Sonntag, 6. April 2014

Nordsee im April

Es muss November gewesen sein, als wir diesen Termin für eine Tour ausgekungelt haben. Aber auch, wenn wir uns erst eine Woche vorher verabredet hätten: Anfang April ist einfach kein Datum, an dem man mit verlässlich akzeptablen Bedingungen rechnen kann. Wenn ich an das letzte Jahr denke, als um diese Zeit noch Schnee lag und die Temperaturen darnieder - bei solchen Bedingungen hätte wohl keiner von uns ein Wochenende im Schlafsack auf der Hallig verbracht. Doch die im Vorfeld bang beobachtete Wettervorhersage nimmt uns allen Wind aus den Segeln: Am Freitag tagsüber noch fünf bis sechs Beaufort, aber ab 17:00 Uhr abflauend und außerdem eh aus Osten. An den folgenden Tagen dann nur noch schwachwindig aus westlicher Richtung. Das verspricht doch eine gemütliche Unternehmung zu werden mit Rückenwind auf Hin- wie Herweg. Und am Sonnabend soll durchgängig die Sonne scheinen! Welch Glückes Geschick!

Allein - in Schlüttsiel am Anleger stehend müssen wir uns eingestehen, dass der Wind nicht wirklich nachlassen will und die Messwerte der Windgeschwindigkeiten sich herzlich wenig um die Vorhersage scheren! Sie liegen im Mittel deutlich über zehn Meter pro Sekunde und damit im Sechser-Bereich. Die Böen liegen über 14 m/s, was ganz unromatische sieben Beaufort sind. Die Sicht ist nicht berauschend und es sind Schauer angesagt. Ist es klug, bei sechs Grad Wassertemperatur, sechs Beaufort und Wetterbedingungen, die auch eher die Schulnote sechs verdienen, mit klitzekleinen Booten über die Nordsee zu schippern? "Klug" ist vielleicht nicht ganz die richtige Frage. Aber die richtige Frage möchten wir dann doch lieber nicht stellen.

Trenk ist prall geladen mit dem Wunsch, sein neues Boot auszuprobieren und eine der für ihn immer schwieriger zu arrangierenden Fahrten mit uns auch durchzuführen. Fast nimmt er uns die Luft, zu einer unbeeinflussten Überzeugung zu gelangen. Jörg ist prinzipiell sogar bereit, die ganze Unternehmung abzublasen, und ich suche noch nach einem Kompromiss zwischen meinen Befürchtungen und Wünschen. Ich fürchte am meisten, dass uns der eiskalte Wind zusammen mit dem eiskalten Wasser so arg zusetzen könnte, dass wir den grimmigen Wellen nicht genug Elastizität entgegen zu setzen hätten und dies ein zu hohes Risiko darstellen würde. Schließlich einigen wir uns darauf, nicht in den Hooger Hafen sondern nach Hilligenlei zu fahren. Das ist zwar weitaus weniger attraktiv, weil es dort kein Seglerheim gibt mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum, aber wir müssten so nicht über offenes Wasser fahren, und die Sandbank, die südlich des Langeness-Fahrwassers liegt, würde uns vor großen Wellen schützen.

Trenk fährt heute zum ersten Mal einen nagelneuen "Romany" von Nigel Dennis. Ein Kursboot, von dem er wissen möchte, wie es sich unter ernsthaften Bedingungen verhält. Da das Schott hier natürlich nicht auf seine Beinlänge angepasst ist, fährt er viel leeren Raum im Cockpit spazieren und hat einige Mühe, alles Gepäck unterzubringen. Auch Jörg hat Mühe, alles zu verstauen, so dass ein paar Dinge wieder in meinem Kahn landen, der innen eben besonders hohl ist: obwohl ich als einziger einen Bootswagen mitführe, habe ich sogar noch nennenswert ungenutzten Raum. Allen gemeinsam ist uns, dass wir diesmal keinen Wasservorrat mitführen. Wozu auch, auf Hilligenlei gibt es die Rixwaft mit Toilettengebäude und auf Hooge das Seglerheim mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum.

Wir sind bereits um kurz nach sechs auf dem Wasser, lediglich ein paar Minuten nach Hochwasser. Sonnenuntergang ist etwa um 20:00 Uhr - alles passt also bestens. Wir haben uns kräftig eingepummelt, zu groß ist unser Respekt vor den Bedingungen. Jörg hat eine Fliesmütze und darüber noch seine Neoprenhaube auf dem Kopf. Ich habe meine Neo-Haube nur als Halskrause übergestülpt, aber über der Fliesmütze die neue knallrote Kapuze, die der Weihnachtsmann mir als Trost für das Debakel von Lyö beschert hat. Trenk's Kapuze ist im Trockenanzug integriert.


Ich mache gleich anfangs die Ankündigung, dass ich ein gemütliches Tempo fahren werde. Ich will von Beginn an eine ehrgeizige Wettfahrt verhindern, denn wir werden unsere Kraft besonders am Ende der Fahrt benötigen. Doch der Strom wird schon dafür sorgen, dass wir trotzdem mit gutem Tempo voran kommen werden. Die Sicht ist nicht berauschend aber immerhin gut genug, dass man die jeweils unmittelbar nächste Tonne knapp erkennen kann. Trotzdem der Wind immer noch rauscht, sind die Wellen überraschend klein und zahm. Bis zur Tonne, an der wir uns entscheiden müssen, ob wir in die Süderaue nach Hooge oder das Langenessfahrwasser nach Hilligenlei fahren wollen, haben wir uns mit den Umständen vollkommen ausgesöhnt. Wir kommen kurz zur Absprache zusammen und es herrscht ungetrübte Einigkeit, dass wir keine Bedenken haben, die Fahrt nach Hooge zu meistern.

"Das Glück ist mit den Tüchtigen" - wir müssen wohl zu diesen Menschen zählen, denn der Wind nimmt sich augenscheinlich etwas zurück, während wir die große Wasserfläche queren. Immer noch sind die Wellen für die herrschende Windstärke überraschend klein. Bliese es aus der entgegengesetzten Richtung und stünde der Wind damit gegen den Strom, würde hier das reine Chaos herrschen. Erst als die Süderaue kurz vor Hooge zwischen die zu Tage tretenden Sandbänke gepresst wird, stärkerer Regen einsetzt der Wind wieder auffrischt, fangen die Wellen an zu rauschen. Bis hierhin waren wir mit durchschnittlich 8,6 km/h unterwegs - die nächste viertel Stunde rauschen wir mit gemittelten 11,2 km/h durch die immer dunkler werdende Nordsee! Trenk ist eins mit seinem Boot und juchzt irgendwo in der Ferne. Jörg und ich legen es bewusst nicht darauf an, die Boote ins Surfen zu bekommen, sondern fahren gesittet näher unter Land. Um zwanzig nach Acht passieren wir die Hafeneinfahrt von Hooge - nur wenig mehr als zwei Stunden, nachdem wir in Schlüttsiel von der Rampe gerutscht sind.

Eine erste Begutachtung des vollkommen leeren Zeltplatzes bringt uns zu der wenig überraschenden Erkenntnis, dass es hier mit dem Windschutz nicht zum Besten bestellt ist. Nun sind vor dem Wind schützende Erhebungen der Erdkruste auf Halligen vergleichsweise selten anzutreffen. Einzig der Erdhaufen, in den das Seglerheim seine Stelzen steckt, könnte als solche dienen. Um in den Genuss dessen zu gelangen, müssten unsere drei Boote aber noch die hundert Meter über den Steg bewältigen, der den schlickgefüllten Hafen quert. Natürlich habe ich als professioneller Paddler meinen geländegängigen Bootswagen dabei - und zwei plötzlich emsig Süßholz raspelnde Kameraden, die auch gerne dessen Dienste in Anspruch genommen hätten. Zwar habe ich dämlicher Weise keinen Spanngurt zur Befestigung dabei, aber als professioneller Paddler bin ich bis an die Zehen mit den unterschiedlichsten Schnüren bewaffnet, so dass dieser Lapsus uns vor keine ernst zu nehmenden Probleme stellt.

