Samstag, 4. Oktober 2014

Sommer auf Samsö - im Oktober! (2/3)


Auch ich war gestern Abend dann doch recht früh im Schlafsack. Trotzdem habe ich keine Probleme bis sieben Uhr durchzuschlafen. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und auch aus den Zelten meiner Begleiter dringt kein Lebenszeichen. Also mache ich erst einmal einen Spaziergang auf den nahegelegenen Hügel. Von hier aus hat man einen prächtigen Rundblick über die noch verschlafene Insel. Als ich zurück komme ist immer noch kein Leben in unsererem Lager. Um kurz vor Acht lugen die ersten Sonnenstrahlen über den Hügel und kurz danach auch meine Mitstreiter aus ihren Stoffhütten.


Es ist ein wunderschöner Morgen, den wir in aller Ruhe und mit großer Sorgfalt genießen. Nach dem Frühstück rückt Trenk mit der Botschaft heraus, dass er sich gestern seinen Rücken wund gepaddelt hat. Das war im Wesentlichen der Grund, weswegen er in Kolby Kaas Erleichterung am Strand gesucht hat.  Er murmelt etwas davon, dass er möglicherweise die Fähre nehmen muss. Nach einer eingehenden Untersuchung werden die nässenden Wunden dick mit Wundauflage gepolstert und diese mittels Klebeband fixiert. Damit sollte er besser paddeln können als jemals!

Ein gemeinsamer Besuch des Hügels ist fällig. Schon auf dem Weg dorthin werden wir von mehreren Schüssen aufgeschreckt. Das kennen wir schon von anderen Touren: im Herbst wird in Dänemark auf alles geballert, was nicht bei drei hinterm Horizont verschwunden ist! Uns ist etwas mulmig zumute, aber wir gehen davon aus, dass wir hinreichend deutlich von Hasen und Moorhühnern zu unterscheiden sind, so dass man schon nicht auf uns schießen wird. Vom Gipfel des Hügels kann man die Geländewagen der Ballermänner in der Landschaft stehen sehen. Wir denken uns weiter nichts dabei und trotten zu unseren Zelten zurück, doch kaum von der Spitze des Hügels hinabgestiegen, kommt ein Geländewagen die Koppel hochgeprescht. Dies sei Privat-Gelände, werden wir belehrt, und man dürfe hier nicht spazieren gehen. Wir bringen unsere Unkenntnis und Bedauern zum Ausdruck. Man versichert uns, dass es nichts mache, aber dass es eben Privatgelände sei und man es nicht betreten dürfe. Auch als der Geländewagenfahrer schließlich unsere Zelte entdeckt (welcher Idiot baut denn auch sein orangenes Zelt weithin sichtbar auf?), belehrt er uns, dass es nichts mache, aber dass es nicht erlaubt sei. Wir entschuldigen uns abermals und versichern, dass wir umgehend verschwinden werden. Wir bekommen noch den Hinweis, dass mit diesem Gespräch bereits alles geregelt sei, sollte der Mann von der anderen Farm uns noch ansprechen.

Kaum sind wir bei unseren Zelten angelangt, kommt auch schon ein Riesentrecker über den Acker geöttelt. Der Fahrer darin blickt erheblich grimmiger drein, als sein Kollege von vorhin. Auch von ihm erhalten wir die Belehrung, dass es sich hier um Privatgelände handele, das man nicht betreten und schon gar nicht bezelten dürfe. Auf unsere Auskunft, dass wir unverzüglich weiter nach Tunö paddeln wollen, erhalten wir noch den Hinweis, dass schlechtes Wetter im Aufzug sei. Bei aller Grimmigkeit der beiden Bauern ist uns nicht ganz klar, was eigentlich der wirkliche Grund für die massive Intervention ist. Wir vermuten, dass man gerne ungestört dem Jagdgeschäft nachgehen möchte und keine Rücksicht auf irgendwelche in die Schusslinie geratenden Paddler nehmen möchte.


Die Sachen in die Boote verstauen dauert nicht lange und so rutschen wir bald den steilen, steinigen Strand hinunter ins grünblaue Wasser. Wir wollen erst einmal dicht an der Küste entlang nach Norden paddeln. Dort wo ihr Verlauf einen deutlichen Knick nach Osten macht, wollen wir entscheiden, ob Trenk alleine weiter Richtung Fährhafen fährt oder mit uns nach Tunö quert. Der Wind kommt heute noch südlicher als gestern, so dass es keine große Anstrengung bedeutet, am Strand entlang zu rutschen. Nach wenigen Kilometern tauchen zwei Schweinswale dicht vor uns auf. Es handelt sich vermutlich um Mutter und Kind, denn das eine Tier ist deutlich kleiner als das andere. Sie haben die gleiche Richtung wie wir, aber nach ein paar Mal Auftauchen bleiben sie verschwunden.

An der Stelle, wo sich der Küstenverlauf von Samsö nach Osten zurückzieht, einige Kilometer vor dem Fährhafen Sälvig, legen wir eine Pause ein. Hier gibt es ein Tisch-Bank-Kombi, an der wir uns bequem entspannen und stärken können. Vom nahen Hügel hat man einen wunderbaren Blick auf die Umgebung. Die Sicht ist heute deutlich besser als gestern und man kann unser Ziel Tunö bereits schwach im Dunst erkennen - aber das gute zehn Seemeilen entfernte Festland kann man beim besten Willen nicht ausmachen. Trenk hat die Sache mit der Fähre längst abgetan - viel zu gut hat Peters medizinische Behandlung gewirkt. Wir gehen die Überfahrt auf direktem Wege an, gute zwölf Kilometer offenes Wasser bei Windstärke fünf genau von hinten!


Je weiter wir uns vom Ufer entfernen, desto weißer wird das Wasser um uns herum. Der lange Fetsch beschert uns Wellen bis einen Meter Höhe und ich bin froh, mit so kompetenten Paddlern unterwegs zu sein. Obwohl ich es ausdrücklich nicht darauf anlege, erwische ich immer wieder den einen oder anderen Surf, der mich gefühlte hundert Meter mit zehn Knoten nach vorne preschen lässt. Trenk genießt hier in vollen Zügen, sich nicht um zahlende Klienten kümmern zu müssen, und haut rein, was das Zeug hält. Nur Peter kann die Verhältnisse nicht uneingeschränkt genießen, weil sein Skeg Probleme macht. Jeder andere wäre in so einer Situation mit nicht korrekt funktionierendem Skeg vermutlich verzweifelt - nicht so Peter, der geduldig sein bockiges Schiff immer wieder zurück auf den korrekten Kurs bringt. An der Sandbarre am Ostzipfel von Tunö können wir noch einmal kurz kleine Brandungswellen genießen, bevor wir in das komplett ruhige Wasser an der Nordseite der Insel eintauchen.

