Freitag, 10. Mai 2013

Kiel Flensburg Teil 2: von Schleimünde nach Broager

Am Morgen lacht die Sonne. Der Wind kommt noch aus einer Richtung, die der Vorhersage genau ins Gesicht bläst. Für den gesamten Tag ist aber recht kräftiger Westwind angesagt, so dass wir unseren ürsprünglichen Plan, in die Schlei hinein zu fahren, aufgeben. Stattdessen überlegen wir, nach Flensburg zu paddeln. Leider haben wir beide von diesem Gebiet keine Seekarten dabei, so dass wir nicht genau beurteilen können, wie weit das eigentlich ist. Mir kommt die Idee, die anderen Paddler danach zu fragen, schließlich geht man ja nicht auf Tour, ohne Karten vom Zielgebiet mitzuführen. Und tatsächlich: sie haben einen Jübermann dabei, dem wir alle notwendigen Informationen für unseren geänderten Plan entlocken können.

Peter fotografiert kurzerhand die für uns relevanten Seiten mit seinem Super-Duper-Kann-alles-Handy, damit wir im Zweifelsfalle noch mal nachsehen können. Im Gespräch mit der anderen Gruppe erkennt Peter im Gegenüber anhand dessen charakteristischen Ohrringes einen Eingeborenen der Insel Norderney. Da Peter dort einmal gearbeitet hat, folgt ein detaillierter Austausch über gemeinsame Bekannte, ob es sie noch gibt und wo sie denn gelandet sind. Mit der Seekarte im Handy gut gerüstet verlassen wir die Schlei und fahren mit dem sich nun der Vorhersage angepassten West-Süd-West-Wind die Küste von Angeln entlang nach Norden.

Der Unterschied zwischen dem heutigen Wind und dem von gestern ist, dass er nicht mehr so wirklich von hinten schiebt, sondern deutlicher von der Seite drückt. Das Gemeinsame mit dem Wind von gestern ist die Tatsache, dass er uns immer noch Richtung Ärö treibt. Da wir durch das ausgefallene Essen in der Giftbude nun eine Portion Proviant zu wenig haben, müssen wir unterwegs noch einmal nachfassen. Wir schätzen, dass es  auf dem Campingplatz Hasselberg mindestens einen Kiosk gibt, an dem man seine Vorräte auffüllen kann. Wir sind unbemerkt ein deutliches Stück Richtung Ärö versetzt worden, so dass wir uns schließlich mühsam gegen den Wind zurückarbeiten müssen, um den Campingplatz noch zu erreichen.

Wir gönnen uns eine kleine Pause am Kiosk, aber mit meiner kurzen Hose kommt bei den wenig sommerlichen Temperaturen und dem frischen Wind nur ein geringes Maß an Gemütlichkeit auf. So sitzen wir bald wieder in den Booten und passen ab jetzt besser auf, dass wir Ärö nicht zu nahe kommen. Bei Falshöft macht der Küstenverlauf einen deutlichen Knick nach Westen, so dass wir ab hier praktisch gegen den Wind fahren. Das führt natürlich dazu, dass es spritzt und man ständig vom acht Grad frischen Wasser nass wird. Das führt auch dazu, dass uns der Gestank der Kormorankolonie, deren Einwohner auf dem trockengefallenen Flach vor der Geltinger Birk ihren ätzenden Kot verteilen, schon auf weite Entfernung in die Nase sticht. Zusammen mit den in der Flensburger Förde recht hoch gehenden Wellen führt es auch dazu, dass der See auf meiner Spritzdecke immer gut gefüllt ist und beständig ins Innere sickert. Im Laufe der Jahre ist meine Neoprenspritzdecke wohl doch so porös geworden, dass man sie nicht mehr als wirklichen Verschluss des Cockpits bezeichnen kann.

