Samstag, 14. März 2015

Licht im Dunkeln

Im Januar war unser Lampenworkshop bereits beendet und die Ergebnisse einsatzbereit. Es hat bis zum März gedauert, bis ich es geschafft habe, meine Leuchte einmal zum Einsatz zu bringen. Diese Woche war es dann soweit: Mit Jörg zusammen habe ich das wöchentliche Mittwochspaddeln wieder aufgenommen. Normalerweise ist um diese Jahreszeit das Vergnügen noch sehr begrenzt, denn Sonnenuntergang ist ziemlich genau um 18:00Uhr. Da schafft man es nicht wirklich weit und da Jörg außerdem zum Abend Gäste erwartet, dreht er auch bald ab und fährt zurück. Ich aber habe meinen Lichtmast gesetzt und fahre vollkommen entspannt weiter bis zur Munitionspier am Jägersberg. Das Wetter ist wunderschön - der Himmel klar und fast Windstille.

Auf der Rücktour wird es dann rapide dunkler und es entfaltet sich eine zauberhafte Welt. Alles wird immer stiller, das Wasser immer schwärzer und am Ufer fangen die Lichter an zu funkeln. Ich bin ganz aufgeregt, weil ich mir überhaupt keine Sorgen zu machen brauche, dass ich mit der Wasserschutzpolizei in Konflikt gerate. Und ich bin ganz ratlos, wieso ich mir den Zugang zu dieser wunderbaren Welt nicht schon viel früher verschafft habe. Ich bin schon oft im Dunkeln gefahren, aber nicht auf der Förde. Dafür ist hier dann doch zu viel los und die Präsenz der Wasserschutzpolizei zu hoch. So waren Touren im Herbst und im Frühjahr immer auch deshalb etwas stressig, weil man immer einen Blick auf die Uhr richten und abschätzen musste, ob das Restlicht noch für die Reststrecke reichen würde. Und natürlich ist im Winter Paddeln unter der Woche vollkommen ausgeschlossen - es sei denn, man ist Rentner wie Jörg.
Nach der uneingeschränkt guten, ja eigentlich euphorischen Erfahrung am Mittwoch, lege ich meine Fahrt am Samstag gleich auf den späten Nachmittag. Damit ich auch wirklich in die Dunkelheit komme, vergesse ich erst noch, meinen Neo-Anzug einzupacken, so dass ich noch einmal nach Hause und zurück fahren muss. Und dann will ich auch noch Richard besuchen, so dass ich mit meiner Rückfahrt wirklich tief in die Nacht komme.
Es geht ein frischer Nordost-Wind und so fahre ich erst durch den leeren Hafen von Mönkeberg. Der hat nur eine Einfahrt und auf der anderen Seite kommt man nur hinaus, wenn man unter dem Steg hindurch fährt. Das ist normaler Weise kein Problem - nur wenn man (weil es ja noch nicht dunkel ist) nicht daran denkt, dass hinter einem eine Leuchte über den eigenen Kopf in den Himmel ragt, ist das etwas doof. "Klong - klong - klong" - drei Balken tragen den Steg. "Platsch!" - soviel zum Thema "mitten in der Nacht zurückfahren". Mein Lichtmast schleift samt Lampe hinter mir durch die Ostsee. Zum Glück ist da noch das Kabel, das den Salat daran hindert unterzugehen. Ich fahre dicht ans Ufer, angele nach dem Kunststoffrohr und fummele es wieder auf den Holzzapfen. Mehrere Tests, ob die Lampe noch leuchtet - sie scheint überlebt zu haben! Richard hat Glück gehabt - ich muss meinen Besuch doch nicht verschieben!


Sonntag, 1. März 2015

Fünfeinhalb Stunden und sieben Blasen (2/2)

Seit Stunden regnet es draußen. Und der vorhergesagte Wind bringt die nahen Bäume zum Rauschen. Es soll heute den ganzen Tag über mit sechs Beaufort aus Süd blasen. Keine Bedingungen, unter denen man voll Tatendrang aus dem Schlafsack in Freie springt. Jörg wusste, wovon er sprach, als er seine Zusage zum Wintercamping verweigerte. Trotz der frühen Stunde und des saumäßigen Wetters höre ich mehrere Spaziergänger an meinem Zelt vorbeigehen. Aber eigentlich höre ich keine Spaziergänger sondern nur Hundebesitzer: "Bruno! Lass das! Bruno!! Kommst du wohl her, Bruno!!!" Ich gehe allerdings davon aus, dass kein Mensch ohne Hund hier heute spazierengeht.

Meine Bewegungen sind auch heute morgen ausgesprochen langsam. Wenn ich es recht überlege, ist der Mensch doch im Grunde genommen auch nichts anderes als ein Fisch. Genau wie der, wird auch der Mensch bei niederen Temperaturen langsam. Der einzig wirkliche Unterschied ist vermutlich, dass der Mensch bei Kälte friert, während es dem Fisch ja egal sein kann, wie hoch seine Kerntemperatur gerade ist. Ein Fisch geht eben nicht ein wie sein aufrecht daher kommender Kumpel an Land, wenn das Fieberthermometer bei ihm weniger als 30 Grad anzeigt. Insofern sollten wir unser Gefühl der Überlegenheit unseren schuppigen Freunden gegenüber noch einmal überdenken.

