Freitag, 9. August 2013

Nordsee für Neulinge 2013: Der nasse Teil (2/3)

Freitag. Trotz einer konzertierten Aktion einiger Straßenbau-Terroristen, die nahezu alle Möglichkeiten, den Nord-Ostsee-Kanal zu queren, vereitelt hat, schaffen wir es eine halbe Stunde vor der geplanten Zeit in Schlüttsiel einzutrudeln. Das Packen dauert einfach immer eine Stunde - das kann man als Naturkonstante betrachten - aber das Wasser steht bei unserer Abfahrt noch deulich höher als zur gleichen Begebenheit im letzten Jahr. Zwar gehen auch die Wellen höher als letztes Jahr, aber das ist weder ein großes Kunststück noch ein Problem: damals herrschte absolut flaches Wasser, heute eine leichte Brise, die nicht einmal Windstärke drei erreicht. Wir fahren gemütlich aber zügig in die Abendsonne hinein immer am Tonnenstrich entlang.

Die Strömung sorgt für eine hohe Geschwindigkeit, ohne dass wir uns anstrengen müssen. Da, wo der GPS-Track rosa wird, sind wir schneller als zehn Stundenkilometer, wo er richtig rot wird, liegen wir über 12 km/h. Kurz vor Hooge lasse ich die Gruppe von der roten zur grünen Fahrwassertonne fahren. Das geht exakt quer zur Strömungsrichtung - prompt fallen wir auf unsere selbstgemachten sieben Stundenkilometer zurück. Doch das ist es nicht, was man bei dieser Aktion merkt und worauf es mir ankommt. Erst wenn man nicht mehr mit der Strömung fährt und man einen nahen Fixpunkt hat, merkt man, welche Macht die Strömung hat und wie sehr sie die Fahrt beeinflusst.

Unsere frühe Abfahrt und das schnelle Vorankommen bescheren uns einen leidlich komfortablen Wasserstand bei der Ankunft am Hooger Segelhafen. Die Wiese direkt hinter dem Deich ist mit großzügig darüber verteilten Zelten recht gut belegt, so dass wir das Grün direkt unter dem Seglerheim zu unserer vorübergehenden Heimat erklären. Hier hat auch Trenk bereits vor Stunden mit seiner kleinen Gruppe sein Lager aufgeschlagen.

Abfahrt Schlüttsiel 18:30 Uhr
Ankunft Hooge 20:45 Uhr
Samstag. Die Wettervorhersage hat sich seit gestern nicht großartig verändert. Es soll ein Wind mit sieben bis acht Metern pro Sekunde gehen, und die Wellenhöhe ist mit bis zu einem Meter vorhergesagt. Das sind keine Bedingungen, bei denen man mit wenig erfahrenen Paddlern zum Wrack der Pallas fährt. Trotzdem bleibt der avisierte Zeitplan mit dem frühen Aufstehen gleich, egal wohin die Reise geht. Das Ziel ist auch nicht so entscheidend - viel wichtiger ist, bei Nordsee-typischen Bedingungen auf dem Wasser zu sein und die Elemente und ihre Kräfte zu erfahren. Von Hooge wird man praktisch von alleine bis zur Spitze von Jappsand gesaugt. Während unserer kurzen Pause dort schwimmen ständig drei recht kleine Seehunde vor dem Sand herum und beäugen uns neugierig. Vor hier aus müssen wir nun das Rütergatt quer zur Strömung passieren, um zum Kniepsand zu gelangen. Die Sicht ist gut, auf der zu querenden Wasserfläche sind hier und da ein paar Tonnen zu sehen, da ist die Navigation auch ohne GPS ganz einfach. Ein kurzer aber heftiger Regenschauer trübt nur kurz die Sicht, danach ist der Wind deutlich zurückgegangen.

Ich versuche zwischendurch immer wieder den Blick auf die kleinen scheinbar unscheinbaren Dinge zu lenken, die einem erlauben, diese Welt genauer zu erkennen, ihre Geheimnisse zu erahnen: Dass die Oberfläche des Wassers die Tiefenänderungen verrät, die Neigung der Tonnen  Strömungsrichtung und -stärke und die Wolken den Wind. Dass die Tatsache, dass nach dem heftigen Schauer der Wind völlig einschläft, den Beginn eines neuen Wetterabschnittes bedeutet, der  vollkommen andere Verhältnisse mit sich bringen kann. Wenn man das zum ersten Mal hört und sieht, wird es einem nicht viel sagen. Aber wenn man immer mal wieder darauf gestoßen wird, entwickelt mancher vielleicht eigenes, tieferes Gefühl für diese Welt. Als wir schließlich das äußerste Südwestende des Kniepsands erreichen, sind die brechenden Wellen, die dort durch die zusammenlaufenden Strömungen über den flachen Grund gepresst werden, für jeden ganz offensichtlich als Störung der Regelmäßigkeit zu erkennen.

Unsere Spur ist auch ohne GPS leidlich gerade, obwohl wir den nicht unerheblichen Strom genau seitlich haben. Wir halten sicherheitshalber deutlich zuviel vor und schwenken genau nach Westen, nachdem der Querstrom spürbar nachlässt. Wir haben viel Zeit, denn Hochwasser auf Hooge ist erst um halb fünf und mehr als maximal drei Stunden können wir für die Rückfahrt kaum verbrauchen. So fahren wir bis Höhe Süddorf, wo sich einiges Leben am Strand etabliert hat - sogar ein Kino wir hier vom Kiosk betrieben! Wir trinken Kakao und machen uns auf zu einer ausgiebigen Wanderung durch die Dünen. Sabine macht uns heiß auf eine Vogelkoje, die es hier zu sehen geben soll - ist sich aber nicht hundert prozentig sicher. Also fragen wir einige der Entgegenkommenden, die wir an ihrem urigen Aussehen eindeutig als Eingeborene identifizieren, nach Details. Leider sprechen sie entweder kein Deutsch, oder sie sind das erste mal und erst seit zwei Stunden auf der Insel :-/

Das Inselinnere ist furchtbar idyllisch und lädt zum Schlendern, Schauen und Auskuppeln förmlich ein. Wir wundern uns etwas über den deutlich verhaltenen Betrieb, schließlich ist Samstag und später Vormittag. Aber am Strand bei der Wasserwacht stand ein Schild: Badezeit 14 bis 16 Uhr - vielleicht strömen dann die Massen und füllen die gefühlten 10.000 Fahrradständer. Im reetgedeckten Cafe, dass sich schüchtern zwischen die Dünen duckt, essen wir Kartoffelpuffer mit Apfelmus.