Ich habe mit meinem GPS-Gerät einen Punkt ausgemacht, der mit "Drinking water" bezeichnet ist. Das muss der Übernachtungsplatz sein, habe ich messerscharf geschlossen. Als die Rest-Entfernung bis zum markierten Punkt noch etwa dreihundert Meter beträgt, entdecke ich eine der komfortablen Tisch-Bank-Kombinationen und beschließe, hier anzulanden. Ich versuche noch, den einprogrammierten Punkt mit meinem GPS-Gerät an Land exakt zu finden, kann aber nichts entdecken, was einem Übernachtungsplatz ähnelt. Erst als ich den am Tisch pausierenden Dänen frage, weist er in die entgegengesetzte Richtung und bestätigt, dass es dort tatsächlich Trinkwasser gibt. Wer immer den Punkt in die Karte programmiert hat, er lag satte 500 Meter daneben!

Der Übernachtungsplatz liegt im Wald, und dessen Tisch-Bank-Kombinationen ist bereits belegt von einer Schulklasse, die sich dort mit zwei großen Zelten niedergelassen hat. Da im Wald keine Sonne scheint und man nicht aufs Wasser blicken kann, bleiben wir hier und machen eine ausgiebige Kaffee-Pause. Erst danach schaffen wir unsere Boote mit den Bootswagen zum Platz unter den Bäumen, wo wir unsere Zelte aufbauen. Der Tag ist noch jung und die Insel unbekannt. Also machen wir einen Spaziergang zum Dorf Tunö, dessen Kirche und seinen Hafen. Anders als z.B. auf Lyö, wo so viele Häuser "Til Salg" gehören, scheint hier der Exodus noch nicht eingesetzt zu haben. Es ist überall Leben zu spüren und dass es sich für die Einwohner der Insel lohnt. Das spiegelt sich auch im Hafen wieder, der alle Annehmlichkeiten bietet, die man sich als Urlauber nur wünschen kann: Aufenthaltsräume mit Kochgelegenheiten, überdachte Grillplätze, natürlich Toiletten und Duschen und sogar einen Fahrradverleih. Die Insel böte sich für ein Standlager an, wenn man die Gegend hier einmal etwas intensiver erkunden wollte. Aber so einfach wie die dänische Südsee ist dieses Revier hier leider nicht - es ist eher so etwas wie die dänische Südsee für Erwachsene: die Entfernungen sind weiter und die Fahrten ausgesetzter. Da kann ein Durchschnittskanute schnell mal überfordert werden.

Heute sind wir bereits im Urlaub angekommen - der Alltag ist weit hinter uns gelassen, und wir sind gründlich ausgeschlafen. So sitzen wir diesmal noch lange nach dem gemeinsamen Abendbrot zusammen und ziehen uns erst so gegen neun Uhr in die Zelte zurück.

Freitag, 3. Oktober 2014

Sommer auf Samsö - im Oktober! (1/3)

"Immer wenn ich merke, dass ich um den Mund herum grimmig werde; immer wenn in meiner Seele nasser, niesliger November herrscht; immer wenn ich merke, dass ich vor Sarglagern stehenbleibe und jedem Leichenzug hinterhertrotte, der mir begegnet; und besonders immer dann, wenn meine schwarze Galle so sehr überhandnimmt, dass nur starke moralische Grundsätze mich davon abhalten können, mit Vorsatz auf die Straße zu treten und den Leuten mit Bedacht die Hüte vom Kopf zu hauen - dann ist es höchste Zeit für mich, sobald ich kann, auf See zu kommen."

Wie es aussieht, geht es uns allen dreien ganz ähnlich - nur dass wir nicht wie Ismael unseren ganzen Lebensweg umbiegen, um fortan auf der "Pequot" einem weißen Wal hinterher zu jagen. Wir begnügen uns damit, ein klitzekeines Wochenende dem Alltag zu entkommen, in unseren klitzekleinen Booten über die Ostsee zu schippern, ein bisschen Wind der ganz großen Freiheit durch unsere Gemüter wehen und unsere Seelen durch die Sonne von Samsö wärmen zu lassen.

Der Termin war bereits im April verabredet, während unserer Tour nach Hooge. Als Ersatz für Jörg, der "kurz" nach Korsika musste, konnten wir Peter gewinnen, der immer gut ist für ein spontanes "Ich bin dabei!". Nun könnte man meinen, dass bei einem so langen Vorlauf alles bestens geplant und vorbereitet ist. Aber der nasse, nieslige Alltag hatte uns bis zum Schluss so fest im Griff, dass wir froh sein konnten, wenigstens unsere Ausrüstung und Verpflegung rechtzeitig zusammengesammelt zu bekommen. Außerdem wird Planung eh vollkommen überbewertet. Ein Kajak, ein Zelt, hinreichend Frischwasser, ein Schlafsack und etwas Zeit - was braucht man mehr, um eine anspruchsvolle Paddeltour zu unternehmen?

Die Wettervorhersage hat für das gesamte Wochenende sehr südliche und ein wenig östliche Winde angekündigt, aber alles innerhalb eines zu bewältigenden Rahmens. So müssen wir uns also nicht wie vor zwei Jahren ein neues Ziel suchen, sondern können die im Laufe der lockeren Abstimmung aufgekommene Option "Samsö" tatsächlich in Angriff nehmen. "100 Kilometer - drei Tage? Das kann man doch schaffen!" Trenk ist noch im "Was kostet die Welt?"- und "Wir sind schließlich starke Paddler!"-Modus als ich ihm am Donnerstag Abend die Komplett-Umrundung Samsös ausreden will. "Okay - wir fahren los und sehen, wie weit wir kommen.". Er wäre auch schon am Donnerstag Abend losgefahren, aber auch das hatten wir bereits als nicht "urlaubskompatibel" abgelehnt. So mache ich mich mit Peter am Freitag Morgen daran, unsere Navi-Apps dazu zu überreden, uns zu Trenks Domizil zu leiten. Das beginnt schon mal mit einer Auseinandersetzung mit der Navi-Stimme darüber, wie man am besten aus Kiel heraus findet. Wir machen der Dame im Gerät auf höfliche Art klar, dass wir uns hier besser auskennen und hoffen, dass sie uns diese Überheblichkeit nicht übel nimmt, wenn wir uns später auf uns unbekanntem Terrain befinden. Nach Passieren der Landesgrenze muss Peters App die Navigation übernehmen, denn die hat Offline-Karten zur Verfügung - und außerdem hat sie auch die angenehmere Stimme!

