Freitag, 3. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS - Freitag (2/4)

Wir wollen heute  zum Wrack der Pallas fahren. Das liegt gute zehn Kilometer vor den Außensänden im freien Wasser und außer Trenk hat es noch keiner von uns besucht. Wir rechnen mit drei Stunden Fahrt und wollen grob bei Niedrigwasser dort sein. Dazu hätten wir um halb sechs aufstehen müssen, aber wir genehmigen uns eine Stunde Aufschub, denn wir sind auf Erholung hier. Zwei Stunden vor Niedrigwasser ist es gerade noch möglich, den Hafen von Hooge zu verlassen, aber man schrammt schon über die Steine am Grunde der Zufahrt. Ist man erst einmal im Fahrwasser, ist der Jappsand auch schnell erreicht. Trenk nutzt diese Gelegenheit, dem Drang des vielen eingefüllten Tees nach Freiheit nachzugeben.

Der Wetterbericht hat Nord- bis Nordostwind versprochen, aber bei der Himmelsrichtung müssen die vergrabenen Dinge im Schlüttsieler Hafen mitgewirkt haben: Was da weht, ist West! Zusammen mit der Strömung müssen wir das in den Vorhaltewinkel für unsere Navigation einbeziehen. Das ist die eigentliche Premiere für mein GPS! Gestern Abend habe ich die Koordinaten der Pallas eingegeben und lasse mir nun anzeigen, in welche Richtung wir fahren müssen, um sie zu erreichen. Total einfach so etwas: Einfach nur dem Pfeil auf der Anzeige folgen! Aber ich will ja auch ein Gefühl dafür entwickeln, wie ich ohne dieses Gerät fahren würde. Daher suche ich angestrengt den Horizont nach einer Erscheinung ab, die man als Wrack werten könnte. Nix zu sehen. Ich weiß, dass wir nach Süden versetzt werden, also wird mein GPS uns etwas nach Norden weisen, damit wir nicht am Ziel vorbeifahren. Ich suche den Horizont also etwas südlich der angewiesenen Richtung ab. Nix zu sehen.

Nach erklecklicher Zeit fragt Jörg mich nach einer Erscheinung in weiter Ferne, die ungefähr 45 Grad südlich unseres Kurses liegt. "Könnte ein Frachter sein.", sage ich. "Und wenn das die Pallas ist?" "Dann gebe ich mein GPS zurück!". Wir fahren weiter in die durch den Pfeil vorgegebene Richtung. Je länger die Zeit fortschreitet, desto mehr muss ich zugeben, dass der Frachter die Pallas sein muss. Die Tatsache, dass die Erscheinung so weit von dem vom GPS vorgeschlagenen Kurs weg liegt, stürzt mich in erhebliche Zweifel. Ich überlege, ob ich mich beim Eintippen der Koordinaten vertan habe, oder ob wir vielleicht ein anderes Wrack genommen haben. Aber keine der Theorien kann mich so überzeugen, dass sich eine innere Gewissheit wohlig breit macht. Es kostet mich einige Disziplin, weiter dem Pfeil zu folgen, intuitiv würde ich viel weiter nach Süden halten. Aber nachdem sich die Peilung über eine halbe Stunde nicht merklich geändert hat, muss ich die Realitäten anerkennen: Wir haben einen mächtigen Strom nach Süden und mein GPS rechnet nicht intuitiv sondern gehorcht unsentimentalen Algorithmen.

Als wir nur noch wenige Kilometer vom Ziel entfernt sind, kann Trenk sich nicht mehr gegen seine Intuition wehren und fährt einen deutlich direkteren Kurs. Obwohl es hier draußen nicht den geringsten Anhaltspunkt für die Strömung gibt, können Jörg und ich bald erkennen, dass unser junger Freund bald Probleme bekommen wird, wenn er unser Ziel nicht verfehlen will.Er selbst merkt es auch irgendwann und muss sich dann mächtig anstrengen, die verlorene Höhe wieder zu gewinnen. Am Wrack angekommen, bin ich beeindruckt, wie geradlinig unsere Spur vom Jappsand bis hierher war: mit rein manueller Navigation wäre ich eine erheblich ungünstigere Kurve gefahren!

Wir legen uns in den Windschatten hinter das Wrack, wo sich ein Kehrwasser bildet und relative Ruhe beschert. Trenk verhilft einer weiteren Portion Tee in die Freiheit, aber wirkliche Gemütlichkeit will nicht aufkommen. Es schwallt und strömt ständig um das Wrack herum und hinter uns macht es unheimliche Geräusche, so dass wir es nach einer kurzen Stärkung bald wieder verlassen.

