Montag, 28. Mai 2012

Manchmal kommt es anders...

Dem Heiligen Geist sei Dank! Gäbe es ihn und den dazugehörenden Pfingstmontag nicht, hätten wir am Freitag Nachmitag los gemusst. Am vergangenen Montag hatte ich das Einsteigerpaddeln geleitet, am Dienstag hurtig die wichtigsten Dinge gepackt, am Mittwoch Seminar "Kinderschutz", am Donnerstag Vorstandssitzung, am Freitag direkt von der Arbeit los. Wie hätte das gehen sollen? Vermutlich so, dass ich am Deich stehend festgestellt hätte, dass ich mein Paddel, mein Boot, meine zweite Unterhose oder ähnlich entscheidende Dinge in der Hektik vergessen habe.

So aber können wir einfach einen Tag später losfahren, am Freitag noch die letzten und am Samstag die allerletzten Dinge rauskramen und einpacken und dann am Nachmittag in aller Herrgottsruhe gen Westen fahren. Die Tide steht günstig, die Sonne lange am Himmel und der Wind auf unser Ziel! In einer ruhigen Abendstimmung packen wir unsere Habseligkeiten im Hafen von Schlüttsiel in unsere Boote und machen uns auf den Weg in eine andere Welt.

Peter merkt gleich nach ein paar Minuten, dass er sein Boot vertrimmt hat. Aber die Bedingungen sind gnädig, so dass er das nicht optimale Verhalten vorerst erträgt. Sollte es rauher werden, können wir immernoch irgendwo auf Langeness an Land gehen und den Trim verbessern.

Wir haben uns bewusst auf die späte Hochwasserwelle gesetzt, um uns von ihr hinaus in die nordfriesische Halligwelt tragen zu lassen. Wir hätten sogar gerne noch einen späteren Zeitpunkt akzeptiert, der eine Fahrt in die Nacht hinein bedeutet hätte. So fahren wir immerhin in die Dämmerung hinein und werden unser heutiges Ziel, den Kniepsand, erst deutlich nach Sonnenuntergang erreichen. Es ist still um ums, keine anderen Paddler, keine Segler, keine Frachter, keine Fischer - nur ab und an lugt ein Seehund aus dem erstaunlich warmen Wasser. Einer taucht verträumt keine fünf Meter neben mir  bis zur Brust aus dem Wasser, macht aber so erschrocken kehrt, dass er dabei fast gänzlich aus dem Wasser springt und mit einem lauten Platsch hektisch in vermeintlich geschütztere Gefilde abtaucht. Natürlich ist meine Digitalkamera nicht schnell genug mit dem Auslösen, so dass ich nur noch das Loch fotografiere, das er in die Wasseroberfläche gerissen hat.

Wir fahren durch das Langenessfahrwasser, so haben wir zwar nicht den mächtigen Strom der Süderaue mit uns, aber es geht dichter an Land entlang, und das macht es ein bisschen interessanter. Querab von Hilligenlei legen wir eine kleine Pause ein, bevor es auf "das offene Meer" hinaus geht. Wir haben unsere Seekarten so organisiert, dass meine das Gebiet bis hierher zeigt und Peters von hier bis Amrum. Wir einigen uns kurz auf den weiteren Kurs, und die Navigationshoheit wechselt nun von mir zu Peter. Mein Kartensatz ist ein gutes Dutzend Jahre alt, Peters gute zehn. Aber das ficht uns nicht an, denn auch die aktuellen Karten geben schließlich den sich ständig verändernden Verlauf der Priele nicht verlässlich an. Allerdings hat sich die Tonnenbestückung hier nennenswert geändert, so dass wir mit unseren Unterlagen im Moment nicht mehr viel anfangen können. Ich nehme die Seekarte aber sowieso eher als "unverbindliche Empfehlung": Sie gibt mir immerhin wertvolle Hinweise, wo ungefähr mit Flachs und wo mit tiefen Fahrwassern zu rechnen ist. Wo sich dann tatsächlich die Durchfahrten, Sandbänke oder steile Unterwasserkanten befinden, muss man mit dem Hintern erspüren oder an der Wasseroberfläche ablesen. Zudem haben fleißige Heinzelmännchen den Verlauf der Schweinsrückendurchfahrt mit jungen Birken markiert, so dass wir problemlos durch dieses anspruchsvolle Gewirr von Flachs und Tiefs mäandern. Wir fahren in die wunderschön hinter dem Horizont versinkenden Sonne hinein. Als sie die Kimm küsst, sieht es aus, als sei sie etwas verpixelt - so als stimme die Auflösung nicht für dieses breit angelegte Panorama. Wir haben keine Ahnung, wer da an den Einstellungen gedreht hat - wie HD-Qualität sieht das jedenfalls nicht aus!


Um halb elf laufen wir sanft auf dem Saum des Kniepsandes auf. Ungelenkt puhlen wir uns aus unseren Gehäusen, um mit steifen Beinen einen ersten Erkundungsgang zu machen. Da uns in einiger Entfernung noch ein schlickiger Priel den Zugang zum dauerhaft trockenen Sand verwehrt, beschließen wir, unsere Boote in einem kleinen Bogen zu einer geeigneten Lagerstelle zu rollern. Direkt am Wasser ist der Sand fest und glatt, so dass der Bootswagen fast von alleine rollt. Aber bald geraten wir in so weichen Untergrund, dass wir keuchend fast waagerecht vor unseren Lasten liegen und tiefe Riefen in den Sand fräsen. Irgendwann kippt mein Bootswagen unter dem Boot einfach um, so dass ich anhalten und ihn neu justieren muss. Die großen Kräfte, die im Zweikampf zwischen mir und dem Sand zur Wirkung gekommen sind, haben eine Strebe meines eigentlich überaus stabilen Gefährtes brechen lassen. Wenn man genauer drüber nachdenkt, ist es kein Wunder, dass das Gerät derartige Scherkräfte nicht überleben kann. Ich packe meine Schleppleine aus und befestige das hintere Ende an der Achse. So ziehe ich den Bootswagen nicht indirekt über das Boot, sondern direkt dort, wo auch die Gegenkräfte ansetzen. Trotzdem kann "von alleine rollen" nicht die Rede sein. Peter sieht mir und meinen breiten Reifen neidisch hinterher, als ich ihn in besonders tiefem Sand überhole, wo er soweit einsinkt, dass sogar seine Achse durch den Sand pfügt.