In Hov steht uns eine neue Mauer im Weg, die verhindert, dass wir bequem nahe am Strand parken können. Hier sollen neue Ferienhäuser gebaut werden, also müssen wir auf dem Parkplatz des Fähranlegers bleiben. Wir machen noch einen halbherzigen Versuch, die Abfahrtzeiten der Fähre von Samsö herauszubekommen, haben aber keinen wirklichen Erfolg. Das hätte man natürlich auch im Internet nachsehen können, aber Planung - das Thema hatten wir ja schon. Die großen Mengen angespülten Tangs und Seegrases stinken bestialisch, als wir unsere fertig gepackten Boote darüber tragen. Von unserem Ziel ist nicht das geringste zu sehen - die Sicht beträgt nur eine halbe Handvoll Kilometer. Weil heute der Tag mit dem schwächsten Wind sein soll und er durchgehend von Süden wehen wird, wollen wir erst einmal bis zum Leuchtturn Vesborg, ganz im Süden von Samsö fahren. Das sind etwa 24 Kilometer, danach sehen wir, wie weit Tagesform und -licht uns noch lassen.

Aufgrund meiner Rechenschwäche hatte ich im Auto noch behauptet, wir würden etwa  drei Stunden für die Überfahrt benötigen. Als ich um kurz vor zwei auf dem Wasser unsere Ankunftszeit abschätze, muss ich erkennen, dass 24km bei 6km/h aber eher vier Stunden sind als drei. Das heißt, dass wir nicht vor halb sechs am Leuchtturm ankommen werden. Sonnenuntergang ist etwa halb sieben, da wird sich also nicht mehr viel abspielen, wenn wir einmal an Land sind. Noch liegen aber etliche Stunden weitgehend ereignisloses Paddeln gegen einen konstant wehenden Dreier-Wind vor uns. Wegen der schlechten Sicht sieht man nur blass-graues Wasser und blass-blauen Himmel um uns herum. Ich mache nach jeder vollen Stunde einen kurzen Halt und überprüfe auf dem GPS unser Fortkommen. Das ist meine erprobte Technik, um einen eigentlich viel zu großen Happen in kleinere, leichter verdauliche Stücke zu zerlegen. Fünf Minuten vor der letzten Pause passieren wir die einzige Tonne, der wir unterwegs begegnen, und meine Mitfahrer beschließen, dass diese Stunde fünf Minuten kürzer ist. Während wir antriebslos auf dem Wasser dümpelnd unsere Stullen mümmeln und etwas trinken, treibt uns der Wind emsig zu unserem Ausgangspunkt zurück. Dadurch, dass wir uns so dicht an der Tonne befinden, sieht man diesen frustrierenden Effekt leider besonders deutlich.


Als wir dicht an Kolby Kaas vorbeifahren, muss Trenk zur Erleichterung an den Strand. Wir verabreden, dass wir schon weiterfahren und nach einem geeigneten Platz für die Nacht Ausschau halten. Es hat etwas aufgeklart, die Sonne ist durch den trüben Himmel gebrochen und nach nur wenigen Kilometern fällt Peter auf, dass das Ufer hier wie ein prima Zeltplatz aussieht. Recht hat er, denn direkt oberhalb des Strands aus groben Kieseln liegt ein Stück Brachland, das alles bietet, was es zum Errichten einer Heimstatt braucht: ebenen, grasbedeckten Grund, Sicht- und Windschutz - und einen freien Blick aufs Meer!

Den Rest des Abends genießen wir die untergehende Sonne, die Stille, die Rouladen mit Spätzle und den aufgehenden Mond. Allerdings zeigen der lange Arm des Alltags und die nicht anstrengungsfreie Überfahrt bald ihre Wirkung: um halb Acht stellen meine Begleiter fest, dass es bereits stockduster und damit Zeit ist, ins Bett zu gehen! Ich liege noch eine Weile im offenen Zelteingang und schaue dem Halbmond dabei zu, wie er seine Bahn über das Firmament zieht und das Wasser dabei zum Funkeln bringt. Das Rauschen der Wellen gehört zur Stille, die durch nichts sonst gestört wird. Nur ab und zu tuckert eine Fähre vorbei.

Sonntag, 17. August 2014

Grenzüberschreitungen 2014

Für meine zweite diesjährige Tour habe ich für die Dokumentation einmal eine andere Darstellungsart gewählt. Google hat ein neues Tool im Beta-Test, das ich mal ausprobieren wollte:
https://tourbuilder.withgoogle.com/



Mal sehen, wie es sich bewährt und ob ich es in Zukunft weiter nutzen werde.

Sonntag, 3. August 2014

Nordsee-Einsteiger 2014 - oder: Spaß mit Johanna

Eigentlich stand sie gar nicht auf der Liste - aber dafür am Montag in Rollschuhen vor der Bootshalle. "Die Nordsee-Tour ist wohl nichts für mich, oder?" "Komm' am Mittwoch vorbei. Dann werden wir sehen." Auch wenn ich an Johannas Kraft, ihre Ausdauer und vor allem ihre Leidensfähigkeit glaube, will ich doch wenigstens noch einmal sehen, ob sie die Strecke bis zur Glockentonne problemlos bewältigt. Bei dem Test hat mich dann auch noch Uschi so überzeugt, dass ich meine ursprüngliche Absage an sie wieder zurückgenommen habe. Somit startet die diesjährige Nordsee-Einsteigertour also mit  sieben Teilnehmer.

Immerhin bin ich ja lernfähig und habe diesmal zur Bedingung gemacht, dass jeder eine Seekarte mit sich führt. Auch solle man sich darauf gefasst machen, dass es Aufgaben zu bewältigen gibt. Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass sich alle wieder auf mich verlassen und darauf bauen, dass ich sie schon durch die Nordsee führen werde, ohne dass sie selbst auf irgend etwas achten müssen.

Am Anleger treffen von Schlüttsiel wir noch zwei alte Bekannte: Udo B., der mit seiner Frau nach Oland fahren will und Sigurd S., der sich Udo anschließen wollte, aber viel zu spät ist und ihm hinterherpaddeln muss. Ich erkläre Olav und Helge dafür verantwortlich, uns von Schlüttsiel nach Hooge zu bringen. Es ist beileibe keine große Tat, denn im Prinzip könnte man sich bewegunglos ins Boot setzen und warten, bis einen die Tide an Hooge vorbeispült. Außerdem ist die Nordsee wieder einmal Augsburger-Puppenkistenmäßig platt - kein Lüftchen kräuselt die Oberfläche und es ist so warm, dass ich ohne Hemd und mit offener Spritzdecke fahre.

Meine Vorgabe war, nicht etwa durchs Langeness-Fahrwasser sondern zur Süderaue zu fahren. Aufmerksam registrieren die beiden Navigatoren die Beschriftung der Tonnen, an denen sich mit zunehmender Fahrtdauer die zunehmende Strömung zunehmend bemerkbar macht. Als wir einmal in der Nähe einer recht großen Tonne direkt auf diese zufahren, kann man überdeutlich sehen, dass es einen einmal nach rechts und unmittelbar danach wieder nach links versetzt - wie das Wasser davor also in Schlangenlinien strömt.

