Samstag, 20. August 2011

Fördetour: Alsensund und -fjord

Die klassische Variante der Tour hätte uns heute zu den Ochseninseln gebracht. Aber da stand der Wind dagegen. Also Alsen!

 Der Morgen ist wunderschön und der Zeltplatz auch und das Frühstück sowieso. Und so brauchen wir wieder länger als gedacht, aber zum Glück nicht länger als nötig. Die Steine, über die wir unsere Boote ins Wasser tragen müssen, sind glitschig und wir müssen arg aufpassen, dass uns hier nicht vorzeitige das Ende der Tour ereilt. Zum Glück steht keine Welle auf unser Ufer, so dass das Einsteigen vollkommen problemlos ist.

Die Bucht Vemmingbund zu queren, dauert nicht lange. Hier kann man häufig Schweinswale sichten, aber die trauen sich nur raus, wenn das Wasser absolut glatt daliegt, nicht wenn es so bewegt ist, wie heute. Es ist wie mit den Sternschnuppen, die kommen auch nur nachts raus! Kurz vor Sonderburg ist eine kleine Wasserfläche mit vier roten Bojen markiert, innerhalb derer eine Schar Optimisten emsig hin- und herkreuzt. Wir wollen lässig außen an dem Areal vorbeifahren, um die Nachwuchssportler bei ihren Manövern nicht zu stören. Aber plötzlich entdeckt uns die Besatzung des Begleitbootes und es rauscht mit voller Fahrt auf uns zu. Die Segler üben den Start einer Regatta, bei der man ewig vor der Startlinie kreuzt, um sie dann genau zum vorher festgelegten Zeitpunkt - also möglichst nicht viel später aber auf keinen Fall früher - zu kreuzen. Wenn wir unseren Kurs und Geschwindigkeit so weiterfahren, paddeln wir exakt zum Startzeitpunkt exakt vor ihrer Startlinie! Wir ändern sofort großzügig unseren Kurs und alles geht gut!

Die Silhoutte von Sonderburg ist sehr abwechlungsreich: Alte Lagerhäuser mit zugewachsenen Dachrinnen wechseln sich ab mit modernen Wohnanlagen direkt am Wasser, traditionelle Handelshäuser der Innenstand mit der futuristischen Architektur der neuen Universität. Man kann die zwei Welten förmlich spüren: das alte fischig verträumte Königreich und den modernen erfolgreichen Staat Dänemark. Vorbei am mondänen deutschen Ruderklub und dem quirligen dänischen Kajakklub schippern wir gemütlich den Alsensund hoch bis zum Rastplatz Arnkil, der im zweiten schleswig-holsteinischen Krieg Schauplatz geschichtsträchtiger Vorgänge war. Hier wollen wir die Nacht verbringen und da eh eine ausführliche Pause fällig ist, bauen wir unsere Zelte schon mal auf.

Da der Tag noch jung ist, wollen wir natürlich noch etwas paddeln und versuchen, ob wir Dyvik, eine schöne Noorlandschaft im Norden des Alsenfjord, erreichen. Auf dem Weg dorthin müssen wir die Route einer Fähre kreuzen, die einmal alle halbe Stunde vom europäischen Kontinent zur Insel Alsen verkehrt. Natürlich ist unser Timing genau so, dass wir exakt mit der Fähre kollidieren würden - wenn wir nicht die Klügeren spielen und warten würden. Bei der Querung des Fjordes haben wir den immer noch erklecklichen Wind von hinten und können sogar ein bißchen surfen üben.

Wir sind schon eine erkleckliche Weile unterwegs und haben allerhand Kilometer zusammengepaddelt und zum Zeltplatz müssen wir auch noch wieder zurück. Ich möchte meine Mitpaddler nicht überbeanspruchen und biete an, am Eingang der Dyvik umzukehren. Birke nimmt dieses Angebot dankend an, aber Karen hat versprochen, dass man ein einiger Entfernung ein Eis essen kann und das wollen sich die anderen nicht entgehen lassen.

Die gesamte Rückfahrt über begeitet uns ein Segelboot, das einen Hauch schneller fährt als wir. Erst als wir in den Alsensund einbiegen, können wir es überholen, weil es wegen des Windes und seines Tiefganges einen erheblich ungünstigeren Weg fahren muss. Als wir an unserem Übernachtungsplatz ankommen, hat Birke einen neuen Rekord aufgestellt: Wir sind heute insgesamt fast 40 Kilometer weit  gefahren! Das ist eine beachtliche Tagesleistung!