Meiner Paranoia folgend, dass ich es absolut nicht leiden kann, wenn ich nachts im Schlaf von sanft rauschenden Nordseewellen wachgekitzelt werde, haben wir unseren Zeltplatz so weit vom Wasser entfernt gewählt, dass schon die nächste Jahrhundertflut kommen müsste, damit wir hier nass werden. Die Zelte sind zügig aufgebaut, denn trotz der fortgeschritttenen Zeit kann man noch prima sehen. Zufrieden und geschafft kriechen wir in unsere Schlafsäcke.

Der Vorteil einer Nacht auf dem Kniepsand ist, dass hier weder bewollte noch gefiederte Lärmlinge ihr Unwesen treiben! So kann man in herrlicher Ruhe die Nacht ohne Blöken und Piepen zur Entspannung genießen und sich morgens erst durch die Sonne aus dem Zelt kitzeln lassen. Der Nachteil beim Biwakieren auf dem Kniepsand liegt im zweiten Teil seines Namens begründet: Überall ist SAND! Es gehört eine gehörige Portion Professionalität dazu, dem unnachgiebigem Drang dieses nur scheinbar inaktiven Materials, sich gleichmäßig in Nasen, Ohren und Ausrüstung zu verteilen, Paroli zu bieten. Man kann diesen Kampf zwar nicht wirklich gewinnen, aber ich bin schon stolz, wenn ich sagen kann, dass er unentschieden ausgegangen ist und mein Margarinetopf für den Rest der Fahrt nicht von solch kleinen, dunklen Punkten übersät ist. Trotzdem genießen wir den wunderschönen Morgen in der schon wärmenden Sonne.

Wir haben zwar Hochwasser, aber leider hat das Wasser die sandige Kluft, die wir gestern Abend zwischen uns und das Niedrigwasser gebracht haben, nur zum allerkleinsten Teil überwunden. Den Rest müssen wir wieder unter unsere unterschiedlich breiten Räder nehmen. Der Plan für heute ist, uns mit dem ablaufenden Wasser zum Wrack der "Pallas" spülen zu lassen und dann um beide Außensände herum in Richtung Eiderstedt zu fahren, wo wir uns wieder am Strand niederlassen wollen. Das ablaufende Wasser sorgt für eine flotte Fahrt und nach wenig mehr als einer Stunde sind wir am Wrack. Beim Navigieren leistet mir das GPS-Gerät wieder wertvolle Dienste: Zum einen weiß ich, dass wir immer zwischen zehn und elf Stundenkilometer schnell sind, zum anderen sagt es mir genau den Vorhaltewinkel, den wir fahren müssen, um nicht unnötig Weg zu vergeuden. Peter ist anfangs etwas skeptisch wegen der Richtung, gibt sich der Überlegenheit der modernen Technik aber geschlagen.

Ich habe das Südende des Süderoogsandes als nächsten Wegpunkt einprogrammiert. Nach kurzer Bedenkzeit äußert Peter aber den berechtigten Einwand, dass wir bei diesem Kurs nicht die Option haben, durchs Rummelloch abzukürzen, wenn uns der Schlag zu lang wird. Um uns also nicht in Zugzwang zu setzen, halten wir quasi genau nach Osten auf die Lücke zwischen den großen Sänden zu. Da das Wasser immer noch abläuft, müssen wir nun gegen den Ebbstrom anpaddeln. Wir sind nur noch knapp halb so schnell und kriechen mit knappen fünf Stundenkilometern über die Nordsee. So dauert es gute zweieinhalb Stunden, bis wir die läppischen etwa zwölf Kilometer zurückgelegt haben.

Der Eingang zum Rummelloch ist übrigens ausgesprochen schwierig zu finden. Auf der Karte sieht es so einfach aus, die Stelle mit dem offenen Wasser zu finden, aber in der Realität sieht man überall nur dünne Streifen von aus dem Wasser ragenden Sänden. Man kann leider unmöglich erkennen, wie weit sie jeweils entfernt sind oder auch nur, ob sie von Westen nach Osten verlaufen oder von Norden nach Süden. Der Unterschied ist gewaltig: Wenn der dünne Streifen Sand da vor uns von Westen nach Osten verläuft, verblockt er uns die Einfahrt und wir müssen rechts um ihn herum. Machen wir uns aber auf, ihn rechts zu umrunden und er verläuft von Nord nach Süd, so ist es bereits der Süderoogsand und eine Umrundung würde den Rest des Tages in Anspruch nehmen. Irgendwann definieren wir das vor uns liegende Wasser einfach als Durchfahrt und folgen ihm bis wir einen geeigneten Pausenplatz finden. Das Kriterium dafür ist, dass die Sandkante möglichst steil ist, denn erstens wollen wir unsere Schiffe nicht mehr als ein paar Meter aus dem Wasser ziehen und sie zum anderen nicht alle paar Minuten wieder vor dem auflaufenden Wasser in Sicherheit bringen müssen. Leider hat eine Horde Seehunde die gleichen Kriterien für einen schönen Pausenplatz und so paddeln wir bald wieder ein paar hundert Meter zurück um unsere ebenso kegelförmigen wie kurzsichtigen Freunde nicht zu beunruhigen.

Peter öffnet sein vorderes Lug und zieht ein paar triefnasse Packsäcke daraus hervor. Als ich einen Blick in die (von Gepäck) fast leere Luke werfe, bin ich ehrlich geschockt: es ist zu dreiviertel voll mit Wasser! "Da muss ich wohl die Dichtung mal auswechseln!", ist Peters Einschätzung. Ich bin froh, dass wir keine wirklich ruppigen Bedingungen haben, denn so könnten wir immer noch unterwegs eine Lenzung erfolgreich praktizieren. Der Vorschlag, nicht direkt zur Spitze des Süderoogsandes zu fahren, erhält so nachträglich eine besonders nachdrückliche Berechtigung. Überhaupt schenken wir uns die lange Keulerei bis nach Eiderstedt und entscheiden uns für die Urlaubsvariante: Kurzer Weg nach Hooge - Nachmittag frei zum Relaxen, Zelten auf Gras statt auf Sand!

