Sonntag, 23. Juli 2017

Nordsee für Einsteiger 2017

Dieses Jahr war es schwierig, einen Termin für meine Nordseetour zu finden. Die Tide stand einfach immer ungünstig. Dieses Wochenende stellte noch den akzeptabelsten Kompromiss dar. Wie immer habe ich meinen (diesmal drei) Begleitern unter anderem die Aufgabe gestellt, den Zeitpunkt für ein Treffen am Bootshaus zu ermitteln, der gerade noch ein geregeltes Ankommen auf Hooge gewährleistet. Maditha hielt sich bei der Beantwortung der gestellten Fragen noch etwas zurück, aber Olav und Jörg haben beide übereinstimmend einen Zeitpunkt ermittelt, der bereits am Freitag Vormittag liegen müsste. Da Olav mit viel Stress frühestens um 14 Uhr am Treffpunkt auflaufen könnte, sah er seine Teilnahme schon nachhaltig gefährdet.

Die Vorbesprechung musste während des gemeinsamen Grillens mit dem Nachbarverein stattfinden, weil natürlich immer alle Termine grundsätzlich auf Kollision gebürstet sind! Hier habe ich dann die durchaus korrekten Ausarbeitungen, Überlegungen und Bedenken der Mitpaddler aufgenommen, kommentiert und so korrigiert, dass alle teilnehmen können. Wenn wir uns um 13 Uhr treffen und Olav sein Gepäck schon vorher in der Halle deponiert hat, können wir die Autos so beladen, dass er noch fünf Minuten hat, um sein Fahrrad abzuschließen und wir um 14:05 Uhr starten können.

Die Ankunft auf Hooge habe ich dabei so berechnet, dass sie auf eine halbe Stunde nach Niedrigwasser fällt. Da das Wasser immer noch ca. eine halbe Stunde nach Tidenkipp nachläuft, sollte das kein Problem sein - im Gegenteil, dann ist das Wasser am Leitdamm eventuell sogar schon wieder ein paar Zentimeter gestiegen, was den Ausstieg eher erleichtern würde.

Auch der Zeitpunkt, wann wir am nächsten Tag aufbrechen und vor allem aufstehen müssten, um bei Tidenkipp an der Pallas einzutrudeln, trifft auf das Veto von Olaf. Um drei Uhr nachts möchte er nicht aufstehen! Die beiden anderen sind durchaus bereit, für eine besondere Aktion auch besondere Opfer zu bringen, aber ich zeige ihnen kurz ein paar Bilder von Steffen und Johanna aus dem letzten Jahr, als wir zwar erst um fünf Uhr aufstehen mussten, die Augen aber trotzdem kaum aufgehen wollten. Zum Glück kommt Birke, die als eigentlich Unbeteiligte daneben sitzt, auf die Idee, dass es ja immer zwei Niedrigwasser am Tag gibt! Sofort erhellt sich Olavs Mine wieder!

In Schlüttsiel wähle ich gleich die nördliche, kleine Rampe, um dort unsere Boote zu beladen. Das Wasser ist allerdings bereits zu Beginn unserer Aktion unter die abschließende Betonkante gesunken. Als ich nach dem Packen nachsehe, ob wir hier die Boote ins Wasser bekommen, muss ich feststellen, dass die Kante so glibschig ist, dass es viel zu gefährlich wäre, sie zum Einsetzen zu benutzen. Wir weichen auf den benachbarten Seglersteg aus. Hier steht das Wasser gerade noch soweit über dem Schlick, dass unsere Boote knapp schwimmen. Obwohl wir in rekordverdächtiger Zeit gepackt haben, hätte es auch keine Minute länger dauern dürfen, sonst wären wir für die nächsten acht Stunden nicht aus dem Hafen gekommen.

Wegen unseres knappen Zeitplanes will ich gar keine Sperenzchen machen und auf dem kürzesten und direktesten Weg nach Hooge fahren. Nachdem wir den Hafen gut hinter uns gelassen haben, erkläre ich die sichtbaren Erscheinungen am Horizont: Oland, Langeness und Gröde sind gut zu sehen, Pelworm zu erahnen und Föhr nur mit Mühe von Langeness zu unterscheiden. Es ist allen unmittelbar einsichtig, dass die Orientierung hier grundsätzlich schwieriger ist, als z.B. auf der Kieler Förde, wo man immer einen untrüglichen Anhalt für die Richtung hat, in die man gerade blickt. Maditha hat keinen Kompass auf ihrem Schiff und ihre Seekarte ist so weit vorne, dass es ihr manchmal schwer fällt, unseren Kurs zu verfolgen.

Wir nutzen die Tour von Anfang an auch zum Erlernen neuer bzw. zur Rettung vom Untergang bedrohter Wörter : Gleich hinter dem Schlüttsieler Hafen ist eine Schute zu sehen, die bis oben in voll mit Faschinen beladen ist. Die Faschinen werden in den Lahnungen verbaut, die den vom auflaufenden Wasser angeschwemmten Schlick einfangen sollen.

Die Sicht ist blendend und es dauert nicht lange, bis das gelbe Portal des Fähranlegers von Hooge in Sichtweite kommt. Allerdings ist - vorerst noch nicht allen - klar, dass es gewaltig über den Horizont gehoben wird, denn von den benachbarten Warften ist noch nicht das Geringste zu sehen.

Es herrscht fast Flaute, so dass wir recht gut voran kommen. Leider gibt es aber kaum mehr Strom, so dass eine Übung, dass Fahrwasser von einer Tonne zur gegenüberliegenden zu kreuzen, nicht den beeindruckenden Effekt hinterlässt wie sonst. Dafür beeindruckt die Heckwelle der "Adler-Express" umso mehr. Die Fähre hatte sich eine Weile am Anleger gemüht, aus dem Schlick freizukommen und ist dann mit der ihr eigenen knapp unter der Schallgrenze liegenden Geschwindigkeit abgebraust. Ihre Heckwelle arbeitet sich ca. fünf Minuten lang unsichtbar auf uns zu. Keine zwanzig Meter neben uns baut sie sich zu einer beeindruckenden Höhe von einem halben Meter auf, um dann krachend in sich zusammenzubrechen! Hätten wir gerade in diesem Moment die Sandbank gequert, die die Welle so aufsteilen ließ, wäre das durchaus interessant geworden!

Genau zum Zeitpunkt des Niedrigwassers erreichen wir den Leitdamm des Hooger Segelhafens. Da besteht keine Chance, noch näher an das Schleusentor heranzukommen. Das Watt östlich davon ist durchgehend fest, so dass man es ohne weiteres mit den Bootswagen überqueren könnte. Aber dann müsste man die Boote noch eine ziemliche Strecke um den gesamten Hafen herumbollern. Also erkunde ich das Watt westlich der Einfahrt und befinde es für passierbar. Lediglich an einer Stelle, an der das Wasser durch die Lücke einer Steinlahnung fließt, ist der Schlick knöcheltief. Olav und Jörg tragen ihre Boote über diese 20 Meter weite Stelle, während ich Maditha helfe, ihr Boot einfach über die Barriere zu hieven. Mein eigenes ziehe ich dann alleine durch den Schlick. Die letzten Meter vom Deichfuß bis zum Rasen des Zeltplatzes hilft uns der örtliche Krabbenfischernachwuchs beim Tragen.

Es stehen bereits ein halbes Dutzend Zelte auf der Wiese, und da wir die Bootswagen noch unter unseren Schiffen haben, rollern wir sie kurzerhand über die Hafenbrücke zur Wiese, auf dem das Stelzenhaus steht. Aber ein freundlicher Eingeborener macht uns darauf aufmerksam, dass hier keineswegs freie Platzwahl gilt, sondern man sich erst nachdem die erste Wiese überquillt, auf der zweiten breit machen darf. Das trifft sich gut, denn sonst hätte ich die unangetastete Flasche Rotwein auf dem Zeltplatz nie gefunden!

Olav und Maditha hatten sich schon vorher bereit erklärt, für ein gemeinsames Abendessen zu sorgen. Sie schnibbeln Unmengen von Zwiebeln, Paprika und sonstigem Gemüse in der Abendsonne. Wir sind alleine auf der Zeltwiese, vermutlich sind die Bewohner der anderen Zelte irgendwo auf der Hallig unterwegs zwecks Bewegung, Kulturprogramm oder um schlicht irgendwo Abendessen zu peseln. So verbringen wir den Abend gemütlich in lauer Luft auf dem Deich sitzend, heißen Kakao und gefundenen Wein trinkend, damit, der Sonne beim Untergehen zuzusehen.

