Sonntag, 5. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS - Sonntag (4/4)

Das Problem an Hooge ist das Niedrigwasser. Wenn man es nicht liebt, hüfttief durch schleimigen Schlick zu waten, besteht keine Möglichkeit, den Hafen nahe Niedrigwasser anzulaufen oder zu verlassen. Unser erster Ansatz, drei Stunden nach Niedrigwasser loszufahren, hatte den Nachteil, dass wir erst sehr spät zu Hause sein würden. Deshalb haben wir gestern abend noch einmal drüber nachgedacht und einen Ansatz gewählt, der abermals ein frühes Aufstehen beinhaltete: Drei Stunden vor  Niedrigwasser los nach Hilligenlei, dort auf den Tidenkipp warten und dann zurück nach Schlüttsiel. Das hatte den unleugbaren Vorteil, dass wir etliche Stunden sparen würden - zum Preis einer kurzen Nacht. Da ab fünf Uhr morgens aber eh die Schar der gefiederten Krachmacher emsig ihrem Gewerbe nachgeht, muss man sich sowieso meist Mühe geben, deutlich länger zu schlafen. Also früh aufstehen und früh ankommen!

Drei Stunden vor Niedrigwasser ist ein guter Kompromiss, was das Einsetzen der Boote angeht. Aber um diese Zeit geht natürlich der volle Strom durch die Süderaue quer zu unserem beabsichtigten Kurs. Wir sind gespannt, wie gut wir damit umgehen können, oder ob es uns an Langeness vorbei Richtung Amrum spült. Ich ziehe wieder mein GPS zu Rate und gebe Hilligenlei als Ziel an. Der Vorhaltewinkel ist mit 30 Grad überraschend moderat, aber die Überprüfung der Peilung bestätigt diese Vorgabe. Es dauert nicht einmal eine Dreiviertelstunde, bis wir nur einige hundert Meter vor unserem Ziel die Boote verlassen müssen, weil das Wasser zu flach ist. Trenk schafft es noch, sein Boot durch simples Ziehen auf die andere Seite der Sandbank zu bringen, aber der Boden bei Jörgs und meinem Boot ist runder und nicht so flach, so dass wir letztlich meinen Bootswagen bemühen, um die kurze Strecke zu bewältigen. Direkt neben dem Anleger in Hilligenley lassen wir unsere Boote auf dem Sand liegen.

Eigentlich hätten wir hier gute zwei Stunden Pause machen können, aber wir sind nach einer knappen Stunde mehr als ausgeruht und aufgefrischt genug und ungeduldig, weiter zu fahren. So paddeln wir die erste Stunde im Langenessfahrwasser noch gegen den Strom, aber dafür durchqueren wir das Wattenmeer auch mal bei totalem Niedrigwasser, was sonst eher selten passiert. Wir haben des öfteren Grundberührung und ziehen eine gehörige Heckwelle hinter uns her, aber ein Kajak ist ein verdammt gut geeignetes Fahrzeug, dieses Labyrinth aus Fahrrinnen und Flachstellen zu befahren. So kommen wir unerwartet früh in Schlüttsiel an - zu früh, denn es besteht nicht die geringste Möglichkeit, die Boote verlassen zu können. So dümpeln wir noch zwanzig Minuten im Hafen herum, bevor wir nahe genug an den kleinen Steg der Segelboote herankommen, um uns aus den Booten zu schlängeln.

Auch wenn die Witterung keine Notwendigkeit erzwungen hat, die Tour war eine gute Gelegenheit, Umgang und Segen eines GPS-Gerätes hautnah zu praktizieren und zu erfahren. Unterm Strich muss ich sagen: eine lohnende Anschaffung, die viele neue Möglichkeiten erschließt. Aber natürlich nimmt einem so ein Gerät nicht die Verantwortung ab, sich mit den Gegebenheiten so vertraut zu machen, dass man mit ihnen auch ohne so ein Gerät umgehen kann. Erst wenn man sich darüber sicher ist, kann ein GPS-Gerät seinen vollen Nutzen entfalten.

Samstag, 4. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS - Samstag (3/4)

Für die Umrundung von Amrum finden wir irgendwie nicht den richtigen Dreh. Stattdessen ist Außensand für heute angesagt. Leider ist dafür wieder frühes Aufstehen notwendig, um gut aus dem Hafen zu kommen. Es ist heute deutlich wärmer und wir kleiden uns entsprechend. An der Spitze von Jappsand ist natürlich die obligate Pause fällig, bei der sich Trenk Erleichterung verschafft. Wind weht kaum, vor allen wieder nicht aus der versprochenen östlichen Richtung, es geht eine leichte nördliche Brise.

