Sonntag, 28. September 2025

Schleimünde 2025

Die letzte Zeit war bei mir etwas dicht gepackt mit Inhalten: erst musste ich nach Jersey, dann ins Baltikum. In das Wochenende zwischen den beiden Urlauben hatte ich mit Mühe die Leuchtturm-Tour gezwängt. Und kaum aus Litauen zurück, stand die traditionelle Schleimünde-Tour auf dem Programm. Nicht einmal zum Vorbereitungstreffen habe ich es geschafft! Aber natürlich hat Anja alles super organisiert! Sogar eine Mitfahrgelegenheit für mich und mein Boot, so dass ich mein eigenes Auto gar nicht brauchte.

Wind während der Tour
Die Tour erfreut sich immer sehr großer Beliebtheit. Anja hat das Limit auf 15 Personen gesetzt, weil genau so viele Menschen in unser Gruppenzelt passen - wenn man sie einigermaßen geschickt stapelt! Dieses Limit sorgt manchmal für lange Gesichter, aber erst mit dem Zelt wird die Tour zu dem Gemeinschaftserlebnis, das sie so beliebt und unvergessen macht. Und da wäre es nicht förderlich, wenn überzählige Teilnehmer draußen sitzen müssten. Und da ist es auch etwas ungünstig, dass Anja und Norbert beim Treffen vor der Bootshalle merken, dass sie das Zelt im heimischen Flur vergessen haben! Da ist also nochmal ein kleiner Umweg erforderlich!

Natürlich sind auch hier einige der Angemeldeten verhindert, als der Tag der Wahrheit vor der Tür steht. Und Nils ist sich noch nicht sicher, ob er bei dem angesagten Gegenwind überhaupt mitkommen möchte. Aber es rutschen auch immer noch wieder Leute spontan nach, die dann doch noch mitkommen können. Nils will sich die Situation erst mal vor Ort näher ansehen, bevor er sich entscheidet. Dazu will er nach Olpenitz fahren und einen Blick aufs Meer werfen. Ich sage ihm, dass Olpenitz dafür kein guter Ort ist. Er soll sich die Sache lieber in Sundsacker ansehen, von wo aus er mit Elke sowieso starten will.

Alle anderen starten von Sieseby aus. Die übrigen in Frage kommenden Startorte sind bei der Vorbesprechung verworfen worden, wegen schwieriger Anreisebedingungen aufgrund der momentan prekären Lage bei Brücken und Fähren, und weil sowieso zuviel Gegenwind herrscht für eine noch längere Paddelstrecke. So packen am Ende elf wackere Paddler ihre Siebensachen am Steg von Sieseby in ihre Boote. Zum Glück ist Bernhard mit von der Partie, denn sein großes Boot schreit förmlich danach, das Gruppenzelt zu beherbergen, was seinen Stauraum aber nur unwesentlich ausfüllt. 

Anja ist noch ganz beseelt vom auf Jersey Gelernten und macht ein ausführliches Briefing. Es werden zwei Pausen vereinbart - eine in Sundsacker, wo wir Elke und Nils aufnehmen wollen und eine an der Engstelle hinter Kappeln, wo sich die Schlei nach Osten öffnet und ab wo wir dem Gegenwind ins Auge blicken müssen. 

Um halb zwölf, eine halbe Stunde später als meine Schätzung, stechen wir in See. Wie üblich sind alle hoch motiviert und legen gleich ordentlich los. Ich schließe bald zu Angela auf und verabrede mit ihr, dass wir die jungen Leute einfach lospreschen lassen und wir beide gemütlich hinterher trotteln. Der Weg ist ja klar. Aber das ist nicht kompatibel mit Anjas Anspruch, das auf Jersey Gelernte in der Praxis anzuwenden. Entschlossen stoppt sie die Gruppe und gibt die Devise aus, dass wir als Pulk zusammen fahren und die Langsamsten das Tempo vorgeben. Ein lobenswerter Ansatz, aber nach meiner Erfahrung nicht einfach umzusetzen. Überdies besteht die Gefahr, dass die Langsameren sich im Pulk der Gruppe doch zu mehr Tempo hinreißen lassen, als sie dauerhaft könnten und dann mit fortschreitender Zeit ernsthaftere Probleme auftreten können. Aber bis zur Pause ist es ja nicht weit.

Zusätzlich zu meiner Verschätzung beim Starttermin habe ich auch die Zeit unterschätzt, die wir bis Sundsacker benötigen. So treffen wir also erst eine Dreiviertelstunde später dort ein, als  ich es Elke bei unserer Abfahrt vorhergesagt hatte. Unsere "Verspätung" hat die beiden aber nicht weiter beunruhigt, Ich war mir sicher, dass Nils sich für die Mitfahrt entscheidet, wenn er die Verhältnisse in Sundsacker sieht. Hier ist es leidlich geschützt und es sieht alles sehr harmlos aus. Ab hier fahren wir also mit dreizehn Nasen weiter.

Von hier bis hinter Kappeln ist die Schlei recht schmal und verläuft quasi genau in Nord-Süd-Richtung. Dadurch bieten die Ufer einen recht guten Windschutz und man merkt kaum, dass ein kräftiger Wind weht. Wir sind zügig unterwegs und auch recht dicht beeinander. Das ändert sich aber nach der Pause, die wir wie vereinbart an der Engstelle zelebrieren, wo sich die Schlei final nach Osten öffnet und auf ungeahnte Breite weitet.

Erst Zickzack, dann Begleitung von Nils, dann Kopplung...
Hier bläst uns nun der Wind erbarmungslos ins Gesicht! Die dadurch arg reduzierte Zügigkeit kompensiere ich anfangs, in dem ich einfach in Schlangenlinien hinter der Gruppe hinterherfahre. Hätte Nils gewusst, wie anstrengend es sein kann, nach Schleimünde zu kommen, hätte er vielleicht doch in den Sack gehauen. Bernhard zeigt sich solidarisch und paddelt dicht neben ihm. Nach guten zwanzig Minuten schließe ich zu beiden auf und biete an, dass ich ab nun neben Nils bleiben werde. Sehr zur Freude von Bernhard, der gleich zum vorderen Teil der Gruppe enteilt. Neben der Reduktion der Geschwindigkeit hat die geänderte Windsituation nämlich dazu geführt, dass sich die Gruppe über eine beträchtliche Strecke verteilt. Es ist eben doch nicht so ganz einfach, Gelerntes und eigentlich für richtig Erachtetes auf Dauer in der Praxis auch anzuwenden - insbesondere, wenn es ein seehr langsames Paddeln bedeutet.

Ich schaue immer mal wieder auf meine Super-Duper-GPS-Uhr, um unsere Geschwindigkeit zu checken. Die sinkt leider kontinuierlich ab und fällt zeitweise unter drei Stundenkilometer. Es sind noch gute drei Kilometer bis zu unserem Ziel, und wenn wir noch langsamer werden, kann das eine Weile dauern. Auf der Höhe von Maasholm biete ich Nils an, dass er sich an meinem Bug festhalten kann und ich ihn dann einfach schiebe. Das findet er eigentlich auch ganz angenehm, hat aber den Nachteil, dass unser Verband nicht mehr die eigentlich benötigten Kurs halten kann. Mein nächstes Angebot, ihn mit einer Schleppleine zu unterstützen, wenn er es von sich aus wünscht, kann er nicht wirklich widerstehen. Die Kopplung gestaltet sich etwas holperig, weil die Leinen auf Nils Boot nicht wirklich auf so eine Situation vorbereitet sind - aber auch wenn es uns währenddessen etwas zurück weht: wir bekommen es hin.

Ist es nicht so, dass sich die Geschwindigkeiten von zwei Kajaks addieren, wenn man sie mit einer Leine koppelt? Nils paddelt wacker mit, und zusammen sind wir nun so zügig unterwegs, dass wir fast die gesamte Gruppe einholen - bis auf Anja und Maditha, die ganz vorne fahren. 

Die Öhe hat auf mich immer sofort eine ungemein beruhigende Wirkung - nachdem ich sie nur betrete! Im Segelhafen herrscht überraschend viel Betrieb und auch das Hafenmeisterbüro ist besetzt. Hier gibt es sogar Kaffee und ein paar Kleinigkeiten zum Verzehr zu kaufen - als Ersatz für die nicht in Betrieb befindliche Giftbude. Nachdem wir unsere eigenen Zelte errichtet haben, wird das große Gemeinschaftzelt aufgebaut. Gut, dass wir Anja dabei haben, denn sie ist die einzige, die einen wirklichen Plan dafür hat. Aber wenn gleichzeitig etwa zehn Mann die notwendigen Stangen einschieben und Heringe an den richtigen Positionen in den Boden rammen, steht das Ding im Handumdrehen! Und der wirklich kräftige Wind macht ihm gar nix!