Etwas anders sieht es mit örtlichen Infrastruktur aus: aus uns unerfindlichen Gründen hat das Seglerheim die Saison noch nicht eröffnet. Zwar ist der Segelhafen pappenleer, aber das ist doch noch lange kein Grund, auch die Wasserhähne abzustellen! Nichts mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum! Damit haben wir beim besten Willen nicht gerechnet. Trenk und ich machen uns auf, zur Peselwarft zu stapfen und dort um etwas Wasser zu betteln. Es ist dunkel, es regnet immer noch und wärmer ist es auch nicht geworden. Also machen wir uns in voller Montur auf die Neoprensocken: Trockenanzug, Schwimmweste, Kapuze und sogar die Spritzdecke lassen wir, wo sie sind. Die Bedienung im Friesenpesel guckt wie ein Auto, als wir ihr unseren Wunsch vorbringen. "Wo kommt ihr denn her?", fragt sie ebenso entgeistert wie sie unsere ehrliche Antwort "Aus Schlüttsiel." ungläubig und kopfschüttelnd quittiert.

Der große Wassersack von Jörg ist ziemlich schwer, so dass wir ihn den langen Weg zurück zu zweit schleppen müssen. Zumindest sollten wir nun für drei Tage genug Wasser gebunkert haben. Das Umsetzen der Boote, der Gang zum Brunnen, das Zelte-Aufbauen im Dunkeln und bei immer noch recht heftigem Wind, das Umziehen und Ausladen der Sachen sowie  Nach-Hause-Telefonieren haben ihre Zeit gebraucht. Als ich mir endlich meine Bratkartoffeln auf dem Trangia brutzele, ist es bereits nach zehn Uhr. Einen heißen Orangensaft noch, um die letzte Kälte aus den Gliedern zu vertreiben und dann mummele ich mich gemütlich in meinen Schlafsack.

Wenn ich jemals Zweifel an der Dichtigkeit meines Zeltes gehabt haben sollte, diese Nacht hat sie weggeschwemmt! Stundenlang pladdert heftiger Regen auf unsere Hütten und der Wind rüttelt an den Planen. Das war der ultimative und beruhigende Test! Der große Wassersack von Jörg hat seinen Test übrigens nicht bestanden: er hat das gesamte, mühselig vom anderen Ende der Insel herbeigeschleppte Wasser durch ein Leck verloren!

Für heute stand kurzzeitig ein Ausflug zur Pallas auf dem Programm. Aber zum einen ist die Sicht noch schlechter als gestern, so dass schon die keine 300 Meter entfernt stehende Kirchwarft nur noch schemenhaft zu erkennen ist, und zum anderen würde das eine Tour weit über der Vierzig-Kilometer-Marke bedeuten, für die wir uns noch nicht fit genug fühlen. Und was sollen wir zehn Kilometer auf dem offenen Meer bei einem Kilometer Sicht, nur um so einen imaginären Punkt im trüben Nichts zu suchen? Stattdessen wollen wir um Japp- und Norderoogsand fahren, das wird schon interessant und lang genug. Bevor wir allerdings die Spritzdecken über unsere muckeligen Cockpits schließen können, müssen wir noch aus unseren trockenen Sachen in die über Nacht natürlich nicht getrocknete dafür aber eiskalte Paddelmontur schlüpfen. Das ist der Moment, bei dem auch bei dem hartgesottensten Kanuten Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Tuns aufkommen...

Wir wollen nach Möglichkeit ohne GPS auskommen, um unseren Weg zu finden. Aber das ist hier draußen schon bei optimalen Sichtverhältnissen nicht ganz einfach, denn Tonnen gibt es nicht, und die Sände sehen über ihre gesamte Länge vollkommen einförmig aus. Einzig der alte Kirchtum von Pellworm böte navigatorischen Halt und Orientierung in dieser nassen Wüstenei. Bei der trüben Sicht heute ist der aber nicht zu sehen, so dass man raten müsste und stochern. So schielen wir dann doch mit zunehmender Nähe zum Rummelloch immer öfter auf unsere kleinen elektronischen Helfer. Es dient eigentlich nicht so sehr zur Orientierung als vielmehr zur Bestätigung, dass wir uns auch tatsächlich dort befinden, wo wir uns vermuten. Es beruhigt ungemein, wenn man das Ziel mit Gewissheit noch vor sich weiß. Nebel erzeugt nämlich eine ungeheure Reibung auf dem Zeitstrahl und die Minuten brauchen mehr als doppelt so lange zum Zergehen. Da bekommt man schnell das Gefühl, das Ziel müsste längst erreicht sein. Und ohne die Versicherung durch das GPS ist man leicht versucht, zu früh abzubiegen, aufzulaufen, zu raten, ob man schon zu weit oder noch nicht weit genug ist, sich für die falsche Option zu entscheiden, zurückzufahren, festzustellen, dass man doch noch nicht weit genug war, wieder zurückzufahren und das Spielchen von neuem zu beginnen. Auch spannend, aber eher etwas für wärmere Tage.

Wir lassen uns an einer Robbenherde vorbei treiben. Die hat natürlich wieder genau dort Stellung bezogen, wo wir eigentlich Pause machen wollten. Es sind gut zwei Dutzend Tiere - darunter mindestens vier Kegelrobben. Einige - vorrangig die jungen Tiere - robben ins Wasser und schwimmen auf uns zu. Die Knopfaugen sind erstens ungemein kurzsichtig und zweitens ebenso neugierig. Wir verstehen gut, dass sie dankbar sind, mal etwas Abwechslung geboten zu bekommen. Ihr restliches Leben besteht ja nur aus ödem Verfolgen von Fischen und Dösen auf der Sandbank.

Die Pause ist nicht wirklich gemütlich, weil uns schnell kalt wird, denn die Sonne ist nicht einmal mit gutem Willen zu erahnen. Den Rückweg beginnen wir ausgesprochen gemütlich, die Paddel werden nur hin und wieder zur Richtungskorrektur genutzt. Ständig umschwimmen und beäugen uns die Seehunde. Als Trenk einen Blick auf sein GPS wirft, beträgt unsere Geschwindigkeit zwölf Stundenkilometer! Nicht schlecht für ohne Anstrengung! Man bekommt eine beklemmende Ahnung, warum das Rummelloch Rummelloch heißt und dass die Einfahrt bei Nebel oder hohen Winden in Zeiten, die noch keine elektronischen Helferlein kannten, einem Selbstmordversuch gleich kam.

Es ist für uns keine große Herausforderung, zu unserem Ausgangspunkt zurück zu finden. Aber die schlechte Sicht lässt doch einige interessante Zweifel aufkommen. Als sich die Schutzhütte von Norderoog schemenhaft zu erkennen gibt, kann man sie nur mittels Kompass und Blick auf die Karte als solche einordnen. Und ich sehe im Nebel ja immer irgendwelche Wälder am nicht vorhandenen Horizont. So auch diesmal wieder. Ich kann irgendwann sogar mit Bestimmtheit - ja Gewissheit - sagen, dass es sich um einen dichten Buchenwald handelt. Aber ich behalte diese Gewissheit für mich, denn ich bin mir sicher, dass die anderen mir nicht glauben würden, dass auf Hooge während unserer Abwesenheit ein dichter Buchenwald entstanden ist. So entpuppt sich dieser Buchenwald dann auch bald als Silhouette der Ockenswarft, die da durch den Dunst schimmert. Bis hierher hat uns der Tidenstrom getragen, nun müssen wir, um nicht aufzulaufen, erst einen etwas größeren Bogen noch Osten machen und uns dann die restlichen zwei Kilometer gegen den vollen Strom der Süderaue zum Segelhafen kämpfen. Am Ende einer Lahnung steht ein junger Seeadler. Ein Dutzend Möven tut lautstark kund, dass sie mit seiner Anwesenheit nicht glücklich sind.

