Samstag, 5. Januar 2013

Zweite Leuchtturmfahrt des Jahres

Ich hänge kopfüber unter Wasser. Es ist quasi Winter und das Wasser ist sehr kalt. Ich weiß, dass ich unbedingt hochrollen muss und ein Fehlversuch fatale Folgen hätte. Ich erinnere mich an mein Scheitern damals in Wales, als ich so lange passiv auf die Entscheidung meines Auftriebs gewartet hatte, mich an einer Seite des Bootes nach oben zu bringen. Und dass keine Entscheidung fiel innerhalb der Luft, die ich zur Verfügung hatte. Und dass ich mich von Trenk wie ein Anfänger retten lassen musste. Und trotzdem bin ich vollkommen ruhig und entspannt. Ich weiß zwar nicht, wie es diesmal wirklich ausgegangen ist, denn an dieser Stelle ist mein Traum zu Ende. Aber es stimmt mich schon nachdenklich, dass mir die Begebenheit von vor über zweieinhalb Jahren so lange nachhängt. Es ist nicht allein diese Begebenheit sondern die Summe  aus ihr und der Wintertour zusammen mit Trenk und Jörg, bei der wir damals für die Umstände eindeutig zu sorglos waren, dem "Heute solltest du besser nicht reinfallen" der Tour vor zwei Tagen und der Aussicht, morgen mit Trenk eine Tour an gleicher Stelle und zu ähnlicher Jahreszeit wie unsere legendäre Wintertour zu machen. Aber vor allem stimmt es mich zuversichtlich, dass meine Sinne noch funktionieren und mich zur Räson rufen - wenn auch nur im Traum.
Im vergangenen Jahr habe ich keine einzige Tour mit Trenk zusammen unternommen. Nun haben wir uns kurzfristig verabredet, auf der Flensburger Förde paddeln zu gehen. Es soll ein leichter Wind aus West wehen, aber da sich die zuständigen Stellen in letzter Zeit recht häufig recht gründlich zur harmlosen Seite vertan haben, bin ich skeptisch und behalte mir vor, erst vor Ort zu entscheiden, wohin die Reise geht. Vor Ort sieht man, dass sich die zuständigen Stellen wieder einmal vertan haben - diesmal aber zur anderen Seite: Es ist genau gar kein Wind festzustellen!

Somit steht der Plan fest: Nach meinem Ausflug zum Kieler Leuchtturm folgt nur drei Tage später ein Ausflug zu meinem Lieblingsleuchtturm Kalkgrund. Die Förde liegt so plan da, wie ich sie noch nie erlebt habe und das Paddeln ist wunderbar entspannt. Auch deswegen, weil Trenk offensichtlich seine Jahre als Heizsporn durchlebt und abgelegt hat und ein gänzlich gesittetes Tempo hinlegt. Sehr angenehm - so könnte ich auch bis nach Helgoland paddeln.

Auch hier sind außer uns im wesentlichen fröhlich schnatternde Enten auf dem Wasser und auch hier sehen wir wieder einen Tordalk. Am Leuchtturm nutzt Trenk die Gelegenheit, erklimmt das Bauwerk und tut, was er bei einer längeren Tour immer zu tun pflegt: er korrigiert den Wasserstand der Förde. Da immer noch Flaute herrscht, wir noch nicht recht angestrengt sind und auch noch Zeit haben, beschließen wir, statt zurück nach Sonderburg zu paddeln. Aber das ist letztendlich doch etwas arg weit, so dass wir irgendwann mittendrin nach Broager abdrehen und von dort zurück zu unserem Ausgangspunkt. Ohne dass wir es beabsichtig haben, gleicht unsere Spur damit fast einem Quadrat, was mich auf eine Idee bringt: Man könnte doch versuchen, einmal einen möglichst ideal quadratischen Kurs mit vorgegebener Kantenlänge zu fahren - sagen wir 1 Kilometer. Das wären dann in der Summe 4 Kilometer und derjenige mit der geringsten Abweichung hat gewonnen! Natürlich darf man das GPS nur zur Spuraufzeichnung einsetzen, weil das sonst ne Nullnummer wäre. Eine gute Übung für exakte Navigation!

Obwohl das Wasser auch bei der Annäherung an Broager noch spiegelglatt daliegt, können wir keinen Schweinswal sichten. Trenk behauptet, dass die Dinger Winterschlaf halten, aber ich glaube das nicht.

Alle Bilder dieser entspannten Tour gibt's hier.

