Sonntag, 28. Mai 2023

Entspannen zu Pfingsten

Bei meiner letzten Tour habe ich bedauert, nicht mehr Zeit gehabt zu haben, auf dem Flach am Nordende von Ärö die vielen dort lebenden Vögel zu beobachten. Das muss nachgeholt werden! Das Pfingstwochenende bietet eine geeignete Plattform dafür.

Um ja keinen Stress aufkommen zu lassen, will ich erst Samstag losfahren und bereits am Sonntag wieder zurückkommen. So entgehe ich elegant allen verkehrstechnischen Ballungen der Massen. Außerdem kann ich dann Marie-Theres am Samstag Morgen noch zu Bahnhof bringen, denn sie ist zu einem Mädelswochenende unterwegs. So kann ich quasi en passant mein Boot am Klub aufladen und mich der Entspannung hingeben.

Das erste Problem, dem ich mich stellen muss, ist die Tatsache, dass ich zwar alles Gepäck dabei - aber den Dachgepäckträger vergessen habe😐. So ist ein erster kleiner Umweg über den heimischen Carport fällig, um dieses kleine Missgeschick zu heilen. Als Ausgleich treffe ich am Klub dann jede Menge Vereinskameraden, die das Wochenende ebenfalls zum Paddeln nutzen wollen. Jens und Johanna wollen sogar wie ich von Alsen nach Ärö fahren. Ich gebe ihnen noch einen Tipp, wo sie günstig ihr Auto abstellen können. Das hat den weiteren Vorteil, dass wir uns dann dort treffen und sie mir beim Abladen des Bootes helfen können.

Das zweite Problem besteht darin, dass ich durch die Verzögerung exakt den Moment getroffen habe, zu dem die Stena Line hunderte von klitzekleinen LKW aus ihrem riesengroßen Bauch entlässt, damit sie die Kieler Innenstadt bis zur Autobahn verstopfen. Die Entspannung will noch nicht richtig einsetzen. Aber immerhin kenne ich mich hier aus, so dass ich nicht darauf angewiesen bin, mich ganz hinten in die Schlange einzureihen, sondern sie weitgehend umfahren kann.

Das dritte Problem hängt vermutlich auch mit meiner verspäteten und dann nochmals verzögerten Abfahrt zusammen: Die heutige Welle des Pfingstreiseverkehrs hat sich von Süden her bis vor die Rader Hochbrücke bei Rendsburg gearbeitet. Hätten die nicht alle gestern fahren können? So hole ich Jens und Johanna jedenfalls nicht ein.

Als ich etwa um halb zwölf an dem ausgemachten Parkplatz ankomme, ist von meinem Abladeteam jedenfalls nichts zu sehen. Entweder sind die längst durch, oder sie haben sich doch für eine andere Variante als Startpunkt entschieden. Abladen eines Seekajaks vom Autodach ist solo zum Glück gar nicht so schwer, wie ich es in Erinnerung hatte.

Wind geht eher keiner Und weit ist es zu meinem Ziel auch nicht - mein GPS ruft 11,6km für die reine Querung bis zur Nordspitze von Ärö auf. Das sollte in weniger aus zwei Stunden zu schaffen sein. Tatsächlich ist die Sache nach 1:35h erledigt. Zu meiner eigenen Überraschung bin ich im Schnitt mit 7,8 km/h unterwegs - und das mit vollbeladenem Boot! Das ist natürlich den optimalen Bedingungen geschuldet - Flaute und angenehme Temperaturen. Und vielleicht auch ein bisschen der Tatsache, dass ich weiß, dass ich heute insgesamt nur gut ein Dutzend Kilometer paddeln werde (es waren am Ende 13,4). Da muss man nicht übermäßig auf Nachhaltigkeit achten - ist ja quasi ne Sprintstrecke 😏. 

Am Geschwindigkeitsdiagramm sieht man, dass ich immer eine gute dreiviertel Stunde benötige, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Die Steigerung der Geschwindigkeit lag jedenfalls nicht an immer günstiger werdenden Strömungs- und Windbedingungen.

Ich halte ständig Ausschau, ob Jens und Johanna vielleicht doch irgendwo noch zu erblicken sind. Sie könnten von Mommark aus gefahren sein oder von Fynshav. Aber in beide Richtungen ist bis zum Horizont nichts zu sehen.

Mit dem Flach hinter der Nordspitze von Ärö habe ich wie geplant meinen Zielpunkt für heute erreicht - der Rest des Tages ist der Erholung gewidmet. Ich wähle meinen Platz für die Nacht diesmal direkt unter dem Hang zum Golfplatz. Dort hat man potentiell die bessere Aussicht. Allerdings ziehe ich später doch wieder um - hinter den Rosenbusch, weil es dort deutlich weniger Mücken gibt. Es ist nicht wirklich warm - vielleicht 16 Grad - aber es weht kein wirklicher Wind und die Sonne scheint ungetrübt vom Himmel. Daher widme ich mich etwas der Vitamin-D-Produktion, habe aber immer ein Auge darauf, keinen Sonnenbrand zu bekommen. 

Als ich irgendwann aus dem Gras hochkomme, sehe ich Jens und Johanna in einiger Entfernung vorbeifahren - zu weit, um noch Kontakt aufnehmen zu können. Sie sind tatsächlich nach Fynshav gefahren und dort noch einigen Geschäften nachgegangen, wie Geld tauschen und - das andere habe ich vergessen.

Neben der allgemeinen Abschaltung ist mein Hauptauftrag, die Vögel hier zu beobachten. Dafür habe ich extra mein Fernglas und meine Lumix DMC FZ1000 mitgenommen. Ich mache mehrere Erkundungstouren durch das Gelände. Die meisten Vögel positionieren sich leider nicht so, dass beeindruckende Fotos möglich wären. Einige sind auch schlicht zu schnell, dass ich sie einfangen könnte - wie der Baumfalke, der immer mal wieder über mich hinweg fliegt . Es sind Mehl- und Rauchschwalben hier, was ungewöhnlich ist, denn normalerweise trifft man in einem Revier nur auf eine dieser Arten. Ein Seeadler wird penetrant von zwei Silbermöven attackiert, so dass er genervt das Weite sucht. Am Strand spazieren Austernfischer und Strandregenpfeifer herum. Aber auch Rotschenkel sind mit roten Schenkeln und "Tülüüt" am Spülsaum unterwegs. Lerchen gibt es hier viele und natürlich die allgegenwärtigen Mittelsäger, Kormorane und Eiderenten. Letztere führen gerade ihre Brut auf dem Wasser spazieren. Es gibt jede Menge "damned little brownies", die man nur mit noch viel mehr Zeit bestimmen kann. Einen konnte ich immerhin als Rohrammer einordnen. 

(Foto von Wikipedia)
Ich musste 65 Jahre alt werden, um das erste Mal einen Rothalstaucher zu Gesicht zu bekommen. Dabei sind die Dinger gar nicht mal besonders scheu - und hier sind mindestens zwei Paare von ihnen am Start! Da hätte ich eigentlich schon früher mal drauf stoßen können. Aber wie schön, wenn man in so greisem Alter noch Dinge das erste Mal erlebt!

Fischreiher staksen hier durch die Tümpel und durchs flache Wasser am Ufer. Ein keckernder Schilfrohrsänger, quäckende Rothalstaucher, quakende Frösche und ein kuckuckender Kuckuck machen aus der Stille eine entrückte Idylle.

Auf der Rücktour hat mich wieder ein Schwarm Tordalken überholt - etwa sechs bis sieben Stück. Die habe ich noch nie an Land gesehen (okay - bis auf in Wales, wo sie zu Tausenden an den Felsküsten brüten). 

Zwar habe ich auf dem Rückweg eigentlich Gegenwind, aber der hindert mich nicht nennenswert. Ich erreiche den Parkplatz am anderen Ufer früh nach dem Mittag und kann ganz entspannt die Rückreise nach Kiel antreten - ohne irgendwo in den Stau zu geraten. Ich bin so früh dran, dass ich sogar noch meinem Vater in Schleswig einen kurzen Kaffee-Besuch abstatte.

So ein kurzer Abstecher nur zur Entspannung ist mächtig entspannend! Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich den Vögeln hier auf den Pelz gerückt bin!

Donnerstag, 4. Mai 2023

Wohin der Wind mich weht...

"Alles okay?". "Ja - mir geht's gut!". "Brauchst du etwas?". "Ich habe alles! Aber ganz lieben Dank für die Nachfrage!". Ich hatte die Segelyacht eigentlich schon wieder vergessen, denn ihr ursprünglicher Kurs verlief so, dass er sie in einigen hundert Metern an mir vorbeigeführt hätte. Aber offensichtlich hat der Segler mich irgendwann entdeckt und seinen Kurs um fast 180 Grad geändert, um direkt auf mich zuzufahren. Wir sind noch über zehn Kilometer südlich von Ärö entfernt, und in der Richtung, aus der ich komme, sind es über 30 Kilometer zum Land. Da ist es in etwa so unerwartet, auf ein einzelnes Seekajak zu treffen wie auf ein weißes Kaninchen auf dem Potsdamer Platz. Das gehört da auch nicht hin und man könnte schon mal nachfragen. Ich bin sehr beeindruckt, dass diese Yacht hier tatsächlich ihren Kurs drastisch ändert und einen Umweg fährt, um sich nach meinem Wohlbefinden zu erkunden. 

Geraume Zeit vorher - nämlich exakt in the middle of nowhere - hat eine richtig große Segelyacht so meinen Weg gekreuzt, dass ich meine Fahrt sogar verlangsamen musste, um sie passieren zu lassen. Dort hat man sich darüber amüsiert, dass ich mich vermutlich verfahren hätte und wohl eigentlich nach Schleimünde wollte. Auf die Idee, nach meinem Befinden zu fragen, ist dort niemand gekommen. Das muss auch gar nicht sein, aber umso mehr Respekt habe ich vor einer Mannschaft, die nachfragt.