Während draußen vor den Sänden doch noch etwas Wind ging und vor allem die See unablässigt bewegt war, ist hier drinnen die Wasseroberfläche spiegelglatt. Wir fahren betont langsam, denn wir laufen eher Gefahr, zu früh an unserem Ziel anzukommen und alles, was wir hier an Zeit vertrödeln, sparen wir hinterher beim Wuchten unserer Boote über den Schlick. Es sind am Ende nur etwa fünfzig Meter, die wir die Schiffe bis zur Badetreppe schleifen müssen, jeder mit seiner dafür individuellen Technik. Es herrscht erstaunlich reger Betrieb auf der Wiese vor dem Anleger der Pelworm-Fähre. Da tummeln sich etwa ein halbes Dutzend Menschen in Strandkörben oder auf Picknickdecken vor unserer Nase. Naja, wir gehen davon aus, dass sie sich mit der untergehenden Sonne verziehen werden.

Der Rest des Tages ist dem "dolce fa niente" gewidmet, dem wir uns mit großem Eifer hingeben. Natürlich gehört ein abschließender Spaziergang über die Insel mit Einkehr im "Friesenpesel" dazu. Da wir beide vorher ausgiebig gekocht und gegessen haben, kommen die Salzwiesenlämmer heute glimpflich davon und werden nicht in Senfsoße gebadet. Die Sonne geht hier nicht ganz so spektakulär unter wie gestern - aber die Auflösung ist besser!


Am Montag ist Morgenhochwasser um sieben, das Nachmittaghochwassser in Schlüttsiel um 19:30 Uhr. Das erscheint auf den ersten Blick ungünstig, aber wir haben einen Plan gemacht: Wir fahren irgendwann morgens, wenn noch genug Wasser da ist, zum Jappsand, machen dort Pause bis zum Tidenkipp und lassen und dann nach Schlüttsiel schlürfen. Gesagt, getan. Um neun Uhr morgens ist noch Wasser über dem Schlick und wir müssen unsere Boote nur die Badetreppe hinuntertragen, wo wir sie sanft absetzen können. Bis zur Spitze von Jappsand ist es ein Katzensprung und nach einer knappen Stunde sind wir da. Auch hier suchen wir uns einen Rastplatz mit steilem Abfall des Sandes zum Wasser. Die dort lagernden Eiderenten ernten nicht so viel Rücksicht wie die Seehunde gestern und müssen weichen. Nach einer Erkundung der näheren Umgebung entlocken wir unseren Booten die letzten Köstlichkeiten und bereiten etwas zu essen und zu trinken. Peter hat nur einen Gaskocher, aber ich mache mit meinem heiligen Spiritus-Kocher dem Pfingstmontag alle Ehre!

Wir schwärmen von der Einsamkeit und der glitzernden Umgebung und dass sie uns alleine gehört, weil hier niemand herkommen kann, der nicht ein Kajak hat. Ich erinnere mich an einen Besuch im Schloss Neuschwanstein, wo man als Touristenware verwurstet wurde und in langen Schlangen und Gedränge vergeblich nach Beschaulickeit und Besinnung suchte! Wie schnöde war der doch hiergegen! Hier ist Stille. Hier ist Einsamkeit. Hier ist Einzigartigkeit. Hier ist ... die "Hauke Haien"! Nanu? Was will die denn hier??? Ungerührt tuckert der Ausflugsdampfer direkt auf uns zu und rammt keine fünf Meter neben uns auf den Sand. Ist eben die steilste Stelle hier. Eine Leiter wird am Bug heruntergelassen und flugs sind wir von ca. drei Dutzend Sommerfrischlern umgeben, die beim ersten Betreten des Sandes entzückt ausrufen: "Oh, guck mal, 'ne Muschel!". Sie sind aber alle ausgesprochen gut erzogen und fragen sogar, bevor sie uns fotografieren, was wir gnädig gewähren. Meine Erlaubnis: "Sie dürfen uns auch füttern!", lässt aber leider niemanden Bananen oder Erdnüsse zücken. Wir machen aus der misslichen Lage das Beste und ordern von der Besatzung des Dampfers zwei Eiswaffeln. Wenn schon, dann wollen wir auch unseren Nutzen von dieser Störung haben.

Peter will das unglaublich warme Wasser zum Baden nutzen und stürzt sich in die Fluten. Er kann das "unglaublich" problemlos bestätigen.  Das "warm" allerdings nur für die obersten 25 Zentimeter - darunter gesellt sich zum "unglaublich" eher ein erfrischendes "kalt". Während seines Bades herrscht genau Stillwasser, so dass wir danach gemächlich unsere Boote packen und den Rückweg antreten. Da wir wieder im Langenessfahrwasser zurück wollen, gilt es, in die richtige Einfahrt einzufädeln und nicht durch eine der davor lauernden Sandbänke abgestreift zu werden. Der Wind hat in der Nacht gedreht und weht nun lau aus Nordwest. Damit ist es keine große Sache bis zu unserem Heimathafen zu paddeln. Auf halbem Wege überholen wir eine Gruppe von vier Paddlern aus Hamburg. Zusammen mit den dreien, die wir auf Hooge gesichtet haben, ist das nicht der Andrang, den wir uns aufgrund der Wetterlage und des besonderen Wochenendes erwartet haben.

Wenn man die Wetterlage an diesem Wochenende einmal rückblickend betrachtet, dann war sie für eine Helgolandfahrt wie geschaffen: Am Samstag wehte ein leichter Ostwind mit maximal drei Beaufort und am Montag schlug er um in Nordwest mit der gleichen Stärke. Die Temperaturen waren ideal mit etwa 18 bis 20 Grad in Luft und Wasser. So etwas wünsche ich mir für unseren nächsten Anlauf auch! Aber wenn mich dieses Wochenende eines für die Fahrt nach Helgoland gelehrt hat, dann dass dafür nicht nur das Wetter stimmen muss, sondern dass es andere Bedingungen gibt, die noch wichtiger sind und noch unkalkulierbarer. Es bedeutet zwar nur das endlose Durchqueren einer öden Wasserwüste, nach Helgoland zu fahren. Der tiefere Reiz aber besteht im gemeinsamen Planen, Vorbereiten und Erleben der Herausforderung. Gegen diese Gemeinsamkeit  ist das bloße Durchpaddeln der Strecke ein mageres Gut.

