Samstag, 22. Januar 2011

Meine erste Schweinebachtour!

Vom legendären Ruf der Hagener Au hatte ich schon viel und oft gehört - aber ich bin sie noch nie gepaddelt. Heute sollte meine erste "Schweinebach"-Tour sein. Der Name hat seinen Ursprung nicht etwa im wüsten Charakter des Flusses - oder sagen wir ehrlicherweise: des Baches - sondern in der Tatsache, dass sich das Erscheinungsbild der Tourteilnehmer gegen Ende der Fahrt dem der namensgebenden Kreatur annähert.

Als vom Hörensagen erfahrener Kleinflussfahrer hatte ich meine Einhandklappsäge eingepackt, um alle unerwünschten Hemm- und Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Was also sollte sich mir in den Weg stellen wollen?

Das erste Mal musste ich schlucken, als Sabine sich an der Einsetzstelle oben am Hang in ihr Boot setzte, ein paarmal kurz nach vorne juckelte und schwungvoll, elegant und spritzend ins Wasser schoss. Als eingefleischter Seekajakfahrer habe ich eine eingebaute Aversion gegen Situationen, in denen der Bug meines Bootes tief ins Wasser getaucht ist, während das Heck noch hoch auf Land liegt. Da aber auch Jörg und Piet und die andere Sabine diese Art des "Einsetzen" für das Natürlichste der Welt hielten, konnte ich mir ja keine Blöße geben und sah mich gezwungen, es ihnen gleich zu tun. "Ich kann ja ganz gut stützen!", hab ich mir gesagt, um mich zu beruhigen, dass ich schon nicht koppeister ins kalte Wasser gehen würde. Wie ich bei noch zahlreichen folgenden Gelegenheiten dieser Art feststellen konnte, verhalten sich Wildwasserboote bei dieser Prozedur spürbar anders als Seekajaks! Gutmütiger eben!

Sieben Kilometer sollte die Entfernung bis zum Zielort betragen. Mit der Strömung kann das ja wohl kaum mehr als eine Stunde dauern - dachte ich. Aber als Jörg sagte: "In drei Stunden können wir das gut schaffen!", dachte ich schon, dass es die eine oder andere Situation geben könnte, die unser Fortkommen bremsen würde.

Die ließ auch gar nicht lange auf sich warten. Wir waren noch keine fünf Minuten in den Booten, da mussten wir sie auch schon wieder verlassen, weil ein solider Baumstamm quer lag. Mit meiner Säge hätte ich gegen ihn ausgesehen, wie ein Bauarbeiter, der versucht, mit einem Teelöffel eine Baugrube auszuheben. Ein Kilo Sprengstoff hätte gute Dienste geleistet, hatte ich aber nicht dabei. Nun gut, ich wollte eh noch mal überprüfen, ob es wirklich so schwer ist, meine Spritzdecke wieder über den Süllrand zu bekommen. Da ich diese Aktion im Laufe der Tour ein gutes Dutzend Mal exerziert habe, kann ich mit Fug und Recht sagen: ja, es ist tatsächlich so schwer!

Die zu meisternden Hindernisse lassen sich in mehrere, klar voneinander trennbare Kategorien einteilen.

Da ist als erstes die gemeine Unterfahrung zu nennen. Ein Hindernis liegt in einer gewissen Höhe quer über dem Bach und lässt noch "genügend" Spielraum für den Paddler, sich mit seinem Boot unten hindurch zu zwängen. Natürlich gibt es bei dieser Kategorie ein kontinuierliches Spektrum der lichten Durchfahrtshöhe von "naja, ich leg' mal den Kopf zur Seite" bis zu "vielleicht ist es besser, wir gehen lieber drüber, statt drunter durch!". In jedem Falle ist eine gute Beweglichkeit gefragt, damit man nicht doch noch im letzten Moment mit der Nase an einem hervorstehenden Zweig hängenbleibt. Genauso wichtig ist bei niedrig und schräge ins Wasser gleitenden Hindernissen eine ausgereifte Technik, sich unter ihnen hindurch zu hangeln - und dabei auch das Paddel mit zu bekommen! In kritischen Situationen bräuchte man das Paddel nämlich eigentlich quer zum Boot, um ein Umkippen stützend zu verhindern. Aber damit bleibt man zwangsläufig an den Ästen und Zweigen oder gleich am Haupthindernis hängen. Auch das Festhalten mit den Armen ist nicht die Rettung schlechthin, denn das Boot unter einem will der Strömung folgen und hält nicht freiwillig an. Diese komplexe Aufgabe hat mich an einem Hindernis dieser Kategorie leider derart überfordert, so dass es mich komplett unter Wasser gedrückt hat. Zum Glück war ich aber grimmig entschlossen, nicht auszusteigen, und irgendwie habe ich es dann doch geschafft, Boot und Besatzung wieder in die richtige vertikale Reihenfolge zu bringen - aber meine Mütze war nass!

Eine etwas diffuse Erscheinung hat die nächste Kategorie: Ich will sie mit "Gestrüpp" betiteln. Eine vermittelbare Befahrenstechnik gibt es hier eigentlich nicht, am ehesten noch "Augen zu und durch!". Meine mitgeführte Klappsäge erwies sich nicht als das geeignete Mittel, hier für Linderung zu sorgen. Auch das vorhin erwähnte Dynamit käme nur als zweite Wahl in Betracht, zumal man es auch gar nicht in ausreichender Menge hätte mitführen können, ohne sein Boot zu versenken. Auf meiner nächsten Tour dieser Art hätte ich eine Rosenschere im Holster - und eine Skibrille im Gesicht! So gerüstet wären Hindernisse dieser Kategorie kaum der Erwähnung wert, man könnte sich auf die auch nicht triviale Aufgabe konzentrieren, sein Paddel und seine Mütze in erreichbarer Nähe zum Boot zu halten.

Als vorletztes ist da noch die einfachste Kategorie, die sich aber leider von der letzten, nämlich der hoffnungslosen Kategorie nur sehr schwer unterscheiden lässt. Offensichtlich nicht nur von mir als Anfänger, sonst hätten die anderen sich nicht mehrfach in der Einordnung solcher Hindernisse vertan. Die noch nicht hoffnungslose Kategorie stellt sich als totale Verblockung des Fahrwassers durch einen oder mehrere mehr oder weniger starke Bäume, Äste, Steine oder sonstige Widernisse dar, die aber nicht allzu hoch aus dem Wasser ragen. Mit energischer Kompromisslosigkeit und ordentlich Schmackes kommt man meist recht unproblematisch über sie hinweg. Manchmal muss ein nachträgliches Juckeln, Rudern mit den Armen und Zerren an knapp erreichbaren Zweigen ein Übriges tun.

Das verräterische an diesen Hindernissen ist eben das Kriterium "nicht allzu hoch"! Ein mickriger Zentimeter zu viel, kein knapp erreichbarer Zweig in der Nähe - und schon befinden wir uns in der letzten Kategorie, in der hoffnungslosen. Manchmal muss man offensichtlich einige Zeit mit seinem Boot aussichtslos auf dem Hindernis sitzen, bis man sich zur richtigen Einordnung durchringen kann. An Demut gewachsen puhlt man sich aus dem Schiff, schleift es durch den seitlichen Sumpf und kämpft den verbissenen Kampf: Allein gegen die Spritzdecke!