Heute ist das Lammfilet fällig und wir wandern gegen Abend zum Friesenpesel, wo wir erst nach einer Weile als die verwegenen Wasserholer von gestern wiedererkannt werden. Wir bekommen nur einen Tisch zweiter Wahl, denn trotz vermeintlicher Nebensaison gibt es zahlreiche Reservierungen. Der Wetterbericht für morgen könnte günstiger nicht ausfallen: Schwache westliche Winde und ungetrübter Sonnenschein von morgens bis zum späten Nachmittag!

"Über den Wolken..." mag die Sonne wohl scheinen, denken wir, als wir am Sonntag Morgen aus den Zelten kommen - hier unten allerdings herrscht die gleiche Suppe wie gestern! Ein erneuter Blick auf eines dieser phantastischen modernen "Telefone" zeigt uns einen vollkommen anderen Wetterbericht, als der, der uns gestern Abend verkauft wurde: den ganzen Tag grau und ab Mittag Regen! Wir machen erst einmal einen ausgiebigen Spaziergang über die Insel. Es herrscht rege Betriebsamkeit, denn die gesamte Bevölkerung strömt zur Kirche, wo heute die diesjährige Konfirmandin von Hooge vorgestellt wird. Nächsten Sonntag ist dann die Konfirmation. Der Toilettenwagen am Pelwormer Anleger ist übrigens schon in Position - und hat fließend Wasser! Vielleicht hätten wir hier campieren sollen. Außer von uns wird die Hallig momentan von 40 Waldorfschülern und -schülerinnen heimgesucht, die wie jedes Jahr die Insel neu vermessen. Zehn Tage verbringen die Jugendlichen hier. Ach ja, und dann sind da noch die etwa 40 Tausend Ringelgänse und -gänsinnen, die sich hier einen runden Bauch anfressen für ihre anstehende Reise nach Sibirien.

Der einzige Dienst, den uns das Seglerheim bietet, ist ein guter Windschutz, in dem wir uns umziehen können. Wir lassen unsere Boote so früh wie das auflaufende Wasser und die elendige Molenkante es gefahrlos zulassen in den Priel. Der Weg ist klar - auch bei trüber Sicht: Immer dem Fahrwasser folgend bis nach Schlüttsiel. Wir halten uns an den Tonnenstrich, um nicht unnötig den Fähren ins Gehege zu kommen, die uns vermutlich schlecht sehen und auf jeden Fall gar nicht mit uns rechnen werden. Zu unserer Überraschung ist bei unserer Ankunft im Hafen von Schlüttsiel schon so viel Wasser aufgelaufen, dass wir sogar an der südlichen breiten Rampe aussteigen können. Die erste ernsthafte und größere Tour des Jahres ist gemeistert - ich freue mich auf die weiteren!

Sonntag, 16. März 2014

"The Times They Are A-changing"

Gather 'round people
Wherever you roam
And admit that the waters
Around you have grown

Bevor ich überhaupt mit dem Seekajak-Fahren angefangen hatte, hatte ich schon eine Ausgabe des "Seakayaker Magazine"s gelesen. Das war auf der hanseboot in Hamburg am Stand von Globetrotter. Da war ein Bericht zu lesen von zwei Seekajakern, die sich auf den Weg gemacht hatten, irgendwo an der kanadischen Westküste, irgendwo an der Strait of Georgia. Schon bei ihrer Ausfahrt aus dem Hafen wurden sie von einer brechenden Welle überrascht, die sie kentern ließ. Die beiden rollten wieder hoch und für mich war klar, dass derartige Abenteuer weit jenseits meines Faltboot-Horizonts lagen.

And accept it that soon
You'll be drenched to the bone
If your time to you
Is worth savin'

Es ergab sich, dass ich Jahre später bei dem Vorhaben, eine Schwimmweste für meine Tochter zu kaufen, über ein Seekajak gestolpert bin, was meinen weiteren Weg irgendwann wieder den des "Seakayaker Magazine"s kreuzen ließ. Ich habe ein Jahresabonnement riskiert und mich mit einem Wörterbuch durch die erste Ausgabe geackert.

Then you better start swimmin'
Or you'll sink like a stone
For the times they are a-changin'

Da war gleich ein Artikel, der bis heute zu meinen Lieblingsberichten zählt: "The unintended crossing". Auch wenn ich Stunden gebraucht habe, die vielen bislang unbekannten Wörter nachzuschlagen, hat mich der Inhalt elektrisiert, auch wenn der Artikel in einem fremden Idiom verfasst war, hat mich die Sprache gefangen genommen. Und die Erkenntnis des Autors, dass für ihn nicht die ursprünglich anvisierte 50-Kilometer-Überfahrt seine eigentliche Leistung darstellt, sondern sie eben nicht gemacht zu haben, ließ mich mit großem Respekt zurück.

Come writers and critics
Who prophesize with your pen
Keep your eyes wide
The chance won't come again

Fortan las ich jede Ausgabe mit großer Sorgfalt - nein, in Wirklichkeit verleibte ich sie mir ein. Ich war damals noch in keinem Verein außer der SALZWASSER UNION, hatte also keine Partner, an denen ich wachsen, von denen ich lernen konnte. So war es die Zeitschrift, aus der ich erfuhr, was alles mit einem so schmalen Boot möglich ist, was andere damit anstellen, welche Techniken es gibt und welche Ausrüstung sinnvoll ist.

Don't speak too soon
For the wheel's still in spin
And there's no tellin' who
That it's namin'

Als Solo-Fahrer und Familienvater war Sicherheit für mich immer ein alles bestimmendes Thema. Die Berichte, in denen andere eine rote Linie überschritten haben, habe ich nach allen Regeln der Kunst analysiert und sie kritisch mit meinem Verhalten verglichen. Ich habe gelernt, dass es den Moment des Überschreitens der roten Linie nicht gibt, sondern dass man sich einfach irgendwann auf der falschen Seite wiederfindet. Wie dankbar war ich für die sorgfältige, unaufgeregte und vor allem nicht verurteilende Aufarbeitung von Kalamitäten und Katastrophen. Nie hätte ich das Bewusstsein und das Wissen über Risiken und Gefahren entwickeln können, das ich heute habe, hätte es die Rubrik "Lessons learned" nicht gegeben.

For the loser now
Will be later to win
For the times they, they are a-changin'


Habe ich es anfangs noch eher überblättert, wurde später das Geleitwort von Christopher Cunningham zu einer mit Spannung erwarteten Lektüre. Er hat in nahezu poetischer Form jeweils das Kernthema der betreffenden Ausgabe aus seiner persönlichen Sicht beleuchtet. Wie oft habe ich gedacht, dass er mir dabei genau aus der Seele spricht und wie oft habe ich gedacht: was für eine schöne Formulierung.
 
