Sonntag, 3. August 2014

Nordsee-Einsteiger 2014 - oder: Spaß mit Johanna

Eigentlich stand sie gar nicht auf der Liste - aber dafür am Montag in Rollschuhen vor der Bootshalle. "Die Nordsee-Tour ist wohl nichts für mich, oder?" "Komm' am Mittwoch vorbei. Dann werden wir sehen." Auch wenn ich an Johannas Kraft, ihre Ausdauer und vor allem ihre Leidensfähigkeit glaube, will ich doch wenigstens noch einmal sehen, ob sie die Strecke bis zur Glockentonne problemlos bewältigt. Bei dem Test hat mich dann auch noch Uschi so überzeugt, dass ich meine ursprüngliche Absage an sie wieder zurückgenommen habe. Somit startet die diesjährige Nordsee-Einsteigertour also mit  sieben Teilnehmer.

Immerhin bin ich ja lernfähig und habe diesmal zur Bedingung gemacht, dass jeder eine Seekarte mit sich führt. Auch solle man sich darauf gefasst machen, dass es Aufgaben zu bewältigen gibt. Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass sich alle wieder auf mich verlassen und darauf bauen, dass ich sie schon durch die Nordsee führen werde, ohne dass sie selbst auf irgend etwas achten müssen.

Am Anleger treffen von Schlüttsiel wir noch zwei alte Bekannte: Udo B., der mit seiner Frau nach Oland fahren will und Sigurd S., der sich Udo anschließen wollte, aber viel zu spät ist und ihm hinterherpaddeln muss. Ich erkläre Olav und Helge dafür verantwortlich, uns von Schlüttsiel nach Hooge zu bringen. Es ist beileibe keine große Tat, denn im Prinzip könnte man sich bewegunglos ins Boot setzen und warten, bis einen die Tide an Hooge vorbeispült. Außerdem ist die Nordsee wieder einmal Augsburger-Puppenkistenmäßig platt - kein Lüftchen kräuselt die Oberfläche und es ist so warm, dass ich ohne Hemd und mit offener Spritzdecke fahre.

Meine Vorgabe war, nicht etwa durchs Langeness-Fahrwasser sondern zur Süderaue zu fahren. Aufmerksam registrieren die beiden Navigatoren die Beschriftung der Tonnen, an denen sich mit zunehmender Fahrtdauer die zunehmende Strömung zunehmend bemerkbar macht. Als wir einmal in der Nähe einer recht großen Tonne direkt auf diese zufahren, kann man überdeutlich sehen, dass es einen einmal nach rechts und unmittelbar danach wieder nach links versetzt - wie das Wasser davor also in Schlangenlinien strömt.

Verabredungsgemäß macht die Gruppe vor der Tonne SA18 Halt. Hier fordere ich sie wieder auf, die genau südlich liegende grüne Tonne an ihrer linken Seite zu passieren. Da man dazu genau quer zum Strom fahren muss, muss man deutlich vorhalten und ernsthaft paddeln, will man nicht im letzten Moment auf die Blechkanne gespült werden. Da die Hallig hier schon sehr nah ist und einen perfekten Hintergrund bietet, kann man wunderschön sehen, ob der eigene Vorhaltewinkel stimmt, oder die Strömung die Oberhand hat.

Im Laufe der Fahrt kommt eine weitere Gruppe Paddler von hinten auf. Man kann sie lange vorher hören. Nachdem sie uns überholt hat, kann man in weiter Ferne eine dritte Gruppe hören. Der Schall trägt ungemein weit auf unbewegtem Wasser, denn man kann die Verfolger bislang kaum sehen. Als wir am Steindamm vor dem Hooger Hafen aus unseren Booten steigen, höre ich eine bekannte Stimme von hinten pöbeln: "Habt ihr kein Zuhause?". Trenk ist mit einer Gruppe von vier Paddlern ebenfalls unterwegs. Wenn wir schon im Sommer nicht mehr zusammen paddeln können, ist es doch schön, sich per Zufall zu treffen!

Ich hatte damit gerechnet, dass der Zeltplatz dicht belegt sein würde, aber außer den drei praktisch
gleichzeitig eingetroffenen Gruppen, ist niemand da. Auch der Segelhafen ist so gut wie leer. Ein ruhiges Wochenende droht uns. Es wird kurz der Zeitplan für morgen abgesprochen - wir hatten ja alle relevanten Zeiten, Entfernungen und Fahrtdauern am vergangenen Mittwoch ausgerechnet.

Nach dem Aufstehen prüfe ich kurz die Wetterlage mit Hilfe von Trenks Smartphone. Die Windvorhersage für heute hat sich gegenüber der von gestern wieder etwas beruhigt, so dass unserem Plan, zur Pallas zu fahren, nichts entgegensteht. Heute lege ich die Navigation in die Hände von Michael und Peter. Die Zeiten hatten wir ja schon am Mittwoch errechnet, nun müssen auch noch die Kurse bestimmt werden, die uns hin- und möglichst auch wieder zurück bringen.

Die beiden sind sehr abgeklärt und wählen einen für mich zwar überraschenden, aber sehr solide fahrbaren Kurs. Natürlich wollen wir zunächst eine Pause auf Jappsand machen, das war Vorgabe, aber dann soll es die Süderaue komplett raus ein gutes Stück in Richtung Amrum gehen und nach der Passage des Schmaltiefs ins Rütergatt. Vor dort aus kann man einfach dem Tonnenstrich folgen und landet praktisch ohne Vorhalt an der Pallas. Nicht der direkteste Weg aber vielleicht der einfachste.

Der Wind weht recht konstant mit etwa drei bis vier Beaufort aus Südost. Das lässt kaum Wellen entstehen, aber die Strömung am Zusammenfluss von Norder- und Süderaue ist natürlich immens und lässt die Wasseroberfläche köcheln. Das sind ungewohnte Wellen, die es so auf der Ostsee kaum gibt. Als wir die rot-grüne Tonne am Eingang zum Rütergatt passieren, ist deutlich, dass die Verhältnisse einen ständigen Stress verusachen. Das würde die nächsten vier Stunden nicht besser werden. Ich gebe den Kniepsand als neues Ziel aus, für den der bisher gefahrene Kurs eh genau die Ideallinie dargestellt hat.

Die lange Pause auf dem verschwenderisch breiten Strand von Amrum wird komplett im Urlaubsmodus verbracht. Alle gehen schwimmen, fast alle zum Kiosk ein Eis essen, und manche lassen sich den Pelz verbrennen...

Für die Tour zurück übertrage ich Johanna und Uschi die Navigationshoheit - aber mir ist klar, dass ich eher selbst dir Richtungen angeben muss, denn für beide ist Paddeln unter den hiesigen Bedingungen noch  eine komplett neue und unbekannte Welt. Ich zeige kurz auf der Karte, welche Tonnen wir wie anvisieren und wie wir von der einen zu anderen kommen wollen. Es ist hier schon zu spüren, dass meine eindringliche Ansage "die müssen wir links liegen lassen", noch nicht in der Tiefe verstanden wird, in der sie gemeint ist.

Nachdem wir die geschützen Gefilde des Kniepsandes verlassen haben und wieder in die Turbulenz der strömenden Priele eingetaucht sind, ist es mit der Entspanntheit auch gleich vorbei. Es spritzt und schwabbelt und den Kurs zu halten, ist nicht mehr ganz einfach. Ich fahre so, dass wir alle Verschneidungszonen rechtwinklig durchqueren, um nicht unnötige Unsicherheiten zu provozieren. Der Strom geht fast exakt quer zu unserer Fahrtrichtung und wir müssen gute 45 Grad vorhalten. Die Gewalt, mit der wir versetzt werden, beeindruckt alle sichtlich. Trotzdem produzieren wir eine sehr gerade Spur auf dem GPS-Log mit ganz ordentlicher Geschwindigkeit.

Ich sehe, wie Johanna häufig Mühe hat, die Nase ihres Bootes gegen den halben Wind in der
gewünschten Richtung zu halten. Immer wieder wird sie nach Lee verweht und muss sich mühselig mit Bogenschlägen zurück auf Kurs bringen. Als sie schließlich zu Konterschlägen greift, ist das für mich das Zeichen, dass sie den Bedingungen nicht gewachsen ist. Ich schließe zu ihr auf und frage, ob sie denn den Schieber für das Skeg auch ganz nach vorn geschoben hat. "Ja, habe ich!". Nun, dann ist das Mädel schlicht zu leicht und das kriegen wir so schnell nicht korrigiert. Aber ich weiß ja, dass sie über einen beeindruckenden Willen und eine ebensolche Leidensfähigkeit verfügt, so dass ich nicht im Geringsten beunruhigt bin. Als es bereits in der Nähe von Jappsand besonders verzweifelt ist, schicke ich Peter zu ihr, der sie etwas vom Wind abschirmen soll. Das funktioniert nur suboptimal so dass ich zusätzlich auf ihre Lee-Seite fahre und sie mit dem Paddel immer wieder auf Kurs drücke. Als Peter ihr besonders nahe kommt, fällt sein Blick auf den Skeg-Schieber an ihrem Boot und er sagt ungläubig: "Der ist ja gar nicht vorne!". Na ja: vorne und hinten kann man schon mal verwechseln. Nach der Korrektur ist es ein Kinderspiel für Johanna, ihr Boot auf Kurs zu halten. Nach dieser Selbstkasteiung gönnt sie sich in der Pause auf Jappsand ein ausgiebiges Bad, bei dem sie mit zwei Seehunden Ringelpiez mit Abtauchen spielt. Wir laufen genau mit Hochwasser in den Hooger Segelhafen ein und genießen den komfortablen Ausstieg direkt über die Wiese, ohne die Boote schleppen zu müssen.