Der erste Mai fällt dieses Jahr auf einen Montag - freitags arbeite ich eh nicht, d.h. drei Tage Urlaub ergeben zehn Tage frei! Meine Frau ist auf Kur und Anfang Mai ist das Wetter ja bekanntlich schon richtig lauschig! Das schreit erbärmlich nach einer ausgedehnten Paddeltour! Der Entschluss steht fest - losfahren will ich entweder am Verein, oder, wenn die Umstände eine Querung der Kieler Bucht zulassen, am liebsten von Bülk am nördlichen Ende der Kieler Förde - wenn ich bis zur Südspitze von Ärö will, reicht es dann auch an Entfernung!

Wo es hingehen soll, will ich allein dem Wind und meinem Gemüt überlassen - ich muss ja nichts beschicken. Außerdem möchte ich die Tour nutzen, um den Umgang mit meiner Ausrüstung systematisch zu üben. Das mag sich merkwürdig anhören für jemanden, der häufig auf Tour geht. Aber ich kann weder mein GPS noch mein Funkgerät im Schlaf bedienen, und ich weiß auch nicht verlässlich, wieviel Gas oder Proviant ich pro Tag verbrauche. Bei meinen üblichen Wochenendtouren habe ich halt immer "genug" dabei. Und bei meiner Langstreckentour von Göteborg nach Oslo haben wir einfach so viel mitgenommen, wie unsere Boote fassen konnten - und den Rest unterwegs nachgekauft. Da ist die Gelegenheit günstig, einmal sieben Tage mit Ausrüstung und Proviant bestreiten zu müssen, um genau festzustellen, was man alles braucht und ob man das auch ins Boot bekommt.

Am Beginn der Tour
Wie man aus der Einleitung unschwer erkennen kann, hat sich das Wetter so entwickelt, dass ich die Querung nach Ärö wagen kann. Letztlich sind die Bedingungen aber erst am Sonntag statt am Freitag überzeugend für einen Tourstart. Ich nutze diesmal meine andere Tochter für den Transport ans Ende der Förde - wofür habe ich zwei? Für auf Tour gehende Seekajaker sind Töchter übrigens eine durchaus lohnende Anschaffung - sie sind immer gut, einen irgendwo hin zu bringen, wo abzuholen - und wenn es ganz günstig kommt, gehen sie sogar mit auf Tour!

Da diese Tour wie gesagt in vielerlei Hinsicht der Erkundung und Erprobung dienen soll, will ich den Bericht darüber einmal gänzlich anders gestalten - nicht chronologisch sondern themenbezogen aufgefädelt.

Langstrecke - offene See

Von Bülk am nördlichen Ende der Kieler Förde bis zum südlichsten Ende von Ärö sind es 44 Kilometer. Diese Entfernung ist schon rein vom Betrag her nichts, was man mal "eben so" machen sollte. Das gehört geübt. Neben der schieren Entfernung ist eine entscheidende Randbedingung, dass man die Strecke zwangsläufig "ganz" bestreiten muss: man kann weder nach der Hälfte umdrehen (theoretisch schon - aber das erscheint mir nicht sinnvoll) noch kann man unterwegs aussteigen und sich die Beine vertreten. Man muss sich in seinem Boot also so wohl fühlen, dass man die gesamte Zeit möglichst ohne Druckstellen, Krämpfe oder Schlimmeres überlebt.

Für Paddler aus dem Raum Kiel bietet sich die Strecke vom Gelände der Kanu-Vereinigung Kiel bis zum Kieler Leuchtturm und zurück als Trainingsstrecke an. Das ist ziemlich genau diegleiche Entfernung - aber sozusagen mit Geländer, weil man unterwegs jederzeit abrechen oder Pause machen kann. Alle anderen könnten auch von Eiderstedt nach Helgoland fahren 😊 (das ist genauso weit, aber man hat die Tide als Unterstützung).

Die Entfernung lässt sich exakt angeben, die Dauer nicht ganz so exakt. Ich weiß sehr genau, wie schnell ich paddeln kann. Wenn ich alleine bei Flaute im leeren Boot unterwegs bin, zische ich mit mehr als acht Ka-Em-Ha durchs Wasser. Beladenes Boot bedeutet sieben km/h, und je nach Gegenwind wird es halt immer weniger. Wir - mein Boot und ich - sind kein besonders schnelles Gespann. Beim Start des wöchentlichen Vereinspaddeln, fahren mir immer alle davon. Aber zum einen breche ich bei Gegenwind nicht so stark ein und zum anderen kann ich meine Geschwindigkeit über einen vergleichsweise langen Zeitraum sehr konstant halten.

Das erste Stück des Diagramms ist deswegen so konstant, weil
ich das Tracking zu spät aktiviert hatte. Ich kannte aber den
genauen Startzeitpunkt und habe ihn hinterher manuell ergänzt.
Sieben Stundenkilometer bedeuten sechs Stunden und zwanzig Minuten für die Überfahrt - ohne Pausen! Sechs Stundenkilometer bedeuten sieben Stunden und zwanzig Minuten. Ich habe genau sieben Stunden benötigt - inklusive Pausen. Bevor man hier Berechnungen anstellt, sollte man unbedingt ausprobieren, ob man die angenommene Leistung über den fraglichen Zeitraum überhaupt erbringen kann. Sieben Stunden muss man also mindestens kalkulieren. Wenn es schneller geht, kann man sich freuen, aber bei Problemen kann es auch leicht acht oder gar neun Stunden dauert, bis man wieder Land unter den Füßen hat.

Das Gebiet, in dem man bei dieser Tour paddelt, wird nur sehr sparsam von anderen Verkehrsteilnehmern genutzt. Mir sind insgesamt nur drei Segelyachten in "Grußweite" begegnet. Die Berufsschifffahrt fährt weiter östlich in den Langeland-Belt, die Sportschifffahrt verkehrt eher auf der Linie Bülk-Schleimünde, weil die meisten eher dorthin oder weiter in die Flensburger Förde fahren. Im Falle von Problemen darf man also nicht zu fest damit rechnen, ohne weiteres Hilfe zu bekommen. Ich hatte ein VHF-Funkgerät mit DSC-Funktion dabei, zwei Signalraketen und eine Laser-Signalleuchte, die ein optisches SOS-Signal abgibt. Das mag overequipped erscheinen, aber eine Alleinfahrt lässt wenig Spielraum, wenn sich etwas nicht wie gewünscht entwickelt.

Die Navigation ist einerseits nicht besonders anspruchsvoll - man muss einfach einen Kurs von knapp unter zwanzig Grad halten, dann kommt man schon irgendwo auf Ärö an. Andererseits ist in Fahrtrichtung nicht viel mehr zu sehen als Wasser und Horizont, und man muss den Blick ständig auf GPS bzw. Kompass gerichtet halten. Das ist anstrengend und dem Gleichgewicht nicht zuträglich. Die Sicht bei meiner Unternehmung war nicht kristallklar aber sehr gut. Es hat eine Weile gedauert, bis ich die Strukturen am Horizont eindeutig als Windräder identifizieren konnte. Etwas in Vorausrichtung zu sehen, das man anpeilen kann, ist sehr hilfreich für das Kurshalten.

Man muss wissen, wieviel Fest- und Flüssigbrennstoff man für sieben Stunden benötigt. Ich bin vermutlich der Mensch, der am wenigsten trinkt - ich habe in der Zeit nur eine Halbliterflasche mit "Blue Bull"  (das ist Red Bull für Arme von Aldi!) konsumiert. Zwar hatte ich weitere sechs Liter Wasser in Cockpit, aber die Flasche nachzufüllen wäre alleine mühselig und riskant gewesen. Das war auf jeden Fall ein Fehler und ich hätte für mehr griffbereites Getränk sorgen müssen. Ebenso war es ein Versäumnis, keine wirkliche Verpflegung griffbereit zu haben - das habe ich schlicht vergessen. So habe ich also auch nur eine Banane und zwei Snikkers zu mir genommen. Das kann man nicht als hinreichend verkaufen! Bei meiner letzten Überfahrt (zusammen mit Jörg) war es ca. 30 Grad warm und ich hatte auch nur einen halben Liter Flüssigkeit dabei. Damals musste ich die letzte Stunde mit heftigen Krämpfen in der Rumpfmuskulatur leben. Manche Menschen lernen ja aus Fehlern. Manche auch nicht...

Sieben Stunden in einer Zwangshaltung in einem viel zu kleinen Cockpit eingepfercht - ein sich kaum verändernder Blick rundherum - vorne und rechts nix, links und hinten ein fahler Hauch von Land. Das klingt irgendwie tödlich. Ich hatte tatsächlich einigen Respekt davor, ob mich die Monotonie nicht anfressen oder mürbe machen und ich in immer kürzeren Abständen auf mein GPS schauen würde, um die Restzeit und -entfernung zu checken. Aber zu meiner eigenen Überraschung verging die Zeit wie im Flug. Ich weiß noch, dass ich nach fünf Stunden so überrascht war, dass schon so viel Zeit vergangen ist, ich das meiste schon geschafft habe und der Rest nicht mehr für grundsätzliche Zweifel reichte. Ich weiß nicht, ob ich da besonders duldsam bin, oder ob es ein allgemeines Phänomen ist, dass keine Langeweile aufkommt, wenn man etwas zu tun hat - auch wenn es gleichförmig ist. Ich muss aber auch sagen, dass ich keinerlei Probleme hatte, die mich irgendwie bedrängten: ich konnte die gesamte Zeit über eine gleichmäßige Leistung bringen, meine Gliedmaßen und mein Sitzfleisch haben nicht gemurrt und seekrank bin ich auch nicht geworden. Mit irgendeinem Dorn, der beständig ins Gemüt piekst, hätte es vermutlich anders ausgesehen.

Solo

Ich bin bereits, während ich diesen Bericht schreibe, mit anderen PaddlerInnen über die Tour ins Gespräch gekommen. Ein Aspekt ist mir dabei noch einmal deutlich geworden, dem ich vorher eigentlich gar nicht groß Beachtung geschenkt habe: ich habe die Tour - und insbesondere die langen Querungen darin - solo durchgeführt. Dazu haben eigentlich alle gesagt, dass sie sich das nicht trauen würden.

