Sonntag, 2. Mai 2010

Anglesey Seakayak Symposium, Sonntag

In der Nacht ist Wind aufgekommen. Das ist insofern angenehm, als dass das Gras trocken ist und auch sonst kaum Feuchtigkeit in den Sachen steckt. Andererseits ist der Wind ziemlich frisch. Die Wettervorhersage für heute ist ziemlich unspektakulär: Wind 6 bis 7 aus Nordost. Das macht für einige Kurse ein bisschen Probleme, aber ich habe "Incident Management", gebucht, wofür der Wind keine nennenswerte Rolle spielt.

Rowland ist unser Coach. Bei seinen erläuternden Worten zu dem Kurst legt er Wert darauf klarzustellen, dass es sich um eine Lehrstunde handelt und nicht um ein Adrenalin förderndes Abenteuer. Wer so etwas sucht, solle sich einen anderen Kurs anschließen. Seine abweisenden Worte reichen aber nicht aus, den Kreis der Interessierten gering zu halten: Über dreißig Teilnehmer scharen sich um ihn! Diese Menge kann er unmöglich mit seinen zwei Assistenten bewältigen. Nach noch mehr nüchternen Worten, Bitten und gutem Zureden bleiben noch 19 nachhaltig Interessierte übrig.

Er beginnt die Vorstellungsrunde und führt sich mit den Worten ein: "Ich fahre seit 45 Jahren Kajak. Das bedeutet nichts anderes, als dass ich schon eine Menge Fehler gemacht habe." Es geht die Reihe rum und ich bin erstaunt, was für eine riesige Menge Erfahrung hier zusammensitzt. Es ist kaum jemand mit weniger als zehn Jahren Fahrenszeit dabei, etliche sind in ihrer Heimat als Instruktoren tätig, nur Jasper aus Dänemark fährt erst im zweiten Jahr Seekajak.

Rowland beginnt mit einer ausführlichen Theoriestunde und diese damit, dass Vorfälle besser bereits im Vorfeld vermieden werden, als sie im Nachhinein zu bewältigen. Er erklärt ausführlich jedes Detail seiner umfangreichen Ausrüstung. Man spürt bei jedem Gegenstand, bei jeder Anordnung, dass es durch langjährige Praxis unter extremen Bedingungen optimiert worden ist. Er erzählt immer wieder von Fehlern und den Fehlern anderer, aus denen er gelernt hat. Er geht mit jedem Detail gnadenlos ins Gericht, ist dabei aber nicht dogmatisch. Nichts ist in Stein gemeißelt: "Was für mich funktioniert, kann für dich falsch sein." Er will uns aufmerksam machen für Dinge, die wir überdenken sollten und für die wir eine für uns passende Lösung finden müssen. Eigentlich erzählt er uns keine spektakulären Neuigkeiten, aber er erzählt mit einer ungemeinen Wucht und die Sätze sind nicht in irgendwelcher Theorie oder theoretischer Gefahr gegründet, sondern in lebendiger Erfahrung und glaubhaften Schmerzen. Sie graben sich tief in meine Erinnerung ein.

(Foto: Merete Fischer)
Ab 12 Uhr wollen wir aufs Wasser. Er erklärt uns, dass wir in enge Spalten fahren und dort das Herausschleppen üben wollen. Ich weiß noch nicht recht, was ich davon halten soll, denn ich würde nie freiwillig in eine dieser engen Spalten fahren, in die die See schäumend hineinläuft, nur um am Ende hochzuspritzen und genauso schäumend wieder herauszulaufen. Aber wie so oft: wenn man es denn tut, ist es gar nicht so schlimm, wie man es sich vorgestellt hat. Und ich entwickle sogar ein Gefühl für das Schwappen der See in diesen Spalten und wie sich das Boot dabei verhält. Johann, ein schwedischer Assistent demonstriert "Rocklanding", bei dem man vor dem Felsen aussteigt, das Boot an der Schleppleine von sich stößt und dann versucht, schwimmend den Felsen zu erreichen und zu erklimmen.

In der Mittagspause folgt eine wortreiche Belehrung zum Thema Schleppen, Schleppleine und Karabiner. Ich habe kaum Probleme Rowlands Englisch zu verstehen, obwohl er recht schnell spricht und etwas nuschelt. Er hat eine wunderbare britische Art und den entsprechenden schwarzen Humor. Er macht nie andere lächerlich, sondern nur sich selber - aber jeder spürt eindringlich, dass er alles andere als eine lächerliche Figur darstellt. Es macht großen Spaß, ihm zuzuhören.

In der Untergruppe, in der ich übe, sind sieben Paddler, drei Männer und vier Frauen. Ian und Helen, die verheiratet sind, sind die einzigen Briten in unserer Gruppe. Ian ist eindeutig der unerfahrenste und agiert deutlich verhalten. Das mag auch an Helen liegen, die eindeutig dominant ist und schon recht lange paddelt. Aber sie wirkt etwas umständlich auf mich und langsam. In allen Situationen, die wir durchgehen, ist schnelles Handeln das oberste Gebot, aber Helen tüdelt lange mit der Schleppleine oder manövriert ihr Boot erst in die optimale Position.