Der Abend ist meiner langjährigen Tradition folgend dem Friesenpesel gewidmet. In lauer Luft schäkern wir mit der redseligen Aushilfsbedienung, und ich muss zum wiederholten Male feststellen, dass das Salzlamm in Riesling-Sauce einfach göttlich schmeckt. Heute wundere ich mich nur, dass meine Mitpaddler mir freiwillig den größten Teil der Kartoffelrösti überlassen. Beim Heimweg machen wir noch einen kleinen Abstecher zum Fähranleger um die Ecke. Johanna muss am Sonntag Abend zu einem Geburtstag in Hamburg sein und will daher gleich morgen früh mit der Fähre zurück. So weiß sie also genau, wo der Anleger ist und kann sehen, wieviel Zeit der Weg in Anspruch nimmt.

Da die Fähre bereits morgens um acht ablegt, muss Johanna bereits sehr früh aufstehen, ihre Sachen zusammen und ins Boot packen und sich auf die Socken machen. Obwohl wir für den Sonntag die Urlaubsvariante mit lange Ausschlafen und viel Zeit gewählt haben, habe ich mir extra den Wecker gestellt, um sie zu verabschieden. Ich kann ja nicht einfach eines meiner Schäfchen ohne Gruß ziehen lassen - noch weniger könnte ich mit ansehen, dass sie vielleicht verschläft und dadurch die Fähre verpasst. Aber als ich aus dem Zelt komme, hat Johanna ihre Sachen schon größtenteils zusammengepackt und sitzt gemütlich beim Kaffee. Als wir sie verabschieden, hat sie alle Zeit der Welt, den Weg bis zur Fähre zurückzulegen, so dass ich mich beruhigt wieder in meinen Schlafsack zurückziehe.

Nach einer guten Stunde strecke ich meinen Kopf wieder aus dem Zelt - und sehe Johanna ihr Boot hinter sich her ziehend zum Zeltplatz zurücktrotten! Was ist passiert? Keine Fähre am Sonntag? Kein Geld dabei? Dem Kapitän vors Schienbein getreten? Nein, die Lösung ist ganz einfach: um zum Anleger zu kommen, muss man bei der Kirchwarft links abbiegen, so wie wir es gestern zweimal gemacht haben. Wenn man aber im Halbschlaf und "Kopf-unten-und-nix-denken-Trott-Modus" immer gerade aus geht, landet man auf der Hanswarft. Dort haben Jogger Johanna dann geweckt und gefragt, wo sie denn mit dem Boot hin will. Danach sind alle zusammen über die Hallig zum Anleger gejoggt. In Rekordzeit eine Minute nach Acht dort angekommen, konnten sie dem heute bereits eine Minute vor Acht abgefahrenen Dampfer noch hinterherwinken! Aber im Grunde wollte Johanna ja von Anfang an mit uns zurück paddeln!

Das gesamte Wochenende herrscht ein unglaublich schönes Wetter mit Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Nur mäßiger Wind und kein Regen. Na ja, fast kein Regen: nur in der Nacht zu Sonntag, als der Wind so arg an Johannas Zelt gerüttelt hat, dass sie sich mit ihrem Schlafsack lieber davor gelegt hat, nur da sind tatsächlich ein paar Tropfen Regen gefallen, gerade so viele, dass Johanna sich doch lieber wieder ins Zelt zurückzog. Bei diesem fantastischen Wetter also machen wir einen ausgiebigen Spaziergang über die Hallig. Auf der Einkaufswarft erbost Peter die Betreiberin des Souvenierladens, indem er ihr unterstellt, sie verkaufe Plastikflaschenpostflaschen, die die Kinder dann ins Meer schmeißen, wo sie riesige Müllteppiche bilden. Dabei steht da fett draufgedruckt: "Nicht ins Meer schmeißen!". Peter rudert heftig rückwärts, um die aufgebrachte Frau wieder etwas zu beruhigen. Uschi und ich erstehen einige Postkarten, von denen ich eine direkt an Klaus-Peter schicke - als Ersatz für die vergessene aus meinem Österreich-Urlaub.

In unseren Vorräten befinden sich noch große Mengen roter Grütze, die wir unmöglich wieder mit zurück nehmen können. Also versammeln wir uns vor der Abfahrt noch einmal unter dem gegen die gnadenlos brezelnde Sonne aufgespannten Tarp, um Erdbeer- und Gartenfruchtgrütze zu löffeln - wahlweise mit Vanillesauce oder griechischem Joghurt.

Sobald der Wasserstand es zulässt, bringen wir die Boote über die Rampe und machen uns auf den Heimweg. Navigation ist heute nicht notwendig, wir wollen einfach nach Hause. Der Wind hat über Nacht gedreht, er weht nun ziemlich genau aus West. Auch die Strömung geht in dieselbe Richtung. Wir könnten im Fahrwasser fahren und alles wäre einfach und leicht und - langweilig. Also biege ich unvermittelt ab und wähle einen Kurs quer über die Flachs und zwischen den Sandbänken. Hier schwabbelt das Wasser zwar wieder etwas, was nicht allen gefällt, aber auf dem "Hasenweg" hätte niemand etwas gelernt und niemand hätte die Flachs, über die wir uns stochern, auch nur gesehen.

Gegen Ende des Weges werden die Bedingungen zum Surfen immer besser und alle nutzen diese Gelegenheit nach ihrem jeweiligen Vermögen. Bei Michael und Olav macht sich deutlich eine gewisse Routine bemerkbar. Sie agieren sichtlich entspannter als noch im vergangenen Jahr und sind meist vorne zu finden. Ich gebe Michael, der eindeutig der beste Navigator ist, nach jedem Abschnitt meinen Plan bekannt und kann mir sicher sein, dass er ihn eigenständig verfolgt, auch wenn er weit vor mir fährt.

Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen von Schlüttsiel überhole ich die gesamte Gruppe, um zu sehen, ob sie es schaffen kann, vor der uns verfolgenden Amrum-Fähre ins Hafenbecken einzulaufen. Als ich wende und die Positionen der Fähre und der Gruppe sehe, weiß ich, dass das nichts werden kann. Also postiere ich mich südlich der Hafeneinfahrt außerhalb des Fahrwassers, in der festen Annahme, dass alle auf mich zufahren werden. Tun auch alle. Fast alle. Leider ist Johanna aber gerade so mit Surfen beschäftigt, dass sie für nichts anderes ein Auge hat und diagonal ins Fahrwasser driftet - der Fähre genau vor die Nase. Mir stockt der Atem und ich versuche, sie anzurufen, gestikuliere wild mit Armen und Paddel - aber der einzige, der Notiz davon nimmt, ist vermutlich der Kapitän der Fähre, denn der fährt weiter in aller Seelenruhe von hinten auf die Paddlerin zu und lässt sein Typhoon unangetastet. Ich sehe Johannchen schon im Schaum zerschreddert werden, als Helge, der etwas näher dran ist, sie anruft, was sie veranlasst, sich erst umzudrehen und dann kleinlaut wieder hinter die Pricken zu verziehen. Geht doch!


Montag, 9. Juni 2014

Kieler Bucht - halbrund - Westflanke (3/3)

Schleimünde  hat keine Windräder - aber einen Flaggenmast, der einem die Windrichtung verrät. Nördlich sagt der. Fast fühlen wir uns verwöhnt, wir hätten es nicht besser planen können; drei Tage ausgesetzte Touren auf dem Wasser und keine widrigen Winde, einmal fast Flaute und zweimal Rückenwind - was will man mehr.

Zusammen mit einer beträchtlichen Horde Segelyachten zwängen wir uns durch das Nadelöhr Schleimünde. Wir müssen sogar etwas zickzack fahren, um nicht mit einem der vielen weißen Rümpfe in Konflikt zu geraten. Einmal draußen nehmen wir geraden Kurs auf Bülk: 156 Grad. Aber genau genommen muss man gar nicht auf den Kompass schauen, sondern einfach nur dem Pulk der zahllosen Segler folgen, dann kann nichts schief gehen. Allerdings ist das mit dem Folgen insofern schwierig, als wir einen klitzekleinen Tuck schneller sind als unsere windabhängigen Gefährten. So lassen wir eine Yacht nach der anderen hinter uns, ernten von respektvollem, freundlichem Gruß bis hin zu demonstrativer Ignoranz das gesamte Spektrum möglicher Grußreaktionen.