Und manchmal besteht das gemeinsame Erleben ja auch darin, dass man gemeinsam auf ein Erleben verzichtet.

Sonntag, 29. April 2012

Wilder Ritt im Wind

Gegenüber der Tirpitzmole steige ich kurz vom Fahrrad, um ein Foto von der Förde zu machen. Sie ist mit weißen Schaumkronen bedeckt.Der Wind hat netto eine knapp schiebende Wirkung auf mein Fahrrad. Das heißt dass wir im Boot erst einmal gegen ihn ankämpfen müssen. Am Steg treffe ich auf Peter, der zufällig heute auch aufs Wasser will. Während unseres kurzen Klönschnacks weht sein Boot fast vom Steg, so dass er es nicht wirklich loslassen kann. Wir wollen uns später auf dem Wasser treffen.

Wir tragen unsere Boote diesmal nicht einzeln nach unten sondern beide gleichzeitig, denn sonst müssten wir dem zurückgelassenen hinterher schwimmen. Das Einsetzen und Einsteigen ist ein bisschen ein Problem, denn sobald man das Boot loslässt, ist es im Nu entschwunden. Auch das Schließen der Spritzdecke verlangt Konzentration und kühles Blut. Der Wind kommt aus Ostnordost und treibt mit seinen sieben Stärken erstaunlich große Wellen gegen die Kaimauer hinter uns, die sie trotzig zurück wirft. Dadurch schwabbelt unsere Umgebung recht heftig, und nur wenn man dem mit einer gewissen Lockerheit begegnet, kann man darin auch locker bleiben.

Ich lasse mein GPS-Gerät mitlaufen und wir nähern uns dem anderen Ufer mit der moderaten Geschwindigkeit von vier bis fünf Stundenkilometern. Immerhin! Das ist nicht von schlechten Eltern hier und wir wollen keine Rekorde aufstellen sondern möglichst ausgiebig Spaß haben. Um wirklich in den Windschutz der Uferbebauung zu gelangen, muss man tatsächlich extrem dicht an sie heran fahren. Bis Kitzeberg gelingt uns das ganz gut, wir schlängeln uns sogar mitten durch den Segelhafen von Mönkeberg, wo es tatsächlich vollkommen windstill ist. Aber an der Landspitze vor der Heikendorfer Bucht ist Schluss mit Windschutz und wenn wir noch weiter wollen, müssen wir uns den Weg selbst erarbeiten. Jörg und ich wollen weiter - Peter läuft die Zeit leer und er kehrt um.

Die Heikendorfer Bucht liegt vor uns. Das wird windig!
Wenn man darauf achtet, nicht in den Bereich der Anstrengung zu kommen, sondern einfach die Geschwindigkeit einen guten Mann sein lässt und immer schön nur soviel Leistung aufbringt, wie man dauerhaft zu liefern imstande ist, kommt man erstaunlich gut gegen einen siebener Wind an. Und man muss durchaus auf die Böen achten. Die wollen eigentlich nur spielen, aber ihr Spiel, das Paddelblatt unvermittelt anzulupfen, kann leicht damit enden, dass man nass wird.

Ich sage Jörg noch, dass - sollte er heute zum Leuchtturm fahren wollen - er die Strecke ab Möltenort ohne mich zurücklegen muss. Aber auch für ihn soll heute hier gut sein und wir laufen den südlichen Strand zu einer gemütlichen Pause in der Sonne an. Die eine erste Schwalbe, die ich am vergangenen Mittwoch gesichtet hatte, hat sich Verstärkung geholt, damit sie nun endlich "Sommer" machen können. Man merkt, dass sie dabei bereits einigen Erfolg gehabt haben, denn die Sonne wärmt schon deutlich mehr als während vergangener Pausen.

Pause in Lee.
Hier am windgeschützten Ostufer sitzend kann man sich kaum vorstellen, dass es da draußen immer noch so heftig wehen soll. Aber nachdem wir uns wenige hundert Meter vom Strand entfernt haben und das GPS nicht selten zweistellige Geschwindigkeitswerte anzeigt, wissen wir, dass der Wind nicht nachgelassen hat. Man muss nicht viel tun, zumindest nicht, um vorwärts zu kommen, und doch ist es anstrengend - auf eine ganz andere Weise anstrengend. Immer will man den Surf auf dieser Welle noch mitnehmen und dafür muss man reinhauen - und dann hat es einen total aus der Richtung verdreht und man muss das Boot wieder zurückzwingen - irgendwie anstrengend. Aber es macht Spaß!

Als wir schließlich dichter ans Westufer kommen, von dem die Wellen reflektiert werden, befinden wir uns in einem herrlichen Wellenchaos, das so richtig nach unserem Geschmack ist. Es erfordert hohe Aufmerksamkeit, denn man kann die Wellen nicht vorausahnen und muss sich vorsehen, nicht in ein Loch zu stützen. Aber man bekommt total warme Beine, weil man unheimlich mit dem Unterkörper am Arbeiten ist und es macht einfach einen Heidenspaß über dieses nasse Kopfsteinplaster zu hubbeln!

Den Steg zu fassen zu bekommen und sich aus dem Boot auf die Bohlen zu befördern, ist nicht ganz einfach und es gelingt uns nicht in der Eleganz, die man sonst von uns gewohnt ist - aber geschenkt! Wir steigen zutiefst zufrieden aus den Booten, genehmigen uns die obligate Dusche und lassen uns zu einem entspannenden Kaffee im Pennekamp nieder. Der einzige dort freie Tisch steht nicht ganz im Windschutz, so dass die Sahne, die wir bestellt hatten, eigentlich vom Nachbartisch hätte bezahlt werden müssen - dort ist sie nämlich gelandet, nachdem eine heftige Böe durch unsere Tassen gefegt ist.