Da uns das Programm für Samstag frühestens am späten Nachmittag aufs Wasser zwingt, nutzen wir diese gute Gelegenheit, ausgiebig auszuschlafen. Unsere Nachbarn, eine Truppe unter der Leitung eines der vielen anderen Matthiasse, die sich regelmäßig auf der Nordsee tummeln, haben es nicht so gut. Sie müssen schon recht früh in die Boote und Richtung Pelworm aufbrechen. Schließlich haben sie eine Tour bei Seakayaking Germany gebucht, die vom Wetter bislang arg gebeutelt worden ist und müssen für ihr Geld Erlebnisse einfahren. Außer ihnen ist auch noch ein Pärchen aus Preetz mit uns. Sie wollen heute nur bis Oland fahren und dann am Sonntag von dort aus nach Schlüttsiel zurück.

(Wenn die Beteiligten sich wiedererkennen - bitte melden)
Mir fällt mal wieder auf, dass viele auch im Sommer im Trockenanzug unterwegs sind, das scheint heutzutage fast der Standard zu sein. Da hat sich in den vergangenen zehn Jahren wirklich viel getan - damals waren Trockenanzüge noch die absolute Ausnahme und eher nur bei den notorischen Auch-bei-Sauwetter-Paddlern anzutreffen. Vermutlich ist es gut so, und auch ich bin froh, dass ich bei Bedarf auf eine solche Rüstung zurückgreifen kann. Aber den sehe ich für mich meistens nur bei mehrtägigen Touren im Winter gegeben. Oder beim Brandungspaddeln im Spätherbst. Selbst wenn ich im Winter nur eine kurze Tour mache, ist mir mein Long-John mit ausreichend pummeligem Vlies meist genug Komfort. Vor Kenterungen in dieser Montur bei arktischen Bedingungen habe ich keine Angst, das habe ich oft genug gemacht und zudem ein gutes Vertrauen in meine Rolle. Ansonsten fühle ich mich im Trockenanzug eben genau so: wie in eine Rüstung gezwängt. Und bei zwanzig Grad Luft- und Wassertemperatur komme ich mir mit meinem Neo-Shorty vor, als würde ich im Cabrio durch die Landschaft fahren - da möchte ich  nicht in einer geschlossenen Kabine vergleichbar der eines Londoner Taxis sitzen.

Um die freie Zeit zu nutzen, wollen wir ins Lichtspielhaus auf der Kinowarft. Die Wanderung dahin bringt uns an der Kirche vorbei, die wir eingehend besichtigen. In ihrer Kleinheit und Verlorenheit macht sie die Zerbrechlichkeit und das Ausgeliefertsein der Hallig und ihrer Bewohner den Elementen und damit Gott gegenüber direkt fühlbar. Wenn man sich vorstellt, wie wenige Meter hinter einem wütende Wellen einer tosenden Sturmflut gegen den kleinen Deich um die Warft peitschen, wie fauchende Gischt gegen die wackelnden Fenster prasselt, dann braucht es nicht viel, dass man sich vorstellen kann, wie man vor dem Altar auf die Kniee sinkt und im Geiste nach einem verschütteten Gebet sucht.

In der Zeit, die uns noch bis zum Beginn der "Sturmflutfilmvorstellung" im Halligkino bleibt, erkunden wir noch die zugehörige Warft, die statt "Kinowarft" auch manchmal auch ganz unromatisch Hanswarft genannt wird. Hier gibt es noch einen Feting, der früher für die Versorgung des Viehs mit Trinkwasser genutzt wurde. Als Trinkwasser für die Menschen wurde das Regenwasser von den Hausdächern gesammelt. Erst seit 1968 gibt es auf Hooge eine Wasserleitung, die verlässlich Süßwasser vom Festland liefert.

Die Filmvorführung besticht vor allem durch die unvergleichliche Kommentarstimme, in der sich die Mentalität der Eingeborenen eindringlich wiederspiegelt. Danach ist der obligate Besuch im Pesel auf der Backenswarft fällig. Dass ich sonst hier immer erst abends einkehre, merke ich erst, also ich das Lammfilet vergeblich auf der Speisekarte suche. "Das gibt's erst nach 18 Uhr!" werde ich enttäuscht. Ein herber Tiefschlag! Ich weiche aus auf Matjesfilet mit Bratkartoffeln.

Wegen der unklaren Wetterlage - es war immer von Gewitterneigung die Rede - hatte ich den Besuch der Pallas schon frühzeitig abgesagt. Aber wir wollten dennoch wenigstens eine kleine Tour machen und die Nordsee spüren. Um 18 Uhr machen wir uns zu einem kleinen Dreieckskurs auf, der uns zuerst zum Jappsand führt, dann nach Langeness und schließlich genau quer zum Tidenstrom vor dort wieder zurück nach Hooge. Auch wenn das nicht mal 10 Kilometer waren, konnte man hier doch (fast) alle typischen Gebaren der Nordsee erleben: spiegelblanke See, pilzendes Wasser, bremsende Flachs und Wellen gegen Strom. Auch das Zufahren auf die Hooger Hafeneinfahrt war lehrreich, weil wir einen beträchtlichen Versatz durch die Strömung kompensieren mussten.

Auch die Rückfahrt am Sonntag liegt zeitlich in christlichen Regionen: So gegen zehn Uhr dümpeln wir im trüben Wasser der Hafeneinfahrt. Maditha soll versuchen, uns auf dem einfachsten Wege wieder zurück zu unserem Startort zu bringen. Ich muss nur einmal eingreifen, weil sie etwas zu lange hinter einem Krabbenkutter hinterher fährt, der ihr leider die Sicht auf die korrekten Tonnen nimmt. Wäre sie den von ihr ins Auge gefassten gefolgt, wären wir auf Pelworm angekommen.

Auch wenn sich die Nordsee an diesem Wochenende nicht besonders besonders gezeigt hat und wir die Pallas wieder einmal nicht erreicht haben, hat die Tour doch bei allen Beteiligten die Faszination für diese Landschaft entweder aufgefrischt, vertieft oder gar neu geweckt. Ich freue mich schon darauf, im nächsten Jahr wieder hierher zu kommen.

GPSDaten hier!

Sonntag, 26. März 2017

Zelt und Schlafsack? Hoffnungslos überbewertet! (3/3)

Da wir heute eine erkleckliche Strecke bewältigen müssen, haben wir uns vorgenommen, früh aufzustehen und um 9 Uhr auf dem Wasser zu sein. Bis nach Fynshav sind es fast dreißig Kilometer, und die zurückzulegen, dauert seine Weile. Es ist wieder leidlich frisch heute Morgen und diesig, so dass die Sicht nicht sonderlich weit reicht. Aber es ist windstill - absolut windstill!

Es steht nichts mehr auf dem Programm, was wir erledigen müssten. Da Trenk mich davon überzeugen konnte, dass ich meine Paddelstulpen gar nicht mit auf die Tour genommen sondern sie im Auto gelassen habe, müssen wir auch nicht mehr Lyö anlaufen um nachzusehen, ob ich sie dort liegen gelassen habe. Das einzige, was es zu bewältigen gibt, sind die 30 Kilometer bis zu unseren Autos. Ich nehme erstmalig auf dieser Tour mein GPS zu Hilfe, um die Peilung auszumessen, denn wir wollen direktemong fahren. Im Rahmen unserer Navigationsgenauigkeit ist das 270 Grad, oder anders gesagt, genau West. Das ist einfach zu steuern und erleichtert das Kurshalten. Aber die Angelegenheit wird eine gute Übung in Geduld werden, denn es  wird sich über gute vier Stunden nichts ändern und wegen der trüben Sicht und des großen Abstandes zum Ufer auch dem Auge kein Reiz bieten. Am Ende des Tages wird eine "270" fest auf meiner Netzhaut eingebrannt sein!