Mittwoch, 2. Januar 2013

Erste Leuchtturmfahrt des Jahres


Heute gibt das schöne Wetter ein kurzes Intermezzo. Ich will die Gelegenheit nutzen und lasse mich von Birke zum Bülker Leuchtturm fahren. Ich bin bereits in voller Paddelmontur, so dass ich keine langen Umzieh-Arien vollführen muss, sondern direkt ins Boot steigen und losfahren kann. Ich will heute zum Außenleuchtturm. Es weht ein kaum spürbarer Wind aus Westen und die Sonne scheint, so dass ich keine Bedenken habe, die ausgesetzte Tour trotz der kalten Jahreszeit alleine zu wagen.

Ich bin keine hundert Meter gepaddelt, als ich feststellen muss, dass mein Skeg sein Gehäuse nicht von alleine verlässt. Ich überlege kurz, ob ich für diese Tour einfach auf die Skeg-Unterstützung verzichten soll, denn die Bedingungen sind ja wirklich nicht widrig. Aber dann gehe ich doch auf Nummer Sicher und fahre noch einmal zurück an den Strand, um das Skeg zum Mitzuspielen zu überreden

Es herrscht ausgesprochen gute Sicht und um mich herum sind Unmengen an Seevögeln auf dem Wasser und in der Luft. Bei Sonnenschein scheint die Bereitschaft, sich in die Luft zu schwingen deutlich höher zu sein, als bei trübem Wetter. Ich kann wieder vornehmlich Eiderenten und Trauerenten ausmachen. Keine Samtenten, so sehr ich auch versuche, welche zu sichten. Und Eisenten - sollte ich hier jemals geschrieben haben, Spießenten gesichtet zu haben, dann werden die hiermit allesamt zu Eisenten umdeklariert! Spießenten sind Gründelenten und eher gar nicht auf der offenen Ostsee anzutreffen!

Der Wind kommt ziemlich genau aus Westen. Und natürlich werden die Wellen größer mit zunehmender Entfernung vom Land. Einige erreichen bald einen halben Meter. Ich bin doch etwas überrascht, wie viele weiße Schaumkronen sich jetzt auftun. Je weiter ich mich dem Leuchtturm nähere, desto höher werden die Kämme, desto tiefer die Täler und desto häufiger brechen sie rauschend. Ich bin mittlerweile heilfroh, dass ich mein Skeg nutzen kann, denn so ist es doch erheblich entspannter, den Kurs zu halten.

Hier sind die Wellen schon wieder deutlich kleiner
Alle fünfzehn Minuten mache ich ein Foto, um das Näherkommen der Navigationsmarke zu dokumentieren. Die Angelegenheit wird von Mal zu Mal wackliger und als ich das finale Foto mache, ist die See derart bewegt und hoch, dass das Ergebnis total schief und unscharf ausfällt. Ich umfahre den Leuchtturm in einem ziemlich deutlichen Abstand, denn an seinem Betonsockel werden die Wellen reflektiert und schaffen eine unangenehme Umgebung. Direkt hinter dem Sockel im Windschutz ist es für ein paar Sekunden sogar richtig ruhig, bevor ich wieder aus der Abschattung herauskomme und einer unerwartet aufgewühlten See ins Auge blicke. Das muss eine satte Windstärke fünf sein, sonst sähe das hier nicht so aus. Wenn man gegen Wind und Wellen fährt, sieht es zwar viel schlimmer aus, als wenn man die Widersacher im Rücken hat, es ist natürlich anstrengender aber technisch auch viel einfacher zu handhaben und damit eigentlich auch wieder entspannter. Man wird zwar deutlich nasser, aber die Wellen nehmen einem kaum die Kontrolle über das Boot oder das Gleichgewicht, so dass man nur geduldig seine Paddelblätter abwechselnd mal an der einen mal an der anderen Seite eintauchen muss - und so gewinnt man Land.

Schneller als gedacht bin ich wieder im Windschutz des Ufers und kann den Telefonanfruf absetzen, der meinen Rücktransport sichern soll. Bei der nachträgliche Auswertung der Windgeschwindigkeiten bin ich doch etwas überrascht, aber eigentlich auch nicht, denn die Daten sind durchaus mit den erfahrenen Verhältnissen im Einklang.
Fahrtzeit: ca. 11:15 bis 13:45

Dienstag, 25. Dezember 2012

Das neue Zelt

Das Christkind war da! Und es hat mein Jammern wegen des ständig brechenden Gestänges erhört und mir ein neues Zelt gebracht! Natürlich habe ich es sofort (im Wohnzimmer, denn draußen regnet es) aufgebaut und gründlich inspiziert. Zuerst war ich überrascht, wie groß das Zelt ist: unser Wohnzimmer ist wahrlich nicht klein, aber hier hat es eindeutig seine Grenze erreicht! Eine wesentliche Eigenschaft des geodätischen Zeltes ist die Tatsache, dass es auch ohne einen einzigen Hering steht. Nicht so stramm, wie es könnte, aber es steht und ist ohne Funktions- oder Komforteinbuße zu benutzen (das ist ein nicht unwesentlicher Vorteil, wenn man sein Zelt im Wohnzimmer eines Hauses aufbauen muss, das noch von anderen Menschen bewohnt wird!).


