Samstag, 22. Februar 2014

Das Jahr fängt an!

Im vergangenen Jahr trauten sich die Krokusse erst Anfang April aus Mutter Erdes schützendem Schoß. Aktuell haben wir Ende Februar und schon jetzt sind sie allenthalben zu sehen. Da können wir nicht hinten an stehen, sondern müssen uns auch auf den kommenden, unheimlich heißen, unheimlich sonnigen Sommer vorbereiten! Am vergangenen Wochenende saß ich das erste Mal in diesem Jahr im Boot, für Jörg war es bereits das zweite Mal. Wegen des heftigen Windes, der mit bis zu sieben Stärken aus Süden blies, sind wir in Anerkennung unseres nicht optimalen Trainingsstandes in die Schwentine gefahren. Dort kam uns eine Menge Wasser entgegen, so dass wir unter der Brücke am Restaurant, von dem ich vergessen habe, wie es heißt, mächtig schaufeln mussten, um sie überhaupt passieren zu können. Das war ein Anfang.

Heute wollen wir das Angefangene fortsetzen und, trotzdem wieder einiger Wind weht, auf jeden Fall auf der Förde paddeln. Heute haben wir nur fünf Beaufort genau aus Süd, aber es weht in Böen und das Wasser ist natürlich immer noch lähmend kalt. Die Böen bescheren uns den einen oder anderen belebenden Surf und in weniger als einer dreiviertel Stunde haben wir den Strand von Möltenort erreicht. Wir sind noch alles andere als angestrengt und die Versuchung, noch bis zur Glockentonne weiter zu fahren, ist groß. Aber schließlich siegt doch die Vernunft, die mit Gewißheit sagen kann, dass das momentan unangestrengte Gefühl sein baldiges Ende finden wird, wenn wir einmal unseren Bug in Richtung Heimat gedreht haben werden.

Jörg hat seine obligate Frikadelle in der Bootshalle liegen gelassen, so dass wir uns während unser Vesperpause meine Stulle mit dem zwölf Wochen gereiften, dänischen Käse von Aldi teilen. Ein noch länger gereifter Segler spricht uns an, ob denn das nicht arg frisch ist, bei dem Wetter zu paddeln. Es ist keine fassungslos ungläubige Frage eines Unbedarften, sondern eher ein besorgtes Nachfragen eines Kundigen, der genau weiß, dass man bei der herrschenden Wassertemperatur wenig Optionen hat, wenn man erst einmal in der Suppe schwimmt. Wir beruhigen ihn, indem wir ihm Recht geben und sagen, dass wir das nicht ohne Übung und entsprechende Ausrüstung tun und niemanden animieren, es uns nachzutun.

Wie erwartet, fahren die Boote nicht von alleine gegen den Wind. Wir müssen tun und arbeiten. Aber es ist schön zu spüren, dass die Form langsam zurück kommt und die Arbeit zwar anstrengend ist, aber nicht jenseits dieses Limits liegt, an dessen Ende die eigene Porösität wartet. Und es war klug, dass wir nicht zur Glockentonne gefahren sind. So laufen wir noch mit entspannten Gesichtszügen am Steg ein und können uns gut gelaunt die liegen gebliebene Frikadelle teilen. Doro sei Dank, die ihren Mann nie ohne diese kulinarische Köstlichkeit aus dem Haus lässt!

Beim Duschen wird das Wasser erst nicht wirklich warm, Während ich langwierig nach der Ursache und vor allem nach Abstellung dieses Übels forsche, duscht Jörg irgendwann einfach mit dem kalten Wasser. Als er fertig ist, finde ich die Ursache und drehe den Temperaturregler an der Mischbatterie nach oben. Auf mein Klagen, dass das Wasser nun eigentlich fast etwas zu heiß ist, entgegnet er, dass kalt Duschen eigentlich ganz schön ist. Wahrscheinlich hat sein Hirn schon Schaden genommen von der Kälte!


Sonntag, 10. November 2013

Lyö im Winter - ohne Hubschrauber zurück! (3/3)

Die ganze Nacht hindurch gießt es wie aus Kübeln. Im Wetterbericht von Freitag war hier und da mal ein Millimeter Regen vorgesehen - aber keinesfalls derartige Mengen. Nun, zumindest hält mein Zelt dicht. Allerdings nur soweit ich das beurteilen kann, nachdem ich drei Tage lang mehr oder minder nass ein- und ausgegangen bin, was natürlich auch seine Spuren hinterlassen hat. Aber ich will nicht klagen. Außerdem hat sich der Wind gelegt. Wenn man einen Tag mit durchgehend sieben Windstärken hinter sich hat, klingt ein solider Vierer wie ein laues Lüftchen.

Der Schuppen ist heute Morgen Gold wert. Neben dem Schutz, den er uns gewährt, so dass wir das Frühstück ungestört von den alle fünf Minuten niedergehenden Schauern einnehmen können, hat er auch unserer Wäsche die Nacht über Obdach geboten. Sie ist so gut getrocknet, wie salzwassergetränke Wäsche in kalter und feuchter Luft eben trocknet. Wir könnten schlimmer dran sein. Schließlich sind auch die Temperaturen zwar nicht zweistellig, so doch zumindest nicht frostig. Der Schuppen hat an diesem Wochenende eine Menge Geschichten zu hören bekommen. Wir sind vielleicht nicht besonders viele Kilometer gepaddelt, aber wir haben weidlich Zeit gehabt, über dies und jenes und Gott und die Welt und persönliche Sorgen, Nöte und Wünsche, Träume und Pläne zu quatschen. Auch dies ganz klar Zweck und Ziel einer Paddeltour.

Der Himmel klart immer weiter auf, während wir Müsli und Brote verdrücken. Schließlich ist der Himmel vollkommen wolkenlos, so dass unsere Zelte sogar fast trocken sind, als wir sie einpacken. Unser Auftrag für heute ist wenig spektakulär: in gerader Linie auf den Hafen von Fynshav zu. Der Wind weht wieder westlich mit leicht nördlichem Einschlag. Das Gute an dem strammen Wind von gestern ist, dass man das Lüftchen heute nicht mehr recht ernst nimmt. Unter normalen Umständen wäre das hier ein Vierer-Gegenwind, der das Fortkommen schon spürbar erschwert. Heute kommt er als ein um drei Windstärken schwächeres Lüftchen daher, gegen das man ohne große Mühe gegenan paddeln kann. Die Wellen sind gemütlich und nur wenige erreichen die ein Meter-Marke. Wir fahren eine schnurgerade Linie ohne große Schnörkel oder Pausen. In deutlich weniger als zwei Stunden sind die elf Kilometer zurückgelegt und gehen bei strahlendem Sonnenschein auf Alsen an Land.