Samstag, 14. April 2012

Fitness-Testtour

Die äußeren Umstände waren günstig: Ich würde allein zu Haus sein, das Wetter sollte einigernaßen werden und körperlich fühlte ich mich gut genug, eine lange Tour zu machen. Leider wurde Jörg am Beginn der Woche von einer menschlichen Malaise heimgesucht, wie es für endliche Wesen in unserem Alter nicht ungewöhnlich ist. Immerhin war er wieder soweit genesen, dass er sich überhaupt ins Boot setzten und eine kleine Tour mit mir machen würde. Da sich Klaus-Peter noch zu uns gesellte, dem der Sinn auch nicht nach Marathon stand und der mit Jörg zurückfahren würde, konnte ich mir vollkommen unbeschwert überlegen, ob ich eine größere oder die ganz große Lösung fahren wollte.

Der genaue Blick auf die Windvorhersage ergab eine intensive Flaute mit Windgeschwindigkeiten im kaum wahrnehmbaren Bereich. Die Richtung, aus der der Wind kaum wahrnehmbar sein würde, war deutlich Nord. Das sprach sehr für eine seeehr lange Tour! Da wir natürlich wieder Mirkos Fortschritte bei der Renovierung unserer Vereinsgaststätte gebührend würdigen müssen, kommen wir etwas später los als gedacht los. Wie erwartet und vorhergesagt, liegt die Förde spiegelglatt in der Landschaft. Allerdings ist es seit heute mit der winterlichen Ruhe endgültig vorbei. Überall am Ufer sind Kräne emsig dabei, dickbäuchige Damen an strammen Gurten behutsam ins Wasser zu hieven: "Yvonne", "Henrika", "Frouwke" und wie sie alle heißen. Die Segler sind aus ihrem Winterschlaf erwacht und werden uns fürderhin Gesellschaft auf dem Wasser leisten. Die meisten ihrer schwimmfähigen Untersätze sehen noch irgendwie behindert aus, sie fahren entweder ganz ohne Mast oder haben ihn in waagerechter Lage festgezurrt. Eine ganze Menge Arbeit, die so ein Segelboot erfordert, bevor man genüsslich damit durch die Wellen pflügen kann. Da lobe ich mir doch mein Kajak!

Bis zur Tonne 12 fahren wir zwar zügig aber bewusst drucklos. Klaus-Peter macht recht häufig Fotos und wir wollen nicht hetzen. Es setzt tatsächlich ein leichter Nordwind ein, was mir für mein Vorhaben im doppelten Sinne sehr entgegenkommt. Nach einer kurzen Verabschiedung von meinen beiden Begleitern quere ich hier das Fahrwasser und ziehe nach Norden. Ich bin immernoch nicht entschieden, wie weit ich wirklich fahren will, aber ich habe den roten Leuchtturm nun fest auf meiner geistigen Agenda.

Eines der wesentlichen Probleme bei seeehr langen Touren ist die geistige Ödnis, in die man sich begibt - zumal wenn man alleine fährt. Während der Körper gut zu tun hat und zufrieden zeigen darf, wie kraftvoll und verlässlich er arbeiten kann, geht der Geist wie ein gefangener Tiger in seinem Käfig auf und ab und sucht gelangweilt nach jedem ausgelutschtem Knochen, auf dem er etwas kauen kann. Auf meinem Vordeck habe ich das GPS-Gerät mit der neuen Halterung von Tchibo montiert. Das ist eine feine Sache, denn so kann ich seine Anzeige einwandfrei ablesen und es stört mich nicht beim Paddeln. Allerdings ist es auf die Dauer etwas öde, immer nur den beiden Werten für die insgesamt zurückgelegte Strecke und die momentane Geschwindigkeit bei ihrem Werden und Vergehen zuzuschauen. So programmiere ich die Tonne 7 als nächsten zu erreichenden Wegpunkt ein. Dadurch gesellen sich noch die Zahlen für die bis dahin noch zu fahrende Strecke sowie den Zeitpunkt des voraussichtlichen Erreichens dazu. Wesentlich entscheidender ist aber die Tatsache, dass ich dadurch ein Ziel haben - und zwar eines, das in absehbarer Zeit erreichbar ist! Dieses Spielchen treibe ich noch mit der Tonne 5 sowie Tonne 3. Danach muss ich feststellen, dass ich weder die folgenden Tonnen noch den Leuchtturm als Wegpunkte einprogrammiert habe. Dummheit!

Etwa um halb drei habe ich den Leuchtturm Bülk querab und hier ist mir klar, dass ich wirklich bis zum Kieler Leuchtturm fahren werde. Der Wind hat zwar kurz nach meiner Trennung von den Mitfahrern stärker als erwartet aufgefrischt, aber da er mir im wesentlichen entgegenkommt, bedeutet es kein Risiko, zu weit zu fahren. Die Windstärke ist alles andere als kaum spürbar - es ist eine obere drei knapp an der Grenze zu vier - und sie macht sich leicht in meiner Geschwindigkeit bemerkbar. Aber ich fühle mich noch ausgesprochen gut beieinander, so dass ich keine Bedenken habe, die Tour lebendig zu beenden.

Exakt drei Stunden nach dem Ablegen laufe ich in das geschütze Wasser am Fuß des Leuchtturms ein. Im Anblick zweier schicker, orangeroter Lotsenboote krame ich meine Stulle hervor, stärke mich und ruhe etwas aus. Ein Lotse kommt aus seinem schicken Schiff hervor und macht mich darauf aufmerksam, dass sein Kollege gleich losfahren muss. Ich nehme ihm seine Angst und sage, dass ich den dann schon rauslassen werde, wenn es soweit ist. Nach nur gut fünf Minuten Pause mache ich mich auf den Rückweg. Der Loste hat noch nicht einmal die Maschine seines schicken Schiffes angeschmissen.

Der vorhergesagte Nord- wäre ein reiner Rückenwind gewesen. Der tatächliche stellt sich nun als klarer Ost- und somit als allenfalls freundlich gesinnter Wind heraus. Aber ich bin nicht undankbar, denn in Zusammenarbeit mit den Wellen der heute zahlreich fahrenden Frachter schiebt er mich ohne Zweifel. Wieder querab von Bülk und nach über dreißig Kilometern auf der Uhr, meldet meine Sitzfläche ein erstes Murren. Die Entfernung entspricht etwas mehr als der Hälfte einer Tour nach Helgoland und ich frage mich, ob das Murren so erträglich bleiben wird, dass man es auch die doppelte Zeit ertragen mag. Man wird sehen. Hin und wieder dringt die Sonne durch die doch recht dichten Wolken und während auf der ganzen Hintour meine linke Hand unter ihrem kleinen Paddelpfötchen eher immer kalt war, kann ich die Pfötchen nun in die Mitte des Paddelschaftes schieben. Auch das ist eine entscheidende Randbedingung für seeehr lange Touren: dass die Lufttemperatur moderat ist und die körperliche Leistungsfähigkeit nicht herabsetzt.