Ich paddle seit Anbeginn meiner Laufbahn (auch) alleine. Und seit genau diesem Anbeginn ist mir bewusst, dass Solo-Unternehmungen immer eine ganz besondere Nummer sind. Alleine sind manchmal die kleinsten Wirbel im Raum-Zeit-Kontinuum ein so unlösbares Problem, dass die Tour daran scheitern kann, während man sie in Begleitung eines Partners kaum als Problem wahrnimmt. Das kann ein eingeklemmtes Skeg sein, ein falsch geriggtes Segel oder ein nicht funktionierendes Feuerzeug. Wer einmal alleine mitten auf bewegtem Wasser seine Paddeljacke aus- oder anziehen musste, weiß, wovon ich rede. Mit halb ausgezogener Paddeljacke über dem Kopf ohne Sicht bei Seegang die Balance - und die Nerven - zu behalten, erfordert ein gerüttelt Maß an Konzentration und Kaltblütigkeit. (In so einer Position zu kentern, wäre übrigens mal eine lohneswerte Übung!). Zu zweit ist so eine Aktion nicht der Rede wert.

Natürlich sind die Optionen bei einer Solo-Tour deutlich eingeschränkt. Aber das ist nicht das Wesentliche - das in meinen Augen Prägende ist mentaler Natur! Mitpaddler wirken in so unglaublichem Maße als psychologische Rollatoren, dass man über mögliche Komplikationen gar nicht mehr nachdenkt, während einem ohne diese Stütze ständig Gedanken über den GAU im Kopfe kreisen. Das Risiko  eines Zwischenfalles ist bei einer Solo-Tour nicht größer als mit Begleitung. Bei den Optionen für den Umgang damit fallen zwar manche weg, aber man hat nicht zwangsläufig weniger davon. Durch Erfahrung, Wissen, Technik und letztlich auch Ausrüstung kann man sich Optionen erarbeiten - egal ob Solo oder in der Gruppe. Wenn ich über die Optionen in der Gruppe nicht verfügen kann, muss ich mir für eine Solofahrt genug andere Optionen erarbeitet haben, so dass ich mir sicher bin. Sicher für den Fall des Eintritts, mit den Gefahren umgehen zu können.

Trotzdem bleibt - bei allem technischen und intellektuellem Equipment - das mentale Problem. Das kann man nur vermindern, indem man Solo-Fahrten übt. Meine ersten Fahrten gingen ja nicht über viele Kilometer freies Wasser, sondern z.B. über die Strander Bucht, bei denen ich mich einige hundert Meter vom Ufer entfernt habe. Das wurde sehr langsam immer mehr, und meine erste Fahrt zum Kieler Leuchtturm (7 Kilometer offene Ostsee) war noch sehr aufregend. Mittlerweile bin ich in viele Richtungen gereift, so dass ich erst die Reflektion über andere Paddler brauchte, um mich wieder an die Besonderheit der Alleinfahrt zu erinnern.

Was ich bei aller Reifung nicht verloren habe, ist der Respekt vor den Elementen. Letztlich habe ich die zwei Tage, die ich die Tour später angefangen und die zwei Tage, die ich früher zurückgekommen bin, aus diesem Respekt geopfert.

Segel

(Bild stammt von einer anderen Tour)
Für die Überfahrt hatte ich mir eigentlich leichten süd- bis südwestlichen Wind gewünscht - so Stärke drei bis vier. Dann ist die Entfernung überhaupt nicht mehr der Rede wert! So hatte ich das Segel erst nach etwa der Hälfte der Strecke gesetzt - und was ich sicher weiß, ist, dass es mein Vorankommen nicht behindert hat. Ob es aber geholfen hat, kann ich nicht sicher sagen😶

Es gab aber durchaus Strecken, in denen das Segel eine wirkliche Hilfe und Entlastung war. So bin ich von Falshöft bis Schleimünde und von Bülk bis zum heimischen Steg in der Innenförde durchgehend unter Segeln gefahren.

Elementar wichtig ist es, den Verlauf der ganzen Strippen vor Fahrtantritt auf Korrektheit zu überprüfen. Ist man erst einmal auf dem Wasser, hat man als Solopaddler keine Chance mehr, etwas zu richten. Durch nachlässiges Aufriggen kann das Segel unbrauchbar, im schlimmsten Fall sogar zu einer echten Behinderung  werden!

Es ist wirklich faszinierend, bei welchen Windrichtungen man das Tuch noch nutzen kann, so dass es das Vorankommen erleichtert. Und wenn es zieht, ist es eine sehr willkommene Hilfe und Erleichterung. Lange Touren werde ich nicht mehr ohne Segel bestreiten!

GPS-Gerät

Ich bin schon seit langer Zeit im Besitz unterschiedlicher Garmin GPS-Geräte. Wirklich nutzen tue ich sie aber eigentlich nur äußerst selten - z.B. um den seeseitigen Eingang zum Rummelloch zu finden oder verlässlich zur Pallas zu kommen. Zur Track-Aufzeichnung habe ich bislang immer ein kleines Gerät von Holux genutzt, einfach weil das eine deutlich längere Betriebsdauer hat als die Garmin-Geräte.

Für meine geplante Lofoten-Tour habe ich mir ein neues Gerät gekauft, das auch InmarSat-Kommunikation nutzen kann (GPSMap 86i). Das Gerät unterscheidet sich in Funktion und Bedienung nicht großartig von seinen Vorgängern, aber ich habe mir vorgenommen, mich so vertraut mit ihm zu machen, dass ich es ohne Probleme auch in rauhen Bedingungen bedienen kann.

Die Nichtvertrautheit mit der technischen Ausrüstung macht sich gleich am Anfang des ersten Tourtages bemerkbar: Das GPS-Gerät unterscheidet zwischen Start der Navigation und Start der Track-Aufzeichnung 😏. Das war mir vorher nie wirklich aufgefallen. Ein zweites Missgeschick kommt mir aber zu Hilfe: irgendwie bin ich zwischendurch zufällig so auf die Tasten gekommen, dass die Track-Aufzeichnung wenigstens nach zwei Stunden gestartet ist! Dadurch lerne ich auch die Funktion zur Tastensperre schätzen!

Besonders faszinierend und hilfreich finde ich die Funktionalität, sich die aktuelle Ablage oder Querabweichung (XTE) anzeigen zu lassen.

Wenn man sich vom GPS-Gerät zu irgendeinem Ziel navigieren lässt, dann weiß es, wo man aktuell ist und zieht von diesem Punkt zum Ziel eine "Ideallinie". Fährt man auf das Ziel zu, wird man durch Wind, Strömung oder Unachtsamkeit sehr bald von dieser Ideallinie abweichen. Dann sagt einem das GPS-Gerät: "Du bist 9m zu weit links von der Ideallinie!". Wie genau man damit Kurs halten kann, zeigen die GPS-Tracks von meiner Tour. Besonders stolz bin ich auf das Teilstück von Alsen zum Leuchtturm Falshöft, das etwa 15km schnurgerade über freies Wasser geht - und der Wind kam genau von querab!

Eine andere Beobachtung verdeutlicht, wie sehr ein GPS-Gerät die Wahrnehmung schärfen kann.

Meine Geschwindigkeit bei der Überfahrt liegt die gesamte Zeit über sechs Stundenkilometer und ist erstaunlich konstant. Allerdings gibt es eine Phase nach etwa 25 Kilometern (vier Stunden, 16 Uhr), wo sie spürbar unter sechs km/h sinkt. Da der Wind sich nicht nennenwert geändert hat und auch meine Fitness nicht eingebrochen ist, heißt das nichts anderes, als dass hier eine Strömung herrscht, die meine Geschwindigkeit bremst! Nach vier weiteren Kilometern ist der Effekt vorbei und meine alte Geschwindigkeit wiederhergestellt. Vermutlich kann man so einen Effekt nur in einem Kajak in Verbindung mit einem GPS feststellen.

Eine uneingeschränkt positive Erfahrung ist die Lebensdauer des Geräts mit einer Akkuladung. Ich hatte es auf allen Teilstrecken jeweils die gesamte Zeit über angeschaltet und aufzeichnen lassen. Der erste und letzte Tag haben jeweils etwa sieben Stunden Betrieb bedeutet. Die Batterie war danach immer noch zu etwa drei Viertel voll!

Elektronisches Equipment

VHF-Funkgerät

In Deutschland ist der Einsatz von VHF-Funkgeräten unter Kajakfahrern noch die Ausnahme. In England ist er die Regel, und für den Erwerb meiner Sea-Kayak-Leader-Lizenz von British Canoeing musste ich eines haben. So bin ich also seit einigen Jahren im Besitz eines ICOM IC-M93D EURO Funkgerätes und habe den segensreichen Nutzen unter anderem während der Tour zur Trainer C-Ausbildung schätzen gelernt. 

Auf der hier beschriebenen Tour gab es keinen Grund es einzuschalten - bis auf den letzten Tag bei der Fahrt von Schleimünde nach Bülk. Da waren dermaßen viele Marineschiffe unterwegs, die allesamt erratrisch über die Kieler Bucht kreuzten, dass es mir ratsam schien, mein Gerät einzuschalten. Auch dieses Gerät bietet eine Funktionsfülle, die man nicht bezwingt, wenn man sich nicht vorher intensiv damit vertraut macht. Um die Bedienung zu vereinfachen, habe ich mir nur zwei Favoriten-Kanäle programmiert: 16 und 69. So brauche ich insgesamt nur drei Tasten: Einschalten, Key-Lock, Kanal umschalten. Und natürlich die Sprechtaste, wenn ich tatsächlich mal was sagen möchte.

Das Gerät verfügt über eine sehr gute Rauschunterdrückung. Die funktioniert so gut, dass das Gerät stundenlang nichts sagt und man dadurch komplett vergisst, dass es eingeschaltet ist. Wenn dann aber tatsächlich mal ein Funkspruch eingeht ("Hier ist Bremen Rescue, Bremen Rescue. Esperanza - wir hören Sie laut und deutlich!"), ist der dermaßen laut, dass ich jedesmal fast aus dem Kajak gefallen wäre!

Die Akku-Lebensdauer ist auch beeindruckend! Wenn man nicht aktiv funkt, kann man es den ganzen Tag angeschaltet haben - und am Ende sagt die Akkuanzeige, dass eher nichts verbraucht ist!