Wir wollten ausdrücklich keine Rücksicht auf das Schießgebiet nehmen, das weit draußen vor Schwansen liegt. An Pfingsten wird schon nicht geschossen werden, war unser Ansatz. Aber unser direkter Kurs bringt uns exakt zur südwestlichen Begrenzungstonne des Sperrgebietes, so dass wir uns problemlos regelkonform verhalten können. Zu unserer Verwunderung kreuzt auch kein einziges Segelboot das gekennzeichnete Areal. Das habe ich auch schon anders erlebt.

Mit zunehmender Strecke dreht der Wind immer mehr auf Ost und er nimmt auch etwas zu. Das führt dazu, dass uns nach und nach alle bislang überholten Yachten wieder einholen und davonziehen. Als wir eine etwa zehnminütige Pause einlegen, können wir sehen, wie weit ein Segelboot in so einer vermeintlich kurzen Zeit kommt. Die Bedingungen sind vollkommen harmlos, fast lieblich, aber das schützt nicht vor Überraschungen. Bei irgendeinem harmlosen Manöver verhake ich mich mit dem Paddel im Wasser, so dass ich nur knapp einer Kenterung entgehe. Ich denke, ich hätte es überlebt, aber peinlich wär's schon gewesen.

Wir sind seit drei Tagen druckvoll auf langen Schlägen unterwegs. Auch heute liegt unser Pensum nur knapp unter dreißig Kilometern. Trotzdem sind wir nicht am Ende mit unseren Reserven und halten eine konstante Geschwindigkeit über die gesamte Zeit. Genau vier Stunden nach der Abfahrt in Schleimünde schlagen wir an derselben Stelle an, an der wir am Samstag morgen gestartet sind.

Sonntag, 8. Juni 2014

Kieler Bucht - halbrund - Nordflanke (2/3)

Mein erster Blick aus dem Zelt geht zu den Windrädern. Gestern waren sie alle nach Westen gerichtet, wo der Wind herkam. Nun ist ihr Kopf um 180 Grad gedreht, entprechend der Wind. Das wäre für uns eine willkommene Unterstützung. Wir wollen ziemlich genau nach Westen - nach Schleimünde. Das sind gute dreißig Kilometer über freies Wasser. Nicht so weit wie gestern, aber eben auch kein Pappenstiel.

Was sich nicht so günstig darstellt, ist der Rest des Wettergeschehens. Es hängen dunkle Wolken über dem südlichen Himmel. Das erste Grummeln, das wir vernehmen, rechnen wir noch den überraschend mannigfaltigen Lebensäußerungen der Windräder zu. Aber schließlich können wir uns nicht mehr der Erkenntnis verweigern, dass die für nachmittags vorhergesagten Gewitter sich bereits jetzt entfalten. Im Osten, in der Richtung, aus der der Wind weht, herrscht eine recht harmlos wirkende Mischung aus Blau und Weiß, aber Gewitter ziehen eben nicht mit dem Wind sondern ihm entgegen. Wenigstens bleibt es an unserem Platz trocken, so dass wir die im nächtlichen Regen nass gewordene Ausrüstung trocken einpacken können.

Allerdings machen wir den Fehler, die gesamte Ausrüstung in die Boote zu stauen, während sie noch auf der Wiese liegen. Dadurch müssen wir sie schließlich mit all ihrem Gewicht zum Wasser schleppen, was man günstigstenfalls als leichtsinnig bezeichnen kann - ehrlicher aber als schwachsinnig bezeichnen muss. Wenn hier die eine oder andere Bandscheibe die Klügere gespielt hätte, wäre unser Wochenende im weiteren alles andere als entspannt verlaufen.

Nachdem Jörg sein linkes Handgelenk nach allen Regeln orthopädischer Kunst filigran mit Duck-Tape umwickelt hat, ich ihm mit einem besonders großen Exemplar aus meiner umfangreichen Pflastersammlung die Scheuerstelle unter der Achsel versorgt habe, machen wir uns hoffnungsfroh auf den Weg. Dem Drängen nach Schleimünde stehen die Vernunft, der dunkle Himmel und unser Schiss entgegen. Wir machen allerhand Annahmen, stellen Hypothesen auf und wägen Wahrscheinlichkeiten ab. Aber im Grunde suchen wir nur Ausflüchte gegen unsere Überzeugung, dass wir unter den herrschenden Bedingungen auf gar keinen Fall eine etwa fünfstündige Überfahrt über freies Wasser machen können.

Der Kompromiss ist, dass wir uns erst mal eine Stunde dicht an der Küste von Ärö entlang hangeln und dann sehen, wie wir weiter verfahren. Die Rechnung geht auch gut auf, denn nach anfänglichem, indifferentem Aussehen des Wettergeschehens klart es so nachhaltig auf, dass wir unseren Kurs schießlich genau nach Westen richten und auf die Südspitze von Alsen zuhalten. Der Wind ist zwar mäßig, weht aber konstant aus Osten, so dass er auf dem Belt immerhin ein paar Wellen zusammenschiebt, die den langen Schlag deutlich kurzweiliger machen.

Eigentlich wollen wir direkt an Land und Pause machen, aber der Strand ist hier vollkommen steinig, so dass wir noch eine ganze Weile weiter nach Westen fahren, bis wir uns schließlich an einem Badestrand von rauschenden Wellen auf den Sand spülen lassen. Wir sind bereits eine ziemliche Weile und Strecke gepaddelt, so dass ein kleines Nickerchen in der Sonne jetzt genau das richtige für uns ist. Eine gute Stunde lassen wir uns die Sonne auf den Pelz braten, bevor wir uns auf die letzte Etappe des Tages machen.

Der Kurs nach Schleimünde ist ziemlich genau Süd und damit leicht zu halten. Erst als wir den Eingang der Flensburger Förde fast ganz überquert haben, machen wir noch einmal einen kleinen Gewittersicherheitsschwenk, um näher ans Ufer zu gelangen. Zwar fahren wir immer noch etliche hundert Meter weit draußen, aber die handvoll Jetskis, die vor dem Strand von Falshöft auf und ab fahren, hören wir schon aus kilometerweiter Entfernung. Da haben ein halbes Dutzend Menschen einen stundenlangen Spaß - und nehmen alle in weitem Umkreis befindlichen Menschen in weitem Umkreis in Geißelhaft. Ich habe kein Verständnis für solche Art von "Sportgeräten".

Das Naturschutzgebiet Schleimünde ist lange im Voraus zu sehen und man denkt, es gleich erreicht zu haben. Aber wie so oft scheint es mit der Annäherung im gleichen Maße nach hinten zu driften, so dass es ein ausgesprochen mühseliges Unterfangen ist, es einzuholen. Bei der Vorbeifahrt an seinem südlichen Ende sehen wir Zelte, die direkt an der Strandseite aufgebaut sind. Es wundert uns etwas, denn normalerweise stehen hier keine Zelte, und besonders attraktiv scheint mir diese Stelle auch nicht zu sein. Als wir am Strand des kleinen Hafens auflaufen, erahnen wir den Grund: da ist eine lange Reihe von Kajaks und Kanadiern auf dem Sand geparkt, die eine dichte Belegung des Platzes vermuten lässt. So dicht besiedelt habe ich Schleimünde noch nie erlebt. Nur mit Mühe finden wir ein Plätzchen für unsere Zelte. Immerhin hat die Giftbude geöffnet. Offensichtlich hat die Bewirtung gewechselt. Aber auch die jungen Pächter können nichts daran ändern, dass sie fast restlos leergekauft sind. Zum Glück gibt es noch genug Bier und Johannisbeersaft, so dass wir nicht komplett auf dem Trockenen sitzen bleiben.

Samstag, 7. Juni 2014

Kieler Bucht - halb rund - Ostflanke (1/3)

Die Erde und das Universum waren dem Urknall noch 40 Jahre näher, als ich das erste Mal an Schleimünde vorbei hinaus in die unendlichen Weiten der Kieler Bucht segelte. Es war ein erhebendes Gefühl, das feste Land allmählich aus dem Blick verschwinden zu sehen bis wir schließlich rundherum nur noch von Wasser umgeben waren. Seitdem hat sich das Universum um gute vierzig Lichtjahre ausgedehnt - die Kieler Bucht hingegen ist um einiges geschrumpft.