Verabredungsgemäß macht die Gruppe vor der Tonne SA18 Halt. Hier fordere ich sie wieder auf, die genau südlich liegende grüne Tonne an ihrer linken Seite zu passieren. Da man dazu genau quer zum Strom fahren muss, muss man deutlich vorhalten und ernsthaft paddeln, will man nicht im letzten Moment auf die Blechkanne gespült werden. Da die Hallig hier schon sehr nah ist und einen perfekten Hintergrund bietet, kann man wunderschön sehen, ob der eigene Vorhaltewinkel stimmt, oder die Strömung die Oberhand hat.

Im Laufe der Fahrt kommt eine weitere Gruppe Paddler von hinten auf. Man kann sie lange vorher hören. Nachdem sie uns überholt hat, kann man in weiter Ferne eine dritte Gruppe hören. Der Schall trägt ungemein weit auf unbewegtem Wasser, denn man kann die Verfolger bislang kaum sehen. Als wir am Steindamm vor dem Hooger Hafen aus unseren Booten steigen, höre ich eine bekannte Stimme von hinten pöbeln: "Habt ihr kein Zuhause?". Trenk ist mit einer Gruppe von vier Paddlern ebenfalls unterwegs. Wenn wir schon im Sommer nicht mehr zusammen paddeln können, ist es doch schön, sich per Zufall zu treffen!

Ich hatte damit gerechnet, dass der Zeltplatz dicht belegt sein würde, aber außer den drei praktisch
gleichzeitig eingetroffenen Gruppen, ist niemand da. Auch der Segelhafen ist so gut wie leer. Ein ruhiges Wochenende droht uns. Es wird kurz der Zeitplan für morgen abgesprochen - wir hatten ja alle relevanten Zeiten, Entfernungen und Fahrtdauern am vergangenen Mittwoch ausgerechnet.

Nach dem Aufstehen prüfe ich kurz die Wetterlage mit Hilfe von Trenks Smartphone. Die Windvorhersage für heute hat sich gegenüber der von gestern wieder etwas beruhigt, so dass unserem Plan, zur Pallas zu fahren, nichts entgegensteht. Heute lege ich die Navigation in die Hände von Michael und Peter. Die Zeiten hatten wir ja schon am Mittwoch errechnet, nun müssen auch noch die Kurse bestimmt werden, die uns hin- und möglichst auch wieder zurück bringen.

Die beiden sind sehr abgeklärt und wählen einen für mich zwar überraschenden, aber sehr solide fahrbaren Kurs. Natürlich wollen wir zunächst eine Pause auf Jappsand machen, das war Vorgabe, aber dann soll es die Süderaue komplett raus ein gutes Stück in Richtung Amrum gehen und nach der Passage des Schmaltiefs ins Rütergatt. Vor dort aus kann man einfach dem Tonnenstrich folgen und landet praktisch ohne Vorhalt an der Pallas. Nicht der direkteste Weg aber vielleicht der einfachste.

Der Wind weht recht konstant mit etwa drei bis vier Beaufort aus Südost. Das lässt kaum Wellen entstehen, aber die Strömung am Zusammenfluss von Norder- und Süderaue ist natürlich immens und lässt die Wasseroberfläche köcheln. Das sind ungewohnte Wellen, die es so auf der Ostsee kaum gibt. Als wir die rot-grüne Tonne am Eingang zum Rütergatt passieren, ist deutlich, dass die Verhältnisse einen ständigen Stress verusachen. Das würde die nächsten vier Stunden nicht besser werden. Ich gebe den Kniepsand als neues Ziel aus, für den der bisher gefahrene Kurs eh genau die Ideallinie dargestellt hat.

Die lange Pause auf dem verschwenderisch breiten Strand von Amrum wird komplett im Urlaubsmodus verbracht. Alle gehen schwimmen, fast alle zum Kiosk ein Eis essen, und manche lassen sich den Pelz verbrennen...

Für die Tour zurück übertrage ich Johanna und Uschi die Navigationshoheit - aber mir ist klar, dass ich eher selbst dir Richtungen angeben muss, denn für beide ist Paddeln unter den hiesigen Bedingungen noch  eine komplett neue und unbekannte Welt. Ich zeige kurz auf der Karte, welche Tonnen wir wie anvisieren und wie wir von der einen zu anderen kommen wollen. Es ist hier schon zu spüren, dass meine eindringliche Ansage "die müssen wir links liegen lassen", noch nicht in der Tiefe verstanden wird, in der sie gemeint ist.

Nachdem wir die geschützen Gefilde des Kniepsandes verlassen haben und wieder in die Turbulenz der strömenden Priele eingetaucht sind, ist es mit der Entspanntheit auch gleich vorbei. Es spritzt und schwabbelt und den Kurs zu halten, ist nicht mehr ganz einfach. Ich fahre so, dass wir alle Verschneidungszonen rechtwinklig durchqueren, um nicht unnötige Unsicherheiten zu provozieren. Der Strom geht fast exakt quer zu unserer Fahrtrichtung und wir müssen gute 45 Grad vorhalten. Die Gewalt, mit der wir versetzt werden, beeindruckt alle sichtlich. Trotzdem produzieren wir eine sehr gerade Spur auf dem GPS-Log mit ganz ordentlicher Geschwindigkeit.

Ich sehe, wie Johanna häufig Mühe hat, die Nase ihres Bootes gegen den halben Wind in der
gewünschten Richtung zu halten. Immer wieder wird sie nach Lee verweht und muss sich mühselig mit Bogenschlägen zurück auf Kurs bringen. Als sie schließlich zu Konterschlägen greift, ist das für mich das Zeichen, dass sie den Bedingungen nicht gewachsen ist. Ich schließe zu ihr auf und frage, ob sie denn den Schieber für das Skeg auch ganz nach vorn geschoben hat. "Ja, habe ich!". Nun, dann ist das Mädel schlicht zu leicht und das kriegen wir so schnell nicht korrigiert. Aber ich weiß ja, dass sie über einen beeindruckenden Willen und eine ebensolche Leidensfähigkeit verfügt, so dass ich nicht im Geringsten beunruhigt bin. Als es bereits in der Nähe von Jappsand besonders verzweifelt ist, schicke ich Peter zu ihr, der sie etwas vom Wind abschirmen soll. Das funktioniert nur suboptimal so dass ich zusätzlich auf ihre Lee-Seite fahre und sie mit dem Paddel immer wieder auf Kurs drücke. Als Peter ihr besonders nahe kommt, fällt sein Blick auf den Skeg-Schieber an ihrem Boot und er sagt ungläubig: "Der ist ja gar nicht vorne!". Na ja: vorne und hinten kann man schon mal verwechseln. Nach der Korrektur ist es ein Kinderspiel für Johanna, ihr Boot auf Kurs zu halten. Nach dieser Selbstkasteiung gönnt sie sich in der Pause auf Jappsand ein ausgiebiges Bad, bei dem sie mit zwei Seehunden Ringelpiez mit Abtauchen spielt. Wir laufen genau mit Hochwasser in den Hooger Segelhafen ein und genießen den komfortablen Ausstieg direkt über die Wiese, ohne die Boote schleppen zu müssen.