Der Aufbau war natürlich erst einmal ungewohnt, aber nicht wirklich kompliziert. Die Gestängebögen sind - verglichen mit denen meines Tunnels - unglaublich lang und entsprechend aufwendiger ist das Aufrichten der Bögen, nachdem man sie in die Kanäle geschoben hat. Die beiden diagonal über das Zelt laufenden Stangen sind schwarz, die genau mittig liegende golden, was eine Verwechslung ausschließt. Auch sind die Kanäle für die schwarzen Stangen erfreulich kurz, denn ihr unterer Teil wird einfach mit Kunststoffclips am Zelt befestigt. Das erleichtert das Einschieben deutlich.
Am Ende werden die Stangen in Metallösen der Gurtbänder gesteckt, an denen auch die Schlaufen befestigt sind, mit denen die Heringe das Zelt halten. Das halte ich für eine sehr gute Idee, denn ich habe immer wieder Zelte erlebt, bei denen die Schlaufen für die Heringe so klein waren, dass meine riesigen Sandheringen nicht hindurch passten. Oder es war genau dort, wo der Hering in den Boden musste, ein Stein im Untergrund, und man hatte keine Chance, ihn ein paar Zentimeter zu versetzten, um auf weniger Widerstand zu stoßen.

Es gibt noch einen vierten Zipper, der hier nicht zu sehen ist!
Insgesamt fällt auf, mit welcher Unmenge von Details das Zelt aufwartet. Man sieht, dass sich hier detailverliebte Entusiasten ausgetobt haben. An einer Stelle sind sie aber eindeutig über das Ziel hinausgeschossen - oder zumindest haben sie damit meine Vorstellungskraft über Gebühr beansprucht: An zwei der vier Außeneingänge sind vier (in Worten: 4!) Zipper vorhanden. Einer ist schön - zwei sind der pure Luxus, drei vollkommen unverständlich und vier - da fehlt mir einfach die Vorstellung, wofür man so etwas brauchen kann. Aber vielleicht finde ich in Zukunft ja noch einen Anwendungsfall, auf den ich dann nicht mehr verzichten möchte, wer weiß?
Einer der unteren Lüfter
Das Zelt verfügt über insgesamt vier Lüftungsklappen, die auf ihrer gesamten Länge mit Klettband verschlossen werden können. In der Mitte ist ein kleiner Stab angebracht, mit dem der Lüfter offen gehalten werden kann. Er wird am Klettband fixiert. Ich erhoffen mir vor allem von den oberen Lüftern, dass sie der Bildung von Kondenswasser an der Innenseite des Außenzeltes wirkungsvoll entgegen wirken.
Einer der oberen Lüfter



Lüftungsklappe geöffnet
Am Innenzelt ist genau gegenüber den unteren Lüftungsklappen des Außenzeltes eine ebenfalls verschließbare Lüftungsmöglichkeit angebracht. Sie ist mit Reißverschlüssen zu öffnen - und der herunter hängende Teil kann sorgfältig aufgerollt und mit Knebeln fixiert werden. Damit alles fein ordentlich aussieht! So etwas habe ich in meinem alten Zelt vermisst. Wenn da draußen ein kräftiger, kalter Wind herrschte, strich der immer mehr oder weniger ungehindert durchs Zelt hindurch. Das war im Winter nicht unbedingt erwünscht.
Lüftungsklappe aufgerollt



Die Sache mit dem Aufrollen ist bei diesem Zelt ziemlich auf die Spitze getrieben: Wenn man den Reißverschluss eines der äußeren Eingänge öffnet, zieht der Zipper das untere Ende des Zeltstoffes mit nach oben, so dass er überhaupt nicht erst auf die Idee kommen kann, im Dreck rumzuhängen.

Hat man den Eingang dann komplett geöffnet kann man ihn mit wirklich praktischen Knebeln seitlich fixieren, so dass er nicht im Weg ist, oder man aus Versehen drauf tritt - und dadurch das Gestänge zm Brechen bringt!