Come senators, Congressmen
Please heed the call
Don't stand at the doorway
Don't block up the hall


Es gab Artikel, die ich mir kopiert und separat abgeheftet habe, so schön waren sie geschrieben. Es gab Berichte, die waren so originell, dass sie mir immer präsent in Erinnerung blieben. Wenn ich ein Heft nach Erhalt aus seiner schützenden Plastikhülle befreit hatte, habe ich in der Regel sofort die letzte Seite aufgeblättert und einen Blick auf "Last Glance" geworfen - der Seite, die ein einzelnes originelles Bild und eine kurze Geschichte dazu enthielt. Ganz so hatte ich es damals bei meinem "Spiegel"-Abo gehalten, bei dem auch der "Hohl-Spiegel" das erste war, das ich gelesen habe.
For he that gets hurt
Will be he who has stalled
There's a battle outside
And it's ragin'

Ich habe aus manchen Artikeln über Paddel- oder Rettungstechniken Neues erfahren, oder Bekanntes aus einem anderen Winkel beleuchtet gefunden. Häufig war dies die Quelle, Dinge zu überdenken, neu zu üben oder nur zu verbessern.

It'll soon shake your windows
And rattle your walls
For the times they are a-changin'

Der "Seakayaker" hat zweifellos Standards gesetzt. Man merkte, dass alle Aufsätze durch eine strenge Mühle von Auflagen und Korrekturen gegangen waren, bevor sie für den Druck angenommen wurden. Reiseberichte waren weit entfernt von "Am Freitag waren wir hier - und am Samstag haben wir das gemacht.", sondern waren ein Genuß zu lesen. Fachartikel, von denen es nie zu wenig gab, waren solide recherchiert und hielten jeder Kritik stand.
 Come mothers and fathers
Throughout the land
Don't criticize
What you can't understand

Ich habe hin und wieder einen Blick in andere Magazine geworfen. In die ebenso wenigen wie bunten deutschen Blätter, in englische, amerikanische und nicht zuletzt den SEEKAJAK, das Vereinsmagazin der SALZWASSER UNION. Keines der Blätter konnte auch nur annähernd mit dem Niveau mithalten, dass der "Seakayaker" aufwies.

Your sons and your daughters
Are beyond your command
Your old road is
Rapidly agin'

Als ich im Sommer vergangenen Jahres davon erfuhr, dass das Magazin eingestellt werden sollte, habe ich es zuerst nicht geglaubt. Ich habe an einen Fake gedacht, einen schlechten Scherz, so wie man ein Gerücht in die Welt setzt, weil man sich sicher ist, dass es für Aufsehen sorgt. Nach ein wenig Recherche verdichteten sich die Hinweise, aber im gleichen Maße stieg Trotz in mir auf, dass es einfach nicht sein kann, dass mich das Magazin im Stich lässt.

Please get out of the new one
If you can't lend a hand
For your times they are a-changin'

Ich bin traurig, dass es diesen Edelstein nicht mehr gibt, aber mehr noch freue ich mich über all das, was ich von ihm erhalten und gelernt habe. Ich danke dem "Seakayaker's Magazine" für 30 Jahre wunderbare Begleitung. Ich stünde heute nicht dort, wo ich stehe, hätte ich nicht diese Begleitung gehabt.

The line it is drawn
And the curse it is cast
The slow one now
Will later be fast

Das Geleitwort von Chris in der letzten Ausgabe war mehr als doppelt so lang wie gewöhnlich. Es war schneidend präzise wie immer, es beschrieb einige Entwicklungen in meinem so geliebten Sport, die dazu geführt haben, dass das Magazin nicht mehr in der bisherigen Form weitergeführt werden kann. Es war die Rede von Strömungen, die sich gegen den Kurs der Zeitschrift gerichtet haben, dass einige zentrale Inhalte und Werte nicht mehr genügend Anhänger finden, dass heute andere, eher auf kurzfristigen Spaß ausgerichtete Aktivitäten im Zentrum des Interesses stehen.

As the present now
Will later be past
The order is
Rapidly fadin'


Ich sehe das nicht grundsätzlich anders, aber ich will dagegen stehen. Ich kann die momentane Gegenströmung aushalten und weiter an meinen Werten und meinem Kurs festhalten, denn ich betreibe den Sport nicht gewerbsmäßig. Und wenn die Strömung heute den kurzfristigen Kitzel bevorzugt, heißt das nichts anderes, als dass es ein danach geben muss? Warum ohne Not den geliebten Pfad für eine Mode verlassen, denn:

And the first one now
Will later be last
For the times they are a-changin'

Samstag, 22. Februar 2014

Das Jahr fängt an!

Im vergangenen Jahr trauten sich die Krokusse erst Anfang April aus Mutter Erdes schützendem Schoß. Aktuell haben wir Ende Februar und schon jetzt sind sie allenthalben zu sehen. Da können wir nicht hinten an stehen, sondern müssen uns auch auf den kommenden, unheimlich heißen, unheimlich sonnigen Sommer vorbereiten! Am vergangenen Wochenende saß ich das erste Mal in diesem Jahr im Boot, für Jörg war es bereits das zweite Mal. Wegen des heftigen Windes, der mit bis zu sieben Stärken aus Süden blies, sind wir in Anerkennung unseres nicht optimalen Trainingsstandes in die Schwentine gefahren. Dort kam uns eine Menge Wasser entgegen, so dass wir unter der Brücke am Restaurant, von dem ich vergessen habe, wie es heißt, mächtig schaufeln mussten, um sie überhaupt passieren zu können. Das war ein Anfang.

Heute wollen wir das Angefangene fortsetzen und, trotzdem wieder einiger Wind weht, auf jeden Fall auf der Förde paddeln. Heute haben wir nur fünf Beaufort genau aus Süd, aber es weht in Böen und das Wasser ist natürlich immer noch lähmend kalt. Die Böen bescheren uns den einen oder anderen belebenden Surf und in weniger als einer dreiviertel Stunde haben wir den Strand von Möltenort erreicht. Wir sind noch alles andere als angestrengt und die Versuchung, noch bis zur Glockentonne weiter zu fahren, ist groß. Aber schließlich siegt doch die Vernunft, die mit Gewißheit sagen kann, dass das momentan unangestrengte Gefühl sein baldiges Ende finden wird, wenn wir einmal unseren Bug in Richtung Heimat gedreht haben werden.

Jörg hat seine obligate Frikadelle in der Bootshalle liegen gelassen, so dass wir uns während unser Vesperpause meine Stulle mit dem zwölf Wochen gereiften, dänischen Käse von Aldi teilen. Ein noch länger gereifter Segler spricht uns an, ob denn das nicht arg frisch ist, bei dem Wetter zu paddeln. Es ist keine fassungslos ungläubige Frage eines Unbedarften, sondern eher ein besorgtes Nachfragen eines Kundigen, der genau weiß, dass man bei der herrschenden Wassertemperatur wenig Optionen hat, wenn man erst einmal in der Suppe schwimmt. Wir beruhigen ihn, indem wir ihm Recht geben und sagen, dass wir das nicht ohne Übung und entsprechende Ausrüstung tun und niemanden animieren, es uns nachzutun.

Wie erwartet, fahren die Boote nicht von alleine gegen den Wind. Wir müssen tun und arbeiten. Aber es ist schön zu spüren, dass die Form langsam zurück kommt und die Arbeit zwar anstrengend ist, aber nicht jenseits dieses Limits liegt, an dessen Ende die eigene Porösität wartet. Und es war klug, dass wir nicht zur Glockentonne gefahren sind. So laufen wir noch mit entspannten Gesichtszügen am Steg ein und können uns gut gelaunt die liegen gebliebene Frikadelle teilen. Doro sei Dank, die ihren Mann nie ohne diese kulinarische Köstlichkeit aus dem Haus lässt!