Zum Glück hat Trenk so lange genervt, bis ich mich breitschlagen ließ, diese Tour mit ihm zu machen. Es wäre sonst eine Gelegenheit ungenutzt verstrichen, wertvolle und einmalige Erfahrungen zu machen. Diesmal waren für mich auch Erfahrungen dabei, dass ich manche Erfahrungen doch lieber nicht machen möchte. Vielleicht sind solche Erfahrungen am Ende die wertvollsten.



Samstag, 9. November 2013

Lyö im Winter - oder wie ein Südwester sagt, wo's lang geht (2/3)

Der Nachmittag fängt heute schon vor Sonnenaufgang an. Zumindest ist die Windstärke bereits vor dem Aufstehen hörbar so, wie sie erst für den frühen Nachmittag vorgesehen war. Aber so ist das mit schnell laufenden kurzen Störungen: es ist schwer vorherzusagen, wann sie denn genau eintreffen. Ich bin nicht überrascht und eigentlich ist es mir viel lieber, wenn es jetzt schon ordentlich weht und bald nachlässt, als wenn es uns trifft, während wir unterwegs oder noch übler, während wir auf dem Rückweg sind.

Gestern Abend war es lau und trocken, so dass wir vor den Zelten gekocht und gegessen haben. Heute Morgen ist es eher schauerlich, und dass jeder in seinem eigenen Zelt hockt, ist doof. Aber da ist ja die Bretterbude auf der Nachbarwiese, die bis über alle Ohren vollgestopft ist mit Holzbänken. Da geht doch was. Im Nu bringen wir etwas Ordnung in das Chaos und schon haben wir eine Bank vor der Hütte stehen, die uns als Tisch dient und eine wind- und regengeschützt im Inneren, auf der wir sitzen. So kommt trotz der immer wieder niedergehenden Schauer so etwas wie Behaglichkeit auf. Wir haben ja keine großen Pläne heute - nur eben in die Helnäs-Bucht, um einen neuen Übernachtungsplatz zu erkunden. Wenn der Wind etwas abgeflaut ist. Und wie nicht anders erwartet, rauscht es schon etwas vermindert, als ich mir gemütlich die dritte Tasse Tee genehmige. Mit dem Wissen, dass je länger wir frühstücken, desto kürzer müssen wir gegen den immer schwächer werdenden Wind anpaddeln, widmen wir uns gewissenhaft dem inneren Kern unserer Unternehmung - der Entspannung!

Schließlich sind wir so entspannt, dass es uns in den Schwielen juckt und wir endlich lospaddeln wollen. Allein das vermutete Abflauen vorhin war allenfalls ein kurzes Intermezzo - keinesfalls ein Anfang vom Ende des starken Blasens. Beim Blick aufs Wasser bin ich mir nicht sicher, ob das Windstärke sechs ist. Die Frage ist aber nicht, ob es vielleicht nur eine fünf ist, sondern ob es sich nicht doch eher um eine sieben handelt. Aber die Vorhersage hatte nur maximal 13 Meter pro Sekunde betragen, also wird das schon sechs sein. Sein Boot an diesem steinigen Strand ins Schwimmen zu bekommen, ist nicht ganz einfach. Vor allem darf man nicht penibel sein, was Schrammen am Rumpf angeht. Aber wir gehen heute mit leeren Boote auf Tour, so dass es praktisch ohne Risiko ist, über die Steine zu wubbeln.

Der Wind drückt mächtig gegen die Flanke. Er weht genau aus West und unser Ziel liegt im Norden. Da die Boote leicht sind, ragen sie zudem hoch aus dem Wasser und bieten so eine gute Angriffsmöglichkeit. Es kostet einige Mühe, die Richtung so zu gestalten, wie man sie selber gerne hätte, nicht wie der Wind sie einem diktiert. Mir ist gleich beim Start durch die Brandung der Südwester verweht worden und ich habe ihn erst nur notdürftig mit einer Hand zurechtgerückt. Leider kann ich so nicht mehr sehen, wohin ich fahre oder was für Wellen gerade aus was für einer Richtung kommen. Bevor ich ihn aber wieder korrekt richten kann, muss ich erst einmal soweit von der brechenden Brandung freikommen, dass ich nicht auf die großen Steine gespült werde. Als es soweit ist, muss ich das Paddel aus der Hand legen, weil ich beide Hände brauche, um den Stopper am Kinnriemen wieder in Position zu bringen. Das dauert eigentlich nicht lange, aber doch lange genug, dass der Wind meinen Bug wieder in Richtung Verderben dreht und ich lange heftig rudern muss, um wieder auf einen gedeihlicheren Kurs zu kommen. Außerdem möchte man sein Paddel unter solchen Bedingungen nicht wirklich gerne komplett aus der Hand legen.

Leider war das Verrutschen meines Hutes doch kein singuläres Ereignis der Startphase. Der Tanka-Verschluss, der den Kinnriemen in Position halten soll, ist für diese Windstärken leider nicht (mehr) kräftig genug! Es dauert nicht lange, da flattert mir der Hut schon wieder lose am Kopf. Es ist ausgeschlossen, dass ich auf die Kopfbedeckung pfeife und ohne fahre, dafür ist es dann doch eindeutig zu kalt. Ihn nur kurz mit einer Hand dicht auf den Kopf zu ziehen, führt wieder nur dazu, dass ich außer meiner Spritzdecke nichts mehr von der Welt sehe. Die beidhändige Gegenmaßnahme krankt an der eben beschriebenen Malaise, dass ich drohe, zwischen den Steinen zu zerschellen. Es dauert nicht lange, bis mir klar ist, dass ich unter solchen Umständen die Überfahrt nach Fünen nicht machen werde, auch wenn sie nur zwei Kilometer weit ist. Ob ich sie mit einwandfrei fest sitzendem Hut machen würde, weiß ich nicht, aber das muss ich mir im Moment auch nicht überlegen. Ich teile Trenk meinen Entschluss mit. Er ist zwar nicht begeistert, aber ihm ist klar, dass das hier nicht mit Überreden zu regeln ist.