Außerhalb der Sände spürt man die Weite des Meeres - ringsherum nur Himmel, Wasser und Sand. Das Paddeln geht sehr gemütlich vonstatten, die Strömung schiebt, der Wind ist kaum spürbar, die Sonne scheint. Nicht lange - und Jörg muss sich seine Schwimmweste ausziehen. Bei der Akrobatik geht ihm leider sein Hut verloren und er fleht jämmerlich um Hilfe. Einen ganzen Tag ohne Hut auf der Nordsee, wo es nicht mal die Idee eines Schattens gibt, ist keine erbauliche Aussicht. Zwar führe ich eine Ersatzkappe im Cockpit mit mir, aber so ein Ausrüstungsstück einfach dreingeben ist nicht meine Art. Ich eile zum verzeifelt rückwärts paddelnden Jörg, um das dunkle Wasser der offenen Nordsee nach nach seiner dunklen Mütze abzusuchen. Ich rechne mir keine großen Erfolgsaussichten aus, aber als ich an Jörg vorbeifahre, sehe ich,  dass sein gutes Stück lediglich auf das Heck seines Bootes gefallen ist. Noch mal Glück gehabt!

Wir fahren relativ weit draußen, denn in der Nähe des Rummelloches zwischen Norder- und Süderoogsand reichen die Sandbänke extrem weit hinaus. Es ist etwa viertel nach neun, als wir die Ruine der Kirche von Pellworm genau querab haben. Eigentlich wollten wir durchs Loch hindurch wieder zurück fahren, aber wir haben noch nicht im Geringsten das Gefühl, genug für den Tag getan zu haben. Also nehmen wir den Süderoogsand, dessen Rettungsbake wir schon sehen, auch noch mit in unsere Pläne auf. Als wir das Ende des südlichen Sandes passieren, läuft das Wasser bereits wieder in die Norderhever hinein. Wir beobachten ein faszinierendes Farbenspiel des Wassers: hier ist es braun und trüb, ein paar Meter weiter transparent und türkis, ganz hinten blau und massiv. Wir brauchen uns kaum anzustrengen, denn die Strömung geht flott und östlich von Süderoog, wo wir nach Norden abbiegen müssen, ist in diesem Moment eh kein Wasser, so dass wir alle Zeit der Welt haben.

Als wir mit dem Kirchturm von Pellworm genau im Norden auf dem Sand auflaufen, ist der Wind vollkommen eingeschlafen. Das passt gut, denn ab hier wollen wir Richtung Norden, wo der Wind ja bislang herkam - allerdings erst, wenn wir wieder Wasser unter dem Kiel haben. Die ersten Minuten verbringen wir mit einer regulären Pause, in der wir uns stärken und erfrischen. Dann diskutieren wir, wo denn das Wasser wohl am ehesten durchbricht. Und schließlich treideln wir unsere Boote im Schneckentempo nach Norden, dem langsam aber unaufhörlich vordringenden Wasser folgend. Fast anderthalb Stunden verbringen wir auf diese Weise, was auf meinen Waden eine eindrückliche Wirkung hinterlässt: Dadurch, dass wir ständig nach Norden blicken, brennt die Sonne ungehemmt auf das freie Stück Haut zwischen Neostiefeln und Neohose, das ich natürlich auch nicht eingechremt habe, weil sich dieser Teil meines Körper normalerweise innerhalb des Cockpits aufhält!

Als sich die Wassermassen zwischen Süderoog und Pellworm schließlich wieder vereinen, kommt auch der Wind zurück - nur ganz leise und ohne wirklich zu stören. Aber mit unserem Weg nach Norden meint er wohl, beständig stärker werden und dem Missstand entgegen wirken zu müssen, dass wir heute noch nicht wirklich etwas geleistet haben. Zusätzlich muss Trenk etwas gestochen haben, so dass er mit einem Tempo gegen den schließlich mit fünf Beaufort blasenden Wind anfährt, dass im Hafen von Hooge angekommen, von "eigentlich nichts getan" keine Rede mehr sein kann.