Action-Cam

Lange Jahre lag meine GoPro ungenutzt im Keller. Das hat sie eigentlich nicht verdient und ich wollte sie mal wieder einsetzen. Hier musste ich als erstes lernen, dass sie sich nicht selbständig ausschaltet, wenn man sie von der Ladestation trennt. Der erste Akku war schon leer und musste ausgewechselt werden, bevor ich überhaupt gestartet bin.

Als zweites musste ich lernen, dass die Kamera auch Strom verbraucht, wenn sie nicht filmt! Wenn sie einfach eingeschaltet ist und nichts tut, ist der Akku nach drei Stunden leer! Man muss sie also zwischendurch immer ausschalten. 

Ich habe die Kamera vorne auf Deck mit einer Saugnapf-Halterung montiert. Die hält sehr verlässlich, und ich kann sie so positionieren, dass sie (kaum) beim Paddeln stört. Selbstredend ist sie zusätzlich mit einem Zeising gesichert.

Fotoapparat

Ich habe in meiner Paddellaufbahn bestimmt schon ein halbes Dutzend wasserdichte Kompaktkameras verbraucht. Wasserdicht ist halt das eine - salzwasserbeständig das andere. Meine aktuelle "kleine Kamera für immer dabei" ist eine Lumix DMC FT5. Die ist schon ziemlich gut, aber das Objektiv liegt frei und da ich sie nicht schonend behandeln kann, hat die Frontscheibe mittlerweile leider eine kleine trübe Stelle, die sich manchmal störend bemerkbar macht.

Auf dieser Fahrt habe ich auf sie verzichtet und stattdessen meine Nikon AW1 mitgenommen. Die macht natürlich die besseren Bilder, ist in der Handhabung aber deutlich aufwendiger, weil ich sie nicht wie die Kleine in die Schwimmweste stecken kann, sondern sie in einer Kameratasche unter Deck transportiere. Sie ist also eher nicht für Action-Aufnahmen tauglich

Drohne

Ich hatte auf dieser Tour das erste Mal eine Drohne mit. Ich habe sie in einem wasserdichten Koffer auf dem hinteren Lukendeckel transportiert. Die gute Nachricht ist, dass der Koffer tatsächlich wasserdicht ist! 

Eine Drohne ist hervorragend geeignet, die Landschaft und die Unternehmung spektakulär zu dokumentieren. Allerdings ist der Umgang mit dem Gerät nicht trivial und die Bearbeitung des Videomaterials hinterher ungemein aufwendig. Ich stehe mit beidem noch sehr am Anfang und muss mich noch intensiv in die Materie einarbeiten. Aber ich werde es weiter verfolgen.

Solarpanel und Powerbank

Der Umfang an technischer Ausrüstung, den man mittlerweile so mit sich rumschleppt und der auf eine Stromversorgung angewiesen ist, ist beachtlich.

(wird nachgetragen)

Verpflegung

(wird nachgetragen)

Zelt

Ebenfalls im Hinblick auf die Lofoten habe ich mir ein neues Zelt gegönnt - ein Hilleberg Jannu. Ich bin geneigt zu sagen, dass es einfach unverschämt teuer ist. Aber vielleicht ist das der Preis, den ein solide verarbeitetes Zwei-Personenzelt haben muss, wenn man auf alle hässlichen Kniffe verzichtet, die gemeinhin angewendet werden, um Produktionen so billig wie möglich zu machen. Die Frage ist dann, ob man es sich leisten will und kann, so viel Geld dafür auszugeben.

Das Zelt ist ein Traum! Von meinem bisherigen Zelt, einem Wechsel Forum 42 gibt es einen Film, wie es bei Windstärke acht aufgebaut wird. Ich habe dieses Zelt auch schon bei starkem Wind aufgebaut - aber einfach ist das nicht! Bei dem Jannu bin ich da wesentlich zuversichtlicher, dass mir die Stangen nicht auf halbem Wege wegbrechen, weil eben das Prinzip solide ist!

Allerdings muss man eingestehen, dass das Zelt kein Leichtgewicht ist und auch einiges an Volumen unter Deck in Anspruch nimmt. Irgendwas ist ja auch immer und man muss Prioritäten setzen. In Anbetracht der Üppigkeit des Stauraumes in meinem Boot, ist meine Präferenz eindeutig auf Seiten des Komforts und der "Betriebssicherheit", die mir dieses Zelt bieten.

Wetterentwicklung

(Der helle Bereich der Diagramme ist jeweils der Zeitraum, in dem ich auf dem Wasser unterwegs war.)

An den Tagen, bevor ich losgefahren bin, kam der Wind noch aus nordwestlicher Richtung. Das ist ausgesprochen ungünstig, wenn man nach Nordwesten will! Aber am Sonntag sollte ein Wechsel einsetzen. Meinen Startzeitpunkt für die Überfahrt habe ich tatsächlich optimal gewählt, denn der anfängliche leichte Gegenwind wandelte sich bald in eine Flaute und kam dann nur noch von der Seite. So erhielt ich durch den Wind zwar keinerlei Unterstützung, aber er behinderte mich auch nicht wirklich. Es war den ganzen Tag über trocken und sonnig. Die Temperatur - mit gutem Willen - gerade zweistellig.

Montag, 29. August 2022

Notlösung Schleimünde

Seit Jahren haust mein Kollege Rüdiger auf Pellworm - und ich wollte ihn schon immer mal besuchen. Nachdem ich meine Termine auf ein überschaubares Maß abgebaggert hatte, konnte ich mich daran machen, einen Besuch bei ihm zu planen. Dabei musste ich lernen, dass man Pellworm bequem eigentlich nur von Westen kommend mit dem auflaufenden Wasser erreichen und nur nach Westen fahrend mit dem ablaufenden Wasser verlassen kann. In der Summe macht es diese Insel für Kajakfahrer zu einem blinden Fleck auf der Seekarte. Letztlich ist auch der aufwendig angelegte Tiefwasseranleger nur Ausdruck dieses Dilemmas, dass die Eingeborenen gerne eine verlässliche Verbindung mit dem nordfriesischen Kontinent schaffen wollten.

Natürlich haben wir als gewiefte Navigatoren die quasi Nicht-Erreichbar- bzw. Verlassbarkeit der Insel nicht als Hürde gesehen sondern als Ansporn, unseren nautischen Intellekt zu nutzen, um Gezeiten, Prielen, Schutzzonen und sonstigen widrigen Umständen einen Weg abzutrotzen, meinen Kollegen dennoch zu besuchen. Es ist auch ein solider Plan dabei herausgekommen, der über Hooge und das Rummelloch-Ost zum Schwimmsteg des Pellwormer Segelhafens geführt hätte. Hätte! Denn wie üblich, wenn ich im August eine Paddeltour plane, ballt sich das Wetter immer mit aller Kraft zusammen und macht mir einen Strich durch die Rechnung: Freitag Nachmittag bis Sonntag durchgängig sechs Beaufort aus Nordnordwest! Für die Hinfahrt nach Hooge und die Überfahrt nach Pellworm wäre das kein Hinderungsgrund - aber am Sonntag über zwanzig Kilometer gegen so einen Wind zurück nach Schlüttsiel zu keulen - das entsprach nicht unserem Wunsch nach einem entspannten Wochenende!

Also muss eine Alternative her. Dänische Südsee wird ja immer gern genommen, aber dafür war die Windvorhersage schlicht gesagt: widrig. Zur Not, wenn gar nichts anderes geht, würde ich auch nach Schleimünde fahren. Hauptsache raus! Ein etwas detaillierterer Blick auf die Wetter- und Windvorhersage zeigt aber ein überaus versöhnliches Bild: Am Freitag soll leichter Ostwind herrschen, den wir mit etwas Glück für unsere Segel benutzen könnten und am Sonntag dann durchaus frischer Westwind, mit dem wir wieder zurücksegeln könnten! Dazwischen bietet sich ein Urlaubstag in der näheren Umgebung von Schleimünde an. Einziges Haar in der Suppe: ein bißchen Regen am Freitag und Samstag und eine leichte Gewitterneigung am Freitag, die sich aber erst am späten Nachmittag und eher weiter südlich entfalten soll.

Wir lassen uns nach Strande bringen und gehen am steinigen Strand vor dem Kiosk ins Wasser. Es herrscht überraschender Weise Seenebel mit einer Sicht von wenigen Kilometern. Um halb eins starten wir zunächst noch ohne Segel gegen den Wind. Aber gleich nachdem wir die letzte Mole am Bülker Leuchtturm passiert haben, bringen wir unsere kleinen weißen Helferlein an den Start. Das geht zum Glück vollkommen problemlos während der Fahrt. Man muss nur den Zeising lösen, mit dem das Segel an Deck gelascht ist, an der Schot ziehen, die den Mast aufrichtet und ihm mit der anderen Hand einen kleinen Schubs nach oben geben. Der deutliche Ruck, der durch das Boot geht, sobald der Wind ins Segel gefasst hat, ist immer für einen kleinen Schreckmoment gut!

Ab geht die wilde Post! Das gegenüberliegende Ufer ist über fünfzehn Kilometer entfernt und nicht zu sehen, auch wenn der Seenebel sich deutlich gelichtet hat. Aber ich habe wieder mit meiner bewährten Methode der Kursermittlung ("deutlich nördlicher als 45 Grad von West") einen Kompasskurs von 330 Grad festgelegt. Die Segel ziehen uns flott durch das traumhaft grüne, traumhaft warme Wasser (mein Baby-Bade-Thermometer hat allerdings nur 20 Grad gemeldet!). Die Wellen sind lang und gutmütig und von einer Größe, die immer wieder wunderbare Surfs ermöglicht. Ein besonders langer und flotter katapultiert mich über gefühlte zehn Sekunden auf gute fünfzehn Stundenkilometer!