Es bleibt uns die Umrundung von Lyö. Möglicherweise sind wir die ersten, die das probieren. Jedenfalls ist mir aus der Literatur nichts derartiges bekannt. Nachdem wir den Wind achterlich haben, sind die Haftprobleme meines Südwesters wie weggeblasen und wir rauschen um die Nordspitze der Insel. Dahinter ist ruhiges Wasser, aber der Wind wird nur sehr unvollständig durch die flache Landschaft abgeschirmt. Als wir  an der Ostspitze aus dem Schutz der Insel heraustreten, erfasst er uns mit voller Wucht genau von vorne. Es ist mittlerweile deutlich Nachmittag und die "kleine Störung" zeigt immer noch keine Neigung, sich abzuschwächen. Unsere Geschwindigkeit geht immer mehr den Bach hinunter und ich frage mich ab und zu, ob wir überhaupt noch Land gewinnen gegen den brüllenden Wind. Zu allem Überfluss gehen alle naselang Regenschauer nieder. Solche, bei denen man denkt, die Tropfen sind eckig, so hart fühlen sie sich im Gesicht an. Und hatte ich schon gesagt, dass mein Hut das gar nicht witzig findet? Irgendwann in einer besonders harten Bö fliegt er mir vollends vom Kopf und als ich versuche, ihn wieder einzufangen, ist mein Boot fast komplett herumgeweht und ich weiß nicht, ob ich es noch vor dem Aufschlagen am Strand eingefangen bekomme und ob es überhaupt Sinn macht, jetzt mit aller Gewalt gegen den Wind anzukeulen, der ja eh gleich nachlassen wird... kurzum, ich suche mir entnervt eine Stelle zum Anlanden.

Natürlich gibt es keine, denn das Ufer ist vollkommen sandfrei und überall liegen koffergroße Steine herum. Aber wenn man genau hinsieht, gibt es da immer wieder dichte Algenfelder zwischen den Steinen, die Wellen und Steine abfedern und ein erstaunlich geräuscharmes Anlanden ermöglichen. Nach einer kurzen Weile hat Trenk gemerkt, dass ihm niemand mehr folgt und er kommt zurück, um auch anzulanden. Sein Versuch, in der Nähe meines Bootes an Land zu kommen, wird derart vom Winde verweht, dass er erst etwa hundert Meter weiter in Lee zum Stehen kommt. Wir sitzen etwas unentschlossen im Wind und genießen das Naturschauspiel einer komplett weiß aufgewühlten Südsee. Eine Befragung unserer GPS-Geräte verrät, dass es noch zwei Kilometer Luftlinie bis zu unserem Zeltplatz sind. Lächerliche zwei Kilometer!

Es dauert über eine Stunde, eine Banane und ein Snikkers, bis ich einerseits soweit wieder erholt bin, dass ich mir die lächerlichen zwei Kilometer zutraue, und andererseits so hoffnungslos, dass ich nicht mehr glaube, dass diese "kurze" Störung noch mal ein Ende findet. Mittlerweile bin ich übrigens auch überzeugt, dass es sich hier tatsächlich um Windstärke sieben handelt. Bei so etwas paddelt man nicht mehr - und ich bin meinem Südwester dankbar, dass er mir die Entscheidung abgenommen hat, die Überfahrt nach Fünen zu machen. Nachdem wir dem Wind und dem Regen (wieso kann es überhaupt so heftig regnen, wenn weit und breit keine Wolke zu sehen ist?!) die letzten zwei Kilometer abgerungen haben, müssen wir unsere Boote die letzten hundert Meter noch über Land tragen. Da war eine Art Bucht mit einem kaum sichtbaren Kehrwasser, das ein vollkommen schrammenloses Anlanden ermöglicht hat. Direkt vor unserem Zeltplatz hätte sich wieder die eine oder andere Marke in den Bootsrümpfen verewigt. Es weht dermaßen stramm, dass man schon beim normalen Gehen auf festem Grund immer wieder aus dem Gleichgewicht geweht wird. Während wir triefnass unsere Boote über Land zu unserer Zeltwiese zurücktragen, begegnet uns ein Jäger, der seine Schrotflinte spazierenträgt. Er muss uns für komplett meschugge halten, sich erst bei einem derartigen Wind mit Booten aufs Wasser zu wagen und sie dann über Land zurückzutragen. Er sagt aber kein Wort.

Das Banklager leistet uns willkommene Dienste als Umkleide und Teestube. Die Sache mit den Schauern hat sich nämlich immer noch nicht erledigt. Nach einem heißen Tee und etwas Honigkuchen fühlen wir uns bereit für einen ausgiebigen Spaziergang über die Insel. Bei meiner Erkundung vor vier Wochen waren mir schon die zahlreichen Häuser aufgefallen, die bereits sichtbar dem Verfall anheimgefallen waren bzw. an denen "Til Salg" sein Schild angebracht hatte. Heute, da wir im Dunkeln durch die Straßen schlendern, fallen noch viel mehr Häuser auf, dadurch, dass nirgends ein Licht in ihnen glimmt. Erst als wir in die Nähe der Kirche kommen, werden der Ort etwas lebendiger und die Häuser heller. Der Krug am großen Feuerlöschteich ist zwar mittlerweile geschlossen, aber es gibt hier noch einen zweiten Krämer, der nun offensichtlich das Zentrum des Ortes markiert. Immerhin, solange es noch einen Kaufmannsladen gibt, gibt es auch noch Hoffnung. Übrigens gibt es auf Lyö Unmengen von Feuerlöschteichen. Entweder haben die Einwohner hier schlimme Erfahrungen mit Bränden gemacht, oder die Landschaft hat ihnen diese Teiche freiwillig präsentiert.