Zurück am Strand zeigt der neue Wetterabschnitt seinen Charakter: Es hat deutlich aufgefrischt. Heute morgen hatte ich noch vage Hoffnungen auf eine ordentliche Brandung auf dem Kniepsand, aber bei unserer Ankunft lag die Wellenhöhe irgendwo unterhalb einer Handbreit. Was sich uns da nun präsentiert, ist zwar noch keine nenneswerte Brandung, aber das Ablegen ist nicht mehr trivial und man bekommt wenigstens einen Eindruck, dass es auch ganz leicht schwierig werden kann.

Die Wellenhöhe liegt nun bei 60 bis 70 Zentimetern und wenn die Kameraden gerade im anderen Tal sind, könnte man höchstens noch ihre Paddelspitzen sehen - wenn nicht bei fast allen mit Zunahme der Wellenhöhe der Paddelstil an selbiger verlieren würde. Außer mir hat kein weiterer Teilnehmer eine Seekarte dabei. Daher übernehme ich komplett die Vorgabe der Richtung, in die wir paddeln. Der Versatz durch den quer zu unserer Fahrtrichtung nach Südwest gehenden Tidenstrom ist wieder beeindruckend. Die Tonnen, bei denen ich weit im Voraus angebe, auf welcher Seite wir sie passieren sollten, wollen einfach nicht kooperieren und tun alles, damit meine Vorgabe nicht eingehalten werden kann. Trotzdem kommen wir mit Beharrlichkeit auf erstaunlich gerader Linie voran. Der Wind hilft uns, indem er schiebt.

Diese Hilfe mag gut gemeint sein, wird aber nicht von allen entsprechend goutiert. Während sich Sabine gleich nach dem Ablegen von Kniepsand auf die Suche nach günstigem Winkel und Wellen zum Surfen macht, duckt sich manch anderer in seinem Cockpit und blickt konzentriert nur noch nach vorn. Um für mehr Stabilität und Kohäsion zu sorgen, habe ich direkt nach dem Start die Gruppe zu Pärchen geordnet. So muss ich nicht mehr acht Einzelpaddler im Auge behalten sondern nur noch vier Zweiergruppen. Außerdem fühlt es sich besser an, wenn jeder weiß, dass da ein anderer ein Auge auf ihn hat - auch wenn dieser andere genauso viel mit sich zu tun hat, wie man selbst. Auch die Tatsache, dass die anfangs eingeteilten Pärchen tatsächlich ständig dicht beieinander bleiben, macht klar, dass so gut wie alle hier im Konzentrationsmodus fahren.

Als wir uns Jappsand nähern, sieht man ein Gebiet mit schäumenden Wellen, die sich an dem Flach nördlich davon brechen. Da will niemand durch und ich peile das tiefe Wasser zwischen den beiden Sänden an. Aber wir kommen nicht um die Tatsache herum, dass hier das Wasser insgesamt flacher wird, die aus dem Tiefen kommenden Wellen hier also steiler werden. Ich sehe mich immer wieder um, um zu überprüfen, wie die Gruppe damit zurechtkommt. Die Augen in den Gesichtern sind hellwach, die Paddel meist als Heckruder und zur seitlichen Stütze eingesetzt. Unterhaltungen gibt es nicht mehr, meine Einwürfe "Sieh mal, da voraus ist es flach. Das sieht man prima an den dort brechenden Wellen!", werden nicht mehr wirklich wissbegierig aufgenommen - aber es besteht kein Grund zur Sorge. Auch wenn ich hier mit auf der Nordsee kaum erfahrenen Paddlern unterwegs bin, sind sie solide ausgebildet und können ausdauernd paddeln.

Leider können wir in unserer Ausbildung hohe und brechende Wellen nur sehr unzureichend berücksichtgen. So ist Britta mit einer Welle, die ihr über die Schulter bricht, überfordert und kentert. Sven, der andere Teil ihrer Zweiergruppe, ist sofort bei ihr und leitet den Wiedereinstieg ein. Ich weise die anderen an, dicht zusammen und am Geschehen zu bleiben. Als ich sehe, dass Sven Schwierigkeiten hat, in den hoch gehenden Wellen das Gleichgewicht zu halten, trotzdem Britta an seinem Bug hängt, breche ich diesen Teil des Standardplanes ab. Spätestens wenn er anfängt, mit dem schweren Boot zu hantieren, würde er vermutlich auch ins Wasser fallen. Und selbst wenn er es schaffen würde, das Boot zu leeren, die Wellen würden es ohne Schwierigkeiten wieder auffüllen. während Britta den Wiedereinstieg macht.

Die Situation ist anspruchsvoller als im Schwimmbad, es ist ein Segen, dass die Schwimmerin eine Rettungsweste trägt und zum Glück ist das Wasser warm. Unser gutes Training zahlt sich aus und so sitzt Britta bald wieder im Boot. Doch nun kommt der schwierigere Teil: Außer ihr ist da noch jede Menge Nordsee im Cockpit - und die muss raus. Die Nordsee! Ich hatte die Boote während des Einstieges stabilisiert und mit dem Bug in die Wellen gehalten, nun lege ich meine kurze Schleppleine an und beginne beide zu ziehen, damit wir nicht in das Gebiet mit den schäumend brechenden Wellen driften. Betzi ist so geistesgegenwärtig, ihre Schleppleine fertig zu machen und damit mein Boot zu ziehen. Allein ihrem Einsatz können wir verdanken, dass unser Verband in gemäßigteren Gefilden geblieben ist. Irgendwann sagt Britta zu Sven, dass das Cockpit leer genug sei und sie nun wieder alleine weiter paddeln könnte. Ihre Alleinfahrt dauert aber nur wenige Sekunden - es war doch noch zuviel Wasser im Schiff. Auch der zweite Einstieg verläuft reibungslos. Während des erneuten Pumpens mache ich meine lange Schleppleine klar und zusammen mit Betzi ziehen wir beide Richtung Hooge. Dieses Mal nimmt Britta sich mehr Zeit mit dem Lenzen und als wir den Schleppverband dann auflösen, legt sie den Rest der Strecke mit durchgängig erhobenem Haupt zurück. Auf Hooge veschwindet sie erst einmal für eine Stunde unter die heiße Dusche.