Wir genießen den mittlerweile wieder bis auf unsere drei Zelte vollkommen leeren Platz und den Lohn des frühen Aufstehens: Man hat noch soviel Muße, den späten Nachmittag zu genießen, dass man alle Pflichten in Ruhe erledigen kann, und sogar die mitgebrachten Bücher ihren Segen entfalten können. Und was ist ein Paddelwochenende ohne Gestängebruch! Da weder Wind noch Flaute meine Zeltstangen bisher beeindrucken konnten, werfe ich mich mit viel Ungeschick auf den herunterhängenden Stoff meines Zelteinganges und erledige so diesen Pflichtpunkt einer derartigen Tour! Geübt im Akzeptieren derartiger Widernisse, hält sich das Ausmaß meiner Flüche auch im Rahmen. Meine krebsroten Waden leuchten bis in die Nacht hinein.

Freitag, 3. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS - Freitag (2/4)

Wir wollen heute  zum Wrack der Pallas fahren. Das liegt gute zehn Kilometer vor den Außensänden im freien Wasser und außer Trenk hat es noch keiner von uns besucht. Wir rechnen mit drei Stunden Fahrt und wollen grob bei Niedrigwasser dort sein. Dazu hätten wir um halb sechs aufstehen müssen, aber wir genehmigen uns eine Stunde Aufschub, denn wir sind auf Erholung hier. Zwei Stunden vor Niedrigwasser ist es gerade noch möglich, den Hafen von Hooge zu verlassen, aber man schrammt schon über die Steine am Grunde der Zufahrt. Ist man erst einmal im Fahrwasser, ist der Jappsand auch schnell erreicht. Trenk nutzt diese Gelegenheit, dem Drang des vielen eingefüllten Tees nach Freiheit nachzugeben.

Der Wetterbericht hat Nord- bis Nordostwind versprochen, aber bei der Himmelsrichtung müssen die vergrabenen Dinge im Schlüttsieler Hafen mitgewirkt haben: Was da weht, ist West! Zusammen mit der Strömung müssen wir das in den Vorhaltewinkel für unsere Navigation einbeziehen. Das ist die eigentliche Premiere für mein GPS! Gestern Abend habe ich die Koordinaten der Pallas eingegeben und lasse mir nun anzeigen, in welche Richtung wir fahren müssen, um sie zu erreichen. Total einfach so etwas: Einfach nur dem Pfeil auf der Anzeige folgen! Aber ich will ja auch ein Gefühl dafür entwickeln, wie ich ohne dieses Gerät fahren würde. Daher suche ich angestrengt den Horizont nach einer Erscheinung ab, die man als Wrack werten könnte. Nix zu sehen. Ich weiß, dass wir nach Süden versetzt werden, also wird mein GPS uns etwas nach Norden weisen, damit wir nicht am Ziel vorbeifahren. Ich suche den Horizont also etwas südlich der angewiesenen Richtung ab. Nix zu sehen.

Nach erklecklicher Zeit fragt Jörg mich nach einer Erscheinung in weiter Ferne, die ungefähr 45 Grad südlich unseres Kurses liegt. "Könnte ein Frachter sein.", sage ich. "Und wenn das die Pallas ist?" "Dann gebe ich mein GPS zurück!". Wir fahren weiter in die durch den Pfeil vorgegebene Richtung. Je länger die Zeit fortschreitet, desto mehr muss ich zugeben, dass der Frachter die Pallas sein muss. Die Tatsache, dass die Erscheinung so weit von dem vom GPS vorgeschlagenen Kurs weg liegt, stürzt mich in erhebliche Zweifel. Ich überlege, ob ich mich beim Eintippen der Koordinaten vertan habe, oder ob wir vielleicht ein anderes Wrack genommen haben. Aber keine der Theorien kann mich so überzeugen, dass sich eine innere Gewissheit wohlig breit macht. Es kostet mich einige Disziplin, weiter dem Pfeil zu folgen, intuitiv würde ich viel weiter nach Süden halten. Aber nachdem sich die Peilung über eine halbe Stunde nicht merklich geändert hat, muss ich die Realitäten anerkennen: Wir haben einen mächtigen Strom nach Süden und mein GPS rechnet nicht intuitiv sondern gehorcht unsentimentalen Algorithmen.