Der Abend ist meiner langjährigen Tradition folgend dem Friesenpesel gewidmet. In lauer Luft schäkern wir mit der redseligen Aushilfsbedienung, und ich muss zum wiederholten Male feststellen, dass das Salzlamm in Riesling-Sauce einfach göttlich schmeckt. Heute wundere ich mich nur, dass meine Mitpaddler mir freiwillig den größten Teil der Kartoffelrösti überlassen. Beim Heimweg machen wir noch einen kleinen Abstecher zum Fähranleger um die Ecke. Johanna muss am Sonntag Abend zu einem Geburtstag in Hamburg sein und will daher gleich morgen früh mit der Fähre zurück. So weiß sie also genau, wo der Anleger ist und kann sehen, wieviel Zeit der Weg in Anspruch nimmt.

Da die Fähre bereits morgens um acht ablegt, muss Johanna bereits sehr früh aufstehen, ihre Sachen zusammen und ins Boot packen und sich auf die Socken machen. Obwohl wir für den Sonntag die Urlaubsvariante mit lange Ausschlafen und viel Zeit gewählt haben, habe ich mir extra den Wecker gestellt, um sie zu verabschieden. Ich kann ja nicht einfach eines meiner Schäfchen ohne Gruß ziehen lassen - noch weniger könnte ich mit ansehen, dass sie vielleicht verschläft und dadurch die Fähre verpasst. Aber als ich aus dem Zelt komme, hat Johanna ihre Sachen schon größtenteils zusammengepackt und sitzt gemütlich beim Kaffee. Als wir sie verabschieden, hat sie alle Zeit der Welt, den Weg bis zur Fähre zurückzulegen, so dass ich mich beruhigt wieder in meinen Schlafsack zurückziehe.

Nach einer guten Stunde strecke ich meinen Kopf wieder aus dem Zelt - und sehe Johanna ihr Boot hinter sich her ziehend zum Zeltplatz zurücktrotten! Was ist passiert? Keine Fähre am Sonntag? Kein Geld dabei? Dem Kapitän vors Schienbein getreten? Nein, die Lösung ist ganz einfach: um zum Anleger zu kommen, muss man bei der Kirchwarft links abbiegen, so wie wir es gestern zweimal gemacht haben. Wenn man aber im Halbschlaf und "Kopf-unten-und-nix-denken-Trott-Modus" immer gerade aus geht, landet man auf der Hanswarft. Dort haben Jogger Johanna dann geweckt und gefragt, wo sie denn mit dem Boot hin will. Danach sind alle zusammen über die Hallig zum Anleger gejoggt. In Rekordzeit eine Minute nach Acht dort angekommen, konnten sie dem heute bereits eine Minute vor Acht abgefahrenen Dampfer noch hinterherwinken! Aber im Grunde wollte Johanna ja von Anfang an mit uns zurück paddeln!

Das gesamte Wochenende herrscht ein unglaublich schönes Wetter mit Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Nur mäßiger Wind und kein Regen. Na ja, fast kein Regen: nur in der Nacht zu Sonntag, als der Wind so arg an Johannas Zelt gerüttelt hat, dass sie sich mit ihrem Schlafsack lieber davor gelegt hat, nur da sind tatsächlich ein paar Tropfen Regen gefallen, gerade so viele, dass Johanna sich doch lieber wieder ins Zelt zurückzog. Bei diesem fantastischen Wetter also machen wir einen ausgiebigen Spaziergang über die Hallig. Auf der Einkaufswarft erbost Peter die Betreiberin des Souvenierladens, indem er ihr unterstellt, sie verkaufe Plastikflaschenpostflaschen, die die Kinder dann ins Meer schmeißen, wo sie riesige Müllteppiche bilden. Dabei steht da fett draufgedruckt: "Nicht ins Meer schmeißen!". Peter rudert heftig rückwärts, um die aufgebrachte Frau wieder etwas zu beruhigen. Uschi und ich erstehen einige Postkarten, von denen ich eine direkt an Klaus-Peter schicke - als Ersatz für die vergessene aus meinem Österreich-Urlaub.

In unseren Vorräten befinden sich noch große Mengen roter Grütze, die wir unmöglich wieder mit zurück nehmen können. Also versammeln wir uns vor der Abfahrt noch einmal unter dem gegen die gnadenlos brezelnde Sonne aufgespannten Tarp, um Erdbeer- und Gartenfruchtgrütze zu löffeln - wahlweise mit Vanillesauce oder griechischem Joghurt.

Sobald der Wasserstand es zulässt, bringen wir die Boote über die Rampe und machen uns auf den Heimweg. Navigation ist heute nicht notwendig, wir wollen einfach nach Hause. Der Wind hat über Nacht gedreht, er weht nun ziemlich genau aus West. Auch die Strömung geht in dieselbe Richtung. Wir könnten im Fahrwasser fahren und alles wäre einfach und leicht und - langweilig. Also biege ich unvermittelt ab und wähle einen Kurs quer über die Flachs und zwischen den Sandbänken. Hier schwabbelt das Wasser zwar wieder etwas, was nicht allen gefällt, aber auf dem "Hasenweg" hätte niemand etwas gelernt und niemand hätte die Flachs, über die wir uns stochern, auch nur gesehen.

Gegen Ende des Weges werden die Bedingungen zum Surfen immer besser und alle nutzen diese Gelegenheit nach ihrem jeweiligen Vermögen. Bei Michael und Olav macht sich deutlich eine gewisse Routine bemerkbar. Sie agieren sichtlich entspannter als noch im vergangenen Jahr und sind meist vorne zu finden. Ich gebe Michael, der eindeutig der beste Navigator ist, nach jedem Abschnitt meinen Plan bekannt und kann mir sicher sein, dass er ihn eigenständig verfolgt, auch wenn er weit vor mir fährt.

Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen von Schlüttsiel überhole ich die gesamte Gruppe, um zu sehen, ob sie es schaffen kann, vor der uns verfolgenden Amrum-Fähre ins Hafenbecken einzulaufen. Als ich wende und die Positionen der Fähre und der Gruppe sehe, weiß ich, dass das nichts werden kann. Also postiere ich mich südlich der Hafeneinfahrt außerhalb des Fahrwassers, in der festen Annahme, dass alle auf mich zufahren werden. Tun auch alle. Fast alle. Leider ist Johanna aber gerade so mit Surfen beschäftigt, dass sie für nichts anderes ein Auge hat und diagonal ins Fahrwasser driftet - der Fähre genau vor die Nase. Mir stockt der Atem und ich versuche, sie anzurufen, gestikuliere wild mit Armen und Paddel - aber der einzige, der Notiz davon nimmt, ist vermutlich der Kapitän der Fähre, denn der fährt weiter in aller Seelenruhe von hinten auf die Paddlerin zu und lässt sein Typhoon unangetastet. Ich sehe Johannchen schon im Schaum zerschreddert werden, als Helge, der etwas näher dran ist, sie anruft, was sie veranlasst, sich erst umzudrehen und dann kleinlaut wieder hinter die Pricken zu verziehen. Geht doch!