Mette und Merete sind Däninnen und sehr beflissen mit guter Bootsbeherrschung. Ich habe mit Mette zusammen die Paarübungen gemacht und war baff, wie resolut sie in der Rolle des Retters agierte und Kommandos gab. Karen aus Schweden hat eine perfekte Bootsbeherrschung und ihre Fragen zeigen, dass sie viel Erfahrung im Führen von Gruppen hat. Es ist absolut faszinierend, wieviele hochgradig kompetente Frauen hier teilnehmen, die auch haarige Situationen nicht mit spitzen Fingern angehen: außer Ian und mir üben alle das Rocklanding - zu deutsch: nur ein Mann, aber alle Frauen! Als Merete schon im Wasser schwimmt, krault sie noch einmal zu mir heran. Sie hat ihre Kamera zwischen den Zähnen und bittet micht, einige Fotos von ihr damit zu machen.

Die nächste Übung besteht darin, dass jemand in eine enge Spalte fährt und dort aus dem Boot fällt. Ein anderer soll dann zum Opfer reinfahren, dessen Boot greifen und von einem dritten am Heck herausgezogen werden. Ein interessanter Gedanke, im auf- und abschwellenden Wasser zwischen den Felsen zu schwimmen! Beim Üben des "Reinlöffelns" eines Verunglückten mit ausgekugelter Schulter, beim Bergen eines Bewusstlosen oder beim Einsatz des Steigbügels gibt es viel zu lachen - und trotzdem lernen wir etwas. Als ich nach einem Unterwassereinstieg meine Schenkelpumpe einsetze, stößt sie auf allgemeines Interesse. Derartige Pumpen sind hier eher selten zu finden. Als Rowland uns am Ende des Tages ein paar abschließende Worte mit auf den Weg gibt, erntet er stehenden Applaus für seine Arbeit. Dieser Mann repräsentiert eine Dimension des Kajakfahrens, die mir bisher noch nicht begegnet ist. Ich bin voller Dank dafür, dass ich das gefunden habe!

Samstag, 1. Mai 2010

Anglesey Seakayak Symposium, Samstag

Ich stehe jurz vor sieben auf. Treffen ist zwar erst um 9:00 Uhr, ich möchte aber meine sanitären Angelegenheiten geregelt haben, bevor der große Run auf die zwei armseligen Toiletten einsetzt. Um 9:00 Uhr versammelt sich die gesamte Gemeinde im großen Zelt und Nigel Denis heißt uns willkommen. Er ist eine ausgesprochen angenehme Erscheinung: freundlich, klar, dezent und bescheiden. Er verliest kurz die Wettervorhersage und spricht einige Worte zum Ablauf der Kurse. Ich habe mich für "Tidal Races and Overfalls" eingetragen. Ich bin etwas unentschieden, ob ich mich bei den Anfängern oder bei den Fortgeschrittenen einordnen soll. Eine kurze Beratung mit Peter ergibt die Fortgeschrittenengruppe als passende Klassifizierung.

Aled ist unser Fähnleinführer. Ich kenne sein Gesicht aus "This is the Sea" Folge 3 oder 4, wo er sich mehrfach mit einem über fünf Meter langen Kajak der Länge nach überschlägt. Ein Lehrer, der zumindest Technik und Praxis des Seekajakfahrens kompetent beherrscht. Auch er gibt uns eine kleine Einleitung und mir gefällt die klare und präzise Wortwahl.. Um halb elf wollen wir uns am Strand treffen, das ist reichlich Zeit, meines Erachtens sogar etwas arg viel Zeit. Peter, Trenk und ich rollern unsere Boote zum Strand und müssen ziemlich warten, bis alle soweit sind, dass es losgehen kann.

Aled erklärt uns kurz die Arithmetik der Tidal Races: Ein Paddler, der gute fünf Minuten im Wasser treibt, ist etwa einen Kilometer von der Stelle entfernt, an der er gekentert ist. Das ist bei den gegebenen Bedingungen hinter dem Horizont. Wenn man den dann retten will und nur zwei Minuten für den Hinweg braucht, man ihn sofort findet und fünf Minuten für den Rückweg benötigt, ist man sieben Minuten vom nächsten Gekenterten entfernt. Das bedeutet für den dann: Good bye!

Entsprechend eingenordet gleiten wir ins Wasser unserem Ziel entgegen: Penryhn Mawr! Dieses Tidal Race funktioniert nur bei Flut, bei der das Wasser an den Klippen der Bucht entlang nach Norden läuft und an ihrem Ende zwischen einigen Schären derart verengt wird, dass sich wüste stehende Wellen bilden. Als wir um die erste Ecke biegen, sehen wir schon die "line of white". Aled ist etwas überrascht, dass dort heute eine derartige Welle steht. Zwar haben wir Springtide, aber es herrscht fast Windstille.Der Grund liegt in einer sanften Dünung, die aber immerhin ca. einen bis anderthalb Meter beträgt.

Es gibt drei Gatten zwischen den Schären, die sich in die Kategorien einteilen lassen: "Versuch's gar nicht erst!", "Mit Glück zu überleben" und "Nicht jeder kommt durch". Aled sagt, dass wir auf dieser Seite der Schnellen bleiben wollen. Aber mir ist nicht klar, wie ich als Fluse vor einem Staubsaugerrohr herumschwänzeln soll, ohne mit einem emotionslosen "Flupp!" weggesaugt zu werden! Ich klemme mich direkt hinter Aled und beobachte genau, wie er fährt und wohin. Und siehe da: mitten in diesem tosenden Chaos bietet uns ein Kehrwasser entspannte Ruhe, so dass wir uns die Sache erst einmal aus der Nähe ansehen und noch ein paar ermunternde Worte hören können. Wobei "hören" sich etwas schwierig gestaltet, weil ich  mittlerweile meine Neoprenhaube aufgesetzt habe und darüber den Helm. Außerdem tost natürlich das Wasser mit ziemlichen Lärm.

