plan durchzieht, besonders ungerecht vor. Zum Glück kennt Jörg auf dieser Strecke nicht nur jeden Wegweiser - sei es der nach Spinkebüll oder der nach Süderhackstedt - er kennt auch jeden Schleichweg, so dass wir die schon seit über einem Jahr existierende Schikane der Vollsperrung von Drelsdorf geschickt umfahren können. Wir holen tatsächlich ein wenig von der verlorenen Zeit wieder rein und sind nur eine Stunde später als geplant in Schlüttsiel.

Eigentlich wollten wir genau jetzt mit dem letzten auflaufendem Wasser bereits den Hafen verlassen - aber das tut nun eine andere Gruppe von sechs Paddlern. Wir sind uns sicher, dass wir sie auf Hooge wiedertreffen und es ist noch lange genug hell, dass wir nicht im Dunkeln unsere Zelte werden aufbauen müssen. Die Sachen sind zügig in den Booten verstaut und bereits nach einer dreiviertel Stunde sitzen wir mit den Spritzdecken am Süllrand befestigt in unseren Booten.

Der Wind ist nicht gar so garstig wie befürchtet, aber er steht gegenan. Dafür scheint die Sonne und die Temperaturen sind angenehm. Wir fahren am Tonnenstrich entlang - wir wollen keine großen Spierenzchen machen. Der kleine Knick in userer Spur rührt von der Tatsache, dass meine Mitfahrer eine Tonne in der Ferne für den Beginn des Langenessfahrwassers erklären. Ich bin skeptisch und sehe nach. Die Tonne weist sich als Schl.10 aus - das Langenessfahrwasser zweigt erst bei Schl.6 ab. Dieses Mal schaffen wir es auch, rechtzeitig und nachhaltig genug aus der Süderaue nach Süden ins Hoogefahrwasser abzubiegen und nicht wie sonst üblich auf der dazwischen liegenden Sandbank zu stranden. Nach bummeligen zwei und einer Viertelstunde erreichen wir den Hooger Segelhafen. Jörg und Peter paddeln durch das Betontor, ich ziehe ein schlickfreies Anlanden außen an der Mole vor.

Natürlich treffen wir die andere Truppe hier wieder. Sie sind offensichtlich gar nicht so viel früher als wir da gewesen, denn sie sind noch nicht fertig damit, ihre Zelte aufzubauen. Friedlich in der Abendsonne sitzend, bereiten wir uns ein Abendessen, bei dem jeder den anderen in Bescheidenheit übertrumpft: Ich vernichte endlich das asiatische Nudelgericht mit Ente, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum im Juni 2018 abgelaufen ist, Peter bereitet eine Art Spaghetti Carbonara zu (bei deren Vertilgung ich ihm unterstützend zur Hand gehe) und Jörg, der sonst immer eine fulminate Kochsession zelebriert, hat Kartoffelsalat mit kalten Würstchen mitgebracht. Schmeckt alles lecker!

Jörg hat heute auch seinen neuen Helinox-Faltstuhl dabei, den er erst in vierzehn Tagen zum Geburtstag geschenkt bekommt! Wir besprechen kurz unsere Optionen für morgen und einigen uns darauf, um neun Uhr mit dem ablaufenden Wasser rauszufahren, Japp- und Norderoogsand zu umrunden und durch das Rummelloch-West wieder zurück zu fahren. Als Besonderheit wollen wir auf dem Rückweg westlich an Hooge vorbei fahren - weil das viel günstiger und bequemer ist.

Bevor wir am Samstag Morgen losfahren, erkundigen wir uns noch nach dem Plan der anderen Gruppe. Sie wollen um elf Uhr los und dann durchs Rummelloch nach Pellworm. Das kommt uns erst einmal fremdartig vor, aber wenn man bedenkt, dass man Pellworm überhaupt nur bei hohem Wasserstand erreicht, macht es Sinn, möglichst spät loszufahren. Dass das genau bei Niedrigwasser sein muss und man dafür in Kauf nimmt, die ganze Zeit bis zum Rummelloch gegen Wind und Strom fahren zu müssen, hätten wir jetzt nicht so entschieden, aber das obliegt ja dem eigenen Ermessen.