Im Inneren meines Bootes steht daher ständig so viel Wasser, dass meine nackten Beine satt umspült werden. Zweimal pumpe ich es während der Fahrt über die Förde ab, damit die Beine wenigstens eine kurze Zeit mal Gelegenheit haben, sich etwas aufzuwärmen. Ich bin froh, dass ich dafür mit meiner Schenkelpumpe das Paddeln nicht unterbrechen muss. Aber mit den ständig übergehenden Wellen dauert es nicht lange, bis wieder genügend Wasser nachgefüllt ist, das meine Beine darin schwimmen. Sie versuchen zwar, es von ihren acht Grad auf angenehmere Temperaturen aufzuheizen, haben aber nicht so viel Erfolg, dass ich sagen würde, es sei angenehm. Ich habe meine Schimrmütze auf, die wenigstens etwas Schutz gegen Wind, Wasser und Kälte bietet, aber mein Südwester wäre wesentlich besser geeignet. Ich habe ihn zwar griffbereit im Cockpit, mache mir aber bei dem strammen Wind doch nicht die Mühe, ihn rauszukramen. Auch Peter fühlt sich nicht wirklich mollig, obwohl er im Gegensatz zu mir im Long-John fährt. So sind wir vermutlich rechtschaffen unterkühlt, als wir endlich unter dem Steilufer von Broager ankommen.

Dort liegen bereits etliche Boote am Strand. Als wir unsere daneben legen, fällt Peters Blick in das Cockpit eines fremden Bootes, wo der Name des Besitzers in großen Buchstaben zu lesen ist. "Den kenn ich!", sagt er. "Von Norderney?" "Nein, aus Hannover!" Als ich den Steilhang hochgehe und auf die oben bereits campierende Gruppe treffe, fallen mir auch sofort zwei bekannte Gesichter auf. Mit der einen Paddlerin bin ich während der Seekajak-Woche paddeln gewesen, der andere hat ein RST in Kiel besucht, das ich veranstaltet habe. Die Gemeinde der Seekajak-Fahrer ist eben überschaubar.

Wir sind gestern über dreißig Kilometer gepaddelt und heute wieder. Wir sind heute die letzen fünfzehn Kilometer gegen einen satten fünfer Wind angekeult. Und es ist erst das zweite Mal in diesem Jahr, dass Peter im Boot sitzt! Ich weiß nicht, wie er das macht, aber einmal ins Boot gesetzt, schnurrt er ab wie ein aufgezogenes Kinderspielzeug. Ich wäre zusammengebrochen! Immerhin ist er so erledigt, dass er sofort einschläft, als er sich probehalber in seinen Zelt in die Waagerechte legt!

Donnerstag, 9. Mai 2013

Kiel - Flensburg Teil 1: von Bülk nach Schleimünde

Gestern beim Mittwochspaddeln war es mir im Long-John viel zu warm. Die schwierige Entscheidung: Was ziehe ich an? fällt damit zu Gunsten der kurzen Neo-Hose aus. Ich werde es noch bitter bereuen!

Weder Peter noch ich konnten einen fahrbaren Untersatz für dieses Wochenende organisiseren. Damit sind unsere hochtrabenden Träume von Unterelbe und Ostfriesland zerplatzt. Immerhin habe ich eine hilfsbereite Tochter zu bieten, die sich bereit erklärt, uns und unser reichhaltiges Gepäck etwas näher an das geliebte Meer zu kutschieren. So können wir also von Bülk aus starten und müssen uns nicht im Boot durch die ganze Kieler Förde quälen.


Wir stimmen uns kurz über den Kurs ab. Es gibt im wesentlichen nur zwei Optionen: Die Küste entlanghangeln und die Eckernförder Bucht an ihrem Ausgang queren - oder den direkten Weg Richtung Schleimünde. Ich hätte eher für die Hasenlösung plädiert - schließlich ist das unsere erste ernsthafte Tour - aber Peter sagt nur knapp: "Direkt rüber!"

Ich bin ausgesprochen froh über diese Entscheidung, denn es macht einfach mehr Spaß hier draußen und es fühlt sich deutlich mehr nach "Seekajak" an, als am Strand entlang zu rutschen. Der Wind weht schwach und schiebt uns sanft Richtung Ärö. Heute wären die idealen Bedingungen, diese dänische Insel anzusteuern, aber die kleine Richtungskorrektur, damit wir in Schleimünde landen, kostet nicht viel Mühe.