Ich war davon ausgegangen, dass ich die seit mehreren Jahren angepeilte Querung von Bülk nach Ärö alleine unternehmen würde, aber nun ist überraschend Jörg mein Begleiter. Wir haben in den letzten Wochen gezielt darauf hin trainiert, lange Strecken zu fahren und halten uns für gut vorbereitet. Marie-Theres bringt uns mit unserem gesammeltem Trödel nach Bülk. Obwohl es noch recht früh am Tag ist - noch nicht einmal halb acht - gibt es bereits keinen freien Parkplatz mehr. Alle sind mit Camping-Mobilen belegt, die bereits mindestens seit gestern Abend hier stehen. Irgendwie ja schön, dass die Leute diesen Platz so mögen, aber irgendwie entsteht auch ein komisches Gefühl, dass er mittlerweile so überlaufen ist.

Obwohl wir nur eine Sommertour machen und entsprechend leichtes Gepäck verstauen müssen, dauert es bis viertel nach Acht, bis wir tatsächlich auf dem Wasser dümpeln. Ein wesentlicher Grund ist die um diese Uhrzeit noch verschlossen Toilette, ein Umstand, der umständliche Geländeerkundungen nach sich zieht.


Es herrscht erstaunlich frischer Nord- sprich Gegenwind. Das ist eher am oberen Ende dessen, was man aus der Vorhersage hätte herauslesen können. Es ist deutlich mehr, als mir gegen Ende meiner Unternehmung entgegenblies, als ich weiland von südlich Olpenitz nach Ärö gepaddelt bin. Damals hat mich dieser Gegenwind gehörig genervt und sehr an meinen Reserven gezerrt. Heute habe ich absolut keine Bedenken, dass wir es notfalls auch dann schaffen, wenn der Wind weder nachlässt noch seine Richtung zu unseren Gunsten ändert.

(auf diesem Bild ist ein Frachter versteckt!)
Die Sicht ist noch nicht überragend. Der Kieler Leuchtturm ist nicht zu sehen, und an manchmal nur
schemenhaft zu sehenden Frachtern kann man erkennen, dass noch Seenebel herrscht. Wir sind nicht in Sorge darüber, denn auf unserer Fahrtstrecke liegen keine Schifffahrtswege, die wir kreuzen müssten. Ich habe mein GPS sorgfältig programmiert - aber hier gibt es nicht viel zu programmieren, denn es liegen 43 Kilometer blaues Wasser vor uns mit wenig markierbaren Eigenschaften. Einzig genau in halber Entfernung zwischen Start und Ziel liegen zwei Tonnen - eine rot eine grün, wie sich das gehört. Allerdings sind beide fast zehn Kilometer voneinander entfernt und die gerade Linie unseres Kurses geht genau mittig zwischen ihnen hindurch. Es ist also nicht einmal sicher, ob wir diese beiden maritimen Markierungen überhaupt zu sehen bekommen.

Uns ist beiden klar, dass wir hier keine Rekorde bezüglich der Geschwindigkeit aufstellen können. Wir  müssen einen nachhaltigen Paddelstil entwickeln, wenn wir, ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen, auf der anderen Seite des blauen Wassers ankommen wollen. Wenn man seeehr weite Strecken paddelt, bleibt einem einfach keine andere Wahl, als dass jeder seine "intrinsische Geschwindigkeit" fährt. Alles andere würde Geist und Körper einem ständigen Stress aussetzen, der die Unternehmung am Ende insgesamt gefährdet. Fährt einer schneller als der andere, ist der langsamere immer versucht aufzuschließen, der vordere ist (manchmal) versucht, seinen Rythmus zu unterbrechen und zu warten. Beides zerstört den Flow, der sich einstellt, wenn man inneres und äußeres Schwingen in Einklang gebracht hat. Daher wäre meine Taktik eher, gemeinsame Zeiten zu verabreden, nach denen man zu kurzen Pausen zusammenkommt, als dass man ständig versucht, die unterschiedlichen Tempi mit Gewalt zu synchronisieren. Jörg  und ich haben aber im Laufe der Jahre zum einen eine quasi identische Grundgeschwindigkeit entwickelt, zum anderen haben wir alle Rennen zwischen uns schon ausgetragen - und jeder weiß, dass er den anderen nicht unter den Tisch paddeln kann. So können wir also sowohl in jeweils innerem Einklang als auch in äußerer Eintracht nebeneinander schwingen. Unser Problem ist eher, dass die Ostsee zu schmal für uns beide ist, so dass wir uns manchmal zu dicht kommen und sich unsere Paddeln miteinander verhaken. Aber auch dieses Problem bekommen wir mit zunehmender Schwingungsdauer immer besser in den Griff.

Die Sicht ist kontinuierlich klarer geworden, wir können die Steilküste von Stohl ständig hinter uns erkennen. Schwansen im Westen ist ebenfalls gut zu sehen, und als wir nach zwei Stunden unsere erste kurze Pause einlegen, ist Ärö im Norden vor uns auch bereits auszumachen. Nur nach Osten ist kein Land zu erkennen - dort haben wir tatsächlich so etwas wie offene See. Schiffsverkehr findet keiner statt, nur ab und zu sieht man mal ein Segelboot unseren Kurs queren, keines nah genug, dass man der Besatzung in die Augen blicken könnte. Der Wind lässt immer weiter nach, die Wellen zwingen uns zwar noch dazu, uns während der Pause gegenseitig zu stabilisieren, sind aber klein genug, dass wir die Spritzdecke offen lassen können. Heute wäre Helgoland-Wetter - aber auf der Nordsee herrschen heute andere Verhältnisse.

Das Nachlassen des Windes geht soweit, dass die Ostsee schließlich eine Cellophanoberfläche hat, die ölig auf und ab schwellt. Unser Ziel zeigt mittlerweile schon deutlich mehr Strukturen als nur ein milchig blasses Etwas auf dem Rand der Kimm. Aber es ist uns bewusst, dass das vermeintlich schnelle Näherkommen irgendwann umschlagen wird in ein verbissenes Wehren gegen die Annäherung. Vorerst sind wir hoch zufrieden mit unserer Vorstellung und schätzen unsere Geschwindigkeit auf annähernd sieben Kilometer pro Stunde. Demnach müssten wir uns nach vier Stunden in etwa auf der Mitte zwischen den beiden Fahrwassertonnen befinden. Wir machen die zweite Pause und halten nach den beiden Blechkameraden Ausschau. Es herrscht fast wolkenloser Himmel und immer noch absolute Windstille, gegenseitiges Festhalten wäre nun vollkommen übertrieben. Schon während des Paddelns zeigten sich immer wieder Fische in unserer Nähe, nun sieht man überall die Rückenflossen grätenführender Genossen die glatte Oberfläche stören, irgendwann zeigt sich der erste Schweinswal. Wir müssen unsere Pause direkt in deren Wohnzimmer gelegt haben, denn nach und nach tauchen überall ihre Rückenflossen auf. Sie kommen nicht nur flüchtig aus dem Wasser und tauchen wieder unter, nein, sie nutzen die gute Gelegenheit, tauchen auf, verharren dümpelnd an der Oberfläche und lassen sich die wohlig wärmende Sonne auf den nicht vorhandenen Pelz brennen.

Wir sind hier genau mitten im Nirgendwo, zurück wäre genauso weit wie voran. Aber die Kieler Bucht erscheint mir nicht mehr als endlose Weite, sondern ist zu einem ohne große Mühe und Risiko mit dem Kajak zu befahrenden Gewässer zusammengeschnurrt. Wir sehen an drei Seiten des Horizontes Land: Dänischer Wohld, Schwansen, Alsen, Ärö und Langeland sind ohne Probleme zu erkennen und zu erreichen. In dem um 40 Lichtjahre kleineren Universum hätte ich das nie für möglich gehalten! Was Training, Erfahrung und gereifte Technik vermögen, ist ausgesprochen faszinierend.

Jörg macht sich etwas Sorgen um sein linkes Daumengrundgelenk. Es besteht noch kein Problem, aber es macht sein Unbehagen über die aktuelle Belastung bemerkbar, und wir wollen ja auch noch die kommenden Tage ausgiebig paddeln. Wir werden dem Unbehagen Rechnung tragen müssen.

Die letzten drei Stunden ist Ärö praktisch zum Greifen nahe. Aber die Tatsache, dass die Pfeiler aller drei Windräder an unserem anvisierten Landeplatz noch im Wasser zu stehen scheinen, sagt uns, dass da noch ein Teil der Insel unter dem Horizont liegen muss und wir noch nicht gar so dicht am Ziel sein können. Nachdem die Windräder schließlich allesamt auf dem Trockenen stehen, könnte man die Entfernung auf wenige hundert Meter schätzen - wenn da nicht die klitzekleinen Segelyachten wären, die vor der Insel herumkreuzen. Wenn das keine Modellboote sind, wird es wohl immer noch weiter weg sein, es es nach unserem Bedarf der Fall sein müsste. Beharrlicher und bestimmungsmäßiger Einsatz der Paddelblätter lässt schließlich einige rosa Stifte auftauchen: die ersten Badegäste am Strand sind auszumachen! Nach genau sieben Stunden Fahrt erreichen wir stolz und glücklich den Übernachtungsplatz an den drei Windmühlen.