Montag, 9. Juni 2014

Kieler Bucht - halbrund - Westflanke (3/3)

Schleimünde  hat keine Windräder - aber einen Flaggenmast, der einem die Windrichtung verrät. Nördlich sagt der. Fast fühlen wir uns verwöhnt, wir hätten es nicht besser planen können; drei Tage ausgesetzte Touren auf dem Wasser und keine widrigen Winde, einmal fast Flaute und zweimal Rückenwind - was will man mehr.

Zusammen mit einer beträchtlichen Horde Segelyachten zwängen wir uns durch das Nadelöhr Schleimünde. Wir müssen sogar etwas zickzack fahren, um nicht mit einem der vielen weißen Rümpfe in Konflikt zu geraten. Einmal draußen nehmen wir geraden Kurs auf Bülk: 156 Grad. Aber genau genommen muss man gar nicht auf den Kompass schauen, sondern einfach nur dem Pulk der zahllosen Segler folgen, dann kann nichts schief gehen. Allerdings ist das mit dem Folgen insofern schwierig, als wir einen klitzekleinen Tuck schneller sind als unsere windabhängigen Gefährten. So lassen wir eine Yacht nach der anderen hinter uns, ernten von respektvollem, freundlichem Gruß bis hin zu demonstrativer Ignoranz das gesamte Spektrum möglicher Grußreaktionen.

Wir wollten ausdrücklich keine Rücksicht auf das Schießgebiet nehmen, das weit draußen vor Schwansen liegt. An Pfingsten wird schon nicht geschossen werden, war unser Ansatz. Aber unser direkter Kurs bringt uns exakt zur südwestlichen Begrenzungstonne des Sperrgebietes, so dass wir uns problemlos regelkonform verhalten können. Zu unserer Verwunderung kreuzt auch kein einziges Segelboot das gekennzeichnete Areal. Das habe ich auch schon anders erlebt.

Mit zunehmender Strecke dreht der Wind immer mehr auf Ost und er nimmt auch etwas zu. Das führt dazu, dass uns nach und nach alle bislang überholten Yachten wieder einholen und davonziehen. Als wir eine etwa zehnminütige Pause einlegen, können wir sehen, wie weit ein Segelboot in so einer vermeintlich kurzen Zeit kommt. Die Bedingungen sind vollkommen harmlos, fast lieblich, aber das schützt nicht vor Überraschungen. Bei irgendeinem harmlosen Manöver verhake ich mich mit dem Paddel im Wasser, so dass ich nur knapp einer Kenterung entgehe. Ich denke, ich hätte es überlebt, aber peinlich wär's schon gewesen.

Wir sind seit drei Tagen druckvoll auf langen Schlägen unterwegs. Auch heute liegt unser Pensum nur knapp unter dreißig Kilometern. Trotzdem sind wir nicht am Ende mit unseren Reserven und halten eine konstante Geschwindigkeit über die gesamte Zeit. Genau vier Stunden nach der Abfahrt in Schleimünde schlagen wir an derselben Stelle an, an der wir am Samstag morgen gestartet sind.

Sonntag, 8. Juni 2014

Kieler Bucht - halbrund - Nordflanke (2/3)

Mein erster Blick aus dem Zelt geht zu den Windrädern. Gestern waren sie alle nach Westen gerichtet, wo der Wind herkam. Nun ist ihr Kopf um 180 Grad gedreht, entprechend der Wind. Das wäre für uns eine willkommene Unterstützung. Wir wollen ziemlich genau nach Westen - nach Schleimünde. Das sind gute dreißig Kilometer über freies Wasser. Nicht so weit wie gestern, aber eben auch kein Pappenstiel.

Was sich nicht so günstig darstellt, ist der Rest des Wettergeschehens. Es hängen dunkle Wolken über dem südlichen Himmel. Das erste Grummeln, das wir vernehmen, rechnen wir noch den überraschend mannigfaltigen Lebensäußerungen der Windräder zu. Aber schließlich können wir uns nicht mehr der Erkenntnis verweigern, dass die für nachmittags vorhergesagten Gewitter sich bereits jetzt entfalten. Im Osten, in der Richtung, aus der der Wind weht, herrscht eine recht harmlos wirkende Mischung aus Blau und Weiß, aber Gewitter ziehen eben nicht mit dem Wind sondern ihm entgegen. Wenigstens bleibt es an unserem Platz trocken, so dass wir die im nächtlichen Regen nass gewordene Ausrüstung trocken einpacken können.

Allerdings machen wir den Fehler, die gesamte Ausrüstung in die Boote zu stauen, während sie noch auf der Wiese liegen. Dadurch müssen wir sie schließlich mit all ihrem Gewicht zum Wasser schleppen, was man günstigstenfalls als leichtsinnig bezeichnen kann - ehrlicher aber als schwachsinnig bezeichnen muss. Wenn hier die eine oder andere Bandscheibe die Klügere gespielt hätte, wäre unser Wochenende im weiteren alles andere als entspannt verlaufen.

Nachdem Jörg sein linkes Handgelenk nach allen Regeln orthopädischer Kunst filigran mit Duck-Tape umwickelt hat, ich ihm mit einem besonders großen Exemplar aus meiner umfangreichen Pflastersammlung die Scheuerstelle unter der Achsel versorgt habe, machen wir uns hoffnungsfroh auf den Weg. Dem Drängen nach Schleimünde stehen die Vernunft, der dunkle Himmel und unser Schiss entgegen. Wir machen allerhand Annahmen, stellen Hypothesen auf und wägen Wahrscheinlichkeiten ab. Aber im Grunde suchen wir nur Ausflüchte gegen unsere Überzeugung, dass wir unter den herrschenden Bedingungen auf gar keinen Fall eine etwa fünfstündige Überfahrt über freies Wasser machen können.

Der Kompromiss ist, dass wir uns erst mal eine Stunde dicht an der Küste von Ärö entlang hangeln und dann sehen, wie wir weiter verfahren. Die Rechnung geht auch gut auf, denn nach anfänglichem, indifferentem Aussehen des Wettergeschehens klart es so nachhaltig auf, dass wir unseren Kurs schießlich genau nach Westen richten und auf die Südspitze von Alsen zuhalten. Der Wind ist zwar mäßig, weht aber konstant aus Osten, so dass er auf dem Belt immerhin ein paar Wellen zusammenschiebt, die den langen Schlag deutlich kurzweiliger machen.