Es sind Unmengen von Seglern unterwegs, die natürlich auch alle den direkten Kurs nehmen und wir so mit ihnen im selben schmalen Korridor fahren. Man sieht einigen deutlich an, dass sie skeptisch auf die zwei Kajaks blicken, die nach ihrer Auffassung so weit draußen eigentlich nicht vorkommen sollten. Aber alle grüßen freundlich - wenn sie uns denn überhaupt sehen!

Normalerweise liegt das Schießgebiet vor dem nördlichen Schwansen so weit draußen, dass man nie Gefahr läuft, mit ihm in Konflikt zu geraten. Heute müssen wir tatsächlich unseren Kurs leicht korrigieren, um nicht in den gesperrten Bereich zu gelangen. Manche Segelyacht sagt sich aber auch "An Himmelfahrt wird nicht geschossen!" und fährt ungerührt mitten durch.

Der Wind weht die gesamte Zeit über beständig aus der gleichen Richtung in der selben Stärke. Man erkennt auf unserer GPS-Spur deutlich, dass wir in den Zeiten unserer Pausen direkt und mit anderthalb Stundenkilometern Richtung Ärö verdriftet werden. Wir hätten nach Ärö fahren sollen!

Wir machen einen kleinen Abstecher nach Olpenitz, um den Baufortschritt zu begutachten. Es sind hier und da ein paar fertiggestellte Häuser zu sehen und einen Strand hat man in dem Areal auch schon angelegt. Aber irgendwie hat das Ensemble doch noch etwas von Geisterstadt. Während wir so im Hafenbereich rumdümpeln, höre ich ein Segelschiff von hinten dicht an uns heranrauschen. Erst denke ich, dass sich da vielleicht jemand verfahren hat und nach dem Weg fragen will, aber dann erkenne ich, dass es sich um die "Mollimauk" handelt. Karen ist heute morgen mit Klaus-Peter und ihrer Schwester auch in Kiel losgefahren und hat uns hier eingeholt.

Wir laufen in die Schlei ein und sind erstaunt, dass sich die Boote im Hafen dort nicht dicht gepackt drängeln. Es sind noch reichlich Liegeplätze frei - und wir sind die ersten, die dort Zelte aufbauen. Es soll uns recht sein, denn so haben wir die Garantie auf einen ruhigen Abend. Was uns allerdings nicht so recht ist, ist die Tatsache, dass die Giftbude geschlossen ist. Der Hafenmeister weiß auch nicht warum - oder wann die wieder auf macht. Ich hatte Peter zu einem Essen hier eingeladen, aber das müssen wir nun ein andermal nachholen.

Außer uns laufen gegen Abend noch zwei paddelnde Paare aus Oldenburg bei Bremen auf der Halbinsel ein. Sie sind die Schlei hoch gepaddelt, wollen morgen ein wenig auf die Ostsee und dann wieder zurück.

Wir machen es uns gemütlich, sehen den vielen in die Schlei einlaufenden Seglern nach, machen einen Spaziergang so weit es dieses begrenzte Areal zulässt und bruzzeln einen Ersatz für das ausgefallene Abendessen auf unseren Trangias.

Sonntag, 7. April 2013

Aufbruch

Ich habe beschlossen, dass der Winter vorbei ist. Wenn ich zu Himmelfahrt auf große Tour gehen will, muss ich in Wallung kommen und trainieren. Egal wie kalt das Wasser ist. Wenn ab heute nur noch die Sonne scheint und die Temperaturen tagsüber zweistellig sind und dann auch noch am entscheidenden Tag der richtige Wind herrscht - und ich bin nicht vernünftig vorbereitet! Das will ich nicht riskieren.