Jappsand ist mit dem kräftig schiebendem Strom schnell erreicht. Danach dringe ich nachdrücklich darauf, nicht der Versuchung zu erliegen, sich an der vermeintlich so leicht erkennbaren Sandkante entlang zu hangeln, sondern gegen die Intuition weit draußen zu bleiben und stramm Kurs 180 Grad zu fahren. Bisher bin ich so gut wie jedes Mal zu dicht an den Norderoogsand geraten, so dass ich am Ende immer einen gehörigen Schlenker nach Westen fahren musste, um überhaupt in den Durchlass zwischen den beiden Sänden zu gelangen.

Auch diesmal sind wir uns nicht sicher, ob wir den augenscheinlich quer vor uns liegenden Sand noch umrunden müssen, oder ob links davon eine freie Durchfahrt ist, oder ob er vielleicht sogar schon Teil des Süderoogsandes ist. Und obwohl wir schon ausgesprochen konsequent draußen geblieben sind, müssen wir zum Schluss doch noch einen Haken schlagen. Als wir an einem Sandabschnitt mit steiler Uferkante an Land gehen, stellen wir fest, dass es sich um eine Insel handelt, die direkt im Durchlass der beiden Sande liegt. Die Gegend hier verändert sich von Jahr zu Jahr so stark, dass auch meine jedes Mal gesetzten GPS-Wegpunkte allenfalls als Indiz genutzt werden können, dass der Durchlass hier in der Nähe liegen muss.

Auf der dem GPS-Track hinterlegten Seekarte sieht man, dass wir trotzdem wir schon unglaublich weit draußen gepaddelt sind, immernoch innerhalb der Robben- und Vogelschutzzone unterwegs waren. Um sich absolut korrekt zu verhalten, hätten wir bis zur Tonne ST20 rausfahren müssen, die ich mir schon für meine letzte Tour in der Seekarte markiert hatte. Von dort aus kann man dann stumpf nach Süden fahren, bis man die Durchfahrt erreicht. Aber das ist mehr als doppelt so weit draußen, wie unsere Spur angibt. Ich gehe jede Wette ein, dass das noch nie jemand beherzigt hat und bezweifle, dass das irgendeinen plausiblen Sinn ergibt. Wie wenig auch die aktuellste Seekarte die realen Verhältnisse hier wiedergibt, kann man daran erkennen, dass wir mit unserem Schlenker erst nach Westen und dann nach Osten eine Sandinsel umrundet und an der mit dem roten Ball gekennzeichneten Stelle Pause gemacht haben.

Natürlich beobachten uns während der Pause wieder ein paar neugierige Seehunde. Auch eine Kegelrobbe ist dabei. Aber bisher haben wir von diesen pelzigen Torpedos noch nicht wirklich viele Exemplare gesehen. Das soll sich ändern, nachdem wir weiterfahren. Als erstes sichten wir am Südende des nördlichen Sandes eine Herde von ca. hundert Exemplaren. Wir machen gleich einen Schwenk weiter von ihnen weg, damit sie nicht beunruhigt werden und ihre Mittagspause unterbrechen müssen. Etwas nördlich davon sind einige Leute von einer Art Segelkutter an Land gegangen - aber sie nähern sich den Tieren auch nicht. Nur wenig später taucht eine ähnlich große Herde auf halbem Weg vor Pellworm auf.

Eigentlich müssten wir hier extrem langsam fahren, denn es muss ja erst noch Wasser zwischen Jappsand und Hooge einlaufen, damit wir da durchkommen. Aber der Wind kommt immer noch aus Süden und das macht es schwierig, langsam zu fahren. So dauert es dann auch gar nicht lange, bis die Wassertiefe auch für unsere kleinen Boote nicht mehr hinreicht. Als wir den ersten Schwenk nach Westen machen, steige ich extra noch mal aus meinem Boot, um im Stehen mit besserem Überblick zu sehen, dass der Nachbarpriel viel weiter mit Wasser gefüllt ist. Also fahren wir noch einmal zurück und fädeln in das nächste Rinnsal ein.