Als ich nach einem viel zu reichlichen Abendessen lange nicht einschlafen kann, frischt der Wind noch einmal richtig auf. Ich komme extra noch einmal aus meinem Zelt, um mir das Wasser aus der Nähe anzusehen, aber es ist bereits zu dunkel, um noch etwas deutlich erkennen zu können. Aber auch so weiß ich, dass wir morgen eher einen Hubschrauber benötigen würden, um von der Insel zu kommen, als dass wir es bei diesen Bedingungen auf eigenem Kiel riskieren würden.

Den ganzen Tag lang sieben Beaufort!


Freitag, 8. November 2013

Lyö im Winter - Überfahrt im Dunkeln (1/3)

Optimale Vorhersage! Nur ne kleine Störung am Samstag.
Trenk hat solange genervt, bis ich zugesagt hatte, mit ihm eine Nachttour im November über den Belt zu machen. Die ganze Woche über habe ich gebannt die Windvorhersage verfolgt. Am Sonntag voher sah es gar nicht gut aus - da war für den Freitag der Überfahrt konstant neun Meter pro Sekunde angesagt. An diesem Tag war ich mit Jörg bei genau der Windstärke auf der Förde unterwegs - im Hellen! Bei so etwas fahre ich nicht im Dunkeln über den Belt! Dann sah es wieder gut aus - mit moderaten Winden - und dann wieder ganz mies. Erst die letzte - und damit verlässlichste Wettervorhersage von Freitag um 12:00 Uhr brachte die Entscheidung: Wir gehen auf Fahrt!

Bei der Vorbereitung im Hafen von Fynshav wollen einige Passanten es nicht recht glauben, dass wir jetzt noch los wollen, denn es wird ja bereits dunkel. Aber wir können auf unsere gesammelten Beleuchtungsmittel verweisen und sie einigermaßen beruhigen. Es ist das erste Mal, dass ich mein Toplicht auf meinen Südwester montiere und eigentlich auch das erste Mal, dass ich eine echte Nachtfahrt so vollkommen ab vom Ufer mache. Ich bin wirklich gespannt und freue mich darauf. Mein GPS-Gerät habe ich griffbereit in der Schwimmweste, der Zielort ist einprogrammiert und auf der Nase habe ich meine Brille, damit ich überhaupt eine Chance habe, es während der Fahrt ablesen zu können. Der Übernachtungsplatz auf Lyö ist einprogrammiert, die Peilung vorher bestimmt, denn im Dunkeln sind die Navigationmöglichkeiten noch weiter eingeschränkt als bei einer Nebelfahrt. Eigentlich dürfte Nebel im Dunkeln überhaupt gar kein Problem sein, weil man ja eh schon wegen der Dunkelheit nichts sieht. Unsere Kompasse haben wir mit Knicklichtern beleuchtet. Meines fungiert gleichzeitig als Positionslicht für mein Boot, Trenk hat noch ein Extra-Licht montiert, weil er das über dem Kompass fast vollständig mit undurchsichtigem Klebeband umwickelt hat, damit es auch wirklich nur den Kompass beleuchtet.

Die Frage mit der Schleppleine ist diesmal einfach zu klären. Da eh nur maximal einer schleppen könnte, lasse ich meine im Auto und wir beschränken uns auf Trenks Schleppgeschirr.

Es herrscht Südwind - drei bis vier. Das ist lieblich, führt aber natürlich trotzdem zu etwas Abdrift. Also legen wir unseren zu steuernden Kurs auf "irgendwie mittig zwischen 60 und 90 Grad". Diese beiden Werte sind auf dem Kompass wenigstens einigermaßen gut zu erkennen. Ich kann zwar nicht sehen, welche der dickeren Markierungen die 60 und welche die 90 Grad-Marke ist, aber ich kann die 0 von der 60 unterscheiden und die 120 von der 90 - also kann eigentlich nichts schief gehen. Man sieht kaum Navigationslichter in dieser Gegend - bis auf den legendären Leuchtturm Skjoldnäs an der Nordspitze von Ärö. Außerdem ist da noch ein festes Licht irgendwo auf der Südspitze von Fünen. Es bildet mit dem Leuchtturm etwa einen Winkel von 120 Grad, so dass wir auch die Möglichkeit haben, uns etwa mittig in diesem Dreieck zu halten. Es ist einfach sehr viel leichter, sich Fixpunkte in weiter Ferne zu suchen und sich an denen zu orientieren, als fortwährend auf den Kompass blicken zu müssen, der eh nur mit Schwierigkeiten abzulesen ist. Die Wellen laufen ziemlich genau quer zu unserer Fahrtrichtung, sind aber eigentlich kein wirkliches Problem. Allerdings sollte man vegetativ schon einigermaßen gefestigt sein, denn man sieht sie nicht heranrollen und mit zunehmender Entfernung vom Land werden sie natürlich auch größer. Doch sie bleiben im Wesentlichen unter einem Meter Höhe und nur selten klatscht uns brechender Schaum vor die Brust.

Nach einiger Zeit bemerkt Trenk, dass das Wasser leuchtet, nachdem man es mit dem Paddel umgerührt hat. Später leuchtet auch die schäumende Gischt, die am Boot entsteht, wenn sein Bug die Wellen teilt. Es ist eine ganz zauberhafte Stimmung - dunkel aber lau, still aber rauschend, entrückt und doch wirklich. Hier ist niemand - nur wir und die Wellen. Vergessen, gemieden, ja gefürchtet. Alles gehört uns - die Zeit, der Raum, die Nacht und das Meer. Wir sind so weit fort - und doch direkt vor unserer Haustür!

Fast genau in unserer Vorausrichtung taucht ein fleißig blinkendes Licht auf. Das eignet sich prima zum Anvisieren. Noch besser ist aber der Fixstern, der nun genau darüber steht. Wir wählen ihn als bequemen Anhaltspunkt. Leider zeigt sich bald, dass das fleißig blinkende Lichtlein und der Fixstern auseinander driften. Wir lassen das fleißige Lichtlein Lichtlein sein und vertrauen der fixen Idee, dass Fixsterne fix stehen bleiben. Als unser Stern aber anfängt, Geräusche zu machen und außer seinem weißen nun auch noch ein rotes, blinkendes Licht zeigt, wenden wir uns doch reumütig wieder unserem fleißigen Lichtlein zu.