Abfahrt Hooge 7:30 Uhr.
Ankunft Jappsand-Nordspitze 8:00 Uhr
Abfahrt Jappsand-Nordspitze 8:15 Uhr
Ankunft Kniepsand Höhe Süddorf 10:15 Uhr
Abfahrt Kniepsand Höhe Süddorf 12:15 Uhr
Ankunft Hooge 14:30 Uhr
Hooge ist nicht Hooge ohne einen Besuch im Friesenpesel. Dieser Pflichtpunkt ist heute abend fällig. Es ist Sommer und wir sind kernige Bürschchen und Mädels - also sitzen wir draußen. Trenk und seine Gruppe ziehen eher das düstere Innere des Hauses vor. Warmduscher! Die immer gleiche Bedienung ist heute seltsam aufgeräumt und ständig am Herumhüpfen - das Salzlamm schmeckt lecker wie eh und je.

Sonntag. Nach der Vorhersage von gestern abend bestand die Möglichkeit, dass der Wind am frühen Nachmittag sprunghaft und deutlich auffrischen könnte. Nach unserem ursprünglichen Plan - kurz nach Mittag in Hooge los und durch die Süderaue nach Schlüttsiel zurück - hätten wir genau zur halben Zeit mitten auf freiem Wasser Windstärke sechs gehabt. Das wäre nicht ohne gewesen und nach den Eindrücken vom Vortag kam bei niemandem ungetrübte Freude über diese Aussicht auf. Also habe ich den Plan geändert: Statt bei auflaufendem Wasser so früh wie möglich los, würden wir bei ablaufendem Wasser so spät wie möglich los. Statt bei hohem Wasser durch die offene Süderaue würden wir bei niedrigem Wasser durch das geschütztere Langeness-Fahrwasser fahren. Und statt mit neun Paddlern würden wir nur zu siebt fahren: Britta und Klaus-Peter haben sich entschlossen, mit der Fähre zurück zu fahren.

Eigentlich hätte der Sonntag mit langem Ausschlafen beginnen sollen, aber mit dem geänderten Plan müssen wir schon wieder um sechs aus den Federn. Das hat allerdings den Vorteil, dass wir unsere gesamte Ausrüstung vollkommen trocken in die Boote verpackt bekommen, denn der Regen setzt erst ein, als wir quasi abfahrbereit am Deich stehen. Den Schauer wettern wir im Schutz des Seglerheims ab - wir haben eh viel zuviel Zeit.

Auch während der Überfahrt nach Langeness können wir wieder das Vorhalten üben und die Wirkung der Abrift studieren. Zu meiner Überraschung steht auf der ersten Sandbank vor dem Langeness-Fahrwasser noch so viel Wasser, dass wir problemlos darüber fahren können, auf der zweiten steige nur ich aus, bin beim Waten aber nicht schneller, als die anderen, die sich paddelnd durch das flache Wasser quälen.

In der Rixwarft ist mal wieder ein heißer Kakao bzw. Kaffee fällig und dann brechen wir zu einer ausgedehnten Wanderung über den Westteil der Insel auf. Der Leuchtturm Nordmarsch wird besucht und ebenso der alte Hafen. Man hat hier einen herrlichen Blick auf die immer weiter aus dem Wasser ragenden Sände. Föhr ist zum Greifen nahe und Amrum auch nicht viel weiter weg. Der Spaziergang hat schon gut Zeit verbraucht, aber als wir bei unseren Booten zurück sind, läuft das Wasser immer noch ab. Wir suchen uns jeder eine Muschel oder einen Stein dicht an der Wasserkante und versuchen mittels dieser Marke heraus zu bekommen, wann denn der Tidenkipp einsetzt.



Als es dann kurz vor zwölf eindeutig soweit ist, rutschen wir das kurze Stück über den nun frei liegenden Schlick ins Wasser. Wir wollen gaaanz gemütlich zurückfahren, um nicht zu früh ins Schlüttsiel zu sein. Aber Wind und Strom machen uns einen Strich durch die Rechnung: Die Wellen sind heute so gutmütig, dass man einfach gar nicht langsam fahren kann. Alle versuchen, ins Surfen zu kommen, keine Spur von Konzentrationsmodus - eindeutig Spaßmodus! Nach nicht einmal zwei Stunden laufen wir in den Hafen ein, wo wir zu meiner Überraschung bereits so viel Wasser vorfinden, dass wir den Steg der Segelboote erreichen und damit aussteigen können. Das ist bestimmt dem bereits tagelang herrschenden Westwind geschuldet, der das Wasser hereingedrückt hat.

Während wir unsere Sachen zusammenpacken, frischt der Wind tatsächlich spürbar auf und das Wasser draußen ist voll weißer Schaumkronen. Unsere Planänderung ist also voll aufgegangen!

Abfahrt Hooge 8:10 Uhr
Ankunft Anleger Rixwarft: 9:05 Uhr
Abfahrt Anleger Rixwarft:11:55 Uhr
Ankunft Schlüttsiel: 13:45 Uhr

Mittwoch, 7. August 2013

Nordsee für Neulinge 2013: Vorbesprechung (1/3)

Für die Vorbesprechung meiner diesjährigen Nordseetour für Neulinge habe ich als Aufgabe gestellt, eine Fahrt am Samstag von Hooge zum Wrack der "Pallas" zu planen. Alle notwendigen Unterlagen habe ich mitgebracht: Eine Seekarte (von 2001), die Tidenzeiten von Schlüttsiel, Hooge und Helgland, einen Mondkalender, den Wetterbericht für das Wochenende, eine Tabelle mit allen relevanten Entfernungen und den Strömungsatlas der küstennahen Gezeitenströmungen Nordfrieslands. Es soll eben nicht nur eine Paddeltour werden, auf der man sich irgendwie durch die friesischen Utlande führen läßt, sondern eine Ausbildungsveranstaltung, bei der die Teilnehmer für die Bedingungen und Besonderheiten dieses Reviers sensibilisiert werden sollen.

Die erste Diskussion entsteht darüber, wann man los fahren soll, und so werden erst einmal dafür alle verfügbaren Unterlagen durchsucht. Aber so richtig will sich kein Ergebnis einstellen, bis ich einwerfe, dass wir so fahren wollen, dass wir an der Pallas sind, wenn dort die Tide kippt. Nachdem das nach einigem Blättern aus den kleinen Pfeilchen des Strömungsatlas herausgelesen ist und man die Sache mit den Bezugszeitpunkt "Hochwasser Helgoland" geklärt hat, ist auch schnell der absolute Zeitpunkt dafür gefunden: Zwischen zehn und elf kippt dort draußen die Tide. Fahrtzeit abgeschätzt, die Zeit fürs Frühstück und das Fertigmachen draufgepackt - fünf Uhr morgens aufstehen! Nordsee ist Mordsee! Ich entschärfe die Lage etwas, indem ich sage, dass wir erstens schneller sind und es zweitens nichts macht, wenn wir eine halbe Stunde später da sind. Sechs Uhr aufstehen hört sich nicht mehr ganz so unmenschlich an.