Aufrecht setzen, weil dann das Denken leichter geht, Uhrzeit auf dem Handy checken. Acht Uhr - kein Empfang. Heute ist der 1. März - ich habe meinen Provider gewechselt, der neue funkt erst ab morgen. Vermutlich hat der Alte die Versorgung zum Ende des Monat eingestellt. Das ist etwas unschön, weil so die Option ausfällt, dass ich an beliebiger Stelle an Land gehen und um Abholung bitten könnte. So bekommen sechs Beaufort eine nochmal lähmendere Bedeutung.

Gnädiger Weise legt der Regen eine kleine Verschnaufpause ein, in der ich meine Sachen ins Boot packen kann. Bruno hat übrigens ein stattliches "Häufchen" direkt unter mein Heck gesetzt. Weil das Wetter so garstig ist und ich nachher ja noch gegen einen fiesen Wind werde fahren müssen, setze ich heute meine Ganzkopfneoprenhaube auf - die, die mich immer so attraktiv und sexy aussehen lässt. Man sieht auf der Wasseroberfläche scharfe Böen vom Steilufer herunterfallen. Auf dem Meer bilden sich dann große Flecken Gänsehaut, die wie planlos hektisch übers Wasser huschen. Manchmal spüre ich, wie eine Böe mir den Bug nach seewärts drückt. Das erinnert mich an einen Zwischenfall mit fatalem Ausgang bei Baffin Island im hohen Norden Kanadas. Dort wollten zwei im Paddeln relativ unerfahrene Pärchen fünf Kilometer die Küste entlang fahren. Sie starteten bei ölig glattem Wasser und wurden dann von starken ablandigen Winden überrascht. Am Ende gab es zwei Tote. Das kann heute nicht passieren - denn ich bin ja alleine! Aber ich werde den ganzen Tag immer wieder daran erinnert, immer wenn der Wind meinen Bug packt und ihn in eine andere Richtung drückt, als ich eigentlich paddeln möchte.

Es bevölkern - wie immer um diese Jahreszeit - unheimlich viele Wasservögel die Eckernförder
Bucht. Vor allem Eiderenten, aber auch die hübschen Eisenten. Die sind heute aber nicht in Schwärmen sondern nur einzeln oder als Paare unterwegs. Mehrere Male lassen sie mich bis auf weniger als dreißig Meter an sich heran, bevor sie auffliegen. Ich vermute, dass sie einzeln eine geringere Fluchtdistanz haben, als im Schwarm, der bereits immer dann auffliegt, wenn das ängstlichste Mitglied die Nerven verliert.

Am Bülker Huk gehe ich an Land und mache Pause. Ein Campingmobil-Insasse bitte mich, ihm seine Axt vom Strand mitzubringen und wir kommen etwas ins Gespräch. Heute sind nur noch die ganz Unentwegten hier, nicht wie im Sommer, wo man der gesamte Parkplatz ausgebucht ist. Knapp die Hälfte der Gesamtstrecke habe ich bis hierher geschafft, aber nun erst geht es wirklich gegen den Wind. Er bläst momentan zwar nicht mit Stärke sechs, aber arbeiten werde ich schon müsen, um nach Hause zu kommen. Das Queren des Fahrwassers muss ich wieder sehr auf die Berufsschifffahrt abstimmen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man seine Geschwindigkeit nicht nach Belieben gestalten kann. Einen ersten Versuch muss ich abbrechen, weil ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob ich es noch vor dem in weiter Ferne herannahenden Frachter schaffen werde.

Bis Möltenort sind es fast zehn Kilometer, und das reicht, um abermals eine Pause verdient zu haben. Ich verdrücke meine letzte, eiskalte Banane zur Stärkung und besuche das stille Örtchen. Auch diese Erledigung ist keine leichte Aufgabe bei den geringen Temperaturen. Der Reißverschluss für solche Gelegenheiten in meinem Trockenanzug ist äußerst knapp bemessen und hat harte Kanten, so dass es für die kalten Hände eine echte Herausforderung ist, das zurückgezogene Zielobjekt zwischen den zahreichen kunstvoll ineinander verschachtelten Stoffschichten zu orten - und es dann auch noch in eine Position zu manövrieren, in der die Sache nicht buchstäblich in die Hose geht.


Während meiner Pause hat sich der Wind seiner Vorhersage besonnen und dreht auf eine satte sechs auf. Als ich mich auf den Weg mache und mich dicht am Ufer entlangschleiche, werde ich von den Spaziergänger gnadenlos abgehängt. Ich kämpfe mich wacker gegen den Wind voran, aber bei der Querung der Förde geht meine Geschwindigkeit auf teilweise unter drei Stundenkilometer zurück. Ich versuche, mir mit Seufzen, Stöhnen und Fluchen Erleichterung zu verschafffen. Immer wieder rede ich mir ein "Ich komme voran!". Aber es ist schwer, daran zu glauben, wenn man am Schaum neben sich kein Fortkommen erkennen kann. Das einzige Mittel, das wirklich wirkt, ist, stoisch und mit Gleichmut sein Paddel mal links einzutauchen, mal rechts und dann wieder links. Möglichst nicht mit mehr Druck als man auch bei Windstille entfalten würde, aber unbedingt mit dergleichen Frequenz. Nach fünfeinhalb Stunden und sieben Blasen an den Händen erreiche ich den heimischen Steg. Immer noch in der irrigen Annahme, dass mein Provider sein Verhältnis mit mir beendet hat, gehe ich in die Vereinsgaststätte und rufe zu Hause an, damit ich abgeholt werde.