Beim Duschen wird das Wasser erst nicht wirklich warm, Während ich langwierig nach der Ursache und vor allem nach Abstellung dieses Übels forsche, duscht Jörg irgendwann einfach mit dem kalten Wasser. Als er fertig ist, finde ich die Ursache und drehe den Temperaturregler an der Mischbatterie nach oben. Auf mein Klagen, dass das Wasser nun eigentlich fast etwas zu heiß ist, entgegnet er, dass kalt Duschen eigentlich ganz schön ist. Wahrscheinlich hat sein Hirn schon Schaden genommen von der Kälte!


Sonntag, 10. November 2013

Lyö im Winter - ohne Hubschrauber zurück! (3/3)

Die ganze Nacht hindurch gießt es wie aus Kübeln. Im Wetterbericht von Freitag war hier und da mal ein Millimeter Regen vorgesehen - aber keinesfalls derartige Mengen. Nun, zumindest hält mein Zelt dicht. Allerdings nur soweit ich das beurteilen kann, nachdem ich drei Tage lang mehr oder minder nass ein- und ausgegangen bin, was natürlich auch seine Spuren hinterlassen hat. Aber ich will nicht klagen. Außerdem hat sich der Wind gelegt. Wenn man einen Tag mit durchgehend sieben Windstärken hinter sich hat, klingt ein solider Vierer wie ein laues Lüftchen.

Der Schuppen ist heute Morgen Gold wert. Neben dem Schutz, den er uns gewährt, so dass wir das Frühstück ungestört von den alle fünf Minuten niedergehenden Schauern einnehmen können, hat er auch unserer Wäsche die Nacht über Obdach geboten. Sie ist so gut getrocknet, wie salzwassergetränke Wäsche in kalter und feuchter Luft eben trocknet. Wir könnten schlimmer dran sein. Schließlich sind auch die Temperaturen zwar nicht zweistellig, so doch zumindest nicht frostig. Der Schuppen hat an diesem Wochenende eine Menge Geschichten zu hören bekommen. Wir sind vielleicht nicht besonders viele Kilometer gepaddelt, aber wir haben weidlich Zeit gehabt, über dies und jenes und Gott und die Welt und persönliche Sorgen, Nöte und Wünsche, Träume und Pläne zu quatschen. Auch dies ganz klar Zweck und Ziel einer Paddeltour.

Der Himmel klart immer weiter auf, während wir Müsli und Brote verdrücken. Schließlich ist der Himmel vollkommen wolkenlos, so dass unsere Zelte sogar fast trocken sind, als wir sie einpacken. Unser Auftrag für heute ist wenig spektakulär: in gerader Linie auf den Hafen von Fynshav zu. Der Wind weht wieder westlich mit leicht nördlichem Einschlag. Das Gute an dem strammen Wind von gestern ist, dass man das Lüftchen heute nicht mehr recht ernst nimmt. Unter normalen Umständen wäre das hier ein Vierer-Gegenwind, der das Fortkommen schon spürbar erschwert. Heute kommt er als ein um drei Windstärken schwächeres Lüftchen daher, gegen das man ohne große Mühe gegenan paddeln kann. Die Wellen sind gemütlich und nur wenige erreichen die ein Meter-Marke. Wir fahren eine schnurgerade Linie ohne große Schnörkel oder Pausen. In deutlich weniger als zwei Stunden sind die elf Kilometer zurückgelegt und gehen bei strahlendem Sonnenschein auf Alsen an Land.

Zum Glück hat Trenk so lange genervt, bis ich mich breitschlagen ließ, diese Tour mit ihm zu machen. Es wäre sonst eine Gelegenheit ungenutzt verstrichen, wertvolle und einmalige Erfahrungen zu machen. Diesmal waren für mich auch Erfahrungen dabei, dass ich manche Erfahrungen doch lieber nicht machen möchte. Vielleicht sind solche Erfahrungen am Ende die wertvollsten.



Samstag, 9. November 2013

Lyö im Winter - oder wie ein Südwester sagt, wo's lang geht (2/3)

Der Nachmittag fängt heute schon vor Sonnenaufgang an. Zumindest ist die Windstärke bereits vor dem Aufstehen hörbar so, wie sie erst für den frühen Nachmittag vorgesehen war. Aber so ist das mit schnell laufenden kurzen Störungen: es ist schwer vorherzusagen, wann sie denn genau eintreffen. Ich bin nicht überrascht und eigentlich ist es mir viel lieber, wenn es jetzt schon ordentlich weht und bald nachlässt, als wenn es uns trifft, während wir unterwegs oder noch übler, während wir auf dem Rückweg sind.

Gestern Abend war es lau und trocken, so dass wir vor den Zelten gekocht und gegessen haben. Heute Morgen ist es eher schauerlich, und dass jeder in seinem eigenen Zelt hockt, ist doof. Aber da ist ja die Bretterbude auf der Nachbarwiese, die bis über alle Ohren vollgestopft ist mit Holzbänken. Da geht doch was. Im Nu bringen wir etwas Ordnung in das Chaos und schon haben wir eine Bank vor der Hütte stehen, die uns als Tisch dient und eine wind- und regengeschützt im Inneren, auf der wir sitzen. So kommt trotz der immer wieder niedergehenden Schauer so etwas wie Behaglichkeit auf. Wir haben ja keine großen Pläne heute - nur eben in die Helnäs-Bucht, um einen neuen Übernachtungsplatz zu erkunden. Wenn der Wind etwas abgeflaut ist. Und wie nicht anders erwartet, rauscht es schon etwas vermindert, als ich mir gemütlich die dritte Tasse Tee genehmige. Mit dem Wissen, dass je länger wir frühstücken, desto kürzer müssen wir gegen den immer schwächer werdenden Wind anpaddeln, widmen wir uns gewissenhaft dem inneren Kern unserer Unternehmung - der Entspannung!

Schließlich sind wir so entspannt, dass es uns in den Schwielen juckt und wir endlich lospaddeln wollen. Allein das vermutete Abflauen vorhin war allenfalls ein kurzes Intermezzo - keinesfalls ein Anfang vom Ende des starken Blasens. Beim Blick aufs Wasser bin ich mir nicht sicher, ob das Windstärke sechs ist. Die Frage ist aber nicht, ob es vielleicht nur eine fünf ist, sondern ob es sich nicht doch eher um eine sieben handelt. Aber die Vorhersage hatte nur maximal 13 Meter pro Sekunde betragen, also wird das schon sechs sein. Sein Boot an diesem steinigen Strand ins Schwimmen zu bekommen, ist nicht ganz einfach. Vor allem darf man nicht penibel sein, was Schrammen am Rumpf angeht. Aber wir gehen heute mit leeren Boote auf Tour, so dass es praktisch ohne Risiko ist, über die Steine zu wubbeln.

Der Wind drückt mächtig gegen die Flanke. Er weht genau aus West und unser Ziel liegt im Norden. Da die Boote leicht sind, ragen sie zudem hoch aus dem Wasser und bieten so eine gute Angriffsmöglichkeit. Es kostet einige Mühe, die Richtung so zu gestalten, wie man sie selber gerne hätte, nicht wie der Wind sie einem diktiert. Mir ist gleich beim Start durch die Brandung der Südwester verweht worden und ich habe ihn erst nur notdürftig mit einer Hand zurechtgerückt. Leider kann ich so nicht mehr sehen, wohin ich fahre oder was für Wellen gerade aus was für einer Richtung kommen. Bevor ich ihn aber wieder korrekt richten kann, muss ich erst einmal soweit von der brechenden Brandung freikommen, dass ich nicht auf die großen Steine gespült werde. Als es soweit ist, muss ich das Paddel aus der Hand legen, weil ich beide Hände brauche, um den Stopper am Kinnriemen wieder in Position zu bringen. Das dauert eigentlich nicht lange, aber doch lange genug, dass der Wind meinen Bug wieder in Richtung Verderben dreht und ich lange heftig rudern muss, um wieder auf einen gedeihlicheren Kurs zu kommen. Außerdem möchte man sein Paddel unter solchen Bedingungen nicht wirklich gerne komplett aus der Hand legen.