Trenk ist in der Gruppe der fortgeschrittenen Fortgeschrittenen, während ich mich bei den fortgeschrittenen Anfängern einsortiert habe. Während Trenk sich also am mittleren Gatt die Zähne ausbeißt, erkunden wir das "simple bit"! Das ist schon heftig genug für jemanden, der so etwas noch nie gesehen hat. Alle paar Meter reißt es einen  jäh herum und überall lauern Felsen über und unter dem Wasser. Mein Herz wummert wie bekloppt und ich brauche eine Weile, Kontrolle über mein Boot zu gewinnen. Aber ich bin wild entschlossen und es klappt ganz gut, so dass ich ich irgendwann von Aled löse und lieber Lauren anschließe, die einfach kleine Aufgabe stellt, voraus paddelt und ich hinterher.

Hätte ich mir diese Schnellen mit den Felsen darin alleine vom Ufer aus angesehen, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich mit einem Boot da hinein zu wagen. Ich wäre von mir aus nie auf die Idee gekommen, dermaßen dicht an ein felsiges Ufer zu fahren, wenn da ein meterhoher Schwell draufsteht. Aber mit der entsprechenden Sachkenntnis und Aufmerksamkeit geht das. Es hat aber auch seinen Preis: es ist ungemein anstrengend! Ich schätze aber, dass etwa die Hälfte meiner Anstrengung in die Aufgeregtheit geht. Nicht die Muskeln leisten hier die meiste Arbeit, sondern das Herz und die Nerven.

Nach einer kurzen Pause in einer geschützten Spalte paddeln wir noch einmal gegen den Strom etwas von den Schnellen weg. Wohlgemerkt: wir paddeln gegen einen mit mehr als fünf Knoten laufenden Strom! Was unter normalen Umständen vollkommen unmöglich ist, gelingt hier fast ohne Mühe durch die überfallenden und damit rücklaufenden Wellen. Eine faszinierende Erfahrung!

Aled mustert die Gatten noch einmal und beschließt, das wir die alleräußerste angehen wollen - die tödliche! Es ist fast Hochwasser und die Tödlichkeit hat schwer nachgelassen - es schäumt kaum mehr sondern strömt nur noch. Hier gelingt bereits der eine oder andere stehende Surf, aber die Gewaltigkeit ist futsch. Der weitere Plan ist, dass wir um den South Stack herum fahren, um nördlich davon unsere Mittagspause zu verbringen. Wir müssen eine große Bucht queren und da ich die ganze Zeit neben Aled fahre, erklärt er mir ab und an die Besonderheiten der Strömungsverhältnisse. Direkt vor dem South Stack schlängeln wir uns wieder derart eng durch die Felsen, wie ich es alleine nie getan hätte.

An der äußersten Spitze des South Stack ist Schluss mit Lustig: der Tidenstrom hat längst gedreht und das Kehrwasser der Bucht ist hier zu Ende. Direkt hinter der Ecke strömt es uns heftig entgegen und wir müssen beherzt das Paddel einsetzen, um voran zu kommen. Doch bald bietet eine kleine Bucht wieder ein Kehrwasser, das Ruhe und Entspannung bringt. Wir fahren weiter Richtung Norden, zehn Meter neben uns strömt es mit fünf Knoten in die entgegen gesetzte Richtung. An einer geeigneten Stelle fährt Aled vor im spitzen Winkel in diesen Strom, paddelt etwas auf der Stelle, gleitet ein paarmal nach links , nach rechts und dann wieder ins ruhige Wasser. Ich will es ihm gleichtun, werde aber sofort herum gerissen, wende und versuche, gegen den Strom anzupaddeln. Ich paddle ziemlich heftig, und solange ich auf das Wasser um mich herum blicke, habe ich auch das Gefühl, dass ich vorankomme. Als ich aber auf die Klippen am Ufer blicke, werde ich blass: trotz meines heftigen Bemühens werde ich mit rasanter Geschwindigkeit von der Gruppe weg versetzt! "Ran an die Felswand!", ist mein einziger Gedanke und mit viel Anstrengung und Willen schaffe ich es und arbeite mich wieder an die Gruppe heran. Das  hat mir wirklich zu denken gegeben!

Die Pause wollen wir in einer riesigen Felshöhle verbringen. Sie hat nur den kleinen Nachteil, dass dort kein weicher Sandstrand zum Anlanden zur Verfügung steht, sondern nur faust- bis kopfgroße, wunderschön gemaserte Steine - und die Dünung hier immer noch zwischen 30 bis 50 Zentimeter ein- und ausatmet. Lauren geht als erste direkt vor mir an Land - mit einem furchtbaren Geräusch! Ich folge ihr nicht weniger lautstark, werde aber wieder zurück gesogen, weil ich nicht schnell genug aus meinem Cockpit komme. Die Folgenden werden von den schon Angelandeten etwas Gelcoat-schonender in Empfang genommen. Während der gesamten Pause schwimmt eine Kegelrobbe dreißig Meter vor der Wasserkante Patrouille am Eingang zur Höhle.