Unser Kurs würde perfekt stimmen und uns eine Kollision mit dem Schießgebiet vor Schwansen ersparen - aber nach wenig mehr als einer Stunde Fahrt vernehmen wir - mehr mit den Zwerchfell als mit den Ohren - ein deutliches Gewittergrummeln! Das ist so ziemlich der ungünstigste Ort, den man sich für ein Gewitter aussuchen kann: eine erreichbare Küste ist in jeder Richtung über eine Stunde entfernt! Wir machen einen deutlichen Knick nach Westen in Richtung Campingplatz Booknis, den man mittlerweile schemenhaft erkennen kann. Das ist für uns das am schnellsten erreichbare Festland. Nach über einer Stunde sind wir soweit unter Land, dass wir wieder nach Norden schwenken und uns fortan dreihundert Meter vom Ufer entfernt unserem Ziel nähern.

Irgendwann sind Gebäude-ähnliche Strukturen in der Ferne zu erkennen, und wir rätseln, ob das vielleicht das Lotsenhaus auf der Öhe ist. Da sind auch noch einige andere Dinge zu erkennen, denen wir nicht auf Anhieb eine eindeutige Interpretation zuordnen können. Wir einigen uns auf die Taktik, näher ran zu fahren und dann zu entscheiden, was das jeweils sein soll. Fakt ist, dass die Hafeneinfahrt von Olpenitz so weit nach Osten hinausragt, dass man, aus unserer Richtung kommend, Schleimünde noch gar nicht sehen kann. Der Leuchtturm ist aus dieser Richtung nur über Land zu sehen - in einer Baulücke des Ferienortes.

Nach ziemlich genau vier Stunden Fahrt schlagen wir im Hafenbecken von Schleimünde am Strand an. Das sind bei über 31 gefahrenen Kilometern ziemlich genau 8 Stundenkilometer - mit vollbeladenen Booten keine schlechte Leistung! Den Segeln sei Dank! Der Wind blies übrigens die gesamte Zeit mit ziemlich genau sieben bis acht Metern pro Sekunde genau aus Ost - das war deutlich mehr als vorhergesagt - zum Glück!

Ein bisschen überrascht es uns, dass keine anderen Paddler zu sehen sind. Lediglich ein Vater mit seiner ca. dreijährigen Tochter hat ein Zelt auf der Wiese stehen. Sie sind mit dem offenen Holzboot "Fischerei auf Sicht" gekommen. In der Giftbude genehmigen wir uns eine dem Tag angemessene Stärkung: Jörg nimmt Matjes mit Kartoffelsalat, ich Schnitzel mit Pommes - veganfrei!

Die Wettervorhersage für heute hatte neben dem ausgebliebenen Gewitter einiges an Regen im Köcher gehabt. Insgesamt sind über Schleimünde etwa sieben Tropfen niedergegangen - der Rest vermutlich in Pinneberg, wo es die halbe Stadt geflutet hat.

Für die Nacht ist großflächig intensives Gewitter vorhergesagt - der Himmel hat allerdings nichts zu bieten, was darauf hin deuten könnte. Ich liege noch lange wach im Zelt und lausche dem auffrischenden Wind. Mitten in der Nacht spanne ich noch mal das Zelt nach, wobei ich am Horizont tatsächlich Wetterleuchten sehe. Etwas armselig für die dramatische Warnung des Wetterdienstes. In Ungarn haben sie vergangenen Montag die Chefin des Wetterdienstes entlassen, weil sie ein Gewitter für den Nationalfeiertag vorhergesagt hatte, das dann doch nicht gekommen ist. Vielleicht zittern sie beim DWD schon.

Mit den friedenstiftenden gelben Frömsen in den Ohren schaffe ich es, bis halb neun durchzuschlafen. Die Welt, in die ich dann trete, ist noch frisch, so dass ich mir erstmalig die mitgeführte Schlupfjacke übertue. Zum Frühstück soll es Rührei mit Speck geben - wir haben extra bei Aldi noch vier Eier gekauft! Aber wegen der arg unsymetrischen Mengenverhältnisse werden daraus gebratene Speckwürfel, die Spuren von Ei enthalten können. Zusammen mit dem obligaten Müsli schafft das eine solide Grundlage für die Herausforderungen des Tages. Es soll nach Kappeln gehen - Fischbrötchen abgreifen.

Als ich zum Hafenmeister gehe, um für die zweite Nacht zu bezahlen, sind die kleinen zuckersüßen Geschäftsmädels schon bei der Arbeit: die eine bemalt - vollkommen entrückt und in sich versunken - Steine, die andere blickt versonnen in die Gegend und genießt vorwiegend die Nähe ihrer großen Schwester. Ich kann ein schönes handbemaltes Unikat zu einem fairen Preis erstehen. Sie sind zweisprachig unterwegs: auf der einen Seite ihres Pappaufstellers steht ihr Angebot auf deutsch, auf der anderen Seite auf dänisch, so erreicht man ein größeres Publikum.

Es sind nur überraschend kurze sieben Kilometer bis Kappeln. Wir haben uns im Vorfeld etwas Gedanken gemacht, wo wir denn an Land gehen und die Boote unbeaufsichtigt liegen lassen könnten. Vollkommen unnötig, denn am Ort angekommen folgen wir unauffällig dem Ruderboot "Bierchen", das am Steg des Kappelner Rudervereins anlegt. Hier können wir die Boote ruhigen Herzens liegen lassen und uns stadtfein anziehen. Neben dem Pflichtpunkt Fischbrötchen essen, steht noch Bratkartoffeln kaufen auf dem Programm, denn meine Packung liegt noch im heimischen Kühlschrank. Unser schlauer Freund Google hilft uns, ein geeignetes Lebensmittelgeschäft zu finden. Dort gibt es sogar Rotwein, der Jörg so bettelnd anschaut, dass er ihn mitnehmen muss. Nach den Anstrengungen des Pflichtprogrammes ist Kaffee und Kuchen fällig. Heimbs-Kaffee, über den nix drüber geht, und Kuchen mit Sahne!

Für die Rücktour leisten uns die Segel wieder wertvolle Dienste, denn der Wind hat ja - wie vorhergesagt - um 180 Grad gedreht. Während unserer Abwesenheit hat eine wundersame Besiedelung der Öhe stattgefunden: die Jugendgruppe des Arniser Segelklubs ist mit 19 Kindern und Jugendlichen eingefallen und die haben ihre Wurfzelte aufgebaut. Dazu kommen noch ca. vier unterschiedliche Gruppen von Paddlern sowie ein wunderschönes geklinkertes Wikingerboot mit Mannschaft. Die Zeltwiese ist gut belegt, aber es ist längst nicht so gedrängt wie im Segelhafen, wo die Boote schon in zwei Reihen hintereinander und sogar außen an der Hafenmauer festgemacht haben.

Abends genießen wir wieder das große Hafenkino: während man am Tisch vor der Giftbude sein Abendessen oder -getränk zu sich nimmt, kann man herrlich dem Treiben vor und im Hafen zusehen. Geglückten Anlegemanövern und misslungenen, dem Suchen der einlaufenden Segelyachten nach freien Liegeplätzen, den unterschiedlichen Umgang mit Rollfocks oder einfach vorbeiflanierende Menschen.

Für die Nacht war kein Regen vorhergesagt, aber der Himmel war sternenklar. Trotz des stetigen Windes, der die ganze Nacht hindurch geweht hat, sind die Zelte am Morgen ziemlich nass. Wir sind heute früher am Start, denn es gibt etwas zu erledigen: die Heimfahrt will bewältigt sein. Auch die anderen Paddler und die Jugendgruppe wollen zurück, und so herrscht eine rege Geschäftigkeit auf dem Gelände. Kurz nach zehn haben wir unsere Kajaks sorgfältig aufgeriggt und sind startklar. Während ich an der Hafenausfahrt warte, muss Jörg feststellen, dass man alleine wenig bewirken kann, wenn am Rigg etwas nicht stimmt. Er muss noch einmal zurückfahren, weil sich sein Segel unerlaubt um den Mast gedreht hatte.

Ich setze mein Segel erst nach dem Ende der Mole und es entwickelt sofort einen spürbaren Zug. Wir wollen erst einmal deutlich südlicher fahren, als der direkte Weg nach Bülk erfordern würde. So gewinnen wir etwas Höhe gegenüber dem Wind, und wir vermeiden, dass wir wie beim letzten Mal quer durch das Schießgebiet fahren. Die mit uns fahrenden Segelyachten sind kaum schneller als wir, gegenüber einer vorausfahrenden gewinnen wir sogar Raum. Wir hätten schon früher einen Schwenk nach Osten machen können, aber den Triumpf, diese Yacht zu überholen, will ich mir unbedingt gönnen!

Danach geht es mit einem Kompasskurs von 150 Grad genau auf Bülk zu. Der Wind kommt fast genau aus Westen mit ein paar Grad Nord im Köcher. Dadurch entfalten unsere Segel eine gute Unterstützung. Die Navigationsmarken Ehrenmal von Laboe und Kieler Leuchtturm versuchen wieder, uns durch ihre Lage zu verwirren. Aber wir sind im Laufe der Zeit schlauer (oder sollte ich sagen: noch gewiefter?) geworden. Nach ziemlich genau drei Stunden gehen wir unter dem Bülker Leuchtturm an den Strand. Das waren 27 Kilometer mit über achteinhalb Stundenkilometern im Schnitt - das ist ohne Segel mit unseren Booten kaum möglich.

Zwei Yachten im Rennen gegeneinander...
Wir hatten verabredet, dass wir in Bülk entscheiden, ob wir uns hier abholen lassen oder den Rest der Strecke bis zum Klub auch noch auf eigenem Kiel zurücklegen wollen. Alle Beteiligten sind der Meinung, dass da noch genug Zeit und Energie vorhanden ist, um die Sache zu einem runden Ende zu bringen. Und obwohl unser Kurs mit dem Einlaufen in die Förde immer weiter nach rechts dreht, so dass der Wind am Ende sogar eine Frontal-Komponente hat, erzeugen die Segel immer noch eine spürbaren Zug. Das hätte ich nie geglaubt, wenn mir das jemand erzählt hätte.

Was anfänglich nur als Notlösung gestartet ist, hat sich zu einem bezaubernden Wochenende entwickelt, bei dem das Wetter die Vorhersage im besten Sinne Lügen gestraft und uns mit optimalem Wind eine unvergessliche Tour beschert hat! Naja - der Wind hätte gerne etwas stärker sein können - aber man will ja nicht meckern.