Nach sieben Kilometern - oder drei Stunden später - bin ich ein anderer Mensch: Äußerlich mache ich dem Titel der Tour alle Ehre. Innerlich bin ich gereift und gefestigt: Außer einer Schramme am rechten Zeigefinger und einer nassen Mütze habe ich die schäumenden Wasser der Hagener Au unversehrt überlebt!

Eine kurzweilige Tour - so ganz anders als meine sonstigen Unternehmungen - zusammen mit vier wunderschönen Menschen!

Samstag, 8. Januar 2011

"Vom Eise befreit..."?


Zur Sicherheit habe ich heute meinen Dachgepäckträger mitgenommen, denn wenn wir am Steg wieder nicht ins Wasser kommen, wollen wir uns ein Fleckchen suchen, wo wir unsere Boote einsetzen können. Aber ich traue meinen Augen kaum: da ist nicht das geringste Stückchen Eis zu sehen, das unser Vorhaben verhindern könnte. Noch etwas ist kaum zu glauben: die ganze Woche verfolge ich nun schon den Wetterbericht für den heutigen Samstag. Bis zur Zeitung heute morgen waren sich alle einig, dass es zwar warm und erklecklich windig sein würde, dass uns aber auch dunkle Wolken und eine Menge Regen begleiten würden. Uns waren diese Randbedingungen egal, aber die Wirklichkeit straft die Vorhersage eh Lügen: der Himmel ist strahlend blau mit ein paar weißen Wolken, und die Sonne entfaltet eine wärmende Kraft.

Uns steht der Sinn nach ausgiebigem Paddeln, daher fahren wir nicht in die Schwentine, wo wir uns der Wintertour des TSV hätten anschließen können, die in einem geselligen Angrillen kulminieren würde. Statt dessen fahren wir Richtung 30 Grad, wie Norbert es ausdrückt. Er ist etwas später gekommen und würde uns gerne nachher auf der Förde treffen. Ich glaube, dass er "30 Grad nördlicher Breite" meint, aber er korrigiert mich: "Kompasskurs!" Letztlich kommt aber beides auf dasselbe heraus.

Mit dem Wind im Rücken sind wir im Nu bei der Glockentonne, aber es ist uns schon bewußt, dass die Rückfahrt nicht ganz so entspannt vonstatten gehen wird. Die Pause legen wir auf die "gefühlte" Mitte der Tour, die etwa nach einem Drittel der geometrischen Länge der Rücktour erreicht ist. Auf dem Weg gabeln wir Norbert auf, der mit uns zusammen zurück fährt. Am Kurstrand von Möltenort ist der Restschnee zu einer festen Eisdecke zusammengeschmolzen, auf der es so glatt ist, dass man kaum stehen kann. Die Pausenbank an der Promenade zu erreichen, ist daher heute der gefährlichste Teil der Tour.


Einem älteren Ehepaar müssen wir ausführlich erklären, warum es nicht zu kalt ist, bei diesem Wetter mit einem Paddelboot auf der Förde zu fahren. Die Wassertemperatur beträgt knapp ein halbes Grad und ich hatte gleich nach dem Einstetzen meine Hände einmal für zehn Sekunden ins Wasser gehalten. Das kostete schon einige Überwindung, dann nach fünf Sekunden fängt es an weh zu tun und nach zehn Sekunden wird der Schmerz bereits heftig. Aber  mit der intensiven Bewegung und so dick eingepummelt, wie wir sind, war uns am Anfang natürlich wieder viel zu warm. Mittlerweile geht es, denn der Wind bläst uns immerhin mit Stärke fünf ins Gesicht. Es ist schon erstaunlich, dass man am Anfang immer wieder denkt: "Hätte ich doch bloß nicht so viel angezogen!" und gegen Ende: "Gut, dass ich nicht weniger angezogen habe! Sonst hätte ich erbärmlich gefroren!".


Die Stärkung und das Verschnaufen waren notwendig, aber trotzdem fahren die Boote nicht von alleine gegen den Wind. Dreimal müssen wir anhalten und einen ausführlichen Klönschnack mit entgegenkommenden Paddlern halten - das bringt uns auch nicht nach vorne. Aber ich finde es schön, dass das Winterpaddeln auf der Förde im Laufe der Jahre zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Direkt vor dem Düsternbrooker Hafen löst sich auch das Rätsel mit dem verschwundenen Eis: Es treibt als riesige Scholle mitten im Wasser! Jörg fährt direkt drauf zu und sagt: "Da fahre ich durch!", rudert dann aber ziemlich bald ziemlich kleinlaut zurück. Die Eisscholle ist etwa zehn Zentimeter dick, aber sehr porös und weich. Man kommt mit dem Boot kaum hinauf, würde oben einbrechen, hat keine Möglichkeit, das Eis mit dem Paddel zu durchstechen und Rollen steht außer Frage. Da ist Rückzug schon die einzig vernünftige Option.

Am Steg ziehe ich mir kurz die Neoprenhaube über den Kopf und mache die obligatorische Abschlussrolle. Der größte Effekt davon ist, dass ich jedesmal ungemein beruhigt bin, wie undramatisch das von der Kälte her ist und dass ich problemlos wieder hoch komme. Als ich Jörg später mit dem Auto nach Hause fahre, setzt der für den ganzen Tag vorhergesagte Regen ein.

Sonntag, 2. Januar 2011

Kein Paddeln!

Wie erwartet ist die Förde in der Zwischenzeit zugefroren. Wir hatten etwas die Hoffnung gehegt, dass es heute möglich sein könnte, aufs Wasser zu kommen und uns verabredet. Für den Fall, dass am Klub kein Reinkommen möglich sein sollte, wollte Jörg seine Dachgepäckträger mitbringen und wir uns dann eine geeignete Stelle suchen, wo wir in Wasser kämen. Die erste Bedingung war erfüllt - vom Steg bis hinter die Tonne 5 war das Wasser solide gefroren. Es zeichnete sich im Eis die einsame Spur eines verbissenen Paddlers ab, der sich mit der Situation nicht abfinden wollte und sich irgendwie über die Eisfläche ins Wasser bugsiert hat. Das ist bestimmt spaßig, aber wir wollten uns das heute nicht geben. Die Chance, an der Kante ins Wasser zu kippen, ist erheblich und diejenige nach der Rückkehr auch wieder aus dem Wasser aufs Eis zurück zu kommen, liegt nicht bei 100%. Da die zweite Option nicht zum Tragen kommen konnte, weil Jörg seinen Wagen nicht aus der Parklücke bekam, in der er ihn die Witterung die letzten Wochen genüsslich festgefroren hat, haben wir unsere Zusammenkunft in Jörgs neue Wohnung verlegt und uns bei Tee und Keksen der Planung künftiger Unternehmungen hingegeben.