Vom Innenzelt aus kann man entweder den gesamten Eingang öffnen, oder das Moskitonetz stehen lassen. Damit man erkennen kann, was man tut, sind unterschiedlich farbige Bänder an den Reißverschlüssen angebracht: "Rot" = Moskitonetz, "Gelb" = Komplett öffnen.

Samstag, 22. Dezember 2012

Eiskalter Rückenwind

Ich sitze auf der Heizung in der Küche und sehe aus dem Fenster auf die Straße. Ich warte auf Jörg. Der hat vorhin angerufen, um die Details unserer heutigen Paddeltour mit mir abzusprechen. Seine Stimme hörte sich genau so an, als wenn er auf alles andere Lust hätte, als eine Paddeltour bei Minusgraden und schneidend kaltem Ostwind zu machen. Aber er hat keine Chance abzusagen: Vor ein paar Wochen hatte er wegen des Wetters rumgememmt und dass es doch doof sei, bei so einem Sch...wetter aufs Wasser zu gehen - und dann schien nachher die Sonne und es tat ihm selber leid! Heute bin ich hart geblieben - aber nachdem ich eben draußen war, um mein Boot vorzubereiten, bin ich mir jetzt nicht mehr sicher, ob ich nicht lieber doch hättte weich werden sollen! Marie-Theres sagt eins ums andere Mal: "Bei dem Wetter aufs Wassser?" und schüttelt sich dann immer.

Warum tue ich mir so etwas eigentlich immer wieder an? Ich weiß, dass es kalt ist, dass es anstrengend ist und ungemütlich, dass es nass ist und auch nicht ungefährlich. Aber ich weiß auch, dass ich mich, wenn ich dann draußen auf dem Wasser bin, großartig fühle. Ich empfinde es als ein königliches Privileg, bei solchem Wetter und solchen Bedingungen mit einem Boot auf dem Wasser sein zu können, mich körperlich zu betätigen, an der Natur zu sein - und das Ganze mit einem ebenso kundigen wie liebenswerten Partner zu teilen. Und wenn man dann in diesen so garstigen Bedingungen steckt, stellt sich heraus, dass sie sich gar nicht so garstig anfühlen, wie sich die Phantasie das vorstellt.

Wir setzen unsere Boote wieder in Bülk ein. Angesichts des unerbittlichen Windes, den wir im Bereich von vier Windstärken erwartet haben, wobei wir allerdings vergessen haben, dass wir uns hier nicht mehr in der  Innenförde befinden, und so beim Anblick der Strander Bucht noch mal eine Windstärke mehr spendieren müssen - im Angesicht also dieses Windes haben wir uns entschlossen, nach Eckernförde durchzufahren und uns dort abholen zu lassen. Ich konnte Birke dafür gewinnen, uns um drei dort abzuholen. Das Einsetzen am Strand ist nicht ganz einfach, obwohl wir unsere Boote schon ganz dicht an die Mole getragen haben, wo die brechenden Wellen am kleinsten sind. Ich bekomme eine gute Ladung Wasser ins Cockpit, bevor ich es schaffe, die Spritzdecke zu schließen. Und ich bin noch gar nicht am Molenkopf vorbei, da bricht mir schon die erste Welle gegen die Brust. Das kann ja heiter werden. Aufgrund unserer längeren Paddelpause und weil man im Winter eh nicht so geschmeidig im Boot sitzt, erfordern die Wellen unsere erhöhte Aufmerksamkeit. Wir umfahren die Buhnen am Leuchtturm in respektvollem Abstand, um ja nicht in die sich dort brechenden Wellen zu geraten.
Der Wind weht den ganzen Tag über konstant aus Ost-Süd-Ost und auf dem Stück bis Krusendorf haben die Wellen den freien Fetch von Fehmarn bis hierher zurückgelegt. Entsprechend hoch türmen sie sich. Wenn Jörg und ich gleichzeitig in unterschiedliche Wellentäler tauchen, sieht man nicht mal mehr die Zipfelmütze des anderen. Die kleinen Wellen haben einen halben, die großen bis einen Meter Höhe. Es ist durchaus Konzentration vonnöten, und es war gut, dass wir niemanden sonst mitgenommen haben, denn es braucht ein gerüttelt Maß an Kaltblütigkeit, hier nicht den Mut zu verlieren.