Als wir nur noch wenige Kilometer vom Ziel entfernt sind, kann Trenk sich nicht mehr gegen seine Intuition wehren und fährt einen deutlich direkteren Kurs. Obwohl es hier draußen nicht den geringsten Anhaltspunkt für die Strömung gibt, können Jörg und ich bald erkennen, dass unser junger Freund bald Probleme bekommen wird, wenn er unser Ziel nicht verfehlen will.Er selbst merkt es auch irgendwann und muss sich dann mächtig anstrengen, die verlorene Höhe wieder zu gewinnen. Am Wrack angekommen, bin ich beeindruckt, wie geradlinig unsere Spur vom Jappsand bis hierher war: mit rein manueller Navigation wäre ich eine erheblich ungünstigere Kurve gefahren!

Wir legen uns in den Windschatten hinter das Wrack, wo sich ein Kehrwasser bildet und relative Ruhe beschert. Trenk verhilft einer weiteren Portion Tee in die Freiheit, aber wirkliche Gemütlichkeit will nicht aufkommen. Es schwallt und strömt ständig um das Wrack herum und hinter uns macht es unheimliche Geräusche, so dass wir es nach einer kurzen Stärkung bald wieder verlassen.

Um dem Tag einen angemessenen Inhalt zu geben, hatten wir geplant, auf dem Rückweg noch Amrum zu umrunden. Wir fahren erst einmal genau nach Norden, denn damit sollten wir gut an der Insel vorbei kommen. Es wird aber bald offensichtlich, dass wir kaum etwas gut machen gegen Amrum, so dass ich mein mittlerweile ausgeschaltetes GPS wieder bemühe, um die konkrete Abdrift zu ermitteln. Danach müssten wir etwa 330 Grad fahren, würden gegen Strom und Wind nur etwa fünf Stundenkilometer machen und wir hätten keine Zeit mehr für die angedachte Pause auf dem Kniepsand. Wir rufen uns kurz in Erinnerung, dass wir zur Erholung hier sind und belassen den Kurs bei Null Grad, womit wir aber faktisch auf den Leuchtturm von Amrum zusteuern. So können wir dort an den Strand gehen, eine ausgiebige Pause machen und haben eine stressfreie Fahrt zurück nach Hooge.

Auf der Überfahrt von Amrum nach Hooge sichten wir in einiger Entfernung eine recht große Gruppe von Paddlern. Sie sind deutlich vor uns, fahren aber auch deutlich langsamer - oder korrekter Weise sollte ich sagen, wir fahren deutlich schneller. Als wir in den Segelhafen einlaufen, ist fast Hochwasser und wir können bequem an einem schimpfenden Austernfischer vorbei zu unseren Zelten gelangen. Die Gruppe um Thomas Driller, die wir überholt haben, trifft auch bald ein und dann noch mehrere andere Grüppchen, bis schließlich 16 Zelte auf der Wiese stehen. Heute ist der obligate Verzehr des Lammfilets im Friesenpesel als Abendprogramm angesetzt. Nach unserer Rückkehr versammeln sich alle Paddler auf der Deichkrone, um den beeindruckenden Sonnenuntergang zu würdigen.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Himmelfahrt mit GPS (1/4)

"Mein Norden liegt im Süden. Und deins?" Ein Blick auf meinen Kompass ergibt ein "Südwest!". Jörgs Kompass zeigt mit Osten noch die geringste Abweichung, aber auch die ist inakzeptabel, wenn wir auch nur irgendwo verlässlich ankommen wollen. Offensichtlich hat man um Hafen von Schlüttsiel irgend etwas im Untergrund verbuddelt, das unsere magnetischen Wegweiser aus dem Gleichgewicht bringt. Wir sind zuversichtlich, dass sie uns auf dem Wasser verlässlich führen werden.

Nachdem wir die gesamte letzte Woche die Wettervorhersage gespannt verfolgt haben, mussten wir einsehen, dass eine stabile Wetterlage mit wenig Wind anders aussieht. Das Projekt "Helgoland" muss sich damit in die Warteschlange einreihen. Wir werden unsere Zeit an diesem verlängerten Wochenende auch so genussvoll zu nutzen wissen.

Es ist Himmelfahrtstag und gutes Wetter. Zudem liegt der Termin für dieses lange Wochenende extrem spät im Jahr, so dass das Wasser bereits vergleichsweise warm ist. Unsere Befürchtung ist, dass diese für Paddler glückliche Kombination der Umstände dazu führt, dass die Zeltwiese auf Hooge, die wir uns als Ziel ausgesucht haben, überfüllt sein könnte. Wir hatten solche Befürchtungen schon für den Parkplatz in Schlüttsiel gehegt, aber die haben sich erfreulicherweise nicht bestätigt. Wir werden uns nach den Gegebenheiten vor Ort spontan entscheiden, unsere Pläne anzupassen.