Alles, was auf Lyö Licht zeigen und uns den Weg weisen könnte, liegt hinter dem Hügel und ist aus unserer Position nicht sichtbar. Wir haben nicht wirklich Bedenken, dass wir unser Ziel verpassen könnten, denn es herrscht Halbmond und die Wolkendecke ist nicht komplett geschlossen. Zwar haben wir unsere GPS-Geräte eingeschaltet dabei, aber wir wollen sie für die Überfahrt nicht benutzen. Erst auf den letzten paar hundert Metern, wenn es darum geht, den genauen Platz zum Anlanden zu finden, werden wir sie zu Hilfe nehmen. Die Insel sehen wir erst, als wir nur noch gute anderthalb Kilometer von ihr entfernt sind. Wobei "sehen" die Sache nicht wirklich trifft, wir haben eher eine dunkle Ahnung, dass das tiefschwarze da Land sein muss. Wir haben reichlich vorgehalten und können nun einen kleinen Moment die Früchte genießen und etwas auf den wohlwollend schiebenden Wellen surfen.

Auf den letzten paar Metern stelle ich uns noch selber ein Bein. Ich betreibe mein GPS-Gerät immer so, dass der Vorauspfeil nicht auf das Ziel zeigt, sondern in die Richtung, in die ich fahren muss, um mein Ziel zu erreichen. Diese beiden Richtungen sind nur dann identisch, wenn es keine Winddrift und keinen Strom gibt. Ansonsten ist die Richtung, in die man fahren muss, eigentlich der interessantere Wert. Aber wenn man davon gut haben will, muss man Fahrt machen und am besten auch nennenswert weit vom Ziel entfernt sein. Wenn man in unmittelbarer Nähe zum Ziel willenlos auf dem Wasser umhertreibt, zeigt mein Pfeil schon mal in eine komplett widersinnige Richtung. Vollkommen logisch - wenn man drüber nachdenkt! Aber soweit lasse ich es nicht kommen, sondern locke Trenk 150 Meter vor dem Ziel um 150 Meter in die falsche Richtung. Erst als wir dort kurz an Land gehen und ich meine Käsestulle vertilge (ich hatte seit dem Mittag nichts mehr gegessen), kehren Verstand und Einsicht zurück. So haben wir uns immerhin nochmal 150 Meter Gelegenheit zum Surfen erarbeitet. Trotz Trenks beeindruckendem Scheinwerfer und meinem in alle Richtungen blendenden Topplicht können wir beim besten Willen den kleinen, aus grünen Plastikkisten handgemachten Hafen nicht entdecken. Trotzdem gehen wir punktgenau am geplanten Ort an Land.

Wir sind ganz beseelt von dem beeindruckenden Erlebnis und auch ein bisschen stolz, alles so selbstverständlich gemeistert zu haben. Beschwingt bereiten wir unsere Heimstatt, sowie das Abendmahl.  Trenk verteilt seines allerdings in einem breiten Streifen in meinem Zelteingang, weil ihm der volle Topf mit den Nudeln in einem unbedachten Moment aus der Hand springt. Irgendwo in den Tiefen meiner Essensvorräte klingelt mein Handy. Ja, wir sind gut angekommen, nein, es herrschte nicht viel Wind und morgen soll auch wenig Wind sein - bis auf eine kleine Störung am Nachmittag.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Südsee bei Gegenwind: Nachbetrachtungen (4/4)

Natürlich war es ein Wagnis, einen recht unerfahrenen Paddler auf eine absehbar anspruchsvolle Unternehmung mitzunehmen. Aber wie soll man Erfahrungen sammeln, wenn man keine macht? Unterm Strich gesehen war die Unternehmung für alle Beteiligten ein Erfolg: Sie hat Spaß gemacht und wir haben alle dazugelernt.

Es gibt einiges, was ich gelernt habe: In dem Moment, in dem ich im Hafen von Mommark meine Ausrüstung umgepackt habe, weil ich den Trim meines Bootes besser gestalten wollte, hätte ich Olav darauf aufmerksam machen müssen, dass ein schlechter Trim einem den letzten Nerv rauben kann, und dass ein schlechter Trim bei genau diesen Bedingungen gnadenlos enttarnt wird.

Meine Nachfrage bei Trenk, ob er seine Schleppleine am Mann trägt, war von vorn herein feige. Natürlich habe ich in dem Moment nicht im Traum daran gedacht, dass wir eine Leine benötigen würden. Aber meine Erfahrung besagt, dass Unvorhergesehenes generell unvorhergesehen passiert und daher habe ich mir eben mit der Frage ein Alibi besorgen wollen. Professionell ist das nicht. Das nächste Mal binde ich mir die Leine wieder gleich um.

Jemanden in solchen Bedingungen fast zweieinhalb Stunden lang zu schleppen, schaffen nicht viele Paddler. Trenk kann so etwas, aber es wäre klüger gewesen, wenn wir uns abgewechselt hätten. Zwar hat Trenk nicht im Mindesten geschwächelt oder auch nur eine Andeutung gemacht, dass er abgelöst werden möchte. Aber ich hätte eine Ablösung anbieten sollen, dann hätte ihm am Folgetag vielleicht das Handgelenk auch nicht geschmerzt.

Der Zeitpunkt für die Entscheidung war goldrichtig und die Entscheidung selbst auch. Bis zu dem Moment, in dem es Olav nachhaltig aus der Richtung geworfen und er so erkennbar Mühe hatte, sie wieder zu finden, lief alles vollkommen problemlos - bis auf die Kleinigkeit, dass wir nicht ganz den optimalen Kurs fuhren. Auch danach war Olav noch absolut Herr der Lage. Aber er musste sich sehr anstrengen, auf Kurs zu bleiben, und es wäre mit zunehmender Erschöpfung nicht besser geworden. Er hätte durchaus bis Ärö durchhalten können. Aber die Chancen waren unter fifty-fifty. Es hätte noch sehr lange gedauert, bis er nicht mehr gekonnt hätte und wir ihn hätten schleppen müssen. Aber jemanden zu schleppen, der nicht mehr kann, ist nicht klug, und wenn es dazu kommt, ist voher etwas schief gelaufen. Es war also genau der Zeitpunkt zu handeln. So konnte Olav den größten Teil des Vortriebes noch selbst leisten und Trenk musste nur seinem Bug die Richtung vorgeben. Wenn er nicht mehr gekonnt hätte, wäre er zwangsläufig irgendwann über Bord gegangen, hätte große Mühe gehabt, wieder einzusteigen, ich hätte ihn dann stützen und Trenk zwei Paddler gegen den starken Wind schleppen müssen. Das wäre vielleicht sogar für Trenk zu viel des Guten gewesen.