Es sind Unmengen von Wasservögeln unterwegs, viele Eiderdaunenproduzenten, Spießenten, Schellenten und tausende von diesen schwarzen Dingern, von denen wir nicht recht wissen, was sie sind. "Samtenten" schlägt Jörg vor und wir werden es weiter untersuchen. Teilweise fliegen sie so weit von uns entfernt auf, dass wir unmöglich der Grund dafür sein können. Und wenn - einmal die Woche aufgescheucht zu werden, muss drin sein! Irgendwann schwimmt so ein puscheliger Korken keine zwanzig Meter entfernt von mir im Wasser. Ich weiß genau, dass ich ihn kenne, komme aber so schnell nicht drauf. Ein späterer Blick in meine Kosmos-Vogelwelt entlarvt ihn eindeutig als meinen ersten Tordalk, den ich hier angetroffen habe! Wenn nicht allleine so eine Begegnung schon die Inkaufnahme all der Kälte, der Nässe und der Anstrengung aufwiegt!

Wir fahren teilweise recht weit draußen, denn immer wieder sind Sandbänke vor dem Ufer, über denen sich die Wellen brechen. Wir wollen lieber keine Experimente machen und auf Nummer Sicher gehen. Daher unterlasse ich es auch, Fotos zu machen, auch wenn ich den Aparat wie immer griffbereit an der Schwimmweste befestigt habe. Bei Grönwohld queren wir kurz die Brandungszone, wobei ich Jörg eben noch darauf hinweisen will, dass wir aufpassen müssen, nicht zu kollidieren, aber mitten im Satz hinterlässt meine Bootsspitze schon einen roten Striemen an Jörgs Bug. Zwischen Sandbank und Ufer versuchen wir, eine Pause zu machen, heißen Tee zu trinken und etwas zu essen. Das ist nicht wirklich gemütlich, denn natürlich ist das Wasser auch hier noch "bewegt". Mittlerweile hat auch Schneefall eingesetzt. Mit unseren kalten Fingern schaffen wir es nicht, Jörgs Tupperdose aus der Arretierung hinter seinem Sitz zu fummeln, so dass er mit einem von meinen Riegeln Vorlieb nehmen muss.

Der weitere Weg nach Eck-Town ist klar vorgegeben: Immer gerade aus - nicht ganz 270 Grad. Aber es ist doch noch verdammt weit und um unsere Schätzung für eine Ankunft um drei Uhr einhalten zu können, hätten wir keine Pause machen dürfen. So muss Birke halt eine Viertelstunde warten, bis sie uns am Strand in Empfang nehmen kann. Die Landung ist trotz Brandung relativ harmlos, aber einmal aus unserem wärmenden Cockpit geschmissen, wird uns im pfeifenden Wind schnell kalt. Spätestens beim Entfernen des bei der Landung eingedrungenen Wassers streichen die Gefühlsnerven die Segel, so dass das Einfädeln der Spanngurte für den Dachgepäckträger eine echte Herausforderung wird.
Wir verschwenden keine große Zeit uns umzuziehen, ich setze mich mit Spritzdecke und Weihnachtsmütze hinter das Lenkrad und wir fahren zurück nach Bülk. Die Heizung stellen wir auf 25 Grad!

Sonntag, 16. Dezember 2012

Dritter Advent

Unglaubliche acht Wochen war ich nicht mehr auf dem Wasser! Es gab manches, was mich hinderte, aber an Verlangen war kein Mangel. Heute haben Jörg und ich es endlich geschafft, unsere Boote aus meinem Carport auf sein Autodach zu wuppen und eine Tour zu wagen. Die Prozedur ist noch ungewohnt und bietet einiges Potential für Optimierungen. Uns war es egal wohin, Hauptsache paddeln!

Es ist nicht mehr so bitter kalt wie in den vergangenen Tagen, als ich mir bei minus zwölf Grad auf dem Fahrrad die Finger abgefroren hatte. Heute sind es zwischen vier und fünf Grad - plus! Genauso warm ist auch das Wasser. Der Wind weht den ganzen Tag konstant genau aus Süd mit erträglichen drei Windstärken. Also keine allzu fordernden Bedingungen für etwas aus der Übung gekommene "Best-Agers"!