Allerdings ist das Wetter so schön und die Luft so lau, dass wir unseren Nachmittagskaffee draußen an den Holzbänken zu uns nehmen. Ich habe das Gefühl, dass der Herbst zeigen will, dass auch er unglaublich schöne und warme Wochenenden zustande bekommt!

Auch am nächsten Morgen ist es so warm und sonnig, dass wir das Gemeinschaftszelt leer lassen und stattdessen ein paar Holzbank-Tisch-Kombinationen so arrangieren, dass wir mit allen daran frühstücken können. Die Diskussion, wann wir denn fertig für die Rücktour sein wollen - oder müssen - endet mit einem entspannungsfreundlichen elf Uhr!

Zwar hat der Wind gegen gestern erheblich abgenommen, aber er weht immer noch frisch. Hinzu kommt, dass durch den verminderten Winddruck das Wasser nun aus der Schlei hinausströmt - also dem Wind entgegen. Das erzeugt erfrischende Wellen! Statt mich direkt nach rechts Richtung Sieseby zu wenden, fahre ich nach links - dem Vergnügen entgegen. Einige andere wollen auch noch etwas Spaß haben. Die Windstärke beträgt nur noch vier bis fünf Beaufort, was ziemlich mau ist, aber durch die heftige Strömung bauen sich direkt in der Fahrrinne bis einen Meter hohe Wellen auf. Die Segelyachten, die die Schlei verlassen, stampfen wie bockige Broncos. Es macht mir großen Spaß, mit den Wellen zu spielen, und ich fahre bis hinter Tonne 1. Nach der Wende sehe ich, dass mir doch niemand gefolgt ist. Schade, denn auch der Weg zurück ist spritzig und macht Spaß.

Der Heimweg nach Sieseby ist mit dem Wind im Rücken für niemanden ein Problem. Dort stärken wir uns noch durch Kaffee und Kuchen in der Sonne. Wieder einmal haben wir ein sagenhaftes Glück gehabt und ein traumhaftes Wochenende geschenkt bekommen. Vielleicht würde Nils nicht unbedingt "geschenkt" sagen, aber "traumhaft" wird er bestimmt unterschreiben können!

 GPS-Daten

Samstag, 13. September 2025

Leuchtturm-Tour

Anne kam bei der Fahrtenplanung im vergangenen Winter mit der Idee, eine Tourserie zu den Leuchttürmen unseres Heimatrevieres aufzulegen. Ich hatte sowieso mit dem Gedanken gespielt, mal wieder eine Tour zum Kieler Außenleuchtturm anzubieten und wollte gerne mit einem Beitrag die Serie ergänzen. Leider wusste ich bei der ursprünglichen Terminplanung noch nicht, dass ich ins Baltikum musste, und so musste ich noch mal den Termin mit Ulrichs Jahresabschlussfitnesstesttour tauschen.

Ich hatte immerhin sechs Anmeldungen, was ganz ordentlich ist für eine Tour ins ausgesetzte Wasser. Aber je näher der Termin rückte, desto mehr bröckelte die ursprüngliche Zahl der Interessenten. Am Morgen des Tages kam noch die letzte Absage wegen Gliederschmerzen. Nun muss man sagen, dass die Windvorhersage auch einigermaßen anspruchsvolle Bedingungen vermuten (will sagen, je nach Befindlichkeit befürchten oder erhoffen) ließ: fünf bis sechs Beaufort aus Süd. Eigentlich war mir das ganz recht, denn bei nahezu Flaute ist die Tour nicht nicht wirklich etwas besonderes. Andererseits verstehe ich auch die Zurückhaltung bei allen, die deswegen zurückgezogen haben, sich nicht ohne Not solchen Bedingungen aussetzen zu wollen. 

So bleiben unterm Strich nur zwei wackere Paddler übrig, die mich begleiten wollen: Peter und Lena. Das vereinfacht zum einen die Anreise, weil wir mit einem Auto fahren können, und zum anderen muss ich mir bei den beiden keine Sorgen wegen eventueller Überforderung meiner Mitpaddler machen.

Peters Auto ist nagelneu - und er weiß noch nicht, ob es schlauer ist als er selbst! Aber es kann alle unsere drei Boote auf dem Dach transportieren, was die Unternehmung sehr vereinfacht. Ich bin gestern noch extra nach Bülk geradelt, um mir die Parksituation aus nächster Nähe anzusehen. Der Schlagbaum, der die Zufahrt regulieren soll, liegt im Straßengraben neben seiner Aufhängung - der wird uns also keine Probleme machen. Da wir so früh sind, können wir uns auch aussuchen, wo wir parken und haben keine lange Strecke, um die Boote vom Auto an den Strand zu tragen. Ich löse einen Parkschein für vier Stunden - innerhalb dieser Zeit müssen wir es geschafft haben!

Packen fällt praktisch aus, weil wir ja nur kurz hinhechten wollen und ohne Umschweife zurück. Die Vorbesprechung erfordert etwas Phantasie, weil weder die Teilnehmer noch der Fahrtenleiter eine Seekarte dabei haben! Obwohl ich mir gestern Abend extra noch mal den relevanten Ausschnitt der Seekarte ausgedruckt hatte! Aber immerhin haben wir uns ja das Seegebiet bei der Vorbesprechung am vergangenen Mittwoch genau angesehen und alle Optionen diskutiert. 

Peter plädiert sehr dafür, dass wir zur Tonne 1 fahren. Das ist die "Kuh", die bei Seegang immer muht und die will er gerne sehen. Die Tonne liegt nach Seekarte (die wir ja nicht dabei haben) etwa in Richtung 58 Grad. Für den Anfang wollen wir dafür 60 Grad steuern. Ich weiß trotz fehlender Referenz, dass das etwas knapp als Vorhalt ist, weil wir ja doch einigen Wind haben. Aber der Wert lässt sich halt super gut auf dem Kompass ablesen, und später können wir immer noch unseren Kurs anpassen. Es zeigt sich auch bald, dass wir kräftig versetzt werden und eine ordentliche Hundekurve beschreiben. Am Ende müssen wir fast 90 Grad steuern, um nicht an der Tonne vorbeigeweht zu werden.

Die Wellen hier sind schon erheblich - ich schätze mal so einen halben Meter. Aber sie sind gutmütig und tun nix! Aber sie veranlassen die "Kuh" auch nicht zum Muhen! Wie es aussieht, hat man der Tonne die tongebende Röhre entfernt, so dass sie nur noch stumm im Auf und Ab der Wellen rumdümpelt. Ein nachträglicher Blick in eine aktuelle Seekarte enthüllt auch, dass sie keine Bezeichnung mehr trägt, die auf ein Muhen hindeuten könnte! Schade!

Von der grünen Tonne geht es genau Richtung Norden zur gelben Kabeltonne. Dabei haben wir den Wind exakt von hinten, und er beschert uns einige tolle Surfgelegenheiten. Ich glaube, das hat Lena noch nicht so oft erlebt und sie kann hier sehen, wieviel Spaß solche Bedingungen machen können. Sie hat als Kind das Paddeln quasi mit der Muttermilch eingetrichtert bekommen und verfügt über eine traumwandlerische Bootsbeherrschung. Außerdem ist sie komplett unbekümmert und sieht keinerlei Bedrohung in den Verhältnissen. Irgendwann paddelt sie uns allen davon!

Für den Nordkurs war kein Vorhalt notwendig. Als wir uns an der Kabeltonne angekommen zum Leuchtturm wenden, müssen wir aber wieder der Abdrift durch Wind und Strömung Tribut zollen. Ich steuere wieder konstant 60 Grad, was diesmal aber gut ausreicht, um den Versatz zu kompensieren. Der Leuchtturm ist seit dem Sturm von zwei Jahren komplett verwaist und wird von den Lotsen nicht mehr genutzt. Ich rechne damit, dass man ihn so lange verfallen lassen wird, bis eine Reparatur zu teuer wird und man ihn schließlich abreißen wird. Wir stärken uns etwas in seinem Windschatten und machen uns auf den Rückweg.