Ich habe den "neuen" Trockenanzug an, aber das erste mal nur den einteiligen Vliesteddy drunter - ohne zweites wärmendes Oberteil. Kurz nachdem ich auf dem Wasser bin, entdecke ich am Ostufer eine Gruppe von vier Paddlern. Ich fahre zu ihnen hin und mit ihnen gemeinsam Richtung Laboe. Aber irgendwann wird mir das Tempo zu unstet, denn ich will etwas tun und so verabschiede ich mich Richtung Glockentonne. Das Wetter ist eigentlich phantastisch - es hat etwas von Frühling. Sogar die Temperaturen gehen über die Fünfgradmarke. Vielleicht ist das ja tatsächlich der Anfang von etwas ganz Wunderbarem. Meine Pause mache ich zwar auf dem Wasser aber da meine Verfolger sich mittlerweile am Strand von Laboe niedergelassen haben, geselle ich mich noch ein Weilchen zu ihnen. Ich glaube, dass sich einige Stellen auf dem Flach vor Laboe durch die zahlreichen Winterstürme deutlich erhöht haben, denn trotzdem der Wasserstand heute recht normal ist, liegen sie trocken und werden von Möven, Enten und Kormoranen als Ferieninsel benutzt.


Auf der Rücktour kann man deutlich erkennen, dass heute  tatsächlich eine Zeitenwende stattfindet: So viele Paddler, wie man heute auf dem Wasser sieht, hat es lange nicht mehr gegeben. Alle sind froh, dass sie wieder rauskönnen. Auch wenn ich für die Tour heute insgesamt länger als geplant benötigt habe, bin ich mit meiner Leistung hoch zufrieden. Ich wollte einfach mal wieder eine längere Strecke mit Druck paddeln. Zwar habe ich durch die Gesellschaft viele Pausen gemacht, aber wenn ich allein gefahren bin, war mein Schnitt immer über acht Stundenkilometer. Und die Dauer habe ich auch gut vertragen. Ich bin also bereit, meine alljährliche Leuchtturmtour zu machen. Was jetzt noch im Wege steht, ist lediglich Zeitmangel.

Donnerstag, 28. März 2013

Schwentine im Schnee

Einen ganzen Monat bin ich nicht mehr auf dem Wasser gewesen. Und das, obwohl das Licht es gut wieder zulassen würde - und Zeit hätte ich prinzipiell auch gehabt! Woran also lag es? Dieser März führt sich wettertechnisch als Rekordjäger auf: Vor  ein paar Tagen erreichten die Nachttemperaturen in MacPomm -17 Grad, überall liegt noch dick Schnee und vor allem: seit Wochen bläst ein dermaßen unerbittlicher Wind mit Stärken konstant zwischen sechs und sieben aus penetrant östlicher Richtung, dass selbst der härtestgesottene NoPa nur eine lächerliche Vier-Kilometer-Tour bis Kitzeberg zustande gekriegt hat. Diese katastrophale Situation hat zu dem Umstand geührt, dass die "Sollkurve" in meinem Fahrtenbuch (knappe 2 Kilometer am Tag, um am Ende des Jahres auf 600 Kilometer zu kommen!) die Ist-Kurve überragt - das hat es seit Jahren nicht mehr gegeben!

Jörgs gesundheitliche Einschränkung in den letzten Wochen hat eigentlich nichts zu der Misere beigetragen. Er hätte den Termin für die Auszeit nicht passender wählen können - es gab nichts zu versäumen. Am heutigen "Grün"donnerstag, der eigentlich "Weiß"donnerstag hätte heißen sollen, wollen wir mal wieder in unsere Boote steigen und auch die Gelegenheit nutzen, sie nach der Tour ins Bootshaus zu legen. In der Hoffnung, sie in Zukunft dann schneller, öfter und spontaner nutzen zu können.