In einiger Entfernung draußen befindet sich ein unter Wasser liegendes Riff, das zusammen mit dem Tidenstrom eine Serie von fünf bis sechs brechenden Wellen erzeugt, denen wir einen Besuch abstatten wollen. Als wir uns nähern, türmen sie sich gewaltig, aber ich finde sie trotzdem vergleichsweise harmlos. Ich vermute, dass liegt einfach daran, das ich Wellen dieser Art schon von der Nordsee her kenne. Direkt hinter dem Wellenriegel wenden wir, um uns von hinten auf die Kämme zu setzen und etwas zu surfen. Wegen des starken Tidenstromes muss man sich aber doch ziemlich anstrengen, um so einen Kamm zu erreichen, der eigentlich direkt vor einem liegt. Hier spüre ich, dass die ständige Anspannung doch ihren Tribut gefordert hat und gebe bald auf. Wir fahren noch mit dem Tidenstrom, bis wir South Stack passiert haben und beratschlagen, wie es weitergeht. Aled schlägt vor, ein zweites Mal durch die Brecherreihe zu gehen. Acht sind mit von der Partie, die anderen treten geführt von Lauren den Heimweg an.

Wir arbeiten uns wieder an die Stelle heran, an der wir vorhin so angestrengt paddeln mussten. Als wir ihr uns nähern, erkenne ich, dass es diesmal mehr als anstrengend werden wird. Ich paddle wie wild, aber wenn ich auf die Felsen nebenan blicke, ist kaum ein Vorankommen zu erkennen. Aled fährt scheinbar mühelos vorneweg, einzig eine junge Engländerin, die knapp vor mir fährt, macht mir Mut: solange sie nicht zurückfällt, gebe ich nicht auf! Ich fange auch langsam an, nicht mehr blindlings zu paddeln, sondern den Schwell besser zu nutzen, der immer wieder von der Felswand zurückläuft und einem Schwung geben kann. Als wir drei in ein ruhiges Kehrwasser einlaufen, ist vom Rest der Gruppe nichts zu sehen. Erst nach einiger Zeit kommen sie um die Ecke zentimetert, allesamt sichtlich beeindruckt von der Mühe, die sie diese nicht einmal hundert Meter gekostet haben.

Wir müssen noch einen langen Schlag gegen den Strom machen, bevor wir wieder auf die Brecherreihe zuhalten können. Sie türmen sich mittlerweile noch höher und erreichen nun locker drei Meter Höhe. Eine muss sich unbedingt direkt vor mir erbrechen, und ihr gesamter Schaum schlägt mir mit voller Wucht gegen die Brust. Ich habe mein Paddel zur Sicherheit parallel zum Boot gelegt, damit es mir nicht um den Bauch gewickelt wird.

Samstag, 10. April 2010

Erste Leuchtturmfahrt 2010

Anfang der Woche hatte ich einen Blick auf die Wind- und Wettervohersage geworfen und erkannt, dass sich der Sonnabend ideal für eine Leuchtturmtour eignen würde. Die Wetterlage würde sich genau an diesem Tage ändern, so dass nach anfänglichen westlichen Winden später nördliche einsetzen würden. Genau richtig, um die ca. 45 Kilometer lange Strecke zum Leuchtturm Kiel und zurück ohne allzu große Anstregungen bewältigen zu können. Außerdem wäre das eine gute Gelegenheit, den Stand meiner Kondition zu testen und zu festigen, bevor ich Ende des Monats nach England fahre.

Eine kurze Mail an Thomas und Arne, ob sie mich begleiten möchten, ergab verhaltene Begeisterung. Thomas wollte noch abwarten, bis man die Wetterbedingungen besser und sicherer beurteilen könnte, Arne war etwas zögerlich, ob er es wagen sollte, sich als relativer Anfänger mit zwei solch alten Hasen auf eine so lange Tour zu begeben.


Pünktlich um 9:30 legen wir vom Steg ab. Thomas war etwas früher auf  dem Wasser und kommt uns schon entgegen. Der Wind ist wie erwartet schwach und weht, wenn man das so nennen mag, noch etwas westlich. Wir fahren zügig gen Norden, so zügig, dass Arne vor dem Queren des Fahrwassers bei Möltenort erst noch eine Rolle machen muss, um sich abzukühlen.

Kurz nach elf Uhr setzt der erwartete Wind ein: etwa 3 Beaufort genau aus Norden. Arne gibt zu bedenken, dass das Tempo ziemlich hoch ist und wir ja schließlich erst ein Viertel der Gesamtstrecke geschafft haben. Ich muss ihn korrigieren, dass wir bereits gut die Häfte der Hinfahrt hinter uns haben. Ohne die Berücksichtigung solch elementarer Grundzüge der Langstreckenalgebra würde ich keine längere Tour überleben.



Der Wind meint es gnädig mit uns und hat sich seit seinem abrupten Einsetzen nicht weiter gesteigert, sondern ist eher wieder abgeflaut. So versichern wir uns querab Bülk gegenseitig noch einmal unsere Entschlossenheit, es wirklich bis zum roten Leuchtturm zu machen. Wie als wollte der Wind uns eins auswischen, frischt er direkt nach dieser Entscheidung deutlich auf - aber zum Glück ist auch dieses Anschwellen nicht von langer Dauer.