Samstag, 18. Dezember 2010

Winterpaddeln

Nach einer langen Pause bin ich heute mal wieder aufs Wasser gekommen. Dieser Winter läuft paddeltechnisch nicht optimal. Das Wetter ist entweder allzu widrig oder ich habe keine Zeit oder ich bin krank. Diesen Umständen ist es auch geschuldet, dass ich eine Jahresabschlussfahrt immer noch nicht machen konnte. Aber heute sind alle Unebenheiten geglättet und ich habe mich mit Jörg und Sabine zum Paddeln verabredet.

Die Boote zum Steg zu schaffen ist wieder sehr einfach, weil der Weg dorthin fast vollständig dick mit Schnee bedeckt ist. Nur direkt an der Kiellinie ist allzu gut geräumt, so dass man sie ein paar Meter tragen muss. Der Steg ist natürlich auch dick verschneit und man muss höllisch aufpassen, das man beim Einsteigen nicht direkt in die Förde glitscht.



Wir sind dick eingepummelt und nehmen uns vor, nicht allzu schnell zu paddeln, damit wir nicht über die Maßen in Schweiß kommen. Man muss übrigens wissen, dass rote Tonnen im Winter ziemlich weiß sind, ebenso wie grüne, wobei die grünen noch grüner sind als die roten rot. Die Ufer sind romantisch weiß und es herrscht eine unglaubliche Stille. Keine Schiffe auf dem Wasser, keine Spaziergänger an Land. So als  wären alle am letzten Samstag vor Weihnachten noch einmal unterwegs, die restlichen Geschenke kaufen oder Glühwein nachtanken. Wir freuen uns drüber.



Im Windschatten des Friedrichsorter Leuchtturmes machen wir kurz Pause und lassen und den heißen Tee und den Honigkuchen schmecken. Aber schnell kriecht die Kälte durch die kleinsten Ritzen und vertreibt die Behaglichkeit aus dem Trockenanzug. In Bewegung war uns warm, aber hier kann man es nicht mehr länger leugnen: die Lufttemperatur ist minus vier Grad. Da werden die ungeschützten Hände im Nu eiskalt. So bleibt die Pause nur von kurzer Dauer und es braucht ein paar Meter in Wallung, bevor uns wieder einigermaßen warm ist.


Auf der Rücktour kommt sogar die Sonne für drei Sekunden hinter den Wolken hervor - kurz bevor wir einem Frachter, der aus der Kanalschleuse ausfährt, die Vorbeifahrt ermöglichen müssen. Mit der Color Fantasy, die uns kurz vor Schluss unserer Fahrt noch entgegenkommt, waren dies die beiden einzigen Schiffe, die auf der Förde unterwegs waren. Das Weihnachtsgeschäft ist im Schiffsverkehr wohl längst abgewickelt.An Sabines Mütze haben sich Einzapfen gebildet und alle Aufbauten unserer Boote sind dick mit Eis überzogen.



Das Wasser ist dieses Jahr schon verdammt früh sehr kalt: 2 Grad hat es noch. So kalt ist es sonst erst im Januar, in milden Jahren nie. Ich fürchte, es wird nicht mehr lange dauern, bis das erste Eis auf der Förde auftaucht. Aber heute will ich noch kurz eine Rolle machen, um mal zu sehen, wie sehr denn zwei Grad so in die Stirn beißen - und wie gut mein Trockenanzug bei solchen Temperaturen ist. Jörg und Sabine halten sich vornehm zurück und sind voller Respekt, dass ich so tapfer bin. Aber nachdem ich mich ins Wasser geschmissen habe, kurz unterm Boot hänge und hochgerollt bin, finde ich es eigentlich etwas zu harmlos, mit einem pottendichten Anzug und eng anliegender Neoprenhaube solche Spielchen zu machen. Ein ausgesprochen beruhigendes Gefühl, auch in einem Unglücksfall fern der Heimat nicht soviel Wärme verlieren zu müssen, das ein Nach-Hause-Paddeln schwerlich möglich wäre. Bleibt nur die Frage, ob sich der Unglücksfall immer rechtzeitig genug ankündigt, damit ich hinreichend Zeit habe, meine Neoprenhaube aufzusetzen!

Montag, 11. Oktober 2010

„Zu den Bäumen!“ oder „Letztes Jahr war da Sand!“

Bis über beide Ohren verliebt paddle ich auf meinen neuen Schwarm zu. Beseelt von ihrer Schönheit und Anmut beobachte ich, wie sie aufrecht auf der Anhöhe steht, ihren Blick übers Weit schweifen lässt und in einer ans Meditative gemahnenden Langsamkeit den ganzen Horizont bestreicht. Leuchttürme müssen weiblicher Natur sein, wie sonst könnte mich diese hier so in ihren Bann ziehen? Das Feuer von Skjoldnäs ist es, das mir hier die Sinne betört, wie gemalt steht es da, wie der Leuchtturm von Lummerland, wie der Archetyp seiner Gattung. Die beiden seitlich in den Dunst der Dunkelheit geworfenen Lichtkegel zusammen mit dem umlaufenden - nein umkriechenden Leitstrahl erzeugen einen emotionalen Magnetismus, dem sich keiner von uns entziehen kann. Als wäre sich der Turm dieser Wirkung bewusst, posiert er auf dem Hügel in der sicheren Erwartung, von uns aus allen Winkeln fotografiert zu werden.

Doch hier bekommt die Geschichte einen kleinen Schönheitsfehler. Denn leider ist mein treuer Fotoapparat seit meiner letzten Tour erst ab- und dann nicht wieder aufgetaucht, so dass er nicht als glaubwürdiger Zeuge Bilder dieses schier unfassbaren Anblicks beisteuern kann. Natürlich haben meine beiden Mitfahrer darauf gebaut, dass ich als verlässlicher Chronist schon für das zugehörige Equipment sorgen würde. So bleibt mir wohl nichts weiter übrig, als mit Worten den dicken Pinsel zu schwingen und den Erlebnissen und Eindrücken einen physischen Niederschlag zu verleihen, der über die Zeit weder blasser noch krasser wird.

Wie sind wir hier her gekommen? Nun, das war nicht einfach. Die Herbsttour der vier „Unerschrockenen“ stand an. Einer muss sich momentan eher um den Aufbau und Fortbestand der Gesellschaft kümmern, so dass er leider nicht teilnehmen konnte. Die anderen drei haben sich auf eine Umrundung der Insel Ärö verständigt. Nach quälenden Wochen schlechten Wetters sollte für den Termin unserer Unternehmung alles zum Besten bestellt sein: Das gesamte Wochenende niederschlagsfrei, sonnig bei moderaten Herbsttemperaturen. Wind durchgängig aus östlichen Richtungen. Klang gut, aber das mit dem Wind hätte man doch noch etwas besser arrangieren können.