Um dem Tag einen angemessenen Inhalt zu geben, hatten wir geplant, auf dem Rückweg noch Amrum zu umrunden. Wir fahren erst einmal genau nach Norden, denn damit sollten wir gut an der Insel vorbei kommen. Es wird aber bald offensichtlich, dass wir kaum etwas gut machen gegen Amrum, so dass ich mein mittlerweile ausgeschaltetes GPS wieder bemühe, um die konkrete Abdrift zu ermitteln. Danach müssten wir etwa 330 Grad fahren, würden gegen Strom und Wind nur etwa fünf Stundenkilometer machen und wir hätten keine Zeit mehr für die angedachte Pause auf dem Kniepsand. Wir rufen uns kurz in Erinnerung, dass wir zur Erholung hier sind und belassen den Kurs bei Null Grad, womit wir aber faktisch auf den Leuchtturm von Amrum zusteuern. So können wir dort an den Strand gehen, eine ausgiebige Pause machen und haben eine stressfreie Fahrt zurück nach Hooge.

Auf der Überfahrt von Amrum nach Hooge sichten wir in einiger Entfernung eine recht große Gruppe von Paddlern. Sie sind deutlich vor uns, fahren aber auch deutlich langsamer - oder korrekter Weise sollte ich sagen, wir fahren deutlich schneller. Als wir in den Segelhafen einlaufen, ist fast Hochwasser und wir können bequem an einem schimpfenden Austernfischer vorbei zu unseren Zelten gelangen. Die Gruppe um Thomas Driller, die wir überholt haben, trifft auch bald ein und dann noch mehrere andere Grüppchen, bis schließlich 16 Zelte auf der Wiese stehen. Heute ist der obligate Verzehr des Lammfilets im Friesenpesel als Abendprogramm angesetzt. Nach unserer Rückkehr versammeln sich alle Paddler auf der Deichkrone, um den beeindruckenden Sonnenuntergang zu würdigen.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS (1/4)

"Mein Norden liegt im Süden. Und deins?" Ein Blick auf meinen Kompass ergibt ein "Südwest!". Jörgs Kompass zeigt mit Osten noch die geringste Abweichung, aber auch die ist inakzeptabel, wenn wir auch nur irgendwo verlässlich ankommen wollen. Offensichtlich hat man um Hafen von Schlüttsiel irgend etwas im Untergrund verbuddelt, das unsere magnetischen Wegweiser aus dem Gleichgewicht bringt. Wir sind zuversichtlich, dass sie uns auf dem Wasser verlässlich führen werden.

Nachdem wir die gesamte letzte Woche die Wettervorhersage gespannt verfolgt haben, mussten wir einsehen, dass eine stabile Wetterlage mit wenig Wind anders aussieht. Das Projekt "Helgoland" muss sich damit in die Warteschlange einreihen. Wir werden unsere Zeit an diesem verlängerten Wochenende auch so genussvoll zu nutzen wissen.

Es ist Himmelfahrtstag und gutes Wetter. Zudem liegt der Termin für dieses lange Wochenende extrem spät im Jahr, so dass das Wasser bereits vergleichsweise warm ist. Unsere Befürchtung ist, dass diese für Paddler glückliche Kombination der Umstände dazu führt, dass die Zeltwiese auf Hooge, die wir uns als Ziel ausgesucht haben, überfüllt sein könnte. Wir hatten solche Befürchtungen schon für den Parkplatz in Schlüttsiel gehegt, aber die haben sich erfreulicherweise nicht bestätigt. Wir werden uns nach den Gegebenheiten vor Ort spontan entscheiden, unsere Pläne anzupassen.

Ich fahre nun schon seit anderthalb Jahrzehnten mit meinem Boot auf Tour. Ich bin in vielem sehr gut, in manchem fast professionell, aber in einem bin ich auf dem Niveau eines Anfängers stehen geblieben: Wenn es darum geht zu entscheiden, was alles absolut notwendig ist, auf so eine Tour mitgenommen zu werden, schleppe ich Unmengen von Ballast mit mir herum, weil ich mich nicht durchringen kann, meine Sandalen zu Hause zu lassen, wenn ich schon meine Halbschuhe eingepackt habe. Insbesondere beim Essen treibt mich im Vorfeld immer die Panik um, ich könnte bei so einer Unternehmung verhungern. Da nehme ich dann doch lieber vier Joghurts mit, auch wenn die Tour nur drei Gelegenheiten zum Frühstück bietet, zwei Gläser Marmelade, weil ich gerne zwischen Kirsch und Erdbeer wählen können möchte, oder einen Liter Milch, von dem ich dreiviertel am zweiten Tag wegschütte, weil er sauer geworden ist. Diese Tour ist einen guten Tag länger als eine normale Wochenendtour, also nehme ich sicherheitshalber doppelt so viel Proviant mit. Ein seelischer Defekt, der seine Wurzel vermutlich in den Erzählungen meiner Eltern von Hunger und Entbehrungen im Krieg hat. Begünstigt wird dieses Übel noch durch die Tatsache, dass mein Boot für alles Platz bietet und ich mich nicht bescheiden muss.