Genau um 13 Uhr ereichen wir den Leuchtturm und stärken uns ausgiebig. Da ausgesprochen gutes Wetter herrscht, kommt die Besatzung auch mal aus ihrem Gehäuse und scherzt mit uns, ob wir uns verfahren hätten oder ob wir einen Lotsen für die Rückfahrt beantragen wollten. Arne experimentiert etwas mit einem Paddelfloat herum. Er sucht eine Möglichkeit, sich leidlich ausgestreckt auf dem Kajak liegend ausruhen zu können. Ich sehe ihn schon koppeister gehen, sage mir aber, dass er ja rollen kann und lasse ihn gewähren. Trotz meiner Bedenken fällt er nicht ins Wasser, ist aber etwas enttäuscht, als wir schon nach 15 Minuten zur Rückfahrt blasen.

Wir wollen den Leuchtturm Bülk anlaufen und dort eine ausgiebige Pause an Land machen. Das phantastische am Leuchtturm Bülk ist - dass man ihn nicht sieht! Er liegt in einer Baumgruppe, die ihn mittlerweile an Höhe überragt. Etwas ungünstig für ein Seezeichen, an dem man sich orientieren soll. Ich hoffe, dass man ihn nachts besser sieht.


Im "Schatten" des Leuchtturmes genießen wir über eine Stunde lang die pralle Sonne. Es ist etwas ein Problem, dass sie so ungehemmt scheint. Denn ich habe vor ein paar Tagen zwar neue Sonnencreme gekauft, aber die liegt immer noch gut und trocken zu Hause rum. Auch meine Schirmmütze habe ich nicht dabei, die meine Augen etwas entlasten könnte. So bleibt mir nichts anderes, als mir meine Fleecemütze so tief über die Augen zu ziehen, dass ich gerade noch etwas sehen kann. Das mag etwas behämmert aussehen, ist aber nötig, wenn ich nicht komplett verbrennen will.

Der Rückweg geht sehr rasch voran, denn nun unterstützt uns der leichte Nordwind. Von Bülk bis zum Leuchtturm Friedrichsort benötigen wir nicht einmal eine Stunde. Allerdings ist Arne es nun leid, immer hinter uns her zu hecheln. Auch mir tut es leid, dass wir ihn so schinden, aber ich falle immer wieder in den Trott, mein eigenes Tempo zu fahren - und da Thomas immer neben mir ist, drehe ich mich auch viel zu selten um. Aber unzweifelhaft vollbringt Arne eine grandiose Leistung, denn obwohl er es nicht gewohnt ist, so lange ohne Unterbrechung zu paddeln, hält er unser zügiges Tempo mit. Es ist schließlich erst seine erste Saison und ich bin mir sicher, dass ich es bin, der nächstes Jahr nicht mehr mit ihm mitkommt.

Kurz vor der Fahrwassertonne 4 trennen sich Thomas' und unsere Wege. Während er zurück in die Schwentine fährt, rutschen wir noch das letzte Stück bis zu unserem Steg zurück und freuen uns auf die warme Dusche im Klub. Leider haben wir beide unsere Handtücher vergessen. Anfänger!

Alle Bilder hier.

Dienstag, 30. März 2010

Die Trave zur Münde

Klaus-Peter, der Gewissenhafte, fährt die Touren, die er anbietet, immer im Vorhinein ab. Diesmal soll der letzte, noch fehlende Teil der Trave bezwungen werden. Richard und ich haben das Angebot zur Mitfahrt dankend angenommen.

Allerdings ist dieses Angebot mit der unangenehmen Tatsache verbunden, dass wir um 6:00 Uhr aufstehen müssen, denn Lübeck ist weit und verkehrstechnisch schlecht zu erreichen. Zum Teil geht der frühe Start aber auch auf meinen Wunsch zurück, dass ich abends gerne noch an meinem Schwedisch-Kurs teilnehmen möchte, wenn irgend möglich. Aber für eine schöne Fahrt nehmen wir manches Manko in Kauf.

Wir starten beim Lübecker Ruderklub, wo unsere letzte Tour ihren Abschluss gefunden hatte, und umrunden eben noch die gesamte Altstadt, denn das kostet nichts extra. Vorbei am Holstentour kommen wir wieder zu der Stelle, wo tatsächlich noch Wäsche auf Leinen im Freien getrocknet wird. Ein seltener Ablick heutzutage. Richards Erinnerungen an diese Stelle sind allerdings geringfügig andere: "Hier lag doch damals die Frau im Bikini in der Sonne!".

Aus der Altstadt heraus tauchen wir in ein länger ausgedehntes Industriegebiet, in dem es nach den unterschiedlichsten Dingen riecht: Als erstes nach den Cornflakes der Firma Brüggen, dann nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln unbekannten Ursprungs. Etwas weiter riecht es nach Melasse, was wohl von der Marmeladenfabrik "Schwartau" herrührt. Die Fabrikanlagen an den Ufern machen einen eher verschlafenen Eindruck an diesem Dienstag Vormittag, einzig bei den Speditionen herrscht etwas Leben.

Es wechselt vom Winter noch nicht erwachte Natur mit vom Menschen nach ökonomischen Kriterien optimierten Flächen. Am südlichen Ufer liegt verschlafen das Fischerdorf Gothmund, das aus lauter reetgedeckten Häusern besteht.
 