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Freitag, 19. August 2011

Fördetour: Grenzüberschreitung

Ein Anruf um die Mittagszeit signalisiert Bedenken: Da ist viel Wind auf dem Wasser, das wir zu queren gedenken. Es stimmt, aber erstens soll der Wind gegen Abend nachlassen und zweitens ist es nicht dergestalt, dass man sich die Situation nicht vor Ort ansehen sollte und drittens haben wir Alternativen.

Als ich mit Birke in Habernis ankomme, haben Trenk-Ick-bin-all-dor und sein Sohn Ron ihre Boote bereits abgeladen. Die Förde ist voller weißer Schaumkronen - aber die beiden hegen keine Zweifel, dass sie da raus wollen. Ich möchte die Nachfolgenden nicht unter Druck setzen und lasse unsere Boote vorerst auf dem Autodach. Ehrlich gesagt, sind da ziemliche Schaumkronen und es sieht wirklich bedrohlich aus, wenn die Sonne zwischen den Wolken hervorbricht und die Kämme so richtig zum Leuchten bringt. Eigentlich möchte ich schon, dass wir alle zusammen mit dem Boot auf die andere Fördeseite fahren und nicht mit dem Auto. So hoffe ich, dass die anderen noch so lange brauchen, bis sich der Wind tatsächlich etwas gelegt hat oder dass zumindest nicht gerade die Sonne scheint, wenn wir die Situation gemeinsam begutachten.

Und so ist es dann auch: Als Karen, Britta und Klaus-Peter eintreffen, ist es durchgehend bewölkt und es scheint sogar ein kleines bisschen weniger zu wehen. Ich gebe kurz meine Einschätzung wieder: "Es wird spritzen. Ich bin überzeugt, dass es innerhalb eurer Möglichkeiten liegt, aber ich will euch nicht überreden, ihr müsst es wollen." Dann stelle ich die Alternativen dar, wie wir das Wochenende auch verbringen könnten. Nach kurzer Betrachtung der Umstände kommt die Einschätzung: "Ja, das wird spritzen!" Wir brauchen etwas länger als geschätzt für das Packen der Ausrüstung. Aber wir sind erfreulich früh losgekommen, so dass wir noch viel vom Tag haben werden. Fast Punkt sieben Uhr schwimmen wir im vollkommen glatten Wasser vor der Au von Habernis.

Das mit dem glatten Wasser gibt sich nach wenigen hundert Metern, als der Windschutz der Steilküste nachlässt. Es fängt leidlich an zu spritzen, die Wellen werden höher. Es weht ein strammer Fünf-bis-Sechser-Wind genau aus West, unser Ziel liegt im Norden, und  wunderbarer Weise fahren alle einen Vorhaltewinkel, der die Abdrift mehr als kompensiert. Nach kurzer Zeit kommt die Sonne heraus und taucht alles in ein goldenes Gegenlicht. Mit zunehmender Entfernung vom Ufer werden die Wellen immer höher, so dass die Boote der anderen nur noch zu sehen sind, wenn sie die Kämme überqueren. Hin und wieder klatschen uns die brechenden Spitzen gegen die Brust. Ich muss mittlerweile darauf achten, dass mir der Rest der Bande nicht allzu stark nach Westen in den Wind dreht, um keinen unnötigen Umweg zu fahren. Sonst habe ich eher das Problem, eine immer auf das Ziel fixierte Gruppe von meinem Vorhaltewinkel zu überzeugen. Die beeindruckenden Wellen, die bei direktem Anvisieren unseres Ziels genau von querab kämen, lassen die Gruppe deutlich "zur sicheren Seite" tendieren, also mit dem Bug in die Wellen. Aber nach anfänglicher "Konzentriertheit" macht sich zunehmend Entspanntheit breit. Als wir schließlich in die Abdeckung von Broager kommen, zückt Karen sogar ihren Fotoapparat: Ein sicheres Zeichen von Souveränität!