Samstag, 28. Februar 2015

Plötzlich allein (1/2)

Jörg hatte sich schon vor längerer Zeit abgemeldet, Trenk folgte am Sonntag Abend: Schlimmes Knie - vielleicht Operation. Übrig blieb ich. Was tun? Ich hatte mich so gefreut, ich hatte es so nötig, mal raus zu kommen, mal ein paar Tage frischen Wind um die Nase zu spüren - und sonst nichts.

Hartmut aus Berlin wollte gerne einspringen. Aber der konnte am Sonntag nicht und ich am Freitag nicht und ein Tag paddeln war mir zu wenig für eine Autofahrt nach MacPomm. Irgendwie war ich hin und hergerissen, lustlos und unentschieden. Aber irgendwie wollte ich auch unbedingt das reservierte Wochenende nutzen. Damit ich nicht auch noch abspringe, ging ich die Abmachung mit mir ein, am Samstag vom Klub aus in die Eckernförder Bucht zu fahren, dort auf meinem bewährten Platz an der Walddühne zu übernachten und am Sonntag wieder zurück zu fahren. Das hätte auch den Vorteil, dass ich am Freitag Abend noch in aller Ruhe meine Sachen packen könnte, denn dazu war ich bisher nicht gekommen.

Freitag Mittag geht dann der Alarm los: Marie-Theres ruft an, dass der Keller schon wieder unter Wasser steht, der Abfluss nicht tut, und Armin, den Klemptner, kann sie nicht erreichen. So verbringe ich den Abend also nicht mit Packen, sondern versuche zwischen Baumarkt und Keller pendelnd, unsere Hinterlassenschaften zu überreden, ihrem gewohnten Weg wieder mit der gebührenden Geschwindigkeit zu folgen. Selbst für Armin blieb diese Verstopfung ein Rätsel, hatte er das Rohr doch erst einen Tag zuvor mit Kamera und Fräse gängig gemacht.

Macht nix - ich kann ja Samstag packen. Wenn ich am Strand übernachten will, ist es eh nicht ratsam, allzu früh vor Ort aufzulaufen. Wegen des guten Wetters würden jede Menge Spaziergänger dort flanieren, so dass ich mein Zelt nur ungerne vor Sonnenuntergang aufbauen würde. 18 Uhr habe ich mir im Stillen als ETA gesetzt, woraus ich ohne Umschweife auf eine Abfahrtszeit von drei Uhr schließe. Irgendwann im Laufe des Vormittags dämmert es mir aber, dass es von drei bis 18 Uhr nur drei Stunden sind, und ich eigentlich kaum 30 Kilometer paddelnd in drei Stunden bewältigen kann. Trotz meiner fundierten Erfahrung, der immer wieder praktizierten Übung und den zahlreichen Vorträgen, bei denen ich noch nicht so versierten Paddlern die Grundlagen der Tourenplanung zu vermitteln versuche, bekomme ich es diesmal irgendwie nicht hin, meinen Vormittag halbwegs vernünftig zu organisieren, so dass alles mit meinen Plänen konform geht.

Schließlich ist es also halb drei, als ich dick eingepummelt im Schiff sitze und Gerrit mich am Steg beim Ablegen fotografiert. Das Wetter ist vergleichsweise versöhnlich und der Wind kommt quasi genau aus Süd - was hinten ist, und er kommt kräftig. Die Wellen vor mir sehen aus, als hätten sie es eilig, als müssten sie unbedingt und dringend aus der Förde raus. Als seien sie in Panik, überholen sie quasi ihre Vorgänger, nur um direkt darauf dasselbe Schiksal durch ihren Nachfolger zu erleiden. Ich komme schnell mit meinem vollbeladenen Boot ins Surfen. Es sind lange, schöne Surfs dabei, die mich kaum aus dem Kurs bringen. Es ist ein entspanntes Fahren. Da ist nichts, was fordert, was Aufmerksamkeit verlangt, Stress oder Anstrengung verursacht. Ich kann meinen Gedanken nachhängen.

Das wollte ich doch - allein sein auf dem Wasser mit mir und dem Meer, mit den Wind und den Wellen. Wenn ich mich umschaue, ist da tatsächlich niemand - ich bin alleine. Aber irgendwie bin ich doch nicht allein, denn alle sind sie mitgefahren: meine Eltern, mein Bruder, meine Frau - ja, und der Verein ist auch dabei. Das Leben, das ich eine Weile hinter mir lassen wollte, hat lange, klebrige Tentakeln.