Die erste Abwechslung ergibt sich, als ich nach zwei Stunden mitten auf dem kleinen Belt meine Pause einfordere. Ich mache immer nach zwei Stunden eine Pause und schließlich habe ich meine Stulle geschmiert, die vor Ankunft gegessen sein will! Die nächste Abwechslung folgt, als sich das Wetter ziemlich unvermittelt und ziemlich durchgreifend "bessert". Die Sonne bricht durch und bald ist der Himmel mehr Blau als Weiß. Allein, wir wissen nicht, ob wir uns darüber freuen sollen. Jedesmal, wenn die Wolken die Sonne freigeben und sie ungehindert auf uns niedersengt, geht meine Lust, das Paddel beherzt und mit Druck durchs Wasser zu ziehen, gegen Null. Immer, wenn sich eine Wolke vor den Heizstrahler schiebt, fällt es mir erheblich leichter, das Tempo zu halten. 

Apropos Tempo: Flaute, volle Boote, 28 Kilometer - 7,4 km/h - brutto, ohne die Pausen herauszurechnen. Der Rückenwind gestern hat also ganze 0,2 km/h gebracht! Unterm Strich muss ich sagen, dass ich meine Formkrise, in die mich dieser Winter gestürzt hat, ziemlich gut überwunden habe.

Die gesamte Tour
Und unterm Strich hat sich das Fehlen meines Schlafsacks und die Nicht-Einsetzbarkeit meines Zeltes überhaupt nicht genussmindernd bemerkbar gemacht. Allen auf den Inselchen verteilten Hütten und Gegenständen, die das möglich gemacht haben, sei Dank - vor allem aber der Tatsache, dass Trenk seinen Sommerschlafsack mitgenommen hat!

Samstag, 25. März 2017

Zelt und Schlafsack? Hoffnungslos überbewertet! (2/3)

In der unentschiedenen Phase zwischen Noch-Nicht-Wachsein und Nicht-Mehr-Tiefselig-Schnorcheln dringt ein permanentes Tackern an ein Ohr. Ich gebe mir große Mühe, es zu ignorieren. Aber es lässt mir keine Ruhe, dass ich dem Geräusch so gar keine Ursache zuordnen kann. Dass Trenk es im Kopf gekriegt hat und aus lauter Langeweile die Holzbänke in der Hütte mit Polstern betackert, ziehe ich nur kurz in Erwägung - das ist schließlich so gar nicht seine Art. Es ist gegen sieben Uhr und damit für Urlaub eindeutig zu früh zum Aufstehen - zumal ich ja nicht friere. Andererseits ist es bereits hell und das mit dem Ignorieren des stetigen "tackack"s funktioniert auch nur semi-optimal. Als ich schließlich Trenks Schritte draußen höre, trete ich auch vor die Tür meiner Schlaf-Sauna.

Das Tackern ist weg. Die einzig weltliche Erklärung, die mir einfällt, ist ein Vogel, der vielleicht auf dem Dach nach irgendwelchen Körnern gepickt und uns damit den Schlaf geraubt hat. Mein erster Gang geht zum Wasser, um das überschüssige zu lassen und das andere zu begutachten. Es ist Wind aufgekommen - genau wie in der Vorhersage angegeben und genau aus der richtigen Richtung! Unsere Sachen sind über Nacht wenigstens nicht feuchter geworden und gestern haben wir ja auch nicht übermäßig geschwitzt. Beim Zusammenpacken und Wiederherrichten des Holzschuppens klauben wir eine Reihe von liebevoll bemalten Steinen und Muscheln aus dem Gras. Wir drapieren sie etwas repräsentativer auf der Bank vor der Hütte.

Das Packen geht heute doppelt zügig bei mir, denn ich muss ja weder mein Zelt abbauen noch meine Isomatte einrollen! Geduldig warte ich, bis auch Trenk endlich fertig ist. Er hatte heute Nacht etwas Probleme mit seiner Downmat: im Laufe der Zeit hat sie Luft verloren, so dass er am Ende mit der Hüfte auf dem blanken Boden aufgesetzt und die Kälte dadurch übermäßig ins Gemark gekrochen ist. Aber dagegen hätte vermutlich auch sein Sommerschlafsack nicht wirklich geholfen. So war der doch besser bei mir aufgehoben!

Das Wetter ist nicht wirklich klar, aber auch nicht trübe. Es weht mit fünf bis sechs Metern pro Sekunde aus West und wir wollen nach Osten. Die neuen Shelter auf Drejö sind unser Ziel - nicht etwa weil ich kein Zelt mit habe, sondern weil sie uns natürlich brennend interessieren! Wir fahren mehr oder weniger schnurgerade dahin. Wir können sogar den einen oder anderen Surf mitnehmen, aber unsere vollbeladenen Booten agieren halt nicht besonders leichtfüßig. Trenk fährt heute einen "Latitude" von Nigel Dennis. Unter Fachleuten nennt man so etwas "Bulk Carrier". So gestaltet sich unsere Geschwindigkeit nicht besonders beeindruckend: 7,6 km/h im Schnitt. Das ist nicht schlecht, aber die 7,2 km/h von gestern haben wir bei Flaute ohne die geringste Anstrengung hinbekommen, während wir heute zwar Rückenwind haben, aber trotzdem erheblich mehr ins Schwitzen kommen. Zugegeben, wir fahren heute die doppelte Strecke, aber es zeigt sich immer wieder, dass Rückenwind gar nicht so viel bringt, wie man vermuten möchte.

Um halb eins haben wir unser Ziel erreicht, aber Trenk fragt gleich, ob das nur eine erste Etappe war, der wir vielleicht noch weitere folgen lassen möchten. Ich verspüre gerade keinen so übermäßigen Drang, noch "mal eben nach Skarö" und vor allem wieder zurück zu paddeln. Wir könnten noch nach Avernakö fahren, dann hätten wir am letzten Tag eine nicht ganz so weite Strecke zu bewältigen. Aber heute soll der Wind den ganzen Tag stramm aus Westen blasen, so dass Avernakö eine rechte Schinderei wäre. Morgen hingegen soll wieder absolute Flaute herrschen, was einen deutlich geringeren Aufwand bedeuten würde. So einigen wir uns darauf, die Trockenanzüge auszuziehen und auf Entspannung zu schalten.

Die erste Begehung des Platzes zeigt ein üppiges Angebot: Da ist ein geräumiger Esszimmershelter mit solidem Holztisch, ein Toilettenshelter, zwei Schlafshelter und ein  leider verschlossener Sauna-Shelter. Sogar einen Abfalleimer gibt es - fehlt eigentlich nur ein Frischwasseranschluss zum Fünf-Sterne-Übernachtungsplatz! Wir speisen die aufgehängte Blechbox mit dem nötigen Obulus, denn wir möchten, dass so eine tolle Idee auch weiter unterstützt wird.

Während ich schon mal eine Vorerkundung der Insel unternehme, haut Trenk sich eine Weile aufs Ohr. Später umrunden wir die Hälfte der halben Doppelinsel und sind ganz begeistert, dass es auf diesem Eiland sage und schreibe drei Übernachtungsplätze gibt: einen im neuen Segelhafen, einen im alten und den Shelter-Platz. Eigentlich ein idealer Standort für einen längeren Kajak-Urlaub, denn hier ist man genau mitten im südfünschen Inselmeer! Außerdem gibt es auf der Insel so viele Wegweiser, dass sich sogar Blinde hier nicht verirren könnten!

Zum Abendessen spendiert Trenk Eierpfannkuchen, die wir mit Kirsch-Brombeermarmelade von mir bestreichen. Ich habe mir extra nur einen Teil meiner Bratkartoffeln gemacht, damit ich mehr Platz für den Nachtisch habe!

Freitag, 24. März 2017

Zelt und Schlafsack? Hoffnungslos überbewertet! (1/3)

Lange habe ich diesem Tag entgegen gefiebert! Habe mich gefreut, mal wieder raus zu kommen, nach allzu langer Zeit mal wieder mit Trenk zusammen auf Tour zu gehen, mal wieder meine Wangen nur durch einen Zeltboden getrennt an die geliebte Welt zu schmiegen! Und dann die Wettervorhersage! Als unser Wochenende bei Windfinder in den Vorhersagefokus rückte, sah es noch zu schön aus, um wirklich wahr sein zu können: Freitag absolute Flaute und Samstag und Sonntag mäßige Winde bei durchgehend gutem Wetter! Zwar zappelte die Vorhersage in den folgenden Tagen noch ein bisschen hin und her, aber die vom Freitag Morgen hätten wir uns nicht besser aussuchen können!