Auch auf der Rücktour spiele ich wieder das Spielchen, dass ich mir ein Ziel ins GPS lade und versuche, meine Geschwindigkeit so zu halten, das ich das Gerät nicht enttäusche, indem ich auch zu der von ihm erwarteten Zeit dort ankomme. Allerdings wähle ich nach der Tonne 3 gleich den heimischen Steg als Ziel, der noch über elf Kilometer entfernt liegt - Luftlinie! Die erwartete Ankunftszeit liegt anfangs bei vier Uhr morgens, was daran liegt, dass das Gerät die seit der Zielsuche aufgelaufene Durchschnittsgeschwindigkeit mit der Entfernung verrechnet. Da ich beim Programmieren fast still stehe, ergibt sich natürlich eine utopisch lange Fahrtzeit. Anfangs ändert sich die Ankunftszeit recht schnell in realistischere Werte, aber dann wird die Änderung mühselig. Irgendwann habe ich sie aber tatsächlich auf den Wert von 17:30 Uhr gedrückt, was einer Gesamtfahrzeit von sechs Stunden entsprechen würde. Diesen Wert möchte ich gerne halten! Das Dumme ist nur, dass man dann weder langsamer werden darf, noch Pausen machen! Dass das möglich sein wird, mag ich kaum glauben.

Als ich am Friedrichsorter Leuchtturm eine Pause mache  - und ich musste eine machen - hatte ich die Ankunftszeit auf 17:24 Uhr gedrückt. Binnen weniger Sekunden entgleitet sie auf 17:35 Uhr, um dann erst einmal zu verharren, weil das Gerät gemerkt hat, dass ich stehe. Nach der Weiterfahrt ergibt sich das Problem, dass die Entfernung zum Ziel immer als Luftlinie berechnet wird, ich hier aber das Fahrwasser queren muss und mich damit meinem Ziel nur mit sehr geringer Geschwindigkeit nähere. Bei Tonne 12 ist die erwartete Ankunftszeit 17:46 Uhr. Das Sechs-Stunden-Ziel ist damit nicht mehr haltbar.

Während ich Richtung heimischem Steg paddele, purzeln die Minuten des Erwartungswertes ganz langsam und allmählich nach unten. Schließlich nähere ich mich meinem Ziel nun auf direktem Wege! Das mobilisiert ungeahnte Kräfte in mir und ich versuche, möglichst konstant weiter zu fahren. Irgendwann fällt der Wert sogar wieder unter die magische 17:30 Uhr und als ich am Steg anschlage, ist es sage und schreibe 17:24 Uhr! Das entspricht einer gemessenen(!) Durchschnittsgeschwindigkeit von 7,03 km/h für gemessene 42 Kilometer (wenn man meinem Gerät für die Bestimmung der Pausen trauen darf, sind das 7,17 km/h ohne Pausenzeiten)!

 
Als ich im letzten Jahr meine erste Non-Stop-Leuchtturmtour gemacht habe, bin ich quasi auf allen vieren zum Bootshaus hoch gekrochen - heute fühle ich mich zwar fertig aber noch erstaunlich frisch. Ich bin mehr als zufrieden mit meinem Fitness-Test!

Sonntag, 1. April 2012

Mast- und Schotbruch

Der Frühling hatte schon mal vorbeigeschaut - sich aber wieder hinter die Alpen zurückgezogen. Die letzten Tage war es schneidend kalt und ein scharfer Wind blies. Gestern war die Förde noch weiß von Schaumkronen, heute sieht sie zwar etwas versöhnlicher aus, aber nicht wirklich lieblich. Neben Jörg, der zu einer Fahrt aufgerufen hatte, haben sich auch noch Sabine und Arne eingefunden. Eike, Richard und Britta wollen auf die Eider gehen und dort im Geschützten Paddeln.

Gleich nach dem Start macht Arne das Klödern seines Bootes nervös. Er weiß keine Ursache, aber Jörg hat gesehen, dass sein Nico-Signalgerät einsam in der hinteren Luke liegt und nun Gefahr läuft, im Dunkeln seekrank zu werden. Ich bin heute das erste Mal nach der langwierigen Reparatur wieder mit meinem richtigen Boot unterwegs und fühle mich gleich wohl darin.

Wir sind noch nicht weit gekommen, haben kaum das Fahrwasser gequert, da fällt uns ein Segler auf, der bewegungslos in der Fahrrinne dümpelt. Das sieht nicht normal aus und wir verständigen uns hinzufahren. Es ist die "Jeanette", eine wunderschöne Segelyacht, die zwanzig Jahre nicht mehr auf dem Wasser war und deren Holzmast nun aus drei Teilen besteht, die reichlich unkoordiniert kreuz und quer auf dem Schiff rumliegen. Das Großsegel ragt nur noch ein kleines Stück aus dem Wasser, der Rest befindet sich unter dem Boot. Der Mast ist mitten unterm Segeln vom Winddruck gebrochen, ohne dass eine besonders starke Böe auszumachen gewesen wäre. Wir bieten Hilfe an - immerhin haben wir zwei Ärzte dabei - sind uns aber darüber bewusst, dass wir wohl nicht viel machen können. Es ist niemand verletzt, ein Handy hat die Besatzung selbst und ein Notruf ist bereits abgesetzt. So ziehen wir weiter, vorbei an teils recht großen Bruchstücken des Mastes, die in hundert Metern hinter der Yacht herschwimmen. Eigentlich kann der Eigner von Glück sagen, dass ihm das Malheur hier in unmittelbarer Hafennähe passiert ist und nicht irgendwo draußen auf dem Weg nach Ärö.