Der Wind ist heute nicht gar so grimmig wie zuletzt, weht aber immer noch mit fünf bis sechs aus Osten. Wegen Rekonvaleszenz und weil wir nicht gleich so doll auf die Kacke hauen wollen, geht es heute in die Schwentine. Es ist ein normaler Arbeitstag und es ist Mittagszeit, entsprechend wenig Betrieb herrscht auf dem Wasser. Einige Ruderboote voller Rentner begegnen uns. Ruderboote können nicht umkippen oder absaufen, sonst müssten ihre Insassen ja Schwimmwesten tragen oder Kälteschutzkleidung. Die Wassertemperatur liegt zwischen ein und zwei Grad, da würde man nicht mal die fünfzig Meter vom umgekippten Boot bis zur rettenden Leiter schwimmen können.


Statt Paddlern und Ruderern treffen wir auf der Schwentine nur noch Vögel an. Eine empörte Graugans macht nur unwillig und unter Protest Platz für uns, ein wunderschönes Schellentenpaar lässt uns dicht passieren, ein Schwarzspecht schwingt sich schimpfend in die Wälder, ein junger Fischreiher steht regungslos am Ufer. Die Vögel haben heute eine deutlich geringere Fluchtdistanz als üblich. Vielleicht weil sie Hunger haben, weil ihnen kalt ist und eh alles egal, was da an ihnen vorbeizieht. Vielleicht ist es auch ein Effekt der Gewöhnung, der sie gelassener mit Begegnungen umgehen lässt.

Wir umrunden die Klausdorfer Insel und lassen und von der Strömung und dem Rückenwind zurück treiben. Es war keine gewaltige Tour, aber wir waren auf dem Wasser und an der frischen Luft und haben uns bewegt. Das ist alles gut so. Wenn ich über Himmelfahrt aber nach Ärö padden möchte, muss ich mein Training ab jetzt aber deutlich intensivieren.

Samstag, 2. März 2013

Präsidialer Ausflug


Am Sonnabend, den 2. März sollte die Vollversammlung der Schleswig-Holsteinischen Sportjugend in Glücksburg stattfinden. Kein Problem eigentlich, da ich herzlich wenig damit zu tun habe. Eigentlich. Aber dann ist mein Verein dem Bildungsreferenten doch noch eine Gefälligkeit schuldig und wie es der Zufall will, sind alle anderen Alternativen auf Kindergeburtstagen unabkömmlich eingebunden - und der Präsident muss doch selber ran. Da will ich wenigstens die Gelegenheit nutzen, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden und rufe Trenk an. "Prima! Dein Tagungsort liegt gleich neben meinem Klub!"

Ich sitze zwischen der sportpolitischen Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, der Bildungsreferentin der Deutschen Sportjugend, die extra aus Frankfurt angereist ist, schräg gegenüber von der zweiten Vorsitzenden des Deutschen Sportjugend, dem Vorsitzenden der Hamburger Sportjugend - und direkt gegenüber dem von mir besonders verehrten Vorsitzenden des Landessportverbandes, dem ehemaligen Innenminister des Landes Schleswig-Holsten. Ich bin immer wieder angetan davon, wieviele engagierte und großartige Menschen sich finden, die sich dem Sport ehremamtlich widmen.

Nachdem ich also ein kurzes Statement vor den knapp hundert Delegierten und hochrangigen Ehrengästen abgegeben habe, verabschiede ich mich - wieder einmal, bevor das Buffet eröffnet ist. Trenk ist von seinem Klub hergepaddelt und nachdem wir mein Kajak vom Auto zum Wasser getragen haben, hilft er mir, "trockenen Fußes" auf die Förde zu kommen. Ich habe heute nämlich nur einen Neoprenstiefel dabei, der andere muss mir zu Hause beim Packen aus der Kiste gefallen sein!

Es ist kurz vor vier und es herrscht ziemlicher Wind, eine glatte sechs die gesamte Zeit über. Er weht genau aus West und es wellt recht ordentlich. Ich hatte im Vorfeld darum gebeten, dass wir die Tour so organisieren, dass ich für die Rückfahrt auf die Unterstützung des Windes setzen könnte. Also steht fest, dass wir anfangs grob nach Westen orientieren müssen. Aber wir wollen auch noch die Landabdeckung am dänischen Ufer ausnutzen und so queren wir die Förde zuerst einmal in Richtung Ochseninseln und hangeln uns erst dann dicht unter Land gen Westen.