Eigentlich sollte man denken, dass das Navigieren dabei sehr einfach sein sollte: einfach den Leuchtturm Bülk anpeilen und drauf los halten. Das Problem am Leuchtturm Bülk ist aber, dass er so in den ihn umgebenden Bäumen versteckt ist, dass man ihn von See aus gar nicht sieht! Das ist für einen Leuchtturm besonders praktisch! Zum Glück sind die Lichtverhältnisse aber günstig genug, dass man die erste Kabeltonne gut sehen kann. Wir peilen erst sie an, dann die zweite und ab dort sieht man dann auch den durchsichtigen Teil des Leuchtturms Bülk durch die Bäume schimmern.

Gegen den Wind ist es etwas mühseliger mit dem Vorankommen. Unsere Geschwindigkeit geht von anfänglichen fünf km/h schließlich auf vier km/h zurück. Ganz zum Schluss lasse ich mein Boot noch mal laufen, damit es auch auf seine Kosten kommt. Nach guten zweieinhalb Stunden sind wir zurück am Strand. Da unser Parkschein noch eine Weile gilt, gehen wir noch in den Kaffee-Pils auf ein Stück Kuchen mit Kakao!

GPS-Daten hier 

Sonntag, 13. Juli 2025

Jägerschnitzel mit Pilzen und Bauernfrühstück ohne Speck

Wie schön, dass in unserem Verein Leute nachrutschen, die Touren auf der Nordsee anbieten! Bislang blieb das immer eher an mir hängen, nun haben sich Simon und Peter zusammengetan, eine Tour für Nordsee-Einsteiger zu organisieren. Peter war eigentlich schon immer in der Lage dazu, hatte aber nicht so viel damit am Hut, sich am Fahrtenprogramm des Vereins zu beteiligen. Simon ist auf dem Weg, sich in dieses Thema reinzufinden. Was für eine glückliche Kombi - und ich kann mich beruhigt zurücklehnen ;-)

Natürlich will ich selbst auch gerne mit auf die Nordsee und nach Hooge - aber es ist keine gute Idee als "alter Hase", der meint, alles besser zu wissen, sich in diesen Prozess einzumischen. Aber wenn ich gar nicht mitfahre, sondern einfach nur zum selben Zeitpunkt auch nach Hooge fahre? Da spricht doch eigentlich nichts dagegen! Jedenfalls haben Simon und Peter keine ausschließenden Bedenken geäußert. Jörg hatte vorher schon Interesse an einer "Auch-Fahrt" bekundet, und so bilden wir beide einfach eine zweite Gruppe, die am selben Tag zufällig auch nach Hooge fährt.

Während wir im Bulli vorbei an Spinkebüll und den anderen einschlägigen Metropolen Nordfrieslands nach Schlüttsiel schiggern, rätselt Jörg darüber, ob er wirklich alles dabei hat. Meine Devise ist immer: ich habe bestimmt nicht alles dabei, aber genug, um damit über die Runden zu kommen! Beim Durchgehen meiner Ausrüstung in Gedanken kommt in mir das Gefühl hoch, dass ich meinen Camping-Stuhl nicht eingepackt habe. Ich kann mich immer recht gut daran erinnern, welche Gegenstände ich beim Packvorgang in den Händen gehabt habe - der Heli-Stuhl war nicht dabei. Das ist schade, aber kein Beinbruch!

In Hafen von Schlüttsiel steht Angela schon bereit. Sie ist solo angereist, denn sie kommt nicht aus Kiel sondern aus dem tiefen Süden unseres nordischen Landes. Auf der anderen Seite des Hafens macht sich ebenfalls eine Gruppe Paddler fertig - es ist eine Tour, die Antje F. für den Hamburger LKV anbietet. Wenig später treffen auch die restlichen Kieler ein - so dass unser Vereinskontingent mit sieben Personen vollständig ist. Nur Bernhard und Bianca (die den meisten eher unter ihrem Pseudonym Isabelle bekannt ist) haben abgesagt: Bernhard musste sich kurzfristig einem heftigen Anfall von "Rücken" beugen, und Isabelle muss ihn jetzt pflegen!

Beim Umpacken unserer Ausrüstung vom Auto in die Boote fällt mir ziemlich bald mein Camping-Stuhl in die Hände. Welch Glückes Geschick! Dann kann ich doch gemütlich auf dem Deich in meinem Stuhl sitzen und den Sonnenuntergang genießen! Merkwürdig nur, dass ich mich nicht erinnern konnte, ihn eingepackt zu haben. Das klärt sich wenig später. Denn was mir nicht in die Hände kommt, ist meine Iso-Matte! Und jetzt dämmert es mir: ich hatte beim Einpacken den Stuhl für meine Matte gehalten, weil sie eine ähnliche Form und Größe haben! Wenn ich wählen könnte, würde ich lieber meinen Stuhl vergessen haben als meine Iso-Matte - aber hier kann ich nicht wählen! Das ist schade, aber auch kein Beinbruch, von dem ich mir die Tour vermiesen lasse!

Jörg und ich sind zwar als erste auf dem Wasser, aber wir wollen nicht vor den anderen losfahren. Da bei denen aber noch ein gründliches Briefing fällig ist, schließlich sind einige das erste Mal in diesem Revier, dümpeln wir eine ziemliche Weile im Hafenbecken herum. Den ersten Kilometer fahren wir noch eher hinter als vor der anderen Gruppe, aber die Verhältnisse sind unerwartet harmlos und niemand macht auch nur den Anschein, als wenn es ihm nicht geheuer ist. Irgendwann verfallen wir einfach in unser gewohntes Tempo. Wenn wir hier schon nichts beitragen können, wollen wir wenigstens nicht trödeln und damit auf Hooge möglichst komfortabel aussteigen.

Wie so oft erliegen wir auch diesmal unser laxen Navigation. Wir sind mit dem Revier so vertraut, dass wir nicht die Sorgfalt an den Tag legen, die für eine fehlerfreie Navigation notwendig wäre. Spätestens an der Tonne SA21/Ho13 müssten wir uns nämlich nach Süden den Tonnen Ho4 und Ho2 zuwenden. Dort wenden wir uns auch tatsächlich etwas nach Süden den beiden nächsten sichtbaren Tonnen zu - aber das sind SA22a und SA19a! Auf der Seekarte sieht das wie ein derber Fehler aus, aber Tonnen gegen die Sonne zu erkennen, ist nicht leicht, und wenn man zwei erwartet und zwei sieht - und die auch noch leicht südlicher als der bisherige Kurs liegen - ist man nur zu gerne bereit, die Erwartung leichtgläubig auf des Gesehene zu projizieren. Erst kurz vor der Tonne SA19a merke ich, dass wir viel zu weit nördlich und damit immer noch in der Süderaue sind. Wir hätten ab Tonne SA21/Ho13 einfach auf unseren Kompass sehen und direkt nach Süden steuern sollen - dann hätten wir auch irgendwann die beiden roten Tonnen des Hooge-Fahrwassers entdeckt! So schrammen wir knapp über das Flach zwischen der Süderaue und dem Hoogefahrwasser. Zu unserem Glück steht aber noch etwa ein halber Meter Wasser darüber. Und zum Glück sind wir mittlerweile so weit vor unseren Kameraden, dass sie uns nicht mehr sehen können. Dadurch ist zum einen sichergestellt, dass sie weiterhin glauben können, wir seien die weltbesten Navigatoren - und zum anderen besteht nicht die Gefahr, dass sie, statt selbst zu navigieren, einfach den beiden weltbesten Navigatoren nachfahren. Dann hätten sie nämlich definitiv das Problem, dass eben kein Wasser mehr über dem Flach steht!

Das Aussteigen an der Hooger Mole ist wie immer kein Vergnügen! Ich habe Angst, dass die hässlichen Austern sich einfach durch die Neoprenschuhe in meine Füße schneiden und damit der Unternehmung ein jähes Ende bereiten. Aber wir meistern die Aufgabe ohne Blutverlust.

Auf der Zeltwiese steht nur eine einzige Stoffhütte. Die Hamburger Gruppe ist also vermutlich nach Hilligenlei auf Langeness gefahren. Uns soll es recht sein. Die Bewohner der anderen Stoffhütte erkenne ich bald als Anke und Rainer E. aus Hamburg. Anke als Urgestein der Seekajak-Szene treffe ich seit vielen Jahren immer mal wieder - mal hier und
mal da.  Nachdem der Rest unserer Vereinsmitglieder eingetroffen und alle Zelte aufgebaut sind, wird emsig gekocht und gespeist. Das Wetter ist ziemlich gut, aber der konstante Wind lässt keine ausgelassene Gemütlichkeit aufkommen. So fällt die Anbetung des - zugegebenermaßen eher suboptimalen - Sonnenunterganges entsprechend kurz aus. Ich versuche, meine fehlende Iso-Matte durch irgendwelche Kleidungsstücke zu ersetzen, die ich mir unterlege...