Insgesamt verläuft die Planung überraschend zügig, und es gibt wenig Fragezeichen in den Gesichtern der Teilnehmer. Das zeigt, dass mittlerweile ein recht gutes Verständnis für die Verhältnisse und Gegebenheiten bei Tidengewässern bei uns im Verein verbreitet ist. Es werden noch einige organisatorische Dinge geregelt und dann sind wir bestens vorbereitet, am Freitag ans andere Ende unseres up ewig ungedeelten Landes zu fahren und den Inseln und Halligen einen Besuch abzustatten: "Lammfilet: Wir kommen!"

Samstag, 29. Juni 2013

Ein trauriges Wochenende: Samstag (2/2)

Die Anstrengung des gestrigen Tages hat mich lange nicht einschlafen lassen. Und heute morgen tröpfelt der Regen auf mein Zelt. Nichts, was einen dazu bringt, früh aufzustehen. Als ich mich endlich senkrecht setze und sortiere, fällt mir eine nasse Stelle neben meiner Isomatte auf. Habe ich vergessen, meine Trinkflasche richtig zuzudrehen? Die Flüssigkeit schmeckt aber nicht süß. Wasser? Wo soll das herkommen. Ich forsche weiter. Da sind noch mehr nasse Stellen! Da sind richtige Seen auf dem Zeltboden! Wenn ich etwas in meinem Zelt nicht haben möchte, dann Nacktschnecken - vor allem möchte ich aber kein Wasser in meinem Zelt haben! Sogar mein Schlafsack ist nass an der Seite. Gut, es hat in der Nacht länger geregnet - aber ist das nicht genau der Grund, für den man Zelte erfunden hat? Damit das Wasser draußen bleibt? Kann ich denn nicht einfach ein Zelt haben, bei dem die Stangen nicht vom Angucken brechen und bei dem kein Wasser eindringt! Ich bin erschüttert, genervt, frustriert - und traurig.

Die nächste Zeit verbringe ich mit Nachforschungen. Ich wische den Boden trocken und achte, während ich mir das Frühstück mache, wie ein Luchs auf eventuelle "Dupps"-Geräusche, die einen herabfallenden Wassertropfen verraten. Es braucht eine ganze Reihe dieser sich nur zögerlich zu erkennen gebenden Tropfen, bevor ich mir einen Reim auf die Sache machen kann: Dort, wo das Innen- mit dem Außenzelt verspannt ist, dringt Wasser durch  die Außenhaut, hangelt sich durch den Stoff der Schlaufe an der Außenhaut, über den Ring und den Haken in den Stoff der Schaufe an der Innenhaut, durchtränkt den sie abschließenden Saum so lange, bis "Dupps" der Tropfen dann zu Boden fällt. Fehlkonstruktion! Wie kann man so etwas auf die Menschheit loslassen? Es regt mich auf, dass ein Zelt nicht mal den elementarsten an so ein Produkt gestellten Anspruch erfüllen kann. Andererseits ist mein Befund aber auch wieder beruhigend, dass nicht das gesamte Gewebe an sich wasserdurchlässig ist. Ich bin mir noch nicht schlüssig, wie ich damit umgehen werde und beschließe, dass ich mir von so einer Lapalie das Leben nicht vermiesen lassen werde.

Ich lasse mir nachdrücklich Zeit mit dem Frühstück, halte ein wenig Zwiesprache mit dem Kaninchen, das in mein Zelt blickt und will damit dem fiesen Nieselregen die Gelegenheit geben, sich zu verpieseln. Aber irgendwan dämmert mir: wenn ich mit dem Zelt-Abbauen bis zum Sonnenschein warten will, wird das nichts mehr mit heute nach Hause kommen. Also erledige ich zuerst alle Dinge, die ich noch im "trockenen" Zelt verrichten kann, wie Schlafsack einsacken, Isomatte zusammenrollen und Ausrüstung zusammenpacken. Doch irgendwann hilft es nichts mehr, ich muss raus - und das geht nur, wenn ich mir vorher die klatschnassen und kalten Paddelsachen anziehe. Das war es, was ich die ganze Zeit so sehr vor mir hergeschoben habe. Aber wat mutt, dat mutt!

Der Morgen beginnt so trübe wie der Abend gestern geendet hat. Die Windvorhersage hatte einen schwachen Wind aus südwestlicher Richtung angekündigt und Recht bekommen. Um viertel nach elf verlasse ich die Lotseninsel - und: Ja, die Giftbude hat wieder geöffnet! Entgegen meiner gestrigen Strategie, werde ich heute dicht unter Land bleiben, um seine Abdeckung gegen den Wind etwas auszunutzen. Ich bin noch nicht lange auf dem Wasser, da verdunkelt sich der Himmel über Schwansen bedrohlich und verstärkt die trübsinnige Stimmung noch. Es dauert keine zehn Minuten und ich paddele durch dicke Regentropfen.

Der Schauer ist von unerwartet kurzer Dauer - und überrascht stelle ich fest, dass der Wind eine leicht nördliche Komponente bekommen hat. Zuerst schiebe ich das noch auf eine Ablenkung durch den Küstenverlauf, aber irgendwann muss ich erkennen, dass der Durchzug der Regenfront eine durchgreifende Wetteränderung darstellte. Der schwache Wind hat nicht nur komplett seine Richtung geändert, sondern ist auch zu unerwarteter Frische aufgebrist. So beschließe ich, ab Damp wieder den direkten Kurs auf mein Ziel zu wählen und Schutz und Trost der Küste aufzugeben. Heute sind mehr Segler als gestern unterwegs. Einige sind schneller als ich, aber mit einem liefere ich mir über eine Stunde lang ein totes Rennen. Da ich immer wieder tolle Surfs mitnehmen kann, bin ich wirklich höllenschnell und der Segler kommt und kommt nicht an mich ran. Doch irgendwann brist der Wind noch mehr auf, so dass der Segler schneller wird - und ich langsamer!
Bei der erster Spitze bin ich noch recht dicht unter Land, so dass für wirklich große Wellen der Fetch nicht hinreicht. Bei der zweiten Spitze bin ich weit draußen auf See - und die Wellenhöhe übersteigt einen Meter!