Ich fahre nun schon seit anderthalb Jahrzehnten mit meinem Boot auf Tour. Ich bin in vielem sehr gut, in manchem fast professionell, aber in einem bin ich auf dem Niveau eines Anfängers stehen geblieben: Wenn es darum geht zu entscheiden, was alles absolut notwendig ist, auf so eine Tour mitgenommen zu werden, schleppe ich Unmengen von Ballast mit mir herum, weil ich mich nicht durchringen kann, meine Sandalen zu Hause zu lassen, wenn ich schon meine Halbschuhe eingepackt habe. Insbesondere beim Essen treibt mich im Vorfeld immer die Panik um, ich könnte bei so einer Unternehmung verhungern. Da nehme ich dann doch lieber vier Joghurts mit, auch wenn die Tour nur drei Gelegenheiten zum Frühstück bietet, zwei Gläser Marmelade, weil ich gerne zwischen Kirsch und Erdbeer wählen können möchte, oder einen Liter Milch, von dem ich dreiviertel am zweiten Tag wegschütte, weil er sauer geworden ist. Diese Tour ist einen guten Tag länger als eine normale Wochenendtour, also nehme ich sicherheitshalber doppelt so viel Proviant mit. Ein seelischer Defekt, der seine Wurzel vermutlich in den Erzählungen meiner Eltern von Hunger und Entbehrungen im Krieg hat. Begünstigt wird dieses Übel noch durch die Tatsache, dass mein Boot für alles Platz bietet und ich mich nicht bescheiden muss.


Auf dieser Tour soll mein neues GPS-Gerät seinen ersten, ernsthaften Einsatz erfahren. Da wir heute nicht Helgoland ansteuern wollen sondern nur Hooge, kann man selbst ohne Kompass nach Sicht fahren - wenn man Nordstrandischmoor, Hamburger Hallig und Habel in die richtige Reihenfolge gebracht hat! Trotzdem ist es eine gute Übung mit dem Gerät umzugehen und zu sehen, wie mit zunehmender Zeit die Stromunterstützung immer deutlicher wird. Nachdem wir östlich um Gröde herum sind und uns nach Westen wenden, fahren wir fast ständig mit zehn Stundenkilometern. Als wir in den noch gut gefüllten Segelhafen von Hooge einlaufen, sind wir zwar etwas baff aber doch erfreut, dass die Zeltwiese komplett leer ist. Nach einigen Diskussionen, wer denn den besten Platz belegen darf, haben wir unsere Zelte gleichmäßig über das Areal verteilt. Am späteren Nachmittag trudeln noch drei sehr angenehme Holländer ein, die allesamt den gleichen, alten Bootstyp fahren: einen P&H Baidarka Explorer.

Sonntag, 22. Mai 2011

"Heute wird es schön...

... aber morgen wird's ungemütlich!" So lautete gestern die Schlagzeile der Kieler Nachrichten. "Morgen" ist also heute und wir sind gespannt, was da so auf uns zukommt. Für eine Fahrt zum Leuchtturm stehen die Zeichen nicht günstig, denn es soll Gewitter geben und Böen mit sieben bis acht Beaufort. Gestern wäre ganz klar die bessere Wahl gewesen - ging aber nicht.
Zu Beginn herrschte eitel Sonnenschein

Wie immer stellt sich die Frage nach der Kleidung, weil es bei der Abfahrt zwar mollig warm ist, die Aussicht auf Gewitterschauer aber damit konkurriert. Wir entschließen uns für leichte Kleidung, führen aber Paddeljacke und Südwester griffbereit mit (auch ich habe ihn diesmal dabei!). Ein kaum spürbarer Südwind unterstützt uns auf dem Weg nach Norden, so dass wir beständig über acht Stundenkilometer fahren, wie mir mein GPS mitteilt. Ich lasse es die ganze Zeit mitlaufen, merke aber erst hinterher, dass ich das Aufzeichnen des Tracks nicht eingeschaltet habe. Das lag schlicht daran, dass ich die kleine Schrift auf dem Gerät nicht lesen konnte und die beiden Optionen "An" und "Aus" verwechselt habe. Ich muss auf lange Sicht mal sehen, wie ich mir eine Brille an die Schwimmweste binden kann. Zum Glück ist Jörg kurzsichtig und ich bin weitsichtig, so dass wir uns im Ernstfall, sollten wir beide unserer Brillen verlustig gehen, gegenseitig helfen könnten. So ist das, wenn Greise aufs Wasser gehen!