Auf dieser Tour soll mein neues GPS-Gerät seinen ersten, ernsthaften Einsatz erfahren. Da wir heute nicht Helgoland ansteuern wollen sondern nur Hooge, kann man selbst ohne Kompass nach Sicht fahren - wenn man Nordstrandischmoor, Hamburger Hallig und Habel in die richtige Reihenfolge gebracht hat! Trotzdem ist es eine gute Übung mit dem Gerät umzugehen und zu sehen, wie mit zunehmender Zeit die Stromunterstützung immer deutlicher wird. Nachdem wir östlich um Gröde herum sind und uns nach Westen wenden, fahren wir fast ständig mit zehn Stundenkilometern. Als wir in den noch gut gefüllten Segelhafen von Hooge einlaufen, sind wir zwar etwas baff aber doch erfreut, dass die Zeltwiese komplett leer ist. Nach einigen Diskussionen, wer denn den besten Platz belegen darf, haben wir unsere Zelte gleichmäßig über das Areal verteilt. Am späteren Nachmittag trudeln noch drei sehr angenehme Holländer ein, die allesamt den gleichen, alten Bootstyp fahren: einen P&H Baidarka Explorer.

Sonntag, 22. Mai 2011

"Heute wird es schön...

... aber morgen wird's ungemütlich!" So lautete gestern die Schlagzeile der Kieler Nachrichten. "Morgen" ist also heute und wir sind gespannt, was da so auf uns zukommt. Für eine Fahrt zum Leuchtturm stehen die Zeichen nicht günstig, denn es soll Gewitter geben und Böen mit sieben bis acht Beaufort. Gestern wäre ganz klar die bessere Wahl gewesen - ging aber nicht.
Zu Beginn herrschte eitel Sonnenschein

Wie immer stellt sich die Frage nach der Kleidung, weil es bei der Abfahrt zwar mollig warm ist, die Aussicht auf Gewitterschauer aber damit konkurriert. Wir entschließen uns für leichte Kleidung, führen aber Paddeljacke und Südwester griffbereit mit (auch ich habe ihn diesmal dabei!). Ein kaum spürbarer Südwind unterstützt uns auf dem Weg nach Norden, so dass wir beständig über acht Stundenkilometer fahren, wie mir mein GPS mitteilt. Ich lasse es die ganze Zeit mitlaufen, merke aber erst hinterher, dass ich das Aufzeichnen des Tracks nicht eingeschaltet habe. Das lag schlicht daran, dass ich die kleine Schrift auf dem Gerät nicht lesen konnte und die beiden Optionen "An" und "Aus" verwechselt habe. Ich muss auf lange Sicht mal sehen, wie ich mir eine Brille an die Schwimmweste binden kann. Zum Glück ist Jörg kurzsichtig und ich bin weitsichtig, so dass wir uns im Ernstfall, sollten wir beide unserer Brillen verlustig gehen, gegenseitig helfen könnten. So ist das, wenn Greise aufs Wasser gehen!

Ankunft in Bülk
Vor Bülk machen wir eine ausgiebige Pause, bleiben aber im Boot. Während wir unseren Proviant verputzen, treiben wir langsam auf den mit Anglern besetzten Molenkopf zu. Ich wundere mich, dass wir nicht angepfiffen werden, aber wir machen uns schließlich freiwillig aus dem Staube.

Als wir unsere Rücktour antreten, sind wir noch guter Hoffnung, dass wir es vielleicht komplett im Trockenen zurück schaffen könnten. Es ist lediglich eine einzige Kummuluswolke zu sehen, und die sieht noch nicht sehr bedrohlich aus. Als wir in der Strander Bucht eine Segelyacht überholen, auf der ein Regattaschiedsgericht postiert ist, machen sie uns drauf aufmerksam, dass "Schietwetter aufzieht". Es ist nun nicht mehr zu übersehen, dass sich hinter Schilksee etwas zusammenbraut. Der Wind hat auch deutlich aufgefrischt. Aber es ist noch nicht akut. Ich beobachte die Szenerie die ganze Zeit und muss erkennen, dass es sich - natürlich wie immer - schneller entwickelt, als man glauben will. Da wir recht weit draußen fahren und ich weiß, dass Gewitterböen, wenn sie denn einmal kommen, heftig sind, ändere ich meinen Kurs, um schneller dicht unter Land zu kommen.
Das Wasser kocht!

In unmittelbarer Nähe zum Strand kramen wir unsere Paddeljacken und Südwester raus. Wir haben sie gerade auf, da setzt auch schon heftigster Gewitterregen ein mit böigem Wind aus einer um 180 Grad geänderten Richtung. Es grummelt auch schon, aber wir wollen, solange es geht, noch weiterfahren. Hier gibt es absolut keine Möglichkeit, sich unterzustellen. In ein paar hundert Metern ist eine Segelschule, dort könnten wir mehr Glück haben. Während wir im komfortablen Schutz des Steilufers durch den fulminanten Regen paddeln, beobachtet Jörg eine Jolle, die von einer Bö jäh umgerissen wird. Die beiden Segler schwimmen im Wasser Richtung Ufer. Sie könnten es leicht schaffen, aber sie versuchen, ihre Jolle zu ziehen und gegen die heftigen Böen haben sie nicht den Hauch einer Chance. Als ich sehe, dass sie mit der Jolle rausgetrieben werden, fahre ich hin. Das Wasser ist immer noch zu kalt, um hier lange Spierenzchen zu machen. Die beiden wollen ihre Jolle aber nicht aufgeben und bitten mich, ihnen beim Ziehen zu helfen. So schleppen wir unerwarteter Weise ein Segelboot hinter uns her und ich ärgere mich, dass ich mein erstklassiges Schleppgeschirr zu Hause gelassen habe und stattdessen mit einer zweitklassigen Gummileine von Jörg agieren muss!
Da hinten war eben noch Schilksee!