Es dauert keine zwei Stunden, bis ich Bülk passiere. Das sind immerhin 15 Kilometer, ich bin durch den Rückenwind und die vielen, ausgedehnten Surfs unglaublich schnell. So kann ich vielleicht doch noch vor Einbruch der Dunkelheit mein Ziel erreichen. Wies mein Kurs bisher mit beeindruckender Geradlinigkeit genau nach Norden, so schwenkt er nun um 45 Grad nach Westen. Zusammen mit dem Steilufer heißt das erst einmal quasi Windstille. Ab dem nächsten Knick der Küstenlinie vor Dänisch-Nienhof weht mir dann ein leichtes Lüftchen bis zu meinem Ziel entgegen. Es sind immer wieder Spaziergänger am Strand unterwegs. Sie sind recht klein und ich bin mir nicht sicher, ob sie mich überhaupt wahrnehmen, denn ich fahre zwischen zwei- und dreihundert Meter weit draußen. Aber alle Fußgänger, die in meine Richtung gehen, hänge ich nach kürzer Zeit ab. Ich bin also immer noch mit guter Geschwindigkeit unterwegs.

Um die militärische Versuchsanlage vor Surendorf mache ich einen weiten Bogen - weiter als er sein müsste. Danach fahre ich wieder dichter ans Ufer, denn ich weiß nicht mehr so ganz genau, wo mein Zielzeltplatz liegt, und die Sonne ist auch schon unter gegangen. Ich habe mir eine Stelle am Ufer ausgeguckt, von der ich felsenfest überzeugt bin, dass sie mein Ziel ist. Aber als ich den Strand abschreite, sieht das ganz und gar nicht nach dem aus, was ich erwartet hatte. Eine Weile zweifele ich, ob sich die Uferlinie hier vielleicht nur stark verändert hat und man den Zaun um das Naturschutzgebiet der Walddüne näher ans Wasser verlegt hat. Aber dann beschließe ich, dass ich einfach gehörig zu weit gefahren bin.


Ich treidele mein Boot etwas zurück, damit ich es nicht unnötig weit durch den Sand ziehen muss, zum Ersatzzeltplatz, den ich mir ausgesucht habe. Die ganze Arie, meine Siebensachen aus dem Boot zu holen, das Zelt aufzubauen, das Boot nachzuholen und mich umzuziehen, dauert eine Ewigkeit. Natürlich bin ich müde von der langen Fahrt, aber mehr noch bremst mich die Kälte. Zwar friere ich nicht im Geringsten, aber Temperatur liegt nur wenig über dem Gefrierpunkt und lässt meine Bewegungen in Zeitlupe ablaufen. Alleine meinen Bootswagen zusammenzubauen, das Boot darauf zu stellen und vor allem den Spanngurt mit kalten Fingern im Dunkeln durch die Ösen am Wagen zu fädeln, dauert mindestens zehn mal so lange, wie gewöhnlich. Immerhin habe ich Glück, denn es herrscht Halbmond und der erhellt die Szenerie immerhin soweit, dass ich alles einigermaßen auch ohne Stirnlampe erkennen kann. Über eine Stunde brauche ich vom Moment des Anlandens, bis ich mich endlich in mein Zelt zurückziehen und die nassen Paddelklamotten ausziehen kann.

Ich habe gut zu Mittag gegessen, daher brauche ich meinen Kocher nur, um mir erst einen heißen Kakao und dann einen heißen Tee zu kochen. Die beiden brauche ich aber dringend, um wieder Leben in meine kalten Glieder zu bekommen. Den Tee ohne Honig - ist ja Fastenzeit. Luftmatraze aufpumpen, die nassen Sachen verstauen, das Boot für die Nacht fertig machen, Brote schmieren, essen - und eben Tee kochen. Alles bedarf hoher Konzentration und geht ausgesprochen langsam. Und immer darauf achten, wo man den Löffel oder den Kochergriff hingelegt hat. Und trotzdem bin ich immer am Suchen. Ich bin so beschäftigt mit elementaren Notwendigkeiten und Erledigungen, dass ich alle Hände voll zu tun habe. Und niemand ist da, der mir helfen kann. Niemand? Alle, die vorhin mitgefahren sind, sind mittlerweile zurückgeblieben. Hier bin ich wirklich alleine und nur mit meinem eigenen Sein beschäftigt. Und draußen scheint wunderschön der Mond.





Sonntag, 23. November 2014

Kleiner Belt mit großen Wellen (3/3)

Es hat noch lange geregnet in der Nacht - und mein Zelt hat keinen Tropfen durchgelassen! Die erste Version meines Zeltes muss tatsächlich ein Montagsexemplar gewesen sein! Irgendwann hat der Regen dann aber doch aufgehört - der Wind jedoch nicht. So sind unsere Zelte leidlich trocken, als wir sie verlassen. Jörg hatte gestern noch einmal sein Smartphone zu Rate gezogen und nach der Wettervorhersage für heute gesehen. Da soll ab 11 Uhr die Sonne scheinen! Also schön langsam machen, dann haben wir eine herrliche Überfahrt.