Der Samstag beginnt mit halbherzigen Überlegungen, was man den paddeltechnisch bewerkstelligen könnte. Peter konnte gestern seine Führungsrolle beim Anlanden und Transportieren der Boote von der Mole zur Zeltwiese nicht ablegen und hat kräftig mitgeschleppt. Dass er eigentlich latent immer Problem mit "Rücken" hat, hat er zwar nicht vergessen - aber ignoriert! Das rächt sich heute morgen in Form heftiger Schmerzen, die seinen Gang wie den eines alten Mannes aussehen lassen. Paddeln fällt für ihn heute aus. Aber das muss ja nix für die anderen heißen. Die Windvorhersage ist aber eher garstig, so dass alle Optionen eine beinharte Komponente beinhalten würden - und auf der Hallig ist es ja auch sehr schön! So wird einhellig beschlossen, das Eiland genauer unter die Lupe zu nehmen und einen ausgiebigen Spaziergang darauf zu unternehmen. 

Abends wollen wir dann in den Friesenpesel gehen, um etwas zu essen. Damit unser Unterkommen dort sichergestellt ist, wollen wir uns kurz vorher telefonisch anmelden. Elke weist ihr Telefon an, beim Friesenpesel anzurufen. Wir hatten schon vorher darüber geredet, dass sich das Angebot dort über die Jahre immer weiter zum Dürftigeren hin entwickelt hat. Nun scheint die Situation aber endgültig prekär geworden zu sein: Sie hätten leider kein Personal und eine Bewirtung von neun Mäulern wäre schwierig. Aber wenn wir uns vorab auf einige wenige Gerichte verständigen könnten, könne sie wohl was vorbereiten. Lamm-Filet steht nicht zur Auswahl, nicht einmal Lamm-Frikadelle, zu dem das Filet schon vor einigen Jahre mutiert ist. Aber Jägerschnitzel mit Pilzen - und für Vegetarier Bauerfrühstück ohne Speck! Frische Luft und Betätigung darin machen hungrig - da schrumpfen die kulinarischen Ansprüche gerne mal auf ein Minimum. Wir ordern fünf Jägerschnitzel und vier mal Bauerfrühstück.

Unser Spaziergang bringt es an den Tag: Hooge ist verdammt groß! Immerhin schaffen wir genau die Hälfte einer Komplettumrundung! Auf der Hanswarft ist eine Pause mit Stärkung fällig. Hier kann man die legendäre Friesentorte ordern - eine komplexe Aufschichtung aus Mürbeteig, Blätterteig, Sahne und Pflaumenmus, an der man beim Versuch, den Verzehr einigermaßen ästhetisch zu bewerkstelligen, nur scheitern kann! Ich nehme lieber Apfelkuchen... . In den Gesprächen, bekümmert uns die Situation des Friesenpesels weiterhin. Wenn Lammfilet und selbst Lamm-Frikadelle nicht einmal mehr auf der Speisekarte stehen, kann das nichts Gutes bedeuten! Stattdessen haben sie jetzt Jägerschnitzel - das gab's früher nicht! Da ist wohl bald die letzte Luft raus! Wie schade das für Hooge wäre, wenn so ein ehemaliger Magnet seine Anziehungskraft komplett verlieren würde! 

Nach unserer Rückkehr auf die Zeltwiese sind wir vornehmlich damit beschäftigt, uns für den Besuch im Friesenpesel vorzubereiten. Dazu gehört Badengehen im durch die Springflut prall gefüllten Hafen (man kann dabei mit den Füßen im Schlick rühren!), auf der Wiese sitzen und die frisch gebadeten Füße auf den mitgebrachten Tisch legen, oder einfach dösen. Wir können noch einem Katamaran-Segler dabei zusehen, wie er in atemberaubendem Tempo die Hallig umrundet und mit vollem Karacho durch das schmale Fluttor in den Hafen brettert! Mitten im Hafenbecken springt sein mitgesegelter Sohn in voller Fahrt vom Boot! Das gefällt offensichtlich seiner Schwester so gut, dass der Katamaran mit ihr noch mal rausmuss, damit sie die Nummer mit dem Rausspringen bei voller Fahrt auch noch mal vorführen kann! Gegen Abend kommt noch die Hamburger Truppe an, die von Hilligenlei übergesetzt und ebenfalls Hooge umrundet hat.

Beim Friesenpesel nehmen wir gleich auf der Terasse Platz. Hier ist Windschutz und es ist lau genug. Prompt kommt die Bedienung an unseren Tisch und will uns Speisekarten überreichen. Wir geben uns zu erkennen, dass wir die Truppe sind, die sich angemeldet und das Essen abgestimmt hat, weil sie doch gerade kein Personal haben. "So, so. Na, wir sind ja jetzt da, da können sie ja schon mal wählen.". "Wir brauchen nicht zu wählen, weil wir ja schon mit Ihnen abgestimmt haben, dass wir fünf mal Jägerschnitzel mit Pilzen nehmen und viermal Bauernfrühstück - ohne Speck!" "Jagerschnitzel? Ich werde mal in der Küche fragen, was möglich ist." 

Der Friesenpesel in Silberstedt!
Wir sind leicht irritiert, dass sie so komplett uninformiert tut. Und außerdem sah es so aus, als wenn sie uns die ganz normale Speisekarte ohne Einschränkungen aushändigen wollte! Sehr merkwürdig alles! Bis Sven die Frage stellt: "Sind wir uns eigentlich sicher, dass wir beim richtigen Friesenpesel angerufen haben?" Ein kurzes Stutzen, ein Gelächter über die abstruse Idee - und ein kurzer Vergleich der Telefonnummer in Elkes Anrufverlauf mit der, die Peter für den Friesenpesel auf Hooge aus dem Internet gesucht hat - nun ja Hooge hat die Vorwahl 048... und nicht 046...! Ein kurzer Check: in Silberstedt gibt es noch einen Friesenpesel! Elke ruft - leicht rot angelaufen - noch mal an und entschuldigt sich mannigfaltig. "Das ist schön öfter passiert!", klingt es von der anderen Seite - und lässt mein Mitleid damit deutlich zusammenschmelzen. Wenn man das schon kennt, sollte man doch auf die Idee kommen, mal nachzufragen, ob denn wirklich der Friesenpesel in Silberstedt gemeint ist - vor allem wenn Elke heute Morgen auf die Frage "Wo sind sie denn gerade?" mit "Auf dem Campingplatz auf Hooge." geantwortet hat.

Nachdem die Situation gründlich geklärt ist, übernehmen wir die Speisekarten, studieren sie gründlich und finden alles, was das Herz begehrt. Auch das Lammfilet ist zurück auf der Liste - nur Jägerschnitzel sucht man vergeblich!

In der zweiten Nacht vermisse ich meine Iso-Matte praktisch gar nicht mehr. Ich habe mir nun zusätzlich meine mittlerweile durchgetrocknete kurze Neohose auch noch untergelegt. Unterm Strich muss ich aber zugeben, dass so eine Matte doch einen Mehrwert beisteuert und ich sie auf meine nächste Tour wieder mitnehmen werde!

Das Hochwasser am Sonntag ist erst am Nachmittag und wir können eigentlich nicht vor zwölf Uhr losfahren. Das beschert uns noch mal einen gemütlichen Vormittag, der uns aber durch einen nicht vereinbarten Nieselregen leider etwas vermieselt wird. Ich gehe zum Frühstück ins Seglerheim, wo sich auch die Hamburger Gruppe eingefunden hat. Sie diskutieren noch, ob sie bei dem herrschenden Wind überhaupt auf eigenem Kiel zurückfahren oder doch lieber die Fähre nehmen wollen. Da ist von Windstärken die Rede, die mich etwas fragend zurücklassen. Möglicherweise liegt das daran, dass der Windmesser hier die Geschwindigkeit in Knoten anzeigt. Die Werte sind dann etwa doppelt so hoch, wie die entsprechenden Werte in Meter pro Sekunde. Antje ruft mich irgendwann zur Seite, um mich nach meiner Meinung zu fragen. Ich bestätige ihre Einschätzung, dass es maximal vier Windstärken sind, was der Truppe keine wesentlichen Probleme bereiten sollte. Die Herausforderung besteht lediglich in der Tatsache, dass man zwanzig Kilometer gegen den Wind fahren muss.