Nach der Front klart die Sicht in wenigen Minuten auf und der Wind legt sich wieder. Den Rest der Strecke legen wir wieder bei bestem Wetter zurück. Die schöne Tour wird mit einem Stück Kuchen und Kaffee bzw. Kakao im Pennekamp gemütlich beendet. Erst als ich mit dem Fahrrad nach Hause fahre, werde ich von einem ausgedehnten Wolkenbruch geduscht.

Sonntag, 15. Mai 2011

Mit GPS zur Tonne 4

Unser Nachbarverein feiert heute seinen 90. Geburtstag. Da bin ich eingeladen und da will ich auch gerne hingehen. Und wenn ich schon mal am Klub bin, kann ich ja auch gleich die Gelegenheit nutzen und paddeln gehen. Zuerst muss ich aber noch geduldig die vielen Reden durchstehen, die sich natürlich alle etwas in die Länge ziehen. Ich hätte nach den Bootstaufen gehen können, aber da wir eine lange Tour machen wollten, musste ich unbedingt noch mal hochgehen, um mir mit "ein paar" Schnittchen eine solide Grundlage für das Kommende zu verschaffen.

Außer Jörg ist heute mein frisch programmiertes GPS-Gerät mit von der Partie. Ich muss schließlich den Umgang damit üben, damit er mir im realen Einsatzfall leicht von der Hand geht. Ich habe eine Route eingegeben, der ich gerne folgen möchte, um zu sehen, wie sich das anfühlt und wie man mit Änderungen umgeht.

Wir hatten überlegt, die Tour am Samstag zu machen, haben sie aber wegen der Wettervorhersage, die mit Gewitterschauern drohte, um einen Tag auf den Sonntag verschoben. Wir sind etwas am zweifeln, ob das eine gute Idee war, denn nur wenige Minuten, nachdem wir auf dem Wasser sind, setzt der erste heftige Regenschauer ein. Und der Wind ist irgendwie auch nicht von schlechten Eltern. Da ich natürlich wieder viel zu hektisch meine Sachen gepackt habe, habe ich auch wieder etwas vergessen: meinen Südwester. Ich bereue es schmerzlich!

Und natürlich fallen wir wieder in unseren alten Trott, dass wir viel zu schnell fahren und uns verausgaben. Jörg ist es diesmal, der darauf aufmerksam macht und ein langsameres Tempo anmahnt. Das müssen wir echt üben! Es gehen noch hin und wieder einige Schauer über uns nieder aber wir folgen stur der durch das GPS vorgegebenen Route. Es ist wirklich praktisch, immer genau die Abdrift erkennen zu können - aber mit der Auswahl der angezeigten Daten muss ich noch experimentieren. Wir wollen zwar ausdrücklich etwas weiter als bis zur Glockentonne fahren, aber da Kiel Leuchtturm für heute außer Frage steht, loche ich die Tonne 4 als nächsten Wegpunkt ein. Etwa 20 Minute bis wir da sind, sagt mein GPS. Es soll verdammt genau recht behalten!
Jenseits von Laboe geht eine wirklich lebhafte See. War der Wind vorhin zwischen den Schauerfronten immer recht schwach, so ist er jetzt auf hohem Niveau eingerastet. Es macht Spaß, in den Wellen zu spielen. Für eine Pause am Scheitelpunkt unserer Tour ist das Wasser aber allzu ungemütlich. So fahren wir wieder bis zum Strand nach Möltenort zurück, wo wir die Boote nur auf den Sand setzen aber nicht aussteigen.
Natürlich hat sich die Windrichtung nicht die Spur zu unseren Gunsten entwickelt, so dass wir die ganze Zeit gegenan keulen müssen. Die Windgeschwindigkeit liegt leider auch deutlich über den vorhergesagten vier Beaufort. Am Ende der Tour waren es laut GPS gute 25 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,9km/h. Das ist ziemlich hurtig. Aber auf Helgoland bezogen ist es leider nur die halbe Miete - und eine zweite solche Hälfte ist bei derartigen Verhältnissen nicht drin!