Das mit dem langsam machen bereitet aber insofern Probleme, als dass wir gestern verhältnismäßig früh in die Federn verschwunden sind und es uns nach zehn Stunden nicht mehr auf unseren Isomatten hält. So fangen wir also schon im Dunkeln noch vor Sonnenaufgang mit dem Frühstück an. Irgendwie schaffen wir es dann aber doch, unsere Vorbereitungen so sehr in die Länge zu ziehen, dass wir die günstige Gelegenheit verpassen. Denn leider erweist sich die Sache mit dem angekündigten Sonnenschein als Flop: Just als wir unsere Zelte abbauen wollen, fängt es an zu regnen. Es hätte so schön sein können, die Zelte trocken einzupacken!

Bevor wir die gastliche Hütte verlassen, müssen wir sie noch wieder so herrichten, wie wir sie vorgefunden haben. Nach unserer Aktion sind die Bänke und Tische darin deutlich sorgfältiger angeordnet als vorher. Wir hoffen, dass man sich daran für die Zukunft ein Beispiel nimmt.

Die Sicht ist etwas diesig, man kann Alsen zwar im Dunst erahnen, unser Ziel Fynhav aber nicht erkennen. Der Kurs für den Herweg betrug etwa 60 Grad. Also müsste er für den Rückweg bei etwa 240 liegen. Da wir ziemlich südliche Winde haben, schlage ich 210 Grad als erste Näherung vor. Damit machen wir uns auf den Weg. Der Wind ist zwar etwas schwächer als er gestern war, aber die Wellen in Strandnähe sind trotzdem genau so groß.

Durch unseren sehr südlichen Kurs haben wir den Wind viel stärker von vorne als auf unserer gestrigen Tour von Avernakö hier herüber. Auch wenn der Wind recht stramm geht, bereitet es uns keine nennenswerten Probleme. Bereits nach einer viertel Stunde lässt er überraschend etwas nach, wodurch sich unsere Geschwindigkeit merklich erhöht,w as sich in der "roteren" Spur auf dem Bild bemerkbar macht. Ziemlich genau in der Mitte des Beltes nehmen Wind und Wellenhöhe aber wieder deutlich zu, so dass wir wieder entsprechend gebremst werden. Mit der variierenden Geschwindigkeit passen wir auch unseren Vorhaltewinkel etwas an. Wir können unser Ziel erst sehr spät verlässlich erkennen aber die geschätzten 210 Grad waren schon ein optimal gewählter Wert.


Das Ansteigen der Wellenhöhe geschieht übrigens ungemein abrupt. Ohne dass wir uns versehen, stecken wir plötzlich mitten zwischen ein bis anderthalb Meter hohen Wasserbergen. Eigentlich tun die Wellen einem nichts, aber man muss sich dessen schon von innen her sicher sein, sonst fühlt man sich hier nicht wohl. Es ist ein gutes Gefühl, mit Partnern unterwegs zu sein, von denen ich weiß, dass sie sich hier auch wohl fühlen - machmal vielleicht sogar etwas zu wohl!

Als wir in den Segelhafen einlaufen, gibt Trenk uns noch eine kleine Kostprobe seiner Kunst: nach einer eleganten Rolle stellt er sich in seinem Cockpit auf, fährt bis zum Slip und steigt elegant aus seinem Boot aus - während ich wie ein nasser Sack am Steg hänge und versuche, mich an Land zu wuchten! Warte nur, ich werde das auch üben - und dann sieht Trenk irgendwann ganz alt aus!

Samstag, 22. November 2014

Wieder nicht nach Helnäs! (2/3)

Die Nacht war vor allem feucht. Es hat zwar nicht geregnet, aber die Luftfeuchtigkeit war nahe am Anschlag, so dass mein Schlafsack außen regelrecht nass war. Zum Glück ist erheblich Wind aufgekommen, der wenigstens einen Teil der Feuchtigkeit aus dem Zelt geweht hat. Da der Himmel heute klarer ist und so gegen acht Uhr auch endlich die Sonne aufgeht, trocknet mein Daunensack aber wieder problemlos an der Luft. Beim Frühstück in der Hütte muss ich feststellen, dass irgendwelches Getier sich durch meinen Brotbeutel genagt und an seinem Inhalt gütlich getan hat. Das war eine ärgerliche Unachtsamkeit von mir.

Schon unsere Tour im vergangenen Jahr hatte nur das eine erklärte Ziel gehabt, die Helnäs-Bucht zu erkunden und den dortigen Übernachtungsplatz zu besichtigen. Schon damals hat uns der Wind durch die Pläne geblasen und uns etwas anderes diktiert. Dieses Jahr wollten wir die Erkundung nachholen - aber die Umstände sind abermals nicht mit uns. Es sollen durchgehend südöstliche Winde im oberen Bereich von fünf Beaufort herrschen. Das würde eine gemütliche Hinfahrt bedeuten - aber die Arme auf der Rücktour lang werden lassen. Ich bin ein großer Fan von Rückenwind auf der Heimtour, und zusammen mit Jörg können wir uns gegen den Rest der Gruppe durchsetzen, dass wir lieber nördlich um Lyö und Avernakö herum fahren und dann auf der Südseite der Inseln zurückrauschen.