Als wir unter dem Bülker Leuchtturm losfahren, ist sein großer Bruder, der Kieler Leuchtturm, verschwommen zwar, aber deutlich zu erkennnen. Der Himmel ist nicht jubelnd blau - eher grübelnd grau, aber das ist uns heute egal. Dick eingepackt wenden wir unsere Nasen erst nach Norden und dann nach Westen und sind froh, übers Wasser zu gleiten. Es geht eine leichte Dünung mit uns, die das Vorankommen leicht macht. Außer uns sind im Wesentlichen nur Vögel auf dem Wasser, aber davon Hunderte. Vermutlich in der Mehrzahl Wintergäste, die so "dichten" Publikumsverkehr wie hier nicht gewohnt sind und eine gigantisch große Fluchtdistanz haben. Wir sehen das erste Mal Schwärme von Spießenten, die wir erst nicht erkennen, die sich im Vorbeiflug aber durch ihre charakteristischen Schwanzfedern verraten(*). Sie machen auf dem Wasser einen Heidenlärm, denn sie sind unentwegt und aufgeregt am Kommunizieren.

An der Gefahrentonne vor dem militärischen Sperrgebiet hinter Surendorf machen wir kehrt und paddeln ein Stück zurück, bevor wir im Windschatten unter der Steilküste eine Pause im grüngelben Wasser machen. Hier genießen wir die Wohltaten von Würstchen, Käsestulle und angebranntem Apfelsaft. Danach geht es straks zurück - in geradest möglicher Linie zum Lt. Bülk. Der Wind ist nun etwas gegen uns und die 10 Kilometer, die wir hinaus gefahren sind, sind nicht von allein wieder zurückgespult. Jörg legt ein anspruchsvolles Tempo vor, das ich nicht ganz mithalten kann und auch nicht wirklich will. "Ich wollte, dass es vorbei ist!" sagt er, aber ich glaube, es macht ihm auch Spaß, sich mal wieder etwas anzustrengen. Zwar haben wir vergessen, für unser Auto einen Euro in die Parkuhr zu schmeißen, aber heute gibt's Adventsrabatt und wir finden kein Ticket an der Windschutzscheibe, als wir etwas ungelenk zu unserem Gefährt zurückkehren.

Es ist deutlich diesiger geworden: der Kieler Leuchtturm ist nicht mehr zu sehen und die vorbeifahrenden Frachtschiffe kann man nur noch hören. Aber heute sind wir auch nicht vorrangig wegen des guten Wetters aufs Wasser gegangen!
Ein Anfang ist gemacht: Die erste Tour ohne das geliebte Bootshaus als Basisstation! Es drohen Wiederholungen!


(*) In Wirklichkeit handelt es sich hier um Eisenten. Spießenten kommen auf dem Meer nicht vor.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Einheitstour: Bodden bei Gegenwind (4/4)

Für heute steht nichts Aufregendes mehr auf dem Programm. Zurückkommen ist angesagt. Leider liegen zwischen Hier und Da wie bei unserer Herfahrt immer noch knappe dreißig Kilometer und leider kommt auch der Wind aus derselben Richtung wie vor drei Tagen. Das verspricht ein zäher Kampf zu werden. Die Gepäckluken sind mittlerweile spürbar erleichtert durch unseren gesunden Appetit in der Zwischenzeit. Sie wären nahezu leer, wenn wir nur soviel mitgenommen hätten, wie wir auch gebraucht haben. Mit meinem überschüssigen Proviant könnte ich locker noch einmal vier Tage bestreiten.

Beim Abbauen meines Zeltes ist heute der für jede Tour obligate Gestängebruch bei mir fällig. Keine besondere Belastung, keine Gewalt, keine Ungeschicklichkeit - ganz normaler Betrieb und: Knack! Und natürlich ist wieder der Gestängekanal durchstoßen. Ich will ein anderes Zelt!

Wir waren gestern zeitig im Bett und haben wacker bis ungefähr acht Uhr durchgeschlafen, so dass wir satt ausgeruht sind. Pausenplätze sind rar gesät in dieser Gegend, denn der Bodden ist fast durchgängig von einem breiten Schilfgürtel eingesäumt. Da ist eigentlich nur der kleine Hafen mit dem melodischen Namen Kinnbackenhagen und ein paar Kilometer dahinter ein klitzekleiner Sandstrand mit Schutzhütte für Fahrradwanderer. Wir entscheiden uns für eine Unterbrechung an der Schutzhütte. Dort plündern wir noch einmal ein paar Tüten Süßigkeiten und lassen unsere "Trocken"anzüge im Wind trocknen.

Während wir die Sonne genießen, schiebt sich das langsamste Segelschiff der Welt heran. Es hat den Wind genau von hinten, einiges an Segelfläche gesetzt und kommt trotzdem kaum von der Stelle. Keine Ahnung, wie die das machen.