Der Treppenbaum des "Overnattningsplats" bleibt  wohl eine schöne Erinnerung - aber ich habe ja extra meinen Wurfsack mit dem langen Seil mitgenommen, so dass wir diesmal für den steilen Anstieg sogar ein Geländer haben. Oben lagern bereits drei Wanderer, die das Wochenende den Gendarmenstig entlangwandern. Die Schauer des Nachmittages sind Geschichte und wir lassen den Tag  gemütlich am Tisch sitzend ausklingen. Irgendwann kriecht der Mond gelb und unrund hinter dem Horizont hervor.

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Sonntag, 5. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS - Sonntag (4/4)

Das Problem an Hooge ist das Niedrigwasser. Wenn man es nicht liebt, hüfttief durch schleimigen Schlick zu waten, besteht keine Möglichkeit, den Hafen nahe Niedrigwasser anzulaufen oder zu verlassen. Unser erster Ansatz, drei Stunden nach Niedrigwasser loszufahren, hatte den Nachteil, dass wir erst sehr spät zu Hause sein würden. Deshalb haben wir gestern abend noch einmal drüber nachgedacht und einen Ansatz gewählt, der abermals ein frühes Aufstehen beinhaltete: Drei Stunden vor  Niedrigwasser los nach Hilligenlei, dort auf den Tidenkipp warten und dann zurück nach Schlüttsiel. Das hatte den unleugbaren Vorteil, dass wir etliche Stunden sparen würden - zum Preis einer kurzen Nacht. Da ab fünf Uhr morgens aber eh die Schar der gefiederten Krachmacher emsig ihrem Gewerbe nachgeht, muss man sich sowieso meist Mühe geben, deutlich länger zu schlafen. Also früh aufstehen und früh ankommen!

Drei Stunden vor Niedrigwasser ist ein guter Kompromiss, was das Einsetzen der Boote angeht. Aber um diese Zeit geht natürlich der volle Strom durch die Süderaue quer zu unserem beabsichtigten Kurs. Wir sind gespannt, wie gut wir damit umgehen können, oder ob es uns an Langeness vorbei Richtung Amrum spült. Ich ziehe wieder mein GPS zu Rate und gebe Hilligenlei als Ziel an. Der Vorhaltewinkel ist mit 30 Grad überraschend moderat, aber die Überprüfung der Peilung bestätigt diese Vorgabe. Es dauert nicht einmal eine Dreiviertelstunde, bis wir nur einige hundert Meter vor unserem Ziel die Boote verlassen müssen, weil das Wasser zu flach ist. Trenk schafft es noch, sein Boot durch simples Ziehen auf die andere Seite der Sandbank zu bringen, aber der Boden bei Jörgs und meinem Boot ist runder und nicht so flach, so dass wir letztlich meinen Bootswagen bemühen, um die kurze Strecke zu bewältigen. Direkt neben dem Anleger in Hilligenley lassen wir unsere Boote auf dem Sand liegen.

Eigentlich hätten wir hier gute zwei Stunden Pause machen können, aber wir sind nach einer knappen Stunde mehr als ausgeruht und aufgefrischt genug und ungeduldig, weiter zu fahren. So paddeln wir die erste Stunde im Langenessfahrwasser noch gegen den Strom, aber dafür durchqueren wir das Wattenmeer auch mal bei totalem Niedrigwasser, was sonst eher selten passiert. Wir haben des öfteren Grundberührung und ziehen eine gehörige Heckwelle hinter uns her, aber ein Kajak ist ein verdammt gut geeignetes Fahrzeug, dieses Labyrinth aus Fahrrinnen und Flachstellen zu befahren. So kommen wir unerwartet früh in Schlüttsiel an - zu früh, denn es besteht nicht die geringste Möglichkeit, die Boote verlassen zu können. So dümpeln wir noch zwanzig Minuten im Hafen herum, bevor wir nahe genug an den kleinen Steg der Segelboote herankommen, um uns aus den Booten zu schlängeln.

Auch wenn die Witterung keine Notwendigkeit erzwungen hat, die Tour war eine gute Gelegenheit, Umgang und Segen eines GPS-Gerätes hautnah zu praktizieren und zu erfahren. Unterm Strich muss ich sagen: eine lohnende Anschaffung, die viele neue Möglichkeiten erschließt. Aber natürlich nimmt einem so ein Gerät nicht die Verantwortung ab, sich mit den Gegebenheiten so vertraut zu machen, dass man mit ihnen auch ohne so ein Gerät umgehen kann. Erst wenn man sich darüber sicher ist, kann ein GPS-Gerät seinen vollen Nutzen entfalten.