Auf der anderen Seite beherrschen große Sandhaufen die Szene. Hier stand bis vor kurzem noch die Herrenbrücke, die nun unter Tage verläuft und seitdem Herrentunnel heißt.


Der Wind bläst uns nun ziemlich grimmig ins Gesicht, aber die Landschaft lädt hier auch nicht unbedingt zum Verweilen ein und so kämpfen wir uns wacker an aller Zivilisation vorbei bis zu einem kleinen Sandstrand, an dem wir unsere verdiente Pause machen.
Die Trave wird hier sehr breit, aber die Ufer sind schön hügelig und bewaldet. Am südlichen Ufer gibt es allenthalben schöne Sandstrände, wo man fast überall problemlos Pause machen könnte.

Kurz vor Travemünde macht unser Fluss eine Biegung nach Norden und wir kommen damit endlich in den Genuss eines guten Rückenwindes. Damit sind wir deutlich schneller als bislang. Kurz vor dem Übergang in die offene Ostsee liegt die Viermastbark Passat, die wir uns aus der Nähe ansehen.


Wir verlassen kurz die Trave Richtung Ostsee und legen am frisch geharkten Strand von Travemünde im Schatten des kollossalen Maritim-Hotels an. Klaus-Peter macht sich auf die Socken, mit dem Bus nach Lübeck zurückzufahren und unser Auto zurückzuholen. Währenddessen schleppen Richard und ich unsere Boote in den Kurpark - der bei weitem anstrengendste Teil der Tour! Während wir auf die Rückkehr von Klaus-Peter warten, haben wir Gelegenheit, uns das verhaltene Treiben zwischen Kasino und Kurhaus anzusehen. Im Sommer ist es hier vermutlich nicht halb so beschaulich.

Ich bin Klaus-Peter ehrlich dankbar, dass er immer so schöne Flusstouren anbietet. Ohne ihn wäre ich um etliche Erfahrungen ärmer!



Alle Fotos hier.

Sonntag, 7. März 2010

Eisfahrt

In letzter Zeit war es schwierig, aufs Wasser zu kommen. Das ist ganz wörtlich gemeint, denn das Wasser war nur noch teilweise flüssig. Jörg meinte, dass heute ein wunderbarer Tag wäre, mit Sonnenschein und ohne Wind. Diesmal war er es aber, der sich mit der Vorhersage etwas vertun sollte: Kein Wind kam noch hin, wenn man drei Beaufort als kein Wind bezeichnen will, aber Sonnenschein war eher gestern.

Das größere Problem, womit ich auch überhaupt nicht gerechnet hätte, war aber die Tatsache, dass das Wasser von unserem Steg aus über mehr als 100 Meter hin gefroren war. Eigentlich hatte ich innerlich schon mit dem Winter abgeschlossen und in den letzten Wochen war es zumindest tagsüber durchgängig über Null Grad gewesen. Aber an diesem Wochenende hatte der Winter noch einmal einen Rückfall, heute Nacht war es minus 10 Grad und noch beim Frühstück um zehn war es sechs Grad unter null. Ich war etwas irritiert, aber Jörg meinte, das wird schon gehen und außerdem hatten wir uns schon komplett umgezogen und aufgerödelt.

So richtig freiwillig sanken die Boote nicht ein, als wir sie ins "Wasser" ließen. Und Jörg, der zwar hinter mir am Steg eingesetzt hatte, aber früher fertig war, kam nicht recht an mir vorbei. Er konnte zwar dem Bug folgend das Eis nach vorne durchbrechen, aber sein Kajak keinen Zentimeter gegen die Eisschicht zur Seite bewegen. Zum Glück war das Eis noch dünn genug, dass man es mit dem Paddel durchstechen konnte. Man musste nur beherzt zustechen, denn sonst ist man abgerutscht, und das war der Gleichgewichtslage abträglich.

Zuerst bin ich in der von Jörg gebrochenen Rinne hinter ihm her gefahren. Aber das war einfach und langweilig, so dass ich mir irgendwann meine eigene Rinne neben ihm gebrochen habe. Dabei habe ich so darüber nachgedacht, was wir wohl machen würden, wenn einer von uns umkippen würde. Rollen ist eher keine Option, denn mit dem Paddel das Eis von unten zu durchstoßen, verlangt ein gerüttelt Maß an Kaltblütigkeit und wird eher nicht gelingen. Dem Partner zu Hilfe zu eilen, wird ziemlich dauern, da ja seitliches Versetzen, so schön ich das bei flüssigem Wasser kann, bei Eis schlicht unmöglich ist, und man mühselig und umständlich vor und zurück manörieren müsste. Bis ich meine Gedanken abgeschlossen habe und zu der Überzeugung gekommen bin, dass es auf jeden Fall angezeigt wäre, in ein und derselben Furche hintereinander zu fahren, sind wir auch schon aus dem Bereich des problematischen Aggregatzustandes heraus und Boot und Paddel verhalten sich wieder wie gewohnt - was sich anfangs aber ziemlich ungewohnt anfühlt!