Vor zehn Tagen beim Mittwochspaddeln herrschte absolute Flaute. Alles war ruhig, kein Verkehr auf dem Wasser und die Stimmung heimelig. Obwohl ich es sonst langweilig finde, wenn das Wasser so absolut plan daliegt, war ich ganz fasziniert. Aber heute ist es lebhafter und ich bin froh, dass mal wieder Wellen gehen, mit denen ich spielen kann - insbesondere, da ich heute in meinem "Sorglos"-Boot sitze. Wir fahren fast auf dem Tonnenstrich, trotzdem sind die Reflexionswellen vom Ölberg deutlich zu spüren. Der Wind bläst mit vier bis fünf Beaufort genau aus West.

Da der Seegang und das ständige Rollen des Kajaks sehr am vegetativen Nervensystem von Arnes Nico-Signalgerät nagen, hat er irgendwann Mitleid und bittet Jörg, es aus seinem dunklen Gefängnis zu befreien, damit es vorne mitfahren und sehen kann, wohin die Reise geht. Sabine und ich fahren langsam weiter. Als wir uns nach einer Weile umblicken, sind die beiden überraschend weit zurückgefallen - deutlich weiter als für die Bergung eines maladen Signalgerätes üblich wäre. Der Rest geht auf einen kleinen Faux-Pas Arnes zurück: Bei der Bergungsaktion hat er sein Paddel beiseite gelegt, um beide Hände frei zu haben. Als er es zur Weiterfahrt greifen wollte, war es nicht mehr da! Entsprechend seiner Gewohnheit und gutem Seemannsbrauch, die gebieten, es immer anzubinden, hat er es in diesem festen Glauben einfach beiseite gelegt. Heute haben Gewohnheit und Seemannsbrauch Urlaub. Ohne Paddel ist man doch deutlich langsamer und so macht Jörg sich auf, ein schwarzes Paddel im schwarzen Wasser der Förde zu suchen. Er hat Glück und findet eines, mit dem Arne gut zurecht kommt.

An Tonne 10 halten wir etwas unschlüssig an und bereden, ob wir noch weiter fahren wollen. Jörg hatte gemeint, Tonne 10 sei genuch, aber es besteht durchaus noch Drang nach mehr. Schließlich schlage ich vor, hier umzukehren und die Glockentonne heute Glockentonne sein zu lassen.

Die Pause am Kurstrand von Möltenort fällt kurz aus, weil wir nicht zu sehr auskühlen wollen. Der Wind hat inzwischen deutlich aufgefrischt und bläst uns mit einer konstanten oberen fünf ins Gesicht. Die Böen erreichen Windstärke sieben. Es herrscht dichter Berufsverkehr auf der Förde, auch die Dampfer der Schlepp- und Fährgesellschaft fahren sein ein paar Tagen wieder nach dem Sommerfahrplan und sind damit verstärkt auf dem Wasser. Bei dem Wind merkt man kaum ihre Bug- und Heckwellen, weil sie einfach ins allgemeine Chaos untergerührt werden. Die Querung südlich der Tonne 16 wird lang und anstrengend. So recht will sich keine Landabdeckung einstellen, aber wir genießen das kurze Stück relativen Rückenwind von der Höhe des Maritim-Hotels genau bis zur Ecke des Millionenbeckens. Ab hier herrscht unabhängig von der großpolitischen Windrichtung auf den letzten fünfhundert Metern grundsätzlich Gegenwind! Das zehrt!

Samstag, 11. Februar 2012

Kaltes Wasser


Letzten Sonntag saß ich den ganzen Tag im Kieler Kanu-Klub und sah auf die ebenso sonnige wie eisige Förde. Da war an Paddeln nicht zu denken, denn das Eis war nach ein paar Nächten mit Windstille und minus zehn Grad zu dick, um mit dem Boot gebrochen werden zu können. Wir waren uns nicht sicher, ob wir heute aufs Wasser kommen würden, denn schließlich hat die Quecksilbersäule seitdem die Null immer nur von unten her gesehen. Aber der kräftige Wind der letzten Tage hat das Wasser durchgewühlt und das Eis zerbröselt und in die Ecken geschoben. Nur das mit der Sonne sah gestern abend in der Wettervorhersage noch deutlich besser aus!

"Ohne Vlies is' fies!", sagte Jörg noch beim Umziehen. Die Wassertemperatur ist nur wenige Zehntel über dem Gefrierpunkt und der Nordwind, der mich mit dem Fahrrad noch freundlich geschoben hat, weht zwar nicht heftig aber eiskalt und beständig. Er ist gegen uns und legt erbarmungslos offen, dass ein Mangel an Gelegenheit sich in der Muskulatur breit gemacht hat. Eine Flucht in die Schwentine ist heute nicht möglich, denn die Umsetzstelle ist eingefroren und oberhalb davon hat sich eine geschlossene Eisdecke gebildet. So bleibt uns nur die freudige Gewissheit, dass wir gegen den Wind nicht weiter fahren werden, als unsere Kräfte es zulassen und wir dem Rückweg einigermaßen entspannt entgegensehen können. Wir haben ziemlich genau Nordwind - für die Förde die beste Windrichtung, denn dann kommt tatsächlich sogar etwas Dühnung herein. Leider ist diese Richtung extrem selten, besonders im Sommer, wenn sie Spaß machen würde.


Diesmal habe ich mein GPS richtig eingestellt und es trackt unsere Mühen sorgsam mit. Wir sind so um die sieben Stundenkilometer schnell, das ist ganz flott für die Umstände. Aber an Tonne 12 ist unser Maß voll. Keiner, der eigentlich gerne noch weiter möchte, diese knappe Stunde solls gewesen sein. Mit dem Wind im Rücken geht es tatsächlich spürbar flotter und leichter. Aber natürlich nimmt der Wind wieder ab, jetzt da wir ihn gebrauchen könnten. Immerhin greife ich nicht mehr so häufig mit der Hand ins Wasser, was sich sehr positiv auf das Gefühl in meinen Fingerspitzen auswirkt. Hein Blöd auf meinem Bug hat auch einen langen Eiszapfen an der Nase!
Was gibt es schöneres als einen Fön? Zwei Föne!

Als wir unsere Boote zur Halle hochtragen, sitzt Alexander im Poloboot auf dem verschneiten Rasen, eine große Wanne mit Wasser neben sich, eine Unmenge Bälle umsich und ein Polotor vor sich. So kann man auch trainieren, wenn die Mannschaftskameraden fehlen und die Bedingungen widrig sind!