Antjes Ansage an die Truppe ist super professionell: Sie schildert ihre Einschätzung ohne Beschönigung, macht aber deutlich, dass sie die Bedingungen für die Gruppe für machbar hält. Sie stellt auch drucklos die Alternativen zur Auswahl. Dass es kein Problem für sie sei, wenn alle die Fähre wählen würden, und ebensowenig, wenn nur einige sich dafür entscheiden. Jeder erhält Zeit und Gelegenheit, in sich zu horchen und frei zu äußern, wie sich das für ihn anfühlt und wofür er sich entscheidet. Am Ende wählt nur eine Person die Fähre, die aber bereits vorher körperliche Beschwerden geäußert hatte. Ich habe mir das erst still angehört und nach der Entscheidung aller noch mal angemerkt, dass ich die Aktion nicht nur für machbar halte, sondern dass ich überzeugt bin, dass alle auch Spaß daran haben und eine Menge lernen werden.

Die Hamburger rollern auf die Ostseite des Hafentores, wo der Weg zum Wasser kürzer und risikolos ist, unsere Truppe trägt die Boote auf der Westseite dem Wasser entgegen - und Jörg und ich wählen die Mole als Einsatzstelle. Wir beide sind zwar als erstes auf dem Wasser, aber die anderen kommen nicht wesentlich später los. Statt dem Hooge-Fahrwasser zu folgen, wollen Jörg und ich direkt und gleich in die Süderaue fahren, weil dort der meiste Strom geht - und man beim Navigieren nicht so aufpassen muss! Die Fahrt ist unspektakulär, denn der Wind erreicht nur mit einiger Mühe vier Beaufort - und aus Osten kommend, kann er auch nicht viel ausrichten und gemeine Wellen zusammenschieben. Zum Abschluss gehen wir noch auf einen Milchkaffee (Jörg) und einen Tee (ich) in das Sielrestaurant. Der Tee ist wirklich ausgesprochen lecker - aber wir müssen das Lokal bald verlassen, weil es einfach unerträglich warm darin ist.

(GPS-Tracks der Touren hier.) 

Dienstag, 10. Juni 2025

Klein ist die Seekajak-Gemeinde!

 

Windwerte zu Pfingsten auf Hooge
Eigentlich — Moment mal, hatten wir das nicht gerade?

Eine EPP-4-Prüfungsfahrt zu Pfingsten hatten Elke und ich schon im vergangenen Jahr verabredet. Hooge hätte es eigentlich sein sollen. Aber Hooge ist an diesem Pfingsten nicht gut (per Kajak) zu erreichen, der Wind dort soll nach der Vorhersage durchgängig mit sechs bis sieben Beaufort blasen. Dafür soll es fast jeden Tag regnen. Also überlegen wir noch einige Alternativen und wählen schließlich den Jadebusen als Revier und den Wilhelmshavener Kanu-Klub als Standquartier.

Leider liegt zwischen meinem Heimatstandort und Wilhelmshaven der Elbtunnel — und gefühlt verbringen außer mir auch alle anderen Kfz-Besitzer den Freitag vor Pfingsten auf der Autobahn. So benötige ich für die Hinfahrt über fünf Stunden! Ich fahre nie wieder Pfingsten durch den Elbtunnel!

Die übrige Truppe sitzt bereits gemütlich in der "Messe" des Vereinsheimes beieinander, als ich ankomme. Ich baue kurz mein Zelt auf und geselle mich dazu. Es sind neun Personen, die da aus allen Ecken der Republik zusammen gekommen sind. Elke und Susanne kenne ich bereits. Dann sind da noch Hannes, der wie die beiden aus Bremen kommt, Sven und Güli aus Hannover, Antje aus Unna, Martina und Ralf aus Hamburg und Christoph aus Bremerhaven.

Als erstes merke ich bei der Vorstellung, dass ich Martina bereits kenne. Ich habe an ihrem Online-Abend über Angst teilgenommen, den sie für die Salzwasser-Union ausgerichtet hat. Außerdem hat sie im Wesentlichen in der Schweiz das Seekajakfahren gelernt —  bei Rene, den ich wiederum mal auf Anglesey getroffen habe. Da mir auch Christoph so bekannt vorkommt, forschen wir gemeinsam etwas nach und finden heraus, dass wir beide vor zwei Jahren am Treibgut-Seminar des BKW teilgenommen haben.

Elke präsentiert mir ihre Idee für die kommenden Tage. Das sind ambitionierte Ziele, und die Wettervorhersage hat nicht gerade liebliche Winde im Angebot. Ich bin etwas verhalten, den Plan uneingeschränkt gutzuheißen. Dafür kenne ich die Truppe zu wenig, und das Wetter ist noch etwas unsicher. So entgegne ich auf den beschwichtigenden Kommentar für die geplante Fahrt nach Baltrum: "Ist doch nur eine Stunde!" mit "Sagen wir lieber: Es sind sieben Kilometer!".

Die Teilnehmer — und damit Prüfungsaspiranten — erklären mir noch den Plan für morgen in allen Details: Mit dem Auto nach Horumer Siel, dann östlich um das Minsener Oog herum, durch das Fahrwasser nach Wangerooge zum alten Anleger und durchs Wattfahrwasser westlich des Minsener Oogs zurück nach Horumer Siel. Die Tide lässt ein Aufstehen zu christlicher Zeit und ein gemütliches Frühstück zu. So liebe ich Fahrtenplanung: einfach nur dasitzen und anhören, was andere ausgearbeitet haben 😊.

Im Hafen von Horumer Siel ist einiges an Fußmarsch zu absolvieren, um Boote und Ausrüstung vom Parkplatz an einen Ort zu schaffen, wo wir ins Wasser gehen können. Leider hat der Füßling meines Trockenanzugs im Neoprenschuh eine Falte geschlagen. Mein kleiner Zeh wehrt sich wacker gegen die Angriffe der Falte — muss aber schließlich den Klügeren spielen und sich mit der Bildung einer Blase geschlagen geben.

Wir lassen die Boote südlich der Buhne an der Steinkante zu Wasser. Das ist wesentlich angenehmer als nördlich davon, wo zwar ein Sandstrand ist, dahinter aber ekliges Schlickwatt lauert. Zur unfallfreien Abwicklung bilden wir eine Kette und reichen die Boote von hinten nach vorne durch. So muss niemand mehr als nötig über die rutschigen Steine latschen.

Nachdem wir den Flachwasserbereich verlassen und in die Nähe des Fahrwassers kommen, erreicht unsere Geschwindigkeit fast durchgängig zweistellige Werte. Auch die Wellenhöhe macht dem Begriff "Seekajak-Tour" allmählich Ehre. Selbst als der Führungsauftrag von Susanne auf Christoph übertragen wird und wir eine Weile antriebslos auf der Nordsee dümpeln, weil wir erst mal neu eingenordet werden, beträgt die Geschwindigkeit immer noch 4 km/h. Fast müssen wir befürchten, viel zu früh an unserem Zielpunkt anzukommen.

Aber schon bald müssen wir hinter dem Minsener Oog nach Westen einschwenken und damit gegen den Strom fahren. Während wir einschwenken, kann man an der nahen Untiefentonne wunderbar erkennen, wie wir vehement nach Norden versetzt werden. Ohne solche Referenzobjekte hat man keine Chance, seine Abdrift zu erkennen. Gut — man könnte ein GPS-Gerät benutzen, aber das wäre zu einfach.

Wir sind recht knapp hinter dem Minsener Oog abgebogen, um etwas über den Wattrücken abzukürzen. Darauf sind zwar schon weiß brechende Wellen zu erkennen, aber es sieht aus, als wenn da noch genug Wasser für uns drüber steht. Das stimmt auch für fast alle! Nur Hannes muss irgendwann erkennen, dass er sein Boot ein Stück tragen muss, wenn er nicht sechs Stunden auf das Einsetzen der nächsten Flut warten will.

Die Pause auf dem Trittstein auf Wangerooge ist nicht wirklich gemütlich. Die Sonne hat sich hinter Wolken versteckt, es geht ein frischer Wind und immer wieder setzt Regen ein. Dafür kann hier jeder vorführen, was er oder sie als Wetterschutz mitführt. Es wird eine bunte Schau der Storm-Cags.

Der Rückweg ist wenig spektakulär, denn der Wind bleibt hinter der Vorhersage zurück und wir fahren durchgängig durch flaches Wasser. 

Für den Sonntag war eigentlich geplant, Incidence-Management im Nassau-Hafen zu üben. Da der Wind aber nicht gar so garstig werden soll, wollen wir einfach den Jadebusen nach Osten überqueren und vor Eckwarderhörne Rettungsübungen machen. Dort haben wir dann wenigstens Wind und Wellen, was ein viel realistischeres Szenario verspricht.