Samstag, 2. April 2011

Leuchtturm Nonstop


Die Zeichen stehen günstig: Alle Familienmitglieder sind mit eigenen Unternehmungen beschäftigt und das Wetter soll bombastisch gut werden: 20 Grad und Sonne und nicht zuviel Wind. Genau richtig, um meine Vorbereitung für unsere große Tour in diesem Jahr voranzutreiben. Ich will versuchen, bis zum Leuchtturm zu kommen und wenn es geht, auch wieder zurück, ohne zwischendurch auszusteigen. Das Gute an der Förde ist ja, dass man es sich jederzeit anders überlegen kann und im Falle, dass man allzu porös ist, an Land gehen. Nicht so, als wenn man nach Helgoland unterwegs ist und man auf halben Wege merkt, dass der Hintern unerträglich durchgesessen ist, man einen Krampf im Oberschenkel hat, oder sonstige unverhergesehene Zwänge ein Weiterfahren unmöglich machen. Kiel Leuchtturm ist sozusagen "Helgoland mit Geländer", denn die Entfernung ist gar nicht so viel anders, als wollte man Deutschlands einzige Hochseeinsel erreichen.

Um viertel vor elf bin ich auf dem Wasser, um gleich festzustellen, dass ich natürlich wieder meine Sonnenchreme vergessen habe. Zum Glück schützen mich ein paar Schleierwolken davor, am Ende des Tages wie eine Grillwurst auszusehen und den Stress mit Marie-Theres auszustehen. Allerdings muss ich nach etwa fünfhundert Metern ebenfalls feststellen, dass ich mit meiner Winterpaddeljacke hoffnungslos "overdressed" bin. Ich bin eine Weile unentschlossen, ob ich sie ablege, denn soo warm ist es auch nicht und das Wasser hat erfrischende vier Grad. Aber nach ein paar weiteren Metern gibt es keine Zweifel mehr: Die Jacke kommt ins Cockpit. Der Wind schiebt ein wenig von hinten - ich hätte ihn auf zwei bis drei Beaufort geschätzt, es sind aber tatsächlich vier. Das macht das Fahren sehr angenehm, aber skeptisch wie ich bin, mache ich mir bereits Gedanken über die Rücktour. Vielleicht muss ich doch das Geländer in Anspruch nehmen?

Ich paddle ohne große Anstrengung, denn ich rechne mit mindestens sechs Stunden - eher mehr. Jede Stunde mache ich eine kleine Pause, keine fünf Minuten, aber ich trinke jeweils etwas, später esse ich auch immer ein bisschen. Das wirkt Wunder. Der Wind hält über die gesamte Zeit seine Richtung und Stärke bei. Die Sicht ist sehr diesig, so dass ich mein Ziel erst an Tonne 5 schemenhaft erkennen kann. Um 13:25 Uhr erreiche ich den Leuchtturm und packe  Thermoskanne und Tupperdose aus. Bis hierher bin ich inklusive Pausen mit 8,25 Stundenkilometern unterwegs gewesen. Das ist supergut, aber nicht so bedeutend, denn dass ich drei Stunden diese Geschwindigkeit halten kann, wusste ich vorher. Es ist aber etwas überraschend, denn ich bin eher auf Nachhaltigkeit gefahren, so dass ich es dem Wind gutschreibe, dass ich so gut voran gekommen bin.

Bereits nach zehn Minuten mache ich mich wieder auf den Rückweg. Dadurch, dass ich immer mal eine kleine Pause gemacht habe, brauche ich jetzt nicht mehr Zeit zum Ausruhen. Mit dem Wind nun im Gesicht ist es gleich deutlich frischer, aber ich will die Paddeljacke noch nicht anziehen. Ich merke, dass es deutlich mehr ist, als was mir damals bei meiner Überfahrt nach Ärö ins Gesicht blies und ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr er mir nach vier Stunden zugesetzt hatte. Aber heute fühle ich mich noch ausgesprochen frisch und das Paddeln fällt mir leicht. Ich schaffe es immernoch, fast die gesamte Stunde mein Paddel rotieren zu lassen, ohne es zwischendurch abzulegen.

Meine erste Hochrechnung für den Zeitpunkt meiner Rückkehr liegt bei 17:00 bis 17:30, denn ich weiß dass ich das hohe Tempo der Hinfahrt auf gar keinen Fall halten kann. In der fünften Stunde wundere ich mich schon, dass ich noch nicht müder bin, den ich fliege immer noch mit einer fast beänstigenden Geschwindigkeit über das Wasser. Zwischendurch halte ich kurzzeitig eine Ankunft um 16:15 Uhr für möglich, aber da hat mich vermutlich eine Art Dilirium gepackt. In der sechsten Stunde hat der Wind ein Einsehen mit meiner hohen Geschwindigkeit und dreht auf fünf auf. Das macht mir echt zu schaffen! Das Paddel die volle Stunde in Bewegung zu halten, schaffe ich eh schon nicht mehr und nun muss mir der Wind hier auf den letzten Metern noch den Spaß verderben! Ich habe mir irgendwann vorgenommen, unter sechs Stunden zu bleiben, aber auch diese Marke scheint jetzt nicht mehr erreichbar. "Ach was! Ich schaffe das!", versuche ich, mir Mut zu machen. Und siehe da, als ich am Steg anschlage, sind sechs Stunden und zwei Minuten vergangen - aber von den zwei Minuten werde ich niemandem etwas erzählen!