Eigentlich wollen wir direkt an Land und Pause machen, aber der Strand ist hier vollkommen steinig, so dass wir noch eine ganze Weile weiter nach Westen fahren, bis wir uns schließlich an einem Badestrand von rauschenden Wellen auf den Sand spülen lassen. Wir sind bereits eine ziemliche Weile und Strecke gepaddelt, so dass ein kleines Nickerchen in der Sonne jetzt genau das richtige für uns ist. Eine gute Stunde lassen wir uns die Sonne auf den Pelz braten, bevor wir uns auf die letzte Etappe des Tages machen.

Der Kurs nach Schleimünde ist ziemlich genau Süd und damit leicht zu halten. Erst als wir den Eingang der Flensburger Förde fast ganz überquert haben, machen wir noch einmal einen kleinen Gewittersicherheitsschwenk, um näher ans Ufer zu gelangen. Zwar fahren wir immer noch etliche hundert Meter weit draußen, aber die handvoll Jetskis, die vor dem Strand von Falshöft auf und ab fahren, hören wir schon aus kilometerweiter Entfernung. Da haben ein halbes Dutzend Menschen einen stundenlangen Spaß - und nehmen alle in weitem Umkreis befindlichen Menschen in weitem Umkreis in Geißelhaft. Ich habe kein Verständnis für solche Art von "Sportgeräten".

Das Naturschutzgebiet Schleimünde ist lange im Voraus zu sehen und man denkt, es gleich erreicht zu haben. Aber wie so oft scheint es mit der Annäherung im gleichen Maße nach hinten zu driften, so dass es ein ausgesprochen mühseliges Unterfangen ist, es einzuholen. Bei der Vorbeifahrt an seinem südlichen Ende sehen wir Zelte, die direkt an der Strandseite aufgebaut sind. Es wundert uns etwas, denn normalerweise stehen hier keine Zelte, und besonders attraktiv scheint mir diese Stelle auch nicht zu sein. Als wir am Strand des kleinen Hafens auflaufen, erahnen wir den Grund: da ist eine lange Reihe von Kajaks und Kanadiern auf dem Sand geparkt, die eine dichte Belegung des Platzes vermuten lässt. So dicht besiedelt habe ich Schleimünde noch nie erlebt. Nur mit Mühe finden wir ein Plätzchen für unsere Zelte. Immerhin hat die Giftbude geöffnet. Offensichtlich hat die Bewirtung gewechselt. Aber auch die jungen Pächter können nichts daran ändern, dass sie fast restlos leergekauft sind. Zum Glück gibt es noch genug Bier und Johannisbeersaft, so dass wir nicht komplett auf dem Trockenen sitzen bleiben.

Samstag, 7. Juni 2014

Kieler Bucht - halb rund - Ostflanke (1/3)

Die Erde und das Universum waren dem Urknall noch 40 Jahre näher, als ich das erste Mal an Schleimünde vorbei hinaus in die unendlichen Weiten der Kieler Bucht segelte. Es war ein erhebendes Gefühl, das feste Land allmählich aus dem Blick verschwinden zu sehen bis wir schließlich rundherum nur noch von Wasser umgeben waren. Seitdem hat sich das Universum um gute vierzig Lichtjahre ausgedehnt - die Kieler Bucht hingegen ist um einiges geschrumpft.

Ich war davon ausgegangen, dass ich die seit mehreren Jahren angepeilte Querung von Bülk nach Ärö alleine unternehmen würde, aber nun ist überraschend Jörg mein Begleiter. Wir haben in den letzten Wochen gezielt darauf hin trainiert, lange Strecken zu fahren und halten uns für gut vorbereitet. Marie-Theres bringt uns mit unserem gesammeltem Trödel nach Bülk. Obwohl es noch recht früh am Tag ist - noch nicht einmal halb acht - gibt es bereits keinen freien Parkplatz mehr. Alle sind mit Camping-Mobilen belegt, die bereits mindestens seit gestern Abend hier stehen. Irgendwie ja schön, dass die Leute diesen Platz so mögen, aber irgendwie entsteht auch ein komisches Gefühl, dass er mittlerweile so überlaufen ist.

Obwohl wir nur eine Sommertour machen und entsprechend leichtes Gepäck verstauen müssen, dauert es bis viertel nach Acht, bis wir tatsächlich auf dem Wasser dümpeln. Ein wesentlicher Grund ist die um diese Uhrzeit noch verschlossen Toilette, ein Umstand, der umständliche Geländeerkundungen nach sich zieht.


Es herrscht erstaunlich frischer Nord- sprich Gegenwind. Das ist eher am oberen Ende dessen, was man aus der Vorhersage hätte herauslesen können. Es ist deutlich mehr, als mir gegen Ende meiner Unternehmung entgegenblies, als ich weiland von südlich Olpenitz nach Ärö gepaddelt bin. Damals hat mich dieser Gegenwind gehörig genervt und sehr an meinen Reserven gezerrt. Heute habe ich absolut keine Bedenken, dass wir es notfalls auch dann schaffen, wenn der Wind weder nachlässt noch seine Richtung zu unseren Gunsten ändert.

(auf diesem Bild ist ein Frachter versteckt!)
Die Sicht ist noch nicht überragend. Der Kieler Leuchtturm ist nicht zu sehen, und an manchmal nur
schemenhaft zu sehenden Frachtern kann man erkennen, dass noch Seenebel herrscht. Wir sind nicht in Sorge darüber, denn auf unserer Fahrtstrecke liegen keine Schifffahrtswege, die wir kreuzen müssten. Ich habe mein GPS sorgfältig programmiert - aber hier gibt es nicht viel zu programmieren, denn es liegen 43 Kilometer blaues Wasser vor uns mit wenig markierbaren Eigenschaften. Einzig genau in halber Entfernung zwischen Start und Ziel liegen zwei Tonnen - eine rot eine grün, wie sich das gehört. Allerdings sind beide fast zehn Kilometer voneinander entfernt und die gerade Linie unseres Kurses geht genau mittig zwischen ihnen hindurch. Es ist also nicht einmal sicher, ob wir diese beiden maritimen Markierungen überhaupt zu sehen bekommen.