Im kleinen Plastikhafen stehen ordentliche Wellen und als ich entgegen meiner Gewohnheit heute rückwärts mit dem Boot in See steche, steht mir am Ende das Wasser in meinem Cockpit bis zu den Hüften. Was für ein Glück, dass ich eine Schenkelpumpe habe, so dass ich nicht wieder an Land muss, sondern die ungeliebte Flüssigkeit en passant an ihren eigentlichen Bestimmungsort befördern kann. Ich bin einigermaßen überrascht über die Höhe der Wellen, denn an diesem Teil des Strandes befinden wir uns eigentlich noch im Windschutz.

Bis zur Nordspitze von Lyö lassen wir uns von Wind und Wellen schieben. Plötzlich meine ich so etwas wie einen Schweinswal in unmittelbarer Strandnähe auftauchen zu sehen. Als ich genauer hinsehe, kann ich an der Stelle nur zwei schwarze ballartige Erscheinungen sehen. Vermutlich war es nur irgendeine Ente, die kopfüber abgetaucht ist und so den Eindruck eines Walrückens hervorgerufen hat. Nach einiger Zeit erkenne ich aber einen Tauchrucksack, der über die Wasseroberfläche wandert und dann schließlich auch die beiden dazu gehörigen Taucher. Was um alles in der Welt veranlasst einen, Ende November bei fiesem Wind in der aufgerührten, kalten Ostsee rumzutauchen? Was gibt es doch für verrückte Menschen auf der Welt!

Die Strecke zwischen dem Ende von Lyö und dem Anfang von Avernakö beträgt etwa sieben Kilometer. Kein wirkliches Problem eigentlich - wenn da nicht der genau gegenan stehende Wind wäre. Es sind die vorhergesagten acht bis zehn Meter pro Sekunde - also fünf bis sechs Beaufort. Die Wellen laufen nicht besonders hoch auf, dazu ist hier das Wasser noch zu flach. Während wir uns verbissen nach Osten kämpfen, begegnet uns erst ein Marineschiff, dann wankt ein Segelschiff vorbei, dessen Besatzung respektvoll grüßt. Schließlich kommt das Marineschiff wieder von hinten auf und nach einiger Zeit nähert sich ein Schnellboot, das offensichtlich dazu gehört. Es kommt so dicht heran, dass es unzweifelhaft ist, dass sie das unsretwegen tun. Vermutlich denken sie, was es doch für verrückte Menschen auf der Welt gibt. Die Mannschaft will mit uns Kontakt aufnehmen - allein bei dem herrschenden Wind können wir nicht einmal feststellen, ob sie dänisch, deutsch oder vielleicht englisch sprechen. Da wir annehmen, dass sie sich lediglich überzeugen wollen, ob wir OK sind, halten wir einfach unsere Daumen nach oben. Man legt den Hebel auf den Tisch und überlässt es uns, wie wir mit der mächtigen Heckwelle zurecht kommen. Ich nutze die Gelegenheit, mal wieder ein Foto zu machen und werde für die kleine Zeit des Nichtpaddelns damit bestraft, dass ich fast auf eine grüne Kardinaltonne getrieben werde und heftig rudern muss, um sie unfallfrei zu passieren.

Unsere Geschwindigkeit ist nicht gerade rekordverdächtig. Auf der Gegenwindstrecke sind wir mit nur knapp über vier Stundenkilometern unterwegs. Das soll nicht heißen, dass wir gemütlich gefahren wären! Jörg gesteht uns nachher, dass er am Ostende von Lyö überlegt hat, ob er uns alleine weiterfahren lassen soll, hat dann aber doch die Zähne zusammen gebissen und selbige dem Wind gezeigt. Auf Avernakö kommen wir rechtschaffen erledigt im Fährhafen an. Dort setzen wir uns in das Wartehäuschen, das tatsächlich sogar ein bisschen geheizt ist und überlegen, wie wir den Tag weiter gestalten. Teile der Gruppe wollen die Umrundung von Averakö zumindest noch ein klein wenig weiter treiben. Jörg und ich tendieren eher dazu, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen und direkt den Rückweg anzutreten. So machen wir es dann auch.

Während Jörg und ich eine beeindruckend gerade Spur mit unserem Rückweg durch das Wasser ziehen, stattet Trenk quasi als Ausgleich für die entgangene Umrundung Avernakös noch einer gelb-schwarzen Kardinaltonne einen Besuch ab. Dadurch ist er erst nur ein paar hundert Meter von uns entfernt, dann fünfhundert, schließlich über tausend. Irgendwann können wir ihn nicht mehr sehen. Wenn jemand hier problemlos alleine paddeln kann, dann ist es Trenk - aber ein beklemmendes Gefühl haben wir schon.

Zurück an der Hütte müssen wir feststellen, dass sie für östliche Winde und Regen, der inzwischen eingesetzt hat, nicht konstruiert ist. Durch die freie Türöffnung dringt der Regen direkt auf unsere Sitzbänke. Da muss Abhilfe her. Zum Glück liegt ja allerhand Kram in der Gegend rum, mit dem sich einiges anstellen lässt. So sind bald eine kräftige Plane und die benötigten Bändsel gefunden, mittels derer wir eine 1a-Abdichtung konstruieren. Auch im Inneren sortieren wir noch einmal etwas um, so dass mehr Gemütlichkeit aufkommen kann. Jörg hat wieder Kakao mit Schnaps dabei. Diesmal statt Kirschwasser Marillenlikör - dafür aber ohne Kakao!