Tourendaten hier.

Sonntag, 22. Mai 2022

Von der Kostbarkeit des Scheiterns

Acht Monate kein neuer Eintrag in meinem Paddeltagebuch! Das ist die längste Lücke, die es hier je gegeben hat. Wesentliche Ursache für diese Mangelerscheinung ist die Tatsache, dass ich in diesem Jahr eine Trainer-Ausbildung absolviere, für die ich gefühlt mindestens jedes zweite Wochenende unterwegs bin.

Jetzt ist aber gerade diese Ausbildung Grund und Anlass für einen neuen Eintrag in dieser Chronik! Nachdem ich in ihrem Rahmen mit zitternden Knien über die Weser gesuppt bin, in die geheimen Steuerschläge beim Einer-Kanadier eingeführt und beim Drachenboot-Paddeln derart gequält wurde, dass ich fast kotzen musste, nachdem ich bei winterlichen Temperaturen durch zahllose Bremer Seen geschwommen bin und den halben Wildwasserkanal von Hohenlimburg ausgetrunken habe, darf ich jetzt endlich mal richtig paddeln: auf einem Seekajak-Wochenende in Ostfriesland!

Natürlich ist der Anlauf wieder einmal zäh: wir sind diesmal noch gar nicht in Hamburg, da stehen wir schon in einem Stau! Unfall. Da musste unbedingt jemand mit ordentlich Schmackes einem LKW hinten rein fahren. Naja - ich habe mit Bettina, die ebenfalls diese Ausbildung macht, ja sowieso immer soviel zu besprechen, dass die Tour ohne Staus viel zu kurz wäre, um das alles abzuarbeiten. 

Immerhin ist der Beginn der Fahrtenplanung, die noch am heutigen Freitag stattfinden soll, von 18 auf 19 Uhr verlegt worden. So haben wir nach unserem Eintreffen noch eine halbe Stunde Zeit, unsere Zelte im strömenden Regen aufzubauen. Vor zwei Tagen beim Mittwochspaddeln war es noch 25 Grad warm und die Sonne schien. Auf 25 Grad kommt man heute nicht einmal mehr, wenn man die Temperaturen von Vor- und Nachmittag zusammenzählt. Dafür weht aber ein erfrischender Wind durch das überdachte Areal, unter das wir uns zurückgezogen haben, um einen Plan für den kommenden Tag zu schmieden.

Seekajak-Touren auf Tidengewässern - das ist für viele der Anwesenden ein eher neues Thema, das viele Fragen aufwirft, deren Antworten man erst einmal verdauen muss. Da ist von Zwölferregel die Rede, von Wattenhochs, von Priggen und Doppelpriggen, von Robben- und Vogelschutzgebieten. Und von Hoch- und Niedrigwasserzeiten, an die man sich halten muss, und die eigentlich immer so liegen, dass man viel zu früh aufstehen muss. Nach allerhand Geschätze, Gepeile und Gewürfle entsteht ein Plan, der sogar mit einer halbwegs versöhnlichen Startzeit daherkommt: um sieben Uhr fertig gepackt, umgezogen und ausgerüstet an der Rampe des Segelhafens aufschlagen!

Ich hatte gehofft, dass wir ordentlich Wind für unsere Tour abgekommen würden. Aber beim Beobachten der Vorhersage in den Tagen vorher kamen mir Zweifel, ob wir bei einem Wind von angesagten 9-11 Metern pro Sekunde auch tatsächlich in See stechen würden. Bei der Frage, mit welcher Windstärke wir für die morgige Tour rechnen müssen, ist meine Antwort: sechs! Elke nennt fünf Beaufort als Vorhersage. Das kann schlicht daran liegen, dass sie eben Beaufort als Maßeinheit für die Vorhersage in ihrer App eingestellt hat und nicht wie ich Meter pro Sekunde. Windstärke sechs fängt bei knapp über zehn Meter pro Sekunde an - und 9-11 liegt mehrheitlich im Bereich von fünf Beaufort. Und fünf Beaufort fängt bei 8 m/s an - wenn man die im Kopf hat, fühlt sich das auch ganz entspannt an. Aber es ist ein Riesenunterschied zu 11 m/s!

Ich bin froh über Elkes "Ball-flach-halten"-Taktik, denn das nimmt den Teilnehmern den Schrecken vor unserem Vorhaben. Ich erlaube mir immerhin noch die Anmerkung, dass es mörderanstrengend wird, denn ein Wind, der genau von der Seite kommt, ist unterm Strich Gegenwind, und eine Insel vom Ausmaße Baltrums ist leider nicht in der Lage, so etwas wie eine Abdeckungswirkung zu erzeugen.

Um fünf Uhr früh werde ich durch heftigen Regen geweckt. Wir müssen ja nicht die "große" Nummer schieben mit Zelt abbauen und alles in die Boote rödeln - wir machen nur eine Tagestour und kehren an unseren Ausgangsort zurück. Da kann ich noch eine halbe Stunde liegen bleiben und die Ruhe genießen.

Die Rampe im Hafen sieht halbwegs passabel aus - da habe ich schon Schlimmeres erlebt, aber sie ist im unteren Bereich schon arg rutschig. Es dauert eine gute Weile, bis wir alle Boote eingesetzt haben. Wir haben drei Gruppen a fünf bis sechs Personen gebildet und innerhalb der Gruppen Pärchen, die aufeinander acht geben. Sylvia passt auf mich auf. Die Gruppen sollen eigenständig navigieren und jede ihren Weg suchen. Elke will mit ihrer Gruppe vorausfahren, Falk, in dessen Gruppe ich bin, soll als letzter fahren. In jeder Gruppe sind zwei Personen mit Funkgerät, die jeweils ganz vorne bzw. hinten fahren sollen. Klingt wie'n Plan - was soll da schon schief gehen?

Nachdem unsere Gruppe vollzählig auf dem Wasser schwimmt und wir uns gegenseitig unserer Entschlossenheit versichert haben, paddeln wir den Hafenpriel hinaus - immer an den Priggen entlang. Der Wind geht dermaßen scharf, dass ich ziemliche Mühe aufbringen muss, das Boot innerhalb des Priels zu halten und nicht auf die Schlickkante in Lee geweht zu werden. Trotzdem schafft es unsere Gruppe, vergleichsweise dicht beieinander zu bleiben. Die Gruppe vor uns ist etwa 200 Meter voraus. Als ich mir ansehe, wie sie zurecht kommen, sehe ich, dass es keine Gruppe mehr gibt: da sind eine Handvoll Einzelpaddler so weit in der Gegend verweht worden, dass eine Kommunikation untereinander nicht mehr möglich ist. Es ist mir sofort klar, dass wir so auf keinen Fall so etwas wie eine Überfahrt wagen können. Die dritte Gruppe ist dichter beisammen, hat aber ebenfalls mehr als deutliche Schwierigkeiten, die Richtung zu halten. Als wir in den Bereich der Dalben kommen, wo wir eigentlich einen deutlichen Schwenk nach Westen machen müssten, verweht es Tina aus unserem Pulk so nachhaltig, dass sie ihr Boot nicht mehr eingefangen bekommt. Falk eilt ihr zu Hilfe.

Elke hat in ihrer Gruppe mittlerweile den Rückzug ins Hafenbecken verordnet, wie ich über Funk mithöre. Sylvia, die heute ihre erste Nordseetour macht und  auf mich aufpassen soll, hat ebenfalls für sich entschieden, dass die Richtung zum Hafen die einzige ist, in die sie noch fahren möchte. Ich bin kurz etwas hin und her gerissen, weil ich nicht sicher weiß, ob Falk alleine damit klar kommt, Tina wieder einzufangen. Aber ich bin Sylvias Buddy und muss mich zuerst um sie kümmern. Ich teile Falk kurz über Funk mit, dass ich sie in den Hafen geleite.

Kurz vor dem Hafen sind die zurückkehrenden Truppen so nahe beieinander, dass ich Sylvia in die Obhut der anderen übergebe und mich auf den Rückweg zu Falk mache. Der hat Tina inzwischen in Schlepp genommen, wobei sie mit Gisela zusammen ein stabiles Päckchen bildet. Ich biete an, mich als Schleppunterstützung einzuklinken, aber Falk meint, dass ich vermutlich als psychologische Unterstützung am Päckchen eine größere Hilfe sei. Die beiden Mädels sind aber eigentlich ganz guten Mutes, so dass ich auch hier nicht wirklich gebraucht werde. Immerhin kann ich wieder nach vorne zu Falk fahren und ihm berichten, dass es seiner Fracht gut geht, denn er kann ja nicht sehen, wie es hinter ihm aussieht.

Ich ziehe innerlich den Hut vor Falk, denn ein Zweierpack gegen einen Wind zu schleppen, vor dem große Teile der Gruppe sich komplett ergeben haben, ist keine leichte und auch keine einfache Aufgabe! Er schafft es "mühelos", so dicht in Luv an den Priggen entlang zu fahren, dass sein Schlepp trotz des dwarsen Wind nicht im Schlick auf der anderen Prielseite stecken bleibt.

Nach wenigen Minuten sind alle glücklich im Hafenbecken vereint. Das waren etwa tausend Meter hin und zurück - und damit tatsächlich die kürzeste Nordseetour, die ich je gemacht habe!

Im Hafen sammeln wir uns - äußerlich und innerlich. Niemand ist nachhaltig geknickt - die Sache war einfach so sonnenklar für die ganze Gruppe nicht zu schaffen, dass sich niemand als Auslöser für den Rückzug begreift. Wir haben mit traumwandlerischer Sicherheit den Zeitpunkt erwischt, an dem es an diesem Tag am stärksten pustet: sechs bis sieben Beaufort - Böen acht! 

Es werden kurz ein paar Möglichkeiten diskutiert, wie man den noch jungen Tag gewinnbringend gestalten kann. Falk fragt, ob jemand bereit wäre, einen zweiten Versuch zu wagen. Es recken sich eine ganze Reihe Finger in die Höhe und nachdem Elke überzeugt worden ist, dass sie Bettina nicht als einzige Frau mitfahren lassen kann, sind wir sieben Paddler, die Baltrum dem Wind abtrotzen wollen.