Hier geht es zwar erst deutlich weiter, aber bald wünsche ich mir die Tidensteiggeschwindigkeit von Jersey, wo das Wasser in zehn Minuten zwanzig Zentimeter steigt. Davon können wir hier nur träumen - stattdessen sitzen wir alle zehn Meter für gefühlte zwanzig Minuten auf der Stelle fest. Irgendwann sieht man, dass nun doch der Nachbarpriel, den wir vorhin extra verlassen hatten, deutlich weiter mit Wasser gefüllt ist. Also kehren wir nochmals um und fädeln wieder zurück. Eigentlich ist es auch egal, ob wir dadurch einen Umweg paddeln - Hauptsache wir haben etwas zu tun, denn mittlerweile hat Regen eingesetzt, so dass uns auch nicht mehr wirklich mollig in den Booten ist. Auch als vor uns eine quasi lückenlose Wasserfläche aufgefüllt ist, will noch keine rechte Freude aufkommen, denn die Wassertiefe ist dermaßen dürftig, dass wir immer wieder aufsetzen. Und als es dann tatsächlich spürbar tiefer wird, stellt sich heraus, dass die Strömung hier doch gegen uns läuft. Also so schlimm wie das Gestochere hier habe ich die Umrundung auf der Ostseite nicht in Erinnerung. Obwohl ich unsere erwartete Ankunftszeit schon großzügig geschätzt hatte, kommen wir auch heute eine gute Stunde später als vorhergsagt an. Einzig die Tatsache, dass das Wasser bereits so hoch aufgelaufen ist, dass wir bequem und unverschlickt über den Hafen auf die Zeltwiese fahren können, sorgt für etwas Entspannung.

Zu unserer Überraschung ist die andere Gruppe schon da. Erst vermuten wir, dass sie vielleicht gar nicht losgefahren sind, aber eine Nachfrage klärt den Sachverhalt: Sie meinten mit "Rummelloch" gar nicht die Durchfahrt zwischen den Außensänden, sondern das Fahrwasser zwischen Hooge und Pellworm. Sie sind nach Jappsand gefahren und wollten dann zwischen diesem und Hooge hindurch über das "Rummelloch" nach Pellworm. Leider sind sie noch nachhaltiger als wir am mangelnden Wasser gescheitert. Aber wenn man es recht bedenkt, war dieser Ausgang eigentlich vorhersehbar. Offensichtlich ist ihnen hier ein kleiner Planungsfehler unterlaufen.

https://naturfotografen-forum.de/o1492835-Steinw%C3%A4lzer
Bis zum Abendessen haben wir noch gut Zeit die wir gewissenhaft der Erholung widmen. Ich befestige mein Zelt noch mit einigen zusätzlichen Abspannleinen wegen des vorhergesagten starken Windes, der während der Nacht aufkommen soll. Später beobachte ich im durch das ablaufende Wasser freiwerdenden Schlick des Segelhafens mehrere Steinwälzer. Es ist das erste Mal, dass ich welche sehe, und ich musste im Nachhinein erst meinen KOSMOS-Vogelführer zu Rate ziehen, um sie identifizieren zu können.

Für den Peselbesuch haben wir uns diesmal sicherheitshalber im Voraus angemeldet - man weiß ja nicht, was man in der durch Corona so besonderen Situtation zu erwarten hat. Aber da das Wetter nicht besonders lauschig ist, sind die Tische draußen alle unbesetzt. Wir wollen es riskieren, aber ich frage lieber nach, ob man unseren Tisch drinnen frei halten kann, falls es doch zu regnen anfängt. Man kann. Leider ist die Karte ob der besonderen Umstände etwas eingedampft - und unser geliebtes Lammfilet gibt es heute nur in Form von Frikadellen. Macht nichts, wir sind hungrig und da ist auch das lecker! Leider ist die versprochene Riesenportion Kaiserschmarn mit Erdbeeren, die ich mir als Nachtisch bestellt habe, nur eine Kinderportion, aber der gröbste Hunger ist gestillt. Nach einem Kakao und einer Tasse Tee, die ich am Zelt noch zu mir nehme, geht es in die Federn.