Jeder Teilnehmer soll einmal als Schwimmer und einmal als Retter einen assistierten Wiedereinstieg durchführen. Da uns der Wind mit Macht auf die nahe Steinschüttung drückt, muss gleichzeitig jeweils ein Dritter dafür sorgen, die beiden Agierenden vor der Kollision mit dem Ufer zu bewahren. Alle meistern die Aufgaben ohne Probleme, aber man sieht, dass sie dabei auch eine Menge lernen, denn so oft übt man das nicht unter solchen Bedingungen. Besonders der Schleppbeauftragte muss feststellen, dass es alles andere als einfach ist, hier seine Leine schnell und wirkungvoll einzusetzen.

Am Ende demonstriere ich noch mal die "Hand of God"-Technik. Dabei ist mir Martina ein williges "Opfer", die überhaupt keine Probleme damit hat, sich bewusstlos zu stellen und mit dem Kopf unter Wasser geduldig zu warten, bis ich sie wieder hochhole! Respekt! Einige der Teilnehmer wollen das danach auch noch mal üben. 

Auch wenn man hier durchaus durch Üben besser werden kann, wir sind uns alle einig, dass wir nicht wünschen, diese Technik einmal wirklich zu benötigen. Insbesondere das Anfahren an das Opfer dauert so lange, dass ich hoffe, dass man im Zustand der Bewusstlosigkeit besonders entspannt ist, um unter Wasser auf das Eintreffen des Retters zu warten!

Bei der Rücktour müssen wir uns gegen den Wind quer zum jetzt voll ablaufenden Wasser nach Westen kämpfen. Das beschert und einige interessante Wellen. Und man sieht an unserer GPS-Spur, wie wir mit Eintritt in das Fahrwasser deutlich nach Norden versetzt werden.

Die ursprünglich angedachte zweitägige Tour nach Baltrum haben wir einvernehmlich gegen eine Fahrt nach Dangast eingetauscht — auch wenn wir dafür diesmal schon um unchristliche sieben Uhr aufstehen müssen!

Vom Nassauhafen aus startend ist die Herausforderung hier im wesentlichen, den Priggenweg zu finden, der einen direkt nach Dangast leitet. Hat man in ihn eingefädelt, ist es keine große Tat mehr, das Ziel zu erreichen. Allerdings muss man hin und wieder noch mal auf Ausflugsboote und die Sportschifffahrt achten. Da waren die Teilnehmer aber dermaßen achtsam, dass ich immer Schwierigkeiten hatte, das gemeldete, sich annähernde Boot überhaupt auszumachen. Der Alarm kam nämlich immer schon, wenn es sich praktisch gerade über die Kimm geschoben hatte. Mit diesem Ansatz käme ich auf der Kieler Förde nie aus dem Alarm-Modus heraus, weil einfach die Verkehrsdicht dort so viel höher ist. Aber es schadet ja nicht, wenn man frühzeitig warnt und dann alle Zeit der Welt hat, die weitere Entwicklung der Annäherung zu beobachten.

Was ich bei der Annährung an den Badestrand von Dangast beobachte, lässt mich leicht ins Grübeln kommen. Ich kann mich einfach nicht des Eindrucks erwären, dass ich da etwas Unanständiges erblicke. Nachdem Anlanden vergewissere ich mich gleich — aber mein Unglauben wird nur durch Ratlosigkeit eingetauscht: da steht tatsächlich die Skulptur eines überdimensionalen, in Stein gehauenen Phallus am Strand zwischen flanierenden Touristen und spielenden Kindern!

Als wir uns gerade nach einer durch Pflaumenkuchen versüßten Pause für das Briefing zur Rückfahrt versammelt haben, kommt eine ältere Dame auf uns zu und fragt nach unserer Herkunft. Und ob auch SaU-Mitglieder dabei sind. Mich verwundert diese Frage etwas — aber nicht mehr, als sie uns ihren Namen nennt. Sie ist die Witwe des vergangenen Jahres verstorbenen Mit-Gründers der Salzwasser-Union Wolfgang Half. Den kenne ich noch persönlich, und Christoph rückt damit heraus, dass er vor vierzig Jahren als Jugendlicher mal eine Tour mit ihm gemacht hat, bei der sie dann auch in ihrem Garten übernachtet haben.

Und weiß noch jemand etwas über die Familie Thiekötter? Mit denen sind die Halfs früher oft auf Tour gegangen. Nein, niemand weiß etwas über das Schiksal der Thiekötters — aber Güli hat irgendwann das Boot von Frau Thiekötter gekauft und ist hier damit unterwegs!

Frau Half hat so viel zu erzählen und freut sich sehr, dass "junge" Menschen den geliebten Sport weiter betreiben und pflegen, dass darüber einige Zeit ins plattdeutsche Land streicht. Unser eingeteilter Fahrtenleiter für die Rückfahrt wird wegen des ablaufenden Wassers langsam nervös und möchte sein Briefing beginnen. Aber die paar Minuten Verzögerung für so eine liebe Begegnung müssen auch auf Tidengewässern drin sein! 

Wie auf der Hinfahrt machen wir auch jetzt Gebrauch von unserem geringen Tiefgang und folgen dem wild mäandernden Priggenweg nicht von Anfang an. Stattdessen kürzen wir gehörig ab und fädeln erst später in seine Gasse ein. Der Wind frischt auf und kommt nun aus West-Süd-West. Zu meiner Freude lässt der Fahrtenleiter Hannes den Priggenweg irgendwann Priggenweg sein und schwenkt aus ihm heraus. Dadurch gewinnen wir Höhe gegen den Wind, den wir bald durch einen deutlichen Schwenk nach Osten quasi in Rückenwind verwandeln. Ich nutze das gleich, um den einen oder anderen Surf zu genießen.

Je näher wir dem mit einer senkrechten Spundwand befestigten Ufer kommen, desto stärker machen sich die dadurch verursachten Reflexionswellen bemerkbar. Ich glaube nicht, dass Hannes dieser Effekt bewusst war, aber ich bin ihm dankbar, dass er die Gruppe da mitten hinein führt. Dieses "Kopfsteinpflaster des Meeres" ist für mich immer eine Quelle für großen Spaß! Und die Gruppe hat ein weiteres Mal die Gelegenheit, ihre große paddlerische Kompetenz unter Beweis zu stellen — niemand hat auch nur ansatzweise einen angespannten Gesichtsausdruck! Hätte ich anfangs gewusst, welches paddlerische Vermögen in der Gruppe versammelt ist, wäre ich nicht so verhalten gewesen, als Elke mir ihre Planung unterbreitet hat!

Bei der abschließenden Besprechung über die EPP-Würdigkeit der Teilnehmer stellt sich noch heraus, dass ich Antjes Mann auch kenne: mit ihm habe ich vor zwei Jahren eine gute Woche auf Jersey verbracht. Er war der Kandidat, der während meiner Prüfung zum Sea Kayak Leader aus seinem Boot gefallen ist, weil eine gigantische Welle es gegen einen Felsen katapultiert und dann senkrecht gestellt hat. Mit der nächsten Welle flog dann sein leeres Boot in hohem Bogen über den Felsen durch die Luft. So etwas vergisst man nicht!

Wenn man sich die vielen Querverbindungen zwischen den beteiligten Menschen vor Augen hält, die sich auf dieser Tour offenbart haben, dann muss man konstatieren, dass die Welt des Seekajak-Fahrens aus einer überschaubaren Gemeinde gebildet wird.

(GPS-Tracks der Touren hier.)


Sonntag, 1. Juni 2025

Himmelfahrt in der Südsee

Eigentlich... 

Ja eigentlich. Wenn man mal überlegt, wieviel im Leben "eigentlich" ganz anders hätte laufen sollen, könnte man meinen, dass man gar keine wirkliche Kontrolle über den Lauf seines eigenes Lebens hat. Stattdessen passiert immer irgend etwas "eigentlich" gar nicht gewolltes, was sich dann aber in der Summe "mein Leben" nennt.

Eigentlich hätte ich also Pfingsten mit Elke zusammen eine ausgeschriebene Tour durch die Dänische Südsee führen sollen. Aber da gab es zu wenig Meldungen, so dass sie abgesagt werden musste. Aber sowohl für Elke als auch für mich stand fest, dass wir ein fürs Paddeln freigeräumtes Wochenende nicht so leicht aus der Hand geben würden. Elke fragte kurzerhand bei sich im Verein nach Interessenten für eine Begleitung, und ich hab Jörg gefragt. Der war auch gleich begeistert, musste dann aber wegen eines Trauerfalls in der Familie doch zurückziehen.