Es geht ausdrücklich um einen zweiten Versuch - ob der gelingt, ist keineswegs gewiss. Bis zu den Dalben, unserem ersten Umkehrpunkt, geht es ganz passabel. Falk befragt jeden einzelnen Teilnehmer sehr gründlich nach seiner Befindlichkeit und Einschätzung. Danach ist die nächste grüne Tonne unser Ziel. Dort angekommen, erneuert Falk das Stimmungsbild, ob immer noch alle überzeugt sind, dass wir zur Insel wollen. Das geht noch ein paar Mal so, so dass keiner das Gefühl hat, er müsste über seine Grenzen gehen.

Die Richtung zu halten ist alles andere als einfach. Man erkennt auf dem nebenstehenden Trackausschnitt, dass unsere Spur arg hin und her zackt. Das liegt nicht an der Ungenauigkeit der GPS-Aufzeichnung, sondern genau so sind wir gefahren: zum einen müssen wir unsere Richtung immer wieder dem Wind abringen, zum anderen müssen wir ständig darauf achten, als Gruppe zusammen zu bleiben, weil irgend jemand immer gerade aus dem Kurs geweht wird.

Das Stück unserer Spur kurz vor der rot-grünen Tonne ist besonders interessant. Zuerst werden wir aus unserem anfänglich nordwestlich weisenden Kurs ziemlich genau nach Norden gedrängt und dann um fast neunzig Grad gedreht fast genau nach Westen. Unser gesteuerter Kurs wies die ganze Zeit über mehr oder minder in dieselbe Richtung - nach Nordwest. Die Stelle ist genau am Eingang zum wattseitigen Priel, der südlich an Baltrum vorbei führt. Hier geht einfach eine turbulente Strömung, die uns die Fahrtrichtung diktiert - und auch die Geschwindigkeit! Wir sind mit lausigen zwei Stundenkilometern unterwegs und machen kaum Boden gut gegen die seitlich liegende Tonne, die einfach auf uns zukommt, obwohl unser Bug deutlich an ihr vorbei weist. Tidengewässer eben!

Die weiter links liegende Spur von unserem Rückweg, sieht dagegen deutlich entspannter aus - da sind wir quasi ohne Anstrengung mit acht bis neun Stundenkilometern unterwegs!

Schließlich erreichen wir die Ostspitze von Baltrum und gehen neben der Tonne A7 an Land - nach knapp mehr als sieben Kilometern, für die wir deutlich über zwei Stunden gebraucht haben! Da gerade Niedrigwasser ist und wir über die Insel spazieren wollen, müssen wir unsere Boote ein gutes Stück auf den Sand tragen, damit wir sie noch vorfinden, wenn wir zurückkommen.  Der Sand kommt uns mit Macht entgegen und formt seltsame Strukturen am Boden. Die anderen gehen nach Baltrum-Downtown - ich schlage mich irgendwo auf halbem Wege bei einer Schutzhütte in die Dünen, döse in der Sonne und halte Zwiesprache mit einer Bachstelze, die in der Hütte brütet.

Ich sitze noch eine ganze Weile bei den Booten am Strand und lasse mich vom Sand einwehen, während ich auf die anderen warte. Ich genieße die wunderbare Landschaft und die entrückte Stimmung. Ich war das letzte Mal vor 20 Jahren hier und meine Bilder im Kopf sind natürlich leidlich verblasst - so schön hatte ich es gar nicht in Erinnerung. Die Tatsache, dass die Inseln hier nur fünf Kilometer vom Festland entfernt sind und man auf ihrer See-Seite sofort ganz und wirklich draußen ist, hatte ich komplett verdrängt. Allein, dass sie soweit vom Zentrum der Welt entfernt liegen, ist ein echtes Übel. Für ein simples Wochenende sind sie für mich quasi nicht erreichbar.

Die Rücktour ist mehr als entspannt. Wir werden von Strom und Wind praktisch nach Hause geschoben und brauchen nicht einmal eine Stunde. Als wir bei Hochwasser direkt am Strand anlanden, sind die anderen gerade mit dem Programmpunkt "Baden" beschäftigt. Das Wasser ist zwar frisch - aber deutlich wärmer als aktuell in der Ostsee. Ich schätze die Temperatur auf 16 Grad.

Als wir auf dem Campingplatz gemeinsam unser Abendessen einnehmen, hat der Wind schon deutlich nachgelassen. Das soll in eine Flaute am morgigen Sonntag münden!

Das Gute an der Tide ist ja, dass sie jeden Tag zirka eine Stunde nach hinten rutscht. So ist der Start am Sonntag noch entspannter. Die Verwaltung des Camping-Platzes ist leider alles andere als entspannt. Das macht die Formalien mit dem Auschecken und Umparken der Autos etwas kompliziert - aber wir bekommen das hin.

Die Umstände sind heute das genaue Gegenteil von gestern: absolute Flaute und Sonnenschein von Anbeginn an. Wir agieren wieder in drei Gruppen, wobei heute jeweils eine Teilnehmerin die Führung übernehmen muss. Das ist aber bei den Bedingungen auch nicht sonderlich anspruchsvoll, denn die Sicht ist so gut, dass man den gesamten Streckenverlauf inklusive aller anzusteuernden Tonnen schon von Anfang an sehen kann. So kommen heute doch noch alle Teilnehmer des Kurses in den Genuss, eine erfolgreiche Überfahrt zu meistern. Für einige ist es tatsächlich die erste Nordseetour ihres Lebens - aber es wird hoffentlich nicht ihre letzte bleiben.

Ich habe beim Wildwasserwochenende behauptet. dass es mir nichts ausmache zu scheitern. Das klingt gut, ist aber natürlich nicht ganz richtig. Immerhin kann ich mir zugute halten, dass ich mit Scheitern ganz gut umgehen kann und es mich nicht zerfrisst. Aber im Grunde versuche ich doch, Scheitern eher zu vermeiden. Dabei ist Scheitern doch so kostbar!

Ich paddele schon so lange und habe schon so viele unterschiedliche und fordernde Bedingungen erlebt, dass es mittlerweile schon schwierig ist, etwas dazu zu lernen. Wir hatten hier starken Wind, aber ich bin schon bei stärkeren Winden gepaddelt. Wir sind bei der ersten Überfahrt zirka sieben Kilometer gegen den Wind gepaddelt - auch gegen so einen Wind ist das eine vergleichsweise kurze Strecke in meinem Fahrtenbuch. Das Revier hier ist ausgesprochen geschützt - es gibt quasi keine Wellen, die Probleme bereiten könnten, und die Strömungen sind ausgesprochen überschaubar. Es hat zwar einen Heidenspaß gemacht - aber wirklich Neues gelernt habe ich dadurch nicht.

Neues habe ich an ganz anderer Stelle gelernt! Hätte ich in der Verantwortung gestanden, über die Durchführung der Tour mit der Gruppe zu entscheiden, hätte ich sie vermutlich nicht gemacht, weil mir ziemlich klar war, dass zu viele Mitglieder der Gruppe damit überfordert gewesen wären. Letztlich hat unser abgebrochener Startversuch ja auch genau das gezeigt.

Hätte man sich über das Risiko eines Versuches Gedanken gemacht, wäre deutlich klar gewesen, dass nicht wirklich etwas passieren kann: der Wind blies aus Westen und hätte uns maximal auf die trocken gefallenen Wattflächen östlich des Fahrwassers geweht. Man hätte in der allergrößten Not zu Fuß an Land latschen können und ein verschlicktes Boot und verschlickte Füße riskiert.

Was wir durch unseren Versuch gewonnen haben, ist ein unvergessliches Erlebnis, wie sich die Windstärken sechs bis acht auf dem Wasser anfühlen und dass man keine Chance hat, seinen eigenen Willen gegen sie durchzusetzen. Wie kostbar ist es, so eine Gelegenheit wahrzunehmen! Und wie arm ist dagegen die Wirkung meiner Bemerkung: "Das wird aber mörderanstrengend!"

Genau hier hat mein Dazulernen stattgefunden: wenn eine Unternehmung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit scheitern wird, ist lediglich das Risiko entscheidend, ob die Unternehmung zu einem Himmelfahrtskommando wird, oder einem den Zugang zur im Scheitern vorborgenen Kostbarkeit ermöglicht. Wenn wie hier ein erkennbar geringes Risiko besteht, gilt: "Manchmal muss man eben etwas einfach ausprobieren!" Danke, Elke!

GPS-Tracks hier.

Mittwoch, 8. September 2021

Mein erstes Mal mit Maditha...

Ich habe seit zwei Wochen Urlaub und will gerne eine längere Paddeltour machen. Aber das Wetter bietet leider immer nur zwei Tage in Reihe mit akzeptablen Bedingungen an. Am Wochenende steht das Techniktraining in Flensburg an, für das ich mich als Unterstützung angeboten habe - vielleicht bietet sich ja im Anschluss die Möglichkeit in die Dänische Südsee zu fahren, wenn ich doch schon mal in der Nähe bin. Maditha hat auch Zeit, Lust und jede Menge Bedarf, etwas die Seele Entspannendes zu unternehmen. Sie muss eh nach Flensburg, um ihr neues Boot abzuholen und will dann auch gleich am Techniktraining teilnehmen. Ich bin noch nie mit ihr alleine auf Tour gegangen, aber mit ihr gibt es wenig Grenzen, das macht es ausgesprochen reizvoll. Als ich sie in der Bootshalle abhole, hat sie gerade die Bestätigung von Trenk erhalten, dass ihr Boot eingetroffen ist. Sie ist ganz aufgeregt!

Leider gibt sich die Windvorhersage auch während der Trainingstage maximal unkooperativ: Am Sonntag, wenn wir nach Osten wollen: Ostwind mit fünf Beaufort - am Dienstag, wenn wir zurück nach Westen müssten: Westwind der Stärke sechs. 

Am tatsächlichen Sonntag bläst der Ostwind wie vorhergesagt - die Vorhersage für den Westwind am Dienstag hat sich aber auf vier bis fünf Beaufort abgeschwächt. Wir fahren also nach Mommark, um drei Tage durchs südfünische Inselmeer zu cruisen.