Mit bekannt-berüchtigt knappen Worten erfolgte die Abstimmung - lieber spontan und aus dem Bauch heraus improvisiert als geplant und aus dem Internet heraus irgendwelche Shelter im Voraus gebucht. Freitag 16:15 Uhr Fynshav, Richtung Ost - und gut is!

Da ich einerseits mittlerweile ein richtiger Profi bin, was Tourendurchführung und Vorbereitung angeht, und ich andererseits nicht erst auf den letzten Drücker packen und dann die Hälfte vergessen will, sammele ich meine Ausrüstung immer schon Tage vorher zusammen auf einen - oder besser gesagt ziemlich viele Haufen. Schon beim Wegräumen meiner Sachen nach der vorherigen Tour achte ich peinlich darauf, alle Gegenstände immer am selben Ort zu lagern und zwingend zusammengehörende Elemente auch so wegzupacken, dass sie eine Einheit bilden: der Brenner ist grundsätzlich im Kocher deponiert, das gesamte Küchenzubehör im Kochbeutel, wobei Verbrauchsmaterialien (wie Salz, Zucker, Öl ...) immer sofort nach der Tour wieder aufgefüllt werden. Tarp mit Stangen und Heringen werden in einem Beutel untergebracht ebenso wie Zelt, Gestänge und Unterlage. Mein ausgeklügeltes System reicht so an den Sicherheitsstandard von Atomkraftwerken.

Trenk ist schon da, als ich - mit dem akademischen Viertel Verspätung, das ich in Kiel im Stau verdödelt habe - in Fynshav eintrudele. Wir sind beide euphorisch wegen der Vorfreude und des tollen Wetters. "Und heute Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, waren die Felder noch richtig dick mit Raureif überzogen!", sage ich. "Deshalb habe ich diesmal sogar noch meinen Sommerschlafsack zusätzlich mitgenommen!", entgegnet Trenk. Bei der Erwähnung des Wortes "Schlafsack" wird mir augenblicklich und vollkommen unromantisch klar, dass ich meinen bauschigen Begleiter nicht eingepackt habe! Das einzige Ausrüstungsstück, dass ich nicht im "Paddelkeller" lagere, sondern im Schlafzimmer! Kein Wunder, dass dauernd irgendwelche Atomkraftwerke explodieren! Naja, dann muss man eben improvisieren - und zur Not mal frieren, was ist schon groß dabei? Und außerdem habe ich eine Fliesdecke mit! Damals - auf der Flucht - hatte man auch nicht mehr!

Das erste Ausrüstungsteil, dass ich ins Boot packe - hinter den Skeg-Kasten, wo man kaum noch hinlangen kann - ist mein Zeltgestänge. Das ist ja nach meiner ausgeklügelten Packstrategie in der Wurst des Zeltstoffes eingewickelt. Die Wurst fühlt sich aber bedrohlich schlapp an! Da ist nix, was einem Knicken entschiedenen Widerstand entgegensetzen würde! Eine halbe Sekunde ungläubiges Zweifeln - dann ist mir augenblicklich und vollkommen unromantisch klar, dass ich das Gestänge nicht dabei habe! Eigentlich eher verwunderlich, dass Atomkraftwerke nicht noch öfter explodieren! Naja, dann muss man eben improvisieren  - und damals - auf der Flucht ...

Das Wasser ist sowas von unbewegt, wie es unbewegter nicht sein kann. Fast hat man Angst die glatte Fläche mit dem Paddel zu zerstören. Aber wenn wir voran kommen wollen, dürfen wir da nicht zimperlich sein. Und wir kommen gut voran! Um kurz nach fünf sind wir auf dem Wasser - und um halb sieben laufen wir bereits im Getränkekistenhafen auf Lyö ein. Dazwischen werden wir mehrfach von einem vierköpfigen Schwarm von Tordalken umschwirrt, der immer genau dann auftaucht, wenn man es nicht erwartet und die Kamera gerade nicht einsatzbereit hat! Mir fällt auf, dass wir sonst hier eher immer in totaler Dunkelheit unterwegs waren und deswegen keine Seevögel gesehen haben. Heute herrscht in dieser Hinsicht recht große Geschäftigkeit. Außer den Tordalken sehen wir natürlich jede Menge Eiderenten, aber auch Eisenten und Samtenten.

Unsere schon lieb gewonnene Holzhütte können wir diesmal noch bei Tageslicht so herrichten, dass wir sie als Aufenthaltsraum nutzen können. Auch sind die Bänke darin diesmal längst nicht so lieblos angeordnet wie sonst schon. Die Nudel-Bolognese-Kombi, die ich diesmal zum Ausprobieren mitgenommen habe, ist geschmacklich leider nicht empfehlenswert, von der Menge her aber so viel, dass mir hinterher fast schlecht ist, als ich sie verputzt habe.

Für die Nacht richte ich mir die "Sauna" her. Das ist ein Raum in der Holzhütte, in dem tatsächlich ein Saunaofen steht, und der wenigstens etwas gegen den Rest der Welt abgedichtet ist. Leider sind die Bänke dermaßen schmal, dass man unter keinen Umständen darauf schlafen kann, ohne herunter zu fallen. Eine eingehende Begehung des Geländes bringt allerlei Materialien zum Vorschein, mit denen ich dem Missstand abhelfen kann. Da Trenk mir außerdem seinen Sommerschlafsack überlassen hat, steht einer muckeligen Nacht nichts mehr im Wege! Allerdings ist zwischen meinen Wangen und meiner geliebten Welt nun doch mehr als ein dünner Zeltboden!

Samstag, 18. März 2017

Huiuiui!

Ende des Monats will ich mit Trenk übers Wochenende auf Tour gehen. Da ich diesen Winter extrem wenig auf dem Wasser war (ich bin in der vereinsinternen Kilometerliste gerade eben noch unter den Top-Ten!), versuche ich, in den vergangenen Wochen wieder etwas regelmäßiger zu trainieren.

Heute Morgen bedarf es aber einiger abstrakter Gedanken, die Notwendigkeit, aufs Wasser zu kommen, so zwingend zu begründen, dass ich mich trotz lausiger Temperaturen, frischen Windes und dazugehörigen Regens auf den Weg zur Bootshalle mache.

Die dort bereits versammelten Polospieler sind allesamt in ihre Smartphones vertieft, um die nächstgelegene Sauna ausfindig zu machen, in die sie sich statt eines Trainings zurückziehen können. Wenigstens komme ich dadurch in den Genuss, dass ich die Reifen des Bootswagens mit Martins Luftpumpe aufpumpen kann und Lennard mein Boot mit mir zum Steg runter trägt.

Dass ein leicht nördlicher, vor allem aber westlicher Wind wehen würde, hatte ich vorher schon auf Windfinder gesehen. Also bleibe ich erst einmal auf dem westlichen Fördeufer, damit ich zuerst den Schutz des Düsternbooker Hügels ausnutzen und später einen leichten Schub auskosten kann.

So nördlich, dass der Wind Schub gemacht hätte, kommt er dann leider doch nicht. Es ist eher genau querab, was dazu führt, dass ich beim Kreuzen des Fahrwassers mächtig versetzt werde. Aber das ist kein großes Problem, denn dadurch bin ich eher schneller am anderen Ufer als entlang meines Plankurses. Wenn ich über die freie Wasserfläche in Richtung Friedrichsorter Leuchtturm blicke, sind da viel mehr weiß brechende Wellen zu sehen, als in meiner unmittelbaren Umgebung. "Da wird wohl gerade eine heftige Bö durchgehen", denke ich mir, "aber die wird sich schon wieder beruhigen".