In Mommark am Start zerrten die Flaggen stramm an ihren Masten. Fünf Beaufort genau von vorne, da biss die Maus keinen Faden ab. Mein Gott - gute zehn Kilometer und die Sonne scheint. „Unerschrocken“? Da kann uns so etwas ja wohl höchstens ein müdes Lächeln abringen. Wenn der Wind seit Tagen aus mehr oder minder derselben Richtung über eine freie Wasserfläche von über zehn Kilometern Länge bläst, kann man mit einigem Recht eine Welle in gefälliger Höhe und Ebenmaß erwarten. Dieses Recht gilt auf dem kleinen Belt nicht! Als Ingenieur und an weltliche Ursachen glaubender Mensch, habe ich auch eine einigermaßen plausible Erklärung parat: Der östliche Wind erzeugt auf dem Belt zwar Wellen in seiner eigenen Richtung, zusätzlich laufen aber durch die Gatten zwischen den Inseln auch noch Wellen aus dem Inneren der dänischen Südsee schräge herein. Zuletzt rollen dann auch noch die Wellen der offenen Ostsee an der Südküste von Ärö entlang in dieses Seegebiet, so dass sich in der Summe ein wunderschönes Chaos ergibt, in dem keine Sekunde lang die Gefahr besteht, dass man sich an einen Rhythmus gewöhnen müsste.

Das ist es, was ich will! Wind und Gischt im Gesicht, Sonne am Himmel und im Gemüt und die Aussicht auf ein paar Tage in der freien Natur. Und wenn ich in die Gesichter meiner Mitfahrer sehe, geht es ihnen nicht anders. Zugegeben, die Boote bewegen sich nicht von alleine in die gewünschte Richtung, aber die von allen Seiten kommenden, bis einen Meter hohen Wellen zu durchpflügen, zu durchplumpsen, seitlich an ihnen herunter zu rutschen und sich von ihnen emporheben zu lassen, das ist das pure Vergnügen. Die Sicht ist diesig und Ärö ist erst nach etwa einer halben Stunde als blasse Ahnung zu erkennen. Nach einer dreiviertel Stunde verkündet Jörg die Sichtung des Leuchtturms. Und natürlich wird die Ansicht der Insel immer detaillierter, aber zwei Tatsachen sorgen dafür, dass unser Vergnügen länger dauert, als wir erwartet haben. Zum einen dreht der Wind immer mehr auf, so dass er schließlich sechs Beaufort erreicht, zum anderen zieht jemand kontinuierlich am anderen Ende der Insel, so dass sich der Abstand zu ihr eine verdammt lange Zeit nicht die Bohne verkleinert. Beide Umstände bescheren uns zusammen mit der hereinbrechenden Dunkelheit die Gelegenheit, diesem wunderschönen Leuchtturm über Gebühr lange bei seiner Arbeit zusehen zu dürfen.

Der Strand direkt unterhalb des Leuchtturmes sieht nicht einladend aus und oberhalb ist auch keine standesgemäße Zeltmöglichkeit zu erkennen. Ich weiß von meiner Unternehmung im letzten Jahr, dass direkt hinter der Nordspitze ein Flach existiert, wo es geschützte Zeltmöglichkeiten gibt und wo auch ein Sandstrand zum Anlanden vorhanden ist. Zugegeben es ist mittlerweile deutlich nach sieben - damit also wirklich dunkel - und hinter der Nordspitze der Insel sind wir dem Sechser-Wind gnadenlos ausgeliefert, aber der Abend ist noch jung und wir sind zum Paddeln hier und nicht, um uns in der erstbesten windgeschützten Ecke zu verstecken.

Leider ist das Flach doch weiter von der Nordspitze entfernt, als ich es in der Erinnerung abgespeichert hatte und außerdem müssen wir einen erklecklichen Sicherheitsabstand vom Ufer halten, um nicht von der Brandung gefressen zu werden. So wird das „eben mal um die Ecke“ paddeln eine ausgesprochen anspruchsvolle Angelegenheit. Jörg fährt so dicht neben mir, dass trotz des tosenden Windes fast so etwas wie Verständigung möglich ist. Wo ich denn hin will, ist seine Frage nach einiger Zeit. „Zu den Bäumen!“ meine Antwort, mit der er sich auch vorerst zufrieden gibt. Wir müssen zuerst die Spitze des Flachs umrunden und dann an seiner Ostseite entlang fahren. Natürlich ist das Wasser auch in erklecklicher Entfernung vor der Spitze noch flach und damit Garant für große brechende Wellen. Bevor wir uns ihm nähern, kommen wir noch einmal dichter zusammen, denn trotzdem uns der Schein des Leuchtturmes von Zeit zu Zeit aus dem Dunkel aufleuchten lässt, verliert man sich schnell aus dem Blick. Als direkt vor der Spitze eine besonders große und steile Welle auf mich zurollt und ich mehr als schulmäßig in sie hineinstütze, weil ich auf jeden Fall ein Hinabkullern auf der falschen Seite verhindern will, weiß ich, dass der sorglose Spaß-Modus vorbei ist. Wenn hier einer wegtaucht, kann sich das zu einem ernsthaften Problem auswachsen.

Nach der Kehre haben wir die Wellen schräge von hinten, auch das will mit Bedacht gehandhabt sein. Jörg kommt wieder mit seiner Frage längsseits, wo ich denn hin will. „Zu den Bäumen!“ ist immer noch meine klare Antwort. Es ist Nacht und es ist Neumond und man sieht eigentlich nur zwei Dinge: In unmittelbarer Nähe weiß schäumende Wellen und in einiger Entfernung sich tiefschwarz gegen den mattschwarzen Himmel abhebend - überall Bäume. Jörg ist mit meiner Auskunft noch nicht vollends zufrieden und wir kommen ins Gespräch. Während ich versuche, ihm meinen Plan näher zu bringen, arbeiten die Wellen stetig daran, uns der Brandungszone näher zu bringen. Irgendwann sehe ich einen Brecher auf uns zurollen und bitte Jörg, sich seewärts davon zu machen, damit er nicht über mich rollt und ich selbst stützen kann. Jörg kommt gerade noch weg, aber ich mache die Rüttelnummer nach rechts. Als ich zum Ufer blicke, bin ich geschockt, wie dicht es ist und überlege einen kurzen Moment, blitzschnell die Biege zu machen. Aber es ist zu spät und „blitzschnell“ mit schwerem Boot ist schwierig. Ich hätte meinen Nachen nie rechtzeitig herum bekommen und wäre dwars auf einen Strand unbekannter Konsistenz gespült worden. So entscheide ich mich für die andere Möglichkeit, spitz auf das Ufer zuzulaufen, das Beste draus zu machen und ebensolches zu hoffen. Zwar ist die Landung nicht gerade behutsam zu nennen, aber über die Beschaffenheit des Untergrundes kann man nicht meckern: es ist überwiegend sandig, leider eingelagert ein gerüttelt Maß faust- bis kopfgroßer Steine.