Ankunft in Bülk
Vor Bülk machen wir eine ausgiebige Pause, bleiben aber im Boot. Während wir unseren Proviant verputzen, treiben wir langsam auf den mit Anglern besetzten Molenkopf zu. Ich wundere mich, dass wir nicht angepfiffen werden, aber wir machen uns schließlich freiwillig aus dem Staube.

Als wir unsere Rücktour antreten, sind wir noch guter Hoffnung, dass wir es vielleicht komplett im Trockenen zurück schaffen könnten. Es ist lediglich eine einzige Kummuluswolke zu sehen, und die sieht noch nicht sehr bedrohlich aus. Als wir in der Strander Bucht eine Segelyacht überholen, auf der ein Regattaschiedsgericht postiert ist, machen sie uns drauf aufmerksam, dass "Schietwetter aufzieht". Es ist nun nicht mehr zu übersehen, dass sich hinter Schilksee etwas zusammenbraut. Der Wind hat auch deutlich aufgefrischt. Aber es ist noch nicht akut. Ich beobachte die Szenerie die ganze Zeit und muss erkennen, dass es sich - natürlich wie immer - schneller entwickelt, als man glauben will. Da wir recht weit draußen fahren und ich weiß, dass Gewitterböen, wenn sie denn einmal kommen, heftig sind, ändere ich meinen Kurs, um schneller dicht unter Land zu kommen.
Das Wasser kocht!

In unmittelbarer Nähe zum Strand kramen wir unsere Paddeljacken und Südwester raus. Wir haben sie gerade auf, da setzt auch schon heftigster Gewitterregen ein mit böigem Wind aus einer um 180 Grad geänderten Richtung. Es grummelt auch schon, aber wir wollen, solange es geht, noch weiterfahren. Hier gibt es absolut keine Möglichkeit, sich unterzustellen. In ein paar hundert Metern ist eine Segelschule, dort könnten wir mehr Glück haben. Während wir im komfortablen Schutz des Steilufers durch den fulminanten Regen paddeln, beobachtet Jörg eine Jolle, die von einer Bö jäh umgerissen wird. Die beiden Segler schwimmen im Wasser Richtung Ufer. Sie könnten es leicht schaffen, aber sie versuchen, ihre Jolle zu ziehen und gegen die heftigen Böen haben sie nicht den Hauch einer Chance. Als ich sehe, dass sie mit der Jolle rausgetrieben werden, fahre ich hin. Das Wasser ist immer noch zu kalt, um hier lange Spierenzchen zu machen. Die beiden wollen ihre Jolle aber nicht aufgeben und bitten mich, ihnen beim Ziehen zu helfen. So schleppen wir unerwarteter Weise ein Segelboot hinter uns her und ich ärgere mich, dass ich mein erstklassiges Schleppgeschirr zu Hause gelassen habe und stattdessen mit einer zweitklassigen Gummileine von Jörg agieren muss!
Da hinten war eben noch Schilksee!

Nach der Front klart die Sicht in wenigen Minuten auf und der Wind legt sich wieder. Den Rest der Strecke legen wir wieder bei bestem Wetter zurück. Die schöne Tour wird mit einem Stück Kuchen und Kaffee bzw. Kakao im Pennekamp gemütlich beendet. Erst als ich mit dem Fahrrad nach Hause fahre, werde ich von einem ausgedehnten Wolkenbruch geduscht.

Sonntag, 15. Mai 2011

Mit GPS zur Tonne 4

Unser Nachbarverein feiert heute seinen 90. Geburtstag. Da bin ich eingeladen und da will ich auch gerne hingehen. Und wenn ich schon mal am Klub bin, kann ich ja auch gleich die Gelegenheit nutzen und paddeln gehen. Zuerst muss ich aber noch geduldig die vielen Reden durchstehen, die sich natürlich alle etwas in die Länge ziehen. Ich hätte nach den Bootstaufen gehen können, aber da wir eine lange Tour machen wollten, musste ich unbedingt noch mal hochgehen, um mir mit "ein paar" Schnittchen eine solide Grundlage für das Kommende zu verschaffen.