Der Strand ist ein "Naturist Strand", d.h. dass man hier ohne Textilien rumläuft. Wir schließen uns dem Trend an - nicht unbedingt aus Überzeugung sondern eher aus der schlichten Tatsache, dass wir keine Badehosen dabei haben und nehmen ein erfrischendes Bad in der Ostsee. Nachdem ein Linienbus schließlich die dänischen Naturisten abholt, sind wir praktisch alleine auf  unserer Zeltwiese.Unser Abendessen zelebrieren wir an der Tisch-Bank-Kombination des benachbarten Parkplatzes - ein Luxus, der sehr zur Entspannung der müden Muskeln beiträgt. Aufgrund des langen Tages ist es nicht verwunderlich, dass wir bald in unsern Nylonhütten verschwinden, um im fauchenden Rauschen der Windräder in die verdiente Nachtruhe zu gleiten.

Mittwoch, 28. Mai 2014

Feuertaufe

Seit Jahren wünsche ich mir, dass wir an einem Mittwoch einmal Winde haben, kräftig genug, brechende Wellen zu erzeugen und aus einer Richtung, die dies auch ermöglicht. Dienstag mittag schickte Arne eine Mail rum, in der er auf die günstigen Bedingungen hinwies und nach weiteren Interessenten fragte. Das Echo blieb verhalten.

Am Mittwoch war ich lange unentschieden, wie ich mich denn am Abend verhalten würde. Die Windgeschwindigkeit lag konstant bei zwölf bis vierzehn Metern pro Sekunde in der Innenförde und zwischen sechzehn und achtzehn Metern  am Leuchtturm. Das entspricht Windstärke sechs bis sieben bzw. sieben bis acht. Die ins Auge gefassten Startpunkte hatten alle ihre Tücken, insbesondere wenn man sie auf die Eignung für eine allererste Begegnung mit solchen Verhältnissen hin bewertete.

In der Bootshalle angekommen, war außer Nina, die sich als einzige auf Arnes Mail hin gemeldet hatte, nur noch Michael aufgelaufen. Auch er hat bisher absout keine Erfahrung mit Brandung und brechenden Wellen. Mein Magen sagte mir, dass es keine gute Idee sei, Anfänger buchstäblich ins kalte Wasser zu schmeißen bei Bedingungen, die sie mit ziemlicher Sicherheit überfordern würden. Ich machte ihnen das so gut es ging verständlich und schlug vor, dass wir uns der Vernunft gehorchend in die Schwentine zurückziehen würden.

Während der Fahrt über die Förde war ich sichtlich unzufrieden. Zum einen waren meine beiden Mitpaddler mit den hier herrschenden Verhältnissen in keiner Weise überfordert, zum anderen tat es mir Leid, eine so günstige und sich so selten ergebende Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen. Es müsste einen Strand an der Kieler Förde geben, an dem die Wellen auflaufen! Dort könnte man wenigstens ein bisschen üben. In Gedanken fuhr ich die gesamte Uferlinie der Förde ab - und blieb in Falkenstein hängen! Warum bin ich nicht früher darauf gekommen? Falkenstein liegt noch etwas in der Abdeckung, so dass die Wellen nicht allzu garstig sein können und außerdem gibt es dort eine vorgelagerte Sandbank, die die Energie der einlaufenden Wellen stufenweise runterregelt!

An der anderen Fördeseite angekommen, unterbreite ich den beiden meine Gedanken - sofort fangen ihre Augen wieder an zu leuchten. Wir kehren um, laden die Boote auf das Auto und fahren nach Falkenstein.

Außer uns steht nur ein einziges, einsames Fahrzeug auf dem Parkplatz. Es gehört einem Liebespaar, dass in sich versunken, knutschend im Wind steht und keine Notiz von den drei merkwürdig gekleideten Gestalten nimmt, die da dauernd an ihnen vorbei ächzend und stöhnend Boote und Ausrüstung zum Wassersaum schleppen. Wir postieren alle drei Boote schön senkrecht zu den auflaufenden Wellen, ich setze mich in mein Cockpit, schließe die Spritzdecke und lege ab. Ein Blick zurück offenbart mir mal wieder eine krasse Fehleinschätzung der Lage. Beiden ist das Boot während der Vorbereitungen quer geschlagen, so dass an ein Ablegen nicht zu denken ist. Ich sehe noch ein wenig zu in der Hoffnung, dass sie es vielleicht doch noch schaffen, lenke dann aber zurück, steige aus und schiebe beide ins Wasser. Michael hatte es immerhin einmal alleine geschafft, rückwärts vom Strand los zu kommen, war dann aber keine fünf Meter weiter beim Wenden sofort gekentert, so dass er auch wieder zurück musste.

Nina fährt sofort in gerader Linie durch alle Wellen und ich fürchte schon, dass sie sich nicht traut zu wenden und ich sie schließlich irgendwo vom anderen Ufer abholen muss. Aber wenig später rauscht sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht an mir vorbei Richtung Ufer! Beide haben einen Heidenspaß, das Surfen zu probieren und stellen sich dabei ausgesprochen geschickt an. Die Wellen sind deutlich unter einem halben Meter und brechen nur an einigen Stellen und auch dort nur mit sehr behutsamem Druck. Es sind einfach ideale Verhältnisse, um erste Erfahrungen mit wirklich brechenden und rauschenden Wellen zu sammeln. Ich bin ganz aus dem Häuschen, dass ich diesen Strand bislang nie für solche Übungen in Betracht gezogen habe.

Nachdem die Beiden eine Weile hin und her gepaddelt sind und diese Übung ihnen keine Schwierigkeiten mehr bereitet,  fordere ich sie auf, die weiß schäumenden Wellen seitlich zu nehmen und bewusst das beherzte Stützen zu üben. Michael geht gleich beim ersten Ansatz dazu baden. Das Wasser ist nur hüfttief, was das Ausleeren des Bootes erleichtert, aber der Wiedereinstieg ist nicht viel anders als wenn man schwimmen würde. Auch das eine gute Gelegenheit, so etwas einmal unter realistischen Bedingungen zu üben. Wieder im Boot sitzend, zieht Michael seine Paddelleine hoch - und muss feststellen, dass sich an ihrem Ende leider kein Paddel mehr befindet. Es schwimmt in guten zehn Metern Entfernung im Schaum. Ich könnte ohne Probleme hinfahren und es holen - aber dann läge Michael wieder drin, denn ohne Paddel zur Stabilisierung bleibt man hier nicht lange aufrecht. Also lasse ich ihn sich hinten an meinem Boot festhalten und manövriere uns zusammen zu seinem Paddel.

Bei diesem ersten Wiedereinstiegsversuch stand ich mit meinem Boot Bug im Wind wartend dabei, bis Michael seines gelenzt hatte. Dann bat ich ihn, sein Boot zu wenden, damit es Bug an Heck zu liegen kam. Dadurch zeigte es am Ende der Übung mit dem Bug in den Wind und somit in Richtung Strand, so dass er war gezwungen, eine Wende zu machen. Das führte leider unmittelbar zur nächsten Kenterung, so dass ich bei allen weiteren Wiedereinstiegen immer mein Boot wendete, was zwar mühseliger, unterm Strich aber zielführender war.

Wir nutzten auch noch die etwas frischeren Wellen auf der nördlichen Seite des Falkensteiner Dampferanlegers, aber nach einer Stunde auf dem Wasser blies ich zum Rückzug. Die Abstände zwischen den Kenterungen wurden nun kürzer und beide zeigten deutliche Ermüdungserscheinungen. Der mühseligste Teil war dann aber doch das Zurückschleppen der Boote über diesen unkultiviert breiten Strand zum Auto. Aber unser Grinsen im Gesicht hielt an und hatte sich tief in unser Inneres eingebacken!

Sonntag, 18. Mai 2014

Leuchtturm im Nebel

Meine Testtour zum roten Leuchtturm stand noch immer aus und heute sollte optimales Wetter dafür herrschen: Trocken, sonnig und kaum Wind aus nördlicher Richtung. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Als ich gegen halb zehn Uhr morgens mein Boot ans Wasser rollere, ist die Sicht leicht diesig - wie so häufig früh morgens, wenn ein sonniger Tag bevorsteht. Ich habe alle unbedeckten Hautpartien dick mit Sonnenschutz gesättigt, damit Marie-Theres keinen Grund zum Tadel hat. Die MSC Orchestra läuft in die Förde ein und tut mir den Gefallen, genau vor unserem Steg ihr Wendemanöver zu vollführen. Eine einmalige Gelegenheit, einem so großen Schiff genau Aug in Aug gegenüber zu stehen und es dabei zu fotographieren. Der Kapitän war wohl etwas ittitiert, dass ich so dicht vor seinem Bug auftauchte, und ich muss mir daraufhin eine Ermahnung der Wasserschutzpolizei anhören. Ich hätte im Leben nicht damit geerechnet, dass der Kreuzfahrer überhaupt Notiz von mir nimmt.