Nicht, dass wir es gewollt hätten, aber der Platz, an dem wir angelandet sind - oder sollte ich sagen, an dem es uns ans Ufer gespült hat? - war schon optimal gewählt. Keine zwanzig Meter weiter fehlt der Sand zwischen den faustgroßen Steinen. Auch in die andere Richtung sind die Verhältnisse eher schlechter als besser. Da ich felsenfest davon überzeugt bin, dass „bei den Bäumen“ ein lieblicher Sandstrand ist, stolpern wir noch eine ziemliche Strecke durch die Dunkelheit am Ufer entlang. Was sich unserem Auge im Schein meiner Stirnlampe hier bietet, lässt uns dankbar sein für die Entscheidung der Brandung, uns ans Ufer zu spülen: Von Sand nirgendwo eine Spur! Jede Anlandung an einem anderen Ort hätte in einer Katastrophe gemündet!

„Ich sag doch: letztes Jahr war da Sand!“

Natürlich trägt das Flach seinen Namen nicht umsonst und gäbe es Windschutz, würde es nicht so heißen! Zeltaufbau bei strammem Wind in absoluter Dunkelheit dauert etwas länger. Irgendwann fällt das Licht der Stirnlampe auf meine Hände. Was ich da sehe, verwirrt mich zunächst und es besorgt mich auch etwas: Sämtliche Knöchel beider Hände sind ziemlich blutig. Nach kurzem Grübeln ist mir klar, dass das der Preis dafür war, dass ich unter den geschilderten Verhältnissen mit einem trockenen Cockpit aus dem Wasser gekommen bin: Ich habe mich mit den Fäusten so lange am Strand abgedrückt und nach vorne geschoben, dass ich meine Spritzdecke gefahrlos öffnen konnte, ohne dass mir das Cockpit bis zum Anschlag geflutet wurde. Prima Idee eigentlich. Keine ganz so gute Idee, wenn der Strand mit Muscheln, Schnecken und spritzen Steinen übersät ist. Zum Glück war es ja dunkel, so dass ich nichts gesehen und das Wasser kalt genug, dass ich nichts gefühlt habe. Allerdings werden mir die Knöchel noch die ganzen nächsten Tage weh tun.

Einer der faszinierenden Umstände in unserer Kleingruppe ist die Tatsache, wie schnell wir uns bei geänderten Umständen auf einen neuen Plan einigen. Wobei „einigen“ die Sache nicht wirklich präzise trifft: Einer spricht aus, was sich die anderen auch eben gedacht haben und schon ist der Plan fertig! Der Wind weht heute Morgen mit vier bis fünf Beaufort aus Nordost und ein Stampfen gegen ihn und die Wellen auf der Nordseite würde kaum Spaß aufkommen lassen. So wird die geplante Umrundung Ärös im Uhrzeigersinn ohne große Diskussion in ein Entlangpaddeln an der Südküste umgewandelt. Wir arbeiten uns dicht unter der Steilküste ans Ufer geschmiegt nach Süden vor, peinlich darauf bedacht, den Windschutz durch die Klippen auszunutzen, bis wir einen wunderbaren Übernachtungsplatz unter fauchenden Windrädern finden. Unterwegs begegnen wir einem Eingeborenen von Ärö, der mit einem mir bislang unbekannten Kajaktyp eine andere Strategie verfolgt als wir: „Wo geht’s hin?“ „With the winds.“ „Und wie zurück?“ „I will phone someone.“

Die Kleingruppe
Unser Rückweg am Sonntag wird nur noch von zwei bis drei Beaufort Wind unterstützt. Das gibt nicht mehr die schönen Wellen, gegen die wir auf der Hinfahrt angekeult haben, aber wir sind dankbar für diese leichte Hilfe. Die Tour lässt uns auch ohne Fotoapparat mit Bildern erfüllt zurück. Aber sie hat auch zwei offene Enden erzeugt, die irgendwann geschlossen werden wollen: Zum einen ist da die Umrundung Äros, die eine reizvolle Tour verspricht, wenn einem nicht der Wind wie diesmal allzu garstig ins Gesicht bläst und zum anderen und vor allem: Die wunderbare Leuchtturm bei Nacht zu fotographieren!

Samstag, 28. August 2010

Zweite Leuchtturmfahrt 2010

Samstag, 28. August


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Wie schon im letzten Jahr habe ich auch dieses Jahr wieder eine Leuchtturmfahrt parallel zur Schwentinewanderfahrt im Verein angeboten, die nicht so arg lang sein sollte. Daher habe ich als Startpunkt die Badeanstalt in der Heikendorfer BUcht gewählt. Das spart gute zehn Kilometer gegenüber einem direkten Start von unserem Bootshaus aus.

Dieter vom Nachbarverein und Klaus-Peter wollen mich an diesem sonnigen Samstag Morgen begleiten. Das Wetter ist entgegen den Erwartungen überraschend sonnig, aber der Wind ist so wie angesagt. Es weht recht konstant mit einer mittleren Fünf aus West bis Nordwest. Das stimmt mich ganz zuversichtlich, denn die Stärke können wir ganz gut handhaben und die Richtung bürgt dafür, dass wir für die Rückfahrt bei nachlassenden Kräften eine gute Unterstützung haben. Die knapp zehn Kilometer bis Bülk sind in anderthalb Stunden bewältigt. Hier machen wir kurz Pause und blicken uns tief in die Augen, ob wir die Überfahrt tatsächlich antreten wollen.

Der Himmel ist immer noch makellos blau und der Wind hat sich sogar etwas gelegt, so dass er während unserer Pause nur noch mit vier Beaufort weht. "Das sollte machbar sein.", ist die einhellige Einschätzung.

Als wir Bülk deutlich hinter uns gelassen haben und der Blick auf die weite Ostsee frei wird, sehen wir gleich, dass in weiter Ferne bereits Regenwolken aufgezogen sind. Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass sie uns erreichen, aber eben auch eine kleine, dass sie an uns vorrüberziehen. Nicht dass wir den Regen fürchten würden, aber Regenschauer bedeuten eben auch immer größere Windgeschwindigkeiten und Böen. Da wir nur zu dritt und sichere Paddler sind, wollen wir unsere Chance nutzen.

Die Wellen während der Überfahrt sind bis einen Meter hoch aber gutmütig und es macht Spaß, in ihnen zu fahren. Allerdings werden wir durch Wind und Strömung kräftig nach Osten versetzt, so dass ich mit 30 Grad einen gehörigen Vorhaltewinkel fahre. Leider zeigt sich bald nach der Kabeltonne, dass die Front natürlich nicht geräuschlos vorüberzieht sondern uns demnächst erreichen wird. Als sie dann eintrifft, steigt die Windstärke auf sechs, so dass wir mit der Nase direkt in den Wind gehen, damit wir uns nicht so sehr um das Aufrechtbleiben kümmern müssen. Wenn es sich um eine einzelne Front gehandelt hätte, mag es Sinn gemacht haben, diese abzuwettern und dann im folgenden Lull weiterzufahren. Aber der Blick an den fernen Himmel zeigt deutlich, dass mit dem schönen Wetter von heute morgen Schluss ist und die nächste Front nicht lange auf sich warten lassen wird. So steht also mein Entschluss fest: Bülk ist der nächste Leuchtturm, den wir anlaufen.