Leider war das Verrutschen meines Hutes doch kein singuläres Ereignis der Startphase. Der Tanka-Verschluss, der den Kinnriemen in Position halten soll, ist für diese Windstärken leider nicht (mehr) kräftig genug! Es dauert nicht lange, da flattert mir der Hut schon wieder lose am Kopf. Es ist ausgeschlossen, dass ich auf die Kopfbedeckung pfeife und ohne fahre, dafür ist es dann doch eindeutig zu kalt. Ihn nur kurz mit einer Hand dicht auf den Kopf zu ziehen, führt wieder nur dazu, dass ich außer meiner Spritzdecke nichts mehr von der Welt sehe. Die beidhändige Gegenmaßnahme krankt an der eben beschriebenen Malaise, dass ich drohe, zwischen den Steinen zu zerschellen. Es dauert nicht lange, bis mir klar ist, dass ich unter solchen Umständen die Überfahrt nach Fünen nicht machen werde, auch wenn sie nur zwei Kilometer weit ist. Ob ich sie mit einwandfrei fest sitzendem Hut machen würde, weiß ich nicht, aber das muss ich mir im Moment auch nicht überlegen. Ich teile Trenk meinen Entschluss mit. Er ist zwar nicht begeistert, aber ihm ist klar, dass das hier nicht mit Überreden zu regeln ist.

Es bleibt uns die Umrundung von Lyö. Möglicherweise sind wir die ersten, die das probieren. Jedenfalls ist mir aus der Literatur nichts derartiges bekannt. Nachdem wir den Wind achterlich haben, sind die Haftprobleme meines Südwesters wie weggeblasen und wir rauschen um die Nordspitze der Insel. Dahinter ist ruhiges Wasser, aber der Wind wird nur sehr unvollständig durch die flache Landschaft abgeschirmt. Als wir  an der Ostspitze aus dem Schutz der Insel heraustreten, erfasst er uns mit voller Wucht genau von vorne. Es ist mittlerweile deutlich Nachmittag und die "kleine Störung" zeigt immer noch keine Neigung, sich abzuschwächen. Unsere Geschwindigkeit geht immer mehr den Bach hinunter und ich frage mich ab und zu, ob wir überhaupt noch Land gewinnen gegen den brüllenden Wind. Zu allem Überfluss gehen alle naselang Regenschauer nieder. Solche, bei denen man denkt, die Tropfen sind eckig, so hart fühlen sie sich im Gesicht an. Und hatte ich schon gesagt, dass mein Hut das gar nicht witzig findet? Irgendwann in einer besonders harten Bö fliegt er mir vollends vom Kopf und als ich versuche, ihn wieder einzufangen, ist mein Boot fast komplett herumgeweht und ich weiß nicht, ob ich es noch vor dem Aufschlagen am Strand eingefangen bekomme und ob es überhaupt Sinn macht, jetzt mit aller Gewalt gegen den Wind anzukeulen, der ja eh gleich nachlassen wird... kurzum, ich suche mir entnervt eine Stelle zum Anlanden.

Natürlich gibt es keine, denn das Ufer ist vollkommen sandfrei und überall liegen koffergroße Steine herum. Aber wenn man genau hinsieht, gibt es da immer wieder dichte Algenfelder zwischen den Steinen, die Wellen und Steine abfedern und ein erstaunlich geräuscharmes Anlanden ermöglichen. Nach einer kurzen Weile hat Trenk gemerkt, dass ihm niemand mehr folgt und er kommt zurück, um auch anzulanden. Sein Versuch, in der Nähe meines Bootes an Land zu kommen, wird derart vom Winde verweht, dass er erst etwa hundert Meter weiter in Lee zum Stehen kommt. Wir sitzen etwas unentschlossen im Wind und genießen das Naturschauspiel einer komplett weiß aufgewühlten Südsee. Eine Befragung unserer GPS-Geräte verrät, dass es noch zwei Kilometer Luftlinie bis zu unserem Zeltplatz sind. Lächerliche zwei Kilometer!

Es dauert über eine Stunde, eine Banane und ein Snikkers, bis ich einerseits soweit wieder erholt bin, dass ich mir die lächerlichen zwei Kilometer zutraue, und andererseits so hoffnungslos, dass ich nicht mehr glaube, dass diese "kurze" Störung noch mal ein Ende findet. Mittlerweile bin ich übrigens auch überzeugt, dass es sich hier tatsächlich um Windstärke sieben handelt. Bei so etwas paddelt man nicht mehr - und ich bin meinem Südwester dankbar, dass er mir die Entscheidung abgenommen hat, die Überfahrt nach Fünen zu machen. Nachdem wir dem Wind und dem Regen (wieso kann es überhaupt so heftig regnen, wenn weit und breit keine Wolke zu sehen ist?!) die letzten zwei Kilometer abgerungen haben, müssen wir unsere Boote die letzten hundert Meter noch über Land tragen. Da war eine Art Bucht mit einem kaum sichtbaren Kehrwasser, das ein vollkommen schrammenloses Anlanden ermöglicht hat. Direkt vor unserem Zeltplatz hätte sich wieder die eine oder andere Marke in den Bootsrümpfen verewigt. Es weht dermaßen stramm, dass man schon beim normalen Gehen auf festem Grund immer wieder aus dem Gleichgewicht geweht wird. Während wir triefnass unsere Boote über Land zu unserer Zeltwiese zurücktragen, begegnet uns ein Jäger, der seine Schrotflinte spazierenträgt. Er muss uns für komplett meschugge halten, sich erst bei einem derartigen Wind mit Booten aufs Wasser zu wagen und sie dann über Land zurückzutragen. Er sagt aber kein Wort.

Das Banklager leistet uns willkommene Dienste als Umkleide und Teestube. Die Sache mit den Schauern hat sich nämlich immer noch nicht erledigt. Nach einem heißen Tee und etwas Honigkuchen fühlen wir uns bereit für einen ausgiebigen Spaziergang über die Insel. Bei meiner Erkundung vor vier Wochen waren mir schon die zahlreichen Häuser aufgefallen, die bereits sichtbar dem Verfall anheimgefallen waren bzw. an denen "Til Salg" sein Schild angebracht hatte. Heute, da wir im Dunkeln durch die Straßen schlendern, fallen noch viel mehr Häuser auf, dadurch, dass nirgends ein Licht in ihnen glimmt. Erst als wir in die Nähe der Kirche kommen, werden der Ort etwas lebendiger und die Häuser heller. Der Krug am großen Feuerlöschteich ist zwar mittlerweile geschlossen, aber es gibt hier noch einen zweiten Krämer, der nun offensichtlich das Zentrum des Ortes markiert. Immerhin, solange es noch einen Kaufmannsladen gibt, gibt es auch noch Hoffnung. Übrigens gibt es auf Lyö Unmengen von Feuerlöschteichen. Entweder haben die Einwohner hier schlimme Erfahrungen mit Bränden gemacht, oder die Landschaft hat ihnen diese Teiche freiwillig präsentiert.

Als ich nach einem viel zu reichlichen Abendessen lange nicht einschlafen kann, frischt der Wind noch einmal richtig auf. Ich komme extra noch einmal aus meinem Zelt, um mir das Wasser aus der Nähe anzusehen, aber es ist bereits zu dunkel, um noch etwas deutlich erkennen zu können. Aber auch so weiß ich, dass wir morgen eher einen Hubschrauber benötigen würden, um von der Insel zu kommen, als dass wir es bei diesen Bedingungen auf eigenem Kiel riskieren würden.

Den ganzen Tag lang sieben Beaufort!