Die restliche Strecke zurück nach Pruchten ist komplett unspektakulär und ereignisarm. Es ist mehr der Trotz, der uns zügig gegen den Wind vorantreibt, als sportlicher Ehrgeiz, besonders schnell sein zu wollen. Wir kommen redlich geschafft im kleinen Hafen des Ortes an, wo die beiden Einheimischen etwas mitleidig auf unsere schmalen Boote schauen, aber sichtlich beeindruckt sind, als sie hören, dass wir bei dem Wind damit in vier Stunden von Barhöft bis hierher gepaddelt sind.

Auf der Rückfahrt kehren wir noch bei Karls Erlebnishof ein. Das ist so eine Art Kleiner-Bauern-Laden nur im Supermarktformat. Peter will dort ein paar Gläser Marmelade erstehen. Bei Rostock biegen wir auf die Autobahn. Nach einer länglichen Weile fällt mir ein Feld mit Solarzellen am Wegesrand auf, die allesamt nach Westen ausgerichtet sind. Ich erwäge kurz, dass sich die Monteure und Betreiber der Anlage eventuell doch nicht geirrt haben könnten und stattdessen unsere Fahrtrichtung vielleicht nicht nach Westen sondern nach Süden weist. "Alles im Lack!", beruhigt mich Peter, um nach einem kurzen Blick in die Straßenkarte etwas die Fassung zu verlieren. Immerhin haben wir deutlich vor Berlin gemerkt, dass wir auf dem Holzweg sind - und das allein an der mangelhaften Ausrichtung einer Solaranlage erkannt! Wenn das nicht eine eindrucksvolle Bestätigung unser überragenden navigatorischen Fähig- und Fertigkeiten ist! Und jede Wette, dass da auf den Hinweisschildern vor dem Autobahnkreuz nur Stettin draufstand - und nicht Lübeck! Vielleicht sollte ich nicht unbedingt wetten - aber mein Ehrenwort geb ich: Da stand nix!!

Alle Fotos der Tour...

Montag, 1. Oktober 2012

Einheitstour: Hiddensee rund (3/4)

Als ich die Brötchen abhole, habe ich die Gelegenheit bei meinem Schwenk über die Toilette ausgiebig Nachrichten zu hören. Das Programm des MDR ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber der Wetterbericht für heute kommt ausgesprochen erfreulich daher: Sonnig, Temperaturen bis 17 Grad und nur schwache bis mäßige Winde aus südlicher Richtung. Es soll heute außen um Hiddensee rumgehen. Da ist "südlich" vielleicht nicht optimal, aber der Rest versöhnlich.

Auch hier müssen wir wieder etwas unintuitiv fahren, um in das Fahrwasser zu gelangen, dass zwischen Rügen und Hiddensee auf die offene Ostsee führt. Noch ist der südliche Wind mit uns und wir überholen sogar eine mächtige Segelyacht, die nur die Fock gesetzt hat und zur Sicherheit die Maschine mitlaufen lässt. Es sind allerhand Menschen an Bord, aber vermutlich sind nicht so viele Segelkundige dabei.

Im Norden von Hiddensee sind richtige Wellen! Sie sind die Überreste des heftigen Windes von gestern. Zwar kommt heute der Wind von Süden, aber er wird durch den hohen Dornbusch nach Osten herumgebeugt, so dass er uns momentan genau entgegen weht. Trotzdem macht es richtig Spaß, durch die Wellen zu rauschen. Wir fahren in deutlichen Abstand zum Ufer und hier draußen sind die Verhältnisse gleichförmig und berechenbar, nirgendwo muss man damit rechnen, dass ein böser Stein knapp unter der Wasseroberfläche lauert.

Unser Schwenk nach Süden bringt leider keine Besserung, was die Situation mit dem Gegenwind betrifft, denn Süden ist genau das, woher der Wind weht. Aber bis nach Vitte ist es nicht weit, hier wollen wir wieder eine Pause einlegen und die zurückgestellten Erledigungen nachholen. Am Strand fragt uns ein kleiner, vierjähriger Junge, warum wir denn paddeln und dass er auch schon immer mal gerne paddeln wollte. Peters Frage, ob er denn schon das "Seepferdchen" habe, verneint er etwas verlegen, hält aber dagegen, dass er eine Schwimmente hat, und dass er ja noch viel Zeit hat, das Paddeln einmal zu erlernen.