Samstag, 4. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS - Samstag (3/4)

Für die Umrundung von Amrum finden wir irgendwie nicht den richtigen Dreh. Stattdessen ist Außensand für heute angesagt. Leider ist dafür wieder frühes Aufstehen notwendig, um gut aus dem Hafen zu kommen. Es ist heute deutlich wärmer und wir kleiden uns entsprechend. An der Spitze von Jappsand ist natürlich die obligate Pause fällig, bei der sich Trenk Erleichterung verschafft. Wind weht kaum, vor allen wieder nicht aus der versprochenen östlichen Richtung, es geht eine leichte nördliche Brise.

Außerhalb der Sände spürt man die Weite des Meeres - ringsherum nur Himmel, Wasser und Sand. Das Paddeln geht sehr gemütlich vonstatten, die Strömung schiebt, der Wind ist kaum spürbar, die Sonne scheint. Nicht lange - und Jörg muss sich seine Schwimmweste ausziehen. Bei der Akrobatik geht ihm leider sein Hut verloren und er fleht jämmerlich um Hilfe. Einen ganzen Tag ohne Hut auf der Nordsee, wo es nicht mal die Idee eines Schattens gibt, ist keine erbauliche Aussicht. Zwar führe ich eine Ersatzkappe im Cockpit mit mir, aber so ein Ausrüstungsstück einfach dreingeben ist nicht meine Art. Ich eile zum verzeifelt rückwärts paddelnden Jörg, um das dunkle Wasser der offenen Nordsee nach nach seiner dunklen Mütze abzusuchen. Ich rechne mir keine großen Erfolgsaussichten aus, aber als ich an Jörg vorbeifahre, sehe ich,  dass sein gutes Stück lediglich auf das Heck seines Bootes gefallen ist. Noch mal Glück gehabt!

Wir fahren relativ weit draußen, denn in der Nähe des Rummelloches zwischen Norder- und Süderoogsand reichen die Sandbänke extrem weit hinaus. Es ist etwa viertel nach neun, als wir die Ruine der Kirche von Pellworm genau querab haben. Eigentlich wollten wir durchs Loch hindurch wieder zurück fahren, aber wir haben noch nicht im Geringsten das Gefühl, genug für den Tag getan zu haben. Also nehmen wir den Süderoogsand, dessen Rettungsbake wir schon sehen, auch noch mit in unsere Pläne auf. Als wir das Ende des südlichen Sandes passieren, läuft das Wasser bereits wieder in die Norderhever hinein. Wir beobachten ein faszinierendes Farbenspiel des Wassers: hier ist es braun und trüb, ein paar Meter weiter transparent und türkis, ganz hinten blau und massiv. Wir brauchen uns kaum anzustrengen, denn die Strömung geht flott und östlich von Süderoog, wo wir nach Norden abbiegen müssen, ist in diesem Moment eh kein Wasser, so dass wir alle Zeit der Welt haben.

Als wir mit dem Kirchturm von Pellworm genau im Norden auf dem Sand auflaufen, ist der Wind vollkommen eingeschlafen. Das passt gut, denn ab hier wollen wir Richtung Norden, wo der Wind ja bislang herkam - allerdings erst, wenn wir wieder Wasser unter dem Kiel haben. Die ersten Minuten verbringen wir mit einer regulären Pause, in der wir uns stärken und erfrischen. Dann diskutieren wir, wo denn das Wasser wohl am ehesten durchbricht. Und schließlich treideln wir unsere Boote im Schneckentempo nach Norden, dem langsam aber unaufhörlich vordringenden Wasser folgend. Fast anderthalb Stunden verbringen wir auf diese Weise, was auf meinen Waden eine eindrückliche Wirkung hinterlässt: Dadurch, dass wir ständig nach Norden blicken, brennt die Sonne ungehemmt auf das freie Stück Haut zwischen Neostiefeln und Neohose, das ich natürlich auch nicht eingechremt habe, weil sich dieser Teil meines Körper normalerweise innerhalb des Cockpits aufhält!