Auch wenn Olav im wesentlichen selbst gepaddelt ist, die Belastung, die eine fast die gesamte Zeit durchs Wasser gezogene Schleppleine zusammen mit den ruckartigen Straffungen auf den ziehenden Paddler ausübt, ist erheblich. Es ist eine gute Übung, so etwas einmal in anspruchsvollen Bedingungen über Zeitraum, der länger als fünf Minuten ist, zu praktizieren. Dass Trenk es fast zweieinhalb Stunden ohne Murren durchgehalten hat, hat meinen hohen Respekt.

Bis zur Entscheidung hatten wir etwa ein Drittel der Strecke geschafft. Es bestand auch die Option, statt weiter zu fahren, umzukehren. Abgesehen davon, dass wir nach Ärö wollten, wäre ein Umkehren weitaus riskanter gewesen. Zwei Meter hohen, brechenden Wellen ins Auge zu blicken und ihnen stand zu halten, ist eine Sache. Denselben Wellen den Rücken zu kehren, nicht zu wissen, wann sie angreifen und sich ihnen in dieser Weise auszuliefern, ist eine ganz andere Sache. Wenn man das eine sicher handhaben kann, heißt das noch lange nicht, dass man auch dem anderen gewachsen ist. Ich wäre mir nicht einmal für mich selbst sicher gewesen, ob es mich nicht irgendwann reingerissen hätte. Aber ich hätte mir zugetraut, wieder hoch zu rollen. Olavs Rolle ist noch nicht so gefestigt, dass man unter diesen Umständen auf sie wetten sollte. Und schleppen in Wind- und Wellenrichtung... das wäre eine noch interessantere Aufgabe, die man vielleicht besser in wärmerem Wasser üben sollte.

Als wir Olav auf Ärö zurückgelassen haben, stand nicht fest, wo wir uns wieder treffen würden. Bei ungünstigen Bedingungen wären wir wieder an den Ausgangspunkt zurückgekommen. Aber wir haben es bereits zum Zeitpunkt der Trennung zumindest in Erwägung gezogen, uns auf Lyö zu treffen. Trenk hatte sein Funkgerät dabei, ich hatte Nico-Signalgerät, drei Seenotraketen und eine Rauchkerze dabei. Olav hatte keine Hilfsmittel in dieser Richtung mit. Wir hätten ihm entweder das Nico-Gerät geben müssen oder besser noch die Signalraketen, denn er hatte eine Solo-Fahrt vor sich. Auch hier reicht es nicht, sich selbst sicher zu fühlen. Wenn ich es für mich für angebracht halte, Signalmittel mitzuführen, ist es natürlich auch für Olav angebracht. Wenn man sich dann entscheiden soll, wer die Signalmittel nimmt, dann werden sie ohne jeden Zweifel bei einer Alleinfahrt dringender benötigt, als wenn man mit einem Partner unterwegs ist. Wir müssen in ähnlich gelagerten Situationen in Zukunft länger darüber reden, was wir machen und wie wir eventuell vorhandene Ausrüstung aufteilen.

Südsee bei Gegenwind: Sonntag (3/4)

Die Nacht war schwarz und sternenklar. Das Gras, die Boote und die Zelte sind klatschnass. Es ist schwer einzuschätzen, ob unsere Wäsche auf der Leine heute Morgen trockener oder nasser ist, als sie es gestern Abend beim Aufhängen war. Aber die Sonne scheint! Ein wunderbarer Morgen! Leider unser letzter, auch wenn wir kurz mit dem Gedanken spielen, das Wochenende einfach zu verlängern. Wir sind mit zu vielen Fesseln mit unseren Pflichten, Erwartungen und dem Alltag verstrickt, als dass wir uns so einfach dem Verlangen hingeben könnten. Aber wir kosten die gewährten Stunden mit allen Sinnen aus. Das geht am besten auf einer Holzbank. In der Bretterbude auf dem großen Rasenplatz neben unserem Zeltgelände sind Unmengen von Holzbänken und -tischen gestapelt. Die Tische sind leider allzu verkeilt, so dass wir erst das ganze Ensemble hätten umräumen müssen, um an einen davon zu gelangen. Aber eine prima Bank können wir ohne großen Aufwand herauslösen. Darauf zelebrieren wir ein ausgedehntes Frühstück, während dessen wir die immer wärmender werdenden Strahlen der höher steigenden Sonne inhalieren.

Ich mache mit Olav einen Erkundungsgang über die Insel, bei dem wir die Einzelheiten zum roten Symbol "Sonstige Zeltmöglichkeit" auf der Karte klären wollen. Die Insel ist nicht wirklich groß und der Hauptort, der auch der einzige ist, ist schnell erreicht. "Til Salg" scheint eine bedeutende Persönlichkeit auf den Inseln hier zu sein, denn an vielen Häusern liest man seinen Namen. Selbst der Krug, der bei meinem letzten Besuch hier noch in Betrieb war, ist in seinen Besitz übergegangen. Eine absehbare Entwicklung, aber sie macht wehmütig und nachdenklich. Am Nordufer, etwas westlich vom Segelhafen ist eine Anlandestelle, an der sogar zwei Trolleys liegen, mit denen man sein Boot zum Übernachtungsplatz bollern könnte. Den haben wir auf dem Herweg glatt übersehen, aber auf dem Rückweg erkennen wir den recht großen Karavan-Stellplatz, auf dem erstaunlich viele Campingwagen stehen. Das wäre eine Möglichkeit, wenn man mit einer Gruppe und in der Hochsaison unterwegs ist.