Wie versprochen schüttet es in der Nacht wie aus Kübeln. Dazu dreht der Wind auf sieben Beaufort auf. Ich habe meine friedenstiftenden gelben Pfrömse in den Ohren und schlafe selig durch. Allein eine kleine Unachtsamkeit bekümmert mich am Morgen: weil es in der Nacht so warm war (es war ja komplett bewölkt), habe ich an beiden Seiten das Innenzelt etwas offen gelassen. Da es in meinem Zelt bei derartig heftigem und ausdauerndem Regen aber immer vom Außenzelt aufs Innenzelt tropft, liefen diese Tropfen erst das Innenzelt herunter und dann - wegen der offenen Seiten - ins Zeltinnere. Das war eine dumme Idee! Es schwimmt alles etwas um mich herum. Als erste Maßnahme setze ich mich auf meiner Isomatte aufrecht hin. "Wump!" Bei meiner Super-Duper-Exped-Iso-Luftmatratze ist mal wieder eine Rippe aufgeplatzt! So was dämliches! Da ist wieder mal ein Besuch im Reiseshop fällig!

Positiv wirkt auf meine Stimmung, dass es schon vor zehn Uhr morgens aufgehört hat zu regnen. Es ist zwar noch keine stabile Wetterlage, aber wir machen erst einmal einen großzügigen Spaziergang um den Westzipfel der Hallig. Das Wetter wird immer besser und wir sehen, dass Norderoogsand sich immer mehr zur Insel mausert, die in der katastrophalen Sturmflut 1962 untergegangene Ponswarft und einen Imker, der die flachsten Bienenstöcke aufstellt, die ich je gesehen habe.

Die andere Gruppe hat einen deutlich weiteren Heimweg von Schlüttsiel aus und will daher möglichst früh los. 13 Uhr ist die Ansage. Als wir gegen 13 Uhr von unserem Spaziergang zurück am Seglerheim eintreffen, steht die Gruppe aber immer noch in normaler Kleidung auf der Zeltwiese. Aber sie fangen an, ihre Kajaks auf die mitgebrachten Bootswagen zu schnallen. Leider gibt es dabei die eine oder andere Schwierigkeit, so dass es eine ziemliche Weile dauert, bis sie auf der anderen Seite des Hafentores ankommen. Dort müssen sie sich ja noch die Paddelklamotten anziehen, so dass sie im Endeffekt nur etwa eine dreiviertel Stunde vor uns loskommen.

Um viertel vor drei ist genug Wasser aufgelaufen, dass wir bequem von der Rampe einsetzen können. Der Wind kommt genau aus Westen - wir glauben zwar nicht, dass er auf die versprochenen vierzehn Meter pro Sekunde kommt, aber er weht kräftig. Wir sind von Anfang an recht schnell, aber es ist natürlich nicht ganz einfach, unter solchen Bedingungen einen gerade Kurs zu fahren. Da uns im Hoogefahrwasser eine Fähre entgegenkommt, wollen wir auf Nummer sicher gehen und sie nördlich passieren lassen. Aber dann dreht die Fähre nach Süden ab, so dass wir uns umentscheiden. Leider scheint der Kapitän sehr unentschlossen und ändert noch mehrmals seinen Kurs, aber wir erkennen immerhin, dass das Schiff keine große Geschwindigkeit drauf hat. Erst als wir ziemlich nahe sind, erkennen wir, dass es vor Anker liegt und einfach in der Strömung hin und her schwoit.

Über den flachen Sänden steht eine interessante Welle, die ich sehr genieße. Aus den Bemerkungen meiner Mitpaddler schließe ich später, dass sie nicht ganz so begeistert sind von diesem Chaos. Okay, müssen wir nächstes Mal den Kurs vielleicht besser abstimmen. In den tieferen Prielen sind die Wellen regelmäßiger und wir können einige schöne Surfs genießen. Was für ein Spaß bei warmen Wasser mit Wind und Wellen im Rücken nach Hause zu fliegen! Nach genau zwei Stunden laufen wir über die Rampe des Anlegers in Schlüttsiel. Die andere Gruppe packt noch ihre Sachen vorm Segelsteg. Sie fahren im Endeffekt immerhin zwei Minuten vor uns los.