Als sich die Wassermassen zwischen Süderoog und Pellworm schließlich wieder vereinen, kommt auch der Wind zurück - nur ganz leise und ohne wirklich zu stören. Aber mit unserem Weg nach Norden meint er wohl, beständig stärker werden und dem Missstand entgegen wirken zu müssen, dass wir heute noch nicht wirklich etwas geleistet haben. Zusätzlich muss Trenk etwas gestochen haben, so dass er mit einem Tempo gegen den schließlich mit fünf Beaufort blasenden Wind anfährt, dass im Hafen von Hooge angekommen, von "eigentlich nichts getan" keine Rede mehr sein kann.

Wir genießen den mittlerweile wieder bis auf unsere drei Zelte vollkommen leeren Platz und den Lohn des frühen Aufstehens: Man hat noch soviel Muße, den späten Nachmittag zu genießen, dass man alle Pflichten in Ruhe erledigen kann, und sogar die mitgebrachten Bücher ihren Segen entfalten können. Und was ist ein Paddelwochenende ohne Gestängebruch! Da weder Wind noch Flaute meine Zeltstangen bisher beeindrucken konnten, werfe ich mich mit viel Ungeschick auf den herunterhängenden Stoff meines Zelteinganges und erledige so diesen Pflichtpunkt einer derartigen Tour! Geübt im Akzeptieren derartiger Widernisse, hält sich das Ausmaß meiner Flüche auch im Rahmen. Meine krebsroten Waden leuchten bis in die Nacht hinein.

Freitag, 3. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS - Freitag (2/4)

Wir wollen heute  zum Wrack der Pallas fahren. Das liegt gute zehn Kilometer vor den Außensänden im freien Wasser und außer Trenk hat es noch keiner von uns besucht. Wir rechnen mit drei Stunden Fahrt und wollen grob bei Niedrigwasser dort sein. Dazu hätten wir um halb sechs aufstehen müssen, aber wir genehmigen uns eine Stunde Aufschub, denn wir sind auf Erholung hier. Zwei Stunden vor Niedrigwasser ist es gerade noch möglich, den Hafen von Hooge zu verlassen, aber man schrammt schon über die Steine am Grunde der Zufahrt. Ist man erst einmal im Fahrwasser, ist der Jappsand auch schnell erreicht. Trenk nutzt diese Gelegenheit, dem Drang des vielen eingefüllten Tees nach Freiheit nachzugeben.

Der Wetterbericht hat Nord- bis Nordostwind versprochen, aber bei der Himmelsrichtung müssen die vergrabenen Dinge im Schlüttsieler Hafen mitgewirkt haben: Was da weht, ist West! Zusammen mit der Strömung müssen wir das in den Vorhaltewinkel für unsere Navigation einbeziehen. Das ist die eigentliche Premiere für mein GPS! Gestern Abend habe ich die Koordinaten der Pallas eingegeben und lasse mir nun anzeigen, in welche Richtung wir fahren müssen, um sie zu erreichen. Total einfach so etwas: Einfach nur dem Pfeil auf der Anzeige folgen! Aber ich will ja auch ein Gefühl dafür entwickeln, wie ich ohne dieses Gerät fahren würde. Daher suche ich angestrengt den Horizont nach einer Erscheinung ab, die man als Wrack werten könnte. Nix zu sehen. Ich weiß, dass wir nach Süden versetzt werden, also wird mein GPS uns etwas nach Norden weisen, damit wir nicht am Ziel vorbeifahren. Ich suche den Horizont also etwas südlich der angewiesenen Richtung ab. Nix zu sehen.

Nach erklecklicher Zeit fragt Jörg mich nach einer Erscheinung in weiter Ferne, die ungefähr 45 Grad südlich unseres Kurses liegt. "Könnte ein Frachter sein.", sage ich. "Und wenn das die Pallas ist?" "Dann gebe ich mein GPS zurück!". Wir fahren weiter in die durch den Pfeil vorgegebene Richtung. Je länger die Zeit fortschreitet, desto mehr muss ich zugeben, dass der Frachter die Pallas sein muss. Die Tatsache, dass die Erscheinung so weit von dem vom GPS vorgeschlagenen Kurs weg liegt, stürzt mich in erhebliche Zweifel. Ich überlege, ob ich mich beim Eintippen der Koordinaten vertan habe, oder ob wir vielleicht ein anderes Wrack genommen haben. Aber keine der Theorien kann mich so überzeugen, dass sich eine innere Gewissheit wohlig breit macht. Es kostet mich einige Disziplin, weiter dem Pfeil zu folgen, intuitiv würde ich viel weiter nach Süden halten. Aber nachdem sich die Peilung über eine halbe Stunde nicht merklich geändert hat, muss ich die Realitäten anerkennen: Wir haben einen mächtigen Strom nach Süden und mein GPS rechnet nicht intuitiv sondern gehorcht unsentimentalen Algorithmen.