Uns ist beiden klar, dass wir hier keine Rekorde bezüglich der Geschwindigkeit aufstellen können. Wir  müssen einen nachhaltigen Paddelstil entwickeln, wenn wir, ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen, auf der anderen Seite des blauen Wassers ankommen wollen. Wenn man seeehr weite Strecken paddelt, bleibt einem einfach keine andere Wahl, als dass jeder seine "intrinsische Geschwindigkeit" fährt. Alles andere würde Geist und Körper einem ständigen Stress aussetzen, der die Unternehmung am Ende insgesamt gefährdet. Fährt einer schneller als der andere, ist der langsamere immer versucht aufzuschließen, der vordere ist (manchmal) versucht, seinen Rythmus zu unterbrechen und zu warten. Beides zerstört den Flow, der sich einstellt, wenn man inneres und äußeres Schwingen in Einklang gebracht hat. Daher wäre meine Taktik eher, gemeinsame Zeiten zu verabreden, nach denen man zu kurzen Pausen zusammenkommt, als dass man ständig versucht, die unterschiedlichen Tempi mit Gewalt zu synchronisieren. Jörg  und ich haben aber im Laufe der Jahre zum einen eine quasi identische Grundgeschwindigkeit entwickelt, zum anderen haben wir alle Rennen zwischen uns schon ausgetragen - und jeder weiß, dass er den anderen nicht unter den Tisch paddeln kann. So können wir also sowohl in jeweils innerem Einklang als auch in äußerer Eintracht nebeneinander schwingen. Unser Problem ist eher, dass die Ostsee zu schmal für uns beide ist, so dass wir uns manchmal zu dicht kommen und sich unsere Paddeln miteinander verhaken. Aber auch dieses Problem bekommen wir mit zunehmender Schwingungsdauer immer besser in den Griff.

Die Sicht ist kontinuierlich klarer geworden, wir können die Steilküste von Stohl ständig hinter uns erkennen. Schwansen im Westen ist ebenfalls gut zu sehen, und als wir nach zwei Stunden unsere erste kurze Pause einlegen, ist Ärö im Norden vor uns auch bereits auszumachen. Nur nach Osten ist kein Land zu erkennen - dort haben wir tatsächlich so etwas wie offene See. Schiffsverkehr findet keiner statt, nur ab und zu sieht man mal ein Segelboot unseren Kurs queren, keines nah genug, dass man der Besatzung in die Augen blicken könnte. Der Wind lässt immer weiter nach, die Wellen zwingen uns zwar noch dazu, uns während der Pause gegenseitig zu stabilisieren, sind aber klein genug, dass wir die Spritzdecke offen lassen können. Heute wäre Helgoland-Wetter - aber auf der Nordsee herrschen heute andere Verhältnisse.

Das Nachlassen des Windes geht soweit, dass die Ostsee schließlich eine Cellophanoberfläche hat, die ölig auf und ab schwellt. Unser Ziel zeigt mittlerweile schon deutlich mehr Strukturen als nur ein milchig blasses Etwas auf dem Rand der Kimm. Aber es ist uns bewusst, dass das vermeintlich schnelle Näherkommen irgendwann umschlagen wird in ein verbissenes Wehren gegen die Annäherung. Vorerst sind wir hoch zufrieden mit unserer Vorstellung und schätzen unsere Geschwindigkeit auf annähernd sieben Kilometer pro Stunde. Demnach müssten wir uns nach vier Stunden in etwa auf der Mitte zwischen den beiden Fahrwassertonnen befinden. Wir machen die zweite Pause und halten nach den beiden Blechkameraden Ausschau. Es herrscht fast wolkenloser Himmel und immer noch absolute Windstille, gegenseitiges Festhalten wäre nun vollkommen übertrieben. Schon während des Paddelns zeigten sich immer wieder Fische in unserer Nähe, nun sieht man überall die Rückenflossen grätenführender Genossen die glatte Oberfläche stören, irgendwann zeigt sich der erste Schweinswal. Wir müssen unsere Pause direkt in deren Wohnzimmer gelegt haben, denn nach und nach tauchen überall ihre Rückenflossen auf. Sie kommen nicht nur flüchtig aus dem Wasser und tauchen wieder unter, nein, sie nutzen die gute Gelegenheit, tauchen auf, verharren dümpelnd an der Oberfläche und lassen sich die wohlig wärmende Sonne auf den nicht vorhandenen Pelz brennen.

Wir sind hier genau mitten im Nirgendwo, zurück wäre genauso weit wie voran. Aber die Kieler Bucht erscheint mir nicht mehr als endlose Weite, sondern ist zu einem ohne große Mühe und Risiko mit dem Kajak zu befahrenden Gewässer zusammengeschnurrt. Wir sehen an drei Seiten des Horizontes Land: Dänischer Wohld, Schwansen, Alsen, Ärö und Langeland sind ohne Probleme zu erkennen und zu erreichen. In dem um 40 Lichtjahre kleineren Universum hätte ich das nie für möglich gehalten! Was Training, Erfahrung und gereifte Technik vermögen, ist ausgesprochen faszinierend.

Jörg macht sich etwas Sorgen um sein linkes Daumengrundgelenk. Es besteht noch kein Problem, aber es macht sein Unbehagen über die aktuelle Belastung bemerkbar, und wir wollen ja auch noch die kommenden Tage ausgiebig paddeln. Wir werden dem Unbehagen Rechnung tragen müssen.

Die letzten drei Stunden ist Ärö praktisch zum Greifen nahe. Aber die Tatsache, dass die Pfeiler aller drei Windräder an unserem anvisierten Landeplatz noch im Wasser zu stehen scheinen, sagt uns, dass da noch ein Teil der Insel unter dem Horizont liegen muss und wir noch nicht gar so dicht am Ziel sein können. Nachdem die Windräder schließlich allesamt auf dem Trockenen stehen, könnte man die Entfernung auf wenige hundert Meter schätzen - wenn da nicht die klitzekleinen Segelyachten wären, die vor der Insel herumkreuzen. Wenn das keine Modellboote sind, wird es wohl immer noch weiter weg sein, es es nach unserem Bedarf der Fall sein müsste. Beharrlicher und bestimmungsmäßiger Einsatz der Paddelblätter lässt schließlich einige rosa Stifte auftauchen: die ersten Badegäste am Strand sind auszumachen! Nach genau sieben Stunden Fahrt erreichen wir stolz und glücklich den Übernachtungsplatz an den drei Windmühlen.

Der Strand ist ein "Naturist Strand", d.h. dass man hier ohne Textilien rumläuft. Wir schließen uns dem Trend an - nicht unbedingt aus Überzeugung sondern eher aus der schlichten Tatsache, dass wir keine Badehosen dabei haben und nehmen ein erfrischendes Bad in der Ostsee. Nachdem ein Linienbus schließlich die dänischen Naturisten abholt, sind wir praktisch alleine auf  unserer Zeltwiese.Unser Abendessen zelebrieren wir an der Tisch-Bank-Kombination des benachbarten Parkplatzes - ein Luxus, der sehr zur Entspannung der müden Muskeln beiträgt. Aufgrund des langen Tages ist es nicht verwunderlich, dass wir bald in unsern Nylonhütten verschwinden, um im fauchenden Rauschen der Windräder in die verdiente Nachtruhe zu gleiten.