Die Bremer reisen bereits am Mittwoch vor Himmelfahrt an und übernachten auf dem Zeltplatz Naldmose - ich komme Donnerstag Morgen, wähle den Segelhafen von Fynshav als Startort und parke mein Auto dort. Ich versuchen noch, jemanden zu finden, dem ich irgendeine Parkgebühr aufdrücken kann - aber da ist niemand. 

Elke kontaktiere ich per Funkgerät und erfahre, dass sie und ihre Gruppe etwa zur gleichen Zeit wie ich auf dem Wasser sein werden. Weil mir beim Packen im windstillen Hafen so bärig warm geworden ist, starte ich zuerst ohne Paddeljacke, lege sie aber noch bevor ich den Fährhafen passiere an. 

Direkt danach sehe ich die Gruppe, es sind sieben Paddler. Elke und Frauke kenne ich bereits, und ich freue mich, sie wiederzusehen. Der Plan ist, bis zum Ostende von Avernakö zu fahren und vorher kurz auf Lyö Pause zu machen. Der Wind weht eher lustlos aus westlicher Richtung - mit so zwei bis drei Beaufort. Wie so häufig leider deutlich weniger als anfangs versprochen.

Während unserer Pause auf Lyö zeigt sich ein wunderschöner Halo, der die Sonne zu 360 Grad umschließt. Einen so vollständigen Halo mit einem so großen Radius habe ich tatsächlich noch nie gesehen. 

Beim Vorbeifahren an Avernakö muss ich feststellen, dass die Küstenlinie eine enorme Anziehungskraft auf Paddler ausübt - während ich eher geneigt bin, in gerader Linie auf das Ziel zu fahren, schmiegen sich die anderen recht dicht ans Ufer. Früher habe ich das auch getan, aber mittlerweile hat das Ufer seine Anziehungskraft auf mich verloren. Ich habe ein Segel dabei und bringe es hier zum Einsatz. Im Wesentlichen, um immer mal wieder den Umgang damit zu üben. Der Wind ist nicht wirklich so, dass man ohne Paddelunterstützung auskäme, aber so besteht auch keine Gefahr, dass mich das Segel den anderen davonzieht.

Unser erster Übernachtungsplatz ist der primitive Zeltplatz am Ostende von  Avernakö. Ich denke kurz nach, wann ich hier das erste Mal übernachtet habe - und muss feststellen, dass das genau 30 Jahre her ist. Da waren einige Teilnehmer dieser Tour knapp geboren! Am Himmel schieben sich bizarre Wolkenfetzen zusammen, was für baldigen Niederschlag spricht. Der ereilt uns auch tatsächlich, als wir unser Abendessen bereiten und einnehmen wollen. Aber er ist nicht so massiv, dass er uns von unserem Vorhaben abbringt. Außer uns bevölkern nur noch zwei junge Dänen in einem skurrilen Spitzzelt den Platz. Aber die genügen sich selbst und sind nicht besonders an Kontaktaufnahme interessiert. 

Vor der ehemals legendären Toilette sind die Büsche in den vergangenen 30 Jahren leider so hoch gewachsen, dass man bei Verrichtung seines Geschäftes leider keinen Meerblick mehr genießen kann. Trotzdem ist es eine Wohltat, so ein Örtchen zur Verfügung zu haben. Man könnte vielleicht noch eine zweite Tisch-Bank-Kombi aufstellen, denn der Platz ist groß genug und wird häufig auch von größeren Gruppen genutzt.

Das Wetter am nächsten Tag ist trocken, leidlich warm und bietet etwas Wind - aus westlicher Richtung. Auch wenn es paradox klingt, aber er kommt uns quasi entgegen, denn wir wollen nach Osten - nach Skarö. Das ist nur ein knappes Dutzend Kilometer entfernt und mit der Unterstützung des Windes sind die schnell zurückgelegt. Manchesmal kommt mancher sogar ins Surfen!

Leider müssen wir im den langen Sandhaken von Skarö herum und dann praktisch gegen den Wind in den Hafen einlaufen. Hier sieht man doch, dass Gegenwindpaddeln bei den meisten nicht zur Lieblingsdisziplin gehört und man froh ist, dass es nur eine recht kurze Strecke ist. Während wir uns auf den Strand östlich des Fähranlegers zuarbeiten, kreuzt ein Schweinswal unseren Weg.

Die beiden Trolley, die der Camping-Platz von Skarö zur Verfügung stellt, leisten uns wertvolle Dienste. Es sind immerhin gute zweihundert Meter vom Strand bis zur Zeltwiese, und mit den Gefährten kann man die vollbeladenen Boote im Handumdrehen dorthin rollern. Ich bin immer wieder angetan davon, wie gut in Schuss und in Stand alles auf dem Campingplatz ist. Der Rasen ist gemäht, der alte Toilettenwagen durch zwei moderne Container ersetzt und der umgebaute Schweinestall - ein Traum! Kühlschrank, Kamin, Herd, jede Menge Bänke und Tische und eine prima Rundumsicht nach draußen. Und alles picobello sauber! Hier kann man notfalls den Weltuntergang abwettern! Lediglich der Preis ist gestiegen und beträgt nun 150 Kronen pro Nase und Nacht. Aber das ist m.E. durchaus angemessen, früher war er eher zu billig!

Weil ein knappes Dutzend Kilometer kein Programm für den ganzen Tag bieten, müssen wir noch etwas unternehmen. Als erstes ist ein Gang zum Cafe fällig, wo es das weltberühmte Skaröer Eis gibt. Das ist wirklich oberlecker - auch wenn sie leider die Sorte Malagga nicht führen! Danach müssen wir die Kirche besuchen, dann zum Südstrand und schließlich den Westteil der Insel umrunden. Das ist nicht ganz einfach, und man muss etwas über glibschige Steine klettern, so dass einige den Expeditionsteil der Tour über eine Wiese umgehen. Beide Gruppen treffen sich dann am Badestrand am Westkapp der Insel. 

Hier ist ein Erfrischungsbad fällig. Ich kann leider nicht mit ins Wasser, weil ich den Vorgang von Land aus fotographieren muss. Man kann halt nicht alles haben im Leben! Zurück im Schweinestall kochen wir komfortabel auf dem Herd mit dem zur Verfügung stehenden Kochgeschirr. Für die Getränke gibt es heißes Wasser aus einem Wasserkocher - was für ein Luxus! Ich werfe meine zwölf mitgebrachten Eierpfannkuchen auf dem Markt - und da sich einige etwas zurückhalten, ist für jeden auch genug da. Zum Abwaschen gibt es heißes Wasser aus dem Boiler - was für ein Luxus! Das einzige Manko hier: im Gras auf der Zeltwiese wohnen Zecken🙁!

Am heutigen Samstag wollen wir bis zum Segelhafen am Westende von Avernakö fahren, um am Sonntag dann von dort aus zurück nach Fynshav zu paddeln. Zum Glück herrscht heute praktisch Flaute, so dass wir das mit der Gegenwindfestigkeit nicht weiter prüfen müssen.

Die kleine Sandinsel Fläskholm passieren wir nördlich. Im flachen Wasser davor sehe ich in der Ferne das Wasser weiß spritzen. Erst denke ich, dass da ein wirklich großer Fisch in zu flaches Wasser gekommen ist und nun zurückrudert. Aber dann taucht ein Seehund auf, der keck zu uns rüberschaut, nur um gleich wieder unterzutauchen und weiter das Wasser umzupflügen. Vermutlich scheucht der damit Krebse und Fische auf - oder er ist einfach ausgeflippt, und es macht ihm Spaß.

Am traumhaften Sandstrand am Nordostende von Avernakö ist eine Pause und wieder ein Erfrischungsbad fällig. Ich muss leider wieder fotographieren... Vom Schweinswal, der hier seine Runden dreht, habe ich aber leider kein Bild gemacht.

Im Hafen von Avernakö ist dann die nächste Pause mit Kaffee und Kuchen fällig. Pause, weil wir uns mittlerweile überlegt haben, dass es klüger ist, heute doch noch ein Stückchen weiter zu fahren. Der Wind soll morgen relativ früh recht ungünstig für eine Querung des Kleinen Beltes werden. Die Bedingungen heute sind aber super günstig, um noch weiter bis Lyö zu fahren.