Die Krux bei einer Wintertour ist, dass es um kurz nach vier dunkel wird. Da bleibt noch ziemlich reichlich Zeit zum Vertreiben, bis man sich in den Schlafsack verkriechen kann. Die Option mit dem Spaziergang über die Insel fällt leider aus, da es in Strömen regnet. Also verlegen wir uns auf Kochen, Essen, Schnacken und auf die Uhr gucken. Zwischendurch kommt uns hin und wieder der kleine Mitesser besuchen, der sich gestern an meinem Brot dick und rund gefressen hat.

Freitag, 21. November 2014

Meeresleuchten! (1/3)

"Übrigens: die Wettervorhersage für das kommende Wochenende sieht einigermaßen freudlos aus." Mehr noch als eine Information enthielt der Satz, mit dem Jörg mich nach dem Brandungspaddeln am vergangenen Samstag verabschiedete, eine Botschaft. Die Information war dürftig: eine Wettervorhersage von Samstag für den darauf folgenden Freitag ist inhärent vage. Aber die Botschaft war klar: "Rechnet nicht allzu fest damit, dass ich mit von der Partie sein werde!"

So ist im Vorfeld noch einiges an subtiler Intervention notwendig, um den bekennenden Warmduscher und Winter-Camping-Vermeider Jörg zu überzeugen, dass er mit uns auf Kaperfahrt fahren will. Aber nachdem die Wettervorhersage der folgenden Tage keine unheilbaren Mängel mehr erkennen lässt und auch der Versuch, sieben Meter pro Sekunde als sieben Beaufort auszugeben, reumütig zurückgezogen wird, erkenne ich in seiner Stimme wieder die unverkennbare Vorfreude, dem Alltag ein kleines Abenteuer am wenn auch nasskalten so doch lieblichen Busen der Natur abzugewinnen.

Geradezu lieblich ist auch das für Freitag angekündigte Wetter. In Kiel trifft das auch noch uneingeschränkt zu, aber als wir uns Rendsburg nähern, müssen wir merklich die Geschwindigkeit reduzieren, weil die Welt sich dort in dichten Nebel gehüllt hat. Im letzten Jahr hatte ich überlegt, ob dichter Nebel eine Nachtfahrt eigentlich schwieriger macht. Man sieht ja eh nicht wirklich etwas. Aber zum Glück handelt es sich bei der Eintrübung nur um eine lokale Erscheinung. Schon südlich von Schleswig herrscht wieder klare Sicht bei wunderschöner Herbstsonne.

Wir sind bereits um halb fünf im Hafen von Fynshov - etwa genau so spät wie bei der Tour im vergangenen Jahr. Aber es ist zwei Wochen tiefer im Winter - und damit bereits jetzt viel dunkler als damals. Dafür ist es die erste Begebenheit, bei der wir tatsächlich früher als Trenk am verabredeten Treffpunkt sind! Die Boote werden mit Knicklichtern geschmückt in der Hoffnung, dass wir uns selbst etwas besser und die Kompasse wenigstens halbwegs sehen können. Das hat auch schon beim letzten Mal nur eingeschränkt funktioniert.

Es herrscht absolute Flaute - dafür ist es nicht unbedingt lau. Aber immerhin ist die Wassertemperatur noch zweistellig - ein unglaublicher Zustand für Ende November! Noch im Hafen sehen wir, dass das Wasser anfängt zu leuchten, wenn man es mit dem Paddel umrührt. Dieser Effekt wird auf dem freien und vollkommen ungestört daliegendem Wasser noch stärker. Ich bin sofort absolut fasziniert und möchte das Phänomen gerne fotografieren - aber meine Versuche scheitern kläglich. Am schönsten sieht es dort aus, wo der Bug sich durch das glatte Wasser schneidet und dabei zwei leuchtende Fahnen glitzernder Perlen absondert. Es erinnert an den Funkenflug bei einer Flex, die sich durch ein Stahlblech fräst. Nur weiß statt rot - und geräuschlos statt ohrenbetäubend (damit man überhaupt einen kleinen Eindruck bekommt, habe ich mal bei YouTube nach Meeresleuchten gesucht). Das Leuchten wird mal stärker und mal schwächer. Als etwas Wind aufkommt, ist es fast vollkommen verschwunden. Erst ganz dicht vor Lyo soll  es wieder in voller Pracht hervortreten. Auch wenn die folgenden Tage absolut unerquicklich würden, allein um dies hier zu erleben, hat sich die Fahrt schon gelohnt.