44 Kilometer halb mit, halb geben den Wind in sechs Stunden, alle Pausen eingerechnet. Das sind 7,3 Stundenkilometer - ich bin richtig stolz! Wenn die Bedingungen günstig sind, sollte Helgoland auch ohne Geländer schaffbar sein.

Sonntag, 20. Februar 2011

Biike-Brennen-Ersatztour

"Lass uns doch mal eine Wintertour machen!" Schon vor Monaten hatten wir uns auf den Plan verständigt, zum Termin des Biike-Brennens eine Nordseetour zu machen, um dieses traditionelle Ereignis einmal aus nächster Nähe zu erleben. Für den Montag, an dem die Reisighaufen abgefackelt werden sollten, und den darauf folgenden Dienstag haben Trenk, Jörg und ich Urlaub eingereicht, damit wir auch alles im Vorfeld planiert haben, wenn es denn soweit ist. Natürlich ist eine Tourtermin für Mitte Februar mit einem hohen Risiko verbunden, dass die Unternehmung auf Grund des Wetters nicht Wirklichkeit werden kann. Aber es gibt auch schöne, milde Tage im Februar und wenn wir dem Glück keine Chance geben, klopft es nie an unsere Tür.

Leider war das mit dem Wetter letztlich doch nicht das entscheidende Kriterium. Eine Woche vor dem Termin stellte sich bei Jörg heraus, dass er an den anvisierten Tagen beruflich unabkömmlich sein würde. Aber wenn wir uns schon so lange zu einer Tour verabredet hatten, wollten wir versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Am Wochenende davor hätten alle Beteiligten ebenfalls Zeit. Ein Blick auf die Wettervorhersage am Sonntag vorher ließ keine warmen Wogen der Vorfreude aufkommen: Freitag Wind fünf bis sechs aus Ost bis Nordost, Samstag nicht viel weniger bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt. Da schaudert's einem eher, als dass es reizt, sich bei minus sieben Grad im Zelt auf einer Hallig ungeschützt dem beißenden Wind auszusetzen. Nicht mit uns - soviel war klar! Aber Sonntag! Kalt zwar, aber mit Chance auf Sonne und absolute Windstille! Da sollte wenigstens eine Tagestour unter angenehmen Bedingungen drin sein.

Überraschende Schneewehen bei der Anreise.
Um die Anreise für alle Beteiligten einigermaßen ausgewogen zu gestalten, einigen wir uns auf die Flensburger Förde als Revier. Bei der Feinabstimmung am Samstag vorher verlegen wir den Startpunkt doch lieber von Falshöft nach Habernis. Die nun genauere Vorhersage offeriert uns die Aussicht auf einen Dreier-Wind aus Ost. Bei einem Start in Falshöft hätten wir bei der Rücktour auf jeden Fall Gegenwind. Habernis bietet wenigstens theoretisch die Aussicht auf Rückenwind für den zweiten Teil der Tour.

Bei der Hinfahrt überraschen uns die zahlreichen nicht zu vernachlässigenden Schneewehen auf den Bundesstraßen in Schwansen und Angeln. Weder haben wir mit soviel Schnee gerechnet noch mit soviel Wind - das ist mehr als drei. Aber er soll ja auch nachlassen. Am Einsetzpunkt bei Habernis laufen einige Spaziergänger grimmig vermummt am Strand entlang. Eine kurze Prüfung bestätigt: die Vermummung ist nicht übertrieben - es weht ein beißender Wind aus östlicher Richtung, und auf dem Wasser sind durchaus weiße Wellen zu sehen.

Wir wollen direkt bis Sonderburg durchfahren, das sind gute zehn Kilometer wie wir mit dem dicken Daumen abschätzen. Wir haben seit einer guten Woche durchgängig Ostwind und die Förde bietet in diese Richtung einen ordentlichen Fetch, so dass wir trotz des unserer Meinung nach recht geringen Windes mit erklecklichen Wellen rechnen. Angesichts der Umstände haben wir angezogen, was unsere Ausrüstung hergab. Kaum auf dem Wasser macht sich die erste Konsequenz bemerkbar: Jörg brummelt etwas und Trenk ruft zurück: "Ich hör' nix!". Verständigung ist ziemlich schwierig mit dicken Mützen über den Ohren und pfeifendem Wind um die Nase.