Freitag, 8. November 2013

Lyö im Winter - Überfahrt im Dunkeln (1/3)

Optimale Vorhersage! Nur ne kleine Störung am Samstag.
Trenk hat solange genervt, bis ich zugesagt hatte, mit ihm eine Nachttour im November über den Belt zu machen. Die ganze Woche über habe ich gebannt die Windvorhersage verfolgt. Am Sonntag voher sah es gar nicht gut aus - da war für den Freitag der Überfahrt konstant neun Meter pro Sekunde angesagt. An diesem Tag war ich mit Jörg bei genau der Windstärke auf der Förde unterwegs - im Hellen! Bei so etwas fahre ich nicht im Dunkeln über den Belt! Dann sah es wieder gut aus - mit moderaten Winden - und dann wieder ganz mies. Erst die letzte - und damit verlässlichste Wettervorhersage von Freitag um 12:00 Uhr brachte die Entscheidung: Wir gehen auf Fahrt!

Bei der Vorbereitung im Hafen von Fynshav wollen einige Passanten es nicht recht glauben, dass wir jetzt noch los wollen, denn es wird ja bereits dunkel. Aber wir können auf unsere gesammelten Beleuchtungsmittel verweisen und sie einigermaßen beruhigen. Es ist das erste Mal, dass ich mein Toplicht auf meinen Südwester montiere und eigentlich auch das erste Mal, dass ich eine echte Nachtfahrt so vollkommen ab vom Ufer mache. Ich bin wirklich gespannt und freue mich darauf. Mein GPS-Gerät habe ich griffbereit in der Schwimmweste, der Zielort ist einprogrammiert und auf der Nase habe ich meine Brille, damit ich überhaupt eine Chance habe, es während der Fahrt ablesen zu können. Der Übernachtungsplatz auf Lyö ist einprogrammiert, die Peilung vorher bestimmt, denn im Dunkeln sind die Navigationmöglichkeiten noch weiter eingeschränkt als bei einer Nebelfahrt. Eigentlich dürfte Nebel im Dunkeln überhaupt gar kein Problem sein, weil man ja eh schon wegen der Dunkelheit nichts sieht. Unsere Kompasse haben wir mit Knicklichtern beleuchtet. Meines fungiert gleichzeitig als Positionslicht für mein Boot, Trenk hat noch ein Extra-Licht montiert, weil er das über dem Kompass fast vollständig mit undurchsichtigem Klebeband umwickelt hat, damit es auch wirklich nur den Kompass beleuchtet.

Die Frage mit der Schleppleine ist diesmal einfach zu klären. Da eh nur maximal einer schleppen könnte, lasse ich meine im Auto und wir beschränken uns auf Trenks Schleppgeschirr.

Es herrscht Südwind - drei bis vier. Das ist lieblich, führt aber natürlich trotzdem zu etwas Abdrift. Also legen wir unseren zu steuernden Kurs auf "irgendwie mittig zwischen 60 und 90 Grad". Diese beiden Werte sind auf dem Kompass wenigstens einigermaßen gut zu erkennen. Ich kann zwar nicht sehen, welche der dickeren Markierungen die 60 und welche die 90 Grad-Marke ist, aber ich kann die 0 von der 60 unterscheiden und die 120 von der 90 - also kann eigentlich nichts schief gehen. Man sieht kaum Navigationslichter in dieser Gegend - bis auf den legendären Leuchtturm Skjoldnäs an der Nordspitze von Ärö. Außerdem ist da noch ein festes Licht irgendwo auf der Südspitze von Fünen. Es bildet mit dem Leuchtturm etwa einen Winkel von 120 Grad, so dass wir auch die Möglichkeit haben, uns etwa mittig in diesem Dreieck zu halten. Es ist einfach sehr viel leichter, sich Fixpunkte in weiter Ferne zu suchen und sich an denen zu orientieren, als fortwährend auf den Kompass blicken zu müssen, der eh nur mit Schwierigkeiten abzulesen ist. Die Wellen laufen ziemlich genau quer zu unserer Fahrtrichtung, sind aber eigentlich kein wirkliches Problem. Allerdings sollte man vegetativ schon einigermaßen gefestigt sein, denn man sieht sie nicht heranrollen und mit zunehmender Entfernung vom Land werden sie natürlich auch größer. Doch sie bleiben im Wesentlichen unter einem Meter Höhe und nur selten klatscht uns brechender Schaum vor die Brust.

Nach einiger Zeit bemerkt Trenk, dass das Wasser leuchtet, nachdem man es mit dem Paddel umgerührt hat. Später leuchtet auch die schäumende Gischt, die am Boot entsteht, wenn sein Bug die Wellen teilt. Es ist eine ganz zauberhafte Stimmung - dunkel aber lau, still aber rauschend, entrückt und doch wirklich. Hier ist niemand - nur wir und die Wellen. Vergessen, gemieden, ja gefürchtet. Alles gehört uns - die Zeit, der Raum, die Nacht und das Meer. Wir sind so weit fort - und doch direkt vor unserer Haustür!

Fast genau in unserer Vorausrichtung taucht ein fleißig blinkendes Licht auf. Das eignet sich prima zum Anvisieren. Noch besser ist aber der Fixstern, der nun genau darüber steht. Wir wählen ihn als bequemen Anhaltspunkt. Leider zeigt sich bald, dass das fleißig blinkende Lichtlein und der Fixstern auseinander driften. Wir lassen das fleißige Lichtlein Lichtlein sein und vertrauen der fixen Idee, dass Fixsterne fix stehen bleiben. Als unser Stern aber anfängt, Geräusche zu machen und außer seinem weißen nun auch noch ein rotes, blinkendes Licht zeigt, wenden wir uns doch reumütig wieder unserem fleißigen Lichtlein zu.

Alles, was auf Lyö Licht zeigen und uns den Weg weisen könnte, liegt hinter dem Hügel und ist aus unserer Position nicht sichtbar. Wir haben nicht wirklich Bedenken, dass wir unser Ziel verpassen könnten, denn es herrscht Halbmond und die Wolkendecke ist nicht komplett geschlossen. Zwar haben wir unsere GPS-Geräte eingeschaltet dabei, aber wir wollen sie für die Überfahrt nicht benutzen. Erst auf den letzten paar hundert Metern, wenn es darum geht, den genauen Platz zum Anlanden zu finden, werden wir sie zu Hilfe nehmen. Die Insel sehen wir erst, als wir nur noch gute anderthalb Kilometer von ihr entfernt sind. Wobei "sehen" die Sache nicht wirklich trifft, wir haben eher eine dunkle Ahnung, dass das tiefschwarze da Land sein muss. Wir haben reichlich vorgehalten und können nun einen kleinen Moment die Früchte genießen und etwas auf den wohlwollend schiebenden Wellen surfen.

Auf den letzten paar Metern stelle ich uns noch selber ein Bein. Ich betreibe mein GPS-Gerät immer so, dass der Vorauspfeil nicht auf das Ziel zeigt, sondern in die Richtung, in die ich fahren muss, um mein Ziel zu erreichen. Diese beiden Richtungen sind nur dann identisch, wenn es keine Winddrift und keinen Strom gibt. Ansonsten ist die Richtung, in die man fahren muss, eigentlich der interessantere Wert. Aber wenn man davon gut haben will, muss man Fahrt machen und am besten auch nennenswert weit vom Ziel entfernt sein. Wenn man in unmittelbarer Nähe zum Ziel willenlos auf dem Wasser umhertreibt, zeigt mein Pfeil schon mal in eine komplett widersinnige Richtung. Vollkommen logisch - wenn man drüber nachdenkt! Aber soweit lasse ich es nicht kommen, sondern locke Trenk 150 Meter vor dem Ziel um 150 Meter in die falsche Richtung. Erst als wir dort kurz an Land gehen und ich meine Käsestulle vertilge (ich hatte seit dem Mittag nichts mehr gegessen), kehren Verstand und Einsicht zurück. So haben wir uns immerhin nochmal 150 Meter Gelegenheit zum Surfen erarbeitet. Trotz Trenks beeindruckendem Scheinwerfer und meinem in alle Richtungen blendenden Topplicht können wir beim besten Willen den kleinen, aus grünen Plastikkisten handgemachten Hafen nicht entdecken. Trotzdem gehen wir punktgenau am geplanten Ort an Land.