Es hätte auch den ganzen Tag schütten, kalt sein und wehen können - aber nichts dergleichen! Wir werden heute wirklich verwöhnt: Das Gras, die Boote und unsere Zelte sind furztrocken, als wir alles zusammenpacken (Nein, das Gras haben wir da gelassen, aber die Bank haben wir wieder weggeräumt!). Sogar unsere Wäsche auf der Leine hat sich der Wirkung der Sonne nicht verweigern können. Ich liebe es, meine Ausrüstung trocken in mein Boot zu stauen! Für heute steht keine große Bewährungsprobe an. Olav hat mit Hilfe von Trenks Navigationsrechner (so 'ne Art viereckiges Geodreieck mit Bindfaden dran) die Peilung von unserem Standort nach Mommark ausgependelt. 200 Grad - auf den nächsten vollen Hunderter gerundet. Wind findet eher nicht statt, dafür scheint die Sonne. Der Belt ist gegenüber unserer Herfahrt nicht wieder zu erkennen. Heute konnte man die Überfahrt auch mit einer Badenudel bewerkstelligen. Wir fahren mit konstanter Geschwindigkeit in Harmonie und Eintracht der Sonne entgegen. Aber irgendwann ist Trenk zuviel Harmonie, weil er in der Mitte zwischen uns fährt und ständig aufpassen muss, dass er weder mit dem einen noch mit dem anderen kollidiert. Also disharmonieren wir etwas und geben uns so mehr Raum.

Nach genau einer Stunde konstanter Paddelei machen wir fünf Minuten Pause. Eigentlich. Aber Trenk muss noch länglich auf seinem GPS rumprogrammieren, so dass Olav und ich uns schließlich nach knapp zehn Minuten auf den Weg machen, während Trenk immer noch in sein GPS vertieft ist. Als er ansetzt, uns wieder einzuholen, setzt auch wieder der lange vermisste Gegenwind ein. Es ist nicht viel, aber er ist spürbar. Allerdings taucht seine bremsende Wirkung in unserem Geschwindigkeitsdiagramm nicht auf, denn Trenk zieht einfach das Tempo seiner Aufholjagd bis zum Hafen durch. So erreichen wir Mommark trotz Pause und Gegenwind bereits nach zwei Stunden. Im Hafen steuern wir diesmal einen der Bootsstege an, denn den Slip haben wir nicht in guter Erinnerung. Dabei beeindruckt mich Trenk noch einmal, indem er sich während der Fahrt in seinem Boot hinstellt und dann elegant auf den Steg steigt. Das möchte ich auch können!

Vier Tage voller Gegenwind? Vier Tage mit tollen Erlebnissen, in toller Natur. In hohen Wellen und dichtem Nebel. In Sonne und Wind. In Einklang. Zusammen mit einem in den vergangenen Jahren so wunderbar gereiftem Partner und einem in den kommenden Jahren reifenden Neuling. Wunderbar, welche Erlebnisse so kleine Boote einem ermöglichen.

Samstag, 5. Oktober 2013

Südsee bei Gegenwind: Samstag (2/4)

Alle wissen: mein Boot ist immer das schwerste der Truppe. Was aber nicht alle wissen, ist, dass ich immer Unmengen von Dingen für den Fall der Fälle mitführe. Häufig bin ich sowieso als Fähnleinführer unterwegs und da wird wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass ich Seenotmittel mitführe, ein Ersatzpaddel, Navigationsmittel, eine Schleppleine, aber auch ein Tarp für die Gemeinschaft, Ducktape fürs Boot, Pflaster für die Paddler, Ersatzbatterien, ein Radio für den Wetterbericht, einen Poncho als Schutz gegen Wind und Regen in Pausen an ausgesetzten Orten, von GPS-Gerät, Fotoapparat oder Filmkamera ganz zu schweigen.

Zwar versuche ich vor jeder Tour zu hinterfragen, ob ich die Ahle, die Handsäge, oder das Fernglas wirklich mitnehmen muss, nachdem ich die meisten Dinge immer treu quer durch die halbe Welt paddele,  aber sie nur sehr selten auch wirklich brauche. Auf dieser Tour aber hatte meine mehr als komplette Ausrüstung ihren großen Auftritt! Es fing schon im Hafen von Mommark an, als Olav feststellen musste, dass er sein Klopapier vergessen hatte. Kein Problem - ich habe immer drei (angefangene) Rollen dabei! Und sein Spiritus ist leider auch zu Hause geblieben. Kein Problem - ich komme immer mit gut der Hälfte meines Vorrats wieder zurück. Dadurch, dass ich auf der Überfahrt am ersten Tag die Kamera die gesamte Zeit über angeschaltet gelassen hatte, war sie natürlich am nächsten Morgen noch erschöpfter als wir. Kein Problem - ich führe ja immer meinen Power-Monkey mit, eine Art Über-Akku mit sage und schreibe 9000 Milliamperestunden Kapazität. Der kommt auch heute zum Einsatz, weil ich gestern abend meinen GPS-Tracker nicht ausgeschaltet habe und er fröhlich die ganze Nacht hindurch mitgeloggt hat, dass wir uns nicht bewegt haben! Und am ersten Abend habe ich die Gummidichtung des Brenners von meinem Trangia-Kocher gegrillt. Olav hatte sich schon gewundert, was es bei mir zum Abendbrot gibt, was so stinken kann. Kein Problem - ich fahre seit Jahren auch eine Ersatzdichtung spazieren. Irgendwann muss ich auch meine Stirnlampe eingeschaltet in meinen Bauchgurt getan haben, oder sie ist durch das Quetschen und Drücken beim Packen eingeschaltet worden. Jedenfalls hat sie viele Stunden das Innere meines Bauchgurtes beleuchtet - leider ohne, dass es jemand würdigen konnte. Als ich sie gestern Abend eingeschaltet habe, hielt ich extra meine Hand vor ihren Lichtaustritt, damit Trenk nicht blind wird, weil sie normalerweise krass grell leuchtet. Aber Trenk konnte nur mit Mühe erkennen, dass sie überhaupt eingeschaltet ist. Kein Problem - ich habe ja immer jede Menge Ersatzbatterien in allen Größen dabei! Und natürlich vergesse auch ich ab und zu den einen oder anderen Ausrüstungsgegenstand zu Hause. Kein Problem - dafür habe ich immer ein paar Kumpels dabei, die ich dann anschnorren kann!

Kein Wunder also, dass mein Boot immer das schwerste aus der Truppe ist! Und schließlich habe ich ja gestern bei Skjoldnäs auch noch den gelben Golfball gefunden...