Sonntag, 1. Januar 2012

Neujahr

Nach vier Wochen Paddelabstinenz musste ich heute einfach aufs Wasser - auch wenn das Wetter erbärmlich war. Zum Glück ging es Jörg ganz ähnlich, so dass ich nicht alleine paddeln musste. Ich habe mein GPS mal wieder mitgenommen. Am Steg versuche ich, die Track-Aufzeichnung zu aktivieren und bin wieder wegen meiner altersschwachen Augen auf Vermutungen angewiesen, welche Felder nun wo auf der Anzeige liegen und hoffe, dass ich sie richtig getroffen habe.

Wir fahren ins Trübe und lassen uns von einem leichten Rückenwind schieben. Die Welt liegt noch im Tran und entsprechend ruhig ist die Landschaft. Es ist nicht spektakulär, wir sind einfach froh, mal wieder auf dem Wasser zu sein und die gewohnten Bewegungen machen zu können. Aber irgendwie ist der Frohsinn doch begrenzt, denn so ganz selbstverständlich kommen uns die Bewegungen dann doch noch nicht wieder aus dem Handgelenk. In der Heikendorfer Bucht werden die Wellen schon höher und wir sind oft mit zehn bis elf Stundenkilometern unterwegs. Jörg nennt die Tonne 10 als Limit für ihn, dem ich gerne beipflichte, denn hier hat der Wind mittlerweile doch die Stärke sechs erreicht und ich weiß, dass gegenan nicht ganz so gemütlich geht wie bisher.


Das Stück nach dem Umkehren bis wir am Strand von Möltenort zu einer Pause auflaufen, war wirklich anstrengend. Ich habe die ganze Zeit gedacht: "Wenn das jetzt der Auftakt zu Sturmböen ist, wie wir sie die ganzen letzten Wochen immer wieder gehabt haben, dann gehe ich unterwegs an Land und ruf mir ein Taxi!". Zum Glück bringt uns das Verzehren der Stullen wieder einigermaßen in Form, so dass wir zuversichtlich sind, auch den Rückweg vollständig im Boot bewerkstelligen zu können. Die vorbei spazierenden Menschen sind alle ausgesprochen freundlich und wünschen uns fast ausnahmslos ein Gutes Neues Jahr!

Der Rückweg geht zwar nicht von alleine, aber wir haben es so gewollt. Beim Queren des Fahrwassers genau gegen den Wind machen wir nur noch etwa fünfeinhalb Stundenkilometer. Das ist nicht sehr viel aber auch nicht ganz wenig. Nach dem Einsetzen der Landabdeckung geht unsere Geschwindigkeit gleich um einen Stundenkilometer hoch und als wir unseren Kurs parallel zum Fahrwasser ausrichten, liegen wir bei siebeneinhalb. Ich freue mich schon auf die Auswertung des GPS-Tracks. Am heimischen Steg angekommen, landet gerade eine Armada vom Nachbarklub an: etwa zwanzig Paddler in zwei Mannschaftskanadiern haben sich zur Begrüßung des Paddeljahres zusammengefunden!

Leider muss ich zuhause am Computer feststellen, dass ich bei der Trackaufzeichnung mal wieder "On" und "Off" verwechselt habe! Ich muss mir unbedingt etwas ausdenken, wie ich mit meinen Maulwurfsaugen beim Paddeln umgehe!

Samstag, 31. Dezember 2011

Altlasten

Heute ist der dritte Anlauf, meine abgelaufenen Signalraketen endlich einmal abzuschießen. In den anderen Jahren stand der Wind immer zu ungünstig, so dass ich mir nicht sicher sein konnte, dass die Leuchtkugeln am Ende auch tatsächlich im Wasser landen würden. Im vergangenen Sommer hatte ich schon beim Kauf einer neuen für die Rücknahme einer alten vier Euro gezahlt. Nun musste ich auch mal selbst eine abschießen - schon aus Gründen der Praxis. Wie sollte ich sonst - womöglich noch im Dunkeln, die Bedienung erlernen?

Am Strand stehend hielt ich die die Rakete hoch über meinen Kopf und Marie-Theres eng an mich. Der Rückstoß war mehr psychologischer Natur als physikalischer. Mit einem schüchternen Glühen zwar aber ordentlich Schub schraubte sich das Geschoss gen Himmel. So richtig leuchten tat es eigentlich nicht, aber immerhin stieg es beeindruckend hoch. Schließlich war das Glimmen des Antriebs nicht mehr zu sehen. Okay, das Teil war mehr als drei Jahre überfällig, da sollte man nicht allzuviel erwarten. Aber nach einigen Sekunden färbte sich die Wolkendecke rot und nur wenig später schwebte eine grell rot leuchtende Kugel langsam aus den Wolken hernieder. Das Teil war einfach so hoch gestiegen, dass man es nicht mehr gesehen hat! Gemächlich segelte die Leuchtkugel an ihrem bald sichtbar werdenden Fallschirm auf uns zu. Hm - die kommt aber genau auf uns zu! Sicherheitshalber gehen wir ein paar Schritte beiseite um zu verhindern, dass das Geschoss direkt wieder in sein Abschussrohr zurückfällt. Die Rakete glüht tatsächlich genau so lange, bis sie den Boden erreicht. Die zweite kommt etwas weiter vor uns über dem Wasser herunter und lässt die Förde wunderbar rot leuchten, wie bei einem surrealen Sonnenuntergang mitten in der Nacht. Sie fällt noch knapp brennend ins Wasser. Es war eine weise Entscheidung, die Dinger nicht bei widriger Windrichtung abzufeuern!

Alles in allem ein großartiger Erfolg: Ich habe geübt, Signalraketen bei dunkler Nacht abzufeuern, bin die Dinger günstig los - und trotz jahrelanger Überschreitung des Ablaufdatums haben sie noch einwandfrei funktioniert! Und das obwohl ich sie wirklich nicht schonend gelagert, sondern meistens offen an Deck transportiert habe. Als wir uns danach die Silvesterraketen der anderen Strandbesucher ansehen, kommen sie uns unsäglich mickrig vor!