Außer Jörg ist heute mein frisch programmiertes GPS-Gerät mit von der Partie. Ich muss schließlich den Umgang damit üben, damit er mir im realen Einsatzfall leicht von der Hand geht. Ich habe eine Route eingegeben, der ich gerne folgen möchte, um zu sehen, wie sich das anfühlt und wie man mit Änderungen umgeht.

Wir hatten überlegt, die Tour am Samstag zu machen, haben sie aber wegen der Wettervorhersage, die mit Gewitterschauern drohte, um einen Tag auf den Sonntag verschoben. Wir sind etwas am zweifeln, ob das eine gute Idee war, denn nur wenige Minuten, nachdem wir auf dem Wasser sind, setzt der erste heftige Regenschauer ein. Und der Wind ist irgendwie auch nicht von schlechten Eltern. Da ich natürlich wieder viel zu hektisch meine Sachen gepackt habe, habe ich auch wieder etwas vergessen: meinen Südwester. Ich bereue es schmerzlich!

Und natürlich fallen wir wieder in unseren alten Trott, dass wir viel zu schnell fahren und uns verausgaben. Jörg ist es diesmal, der darauf aufmerksam macht und ein langsameres Tempo anmahnt. Das müssen wir echt üben! Es gehen noch hin und wieder einige Schauer über uns nieder aber wir folgen stur der durch das GPS vorgegebenen Route. Es ist wirklich praktisch, immer genau die Abdrift erkennen zu können - aber mit der Auswahl der angezeigten Daten muss ich noch experimentieren. Wir wollen zwar ausdrücklich etwas weiter als bis zur Glockentonne fahren, aber da Kiel Leuchtturm für heute außer Frage steht, loche ich die Tonne 4 als nächsten Wegpunkt ein. Etwa 20 Minute bis wir da sind, sagt mein GPS. Es soll verdammt genau recht behalten!
Jenseits von Laboe geht eine wirklich lebhafte See. War der Wind vorhin zwischen den Schauerfronten immer recht schwach, so ist er jetzt auf hohem Niveau eingerastet. Es macht Spaß, in den Wellen zu spielen. Für eine Pause am Scheitelpunkt unserer Tour ist das Wasser aber allzu ungemütlich. So fahren wir wieder bis zum Strand nach Möltenort zurück, wo wir die Boote nur auf den Sand setzen aber nicht aussteigen.
Natürlich hat sich die Windrichtung nicht die Spur zu unseren Gunsten entwickelt, so dass wir die ganze Zeit gegenan keulen müssen. Die Windgeschwindigkeit liegt leider auch deutlich über den vorhergesagten vier Beaufort. Am Ende der Tour waren es laut GPS gute 25 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,9km/h. Das ist ziemlich hurtig. Aber auf Helgoland bezogen ist es leider nur die halbe Miete - und eine zweite solche Hälfte ist bei derartigen Verhältnissen nicht drin!

Samstag, 2. April 2011

Leuchtturm Nonstop


Die Zeichen stehen günstig: Alle Familienmitglieder sind mit eigenen Unternehmungen beschäftigt und das Wetter soll bombastisch gut werden: 20 Grad und Sonne und nicht zuviel Wind. Genau richtig, um meine Vorbereitung für unsere große Tour in diesem Jahr voranzutreiben. Ich will versuchen, bis zum Leuchtturm zu kommen und wenn es geht, auch wieder zurück, ohne zwischendurch auszusteigen. Das Gute an der Förde ist ja, dass man es sich jederzeit anders überlegen kann und im Falle, dass man allzu porös ist, an Land gehen. Nicht so, als wenn man nach Helgoland unterwegs ist und man auf halben Wege merkt, dass der Hintern unerträglich durchgesessen ist, man einen Krampf im Oberschenkel hat, oder sonstige unverhergesehene Zwänge ein Weiterfahren unmöglich machen. Kiel Leuchtturm ist sozusagen "Helgoland mit Geländer", denn die Entfernung ist gar nicht so viel anders, als wollte man Deutschlands einzige Hochseeinsel erreichen.