Morgens war es noch recht klar, es hat sich dann aber rasch zugezogen, Es ist diesig und die Sicht nicht besonders gut, knapp fünf Kilometern vielleicht. Nach dem Frühstück stimmen wir uns per Handy mit Olav ab, dass wir tatsächlich Lyö als Treffpunkt wählen. Olav hat Zeit gehabt, die reichhaltige Funktionsvielfalt seines neuen Handys zu studieren und hat einen Wetterbericht eingeholt. Wind morgens drei bis vier, ab Mittag dann weniger. Die Richtung war entweder nicht dabei oder er hat sie vergessen. Von Sichtigkeit war auch keine Rede. "So gegen Mittag, wenn der Wind weniger wird, fahre ich los. Noch sehe ich Lyö nicht, aber die Sicht wird ja bald besser." Ich will ihn nicht beunruhigen und sage lieber nichts dazu, aber die Annahme, dass die Sicht besser wird, scheint mir rein hypothetischer Natur. Lyö liegt ungefähr acht Kilometer von seinem Standort entfernt aber wirklich verfehlen kann man es eigentlich nicht.

Wir wollen zwischen Drejö und Avernakö hindurch fahren und uns dann an der Nordseite von Avernakö nach Lyö hangeln. Die Spitze der Halbinsel Urehoved sehen wir zwar verschommen aber deutlich. Doch als wir sie passiert haben, verschlechtert sich die Sicht dramatisch. Ich liebe es, wenn rundherum nur Nichts ist und man sich auf seinen Kompass und seine Navigationskunst verlassen muss. Mittlerweile habe ich genug Erfahrung mit derartigen Situationen, dass ich vollkommen entspannt bin. Zudem haben wir hier keinen nennenswerten Strom und der Wind weht lediglich schwach bis mäßig aus westlicher Richtung. Es dauert unerwartet lange, bis wir einen Hauch von Drejö durch den Nebel erkennen können. Das liegt nicht daran, dass wir so langsam fahren, sondern daran, dass die Sicht mittlerweile auf ca. 500 Meter zusammengeschrumpft ist. Auch die lächerlichen drei Kilometer von hier bis Avernakö, ziehen sich ungewöhnlich lange hin, zumal ich sie in der Erinnerung als maximal 300 Meter abgespeichert habe. Es ist trotz aller Erfahrung immer wieder überraschend und ernüchternd, wie aufgeschmissen wir ohne unseren Gesichtssinn sind.

Nach der Pause am nördlichen Südostende von Avernakö geht es endlich wieder gegen den Wind! Es ist zwar nur eine gute drei, aber sie erzeugt in den hier recht flachen Wassern fiese Bremsewellen. Es macht Plitsch-Platsch-Plump - und das Boot steht! Dann kann man alle ehemals enthaltene Geschwindigkeit mühselig wieder hineinfüttern. Ein wenig freudvolles Spielchen!

Trenk ist etwas skeptisch, dass ich zum Übernachten auf die Westseite von Lyö fahren will. Als wir die Ostseite erreichen, bietet sie uns schließlich neben Sandstrand verglichen mit unserer letzten Heimstätte geradezu verlockende Verhältnisse, um unsere Zelte darauf aufzustellen. Und natürlich sind wir hier in Lee der Insel, würden also unbedingt windgeschützt stehen, etwas was man von der anderen Seite nicht ohne weiteres erwarten kann. Und ist nicht die letzte Gelegenheit, bei der er sich von mir "mal eben auf die andere Seite" hat locken lassen, im Chaos geendet? Ich bleibe fest und behaupte: "Auf der anderen Seite ist ein prima Übernachtungsplatz!" Immerhin habe ich das Argument auf meiner Seite, dass es morgen nicht so weit ist, wenn wir jetzt noch etwas paddeln. Natürlich weht es auf der andern Seite wieder und ich hoffe inständig, dass mich meine Erinnerung nicht noch einmal so arg täuscht, wie bei der Entfernung von Drejö nach Avernakö. Doch was wir vorfinden, übertrifft unsere Erwartungen: Direkt am Strand ein aus steingefüllten grünen Plastikkisten angelegter, provisorischer Hafen, etwas zurückgesetzt eine Rasenfläche hinter einer überwucherten Mauer, die allen Wind abhält - und eine prima Wäscheleine! Leider etwas kurz für drei Paddler, die nach einer Tour immer so viel nasse Wäsche wie eine zwölfköpfige Familie trocknen müssen!

Es ist halb vier - aber wo ist Olav? Wenn er Mittags losfahren wollte, muss er schon einen erheblichen Umweg genommen haben, wenn er jetzt noch nicht hier ist. Wir suchen die Wasserfläche in Richtung Ärö ab, aber da ist nichts zu erkennen, obwohl die Sicht mittlerweile wieder vollkommen klar ist. Vielleicht hat er dem Nebel oder der Alleinfahrt nicht getraut und ist nach Söby gepaddelt und von dort mit der Fähre nach Fynshavn gefahren? Wie auch immer, er wird uns eine Nachricht aufs Handy geschickt haben. Da ist auch was von "Neue Nachrichten" auf meinem Display zu erkennen, aber mit meinen altersichtigen Maulwurfsaugen muss ich Trenk bitten, es vorzulesen. "4 neue Nachrichten" - alle von Olav. Okay - wir hätten in der Pause vielleicht mal auf das Handy sehen sollen. In der Summe besagen die Nachrichten, dass er Lyö nicht sehen kann und deswegen solange Kaffee trinkt, bis es auftaucht. Die letzte Nachricht ging um halb drei raus und verkündet seinen Start - es ist also alles im Lot.

Es dauert keine viertel Stunde, da kommt ein einsamer Kajakfahrer angepaddelt - Olav! Es ist uns absolut schleierhaft, dass wir ihn nicht vorher auf der freien Wasserfläche entdeckt haben. Aber es zeigt, wie schlecht man als Kajakfahrer selbst bei guter Sicht erkannt wird.

Nach dem trüben Tag entwickelt sich der Abend sehr lieblich. Die Sonne geht, wie sie das immer tut, hinter Alsen unter und es entwickelt sich wieder ein fantastischer Sternenhimmel. Im Süden wächst der Leitstrahl von Skjoldnäs in aller Ruhe um seinen Leuchtturm herum.