Ich bin recht warm angezogen mit Flies und Paddeljacke, denn momentan ist es noch recht frisch. Aber ich bin überzeugt, dass ich im Laufe der Tour das eine oder andere Kleidungsstück werde ablegen müssen. Die Sicht auf der Förde ist ziemlich zweigeteilt, die linke Seite liegt in strahlendem Sonnenschein und unter blauem Himmel, die rechte dagegen eingehüllt in dichten Dunst. Aber die Sonne ist bereits dabei, die Schwaden aufzulösen. Als ich Mönkeberg passiere, ist kaum noch Nebel zu sehen. Dafür herrscht eine emsige Betriebsamkeit auf dem Wasser: Aus den Kanalschleusen quellen unentwegt und in dichter Folge dicke Frachter. Das muss noch lichter werden, wenn ich eine Chance haben will, die Fahrwasserseite zu wechseln. Ich wundere mich etwas, dass ich den Friedrichsorter Leuchtturm noch nicht sehen kann, aber bis dahin ist es ja noch ein Weilchen. Als ich aber sehe, dass etwas auf Höhe von Möltenort die Frachter einer nach dem anderen von jetzt auf gleich vom Nebel verschluckt werden, dämmert mir, dass ich unmöglich dort an der eigentlich günstigsten weil engsten Stelle das Fahrwasser wechseln kann. Ich entschließe mich also, bereits kurz hinter der Tonne 14 die Seite zu wechseln, solange ich mich noch einigermaßen im sichtigen Bereich aufhalte.

Bald wird der Nebel dicker und ich muss mein GPS vom Vordeck auf die Spritzdecke holen, damit
ich sehen kann, wo die Tonnen des Sperrgebietes vor MAK liegen. Allerdings herrscht um mich herum ein derartiges Gehupe aller möglichen Pötte und der Fördedampfer fährt auch genau hier entlang, so dass ich am Ende doch diagonal durch das Sperrgebiet fahre. Hinter dem Leuchtturm nutze ich die weißen Bälle, die das Badegebiet von Falkenstein nach außen begrenzen, als Leitlinie. Ich muss ja noch am Anleger vorbei, und hier herrscht mittlerweile eine so dichte Suppe, dass die Dampfer es auch bei einem Vollbremsversuch schwerlich schaffen würden, mir auszuweichen. Und genau als ich am Steg ankomme, verlässt auch ein Fördedampfer den Anleger, um einem weiteren, der anlegen will, Platz zu machen. Ich fahre einfach unter dem Steg hindurch und gehe so allen Kollisionsangeboten aus dem Weg.

Ich kann auf keinen Fall in gerader Linie über die Strander Bucht fahren, denn auch hier fahren die Linienschiffe heraus und hinein. Also hangele ich mich weiter an den Bällen entlang, und als die aufhören nutze ich das Ufer selbst als Geländer. Meine Entfernung zum Strand beträgt weniger als fünfzig Meter, aber ich kann die Spaziergängerin dort kaum erkennen. Da ich schon deutlich über eine Stunde unterwegs bin, lege ich meine erste Pause sein, in der ich die dicke Stulle verdrücke, die ich mir unter die Schwimmweste gesteckt habe.

Mittlerweile hege ich arge Zweifel, ob mein Unternehmen, zum Leuchtturm zu fahren, heute überhaupt durchzuführen ist. Als ich nach der Pause nur wenige Meter gepaddeln bin, reißt die Sicht urplötzlich auf, so dass man Schilksee und Strande ohne Probleme sehen kann. Na also - es geht doch! Mit dem Aufreißen der Sicht setzt auch ein deutlicher Wind ein. Er kommt genau aus Norden und nach meiner Überzeugung hat der Nebel damit noch weniger Chancen, sich zu halten. Leider klemmt aber über der Bülker Landspitze penetrant eine Nebelbank, die weder durch Sonne noch durch Wind beeindruckt von ihrer Existenz lässt.

Aber die Aussichten sind gut und wenn der rote Leuchtturm auch noch nicht zu sehen ist, die Sicht beträgt meiner Einschätzung nach mehr als ein Kilometer, unterhalb dessen man überhaupt erst von Nebel spricht. Zum einen kenne ich den Kurs und zum anderen bin ich mit GPS-Gerät bewaffnet, in das ich die erste Kabeltonne als nächsten Wegpunkt einprogrammiere. Der Kurs ist 30 Grad und leicht zu halten, und als ich die Tonne erstmals sehe, sagt mir mein elektronischer Helfer, dass sie noch neunhundert Meter entfernt ist. Okay, mit gutem Willen ist das ein Kilometer Sicht und damit kein Nebel: Auf zu nächsten Kabeltonne! Der Kurs ist jetzt leicht östlicher und nicht mehr ganz so einfach auf dem Kompass abzulesen. Eigentlich empfinde ich die Sicht als ganz passabel, aber bei neunhundert Metern Entfernung ist immer noch keine Tonne zu sehen und bei sechs hundert Metern auch nicht. Bei dreihundert Metern ist nullkommanichts zu sehen und bei zweihundert Metern dasselbe milchig-weiße Nichts. Ich komme langsam ins Grübeln, als bei 180 Metern vor mir schüchtern eine gelbliche Tonne schemenhaft durch den dichten Nebel lugt. Meine Entscheidung steht fest: hier werde ich umdrehen!

Zwar wäre es absolut kein Problem, den Leuchtturm zu finden, aber wenn die Losten mich entdecken, würden sie die Wasserschutzpolizei rufen und ich hätte jede Menge Stress. Das muss nicht sein. Während der Rücktour wechselt die Sicht immer wieder zwischen schlecht und nicht vorhanden hin und her, so dass ich manchmal Schiffe sehe, die mehrere hundert Meter entfernt vorbei fahren, nur um sich dann gleich wieder im milchigen Weiß aufzulösen. Irgendwo im Off tuckert der Rettungskreuzer der DGzRS an mir vorbei. Bei Bülk angekommen muss ich erkennen, dass die Sache mit dem Auflösten des Nebels nicht eingetreten ist: Der Leuchtturm ist erst aus weniger als zweihundert Metern zu erkennen. Witzigerweise ist aber die Strander Bucht wie schon auf der Herfahrt so gut wie nebelfrei. Nur das andere Ufer ist nicht zu sehen. In Laboe ragt nur die Spitze des Marineehrenmals aus dem dichten Nebel.

Der Nordwind weht beständig uns schiebt mich geduldig nach Hause. Ich paddele nachhaltig, ohne besonders auf die Geschwindigkeit zu achten, aber mit ständigem Druck. Durch meine vorzeitige Wende habe ich nur 41 Kilometer auf der Uhr, als ich am heimischen Steg anschlage.Aber mein Vorhaben bestand nicht eigentlich darin, zum roten Leuchtturm zu fahren, sondern eine lange Zeit im Boot zu sitzen und eine weite Strecke in nachhaltiger Weise zu paddeln. Wenn ich mir die Trackaufzeichnung des GPS ansehe, ist mir das voll gelungen: Ich war knappe fünf einhalb Stunden unterwegs, habe nur eine richtige, nicht einmal zehnminütige Pause gebraucht, und mein Tempo hat über die gesamte Zeit nicht nachgelassen. Dass es auf der Rücktour sogar über dem der Hintour lag, schreibe ich dem leichten Nordwind zu. Ach ja: ich habe kein einziges Kleidungsstück abgelegt! Die meiste Zeit habe ich mich halt doch im Nebel aufgehalten und auch in der Sonne war es dann doch noch nicht so warm wie erwartet. Besonders bemerkenswert ist noch der Umstand, dass ich nach der Tour nicht malad darnieder lag, sondern durchaus noch für das folgende familiäre Grillen, Brotbacken und Chillen zu gebrauchen war.

Sonntag, 6. April 2014

Nordsee im April

Es muss November gewesen sein, als wir diesen Termin für eine Tour ausgekungelt haben. Aber auch, wenn wir uns erst eine Woche vorher verabredet hätten: Anfang April ist einfach kein Datum, an dem man mit verlässlich akzeptablen Bedingungen rechnen kann. Wenn ich an das letzte Jahr denke, als um diese Zeit noch Schnee lag und die Temperaturen darnieder - bei solchen Bedingungen hätte wohl keiner von uns ein Wochenende im Schlafsack auf der Hallig verbracht. Doch die im Vorfeld bang beobachtete Wettervorhersage nimmt uns allen Wind aus den Segeln: Am Freitag tagsüber noch fünf bis sechs Beaufort, aber ab 17:00 Uhr abflauend und außerdem eh aus Osten. An den folgenden Tagen dann nur noch schwachwindig aus westlicher Richtung. Das verspricht doch eine gemütliche Unternehmung zu werden mit Rückenwind auf Hin- wie Herweg. Und am Sonnabend soll durchgängig die Sonne scheinen! Welch Glückes Geschick!