Der Wind kommt zwar genau von querab, aber dadurch, dass wir deutlich vorhalten müssen, ist es natürlich eigentlich Gegenwind. Nicht übermäßig - aber deutlich und unausgesetzt, pausenlos, ständig und immer. Und irgendwie doch mehr als drei. Das zehrt auf die Dauer. Aber der Wind soll ja nachlassen. Wir wollen uns nicht verausgaben, denn schließlich müssen wir ja auch noch wieder zurück. Dadurch, dass wir nicht auf Höchsttouren laufen und der eiskalte Wind seinen Tribut fordert, sind meine Füße immer knapp an der Grenze zum kaltwerden. Ich mache von Zeit zu Zeit bewusste Beinarbeit, um sie nicht zu sehr abdriften zu lassen. Auf halber Strecke überlege ich mir, dass ich ja auch mal ein Foto von unterwegs benötige und fummele meine Kamera heraus. Zum Fotografieren muss ich das Paddel aus der Hand legen. Die Wellen sind nicht unbedingt so, dass man sich keine Gedanken machen müsste, und eine Kenterung ist das letzte, was wir hier gebrauchen könnten. Immerhin mache ich ein paar Fotos - danach sind meine Füße warm!

Die geschätzten zehn Kilometer bis Sonderburg sind dann doch über zwölf und eine Pause hochwillkommen - wenn nicht unausweichlich. Aber die Suche nach einem windgeschützten Plätzchen gestaltet sich schwierig. Letztlich laufen wir am Strand vor dem Schloss auf. Durch den Ostwind herrscht eine recht starke Strömung parallel zum Strand, und man muss beim Aussteigen ziemlich aufpassen, dass es einem das Schiff nicht verdreht. So dick eingepummelt, wie wir sind, sind wir auch keine Wunder an Beweglich- und Geschmeidigkeit. Da überrascht es nicht, dass Jörg bei dieser Prozedur plötzlich neben seinem Boot schwimmt und im zwei Grad kalten Wasser plantscht.

Wir verbringen unsere Pause auf dem Sockel des abmontierten Badesteges. Gegen den Wind wehren wir uns mit zwei Ponchos - nicht wirklich erfolgreich. Jörg und Trenk versuchen ihre eiskalten Finger wiederzubeleben, indem sie sie in heißem Tee baden. Die Gemütlichkeit kann sich ob der äußeren Umstände nicht voll entfalten und so schrauben wir uns schon recht bald wieder ungelenk in die Boote. Die Paddelschäfte sind eiskalt, dass die eh schon steifen Hände beinahe daran festfrieren. Leider sind nach dem Ablegen auch Trenks und mein Skeg in ihren Gehäusen festgefroren, so dass wir sie uns gegenseitig gängig machen müssen. Das Rumfummeln im eiskalten Wasser gibt meinen Händen den Rest - sie sind dermaßen kalt, dass ich außer stechenden Schmerzen nichts mehr fühle und es eine halbe Stunde dauert, bis sie wieder aufgetaut sind.

Gestern hatten wir im Warmen sitzend noch schwadroniert, zum Leuchtturm Kalkgrund zu fahren. Heute bewegt uns eher die Frage, wie wir mit möglichst wenig Aufwand wieder zurück kommen. Der direkte Weg ist natürlich nicht immer der "kürzeste" und unser Plan ist, erstmal direkt nach Osten zur Spitze der Halbinsel Kegnaes zu fahren, um etwas "Höhe zu machen" und dadurch wenigstens leicht schiebenden Wind für die Überfahrt zu gewinnen.

"Direkt nach Osten" ist eine Verniedlichung von "direkt gegen den Wind" und irgendwie ist aus dem Nachlassen des Windes bisher nichts geworden. Zentimeter für Zentimeter erarbeiten wir uns mühsam den Weg nach Kegnaes . Nur der Glaube "Dadurch gewinnen wir Höhe!" lässt uns die schier unendlichen sechs Kilometer überleben. An der Westspitze der Halbinsel angekommen bin ich so porös, dass ich mir Gedanken mache, ob ich für die gut doppelt so lange Überfahrt überhaupt noch genug Kraft habe. Jörgs Befindlichkeit ähnelt meiner, während Trenk vor Kraft und Fitness strotzt. Er schafft es im Gegensatz zu uns, einmal die Woche aufs Wasser zu kommen. So ein konsequentes Training macht sich bezahlt.

Die Pause ist kurz, aber sie tut ihre Schuldigkeit in bezug auf die Wiederherstellung unserer Leistungs- und Leidensfähigkeit. Mit frischem Mut geht es Richtung Süden bis zur östlichen Gefahrentonne des Kegnaes-Flachs. Danach halten wir etwa 200 Grad. Unser Zielplatz ist nicht zu erkennen, aber unsere "Daumennavigation" funktioniert perfekt: Trotz des starken Versatzes durch den Wind müssen wir unseren Kurs erst ganz kurz vorm Ziel leicht anpassen. Auch die Rechnung mit dem "Höhe gewinnen" ging auf. Man kann zwar nicht von reinem Rückenwind reden, aber Gegenwind haben wir nicht mehr. Etwas anderes hätte ich auch nicht überlebt. Jörg vermutlich auch nicht. Während Jungspund Trenk frohgemut vorweg paddelt, als sei alles nicht der Rede wert, kriechen wir zwei Senioren müde hinterher. Aber auch wir kommen lebend und in einem Stück am Zielort an!