Ich bin mir nicht sicher, ob kurz darauf der Wind auch in meiner unmittelbaren Nähe deutlich stärker geworden ist, oder ich nur mittlerweile in das Gebiet mit strammerem Wind gelangt bin - unter Strich ist es einerlei: es schäumt und schwallt um mich herum, dass ich mich wirklich konzentrieren muss. Meine schrillgelbe Schirmmütze macht mir etwas Sorgen. Sie sitzt zwar eigentlich wunderbar sicher am Kopf, aber dieser Wind hier ist doch eine Nummer zu viel, als dass ich mir sicher sein könnte, dass sie unter allen Umständen bei mir bleibt. Ich muss mir unbedingt eine Sicherungsleine dafür zulegen. Meinen Versuch, sie durch das Aufsetzen meiner Kapuze am Wegfliegen zu hindern, muss ich beinahe mit einem unfreiwilligen Bad bezahlen: Zum Anfassen der Kapuze muss ich eine Hand vom Paddel lösen, was der Wind sofort ausnutzt, um wild daran zu zerren. Dadurch taucht es unkontrolliert auf der Lee-Seite unter Wasser, was wiederum mörderisch bremst und keinen guten Einfluss auf meine Balance hat. Ich lasse die Sache mit der Kapuze erst einmal auf sich beruhen und halte den Schirm der Mütze möglichst weit nach unten geneigt.

Es sieht irgendwie überhaupt nicht danach aus, als wenn der Wind nur kurz aufgefrischt sei und sich demnächst wieder beruhigt. Eigentlich sieht es eher so aus, als wenn der Wind stetig zunimmt. Ich habe keine Sorgen, dass ich in eine Notsituation kommen könnte, schließlich bin ich auf der Ostseite des Fahrwassers und würde irgendwann einfach ans Ufer gespült. Aber an meinen ursprünglichen Plan, wie üblich zur Tonne 12 zu fahren, glaube ich nicht mehr wirklich. Die Wellen vor der Spundwand, die den Möltenorter Hafen einsäumt, spritzen über die Hafenmauer und davor bildet sich ein wild klapotierendes Inferno. Da möchte ich nicht wirklich hindurch fahren.

Also peile ich das südliche Ende des Hafens an, wo sich zwischen Hafenmauer und Ufer ein kleines Dreieck bildet, in dem es nicht so schauderlich schäumt und spritzt. Ein Fahrradfahrer am Ufer hält an und beobachtet mich eine Weile. Vielleicht nutzt er auch nur die Gelegenheit, etwas zu verschnaufen, denn er muss sich auch gegen den Wind plagen. Ob er innerlich den Kopf darüber schüttelt, dass man bei solchen Bedingungen unbedingt paddeln muss, kann ich nicht erkennen.

In den paar Minuten, die ich im fast friedlichen Dreieck damit verbringe, nicht auf die seitliche Steinschüttung gespült zu werden, gewinne ich den Eindruck, dass die Windstärke hier keine kurzfristige Erscheinung ist, sondern dass ich mich mit ihr für den Rest meiner Tour arrangieren muss. Die Tonne 12 lasse ich mal, wo sie ist und mache mich stattdessen auf den Rückweg.

Die Heikendorfer Bucht zu queren, ist kein großes Kunststück, allerdings fahre ich wegen der erheblichen Abdrift eine ziemliche Hundekurve. Kurz vor Kitzeberg liegen die zwei "Übungsfelsen", die nur leicht aus dem Wasser ragen, und ich bin mir nicht sicher, wo genau sie sich befinden. Das macht es erst etwas spannend, aber schließlich erkenne ich sie doch deutlich und komme ungefährdet an ihnen vorbei. Die Frage von vorhin, ob der strammere Wind eine örtliche oder zeitliche Ursache hatte, kann ich mittlerweile eindeutig beantworten: auch südlich von Kitzeberg schäumt es nun frohgemut vor sich her. Die beiden Spundwände vor dem Mönkeberger Segelhafen und dem Ölberg sehen nicht so aus, als wenn ich davor entlang paddeln möchte. Ich fahre kurzzeitig direkt auf das gegenüberliegende Ufer zu, bis ich es mir anders überlege und erst einmal durch den Mönkeberger Hafen fahre. Dort habe ich Windschutz und bin danach schon wieder ein Stückchen weiter und kann dann immer noch die Förde direkt queren und so dem Ölberg entgehen.

Die Durchfahrt unter dem flachen Steg hindurch ist bei dem herrschenden Wind und Seegang nicht einfach, aber ich bekomme es hin, ohne mit dem Kopf gegen die Querträger zu dengeln. Im Hafen sieht man die Wellen von außen über die Hafenmauer spritzen - gut, dass ich hier drinnen fahre! Am Hafenausgang hat man einen prima Blick auf die hohe rostige Spundwand des Ölberges. Bei 20 Grad Wassertemperatur würde ich die Gelegenheit gerne nutzen, durch das Wellenchaos davor zu fahren. Heute eher nicht.

Ich visiere das Maritim am anderen Ufer an und zentimetere mich ihm entgegen. Bis zur roten Fahrwassertonne spürt man immer noch die reflektierten Wellen, die auch hier eine erhöhte Konzentration erfordern. Danach lassen Anspannung und Anstrengung nach. Zwar bin ich mit meiner Kondition weit von irgendeinem Zenit entfernt, aber ich bin doch ganz zufrieden, dass ich mich in diesen Bedingungen zwar nicht gerade wohl aber auch keinesfalls unwohl gefühlt habe. Aber auf der Tour mit Trenk möchte ich solche Verhältnisse nicht haben! Sonst müssen wir uns eine geeignete Sauna als Alternativprogramm suchen!
Innerhalb der eingerahmten Zeit war ich unterwegs

Sonntag, 30. Oktober 2016

Planung per Zufall

Im vergangenen Herbst hatte Trenk es nicht geschafft, Zeit für eine gemeinsame Tour mit uns zu erübrigen. Damit das dieses Jahr nicht wieder schief geht, haben wir bereits im Frühjahr das letzte Wochenende im Oktober als gemeinsamen Tourtermin festgenagelt. Eine knappe Woche vorher haben wir mit ebenso knappen Worten die letzten Details geklärt: wann und von wo los und wo hin? Alles war geregelt und alle voller Vorfreude. Am Mittwoch vor der Abfahrt muss Trenk die Reißleine ziehen: Er hat sich eine Rüsselseuche aufgehalst! Sie hat ihn so erwischt, dass er trotz des großen Drangs nicht mitkommen kann! Wir sind alle deutlich geknickt.

Aber verzichten wollen wir nicht. Jörg ist Rentner und ich habe genug Zeitguthaben aufgebaut, dass wir am Freitag bereits mittags in Kiel losfahren können. Wir wollen in Mommark starten, das sollten wir in guten anderthalb Stunden erreichen. Aber irgendwie dauert es doch etwas länger als die optimale Berechnung hergeben wollte, und als wir da sind, ist nicht nur 15 Uhr, sondern der Ort heißt auch noch Fynshav statt Mommark! Verdammt! Wir haben beide konstant Ausschau gehalten nach dem Schild, das uns zum Abbiegen auffordern sollte. Aber das Schild ist offensichtlich einkassiert worden - und nun stehen wir halt 10 Kilometer weiter nördlich auf Alsen! Wir überlegen kurz, ob wir noch nach Mommark umsetzen, weil es von dort aus deutlich kürzer bis zur Nordspitze von Ärö ist. Aber wenn ich mir die Landkarte und die Windrichtung so ansehe, ist Fynshav die weitaus bessere Wahl, und ich frage mich im Stillen, warum wir das nicht von Anfang an so geplant haben!

Wir machen eine kurze Begehung des Hafens und der angrenzenden Badestelle und entscheiden uns, statt des nahen aber garstigen Slips im Hafen den fernen aber weichen Strand der Badestelle zum Ablegen zu wählen. Zu unserem Glück stehen einige Transportkarren bereit, mit denen die Segler normalerweise ihre umfangreiche Ausrüstung von und zu ihren Booten transportieren. Leider sind sie angekettet und sie lassen sich genau nur durch eine Ein-Euro-Münze befreien. Davon haben wir nur ein einziges Exemplar, aber die Karre ist uns trotzdem eine wertvolle Hilfe.

Es ist viertel nach vier als wir ablegen, die Nordspitze von Ärö ist gute 14 Kilometer entfernt, der Wind bläst mit satten fünf bis sechs Beaufort aus Nordwest - in bummelig zwei Stunden sollte die Überfahrt gemeistert sein. Danach wären wir immer in Landnähe, so dass die dann einsetzende Dunkelheit keine Probleme bereiten sollte, ein Punkt, der Jörg bei der Vorbereitung sehr am Herzen lag. Je mehr wir aus der Landabdeckung und auf den offenen Belt hinaus fahren, desto größer werden die Wellen. Die aktuelle Windrichtung ist nicht geeignet, hier rekordverdächtige Wellen entstehen zu lassen, aber sie gehen doch solide an die Ein-Meter-Grenze. Es ist für uns beide das erste Mal, dass wir dieses Gewässer mit massivem Rückenwind queren. Sonst haben wir uns immer vorankämpfen müssen, heute werden wir so kräftig geschoben, dass wir uns hurtig und rauschend unserem Zielort nähern. 