Vitte ist gut strukturiert: an der Hauptstraße gibt es zahlreiche kleine Schilderchen, die den Unkundigen auf allerlei hinweisen. Am ersten Pfosten ist gleich ein Hinweis auf die lokale Sparkasse zu erkennen: 400 Meter nach Süden. Wir können unsere flüssigen Mittel aufbessern und uns auf die Suche nach einer geeigneten Örtlichkeit machen, wo wir etwas leckeres essen können. Im kleinen Gärtchen eines kleinen Häuschens trauen wir uns mit unserem wenig repräsentativen Outfit an einem der Tische Platz zu nehmen. Wir probieren den hausgemachten Sanddornsaft und bestellen Fisch, Peter Lachs und ich Zander. Als ich Peters riesige Portion sehe, bin ich etwas neidisch und hege Zweifel, ob ich nicht die falsche Wahl getroffen habe. Aber der Zander ist auch lecker und - man muss ja nicht so viel essen - zumindest nicht immer!

Der Weg durch Vitte führt uns vorbei an erstaunlich zahlreichen Bruchbuden, die wenig baulichen Zuspruch seit der Wende erhalten haben können. Ich bin erstaunt über die Tatsache, dass Hiddensee nicht das Schicki-Micki-Flair hat, das ich erwartet hätte. Es gibt auch kaum größere Bauten, die so charakteristisch für einen vom Tourismus bevorzugten Ort sind. Eigentlich wirkt Hiddensee nach wie vor ziemlich provinziell und hat sich damit einen sympatischen Charme erhalten. Nur die Sache mit "Keine Zelte auf Hiddensee!" finde ich unpassend!

Unsere ewig nasse Unterwäsche ist in der Zwischenzeit zwar nicht wirklich getrocknet, aber wenigstens etwas abgedünstet, als wir wieder in die Boote steigen. Es sind noch gut über 15 Kilometer bis zu unserem Tagesziel Barhöft und der Wind hat nicht gedreht. Das wird noch ein langer Törn. Das Küstenbild ist auch nicht sehr abwechslungsreich und so ist noch das unterhaltsamste, ob die Segler, die mit uns zwar in die gleiche Richtung fahren, aber kreuzen müssen, in der Summe schneller oder langsamer sind als wir. Während es am Anfang noch besser für die Segler aussieht, sind sie vollkommen chancenlos, als der Wind etwas nachlässt. Kurz vor Beginn der Schutzzone im Süden der Insel landen wir noch einmal für eine Pause an. Wir machen eine kurze Wanderung zur Ostseite und legen uns ein paar Minuten in herrlicher Ruhe und Windstille ins Gras und blicken ins Blaue. Peter macht nach kurzer Zeit wieder schnurrende Geräusche.

Es nützt nichts - wir müssen auch die letzten Kilometer noch bewältigen. Die Insel neben uns wird flacher, der Wind weniger und das Fahrwasser enger. Ich drömele so vor mich hin und fahre mittig zwischen roter und grüner Tonne, als mich von hinten ein dünnes Schallsignal trifft: fünfmal kurz, das heißt soviel wie: gleich droht eine Kollision! Ich drehe mich gemächlich um und erblicke die "Achiever" von EnBW, die die Windkrafträder hier vor der Küste wartet. Sie prescht mit voller Kraft auf uns zu. Okay, dann wechsele ich mal die Fahrwasserseite und lass sie passieren - aber das mit dem fünfmal Kurz finde ich übertrieben. Umdrehen im Trockenanzug ist anstrengend und man vollzieht dieses Manöver nur, wenn es unbedingt sein muss. Also lasse ich den Kahn herankommen, bis sein Brummen und Rauschen unmittelbare Nähe verheißt. Als ich mich umsehe, steht eine gewaltige Wasserwand hinter mir! Beim Bau des Schiffes hat man auf den Bug verzichtet und stattdessen ein zweites Heck an seine Stelle gesetzt. So schiebt dieses Gefährt also eine platte Stahlwand quer durchs Wasser und erzeugt damit eine mindestens zwei Meter hohe "Bug"welle! Zum Glück ist sie in unserem Abstand nicht mehr so steil, dass sie sich oben bricht, so dass wir sie wenigstens etwas zum Surfen benutzen können.

Als wir den "Bock", die zwischen Zingst und Hiddensee gelegene Insel passieren, ist der Wind vollständig eingeschlafen. Wir legen die letzten Kilometer bis zum Hafen von Barhöft zurück und trollern unsere Boote zum Zeltplatz. Dort hat sich schon ein Radwanderer breit gemacht, der aber nicht weiter stört. Diesmal sind wir rechtzeitig eingelaufen, so dass wir den Hafenmeister noch antreffen und eine Eintrittskarte für die Duschräume bekommen. Das ausgiebige Duschen ist ebenso erfrischend wie notwendig.

Alle Fotos der Tour...