Augenblicklich ist das Meer um mich herum voller weißer Schaumkronen. Es ist ein unglaublich krasser Unterschied in den Verhältnissen: Vor dem Auffrischen war alles Spaß, ich habe die Wellen nach Belieben kontrolliert, habe keine Pause gemacht, weil ich keine brauchte und wollte und war mit über acht Stundenkilometern unterwegs. Nun rauscht und schwellt es so gewaltig, dass ich fast mehr nach hinten sehe als nach vorne. Surfen ist nun kein erstrebenswerter Zustand mehr sondern nur ein manchmal nicht zu vermeidendes Risiko. Pause machen ist nun nicht mehr möglich, weil man das Paddel nicht aus der Hand legen kann. Ich bin wieder im Konzentrationsmodus. Meine Geschwindigkeit ist auf sechseinhalb Stundenkilometer eingedampft. Günstiger Weise hat es mich genau an der maximalen Entfernung von allen erreichbaren Küsten erwischt: Schwansen, das gegen den Wind eh nicht erreichbar wäre, liegt genau wie der Dänische Wohld etwa sechs Kilometer weit entfernt. Damit ich nicht unnötig lange in dieser präkären Situation verweile, lege ich meinen Kurs südlicher, direkt auf die Küste zu.

"Wenn du einen fernen Horizont hast, ist die Wellenhöhe unter einem Meter. Hast du einen nahen Horizont
Hohe Wellen kann man schlecht fotografieren!
und siehst im Wellental nur noch die Wellenkämme, ist die Wellenhöhe über einen Meter." Leider rollen immer wieder Wellen von hinten an mich heran, die mir nicht nur den fernen Horizont nehmen, sondern sogar den Blick auf die mittlerweile schon recht hohe Steilküste. Wenn es einer Welle von einem Meter Höhe in den Kopf kommt, mich nach vorne zu spülen, dann tut sie das - egal wie unangenehm mir das im Moment ist. Das einzige, was ich tun kann, ist, auf die Qualität meiner Stütztechnik zu vertrauen - und sie immer im richtigen Moment auf der richtigen Seite anzuwenden! Wenn ich es recht betrachte, sind dies noch forderndere Bedingungen, als ich sie gestern erlebt habe. Für den Fall, dass ich die Querung nach Ärö gewagt, mich dann auf den heute Morgen herrschenden und für den ganzen Tag vorhergesagten schwachen Wind verlassen und mich auf den Rückweg gemacht hätte - ich hätte ein echtes Problem gehabt! Ein nachträglicher Blick auf die am Leuchtturm gemessene Windgeschwindigkeit zeigt, dass es Windstärke sechs ist, die mir hier das Leben schwer macht - und dass man bei so einem Wind besser nicht allein auf weite See geht!

Irgendwann habe ich alle Angriffe so weit abgewehrt, dass ich mich nahe genug am Ufer befinde, um meinen Kurs wieder auf Bülk zu drehen. Ich lasse einige hundert Meter Spiel bis zum Strand aus Angst vor den im flachen Wasser brechenden Wellen. Sollten auf den letzten Metern alle Stricke reißen, würde vermutlich mein Boot erheblichen Bruch erleiden, aber ich würde auf jeden Fall lebend ans Land gespült werden. Vor Bülk ist das Meer voll von Sportsegelbooten, die die letzten Wettkämpfe der Kieler Woche ausfechten. Nach fast vier Stunden Fahrt - ohne Pause, ohne Essen und ohne Trinken, dafür aber mit pausenlosem, kräftezehrendem Einsatz - läuft mein Bug durch die letzten Meter glatten Wassers knirschend auf den Strand vor Bülk. Als erstes verdrücke ich meine Käsestulle, die ich mir heute Morgen geschmiert habe!


Alle Bilder hier.

Freitag, 28. Juni 2013

Ein trauriges Wochenende: Freitag (1/2)

Das letzte Wochenende im Juni ist traditionell als Tourenwochenende der vier Unerschrockenen reserviert. Zwei hatten schon bei der Jahresplanung lange vorher ihre Teilnahme absagen müssen. Aber einer blieb übrig - genug um eine solide Paddelgruppe zu formen. In der Vorfreude auf die erste Nordseetour des Jahres hatte ich schon die Tide studiert, Tourenmöglichkeiten erwogen und verworfen und mich auf ein sonniges Wochenende mit leckerem Lamm im Friesenpesel gefreut. Die entsprechende Tour im letzten Jahr war überschrieben mit "Manchmal kommt es anders..." - so auch dieses Jahr. Die eine Hälfte der verbliebenen Paddelgruppe musste einem familiären Termin Folge leisten - auf der Nordsee zwar, aber ohne Paddelboot. Die andere Hälfte blieb zurück - ohne Auto und ohne rechten Plan.

Da die Querung von Bülk nach Ärö immer noch offen steht, habe ich mir die Verwirklichung dieses Vorhaben als Ziel gesetzt. Das würde ohne Auto gehen - eine Mitfahrgelegenheit bis Bülk würde sich schon finden lassen. Auf das passende Wetter müsste ich einfach hoffen. So galt in den Tagen davor mein banger Blick ständig der Windvorhersage. Die von Mittwoch, der man schon eine gewisse Realitätsnähe zumessen kann, zeigte nahezu optimale Verhältnisse: Freitag Wind genau aus Süd mit fünf Metern pro Sekunde gegen Abend nachlassend. Samstag den gesamten Tag über um fünf Meter pro Sekunde aus West - was zwar Gegenwind für die Rückfahrt hieße, bei dem es aber durchaus zu schaffen wäre, Schleimünde zu erreichen. Und Sonntag dann sogar nordwestliche Winde, die mich von Schleimünde wieder nach Hause schieben würden.

Leider schwoll mit jeder weiteren Vorhersage die Windgeschwindigkeit an allen Tagen an und auch die Richtungen entwickelten sich nicht günstig. Ich war hin und her gerissen und schon drauf und dran, die Tour ganz abzublasen. Aber ich konnte es nicht gut annehmen, ein freigeräumtes Wochenende mit der Aussicht, Zeit auf dem Wasser, im Zelt und an der frischen Luft zu verbringen, so vollkommen drein zu geben. Schließlich entschloss ich mich zu einer "kleinen" Lösung: Freitag am frühen Nachmittag in Bülk starten, nach Schleimünde fahren und am Samstag denselben Weg wieder zurück. Das würde alles deutlich entspannen und mir bliebe immer noch eine anspruchsvolle Tour.