Nach nur eindreiviertel Stunden haben wir den Leuchtturm von Skjoldnäs querab. Er hat nur wenig vorher sein Licht angeschaltet, das er nun - wie immer mit einer beeindruckenden Langsamkeit - in die umliegende Landschaft verteilt. Die Sonne hat sich bereits hinter den Horizont verzogen und die Dämmerung setzt ein. Aufgrund unserer gewachsenen Erfahrung und Reife holen wir hier unsere Lichter heraus. Mein Rundumlicht habe ich vor ein paar Wochen extra noch einmal auf Gängigkeit überprüft, nur um jetzt festzustellen, dass es nicht mehr funktioniert! Möglicherweise ist es beim Brandungspaddeln neulich allzu arg mit Wasser in Kontakt gekommen, so dass es sein letztes Lebenslicht ausgehaucht hat. Doof - und peinlich, wenn man unerlässliche Ausrüstung nicht wirklich direkt vor ihrem Einsatz noch einmal kontrolliert! So benzele ich mir lediglich ein Knicklicht an die Mütze - das sollte reichen, damit Jörg mich erkennen kann. Sollte!

Bis zu unserem Ziel, dem Übernachtungsplatz Skaaret, haben wir hier erst gut die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Das Licht versickert ziemlich zügig, so dass wir bald durch völlige Dunkelheit rauschen. Schiffsverkehr gibt es hier eher nicht, nur irgendwo weit hinter uns ist eine Segelsyacht auszumachen. Am Ufer ist nichts zu erkennen, so dass das Paddeln einen sehr meditativen Charakter hat. Jörg hat sein Rundumlicht auf dem Kopf, und anfangs ist das auch kein Problem. Je dunkler es allerdings wird, desto mehr blendet es mich, so dass ich absichtlich etwas Abstand zu ihm halte. Da wir an Land absolut keinen Anhaltspunkt haben, wo unser Ziel sein könnte, schalte ich irgendwann mein GPS ein und lasse mir Kurs und Entfernung angeben. Auch das Display blendet enorm, solange es eingeschaltet ist, so dass ich es nur in größeren Abständen zu Rate ziehe.

Als wir unserem Ziel schon recht nahe sind, schalte ich das GPS wieder ein und fahre genau in die von ihm vorgegebene Richtung auf das Ufer zu - in der sicheren Gewissheit, dass Jörg sich schon an mir orientieren wird, denn ich habe ja das GPS. Irgendwann meine ich etwas zu hören und blicke mich um. Ich bin alleine - etwa 500 Meter von mir entfernt irgendwo im Dunkeln glimmt ein Glühwürmchen, das Jörg heißt. Auf diese Entfernung kann er mein armseliges Knicklicht vermutlich nur schwer sehen! Ich paddle ein kleines Stück auf ihn zu, bis ich mir sicher bin, dass auch er in meine Richtung paddelt. Das war knapp und letztlich haben wir es nur Jörgs elend blendender Lampe zu verdanken, dass wir uns wiedergefunden haben! Nur mit Knicklichtern geschmückt, hätten wir uns vielleicht endgültig aus den Augen verloren!

Zum Glück steht keine brechende Brandung auf dem Strand, an dem wir an Land wollen. Vorsichtig tasten wir uns ans Ufer. Zwar besteht es hauptsächlich aus Sand, aber es sind genug dicke Steine eingebettet, dass man hier leicht ein echtes Problem haben kann. Die erste Inspektion der Umgebung ist schon sehr ermutigend - da gibt es ein überdachtes Esszimmer und ein Plumpsklo. Daneben ist ein Holzschuppen, den wir für den versprochenen Shelter halten. Aber der ist verriegelt. Erst beim Ziehen weiterer Kreise entdecken wir am Rande des Geländes einen der typischen neuen Shelter: solide gebaut und einladend! Es gibt eine Ober- und eine Unteretage. Für die Verteilung bemühen wir abermals unser Ein-Euro-Stück, das Jörg die untere Abteilung zuweist.

Wir kommen also in den Genuss, unsere Zelte nicht aufbauen zu müssen. Das beschleunigt auch die Zeremonie, die wir absolvieren müssen, bis wir uns endlich in die Daunenschlafsäcke kuscheln können: Umziehen, Ausrüstung aus den Booten laden, Essen kochen, essen und schnacken. Für das Essen zu sorgen, hat Jörg sich wieder bereit erklärt. Dafür stelle ich Kocher und Küchenausrüstung. Es soll Kohleintopf geben - mit Fleischeinlage. Oder war es Fleisch mit Kohlbeilage? Jedenfalls reicht die Menge optisch mindestens für eine mittlere Schulklasse. Mein großer Topf fasst mit Mühe die Hälfte davon. Eine harte Prüfung ist es, mit knurrendem Magen auf den dampfenden Topf zu starren und darauf zu warten, dass das Zeug endlich warm wird. Gar werden muss es nicht, denn Jörg hat es vorgekocht - und für heiß reicht unsere Geduld nicht! Die erste Portion schaffen wir ohne große Mühe, währenddessen mein großer Topf ein zweites Mal bis zum Rand gefüllt auf dem Brenner bruzzelt. Zu meiner Überraschung verschwindet auch diese Portion problemlos in unseren Bäuchen.

Zwar ist mir in der Nacht anfangs etwas zu warm, aber gegen Morgen lege ich mir doch die erstmals mitgeführte Fliesdecke über den Schlafsack. So halten wir in der gemütlichen Holzhütte durch bis halb neun. Dann lacht die Sonne die Welt so ungehemmt an, dass wir als erstes aus den Bullaugen nach draußen blicken. Sofort wenden wir uns mit Erschaudern ab: da steigen dänische Frauen zum Baden in die Ostsee! Unglaublich, bei den Temperaturen! Der Platz scheint insgesamt sehr beliebt zu sein. Während wir frühstücken und dann unsere Ausrüstung klar machen, kommen immer wieder Leute zum Angeln, noch welche zum Baden, oder nur zum Gucken.
Seit gestern Abend ist Jörgs Mütze verschwunden. Bei jedem Gang, den wir heute Morgen machen, halten wir immer wieder Ausschau nach ihr. Unsere Ausrüstung wird mehrfach umgegraben, und wir starten sogar etliche Sucheinsätze, die Mütze bleibt verschwunden. Allerdings kann Jörg sich auch nicht mit letzter Sicherheit daran erinnern, ob er sie überhaupt mitgehabt hat!

Das Wasser zwischen hier und Dreyö ist ziemlich weiß, mal mehr und mal sehr! Das legt die Stirn bei Jörg wieder in Falten und er sinniert schon über einen Plan B. Ich kenne das schon, wenn wir dann draußen sind, weiß er selbst nicht mehr, was ihn da eigentlich besorgt hat. Gegen halb zwölf sind wir auf dem Wasser und nehmen Peilung auf die Westspitze von Dreyö. Der Wind weht immer noch aus Nordwest und da wir etwa die Inselmitte treffen wollen, sollte das als Vorhaltewinkel reichen. Wir hatten gestern Abend kurz über unsere Optionen gesprochen und uns letztlich entschieden, auf Lyö zu übernachten. Würden wir auf Dreyö bleiben und der Wind nicht wie vorhergesagt deutlich abnehmen, hätten wir am Sonntag eine elend lange und knüppelharte Keulerei vor uns, zu der es keine Alternative gäbe.

Zwar hatten wir Lyö als Endpunkt festgelegt, den Besuch auf dem Shelterplatz von Dreyö aber weiterhin als zu erledigenden Auftrag aufgefasst. Erst nach einiger Zeit auf dem Wasser kommt es uns seltsam vor, dass wir einen Kurs fahren wollen, der uns weiter vom Endziel entfernt und uns damit eine noch längere Strecke gegen den Wind beschert. Wir schalten kurz unsere Vernunft ein und ändern die Peilung so, dass wir die Ostspitze von Avernakö erreichen. Es sind vom Punkt unserer Kursänderung gute neun Kilometer bis dahin, und wir haben den Wind schräg von vorne, so dass er uns deutlich versetzt. Aber nach dem Ausmessen unserer GPS-Spur sind wir nur maximal 200 Meter von der geraden Verbindungslinie abgetrieben worden. Das finde ich eine sehr solide Navigation!