Allein - in Schlüttsiel am Anleger stehend müssen wir uns eingestehen, dass der Wind nicht wirklich nachlassen will und die Messwerte der Windgeschwindigkeiten sich herzlich wenig um die Vorhersage scheren! Sie liegen im Mittel deutlich über zehn Meter pro Sekunde und damit im Sechser-Bereich. Die Böen liegen über 14 m/s, was ganz unromatische sieben Beaufort sind. Die Sicht ist nicht berauschend und es sind Schauer angesagt. Ist es klug, bei sechs Grad Wassertemperatur, sechs Beaufort und Wetterbedingungen, die auch eher die Schulnote sechs verdienen, mit klitzekleinen Booten über die Nordsee zu schippern? "Klug" ist vielleicht nicht ganz die richtige Frage. Aber die richtige Frage möchten wir dann doch lieber nicht stellen.

Trenk ist prall geladen mit dem Wunsch, sein neues Boot auszuprobieren und eine der für ihn immer schwieriger zu arrangierenden Fahrten mit uns auch durchzuführen. Fast nimmt er uns die Luft, zu einer unbeeinflussten Überzeugung zu gelangen. Jörg ist prinzipiell sogar bereit, die ganze Unternehmung abzublasen, und ich suche noch nach einem Kompromiss zwischen meinen Befürchtungen und Wünschen. Ich fürchte am meisten, dass uns der eiskalte Wind zusammen mit dem eiskalten Wasser so arg zusetzen könnte, dass wir den grimmigen Wellen nicht genug Elastizität entgegen zu setzen hätten und dies ein zu hohes Risiko darstellen würde. Schließlich einigen wir uns darauf, nicht in den Hooger Hafen sondern nach Hilligenlei zu fahren. Das ist zwar weitaus weniger attraktiv, weil es dort kein Seglerheim gibt mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum, aber wir müssten so nicht über offenes Wasser fahren, und die Sandbank, die südlich des Langeness-Fahrwassers liegt, würde uns vor großen Wellen schützen.

Trenk fährt heute zum ersten Mal einen nagelneuen "Romany" von Nigel Dennis. Ein Kursboot, von dem er wissen möchte, wie es sich unter ernsthaften Bedingungen verhält. Da das Schott hier natürlich nicht auf seine Beinlänge angepasst ist, fährt er viel leeren Raum im Cockpit spazieren und hat einige Mühe, alles Gepäck unterzubringen. Auch Jörg hat Mühe, alles zu verstauen, so dass ein paar Dinge wieder in meinem Kahn landen, der innen eben besonders hohl ist: obwohl ich als einziger einen Bootswagen mitführe, habe ich sogar noch nennenswert ungenutzten Raum. Allen gemeinsam ist uns, dass wir diesmal keinen Wasservorrat mitführen. Wozu auch, auf Hilligenlei gibt es die Rixwaft mit Toilettengebäude und auf Hooge das Seglerheim mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum.

Wir sind bereits um kurz nach sechs auf dem Wasser, lediglich ein paar Minuten nach Hochwasser. Sonnenuntergang ist etwa um 20:00 Uhr - alles passt also bestens. Wir haben uns kräftig eingepummelt, zu groß ist unser Respekt vor den Bedingungen. Jörg hat eine Fliesmütze und darüber noch seine Neoprenhaube auf dem Kopf. Ich habe meine Neo-Haube nur als Halskrause übergestülpt, aber über der Fliesmütze die neue knallrote Kapuze, die der Weihnachtsmann mir als Trost für das Debakel von Lyö beschert hat. Trenk's Kapuze ist im Trockenanzug integriert.


Ich mache gleich anfangs die Ankündigung, dass ich ein gemütliches Tempo fahren werde. Ich will von Beginn an eine ehrgeizige Wettfahrt verhindern, denn wir werden unsere Kraft besonders am Ende der Fahrt benötigen. Doch der Strom wird schon dafür sorgen, dass wir trotzdem mit gutem Tempo voran kommen werden. Die Sicht ist nicht berauschend aber immerhin gut genug, dass man die jeweils unmittelbar nächste Tonne knapp erkennen kann. Trotzdem der Wind immer noch rauscht, sind die Wellen überraschend klein und zahm. Bis zur Tonne, an der wir uns entscheiden müssen, ob wir in die Süderaue nach Hooge oder das Langenessfahrwasser nach Hilligenlei fahren wollen, haben wir uns mit den Umständen vollkommen ausgesöhnt. Wir kommen kurz zur Absprache zusammen und es herrscht ungetrübte Einigkeit, dass wir keine Bedenken haben, die Fahrt nach Hooge zu meistern.

"Das Glück ist mit den Tüchtigen" - wir müssen wohl zu diesen Menschen zählen, denn der Wind nimmt sich augenscheinlich etwas zurück, während wir die große Wasserfläche queren. Immer noch sind die Wellen für die herrschende Windstärke überraschend klein. Bliese es aus der entgegengesetzten Richtung und stünde der Wind damit gegen den Strom, würde hier das reine Chaos herrschen. Erst als die Süderaue kurz vor Hooge zwischen die zu Tage tretenden Sandbänke gepresst wird, stärkerer Regen einsetzt der Wind wieder auffrischt, fangen die Wellen an zu rauschen. Bis hierhin waren wir mit durchschnittlich 8,6 km/h unterwegs - die nächste viertel Stunde rauschen wir mit gemittelten 11,2 km/h durch die immer dunkler werdende Nordsee! Trenk ist eins mit seinem Boot und juchzt irgendwo in der Ferne. Jörg und ich legen es bewusst nicht darauf an, die Boote ins Surfen zu bekommen, sondern fahren gesittet näher unter Land. Um zwanzig nach Acht passieren wir die Hafeneinfahrt von Hooge - nur wenig mehr als zwei Stunden, nachdem wir in Schlüttsiel von der Rampe gerutscht sind.

Eine erste Begutachtung des vollkommen leeren Zeltplatzes bringt uns zu der wenig überraschenden Erkenntnis, dass es hier mit dem Windschutz nicht zum Besten bestellt ist. Nun sind vor dem Wind schützende Erhebungen der Erdkruste auf Halligen vergleichsweise selten anzutreffen. Einzig der Erdhaufen, in den das Seglerheim seine Stelzen steckt, könnte als solche dienen. Um in den Genuss dessen zu gelangen, müssten unsere drei Boote aber noch die hundert Meter über den Steg bewältigen, der den schlickgefüllten Hafen quert. Natürlich habe ich als professioneller Paddler meinen geländegängigen Bootswagen dabei - und zwei plötzlich emsig Süßholz raspelnde Kameraden, die auch gerne dessen Dienste in Anspruch genommen hätten. Zwar habe ich dämlicher Weise keinen Spanngurt zur Befestigung dabei, aber als professioneller Paddler bin ich bis an die Zehen mit den unterschiedlichsten Schnüren bewaffnet, so dass dieser Lapsus uns vor keine ernst zu nehmenden Probleme stellt.

Etwas anders sieht es mit örtlichen Infrastruktur aus: aus uns unerfindlichen Gründen hat das Seglerheim die Saison noch nicht eröffnet. Zwar ist der Segelhafen pappenleer, aber das ist doch noch lange kein Grund, auch die Wasserhähne abzustellen! Nichts mit Duschen, Toiletten und trockenem Aufenthaltsraum! Damit haben wir beim besten Willen nicht gerechnet. Trenk und ich machen uns auf, zur Peselwarft zu stapfen und dort um etwas Wasser zu betteln. Es ist dunkel, es regnet immer noch und wärmer ist es auch nicht geworden. Also machen wir uns in voller Montur auf die Neoprensocken: Trockenanzug, Schwimmweste, Kapuze und sogar die Spritzdecke lassen wir, wo sie sind. Die Bedienung im Friesenpesel guckt wie ein Auto, als wir ihr unseren Wunsch vorbringen. "Wo kommt ihr denn her?", fragt sie ebenso entgeistert wie sie unsere ehrliche Antwort "Aus Schlüttsiel." ungläubig und kopfschüttelnd quittiert.

Der große Wassersack von Jörg ist ziemlich schwer, so dass wir ihn den langen Weg zurück zu zweit schleppen müssen. Zumindest sollten wir nun für drei Tage genug Wasser gebunkert haben. Das Umsetzen der Boote, der Gang zum Brunnen, das Zelte-Aufbauen im Dunkeln und bei immer noch recht heftigem Wind, das Umziehen und Ausladen der Sachen sowie  Nach-Hause-Telefonieren haben ihre Zeit gebraucht. Als ich mir endlich meine Bratkartoffeln auf dem Trangia brutzele, ist es bereits nach zehn Uhr. Einen heißen Orangensaft noch, um die letzte Kälte aus den Gliedern zu vertreiben und dann mummele ich mich gemütlich in meinen Schlafsack.