Die Wettervorhersage für Sonntag sagt erst mäßige Winde aus südwestlicher Richtung voraus, die dann etwa um 11 Uhr deutlich auffrischen und auf West drehen sollen. Das kommt uns diesmal entgegen im Sinne von "von vorne"!. Wir könnten hier die Gegenwindfestigkeit ausbauen - oder sehr früh starten. Wir optieren für sehr früh starten. Dafür sind wir bereits vor sieben Uhr (in Worten: 7 Uhr!) aufgestanden und wild entschlossen, um neun Uhr fertig in den Booten auf dem Wasser zu schwimmen. Wir schaffen sogar Viertel vor Neun! Wenn es nicht die massiven Steine am Strand, das doch etwas bewegte Wasser und einen damit verbundenen etwas komplexeren Startvorgang gegeben hätte, hätten wir sogar halb neun geschafft!

Draußen auf dem Belt geht tatsächlich etwas Seegang. Es ist nichts schlimmes, aber die Gruppe ist eher selten bei solchen Verhältnissen unterwegs und die Bedingungen nicht gewohnt. Aber bis auf das Gefühl, dass es sich ungewohnt anfühlt, hat niemand ein Problem damit - aber alle haben Spaß daran!

Pünktlich, wie der Wetterbericht es vorhergesagt hat, setzt etwa einen Kilometer vor dem Ziel stärkerer Wind ein, der uns genau ins Gesicht steht. Unsere Geschwindigkeit fällt dadurch auf gute drei Ka-Em-Ha zurück. Wären wir heute Morgen von Avernakö gestartet, hätten wir den ganzen Tag für die Rückfahrt benötigt! Und wir hätten richtig arbeiten müssen! Vielleicht wäre wir sogar nie angekommen! So kann sich die Gruppe bei ihrer Fahrtenleitung Elke bedanken, dass sie so umsichtig agiert hat. Dadurch bleibt uns auch noch Gelegenheit, den Tag und die gesamte Tour bei Kaffee und einem leckeren Stück Kuchen in einer gemütlichen Ecke des Zeltplatzes Naldmose ausklingen zu lassen

GPS-Daten der Tour.

Sonntag, 14. Juli 2024

Endlich Lofoten!


Ich war auf den Lofoten — nachdem ich Jahrzehnte lang davon geträumt habe! Vor Jahren hatte ich schon mal eine konkrete Planung angesetzt, das Projekt aber als nicht lohnend wieder verworfen, weil der Anteil der Reisezeit — wenn man in Summe nur 14 Tage Zeit für die Unternehmung aufbringen kann — inakzeptabel hoch sein würde. Zwei Jahre bevor ich in Rente gehen würde, kam es mir wieder in den Sinn — und als Rentner hat man ja alle Zeit der Welt!

Dieses Jahr war es dann soweit, und natürlich habe ich meine Erlebnisse und Erfahrungen dabei auch "zu Papier" gebracht. Da es aber eine recht besondere und vergleichsweise umfangreiche Unternehmung war, habe ich ihr ein eigenes Format spendiert. Interessierte finden meine Ausführungen in einem eigenen Winkel meiner Blog-Seite. Viel Vergnügen beim Lesen!

Montag, 27. Mai 2024

Komod im Boot nach Birkholm

(Text von Angela)

Das Fazit vorweg: Besser hätte es nicht sein können. Alles passte. Vier Tage mit super Wetter, einem tollen Team und einer Inselwelt, die schöner nicht sein könnte und fast direkt vor unserer Haustür liegt.

Freitag, 24.05.24: KVK bis Drejø

Wir treffen uns mittags am KVK, laden die Boote auf drei Autos und machen uns auf den Weg nach Fyn: Mathias, Johann, Sophia, Magda, Doris und Angela. Wir fahren 283 km zu unserer Einstiegsstelle, dem Svelmø Landingsplads. Einer langen Autofahrt folgt eine Inselidylle, es ist kaum zu glauben. Boote packen und los geht´s. Wir sitzen im Boot und die Entschleunigung setzt ein. Nach 12,3 km erreichen wir den Shelterplatz auf Drejø. Boote auspacken, Zelte aufbauen, kochen. Ihr kennt das Spiel. Auf dieser kurzen Tour bekommen die weniger Erfahrenen schon den ersten Eindruck über die Schwierigkeiten der Navigation. Aber auch die passenden Lösungen. Der Sonnenuntergang ist atemberaubend.

Sonnabend, 25.05.24: Drejø bis Birkholm

Wir erkunden Drejø zu Fuß und werden noch eingeladen, die Badebrücke mit aufzubauen und zu begießen. Leider haben wir keine Zeit, wir wollen weiter. Zelte abbauen, Boote packen… Auf dem Weg nach Birkholm machen wir Halt auf Hjertø, kundschaften die Bedingungen für eine mögliche Übernachtung dort aus und begegnen einer Unke. Nach 11,2 km erreichen wir Birkholm. Dort kann man im Hafen zelten und die Einrichtungen dort nutzen. Im Dorf gibt es sogar eine Dusche (5-Kronen-Stücke erforderlich) und Kühltruhen, aus denen man rund um die Uhr Eis und Brötchen kaufen kann. Der Sonnenuntergang ist gigantisch.

Sonntag, 26.05.24: Birkholm bis Avernakø

Das Frühstück wird gekrönt von Pfannkuchen, die Mathias mitgebracht hat. Weiter geht es nach Avernakø. Auf dem Weg geht es wieder um Navigation und die Einordnung der Mini-Inseln, die wir passieren. Wie sehen sie auf der Karte aus, wie in echt? Uns erwischt zwischendurch ein kleiner Regenschauer aus einem faszinierenden Wolkenhimmel und lässt Millionen Perlen auf das Wasser fallen. Wir sehen Robben! Wir treffen auf zwei Rettungsringe der CAROLINE S., Sophia und Mathias bergen sie. Mit dieser zusätzlichen Sicherheit erreichen wir nach 14,5 km einen Strand auf Avernakø, dem man vom Wasser aus nicht ansehen kann, dass dahinter eine Zeltwiese liegt. Eine traumhafte Bucht, die wir direkt zum Baden nutzen. Und hier sehen wir auch endlich den einzigen Schweinswal dieser Tour. Diesmal bleiben wir beim Zelten nicht allein, eine Gruppe holländischer Paddlerinnen und Paddler kommt nach uns an. Fasziniert beobachten wir, wie ordentlich sie ihre Boote am Strand nebeneinanderlegen und bringen dann auch etwas Ordnung in unser Chaos. Avernakø ist ein bisschen größer, auf unserer Erkundungstour finden wir eine Fischräucherei und einen Fahrradverleih im Sportboothafen. Der Sonnenuntergang wird wunderbar.

Montag, 27.05.24: Avernakø bis Svelmø Landingsplads

Auch am letzten Tag können wir die Zelte trocken abbauen, das Packen der Boote ist mittlerweile für alle Routine geworden. Die letzte Etappe ist kurz, nur 5,16 km. Wir genießen jeden Paddelschlag bei bestem Wetter.

Daten und Fakten:

Highlights der Tier- und Pflanzenwelt: Seeadler, Robben, Schweinswal, Riesenschwäne (wurden beim Näherkommen immer kleiner..), Wasservögel, Seegraswiesen.

Lektionen: Weniger Klamotten einpacken/ Wäscheklammern mitnehmen oder Leine nutzen, bei der man die Wäschestücke zwischenklemmen kann/ Navigation muss gelernt und geübt werden (Nord-Süd-Schwächen sind gar nicht so selten), Karten studieren hilft bei der Orientierung/ Stuhl und Tisch werden nicht unbedingt benötigt (Picknickbänke meist vorhanden)/ kleinere Packeinheiten wählen/ ein gutes Kopfkissen ist viel wert/ auf Hjertø steht nur eine Windmühle.

Schön war es auch zu sehen, was andere mithaben, welche nützlichen Ausrüstungsgegenstände es gibt und wie man den Speiseplan lecker und abwechslungsreich gestaltet. Das Boot kann ein Kühlschrank sein!

Mathias hat als navigatorischer Begleiter jeden Tag neue Aufgaben gestellt, jeden Tag führte ein anderes Team die Gruppe und wir haben festgestellt, wie wertvoll es ist, diese Verantwortung zu übernehmen. Annahmen bei der Einschätzung der Umgebung werden dann möglicherweise durch die Realität korrigiert.

Da unsere Tagesetappen nicht lang und wir schneller waren als gedacht, hatten wir viel Zeit zum Genießen. Johann als Frühstaufsteher nutzte die Zeit zum Zeichnen und erschuf kleine Kunstwerke, die die Stimmungen in der Umgebung perfekt einfingen.

Tusind tak Sydfynske Øhav!