Wir queren das Fahrwasser brav, wie ich das in meinem Kurs für den Sportbootführerschein gelernt habe, und sind bald östlich davon. Die Bucht vor dem Kraftwerk ist komplett flüssig - auch ohne, dass wir uns vorher Gedanken darüber gemacht oder es gar angezweifelt hätten. Aber wir haben uns auch über die Wasserfläche weiter nördlich keine Gedanken gemacht - und trotzdem ist sie zugefroren. Anfangs will ich es noch gar nicht wahrhaben und glaube, dass es sich nur um einen schmalen Streifen handelt, hinter dem wieder freies Wasser ist. Aber nix da: komplett gefroren! Wir müssen nach Westen abdrehen und bis ins Fahrwasser zurück. Übrigens macht es einen höllenmäßigen Lärm, wenn man mit einem Kajak durch Eis fährt. An Unterhaltung oder auch nur Kommunikation ist da nicht zu denken!

Das Eis zieht sich bis zum Vorsprung bei Kitzeberg, die Heikendorfer Bucht scheint frei zu sein. Von Jörgs versprochenem Sonnenschein ist nichts zu sehen, dafür setzt Schneefall ein. Allerdings ist der Horizont nicht so bedrohlich, dass mit einer völligen Eintrübung zu rechnen wäre. Wir fahren bis zur Versorgungsbrücke, bestätigen uns gegenseitig, das wir auf der Höhe unserer Winterschlappheit sind und drehen um. Vor dem Kurstrand von Möltenort setzen wir unsere Buge auf den Sand, um uns einen warmen Tee und eine Stulle reinzuschrauben. Drei kleine Kinder, denen sichtlich kalt ist, sind etwas ungläubig, wie man auf die Idee kommen kann, bei so einem Wetter zu paddeln.

Um gleich gar nicht mit der ColorLine-Fähre in Konflikt zu geraten, gehen wir direkt hinter Tonne 16 aufs Westufer. Allerdings scheint sich so ein Fahrwasser bei Kälte in der Breite auszudehnen: früher ging das schneller, es zu queren! Hin und wieder kreuzt eine Eisscholle unseren Weg, aber wir hätten hier in Lee mit mehr Eis gerechnet nach unseren Beobachtungen auf der Hintour am anderen Ufer. Inzwischen hat ergiebiger Schneefall eingesetzt.

In der Nähe unseres Steges ist das Wasser natürlich immer noch fest und wir suchen unsere alte Rinne. Die ist bald gefunden und durch den Wind noch breiter aufgeweitet worden, so dass es kein Problem ist, durch sie zum Steg zurück zu gelangen. Leider habe ich versäumt auszuprobieren, nach wie vielen Sekunden der heftige Schmerz einsetzt, wenn man seine Hände ins Wasser hält. Jörg, der mal kurz ins Wasser gefasst hatte, hat mir aber versichert: "Ist frisch!".

Samstag, 9. Januar 2010

Totensamstag

Heute ist der Tag, an dem die Republik zeigen muss, ob sie genug Streusalz gebunkert hat! Es ist für das ganze Land heftiger und ergiebiger Schneefall angesagt. Für das ganze Land? Nein, ganz im Norden ragt ein  Zipfelchen aus der Republik, das vom Schneefall verschont bleibt. Hier wird nur der reichlich vorhandene Schnee neu umverteilt: Es herrscht Windstärke sieben, am Leuchtturm acht!



Jörg und ich haben etwas gezuckt bei Betrachtung der Vorhersage, aber wir wollten gerne aufs Wasser und es würde schon etwas gehen, da waren wir uns sicher. Als ich am Hindenburgufer entlang fuhr, war ich mir nicht mehr so sicher, denn hier tobte ein Chaos wild clapotierender Wellen, die nach Belieben über die Kaimauer schwappten. Auch die vorsorgliche Begutachtung unseres Steges war nicht gerade vielversprechend: Neben der Tatsache, dass der feste Mittelteil mal wieder vollkommen unter Wasser lag, bereitete uns die etwa fünf Zentimeter dicke Eisschicht am Rand etwas Kopfzerbrechen. Aber wir lassen und nicht so leicht entmutigen und so kam es, dass wir erst mal mit zwei soliden Spaten bewaffnet zum Steg schritten, um ihn gängig zu machen..



Der Weg zum Steg war etwa knietief mit Schnee verweht. Das erwies sich als ungemein praktisch, denn so braucht man sein Boot nicht zu tragen sondern kann es vollkommen problemlos hinter sich her ziehen - oder vor sich her schieben, wie Jörg es bevorzugt!

 

Auf der Förde herrschte wie erwartet ziemlicher Wind. Die Wellen hielten sich in recht erträglichen Grenzen, die Richtung war halt mit Nordost dafür nicht optimal. Trotzdem empfand ich es unangenehm anstrengend, denn meine Muskulatur war natürlich ziemlich kalt und entsprechend widerwillig. Erst am Eingang der Schwentinemündung war ich einigermaßen eingepaddelt.

Das Umsetzen in Neumühlen ging recht problemlos. Zwar stand der untere Teil des Steges komplett unter Wasser, aber wir sind einfach drüber gepaddelt und haben die Boote nicht durch den Schwall nach oben gezogen, sondern direkt auf dem dick mit Schnee bedecktem Steg.



Unsere Befürchtungen, dass wir vielleicht wegen Eisganges gar nicht in die Schwentine einsetzen können würden, erwiesen sich als knapp unbegründet. Das Eis war dünn genug, dass wir es noch problemlos brechen konnten.