Eigentlich ist mein Zeitplan auch ganz luftig gestrickt, denn ich bin früh von der Arbeit zu Hause und habe meine Sachen weitestgehend gepackt. Birke soll mich kurz zum Leuchtturm bringen und los könnte es gehen. Aber Birke ist heute so von Traurigkeit übermannt, weil ihr lieber Schatz gestern nach Kanada entschwunden ist und erst in zehn langen Monaten zurück sein würde, dass an "kurz mal mit dem Auto bringen" nicht zu denken ist - unsere Scheibenwischer wirken eben nur außen. Und wenn ich Schleimünde erst im Dunkel erreichen würde - so wichtig ist es nun auch wieder nicht. Schließlich findet Marie-Theres aber noch Zeit, mich zu bringen.

Mein Gepäck ist übersichtlich und entsprechend schnell verstaut. Fünf Uhr hatte ich als spätest möglichen Starttermin angesehen, es ist zwanzig Minuten früher, als ich im Boot sitze und anfange, Wasser hinter mich zu schaufeln. Ich habe keine Seekarte dabei, mein Ziel ist ca. dreißig Kilometer Luftlinie entfernt und natürlich nicht zu sehen. Aber ich habe eine gute Ahnung, wo es liegen muss und einen Kompass, der mich leiten wird. Ich glaube immer wieder mal, das Erlenwäldchen sehen zu können, muss diese Erkenntnis aber jedes mal kassieren. Die Sicht ist ziemlich trübe und man kann nicht wirklich gut sehen. Trotzdem ist meine Spur fast deckungsgleich mit der von vor sechs Wochen, als ich mit Peter genau diegleiche Strecke gefahren bin. Ich bin erstaunt, wie gut meine gute Ahnung von der Lage des Ziels mich leitet (ja, ja - zusammen mit dem Kompass!).

Der Wind ist nicht ohne. Als Marie-Theres mich bei der Abfahrt nach der Stärke fragte, habe ich ohne zu zögern "Fünf." geantwortet. Das ist nicht übertrieben und nachdem die Wellen unter Landabdeckung noch ganz niedlich und spaßig waren, erfordern sie zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Ich lasse die Versuche, die Wellen abzusurfen, ziemlich bald bleiben und fahre mit erhöhter Aufmerksamkeit. Ich muss einige Male deutlich stützen, damit es mich nicht umdrückt. Ein-zweimal passiert es mir, dass ich mich mit dem Paddelblatt in der Welle vertüddele und einen gehörigen Schrecken bekomme. Es ist beileibe kein ausgelassenes Genießen der Gegebenheiten, sondern ein sehr bewusstes und konzentriertes: "Hier machst du besser keinen Fehler!". Hinzu kommt, dass entgegen dem sonnigen Himmelfahrtstag vor sechs Wochen, als diese Gegend mit Segelyachten dicht gespickt war, heute kaum ein Schiff zu sehen ist. Irgendwann erkenne ich in recht großer Entfernung einen DGzRS-Kreuzer und hoffe, dass er mich nicht sieht. Das ist wohl auch so, denn die See ist voller weißer Schaumkronen und ein einsamer Paddler alleine auf solch hoher See- daran wären sie nicht vorbeigefahren, ohne wenigstens nach dem Befinden zu fragen. Schließlich haben sie damals schon ihr Boot beigedreht, als wir noch dicht vor Bülk waren und gen Kieler Leuchtturm fahren wollten. Ohne Signalraketen würde mich hier nie einer finden.

Als ich die süd-westliche Begrenzungstonne des Schießgebietes passiere, weiß ich, dass ich nicht mehr weit von meinem Ziel entfernt bin. Ich bin total überrascht und begeistert, dass ich so schnell hier angekommen bin. Aber zu irgendetwas muss der stramme Wind ja schließlich gut sein. Laut GPS habe ich gute 27 Kilometer in drei und einer Viertelstunde zurückgelegt. Das setzen wir doch erst mal als Standard! Solo ist das vermutlich schwer zu unterbieten. Mit Partner, wenn man nicht gar so viel bremsen und sich konzentrieren muss, vielleicht schon.

Alle Bilder hier.

Sonntag, 23. Juni 2013

"Alles muss raus!"

Nachdem ich in den letzten Wochen eher Rekorde im Langsam- und Kurzstreckenfahren aufgestellt habe, wollte ich mich am vergangenen Mittwoch mal wieder etwas verausgaben und bis zur Glockentonne fahren. Jörg wollte mit, aber da zwischen ihm und mir nicht wirklich ausgemacht ist, wer denn die Bremse ist, konnte das meinem Verlangen nach sportlicher Betätigung keinen Abbruch tun. Schön in Schwung und mit meinem Vorhaben in Einklang zischten wir durch das Wasser vor dem Zeltplatz Korügen, als ein finsteres Grummeln vom Himmel grollte. Da war aber nichts von Gewitter zu sehen. Jäh abgebremst drucksten wir eine Weile unschlüssig herum zwischen unserem Auftrag: "Wenn man das Donnern hört, ist es an der Zeit, an Land zu gehen." und dem brennenden Wunsch, das rote Bimmelding zu umrunden. Weil aber am Himmel so gar kein Anzeichen für ein richtige Gewitter zu erkennen war, einigten wir uns schließlich darauf, dass es vielleicht nur ein Bluff war und wir bis zum zweiten Grollen weiterfahren wollten. Gesagt, getan und das zweite Grollen ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Damit war der Drops gelutscht, das mit dem Verausgaben würde heute nichts mehr werden.

Meiner Schwiegermutter habe ich heute Morgen erzählt, dass ich seit Pfingsten nicht mehr "gepaddelt" bin. Das gab eine große Portion Mitleid. Ihr den Unterschied zwischen "Paddeln" und "Paddeln" zu erklären, hab ich mir lieber nicht die Mühe gemacht - das ist tatsächlich schwer zu verstehen. Aber heute wollte ich endlich mal wieder "Paddeln" - und da waren meine Begleiter Jörg und Sabine genau die richtigen. Die Vorhersage hatte einigen Wind aus Süden im Köcher, der uns auch gleich erfasst. Außerdem ist sofort klar, dass wir nicht alleine auf der Förde sein werden. Es herrscht schließlich gerade Kieler Woche und die Traditionssegler müssen jede Tour wahrnehmen, die sie ergattern können. Wegen des regen Verkehrs - und des frischen Windes - ist die Förde wie aufgeregt: Es laufen Wellen über ihre Oberfläche, wie ich sie sonst gar nicht kenne. Alles sehr verwirrend, wenn man nach Urhebern für dieses Chaos sucht - aber es macht Spaß.