GPS-Daten der Tour: Nordsee 2020

Sonntag, 5. Juli 2020

Liederschipp...

Seit vergangenem Jahr gibt es bei uns im Verein eine Gruppe, die sich weiterbilden möchte - nicht nur in Bezug auf persönliche Fertigkeiten sondern vor allem auch im Hinblick auf Anleitung und Führung von Gruppen - Leadership eben! Wir treffen uns zu "regelmäßigen" Terminen, um jedesmal ausgesuchte Themen zu üben und zu vertiefen. Leider ist es bei uns auf der Förde etwas schwieriger als in Wales oder auf Jersey schroffe Felsen, chaotische Strömungen und wilde Wellen zu finden, die anspruchsvolle Bedingungen erzeugen würden.

Als die Wettervorhersage für unseren heutigen Termin in glaubwürdige Nähe rückt, bin ich ganz entzückt:


Zwölf Meter pro Sekunde - das sind satte sechs Windstärken! Aus Westen, was bedeutet, dass vor der Spundwand des Mönkeberger Segelhafens ordentliche Klapotis zu erwarten sind! Wenigstens das würde anspruchsvolle Bedingungen hervorrufen. Und der Regen, den sie in den letzten Tagen für heute immer vorhergesagt hatten, ist in unserem anvisierten Zeitfenster auch nicht mehr vorhanden.

Voller Vorfreude fahre ich zur Bootshalle. Aber mein Blick auf die Förde auf dem Weg dorthin kann irgendwie nicht die erwarteten weißen Schaumkronen entdecken, die bei dieser Windstärke eigentlich Pflicht sind. Vermutlich wirkt hier an der Kiellinie die Windabdeckung eben noch zu stark, und ich kann nur nicht weit genug sehen, weil es - nun ja - weil es regnet. Hmm - da ist der Wettervorhersage leider nicht ganz exakt gewesen.

Da ich schon in Trockenanzug und Neoprenschuhen angereist bin, um wegen Corona die Umkleiden nicht benutzen zu müssen, kann ich erst mal die Regenrinne unseres Poloschuppens reparieren, während die anderen sich umziehen. Trotz des nicht gerade verlockenden Wetters, sind ein paar junge Leute zum Baden auf dem Steg versammelt. Vermutlich Kieler, denn das Wetter bietet alles, was man sich in Kiel unter Sommer vorstellt: steifen Wind, knapp zweistellige Lufttemperaturen und feinen Nieselregen.

Auf der Fahrt nach Mönkeberg schiebt der Wind - aber das haben wir schon heftiger erlebt. Auch hier sind keine weißen Schaumkronen zu sehen. An der Spundwand vor dem Ölberg kurz südlich des Mönkeberger Segelhafens schaukelt das Wasser eher so, dass ich gut und gerne mit meiner Anfängertruppe hier unterwegs sein könnte, als dass es begierig nach Herausforderung suchenden Paddlern irgendwelche Anreize bietet. Am Segelhafen angekommen, müssen wir zugeben, dass die Bedingungen eher an eine Flaute grenzen, als an spritzende Windstärke sechs. Nur mit gutem - mit sehr gutem Willen kann man hier Windstärke vier spüren. Was für eine Enttäuschung!

Wir machen erst einmal jeder für sich einige Übungen zum Aufwärmen. Wriggen, Rollen, hohe Stütze. Auf der Kaimauer des Mönkeberger Hafens hat sich eine Handvoll wetterfest eingepackter Schaulustiger versammelt, die auf das Einlaufen der Teilnehmer der 24-Stunden-Segel-Regatta warten. Bei dieser Regatta muss man versuchen, innerhalb von 24 Stunden in einem festgelegten Seegebiet (Kieler Bucht - "großdeutsch" erweitert) möglichst viele Seemeilen zurückzulegen. Da dürfte bei dem Wind, der die ganzen letzten Tage geherrscht hat, einiges zusammengekommen sein. Einzig die Bedingung, spätestens um exakt 11 Uhr die Ziellinie passieren zu müssen, wird wohl allzu hochtrabende Pläne dämpfen!