Ich bin ganz zufrieden, dass ich die ganze Zeit recht locker gegen den Wind ankomme, ohne dass ich große Probleme habe. Aber nach anderthalb Stunden muss ich doch  einsehen, dass ich etwas zu essen brauche, denn ich habe seit dem Frühstück nichts mehr zu mir genommen. Im Windschatten der ehemaligen Fähranlage stärke ich mich mit meinen zwei Stullen und heißem Apfelsaft.

Trenk zeigt mir noch das Gelände seines Paddelklubs am Südufer. Eine mögliche Alternative für meine Vereinstour im späten August. Nachdem er noch ein kleines Stückchen mit mir und dem Wind gesurft ist, verabschieden wir uns und ich bin auf mich allein gestellt. Es herrscht kräftiger Wind, das Wasser ist rattenkalt und es wird langsam dunkel. In solchen Umständen sollte man den sich bietenden Surfgelegenheiten nur zweite Priorität einräumen und zuvorderst an eine sichere Ankunft denken. Entsprechend gemäßigt gestalte ich meine Fahrweise. Als ich mich am Schwimmsteg mühselig aus dem Boot hangele (mein Schuh darf ja nicht nass werden), ist es bereits ziemlich dunkel. Die ersten Meter trage ich mein Boot noch alleine, muss aber schnell einsehen, dass es nicht wirklich tragbar ist. Zum Glück ist die Tagung noch nicht ganz beendet, so dass ich jemanden finde, der mir hilft. Das nächste mal muss ich daran denken, meinen Bootswagen einzupacken!

Samstag, 16. Februar 2013

"Was hältst du vom Leuchtturm?"

Ein bisschen sind Jörg und ich schon wie ein altes Ehepaar. Ich habe meinen Vorschlag noch nicht richtig ausgesprochen, da entgegnet er schon: "Ich wollte vorschlagen, dass wir heute dem Leuchtturm einen Besuch abstatten!". Wieder keine Gelegenheit für Streit. Die Sicht ist nicht berauschend, aber wir denken, dass es reicht - bis wir die Förde in den Blick bekommen! Das sind keine 500 Meter Sicht! Natürlich habe ich in der Hektik vorhin mein GPS-Gerät nicht eingepackt und den exakten Kurs zum Leuchtturm wissen wir auch nicht auswendig. Wenn uns jemand erzählen würde, dass er mit einer derartig lausigen Vorbereitung unter den gegebenen Bedingungen zum Leuchtturm fahren wollte, würden wir ihm abraten. Das muss auch für uns gelten. Also wird es wohl auf "eine gute Stunde nach links" hinauslaufen.

Mit dem Abladen der Boote und sie und uns betriebsfertig zu machen, sind wir mittlerweile recht fix. Nur ein ausführlicheres Gespräch mit einem interessierten Ornitologen verhindert eine rekordverdächtige Zeit. Kaum sind wir auf dem Wasser, meine ich, dass die Sicht besser geworden ist. Ich bilde mir sogar ein, Strukturen am anderen Ufer zu erkennen. Ich habe zwar ziemlich gute Augen, aber im Einbilden, etwas zu sehen, bin ich leider noch besser. Trotzdem ist auch Jörg der Meinung, dass es hier besser aussieht, als der erste Eindruck uns es vorhin weismachen wollte. Da nur moderater Wind herrscht, wollen wir nun doch versuchen, den roten Leuchtturm im weißen Dunst zu finden. Zumindest wollen wir versuchen, die erste Kabeltonne zu finden und dann entscheiden, wie wir weiter vorgehen.