Wir sind ganz beseelt von dem beeindruckenden Erlebnis und auch ein bisschen stolz, alles so selbstverständlich gemeistert zu haben. Beschwingt bereiten wir unsere Heimstatt, sowie das Abendmahl.  Trenk verteilt seines allerdings in einem breiten Streifen in meinem Zelteingang, weil ihm der volle Topf mit den Nudeln in einem unbedachten Moment aus der Hand springt. Irgendwo in den Tiefen meiner Essensvorräte klingelt mein Handy. Ja, wir sind gut angekommen, nein, es herrschte nicht viel Wind und morgen soll auch wenig Wind sein - bis auf eine kleine Störung am Nachmittag.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Südsee bei Gegenwind: Nachbetrachtungen (4/4)

Natürlich war es ein Wagnis, einen recht unerfahrenen Paddler auf eine absehbar anspruchsvolle Unternehmung mitzunehmen. Aber wie soll man Erfahrungen sammeln, wenn man keine macht? Unterm Strich gesehen war die Unternehmung für alle Beteiligten ein Erfolg: Sie hat Spaß gemacht und wir haben alle dazugelernt.

Es gibt einiges, was ich gelernt habe: In dem Moment, in dem ich im Hafen von Mommark meine Ausrüstung umgepackt habe, weil ich den Trim meines Bootes besser gestalten wollte, hätte ich Olav darauf aufmerksam machen müssen, dass ein schlechter Trim einem den letzten Nerv rauben kann, und dass ein schlechter Trim bei genau diesen Bedingungen gnadenlos enttarnt wird.

Meine Nachfrage bei Trenk, ob er seine Schleppleine am Mann trägt, war von vorn herein feige. Natürlich habe ich in dem Moment nicht im Traum daran gedacht, dass wir eine Leine benötigen würden. Aber meine Erfahrung besagt, dass Unvorhergesehenes generell unvorhergesehen passiert und daher habe ich mir eben mit der Frage ein Alibi besorgen wollen. Professionell ist das nicht. Das nächste Mal binde ich mir die Leine wieder gleich um.

Jemanden in solchen Bedingungen fast zweieinhalb Stunden lang zu schleppen, schaffen nicht viele Paddler. Trenk kann so etwas, aber es wäre klüger gewesen, wenn wir uns abgewechselt hätten. Zwar hat Trenk nicht im Mindesten geschwächelt oder auch nur eine Andeutung gemacht, dass er abgelöst werden möchte. Aber ich hätte eine Ablösung anbieten sollen, dann hätte ihm am Folgetag vielleicht das Handgelenk auch nicht geschmerzt.

Der Zeitpunkt für die Entscheidung war goldrichtig und die Entscheidung selbst auch. Bis zu dem Moment, in dem es Olav nachhaltig aus der Richtung geworfen und er so erkennbar Mühe hatte, sie wieder zu finden, lief alles vollkommen problemlos - bis auf die Kleinigkeit, dass wir nicht ganz den optimalen Kurs fuhren. Auch danach war Olav noch absolut Herr der Lage. Aber er musste sich sehr anstrengen, auf Kurs zu bleiben, und es wäre mit zunehmender Erschöpfung nicht besser geworden. Er hätte durchaus bis Ärö durchhalten können. Aber die Chancen waren unter fifty-fifty. Es hätte noch sehr lange gedauert, bis er nicht mehr gekonnt hätte und wir ihn hätten schleppen müssen. Aber jemanden zu schleppen, der nicht mehr kann, ist nicht klug, und wenn es dazu kommt, ist voher etwas schief gelaufen. Es war also genau der Zeitpunkt zu handeln. So konnte Olav den größten Teil des Vortriebes noch selbst leisten und Trenk musste nur seinem Bug die Richtung vorgeben. Wenn er nicht mehr gekonnt hätte, wäre er zwangsläufig irgendwann über Bord gegangen, hätte große Mühe gehabt, wieder einzusteigen, ich hätte ihn dann stützen und Trenk zwei Paddler gegen den starken Wind schleppen müssen. Das wäre vielleicht sogar für Trenk zu viel des Guten gewesen.

Auch wenn Olav im wesentlichen selbst gepaddelt ist, die Belastung, die eine fast die gesamte Zeit durchs Wasser gezogene Schleppleine zusammen mit den ruckartigen Straffungen auf den ziehenden Paddler ausübt, ist erheblich. Es ist eine gute Übung, so etwas einmal in anspruchsvollen Bedingungen über Zeitraum, der länger als fünf Minuten ist, zu praktizieren. Dass Trenk es fast zweieinhalb Stunden ohne Murren durchgehalten hat, hat meinen hohen Respekt.

Bis zur Entscheidung hatten wir etwa ein Drittel der Strecke geschafft. Es bestand auch die Option, statt weiter zu fahren, umzukehren. Abgesehen davon, dass wir nach Ärö wollten, wäre ein Umkehren weitaus riskanter gewesen. Zwei Meter hohen, brechenden Wellen ins Auge zu blicken und ihnen stand zu halten, ist eine Sache. Denselben Wellen den Rücken zu kehren, nicht zu wissen, wann sie angreifen und sich ihnen in dieser Weise auszuliefern, ist eine ganz andere Sache. Wenn man das eine sicher handhaben kann, heißt das noch lange nicht, dass man auch dem anderen gewachsen ist. Ich wäre mir nicht einmal für mich selbst sicher gewesen, ob es mich nicht irgendwann reingerissen hätte. Aber ich hätte mir zugetraut, wieder hoch zu rollen. Olavs Rolle ist noch nicht so gefestigt, dass man unter diesen Umständen auf sie wetten sollte. Und schleppen in Wind- und Wellenrichtung... das wäre eine noch interessantere Aufgabe, die man vielleicht besser in wärmerem Wasser üben sollte.

Als wir Olav auf Ärö zurückgelassen haben, stand nicht fest, wo wir uns wieder treffen würden. Bei ungünstigen Bedingungen wären wir wieder an den Ausgangspunkt zurückgekommen. Aber wir haben es bereits zum Zeitpunkt der Trennung zumindest in Erwägung gezogen, uns auf Lyö zu treffen. Trenk hatte sein Funkgerät dabei, ich hatte Nico-Signalgerät, drei Seenotraketen und eine Rauchkerze dabei. Olav hatte keine Hilfsmittel in dieser Richtung mit. Wir hätten ihm entweder das Nico-Gerät geben müssen oder besser noch die Signalraketen, denn er hatte eine Solo-Fahrt vor sich. Auch hier reicht es nicht, sich selbst sicher zu fühlen. Wenn ich es für mich für angebracht halte, Signalmittel mitzuführen, ist es natürlich auch für Olav angebracht. Wenn man sich dann entscheiden soll, wer die Signalmittel nimmt, dann werden sie ohne jeden Zweifel bei einer Alleinfahrt dringender benötigt, als wenn man mit einem Partner unterwegs ist. Wir müssen in ähnlich gelagerten Situationen in Zukunft länger darüber reden, was wir machen und wie wir eventuell vorhandene Ausrüstung aufteilen.