Während wir so vor uns hinüben, frischt der Wind überraschend schnell und deutlich auf! So hellen sich die Gesichter auf und wir bekommen doch noch ein anspruchsvolles Umfeld für unsere Übungen!

Ich muss ja unbedingt noch mal den "Cowboy"-Einstieg üben, bei dem Betzi mir letztes Mal bewiesen hat, dass man mein Boot doch alleine im Wasser schwimmend lentzen kann, ohne selbst dabei unter zu gehen. Gesagt, getan - und siehe da - ich bekomme mein Boot tatsächlich fast komplett leer! Vielleicht war das auf der Schulter platzierte Paddel der ultimative Tipp, der verhindert, dass ich mich selbst schneller unter Wasser drücke, als ich mein Boot aus selbigem heben kann. Aber das war ja nur der erste Teil dieser Einstiegsmethode. Beim zweiten Teil, bei dem man sich selbst wieder ins Cockpit manövrieren muss, habe ich auch noch Defizite, so dass ich auf halben Wege wieder ins Wasser falle. Diesen Teil werde ich mal separat im Schwimmbad üben. Solange der nicht sitzt, werde ich diese Methode im Ernstfall nicht anwenden, sondern lieber auf den bei mir verlässlich funktionierenden Unterwassereinstieg mit anschließendem Hochrollen zurückgreifen.

Das zweite Thema, das wir vertiefen wollten, war ein "All-In"-Szenario. Maditha, Lauritz und ich bilden die Kentergruppe, Betzi schaut sich das belustigt an. Zwar sind wir allesamt sicher und ohne Probleme wieder in unsere Boote zurückgekommen - aber souverän geht anders! Ich glaube, dass alle Theorie hier nur zweitrangig ist - man muss es einfach so oft üben, bis sich so etwas wie Routine einstellt. Andererseits ist dieses Thema für uns immer etwas synthetisch, weil jeder von uns sicher alleine in sein Boot zurückkommt und dies immer die erste Option wäre, die man im Ernstfall anwenden würde. Dass drei von unserem Kenntnis- und Ausbildungsstand es gleichzeitig nicht eigenständig ins Boot zurück schaffen, ist ein eher unwahrscheinliches Szenario. Trotzdem ist es gut, dies zu üben, denn "Liederschipp" heißt auch, es anderen vermitteln zu können - und dann ist es schon von Vorteil, wenn man weiß, worauf es ankommt und was die Schwierigkeiten sind.

Das Thema "ein einsamer Paddler schwimmt ohne sein Boot im Ozean" gepaart mit "ein einsames Boot treibt willenlos übers Weltmeer" stellen uns vor keine großen Probleme. Festzuhalten ist aber, dass ein "aufrecht" auf dem Wasser treibendes Boot bei den herrschenden Windgeschwindigkeiten eine beeindruckende Geschwindigkeit entwickelt! Einmal musste ich mich echt sputen, um Madithas Boot noch einzufangen, bevor es auf den vor Kitzeberg aus dem Wasser ragenden Bunkerresten zerschellt wäre. Treibt das Boot mit dem Cockpit unten im Wasser, ist es deutlich langsamer. Hat man das Boot mit der kurzen Leine eingeklinkt, ist ein Manövrieren mit diesem Verbund extrem anstrengend. Erst wenn man die kurze Leine soweit verlängert, dass das geschleppte Boot etwas frei floaten kann, sind seitliche Manöver einigermaßen problemlos möglich.

Als Fazit bleibt zweierlei: zum einen ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht, ob die Wassertemperatur wie heute 18 Grad beträgt, oder nur 10 Grad oder weniger! Heute haben wir zwar gesehen, dass z.B. das "All-In" länglich gedauert hat, aber es war nicht dermaßen unangenehm wie bei früheren Terminen. Zum zweiten ist es einfach unerlässlich, auch vermeintlich bekannte und beherrschte Szenarien immer wieder zu praktizieren und zu üben - nur so entsteht die vorhin zitierte Routine und Souveränität. Aber wenn das Üben so viel Spaß macht wie heute, ist das nicht lästige Pflicht sondern Ansporn und Vorfreude aufs nächste Mal!

(Fotos Courtesy Bettina B.)