Der Parkplatz in Mommark ist brechend voll, die Autos stehen sogar ein ganzes Stück die Straße hoch. Es tobt eine Art Hochzeits- oder Geburtstagsveranstaltung im Restaurant. Zum Glück wird gerade ein Parkplatz direkt am Durchgang zum Strand frei, so dass wir Boote und Gepäck nicht kilometerweit durch die Landschaft tragen müssen. Seit meinem letzten Besuch sind hier übrigens drei Palmen am Strand gewachsen - Südsee eben!

Die Sicht ist supergut, wir können unser Ziel problemlos ausmachen. Die Wellen, die hier auf den Strand laufen, versprechen einigen Spaß unterwegs. Da der Wind erst seit heute aus dieser Richtung weht, sind die Wellen nicht ganz so groß, aber es sind nicht wenige dabei, die über die Ein-Meter-Marke gehen und uns die Sicht auf Ärö und sogar den Mitpaddler nehmen. Nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke dreht der Wind noch mal etwas auf, was sich auch in unserer Geschwindigkeit bemerkbar macht. Nach zweieinviertel Stunden sind wir am Weststrand von Skjoldnäs.

 Randvoll mit Ostsee!
(man muss schon genau hinsehen, um das Wasser im Cockpit zu erkennen!)
Hier könnte man zelten, obwohl der Strand durchweg aus bis zu faustgroßen Steinen besteht. Aber darauf lässt sich erstaunlich gut schlafen, denn die Steine sind klein genug, dass sie sich unter dem Körpergewicht wegdrücken und groß genug, dass sie nicht wie Sand an der kompletten Ausrüstung kleben bleiben. Ich sage das Maditha und sage auch, dass auf der anderen Seite ein viel lauschigerer Zeltplatz lauert, für den wir aber nochmals zwei Kilometer gegen den Wind und schäumende Brandung fahren müssten, was eben nicht jeder nach der Anstrengung unbedingt möchte. Sie ist sofort einverstanden, noch weiter zu fahren!

Die Brandung ist nicht nennenswert, aber sie schafft es immerhin, mein Cockpit bis zum Anschlag zu fluten. Da Maditha ihrem nagelneuen Boot noch nicht zumuten möchte, auf den Strand zu schrammen, steigt sie vorher im Wasser aus. Ich helfe ihr, das Boot unbeschadet an Land zu tragen.

Der Wind pfeift recht ordentlich - und steht direkt auf den Strand. Aber der Heckenrosenbusch, den ich mir ausgesucht habe, schafft ein vollkommen windstilles Refugium, wo wir unsere Zelte aufbauen können. Man hört hier nur die Wellen auf den Strand donnern, spürt aber absolut keinen Wind. Während wir gemütlich unser Abendbrot einnehmen, setzt sich keine zehn Meter entfernt von uns ein Sperber auf die Paddelwäsche, die Maditha zum Trocknen in die Büsche gehängt hat. Leider flüchtet er irritiert wieder, bevor ich meinen Foto-Apparat in Stellung gebracht habe.

Der Montag Morgen beginnt vollkommen windstill und sonnig - obwohl die Vorhersage ein Abflauen des Windes erst gegen Mittag voraussah und den ganzen Tag keine Sonne scheinen sollte. Da wollen wir uns mal nicht beschweren! 

Nach dem ausgiebigen Frühstück sind wir erst kurz vor elf auf dem Wasser und nehmen Kurs auf Drejö. Als Ziel haben wir uns Lyö gesetzt, denn wir wollen keine so große Strecke mehr vor uns haben, wenn wir morgen gegen den heftigen Wind zurück über den Belt möchten. Außerdem hegt Maditha die ganze Zeit schon den dringlichen Wunsch, ihr Boot komplett bis nach Kiel zurück zu paddeln. Da sie aber schon am Mittwoch wieder dort sein muss, hätte sie nur den Dienstag und allenfalls noch den Mittwoch Morgen zur Verfügung. Sie überprüft ständig, wie weit es bis Kiel ist und welchen Kurs sie bei welchen Windstärken noch fahren kann. Von Lyö über Mommark bis Bülk mit einem kleinen Schlenker in die Flensburger Förde, um dem Westwind Tribut zu zollen, sind es immerhin 80 Kilometer! "Das ist doch eine gute Entfernung!", sagt Maditha! Nun ja, das muss man wollen! Und können! Aber Maditha traue ich das zu. Nur dass sie mit dem Gedanken spielt, am selben Tag auch noch von Bülk nach Kiel rein zu fahren, behagt mir nicht. Die Förde im Dunkeln ist auch mit der zugehörigen Beleuchtung kein Spaß - und ohne wirklich nicht ratsam.

Auf Drejö gehen wir kurz an Land, und ich zeige Maditha den schönen Shelter-Platz. Vielleicht hat sie ja mal Gelegenheit, ihn irgendwann zu nutzen. Der Platz ist von einer Gruppe Fahrrad-Wanderer besiedelt, die aber wohl gerade einen Ausflug zu Fuß machen. Außer ihrer kompletten Ausrüstung und den Fahrrädern ist nichts von ihnen zu sehen. Wir lassen die Ausrüstung mal unberührt, weil wir eh nicht wüssten, wie wir die Fahrräder auf den Booten mitnehmen sollten und machen uns an die Umrundung von Drejö.

Kohlrabi, Messer - Aua!
Unsere Mittagspause machen wir am Südende von Korshavn, dem zweiten Teil von Avernakö. Dort leihe ich Maditha mein Messer, damit sie ihren Kohlrabi schälen kann. Das beschert uns die Gelegenheit, mein wasserfestes Pflaster zum Einsatz zu bringen!

Der Wind ist den ganzen Tag nur ein laues Lüftchen, und ich habe immer wieder gecheckt, wie die Vorhersage für morgen ist. Die ursprünglichen sechs Beaufort sind erst auf vier zusammengeschrumpft und nun sieht es eher nach drei aus. Daher habe ich mir überlegt, dass wir eventuell schon heute die Querung zurück nach Alsen machen könnten. Dann hätte Maditha für ihre Bootsüberführung nach Kiel morgen erheblich gewonnen. Dass sie das Unternehmen angehen würde, steht für mich fest, und wenn sie es schon macht, soll sie wenigstens eine Chance haben, nicht in die Dunkelheit kommen zu müssen. Wir wollen, wie geplant, erst einmal nach Lyö fahren, uns dort in die Augen sehen und dann entscheiden, ob wir heute noch rübermachen.

Wir sind bereits vor halb sechs am Westende von Lyö. Die Entfernung bis zum Übernachtungsplatz Blommeskobbel sind gute elf Kilometer - also etwa knappe zwei Stunden. Wie ich mir das bei Gruppenfahrten angewöhnt habe, versuche ich die Befindlichkeit meiner Mitpaddler zu ergründen, ohne Druck aufkommen zu lassen. Immerhin könnten wir hier den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und direkt unsere Zelte aufbauen. Es besteht also keine Notwendigkeit, weiter zu fahren - ich würde es aber machen, wenn "alle" damit einverstanden sind. Es sind alle damit einverstanden!

Leider kann man mit meiner Navigations-App nicht wirklich gut Peilungen nehmen. Aber ich bin ganz gut darin, eine Peilung einfach von der Karte zu schätzen. Die Richtung zu unserem Ziel schätze ich auf 45 Grad südlicher als West, was 225 Grad entspricht (es sind 221, wie ich später mit meiner richtigen Navigations-App nachprüfe). Zur Sicherheit schnalle ich mir noch mein Handy um den Hals, das durch eine wasserdichte Hülle vor dem Schicksal seines Vorgängers geschützt ist. Damit habe ich mein VHF-Funkgerät, meine Kamera, mein Handy und meine "Blue Bull"-Flasche zwischen Rippen und Schwimmweste stecken. Alles - bis auf die Flasche - mit Benzeln oder Karabiner gesichert. Da ist es beruhigend, ein scharfes Messer griffbereit mitzuführen - und damit selbstverständlich wasserfestes Pflaster in einer der Taschen der Schwimmweste 😎.

Die Überprüfung unseres gesteuerten Kurses mittels Handy-App ergibt, dass wir deutlich nach Norden versetzt werden - warum auch immer. Erst als wir uns auf "den anderen" Wald als anzusteuerndes Ziel einigen, fallen Kurs über Grund und Zielrichtung überein. Um kurz vor halb acht erreichen den Übernachtungsplatz. Es fehlen nur 800 Meter zu einem Tagespensum von 50 Kilometern.

Wegen der schützenden Bäume sind die Zelte am nächsten Morgen praktisch trocken. Das ist auch gut so, denn zwar zeigt sich die Sonne am Horizont, aber sie hat keinen richtigen Wumms, weil ihre Strahlen sich erst durch eine dicke Dunstschicht arbeiten müssen. So schafft sie es kaum, unsere aufgehängte Wäsche zu trocken. Wir sind recht früh aus den Zelten gekrochen und die notwendigen Verrichtungen gehen recht zügig vonstatten, so dass wir bereits um neun Uhr auf dem Wasser dümpeln. Die Entfernung bis zum Hafen von Mommark beträgt gute drei Kilometer - das sollte uns nicht lange aufhalten. Die ursprünglich angesagten sechs Windstärken sind allesamt spurlos verdunstet - es herrscht klassische Flaute!

In Mommark entladen wir mein Boot komplett und Madithas soweit, dass sie nur das absolut Notwendigste übrig behält. Sollte sie in Bülk übernachten müssen, will sie eben im Biwaksack schlafen.

Zum Abschied drücke ich Maditha noch einmal und wünsche ihr eine gute Fahrt. Ich weiß aber, dass sie die optimalen Bedingungen hat - und den notwendigen Willen, ihr Boot nach Kiel zu paddeln!

Unterwegs haben wir festgestellt, dass ich genau so  alt bin wie ihr Vater! Wie schön, wenn die Begeisterung für das Paddeln zwei so weit entfernte Generationen zusammenbringt und beiden eine so schöne Fahrt beschert!

... nur noch 72 Kilometer!