Spaß macht auch das Fahren mit Rückenwind. Wir sind höllenschnell und können die kleinen Wellen gut mitnehmen. Wir überholen diverse Traditionssegler, die teils mit Motor, teils schüchtern ein paar Segelchen gesetzt haben. Es ist etwas abwechslungsreicher, wenn so viele Boote und Schiffe unterwegs sind - man muss doch hin und wieder mal ausweichen, aber alle sind aufmerksam genug, dass keine Probleme entstehen. Ich gebe mich wild entschlossen, um bei meinen Mitfahrern gar nicht erst Zweifel daran hochkommen zu lassen, dass wir bis zu Glockentonne wollen. Aber als wir nach nicht einmal 40 Minuten bereits das Ehrenmal in Möltenort passiert haben, können sie kaum ernsthaft ein vorzeitiges Umdrehen in Erwägung ziehen.

Da uns klar ist, dass wir auf der Rückfahrt einiges mehr werden tun müssen und dabei froh sein können, wenn wir dann noch die halbe Geschwindigkeit erreichen, fangen wir schon mal an, etwas zu jammern. Später - mit den zusammengebissenen Zähnen - werden wir nicht mehr so gut jammern können, und die anderen werden es auch nicht hören, weil uns der Wind dann um die Ohren pfeift! Also wird das schon mal hier erledigt, und es erleichtert die Sache ungemein.

Die Glockentonne erreichen wir in absoluter Rekordzeit: Eine Stunde, 6 Minuten. Das macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 9,05 Stundenkilometern. Die wohlverdiente Pause wollen wir lieber im Windschutz bei Möltenort verbringen. Die Strecke bis dahin beträgt vier Kilometer, für die wir etwa 40 Minuten benötigen, was die Ziffern für die Geschindigkeit etwas anders anordnet: 5,9! Mit exakt derselben Durchnittsgeschwindigkeit legen wir auch die restlichen 6,5 Kilometer bis zum heimischen Steg zurück. Allerdings variiert der Gegenwind hier doch etwas stärker. Unter den immer mal wieder aufziehenden, schwarzen Wolken, die ihr Wasser nicht halten können, bläst es deutlich frischer. Als sich zwischendrin mal blauer Himmel zeigt und die Sonne uns wärmt, ist es fast angenehm ruhig.


Dummerweise ist das meteorologische Timing aber ausgesprochen unglücklich gewählt. Zwischen Tirpitzhafen und Seebadeanstalt findet eine Marinekutter-Regatta statt, an der eine große Zahl dieser ebenso seetüchtigen wie behäbigen Schiffen teilnimmt. Unsere Route geht leider mitten durch ihr Wettkampfgebiet. Weil die Kutter keine große Höhe am Wind gehen können, müssen sie recht häufig wenden, um überhaupt die nächste Regattatonne gegen den Wind erreichen zu können. Nun ist es keine einfache Aufgabe, mit einem Paddelboot gegen einen frischen Wind kollisionsfrei durch ein Feld von mehreren Dutzend schlingernder Marinekutter zu manövrieren, die alle naselang auch noch die Segel rumwerfen und damit erneut auf Kollisionskurs gehen. Vollends zum Abenteuer wird unsere Unternehmung durch die Tatsache, dass just in dieser Situation der Wind derart aufbriest, dass wir kaum noch gegen ihn an kommen, und dass ein Wolkenbruch herniedergeht, der das Wasser zum Kochen bringt. Jörg als Brillenträger sieht gar nichts mehr und ist darauf angewiesen, sich dicht an mich zu klemmen und zu hoffen, dass ich ihn nicht in die Irre leite. In so einer Lage ist es unbeschreiblich beruhigend zu wissen, dass die Mitpaddler, mit denen man unterwegs ist, nicht überfordert sind und auch ohne Fürsorge klar kommen.

Die Tour hat gehalten, was ich mir von ihr versprochen hatte: Ich habe endlich mal wieder richtig  reinhauen können. Ich muss zugeben, dass ich die anderen dadurch vielleicht etwas gehetzt habe, aber ich weiß, wem ich das zugemutet habe! Nach der Tour sind wir alle eher positiv überrascht, dass wir nicht so fertig sind, wie wir das Recht hätten zu sein. Aber als ich mich zu Hause auf das Sofa lege, schlafe ich fast unverzüglich ein. Das lag mit Sicherheit an der anstrengenden Fahrt mit dem Fahrrad nach Hause!

Montag, 20. Mai 2013

Samsö rund: Blind zurück (4/4)

Die Nacht war ausgsprochen ruhig - keine lärmenden Schafe, keine turtelnden Tauben, keine piependen Matze. Aber: am Morgen tröpfelt leise Regen auf unsere Hütten. Ein erster Blick nach draußen bleibt nach wenigen Metern im dichten Nebel stecken. Das wird interessant: auch heute haben wir 15 Kilometer freies Wasser vor uns, aber momentan nur 300 Meter Sicht. Mit GPS würde auch ein Blinder zurück finden - aber das liegt ja daheim in der Teeküche! Was soll's - wofür sind wir gewiefte Navigatoren?

Wir sind heute extra vor dem Aufwachen aufgestanden, um früh in Hov anzukommen, denn wir haben ja noch den gesamten Rückweg nach Kiel vor uns. Außerdem haben wir den meisten Proviant bereits aufgegessen, so dass das Packen mittlerweile recht flott von der Hand geht. Um neun Uhr sitzen wir in unseren Booten und einigen uns auf einen Kurs, den wir vorerst durch die jetzt ca. 500 Meter Sicht steuern wollen.

Wir wollen versuchen, die beiden fast auf dem direkten Kurs liegenden Untiefentonnen zu treffen, damit wir zwischendurch eine Referenz haben, wo wir uns befinden. Es ist einfach unglaublich, wie wenig Sinn man für eine absolute Richtung hat. Wir halten unsere Kompasse fest im Blick und steuern stur den angesagten Kurs, aber wir haben ständig das Gefühl, als würden wir einen recht engen Kreis nach rechts fahren. Ohne Kompass wären wir hier hoffnungslos aufgeschmissen.

Unsere Blicke suchen ständig nach der ersten Tonne, die wir ansteuern wollen. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie viel wir in welche Richtung versetzt werden. Also müssen wir unseren Erwartungswinkel, innerhalb dessen das ersehnte Objekt auftauchen soll, ständig anpassen. Man muss schon Vertrauen behalten und darf sich nicht verunsichern lassen, denn ständig denkt man: "Nun müsste sie aber doch auftauchen!". Irgendwann erscheint eine Struktur, die sich schüchtern vom Nebel abhebt. Das ist unsere Tonne! Natürlich gar nicht dort, wo wir sie vermutet hätten, sondern deutlich weiter östlich. Also haben uns Strom und Wind viel stärker versetzt, als wir erwartet haben.