Bald danach trafen wir auf Olaf und Andrea vom TSV Klausdorf und begrüßten sie frohgemut. Es war gleich zu sehen, dass sie nicht in der Stimmung waren, diese freundliche Kontaktaufnahme zu erwidern. Der Gesichtsausdruck der beiden ließ auf ein unangenehmes Erlebnis schließen.



Und so war es dann auch. Noch sichtlich bewegt erzählten sie uns, dass sie vor ein paar Minuten einen toten Menschen im Wasser entdeckt haben. Das möchte ich lieber nicht erleben und fast bin ich dankbar, dass die beiden vor uns dort vorbeigekommen sind. Als wir die Stelle passieren, liegt die Leiche noch auf dem kleinen Holzsteg und mehrere Polizisten halten Wache.



Die Landschaft ist wunderbar verschneit, aber an einigen Stellen pfeift der Wind stramm durchs schüttere Gehölz und erzeugt eine unwirkliche Stimmung (die sich leider nicht fotografieren ließ :-( ). Auf dem oberen Teil der Schwentine herrscht ein erheblicher Wasserdruck und wir müssen uns schon durch die Kehrwasser entlanghangeln, um nicht allzu sehr in Schweiß zu kommen. Es wimmelt hier von Vögeln. Fischreiher, Blesshühner, Gänsesäger, Reiher- und Tafelenten, aber auch jede Menge Greifvögel, wie Bussarde und mindestens ein Habicht.

Im Schutz eines toten Seitenarmes, der zum größten Teil zugefroren ist und auf dem eine Unzahl alter Brötchen und eine eingeschneite Entenattrappe liegen, machen wir unsere Pause, in der wir unsere Stullen und heißen Tee genießen. Einige dick eingepummelte Spaziergänger, die die nahe Brücke passieren, sehen teils mitleidig, teils respektvoll zu uns herunter.




Die Schwentine bergab geht erheblich schneller, die Leiche ist immer noch nicht abtransportiert und bevor wir auf die Förde hinausfahren, verfeinern wir nochmals unsere Kopfbedeckung. Windstärke, Wellen und Wasserstand sind gestiegen und machen die Rückfahrt interessant. Ich genieße es, mit einem Partner zu fahren, um den ich mir keine Sorgen machen muss.

Samstag, 2. Januar 2010

Shackleton-Tour





Mit Corinna habe ich mich heute verabredet. Das war ein bisschen kompliziert, weil sie von Jörg erfahren hatte, dass ich am Sonntag paddeln wollte und sie sich dann gerne anschließen wollte. Offensichtlich hat Jörg genau wie ich den 2. Januar für einen Sonntag gehalten. Da ich demselben Irrtum erlegen war, habe ich Corinnas Anfrage nach einer Paddeltour am Sonntag per Mail freudig zugesagt. Zum Glück war sie so pfiffig zu erkennen, dass ich an der Shackleton-Tour des TSV-Klausdorf teilnehmen wollte - und die findet eben am Samstag, den 2. Januar statt.

Das Wetter war fantastisch: Kein Wind und Sonnenschein. Die Temperatur lag bei minus drei Grad, entsprechend pummelig dick waren wir eingekleidet. Nach wenigen Minuten haben wir es fast bereut und uns eingeredet, dass es beim Rumstehen am Grill nachher bestimmt kalt wird.

Die Umsetzstelle bei Neumühlen zu passieren war nicht ganz leicht, weil der Steg großenteils überfroren war und Neoprenschuhe keine wirklich griffige Sohle haben. Direkt danach begegnet uns schon die Gruppe des TSV-Klausdorf zusammen mit Valborg und Klaus-Peter, die mit dem Wagen dorthin gefahren und von dort gestartet sind.

Obwohl wir seit einigen Tagen durchgängig Frost haben, bin ich überrascht, wie wenig Eis auf der Schwentine ist. Allerdings sind die Boote der Klausdorfer ziemlich vereist, denn sie sind ja durch Süßwasser gekommen. Corinnas und mein Boot sind so gut wie eisfrei - durch das Salzwasser der Förde.

Wir fahren noch um die Schwentineinsel und gesellen uns beim TSV zum Grillen dazu. Da die Sonne für diese Jahreszeit erstaunlich kräftig scheint, ist es unter dem "Grillpilz" auch einigermaßen angenehm. Anfangs habe ich noch ein klammes Gefühl in meinem Trockenanzug, aber im Laufe der Zeit scheint die Feuchtigkeit in meiner Kleidung entweder zu entweichen oder sich besser zu verteilen, so dass mir recht angenehm ist. Lediglich die Füße werden auf die Dauer etwas kalt.

Die Rückfahrt geht zügig und so gut, dass wir beschließen, den schönen Tag noch etwas länger zu nutzen und die Förde hinaus zu paddeln. Von der Sonne beschienen, von der "Color Fantasy" überholt, genießen wir die Wohltaten der frischen Luft und der Bewegung. Es hat die ganze Zeit immer schon einzelne Schneeflöckchen geschneit, aber so richtig in Gange kommen, wollte es dann doch nicht. Auf Höhe Kitzeberg ist es dann soweit: Es schneit dicke, wunderweiche Flocken leise und sacht von oben auf uns herab. Da die Sicht deutlich schlechter wird, kreuzen wir das Fahrwasser und machen uns auf den Rückweg.