Als wir nur noch wenige Kilometer vom Ziel entfernt sind, kann Trenk sich nicht mehr gegen seine Intuition wehren und fährt einen deutlich direkteren Kurs. Obwohl es hier draußen nicht den geringsten Anhaltspunkt für die Strömung gibt, können Jörg und ich bald erkennen, dass unser junger Freund bald Probleme bekommen wird, wenn er unser Ziel nicht verfehlen will.Er selbst merkt es auch irgendwann und muss sich dann mächtig anstrengen, die verlorene Höhe wieder zu gewinnen. Am Wrack angekommen, bin ich beeindruckt, wie geradlinig unsere Spur vom Jappsand bis hierher war: mit rein manueller Navigation wäre ich eine erheblich ungünstigere Kurve gefahren!

Wir legen uns in den Windschatten hinter das Wrack, wo sich ein Kehrwasser bildet und relative Ruhe beschert. Trenk verhilft einer weiteren Portion Tee in die Freiheit, aber wirkliche Gemütlichkeit will nicht aufkommen. Es schwallt und strömt ständig um das Wrack herum und hinter uns macht es unheimliche Geräusche, so dass wir es nach einer kurzen Stärkung bald wieder verlassen.

Um dem Tag einen angemessenen Inhalt zu geben, hatten wir geplant, auf dem Rückweg noch Amrum zu umrunden. Wir fahren erst einmal genau nach Norden, denn damit sollten wir gut an der Insel vorbei kommen. Es wird aber bald offensichtlich, dass wir kaum etwas gut machen gegen Amrum, so dass ich mein mittlerweile ausgeschaltetes GPS wieder bemühe, um die konkrete Abdrift zu ermitteln. Danach müssten wir etwa 330 Grad fahren, würden gegen Strom und Wind nur etwa fünf Stundenkilometer machen und wir hätten keine Zeit mehr für die angedachte Pause auf dem Kniepsand. Wir rufen uns kurz in Erinnerung, dass wir zur Erholung hier sind und belassen den Kurs bei Null Grad, womit wir aber faktisch auf den Leuchtturm von Amrum zusteuern. So können wir dort an den Strand gehen, eine ausgiebige Pause machen und haben eine stressfreie Fahrt zurück nach Hooge.

Auf der Überfahrt von Amrum nach Hooge sichten wir in einiger Entfernung eine recht große Gruppe von Paddlern. Sie sind deutlich vor uns, fahren aber auch deutlich langsamer - oder korrekter Weise sollte ich sagen, wir fahren deutlich schneller. Als wir in den Segelhafen einlaufen, ist fast Hochwasser und wir können bequem an einem schimpfenden Austernfischer vorbei zu unseren Zelten gelangen. Die Gruppe um Thomas Driller, die wir überholt haben, trifft auch bald ein und dann noch mehrere andere Grüppchen, bis schließlich 16 Zelte auf der Wiese stehen. Heute ist der obligate Verzehr des Lammfilets im Friesenpesel als Abendprogramm angesetzt. Nach unserer Rückkehr versammeln sich alle Paddler auf der Deichkrone, um den beeindruckenden Sonnenuntergang zu würdigen.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS (1/4)

"Mein Norden liegt im Süden. Und deins?" Ein Blick auf meinen Kompass ergibt ein "Südwest!". Jörgs Kompass zeigt mit Osten noch die geringste Abweichung, aber auch die ist inakzeptabel, wenn wir auch nur irgendwo verlässlich ankommen wollen. Offensichtlich hat man um Hafen von Schlüttsiel irgend etwas im Untergrund verbuddelt, das unsere magnetischen Wegweiser aus dem Gleichgewicht bringt. Wir sind zuversichtlich, dass sie uns auf dem Wasser verlässlich führen werden.

Nachdem wir die gesamte letzte Woche die Wettervorhersage gespannt verfolgt haben, mussten wir einsehen, dass eine stabile Wetterlage mit wenig Wind anders aussieht. Das Projekt "Helgoland" muss sich damit in die Warteschlange einreihen. Wir werden unsere Zeit an diesem verlängerten Wochenende auch so genussvoll zu nutzen wissen.