Es dauert nicht lange, da schaukelt das kleine Beiboot des DGzRS-Kreuzers heran. Als die Besatzung uns entdeckt, ändert es seinen Kurs und fährt zu uns ran. Wo es denn hin ginge, ist die Frage. Wir wollen niemanden beunruhigen und erwidern, dass wir ein bisschen raus fahren und eine kleine Tour machen wollen. Es gibt keine weiteren Fragen oder Ermahnungen. Aber man hat seine Aufmerksamkeit und sein Interesse gezeigt. Eine sehr dezente Art, daran zu erinnern, dass ernsthafte Bedingungen herrschen, denen man sich nicht ohne entsprechende Kenntnis und Fertigkeiten aussetzen sollte.

Der Leuchtturm ist zu erkennen - mit viel Phantasie!
Zu sehen ist nichts. Wenn man mal von dem bewaldeten Ufer absieht, dass ich in unserer Fahrtrichtung überall am Horizont zu erkennen glaube. Wir schätzen den Kurs zum Leuchtturm irgendwo bei 45 Grad(*), die erste Kabeltonne liegt etwas nördlich. Sie und ihre Schwester unterteilen die gut sieben Kilometer in drei ziemlich gleich lange Teile, jedes also ungefähr zweieinhalb Kilometer lang. Es dauert gar nicht so lange, da entdecke ich vor dem bewaldeten Ufer eine Struktur, die die Kabeltonne sein könnte. Sie liegt auf jeden Fall in der richtigen Richtung. Irgendwann erklärt Jörg die Tonne für rot und ich bin verunsichert, weil das bedeuten würde, dass wir uns total verfahren haben. Aber ziemlich bald bin ich mir sicher, das wir auf dem richtigen Weg sind.

Der Leuchtturm ist zu erkennen - auch ohne Phantasie!
Die Tonne zeigt uns aber auch, dass wir sehr deutlich nach Westen versetzt werden. Von meinen anderen Touren weiß ich, dass hier nicht nur der Wind daran arbeitet, sondern dass auch immer eine merkliche Strömung herrscht, die einen zusätzlich vom Kurs abbringt. Wir fahren etwa sechzig Grad und hoffen, dass uns das zum Ziel bringen wird. Irgendwann zeigt sich eine weitere Struktur, der erst noch eine Bedeutung zugeteilt werden muss. So rein aus dem Gedächtnis eine Seekarte zu rekonstruieren, ist aber doch zu anspruchsvoll und eine kurze Zeit rechnen wir mit der Möglichkeit, dass das der Leuchtturm sein könnte. Aber mir behagt die Form nicht. Nach einer Weile steht fest, dass es sich um die Tonne Eins handelt, die in ihrem früheren Leben eine glückliche Kuh auf einer grünen Wiese war und nun unermüdlich ihr schreckliches Schicksal beklagt, einen öden Dienst auf der Förde verrichten zu müssen, wo das einzig grüne ihr eigener Anstrich ist. Zum Glück erkenne ich bald im Dunst vor dem bewaldeten Ufer eine weitere zwar schwache Struktur, aber deren Form entlarvt sie sofort als den wirklichen Leuchtturm.

Wir machen einen großen Bogen um die Lotsenstation. Auf ihrer Ostseite herrscht ein interessantes Kabbelwasser durch die an den Betonsockel klatschenden Wellen, die dort reflektiert werden. Aber unsere regelmäßigen Ausfahrten zeigen Wirkung und wir sitzen sicher und entspannt im Boot. Für den Weg zurück müssen wir uns kurz den Kurs ausrechnen und einigen uns auf 220 Grad. Es dauert eine erhebliche Weile, bis wir die erste Kabeltonne entdecken und sehen, dass unsere Berechnung goldrichtig war. Der Wind weht zwar nur mit guten fünf Metern pro Sekunde aber die Wellen sind, wie Wellen eben sind, wenn das Wasser groß ist und tief, dass sie sich aufbauen können. Aber sie sind rund und gutmütig und die Fahrt ist ausgesprochen entspannt und unangestrengt.