Die Windvorhersage hatte für heute gegenüber gestern nachlassende Winde versprochen. Aber da hat nix nachgelassen - es sind immer noch fünf bis sechs Beaufort! Ich bin überrascht, dass sich in diesem doch relativ geschützten Gebiet überhaupt so große Wellen aufbauen. Sie sind nicht ganz so groß wie gestern und in keiner Weise bedrohlich, aber man muss schon sicher im Boot sitzen, um hier entspannt paddeln zu können. Wobei das mit dem "entspannt" nicht wirklich stimmt, weil es einfach mörderanstrengend ist, gegen so einen Wind anzupaddeln. Mehrmals klatschen uns brechende Wellen gegen die Brust, so dass wir kurzzeitig komplett in ihrer Gischt verschwinden. Ich habe nur ein einziges Foto während unserer Überfahrt gemacht! Trotzdem schaffen wir die gut 10 Kilometer in genau zwei Stunden - das ist jetzt keine Rekordgeschwindigkeit, aber eben auch solide!

In der Nähe des Übernachtungsplatzes auf Korshavn, wie der östliche Teil von Avernakö heißt, gehen wir in der windgeschützten Bucht an Land und ruhen die müden Knochen und Gelenke aus. Das Wetter meint es überaus gut mit uns, denn der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Trotzdem ist es etwas zugig hier, was keine ungetrübte Gemütlichkeit aufkommen lässt. Mit etwas gebeuteltem Gebälk überlegen wir, wie wir weiter vorgehen. Wir könnten den lieben Gott einen gutem Mann sein lassen und direkt hier unser Lager aufschlagen. Dafür ist der Tag aber noch etwas zu jung, und dann hätten wir morgen eine recht lange Strecke vor uns,  was wir mit dem Plan "Lyö" doch eigentlich vermeiden wollten. Wir könnten uns an der Südseite von Avernakö nach Westen entlanghangeln, um etwas Windschutz zu erheischen. Wenn die Küstenlinie dann nach Norden abbiegt, könnten wir entscheiden, ob wir tatsächlich nach Lyö fahren, oder im Segelhafen von Avernakö übernachten. Den habe ich zwar als nicht besonders attraktiv in Erinnerung, weil er keinen Windschutz bietet, aber wenn man nur hinreichend porös ist, wird so etwas schnell relativ.

Also hangeln wir uns im nicht wirklich existierenden Windschutz von Avernakö Richtung Westen. Als auch das letzte bisschen Abschirmung der westlichen Teilinsel verloren geht, muss auch der Wind unbedingt noch einmal eine Stärke zulegen! Dieses Auffrischen dauert genau bis wir den westlichsten Punkt der Insel erreicht haben und uns entscheiden müssen, wohin die weitere Reise gehen soll: noch mal vier Kilometer weiterhin gegen diesen Wind bis zur Nachbarinsel - oder zwei Kilometer mit seitlichem Wind in den Segelhafen? Wenn man sich unsere Geschwindigkeit auf dem letzten Teilstück ansieht (3,7 km/h  im Durchschnitt), weiß man, dass wir nicht lange überlegen müssen. Direkt mit unserer Entscheidung flaut der Wind wieder auf fünf Beaufort ab. Zusammen mit der fälligen Kursänderung geht das Paddeln fast von alleine! Aber nur fast!

Die Küste ist hier nicht besonders abwechslungsreich und um wenigstens die Illusion des Vorankommens zu haben, suche ich mir immer einen nicht zu weit entfernten, markanten Punkt am Ufer, um zu sehen, wie er erst näher kommt, dann querab liegt und schließlich nach hinten verschwindet. So eine dunkle Struktur, die am Strand in den Blick kommt, eignet sich sehr gut für dieses Spielchen. Ich kann sie am Anfang nicht recht einordnen. Irgendwann erscheint sie mir wie ein toter Seehund, der ans Ufer gespült wurde. Ich versuche, sie fest mit den Augen zu fixieren, um sie besser identifizieren zu können. Irgendwann erkenne ich, dass es sich um einen großen Treckerreifen handelt, der halb unter Steinen begraben ist. Ich wende meinen Blick wieder nach vorne und schrecke zusammen, weil ich gerade mit meinem Paddel auf einen toten Seehund stoße und mit dem Boot drüber fahre.

Um fünf Uhr schrammen wir auf den Strand neben dem Fähranleger. Eine knappe Stunde vor Sonnenuntergang, es bleibt uns also noch genug Tageslicht für die notwendigen Verrichtungen. Als erstes müssen wir ein windgeschütztes Plätzchen finden, was wie erwartet nicht ganz einfach ist. Wir entscheiden uns, unsere Zelte direkt hinter dem Cafe-Kiosk aufzuschlagen, in dem jetzt laut Schild im Fenster eh "Stille" herrscht. Auf dessen Holzveranda gibt es einen Camping-Tisch und -Stühle, so dass wir hier gemütlich und bequem zu Abend essen können. Überhaupt bietet die Infrastruktur hier überraschend viel Komfort: da gibt es Toiletten mit Wasserspülung, eine Dusche (für die man aber dänische Kronenmünzen benötigt) und - als Krönung des Ganzen - fließend heißes Wasser!

Da ich auf den Touren der letzten Vergangenheit immer nur mein kleines Zelt mit hatte, wundere ich mich heute, wie gigantisch viel Platz in meiner großen Hütte ist. Ich mümmele mich unter Schlafsack und Fliesdecke und dämmere zufrieden hinweg.

Als ich wieder zu mir komme, blicke ich auf mein Handy, um die Uhrzeit zu erfahren. Halb acht. Aber es ist taghell. Irgendwie verstehe ich das nicht, denn wenn ich normalerweise um diese Zeit mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, ist es immer deutlich dunkler. Auch mein Versuch, die Sache mit der hier deutlich nördlicheren Lage zu erklären, befriedigt mich nicht, also vertage ich die Untersuchung dieses Problems.

Es ist nicht nur taghell - die Sonne scheint auch! Und der Wind, obwohl er in der Nacht noch lange gewütet hat, ist auf eine liebliche Luftbewegung zusammengeschnurrt! Das Leben kann so schön sein! In aller Ausgiebigkeit frühstücken wir und machen uns für den letzten Teil unserer Reise bereit. Zelt und Paddelsachen sind trocken und als wir fertig in den Booten sitzen, zeigt meine Borduhr zwölf an. Auch das finde ich merkwürdig, denn obwohl wir sehr gemütlich gemacht haben, hätte ich nicht gedacht, dass wir so lange gebraucht haben.

Es ist nicht weit bis Lyö und der Gegenwind ist nicht wirklich fordernd, so dass wir problemlos direkt bis Alsen durchfahren könnten. Aber wir haben uns Stullen geschmiert, die gegessen werden wollen, und schließlich wollen wir ja nicht möglichst schnell hier weg kommen. Also fahren wir an der Westseite von Lyö noch einmal an Land und machen eine Pause in der Sonne. Auch das letzte Teilstück zurück bis Fynshavn ist problemlos - und nachdem ich mir die Sache mit der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit, die heute Nacht stattgefunden hat, einmal genau überlegt habe, bin ich auch wieder mit den zurückgestellten Problemen ausgesöhnt: mein Handy hat sich natürlich automatisch umgestellt, deswegen war es trotz der frühen Zeit schon hell, meine Borduhr hingegen zeigte weiterhin die Sommerzeit an, deswegen haben wir scheinbar so lange gebraucht! Das Leben kann nicht nur schön, es kann auch ganz schön kompliziert sein!

Auf dem Weg zurück nach Deutschland warten wir immer auf die Abzweigung nach Krusaa - aber ehe wir uns versehen, sind wir auf der Autobahn! Auch dieses zweite Verfahren erweist sich als Segen, denn die Strecke ist deutlich kürzer als unser Hinweg! Manchmal ist der Zufall eben der deutlich bessere Navigator!