Es ist Himmelfahrtstag und gutes Wetter. Zudem liegt der Termin für dieses lange Wochenende extrem spät im Jahr, so dass das Wasser bereits vergleichsweise warm ist. Unsere Befürchtung ist, dass diese für Paddler glückliche Kombination der Umstände dazu führt, dass die Zeltwiese auf Hooge, die wir uns als Ziel ausgesucht haben, überfüllt sein könnte. Wir hatten solche Befürchtungen schon für den Parkplatz in Schlüttsiel gehegt, aber die haben sich erfreulicherweise nicht bestätigt. Wir werden uns nach den Gegebenheiten vor Ort spontan entscheiden, unsere Pläne anzupassen.

Ich fahre nun schon seit anderthalb Jahrzehnten mit meinem Boot auf Tour. Ich bin in vielem sehr gut, in manchem fast professionell, aber in einem bin ich auf dem Niveau eines Anfängers stehen geblieben: Wenn es darum geht zu entscheiden, was alles absolut notwendig ist, auf so eine Tour mitgenommen zu werden, schleppe ich Unmengen von Ballast mit mir herum, weil ich mich nicht durchringen kann, meine Sandalen zu Hause zu lassen, wenn ich schon meine Halbschuhe eingepackt habe. Insbesondere beim Essen treibt mich im Vorfeld immer die Panik um, ich könnte bei so einer Unternehmung verhungern. Da nehme ich dann doch lieber vier Joghurts mit, auch wenn die Tour nur drei Gelegenheiten zum Frühstück bietet, zwei Gläser Marmelade, weil ich gerne zwischen Kirsch und Erdbeer wählen können möchte, oder einen Liter Milch, von dem ich dreiviertel am zweiten Tag wegschütte, weil er sauer geworden ist. Diese Tour ist einen guten Tag länger als eine normale Wochenendtour, also nehme ich sicherheitshalber doppelt so viel Proviant mit. Ein seelischer Defekt, der seine Wurzel vermutlich in den Erzählungen meiner Eltern von Hunger und Entbehrungen im Krieg hat. Begünstigt wird dieses Übel noch durch die Tatsache, dass mein Boot für alles Platz bietet und ich mich nicht bescheiden muss.


Auf dieser Tour soll mein neues GPS-Gerät seinen ersten, ernsthaften Einsatz erfahren. Da wir heute nicht Helgoland ansteuern wollen sondern nur Hooge, kann man selbst ohne Kompass nach Sicht fahren - wenn man Nordstrandischmoor, Hamburger Hallig und Habel in die richtige Reihenfolge gebracht hat! Trotzdem ist es eine gute Übung mit dem Gerät umzugehen und zu sehen, wie mit zunehmender Zeit die Stromunterstützung immer deutlicher wird. Nachdem wir östlich um Gröde herum sind und uns nach Westen wenden, fahren wir fast ständig mit zehn Stundenkilometern. Als wir in den noch gut gefüllten Segelhafen von Hooge einlaufen, sind wir zwar etwas baff aber doch erfreut, dass die Zeltwiese komplett leer ist. Nach einigen Diskussionen, wer denn den besten Platz belegen darf, haben wir unsere Zelte gleichmäßig über das Areal verteilt. Am späteren Nachmittag trudeln noch drei sehr angenehme Holländer ein, die allesamt den gleichen, alten Bootstyp fahren: einen P&H Baidarka Explorer.

Sonntag, 22. Mai 2011

"Heute wird es schön...

... aber morgen wird's ungemütlich!" So lautete gestern die Schlagzeile der Kieler Nachrichten. "Morgen" ist also heute und wir sind gespannt, was da so auf uns zukommt. Für eine Fahrt zum Leuchtturm stehen die Zeichen nicht günstig, denn es soll Gewitter geben und Böen mit sieben bis acht Beaufort. Gestern wäre ganz klar die bessere Wahl gewesen - ging aber nicht.
Zu Beginn herrschte eitel Sonnenschein