Das Ausziehen gestaltet sich noch einmal schwierig: Der Reißverschluss meiner Schwimmweste ist total vereist, so dass ich ihn nicht öffnen kann und auch Jörg benötigt Hilfe beim Verlassen seines zugefrorenen Trockenanzugs. Wir sind noch etwas kalt und ziemlich groggy - aber vor allem auch stolz, dass wir die Tour überhaupt geschafft haben - so vollkommen außerhalb der Saison auf dem Tiefststand unserer Fitness!

Mehr Fotos hier.

Samstag, 12. Februar 2011

Die neue Saison wirft ihre Schatten voraus...

In der letzten Zeit gab es viele Gründe, die mich gehindert haben, aufs Wasser zu kommen. Aber es stehen auch Unternehmungen in der Zukunft an, die es erfordern, dass ich schleunigst damit anfange, den sich bildenden Rost aus dem Gebälk zu bürsten.

Eigentlich wollte ich am Sonntag aufs Wasser gehen, aber ich habe mich vom Wetterbericht umstimmen lassen. Das war eine gute Maßnahme, denn der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint und die Luft ist knackig klar. Allerdings ist es deutlich unter null Grad und es geht ein frischer Wind. Nach Vorhersage hätte der aus Südost kommen sollen, so dass ich wenigstens für die Hintour Rückenwind hätte haben sollen. Aber er stellt sich hier als reiner Ostwind dar. Theoretisch also genau von querab, was aber faktisch Gegenwind bedeutet - und zwar auf Hin- und Rücktour!
Nun gut, ich will ja irgendwie auch gefordert werden, denn in einer guten Woche soll es auf die Nordsee gehen - wenn uns denn  das Wetter und die anderen Imponderabilien günstig gewogen sind. Bei meiner Abfahrt ist der feste Mittelteil des Steges satt unter Wasser. Der hohe Wasserstand wundert mich etwas, denn er ist auf keinen Fall im Gleichgewicht mit den Wetterbedingungen. Der eiskalte Wind ist trotz Fleecemütze unangenehm am Kopf. Hier wäre eine Kapuze Gold wert, aber an meinem Trockenanzug ist nun mal keine dran. Ich ziehe mir die Mütze weit über die Ohren und überlege, wie ich meinen Kopf bei einer längeren Tour besser schützen könnte.

Als ich nach einer dreiviertel Stunde Möltenort passieren, bin ich richtig schön eingepaddelt. Trotz nicht gerade günstiger Bedingungen fällt das Paddel wie von alleine abwechselnd auf beiden Seiten des Bootes ins Wasser und ich komme zügig voran.

Bei meiner Freundin, der Glockentonne, mache ich kehrt. Der Himmel ist ist immer noch strahlend blau, aber die Zirren bestätigen schon, dass meine Entscheidung heute zu fahren, richtig war. Ich bin mit meiner Kondition bis hierher ganz zufrieden, unerwartete acht Stundenkilometer habe ich hingelegt. Die Bewährungsprobe, wie nachhaltig ich dieses Tempo fahren kann,  wird aber der zweite Teil der Tour erbringen. Da die Rücktour gefühlt deutlich länger dauern wird, als die Hintour, verlege ich meine Pause wieder an den Strand von Möltenort. Obwohl die Sonne ziemlich kräftig scheint, wird mir recht schnell recht kalt, als ich am Strand sitzend meine Stullen verdrücke und den heißen Apfelsaft trinke. Als ich mich nach kurzer Zeit wieder ins Boot fädele, habe ich eiskalte Hände und es dauert eine ganze Weile, bis das Leben wieder in die letzte Fingerspitze zurückgekehrt ist.

Es ist zwar ausgesprochen still auf der Förde, aber immerhin sind schon die ersten Segler wieder unterwegs. Ein unerschrockener Windsurfer ist auf dem Wasser und die Wirtschaftskrise ist sichtbar überstanden. Es herrscht wieder Betrieb wie vor den deutlichen Einbruch und die Schiffe ragen nicht mehr so hoch aus dem Wasser. Irgendwann begegnet mir ein seltsames Gefährt - so etwas wie ein "Schiff ohne Unterleib". Es sieht aus wie ein ganz normaler  Frachter, hat aber keine Brücke. So als hätte das Geld am Ende nicht gereicht und man sich gegen dieses überflüssige Zubehör entschieden hat. Stattdessen müht sich am Heck ein Schlepper, dem unvollständigen Etwas einen Sinn zu geben.

Als ich am Steg anlege, ist der Wasserstand um einen guten halben Meter gefallen. Die Förde sucht immer noch ihr Gleichgewicht. Ich hatte es unterwegs schon deutlich gespürt und auch meine Reisezeit lässt keinen Zweifel aufkommen: Zwar geht ein Teil auf meine noch längst nicht optimale Verfassung zurück, aber ein Teil eben auch auf den deutlich spürbaren Gegenstrom. Aber Strom und Wind seien wie sie wollen, wenn ich in einer Woche auf die Nordsee will, muss das Wetter schon deutlich gnädig sein!