Doch das Frühstück ist lange her und wir sind fast zwei Stunden unterwegs und langsam kriecht der Hunger und der Durst in Magen und Kehle und so werden die letzten zehn Minuten dann doch noch lang. Ich muss mich erst einmal in Jörgs VW-Bus setzen und meine Stulle verdrücken und den heißen Apfelsaft einnehmen, bevor ich mich stark genug fühle, die Boote zu verstauen.

Beeindruckend finde ich die Tatsache, dass die Spuren unseres Hin- und Rückweges fast deckungsgleich verlaufen. Und wir hatten keine Sicht und kein GPS sondern nur unseren Kompass zur Navigation! Ohne Kompass allerdings wären wir vermutlich in Eckernförde gelandet - und auch das nur mit Glück!

(*) Der exakte Kurs von Bülk zum Kieler Leuchtturm beträgt übrigens 43,8 Grad!

Samstag, 2. Februar 2013

Günstige Gelegenheit

Oben auf der Wetterkarte ragt ein Zipfel aus der Republik heraus, der grüne Landschaft erkennen lässt. Der Rest der Heimat liegt unter schweren Wolken mit reichlich Symbolen für reichlich Regen verborgen. Das ist die Gelegenheit, in dieser an selbigen armen Jahreszeit unsere Boote mal wieder bestimmungsgemäß zu nutzen. Der Wind kommt aus Nordwest, das Wasser hat zweieinhalb Grad ebenso wie die Luft. Und der Himmel ist, wie die Wetterkarte es gestern Abend prophezeit hat, strahlend blau!

Wir setzen wieder am Strand vor Bülk ein. Das Wasser ist blau und grün, aber da ist auch ein brauner Streifen, der sich von der Mole auf die offene Förde zieht. Wir sind uns nicht sicher, ob das einfach Sand ist, der da vertrieben wird, oder ob es sich um eine Abwasserfahne aus dem Klärwerk handelt. Zumindest können wir absolut keine Geruchsentwicklung feststellen, als wir den trüben Bereich passieren.

Die Wellen gehen gleich recht hoch, denn der Wind kommt über das freie Wasser von Damp her. Es sind überall Bäckermützchen zu sehen. Wir fahren leidlich direkt gegen den Wind - ohne festes Ziel, der Sinn steht uns nur danach, Zeit auf dem Wasser zu verbringen, das Wetter, das Wasser und die frische Luft zu genießen. Der Wind weht mit gut vier Windstärken an der Grenze zur Fünf. So etwas verursacht auf der Innenförde nur mickrige Wellchen, hier draußen sind sie über einen halben Meter hoch und unser Boote dürfen sein, was sie sind: Seekajaks!

Nach etwas über einer Stunde drehen wir um. Ein Teil der Eirigkeit dabei ist dem Seegang geschuldet, ein nicht unerheblicher aber vermutlich auch der Wassertemperatur, die eine Unachtsamkeit im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt bestrafen würde. Zurück geht es dann deutlich hurtiger. Unsere Geschwindigkeit liegt im Gegensatz zu den fünf Stundenkilometern auf der Hintour nun meist um die neun Stundenkilometer und nicht selten bei deutlich über zehn. Mit zunehmender Dauer legt sich auch die jahreszeitlich bedingte Zurückhaltung und wir nutzen die sich bietenden Surfs immer hemmungsloser. Trotz der deutlichen Unterstützung des Rückenwindes kommen wir bei der Rückfahrt mehr ins Schwitzen als bei der Hintour.

Gegen den Wind ist es ein gleichförmiges Geschäft, bei dem man den Krafteinsatz wohl dosieren kann. Mit dem Wind muss man im rechten Moment alles dreinsetzen, sonst nimmt einen die Welle nicht mit. Und auch dann klappt es nicht mit Sicherheit und man muss dranbleiben und noch einmal kräftig beschleunigen und alles geben! Und wenn der erste Surf dann vorbei ist, kommt gerade wieder eine günstige Welle, die man noch mitnehmen möchte, und man muss alles geben... Am Ende ist man vollkommen fertig, obwohl man ohne diese Keulerei nicht wesentlich langsamer wäre. Aber man hätte nicht halb so viel Spaß!