Wie immer stellt sich die Frage nach der Kleidung, weil es bei der Abfahrt zwar mollig warm ist, die Aussicht auf Gewitterschauer aber damit konkurriert. Wir entschließen uns für leichte Kleidung, führen aber Paddeljacke und Südwester griffbereit mit (auch ich habe ihn diesmal dabei!). Ein kaum spürbarer Südwind unterstützt uns auf dem Weg nach Norden, so dass wir beständig über acht Stundenkilometer fahren, wie mir mein GPS mitteilt. Ich lasse es die ganze Zeit mitlaufen, merke aber erst hinterher, dass ich das Aufzeichnen des Tracks nicht eingeschaltet habe. Das lag schlicht daran, dass ich die kleine Schrift auf dem Gerät nicht lesen konnte und die beiden Optionen "An" und "Aus" verwechselt habe. Ich muss auf lange Sicht mal sehen, wie ich mir eine Brille an die Schwimmweste binden kann. Zum Glück ist Jörg kurzsichtig und ich bin weitsichtig, so dass wir uns im Ernstfall, sollten wir beide unserer Brillen verlustig gehen, gegenseitig helfen könnten. So ist das, wenn Greise aufs Wasser gehen!

Ankunft in Bülk
Vor Bülk machen wir eine ausgiebige Pause, bleiben aber im Boot. Während wir unseren Proviant verputzen, treiben wir langsam auf den mit Anglern besetzten Molenkopf zu. Ich wundere mich, dass wir nicht angepfiffen werden, aber wir machen uns schließlich freiwillig aus dem Staube.

Als wir unsere Rücktour antreten, sind wir noch guter Hoffnung, dass wir es vielleicht komplett im Trockenen zurück schaffen könnten. Es ist lediglich eine einzige Kummuluswolke zu sehen, und die sieht noch nicht sehr bedrohlich aus. Als wir in der Strander Bucht eine Segelyacht überholen, auf der ein Regattaschiedsgericht postiert ist, machen sie uns drauf aufmerksam, dass "Schietwetter aufzieht". Es ist nun nicht mehr zu übersehen, dass sich hinter Schilksee etwas zusammenbraut. Der Wind hat auch deutlich aufgefrischt. Aber es ist noch nicht akut. Ich beobachte die Szenerie die ganze Zeit und muss erkennen, dass es sich - natürlich wie immer - schneller entwickelt, als man glauben will. Da wir recht weit draußen fahren und ich weiß, dass Gewitterböen, wenn sie denn einmal kommen, heftig sind, ändere ich meinen Kurs, um schneller dicht unter Land zu kommen.
Das Wasser kocht!

In unmittelbarer Nähe zum Strand kramen wir unsere Paddeljacken und Südwester raus. Wir haben sie gerade auf, da setzt auch schon heftigster Gewitterregen ein mit böigem Wind aus einer um 180 Grad geänderten Richtung. Es grummelt auch schon, aber wir wollen, solange es geht, noch weiterfahren. Hier gibt es absolut keine Möglichkeit, sich unterzustellen. In ein paar hundert Metern ist eine Segelschule, dort könnten wir mehr Glück haben. Während wir im komfortablen Schutz des Steilufers durch den fulminanten Regen paddeln, beobachtet Jörg eine Jolle, die von einer Bö jäh umgerissen wird. Die beiden Segler schwimmen im Wasser Richtung Ufer. Sie könnten es leicht schaffen, aber sie versuchen, ihre Jolle zu ziehen und gegen die heftigen Böen haben sie nicht den Hauch einer Chance. Als ich sehe, dass sie mit der Jolle rausgetrieben werden, fahre ich hin. Das Wasser ist immer noch zu kalt, um hier lange Spierenzchen zu machen. Die beiden wollen ihre Jolle aber nicht aufgeben und bitten mich, ihnen beim Ziehen zu helfen. So schleppen wir unerwarteter Weise ein Segelboot hinter uns her und ich ärgere mich, dass ich mein erstklassiges Schleppgeschirr zu Hause gelassen habe und stattdessen mit einer zweitklassigen Gummileine von Jörg agieren muss!
Da hinten war eben noch Schilksee!

Nach der Front klart die Sicht in wenigen Minuten auf und der Wind legt sich wieder. Den Rest der Strecke legen wir wieder bei bestem Wetter zurück. Die schöne Tour wird mit einem Stück Kuchen und Kaffee bzw. Kakao im Pennekamp gemütlich beendet. Erst als ich mit dem Fahrrad nach Hause fahre, werde ich von einem ausgedehnten Wolkenbruch geduscht.