Um viertel vor elf bin ich auf dem Wasser, um gleich festzustellen, dass ich natürlich wieder meine Sonnenchreme vergessen habe. Zum Glück schützen mich ein paar Schleierwolken davor, am Ende des Tages wie eine Grillwurst auszusehen und den Stress mit Marie-Theres auszustehen. Allerdings muss ich nach etwa fünfhundert Metern ebenfalls feststellen, dass ich mit meiner Winterpaddeljacke hoffnungslos "overdressed" bin. Ich bin eine Weile unentschlossen, ob ich sie ablege, denn soo warm ist es auch nicht und das Wasser hat erfrischende vier Grad. Aber nach ein paar weiteren Metern gibt es keine Zweifel mehr: Die Jacke kommt ins Cockpit. Der Wind schiebt ein wenig von hinten - ich hätte ihn auf zwei bis drei Beaufort geschätzt, es sind aber tatsächlich vier. Das macht das Fahren sehr angenehm, aber skeptisch wie ich bin, mache ich mir bereits Gedanken über die Rücktour. Vielleicht muss ich doch das Geländer in Anspruch nehmen?

Ich paddle ohne große Anstrengung, denn ich rechne mit mindestens sechs Stunden - eher mehr. Jede Stunde mache ich eine kleine Pause, keine fünf Minuten, aber ich trinke jeweils etwas, später esse ich auch immer ein bisschen. Das wirkt Wunder. Der Wind hält über die gesamte Zeit seine Richtung und Stärke bei. Die Sicht ist sehr diesig, so dass ich mein Ziel erst an Tonne 5 schemenhaft erkennen kann. Um 13:25 Uhr erreiche ich den Leuchtturm und packe  Thermoskanne und Tupperdose aus. Bis hierher bin ich inklusive Pausen mit 8,25 Stundenkilometern unterwegs gewesen. Das ist supergut, aber nicht so bedeutend, denn dass ich drei Stunden diese Geschwindigkeit halten kann, wusste ich vorher. Es ist aber etwas überraschend, denn ich bin eher auf Nachhaltigkeit gefahren, so dass ich es dem Wind gutschreibe, dass ich so gut voran gekommen bin.

Bereits nach zehn Minuten mache ich mich wieder auf den Rückweg. Dadurch, dass ich immer mal eine kleine Pause gemacht habe, brauche ich jetzt nicht mehr Zeit zum Ausruhen. Mit dem Wind nun im Gesicht ist es gleich deutlich frischer, aber ich will die Paddeljacke noch nicht anziehen. Ich merke, dass es deutlich mehr ist, als was mir damals bei meiner Überfahrt nach Ärö ins Gesicht blies und ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr er mir nach vier Stunden zugesetzt hatte. Aber heute fühle ich mich noch ausgesprochen frisch und das Paddeln fällt mir leicht. Ich schaffe es immernoch, fast die gesamte Stunde mein Paddel rotieren zu lassen, ohne es zwischendurch abzulegen.

Meine erste Hochrechnung für den Zeitpunkt meiner Rückkehr liegt bei 17:00 bis 17:30, denn ich weiß dass ich das hohe Tempo der Hinfahrt auf gar keinen Fall halten kann. In der fünften Stunde wundere ich mich schon, dass ich noch nicht müder bin, den ich fliege immer noch mit einer fast beänstigenden Geschwindigkeit über das Wasser. Zwischendurch halte ich kurzzeitig eine Ankunft um 16:15 Uhr für möglich, aber da hat mich vermutlich eine Art Dilirium gepackt. In der sechsten Stunde hat der Wind ein Einsehen mit meiner hohen Geschwindigkeit und dreht auf fünf auf. Das macht mir echt zu schaffen! Das Paddel die volle Stunde in Bewegung zu halten, schaffe ich eh schon nicht mehr und nun muss mir der Wind hier auf den letzten Metern noch den Spaß verderben! Ich habe mir irgendwann vorgenommen, unter sechs Stunden zu bleiben, aber auch diese Marke scheint jetzt nicht mehr erreichbar. "Ach was! Ich schaffe das!", versuche ich, mir Mut zu machen. Und siehe da, als ich am Steg anschlage, sind sechs Stunden und zwei Minuten vergangen - aber von den zwei Minuten werde ich niemandem etwas erzählen!

44 Kilometer halb mit, halb geben den Wind in sechs Stunden, alle Pausen eingerechnet. Das sind 7,3 Stundenkilometer - ich bin richtig stolz! Wenn die Bedingungen günstig sind, sollte Helgoland auch ohne Geländer schaffbar sein.