Natürlich wütet die Front nur genau so lange, bis wir im Windschutz der Küste sind. Aber so können wir unsere ausgiebige Pause wenigstens im strahlenden Sonnenschein verbringen. Als es dann wieder ungemütlich wird, schlüpfen wir in unsere getrockneten Sachen und machen uns auf den Rückweg. Noch ein paar durchziehende Fronten beglücken uns mit steifem Wind und ergiebigem Regen mit dicken Tropfen. Aber wir sind so gut dabei, dass wir uns entschließen, nicht bereits in Heikendorf an Land zu gehen, sondern direkt zum Vereinsheim zurückzufahren. Zwar unterstützt uns der Wind wie erhofft, aber leider hat er doch in der Stärke etwas gegenüber dem Vormittag nachgelassen.

Heute ist "Extreme 40"-Regatta direkt vor unserem Vereinssteg. Das kenne ich schon vom letzten Jahr, da kann man nicht einfach hinpaddeln, sondern muss ich mit den Begleitbooten abstimmen und einen günstigen Zeitpunkt abpassen. Als wir uns dem Regattafeld nähern, spreche ich die Besatzung eines Rettungsbootes an, aber die haben keinen Funkkontakt zur Rennbegleitung wie erhofft. Da sich niemand um uns kümmert, fahren wir eben auf eigene Faust dicht an die Kaimauern geschmiegt zu unserem Steg. Etwas lax die Absperrung dieses Jahr für meine Begriffe. Schwieriger als das Passieren der Rennboote erwies sich dann der Transport der Boote durch die Zuschauerreihen, die die Katamarane beobachten und natürlich für nichts anderes Augen hatten. Es hat mich überrascht, wie rege der Besuch dieser Veranstaltung war, obwohl das Wetter alles andere als einladend war. So ist er eben der Kieler: regendicht und wassersportbegeistert!

Sonntag, 4. Juli 2010

Hooge bei Hitze


Die "Gang of Four" ist für dieses Mal auf zwei Nasen zusammengedampft. Die beiden Fehlenden gehen mit anderen Projekten schwanger. Das ist zwar schade, ficht Jörg und mich aber nicht wirklich elementar an. Es ist ein heftiges Hitzehoch für das Wochenende angesagt mit wenig Wind. Das hat uns in der Absicht bestärkt, die Tour südlich um den Süderoogsand herum durchs Rummelloch nach Hooge zu wagen. Das sind über 50 Kilometer und daher kein Pappenstiel.


Ich reise am Freitag abend gemütlich mit der Nordostsee-Bahn nach Husum an, wo Jörg mich abholt und wir gemeinsam nach Holmer Siel fahren. Jörg hat noch von unserer letzten Tour den ausnehmend unfreundlichen Wirt des dortigen Bistros in unguter Erinnerung. Der wollte damals die Polizei holen, wenn wir unser Auto dort stehen lassen würden. Doch die Pächter haben vor zwei Jahren gewechselt und unsere freundliche Nachfrage, ob es denn erlaubt sei, sein Fahrzeug hier über Nacht stehen zu lassen, wurde nicht nur ebenso freundlich bejaht - man war sogar ganz froh darüber, dass jemand nachts ein Auge auf ihre Anlage werfen würde. So geht es doch auch!

Ich verbringe die Nacht unter freiem Himmel, denn die Wetterlage ist trocken, warm und stabil. Allerdings streunt in der frühen Nacht ein Hund um mich herum. Ich fühle mich in meinem Schlaf belästigt und möchte nicht, dass das Tier mir quer durchs Gesicht leckt, erkenne aber bald, dass es gut erzogen ist und von zwei Polizisten gefolgt wird. 'Mist!', denke ich noch, bevor ich den wenig überraschenden Satz höre: "Das ist kein Übernachtungsplatz hier!". Ich weiß, dass ich mit Rechtfertigungen keine Chance habe und versuche lieber, unsere Lage zu erklären. Leider fehlt mir etwas die Eloquenz, weil ich nicht wirklich wach bin, aber das verleiht mir immerhin eine ungemeine Glaubwürdigkeit.

Den Anwürfen "Muss das denn hier sein?" und "Das ist aber gefährlich!" bringe ich einige Fakten von Tide und Strömung und "Wir wissen, was wir tun!" entgegen - immer in der Unzufriedenheit, nicht so schneidend zu argumentieren, wie ich es könnte, wenn ich nur wach wäre. Inzwischen spüre ich aber schon das Dilemma der beiden recht jungen Polizisten. Sie verspüren einerseits eine gewisse Sympathie für unsere Unternehmung, andererseits müssen sie aber die Ordnungsmacht raushängen lassen und können unser Fehlverhalten nicht unkommentiert hinnehmen. Sie haben aber bisher noch nicht einmal ansatzweise einen verscheuchenden Imperativ benutzt, sondern eher Fragen gestellt und mich auf unsere Ordnungswidrigkeit aufmerksam gemacht, so dass ich mir recht sicher bin, dass wir hier bleiben können. Ich weise sie noch ungefragt darauf hin, dass wir in aller Herrgottsfrühe verschwunden sein werden, weil wir ja der Tide gehorchen müssen.

Kurz nachdem sie mit einigen ermahnenden Worten grummelnd abgezogen sind, wache ich auf und sehe ein Auto wenden und wegfahren. Leider kann ich nicht erkennen, ob es sich um einen Polizeiwagen handelt. Den Rest der Nacht grübele ich darüber, ob ich geträumt habe oder die Polizei wirklich da war.

Irgendwann morgens wache ich auf - oder besser gesagt - öffne ich die Augen und blinzele nach der Uhr. Der große Zeiger steht auf der Neun, der kleine ist leicht gegenüber der Linie zwischen Zwölf und Sechs geneigt. 'Viertel vor sieben'. ....... 'Viertel vor sieben?'. .......'VIERTEL VOR SIEBEN! MIST MIST MIST!'. Um sieben wollten wir ablegen. Das wird knapp nun! Ich setze mich senkrecht. In dieser Lage denkt es sich leichter. Es ist schon hell und warm, aber das Zentralgestirn ist noch nicht zu sehen. Sonnenaufgang ist um fünf. Es dauert eine Weile, bis ich die Tatsachen sortiere und herausfinde, dass geneigt gegen die senkrechte Linie auf der Uhr auch heißen kann 'Viertel vor fünf'! Mein Inneres entspannt sich und ich verbringe die nächsten zehn Minuten mit Aufwachen. Aufgrund der zu dieser frühen Stunde schon hohen Temperaturen geht der Grad meiner geistigen Retardiertheit leider nur sehr langsam zurück.

Bei einer derart langen Tour kommt der Sorgfalt beim Frühstück eine besondere Bedeutung zu. Ich vertraue der magischen Macht meines Müslis. Müsli - das Geheimnis des erfolgreichen Seekajakfahrens, die Grundlage langer und gefährlichen Unternehmungen, Müsli - das Löwen die Kraft verleiht, Krähen den Witz und lange Touren um Meilen kürzer werden lässt. Es wird mich auch heute mit Schub und Schwung versorgen.