Wir fahren erst direkt zur Tonne, einigen uns auf einen deutlicheren Vorhaltewinkel und spielen dann das Spielchen "Tonne, komm raus!" von neuem. Nach Plan und Karte müssten wir uns die gesamte Zeit in recht tiefem Wasser aufhalten. Irgendwann wird die Farbe des Wassers aber immer grünlicher, was uns sagen will, dass wir näher an den Svanegrund heran gekommen sind, als für den richtigen Kurs gut gewesen wäre. Also korrigieren wir unsere Vorgabe nochmals und fahren fortan in direktem Weg auf unser noch lange unsichtbares Ziel zu. Gewiefte Navigatoren eben!

Wir müssen noch eine Pause in der Nähe der flachen Insel vor Hov machen, weil wir sonst viel zu früh ankommen würden und unsere Brote noch gar nicht gegessen hätten: Wir sind die gesamte Zeit mit konstant fast acht Stundenkilometern durch den Nebel geglitten! Als ich meine Sachen vom Boot ins Auto trage und auf die vorgesehenen Behälter verteile, entdecke ich in meiner roten Packtasche mein fertig programmiertes und prall geladenes GPS-Gerät!

Sonntag, 19. Mai 2013

Samsö rund: Schnell nach Endelave (3/4)

Früh am Morgen treffen sich eine Handvoll Tauben in den Kiefern über unseren Zelten, um sich ausgiebig über ihre letzten Abenteuer in Bulgarien und Rumänien auszutauschen. Übers Brüten und Gurgeln mit Gurkenwasser, über gutmütige Bullen und Gourmets in gruftigen Grotten. Ansonsten ist der Strandskoven Campingplatz sehr schön gelegen und hat ein Herz für Kajaker. Wir zelten auf einer Rasenfläche direkt am Wasser. Außerdem gibt es hier bemerkenswerte Brötchen: die sind voller Teig statt voller Luftblasen und schmecken ausgesprochen lecker! Heute soll es bis nach Endelave gehen und auch das ist nicht eben um die Ecke, so dass wir unser Frühstück wieder mit großer Sorgfalt gestalten.

Der Himmel ist heute nicht so blau wie gestern, eher verschlafen grau. Aber es ist trocken und nicht kalt. Der Südteil der Insel scheint während der Wikingerzeit als Friedhof gedient zu haben, denn immer wieder treffen wir auf Grabstätten oder merkwürdige Landschaftsformen, die nur durch Grabstätten erklärt werden können, die durch die Landwirtschaft verschont werden. Der leichte Wind weht östlich, so dass er nicht hindert und uns sanft schiebt, nachdem wir die Südostspitze umrundet haben.

Auch die Südspitze der Insel ist dünn besiedelt und hat seichte Strände und Kiefernwälder. Den am Südwestende gelegenen Leuchtturm haben wir bereits nach weniger als zwei Stunden erreicht. Man kann hier zwar wunderbar anlanden, aber alles andere ist ausdrücklich verboten und auch nicht ohne Probleme zu realisieren. Bevor es die 15 Kilometer über das offene Wasser geht, wollen wir eine Pause machen und uns etwas die Beine vertreten. Auf dem Weg zum Leuchtturm kommt uns ein Däne entgegen, der uns anspricht, weil wir in unserem Aufzug etwas merkwürdig aussehen. Er spricht immerhin ein wenig deutsch, so dass wir tatsächlich etwas von dem verstehen, was er zu erzählen hat. Auch er gibt einen erheblichen Teil seiner Lebensgeschichte preis, dass er in Marstall als Fleischer gearbeitet hat und auch zur See gefahren ist. Als er erfährt, dass wir mit unseren Kajaks nach Endelave fahren wollen, lacht er lauthals und tippt sich mit dem Finger an die Stirn. Aber immerhin meint er, dass wir kräftige Körper hätten und es schon schaffen würden.

Man kann den Leuchtturm besteigen und hat von oben einen wunderschönen Blick über die Insel und das Meer. Aber man sollte die Besteigung besser ohne Schwimmweste um den Oberkörper angehen, denn die Wendeltreppe ist dermaßen eng, dass man Gefahr läuft, darin stecken zu bleiben und Probleme bekommt, wenn man nicht panikfest ist. Außerdem sollte das Wetter besser sein, denn der Himmel ist immer noch grau, so dass der Raps auf den Feldern nicht leuchten will. Und Endelave ist auch nicht zu sehen, weil es für den Dunst viel zu weit entfernt liegt.

Wir sind gewiefte Navigatoren. Mit Seekarte und Kompass gewappnet ist es kein Problem für uns, eine Insel anzusteuern, die doppelt so weit entfernt liegt, wie die Sicht zu gucken erlaubt. Außerdem haben wir immer noch einen leichten Hauch von Wind im Rücken, der uns in die richtige Richtung hilft. Mit der beachtlichen Geschwindigkeit von konstant zwischen sieben und acht Stundenkilometern erreichen wir viel früher und müheloser als erwartet nach weniger als zwei Stunden die Insel Endelave. An seiner Nordspitze ist ein von der Meeresströmug aufgespültes Flach, das wir für unsere Übernachtung ausgewählt haben.

Es ist noch eine Gruppe von Spaziergängern am Strand unterwegs, die nach Steinen, Muscheln und anderen seltenen Dingen sucht. Nachdem wir unsere Boote hinter den schützenden Strandwall  getragen haben, kommen sie auf uns zu, um ihre Sorge über ein merkwürdiges Gebilde auf der anderen Seite des Flachs auszudrücken. Es handelt sich um eine offensichtlich vertriebene Boje, die so schief im Wasser liegt, dass man sie für einen gestrandeten Surfer halten könnte. Wir versichern, dass wir die Sache mit unserem Fernglas untersuchen und uns gegebenenfalls kümmern werden. Mit dabei ist auch Mathilda, die so fasziniert von den beiden merkwürdigen Gestalten ist, dass sie jeden von uns ausgiebig bei der Hand fassen muss, um zu glauben, dass wir echt sind. Nach einem ausgiebigem Spaziergang durch die nähere, verlassen wirkende Umgebung, brate ich mir zum Abendbrot endlich die zwei im Tuppertresor mitgebrachten Eier mit dem fetten Speck, einer von Jörg beigesteuerten Salami und den beiden Frühlingszwiebeln aus meinem Gewächshaus.