Samstag, 3. September 2016

Nasse Grenzüberschreitung

Dieses Jahr deckt sich meine Intention mit der Realität: die Teilnehmer meiner Tour auf der Flensburger Förde sind tatsächlich alles Neulinge - bis auf Elke, aber auch die kennt die Tour noch nicht. Wir sind etwas spät dran, weil wir durch unsere verzögerte Abfahrt in den Rush-Hour-Stau in Eckernförde gekommen sind und daher nicht mehr rechtzeitig über die Klappbrücke in Kappeln kamen. So konnten wir den Segeljachten zusehen, wie sie in erstaunlicher Zahl die senkrecht gestellt Straße in beiden Richtungen passierten.

Am Strand in Habernis geht es darum, all die Ausrüstung, von der man denkt, dass sie unerlässlich sei, in die Boot zu bekommen. Das treibt manche Falte auf die Stirn meiner Mitpaddler, aber letztlich meistern alle diese Puzzleaufgabe erfolgreich. Was partout nicht passt, wird in den Laderaum meines nur mäßig befüllten Schiffes ausgelagert. Schließlich ist es halb acht, als wir erwartungsfroh in den Booten sitzen. Sonnenuntergang ist um kurz nach acht, vorher werden wir keinen Landfall mehr schaffen. Obwohl wir mit gutem Tempo unterwegs sind, ist es halb neun, als wir unsere Boote jeweils zu viert über die glibschigen Steine ans Ufer tragen. Leider sind nicht nur die Steine glibschig - auch der Hang lässt sehnüchtige Erinnerungen an den Treppenbaum hochkommen. Zum Glück habe ich ja meine Schleppleine dabei, die wir geschickt an zwei Bäumen auf dem Steilufer befestigen, so dass sie uns sehr beim Erklimmen der Steilwand hilft.

Der Zeltaufbau findet mit dem letzten Büchsenlicht statt, das anschließende Abendessen in völliger Dunkelheit beim schummrigen Schein zweier Kerzenlaternen. Zu allem Überfluss setzt auch noch leichter Regen ein, der aber zum Glück größtenteils durch das Blätterdach der Bäume abgefangen wird. Nur Felix, der am äußerten Ende der Bank sitzt, wo keine Blätter mehr hinreichen, hat nicht ganz so viel Glück.

In der Nacht wächst sich der Regen aus. Das hört sich im Zelt sitzend sehr gemütlich an. Vorausgesetzt, das Zelt ist dicht. Delbrin ist mit einem Iglu-Zelt aufgelaufen, bei dem im Firstbereich eine große Lüftungsgaze angebracht ist. Leider weiß niemand, wo die Abdeckung dafür geblieben ist. So muss er feststellen, dass Lüftungsgaze für Regentropfen keine wirkliche Hürde darstellt und dass eine Nacht Dauerregen beeindruckende Seen in einem Zelt entstehen lässt. Als ich am Morgen einen Blick nach draußen riskiere, sehe ich, dass es nur noch aus den Bäumen nachtröpfelt und mache mich fertig für den Tag. Als ich soweit bin, das Zelt zu verlassen, setzt erneut ergiebiger Regen ein. Ich ziehe mich in meinen warmen und trockenen Schlafsack zurück. Delbrin schaut vermutlich den Seen in seinem Zelt beim Wachsen zu.

Als ich nicht mehr länger liegen kann und auch das Tröpfeln deutlich nachgelassen hat, verlasse ich doch mein Zelt und sehe an der glatten Oberfläche der Förde, dass es außerhalb des Waldes gar nicht mehr regnet. Man kann sogar mit einigem Optimismus eine Aufhellung der Gesamtsituation erkennen. Na also! Die klatschnasse Bank wird mit allerlei Schutzunterlagen abgedeckt, so dass wir beim Frühstücken nicht gleich einen nassen Hintern bekommen. Ich hatte nach meinem Rückzug vorhin die Wettersituation geprüft, und die sah für unsere nahe Zukunft alles andere als verlockend aus: Den ganzen Sonntag soll es heftig regnen und der Wind vormittags aus Osten wehen. Auch ohne das Wissen um die Delbrin'sche Seenplatte hatte ich bereits den Entschluss gefasst, die Tour um einen Tag zu verkürzen. So müssen wir auch nicht die Ochseninseln erreichen und können den Tag entspannt und gelassen angehen. Entsprechend dehnen wir das Frühstück aus. Je länger wir am Tisch sitzen, desto freundlicher und strahlender wird der Himmel!

Im Übrigen haben wir heute eine zusätzliche Herausforderung zu meistern: Der Hang ist durch den reichlichen Regen dermaßen rutschig, dass es eigentlich nicht mehr möglich ist, ihn zu besteigen, geschweige denn, große und schwere Gepäckstücke an ihm herunter zu bringen! Aber wir sind ja pfiffige KerlchInnen und lassen uns von solch Widernissen nicht die Laune oder gar die Tour verderben. An den Stellen im Hang, an denen man halbwegs stehen kann, wird je eine Person postiert. Das Gepäck wird in Ikea-Tüten oder liebevoll zusammengeknoteten Bündeln in den Karabinerhaken meiner Schleppleine geklinkt und zur ersten Person abgeseilt. Die reicht es dann weiter und schließlich erreicht so alles unversehrt und fast unverdreckt den Strand!

In der Abdeckung der Steilküste heizt uns der Sonnenschein noch mächtig ein. Das lässt nach, als wir um die Nase der Halbinsel Broager nach Westen in die offene Flensburger Förde biegen. Hier werden die Wellen allmählich etwas größer und der Wind etwas bissiger, so dass es sich eher wie Seekajak-Fahren anfühlt, was wir hier machen. Aber alle haben einen großen Spaß mit den Umständen, niemand wirkt auch nur ansatzweise ängstlich oder überfordert. Aber lang sind die Arme schon, als wir in Brunsnäs zur Pause an Land gehen. Dort sitzt bereits ein nettes dänisches Paar auf der Bank im Windschatten. Sie sind etwas verwundert, dass wir gestern auf direktem Wege über die Förde gefahren sind, weil sie denken, man solle nur maximal 300 Meter vom Ufer entfernt paddeln. Ich antworte: "300 Meter stimmt, aber nicht maximal, sondern minimal!"

Mittlerweile hat sich der Himmel fast vollständig bewölkt und es ist einiges Dunkel zu sehen. Aber es regnet nicht. Die Rückfahrt legen wir so, dass wir den Wind zuerst schräge von vorne nehmen. Ich will meinen Mitpaddlern Gelegenheit geben, sich an die Bedingungen zu gewöhnen, bevor ich den schwierigeren, direkten Kurs auf Langballigau nehme. Niemand hat auch nur die geringsten Probleme auch genau querab ankommende Wellen abzureiten, so dass wir schließlich in wildem Ritt direkt auf LA zurauschen. Hier liegt ein Stahlschiff am Anleger, an dem offensichtlich noch gewerkelt wird, und das allerlei Abwehrmaßnahmen gegen das besonders bei Möwen so beliebte Zielkacken ergriffen hat: drei Viertel des Schiffes sind unter einer wenig attraktiven Plastikplane versteckt, der Rest ist mit rot-weißem Band zur Baustellenmarkierung verziert und über allem ziehen zwei an etwa zehn Meter hohen Peitschenmasten montierte Greifvögel-artige Plastikdrachen ihre Kreise. Respekt!

Die Jannis-Eisbude in LA heißt nicht mehr Jannis - aber das Eis ist immer noch lecker! Manche bevorzugen coffeinhaltige Warmgetränke - jeder wie er mag! Und bei der Gelegenheit werde ich mir auch noch mit Elke über den Verkauf meines Zweitkochgeschirrs einig. Der Rückweg nach Habernis ist nicht mehr schwierig - der Wind bläst uns genau dorthin und die Wellen sind harmlos. Um halb sechs legen wir an, die meisten haben ihre erste ernsthafte Seekajak-Tour gemeistert und gezeigt, dass sie bereit sind für weitere Herausforderungen. Vielleicht bei besseren Wetterbedingung - oder mit regendichten Zelten!

Während ich diese Zeilen schreibe ist es Sonntag geworden. Die Temperaturen sind lausig und immer wieder fällt Regen auf die Welt. Jedesmal, wenn ich nach draußen sehe, freue ich mich! Wie ärgerlich, wenn wir die Tour abgebrochen hätten - und dann wäre doch schönes Wetter gewesen!