Wir brauchen heute etwas länger als üblich, um in den Booten zu sitzen. Um halb acht schaukeln wir vor dem Strand von Holmer Siel. Die Nordsee ist gut gefüllt und unser Ziel liegt südlich, so dass wir wie so oft naiv den direkten Weg nehmen und wie so oft und nicht anders erwartet bald in so flachem Wasser stecken, dass wir eine gehörige Heckwelle hinter uns herziehen und geläutert nach Westen abdrehen. Im Fahrwasser der Norderhever nimmt uns dann bald der stärker werdende Strom mit und Pellworm fliegt an uns vorbei. Es weht kaum Wind aus so etwas wie südöstlicher Richtung.

Die Tonnen sehen aus der Ferne teilweise weiß aus, obwohl sie rot sein müssten. Beim Näherkommen erkennt man, dass sie tatsächlich einen Großteil ihrer richtungsweisenden Farbe eingebüßt haben - ein Tribut an den starken Eisgang des vergangenen Winters, der gepaart mit einer mächtigen Strömung keinen guten Einfluß auf das Aussehen der Navigationsmarken hatte. Irgendwo verliert sich die Übereinstimmung der faktischen Tonnenbezeichnung mit der auf unseren Seekarten vermerkten. Insbesondere als wir auf eine rote Tonne mit der unzweifelhaft erkennbaren Nummer 1 treffen, wissen wir, dass hier etwas grandios aus dem Ruder gelaufen sein muss. Wir lassen uns nicht weiter davon irritieren.

Genau südlich der Bake von Süderoogsand registriere ich die Zeit: Exakt drei Stunden sind wir jetzt unterwegs. Es sind fast dreißig Kilometer bis hierher und wenn man unser anfängliches Gekrieche durch das flache Wasser bedenkt, kann man sich ein Bild von der gewaltigen Strömung machen, die die Norderhever hinabrauscht. Die Seezeichen, die an uns vorbeizischen und die Wasseroberfläche bestätigen diese Tatsache. Nie habe ich Strömung auf freier Fläche so drastische Wirkungen entfalten sehen wie hier. Überall tanzen Wirbel herum und sprudeln Pilze empor. Das hilft uns, den Verzug durch die morgentliche Trägheit und die naive Navigation wieder zu kompensieren.

Auf einer recht kurzen Strecke treffen wir auf drei tot im Wasser treibende Seehunde. Es sind allesamt längst nicht ausgewachsene Jungtiere. Wir hoffen, dass es sich bei den Opfern um natürliche Abgänge handelt und nicht um Vorboten einer neuerlichen katastrophalen Seuche.

Die Strömung vor dem Südteil von Süderoogsand kippt schon deutlich vor Niedrigwasser, so dass wir uns hier gar nicht lange aufhalten, sondern gleich das Rummelloch ansteuern. Es ist etwas schwierig, die vielen sandigen Erscheinungen dem Norderoog-, dem Süderoog bzw. dem Jappsand zuzuordnen, aber ich vertraue darauf, dass wir irgendwann den alten Kirchturm von Pellworm sehen, der uns den richtigen Weg weisen wird. Vor dem Eingang zum Rummelloch gönnen wir uns noch eine Pause. Es ist nicht einmal zwölf Uhr, damit in etwa Niedrigwasser und wir haben noch den ganzen Tag Zeit, Hooge zu erreichen.

Der Sand sieht hier aus wie eine Luftaufnahme eines Schlachtfeldes nach einem frischen Bombenangriff - überall Krater und Löcher, die mit piewarmen Wasser gefüllt sind. Die wird die Strömung mit ihren Wirbeln wohl graben, wenn das Wasser hier mit Wucht an die Wattkante prallt, hochgedrückt wird und dann darüber kräftige Wirbel bildet.

Wir nutzen die Gelegenheit, ein ausführliches Bad im gerade noch erfrischenden Wasser zu nehmen. Ich schätze die Temperatur auf etwa 22 Grad - in den Kratern liegt sie natürlich noch deutlich höher. Die Lufttemperatur liegt irgendwo jenseits der 30 Gradmarke.

Wir müssen uns das Badewasser mit einem beleidigt vor dem Sand patroullierenden Seehund teilen, der bei unserer Ankunft unwillig von seinem Lieblingssonnenplatz in die Fluten glitt und uns nun nicht mehr aus den Augen lässt.

Diese Landschaft fasziniert uns beide: Mitten im Meer und doch festes Land unter den Füßen, Kein Baum, kein Strauch, an dem der Blick hängenbleibt, kein Mensch kilometerweit. Eine faszinierende Stille, Einsamkeit und Kargheit. Dieser Ort ist so weit weg, dass meint, auf einem anderen Planeten zu sein, und er ist doch so einfach zu erreichen - vorausgesetzt man hat ein Kajak und weiß gepflegt damit umzugehen!

Ich hätte noch stundenlang hier verweilen können, aber mein anfangs recht hoch auf dem Sand gelagertes Schiff schwimmt bald auf, so dass uns nichts anderes übrigbleibt, als weiter zu fahren. Die Sände links und rechts ragen sehr hoch auf und ihre Kanten sind fast durchgängig mit großen Herden Seehunden bestückt. An der ersten Ansammlung lassen wir uns von der Strömung in erklecklichem Abstand sachte vorbeitragen - in der Absicht, diese überaus scheuen Tiere nicht zu verschrecken. Irgendwann scheint eines der dösenden Tiere mal mit den Augen zu blinzeln und uns zu entdecken. Sofort stürzen alle Tiere ins Wasser und verfolgen uns! Fortan werden wir ständig von knopfäugigen Bojen umringt, die alle naselang vor, hinter und neben uns auftauchen und uns neugierig bestaunen. Es ist schlicht nicht möglich, die Robben ungestört auf ihren Bänken zu belassen: Sobald sie ein Paddelboot entdecken, kommen sie einfach auf einen zugeschwommen und treiben ihre Späße!


Als wir auf Hooge angekommen die Badetreppe hochsteigen, reiben wir uns etwas ungläubig die Augen: Die Wiese hinter unserem Lagerplatz blüht dermaßen bunt, dass es uns beiden die Sprache verschlägt. Möglicherweise ist auch hier die Ursache der lange andauernde Winter, der die Blütezeiten der unterschiedlichen Pflanzen zusammengedrängt hat. Egal wie, es sieht einfach unglaublich schön aus.

Es ist Fußballweltmeisterschaft und die deutsche Mannschaft muss heute gegen Argentinien antreten. Wäre ich mit Ingo unterwegs gewesen, hätten wir vermutlich einen tragbaren Fernseher dabei gehabt, aber Jörg hat nur ein Fernglas, und das reicht nicht bis Südafrika. Meine Tochter Birke hat Verständnis und schickt mir nach jedem Tor eine SMS. Ich habe noch nie so viele SMS in so kurzer Zeit erhalten!



Wie in jedem Jahr leisten wir auch heuer wieder unseren Beitrag zum Wohle der Hooger Wirtschaft. Für die immer gleiche Bedienung im "Friesenpesel" sind wir schon alte Bekannte und bei den Schafen für unseren Appetit gefürchtet! Unbeschreiblich lecker so ein Lammfilet!