Wenn ich jemals Zweifel an der Dichtigkeit meines Zeltes gehabt haben sollte, diese Nacht hat sie weggeschwemmt! Stundenlang pladdert heftiger Regen auf unsere Hütten und der Wind rüttelt an den Planen. Das war der ultimative und beruhigende Test! Der große Wassersack von Jörg hat seinen Test übrigens nicht bestanden: er hat das gesamte, mühselig vom anderen Ende der Insel herbeigeschleppte Wasser durch ein Leck verloren!

Für heute stand kurzzeitig ein Ausflug zur Pallas auf dem Programm. Aber zum einen ist die Sicht noch schlechter als gestern, so dass schon die keine 300 Meter entfernt stehende Kirchwarft nur noch schemenhaft zu erkennen ist, und zum anderen würde das eine Tour weit über der Vierzig-Kilometer-Marke bedeuten, für die wir uns noch nicht fit genug fühlen. Und was sollen wir zehn Kilometer auf dem offenen Meer bei einem Kilometer Sicht, nur um so einen imaginären Punkt im trüben Nichts zu suchen? Stattdessen wollen wir um Japp- und Norderoogsand fahren, das wird schon interessant und lang genug. Bevor wir allerdings die Spritzdecken über unsere muckeligen Cockpits schließen können, müssen wir noch aus unseren trockenen Sachen in die über Nacht natürlich nicht getrocknete dafür aber eiskalte Paddelmontur schlüpfen. Das ist der Moment, bei dem auch bei dem hartgesottensten Kanuten Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Tuns aufkommen...

Wir wollen nach Möglichkeit ohne GPS auskommen, um unseren Weg zu finden. Aber das ist hier draußen schon bei optimalen Sichtverhältnissen nicht ganz einfach, denn Tonnen gibt es nicht, und die Sände sehen über ihre gesamte Länge vollkommen einförmig aus. Einzig der alte Kirchtum von Pellworm böte navigatorischen Halt und Orientierung in dieser nassen Wüstenei. Bei der trüben Sicht heute ist der aber nicht zu sehen, so dass man raten müsste und stochern. So schielen wir dann doch mit zunehmender Nähe zum Rummelloch immer öfter auf unsere kleinen elektronischen Helfer. Es dient eigentlich nicht so sehr zur Orientierung als vielmehr zur Bestätigung, dass wir uns auch tatsächlich dort befinden, wo wir uns vermuten. Es beruhigt ungemein, wenn man das Ziel mit Gewissheit noch vor sich weiß. Nebel erzeugt nämlich eine ungeheure Reibung auf dem Zeitstrahl und die Minuten brauchen mehr als doppelt so lange zum Zergehen. Da bekommt man schnell das Gefühl, das Ziel müsste längst erreicht sein. Und ohne die Versicherung durch das GPS ist man leicht versucht, zu früh abzubiegen, aufzulaufen, zu raten, ob man schon zu weit oder noch nicht weit genug ist, sich für die falsche Option zu entscheiden, zurückzufahren, festzustellen, dass man doch noch nicht weit genug war, wieder zurückzufahren und das Spielchen von neuem zu beginnen. Auch spannend, aber eher etwas für wärmere Tage.

Wir lassen uns an einer Robbenherde vorbei treiben. Die hat natürlich wieder genau dort Stellung bezogen, wo wir eigentlich Pause machen wollten. Es sind gut zwei Dutzend Tiere - darunter mindestens vier Kegelrobben. Einige - vorrangig die jungen Tiere - robben ins Wasser und schwimmen auf uns zu. Die Knopfaugen sind erstens ungemein kurzsichtig und zweitens ebenso neugierig. Wir verstehen gut, dass sie dankbar sind, mal etwas Abwechslung geboten zu bekommen. Ihr restliches Leben besteht ja nur aus ödem Verfolgen von Fischen und Dösen auf der Sandbank.

Die Pause ist nicht wirklich gemütlich, weil uns schnell kalt wird, denn die Sonne ist nicht einmal mit gutem Willen zu erahnen. Den Rückweg beginnen wir ausgesprochen gemütlich, die Paddel werden nur hin und wieder zur Richtungskorrektur genutzt. Ständig umschwimmen und beäugen uns die Seehunde. Als Trenk einen Blick auf sein GPS wirft, beträgt unsere Geschwindigkeit zwölf Stundenkilometer! Nicht schlecht für ohne Anstrengung! Man bekommt eine beklemmende Ahnung, warum das Rummelloch Rummelloch heißt und dass die Einfahrt bei Nebel oder hohen Winden in Zeiten, die noch keine elektronischen Helferlein kannten, einem Selbstmordversuch gleich kam.

Es ist für uns keine große Herausforderung, zu unserem Ausgangspunkt zurück zu finden. Aber die schlechte Sicht lässt doch einige interessante Zweifel aufkommen. Als sich die Schutzhütte von Norderoog schemenhaft zu erkennen gibt, kann man sie nur mittels Kompass und Blick auf die Karte als solche einordnen. Und ich sehe im Nebel ja immer irgendwelche Wälder am nicht vorhandenen Horizont. So auch diesmal wieder. Ich kann irgendwann sogar mit Bestimmtheit - ja Gewissheit - sagen, dass es sich um einen dichten Buchenwald handelt. Aber ich behalte diese Gewissheit für mich, denn ich bin mir sicher, dass die anderen mir nicht glauben würden, dass auf Hooge während unserer Abwesenheit ein dichter Buchenwald entstanden ist. So entpuppt sich dieser Buchenwald dann auch bald als Silhouette der Ockenswarft, die da durch den Dunst schimmert. Bis hierher hat uns der Tidenstrom getragen, nun müssen wir, um nicht aufzulaufen, erst einen etwas größeren Bogen noch Osten machen und uns dann die restlichen zwei Kilometer gegen den vollen Strom der Süderaue zum Segelhafen kämpfen. Am Ende einer Lahnung steht ein junger Seeadler. Ein Dutzend Möven tut lautstark kund, dass sie mit seiner Anwesenheit nicht glücklich sind.

Heute ist das Lammfilet fällig und wir wandern gegen Abend zum Friesenpesel, wo wir erst nach einer Weile als die verwegenen Wasserholer von gestern wiedererkannt werden. Wir bekommen nur einen Tisch zweiter Wahl, denn trotz vermeintlicher Nebensaison gibt es zahlreiche Reservierungen. Der Wetterbericht für morgen könnte günstiger nicht ausfallen: Schwache westliche Winde und ungetrübter Sonnenschein von morgens bis zum späten Nachmittag!

"Über den Wolken..." mag die Sonne wohl scheinen, denken wir, als wir am Sonntag Morgen aus den Zelten kommen - hier unten allerdings herrscht die gleiche Suppe wie gestern! Ein erneuter Blick auf eines dieser phantastischen modernen "Telefone" zeigt uns einen vollkommen anderen Wetterbericht, als der, der uns gestern Abend verkauft wurde: den ganzen Tag grau und ab Mittag Regen! Wir machen erst einmal einen ausgiebigen Spaziergang über die Insel. Es herrscht rege Betriebsamkeit, denn die gesamte Bevölkerung strömt zur Kirche, wo heute die diesjährige Konfirmandin von Hooge vorgestellt wird. Nächsten Sonntag ist dann die Konfirmation. Der Toilettenwagen am Pelwormer Anleger ist übrigens schon in Position - und hat fließend Wasser! Vielleicht hätten wir hier campieren sollen. Außer von uns wird die Hallig momentan von 40 Waldorfschülern und -schülerinnen heimgesucht, die wie jedes Jahr die Insel neu vermessen. Zehn Tage verbringen die Jugendlichen hier. Ach ja, und dann sind da noch die etwa 40 Tausend Ringelgänse und -gänsinnen, die sich hier einen runden Bauch anfressen für ihre anstehende Reise nach Sibirien.

Der einzige Dienst, den uns das Seglerheim bietet, ist ein guter Windschutz, in dem wir uns umziehen können. Wir lassen unsere Boote so früh wie das auflaufende Wasser und die elendige Molenkante es gefahrlos zulassen in den Priel. Der Weg ist klar - auch bei trüber Sicht: Immer dem Fahrwasser folgend bis nach Schlüttsiel. Wir halten uns an den Tonnenstrich, um nicht unnötig den Fähren ins Gehege zu kommen, die uns vermutlich schlecht sehen und auf jeden Fall gar nicht mit uns rechnen werden. Zu unserer Überraschung ist bei unserer Ankunft im Hafen von Schlüttsiel schon so viel Wasser aufgelaufen, dass wir sogar an der südlichen breiten Rampe aussteigen können. Die erste ernsthafte und größere Tour des Jahres ist gemeistert - ich freue mich auf die weiteren!