Der Abend klingt aus bei Wein und Kakao im Strandkorb mit Blick übers Meer. Es weht ein lauer Wind, am Horizont zucken Blitze und der Donner rollt dumpf grollend über uns hinweg. Alle fünf Minuten fällt ein dicker Regentropfen, aber der Hafenmeister hat gesagt, dass das Gewitter an uns vorbeiziehen wird. Unvermittelt setzt der Wind aus. Wie so oft in solchen Situationen überfällt mich eine irritierende Unruhe, die mich hektisch meine Sachen zusammensammeln und Richtung Zelt fliehen lässt. Es sind etwa 30 Meter bis dahin, aber als ich den Reißverschluss öffne, kann der Himmel das Wasser nicht mehr halten und es schüttet wie aus Kübeln. Jörg, der nicht in Hektik verfallen ist, hat die nächste halbe Stunde noch im Strandkorb verbracht, weil er sonst zum Zelt hätte schwimmen müssen.

Der Sonntag ist ganz dem Motto "Zeit haben" gewidmet. Holmer Siel ist nicht weit und Hochwasser ist eh erst abends. Keine Termine. Keine Hektik. Kein Stress. Keine Kompromisse. Kein anderes Bier! Wir genießen die Sonne, die Wärme, die Zeit und das Leben. Wir machen einen Spaziergang und nehmen Jörgs legendäres Fernglas mit. Damit rücken wir allerlei Vögeln auf den Pelz, aber vor allem frönen wir damit der guten Sicht, die uns Dinge sehen lässt, für die wir nur schwer eine Erklärung finden. Der Leuchtturm von Amrum ist schon mit bloßem Auge wunderbar klar zu erkennen. Westlich davon sieht man zweifelsfrei hohe Dünen, dann einen flachen Sandstreifen, noch weiter westlich sind regelmäßige Strukturen zu erkennen. Die hohen Dünen rechnen wir Sylt zu, ebenso wie den flachen Sandstreifen. Für die regelmäßigen Strukturen schlägt Jörg die Hochhäuser von Westerland vor, doch ich mag mich da nicht anschließen, habe aber auch keine andere Erklärung zur Hand. Ein späterer Blick in die Seekarte lässt uns komplett ratlos zurück, denn Sylt ist in dieser Richtung überhaupt nicht zu sehen und alles, was da noch kommt, sind die Shetland Inseln und die Äußeren Hebriden. So eine gute Sicht ist einfach Mist, man wird vollkommen verunsichert!



Um drei Uhr ist soviel Wasser vorhanden, dass wir Hooge verlassen können. Allerdings ist es eine recht glitschige Angelegenheit. Es geht übrigens erstaunlich gut, ein vollbeladenes Kajak über schlickiges Watt zu ziehen. Nur wenn man danach seine kleiigen Schuhe vor dem Einsteigen abwäscht, sollte man darauf achten, dass sie sich nicht alleine auf den Weg machen! Die Temperatur ist heute gar nicht so hoch - nur etwa 25 Grad, aber die Sonne scheint immer noch aus vollem Halse. Wir folgen den dicht gesteckten Priggen, die uns im Vorbeifahren auch immer etwas über Richtung und Stärke des Tidenstromes erzählen. Wie nach Lehrbuch haben wir einen leicht folgenden Strom bis zum Wattenhoch, dann steht er leicht gegen uns. Anfangs ist das noch kaum zu merken, aber er wird überraschend schnell stärker. Wir müssen eine Seehundsbank relativ dicht passieren, weil sie ganz nahe am Fahrwasserrand liegt. Wieder robben die Tiere ins Wasser, stürzen auf uns zu und verfolgen uns eine Weile. Es sind wieder viele Muttertiere mit Jungen dabei. Wenn eine solche Gruppe straks auf uns zuschwimmt, fällt es schwer zu glauben, dass sie uns als Gefahr wahrnehmen sollen.

Östlich von Pellworm biegen die Priggen nach Süden weg. Wir folgen ihnen und fahren damit immer stärker gegen den anschwellenden Strom. Wir ziehen gehörig am Stock aber machen nicht sonderlich viel Fahrt über Grund. Ich beobachte die Umstände eine Weile, indem ich mehrere Peilungen nehme und schließlich feststellen muss, dass die Norderhever etwas gegen unsere momentane Fahrtrichtung hat: Wir stehen fast auf der Stelle! Ich sage Jörg, dass wir den Strom erst nach Osten queren müssen und dann wieder nach Süden gehen. Das hat zum einen die Wirkung, dass wir auf der anderen Seite in flacheres und damit langsamer strömendes Wasser gelangen. Zum anderen lässt der Strom mit der Zeit sowieso nach, so dass erst nach Osten und dann nach Süden auch deswegen vorteilhafter ist als umgekehrt.

Holmer Siel ist schon von sehr weit sichtbar und man glaubt, in ein paar Minuten hat man es erreicht. Aber es ist weiiit und das letzte Stück ziiieht sich. Es gibt nichts mehr zu gewinnen, nichts mehr zu erwarten, wir wollen nur nach Hause, aber das Ziel will und will nicht näher kommen. Ein leichter Süd-West-Wind hat eingesetzt und hindert zusätzlich. Das nagt uns an und wir sind beide überrascht, dass uns der Heimweg so viel Mühe macht. Als wir vor ein paar Jahren dieselbe Strecke gefahren sind, kam es mir nicht so anstrengend vor. Später finde ich die ebenso simple wie plausible Erklärung: Wir sind mit ablaufenden Wasser vom Wattenhoch gekommen und nur dass allerletzte Stück von Nordstrandischmoor bis Holmer Siel gegen ein minimales Strömchen gefahren. Das ist natürlich eigentlich die planerisch sauberere Variante, aber es hätte bedeutet, dass wir heute morgen vor dem Aufwachen hätten losfahren müssen. Und dann wäre der ganze Urlaubstag auf Hooge nicht möglich gewesen!

Wenn man wie wir fährt, hat man halt für zwei Drittel der Strecke einen überhaupt nicht zu vernachlässigenden Strom gegen sich. Gesellt sich noch ein widriger Wind hinzu, kommt man schnell in eine Situation, die manchen Paddler überfordern kann.

Natürlich kann man Variante "Was kümmert mich der Strom?" wählen, aber dafür bedarf es eben Mitfahrer der "Jörg"-Klasse! Die Gesamtstrecke von Hooge nach Holmer Siel beläuft sich auf etwa 23 Kilometer. Wir haben eine absolute Zeit von dreieinviertel Stunden dafür benötigt. Darin sind alle Pausen und Verzögerungen durch Seehundsbeobachtungen und Positionsbestimmungen enthalten. Das macht eine Netto-Durchschnittsgeschwindigkeit von ziemlich genau sieben Kilometern pro Stunde. Mit vollbeladenen Booten und zwei Drittel des Weges gegen Strom. Kein Wunder, dass wir angenagt waren!


Übrigens: Da ich immer irgendetwas vergesse, musste Jörg diesmal die Fotos machen. Die Bilder sind also allesamt: "Courtesy Jörg S."!