Die Navigation ist wieder nicht ganz trivial, denn die Gegend ist knapp mit Seezeichen. Allein der Leuchtturm von Skjoldnäs ist immer und verlässlich zu erkennen. Anfangs haben wir einen phantastischen Sternenhimmel, der sich aber später hinter eine Wolkendecke zurückzieht. Es leuchtet allerhand Kleinkram in der Gegend rum, aber außer zu raten, was die Erscheinungen im Einzelnen darstellen könnten, haben wir kaum eine Strategie. Wir haben exakt Neumond und auch wenn ich keine rechte Erklärung dafür habe, sehen wir anders als beim letzten Mal die Insel, die wir erreichen wollen, diesmal von Anfang an als tiefschwarze Struktur vor uns. Außerdem ist mein Kompass heuer doch besser abzulesen, denn er ist deutlich weniger beschlagen. So kann also nicht wirklich etwas schief gehen.

Wir paddeln in einer zauberhaften, ruhigen Stimmung über den Kleinen Belt - immer etwa in Richtung 60 Grad. Als unser Ziel schon zum Greifen nahe aussieht, lege ich eine Pause ein - damit ich genußvoll meine geschmierte Stulle verdrücken kann. Was für ein Luxus: unter sternenklarem Himmel in absoluter Windstille irgendwo auf dem tiefdunklen Meer ein Leberwurstbrot mümmeln zu dürfen! Ein paar hundert Meter bevor wir auf den Strand laufen, überprüft Trenk unsere Position mit seinem GPS: wir sind einen knappen Kilometer zu weit nördlich angelangt und müssen die Strecke zurückfahren. Den Getränkekisten-Hafen treffen wir mit absoluter Exaktheit, trotzdem er wieder zum größten Teil unter Wasser liegt - so ein GPS-Gerät ist schon ein großer Segen!

Bevor wir unsere Zelte aufbauen, müssen wir in der Holzhütte, die uns letztes Jahr schon so gute Dienste geleistet hat, Ordung schaffen. Die Bänke darin sind diesmal deutlich liebloser verstaut worden, und außerdem liegt ein Unmenge dicker Stahlrohre direkt im Eingang, die wir wegräumen müssen. Aber schließlich haben wir uns ein akzeptables Etablisment geschaffen, in dem wir gemütlich den Abend verbringen.

Samstag, 15. November 2014

"Ostwind!"

Einige Tage lang geistert ein Mail-Thread mit dem Titel "Ostwind" durch die Mailingliste des Vereins. Es besteht Hoffnung auf Brandung und auf eine solche warten wir doch alle! Es melden sich einige Interessierte und auch die Frage der notwendigen Transportmittel kann geklärt werden. So finden sich am Ende fünf leuchtende Augenpaare vor der Bootshalle ein - zwei mit genau gar keiner und eines mit immerhin geringfügiger Brandungserfahrung.

Jörg und ich hatten uns vorher auf Brasilien als Austragungsort geeinigt, auch wenn die Windrichtung dafür nicht optimal ist. Aber wir müssen erst einmal einige Überzeugungsarbeit leisten, dass das einzige, was für Bülk bzw. Strande spricht, die relative Geschütztheit beim Einsetzen im dortigen Segelhafen wäre. Wenn man diesen dann aber verließe, wäre man mittendrin im Chaos und es gäbe keine einfache Rückzugsmöglichkeit bei eventuellen Schwimmeinlagen. Wir beharren mit Nachdruck auf unserer Wahl uns werden im Nachhinein froh darüber sein.

Am Mittelstrand sind alle Kite-Surfer dieser Welt versammelt. Offensichtlich funktioniert deren Wetter-Sensorik noch besser als unsere. Die Ostsee ist groß und da sie in aller Regel weiter draußen fahren als wir, werden wir uns schon nicht ins Gehege kommen. Johanna ist heute mit dabei und will ihre ersten Brandungserlebnisse sammeln. Bevor sie - am Brandungsgürtel im Boot sitzend - sich auf ins Abenteuer wagen kann, wird sie ausführlich von Peter instruiert. Ich bekomme den Text nicht vollständig mit, denn der Wind verweht das meiste, bevor es an meine Ohren dringt. Entweder hat der Wind ihn auch von Johannas Ohren verweht, oder Peter hat den Teil ausgelassen, der davon handelt, dass sie erst einmal in unmittelbarer Ufernähe bleiben soll. So sehen wir also unsere wackere Novizin tapfer eine Welle nach der anderen abreiten und sich immer weiter nach Dänemark vorzuarbeiten. Als sie sich daran macht, den Molenkopf zu passieren und immer noch keine Anzeichen eines Umdrehens zu erkennen sind, bitte ich Peter, sie zurückzuholen. Kaum ist er losgefahren, dreht sie zum Glück um und paddeln wieder auf den Strand zu. Es dauert etwa zweieinhalb Wellen, dann schwimmt sie zwischen den brechenden Kämmen. Nur wenig später bildet auch Peter keine Einheit mehr mit seinem Kajak sondern übt sich in der ersten Disziplin des Triathlons. Was für ein Segen, dass sich diese Szene nicht hundert Meter vor dem Hafen von Strande abspielt!

Die Wellen sind nicht sehr groß, bei weitem nicht so groß, wie bei dem Versuch, bei dem Jörg eine Welle rückwärts runter gerutscht ist, weil sie zu hoch und zu steil war. Und sie sind recht chaotisch, aber sie sind vollkommen hinreichend und gut geeignet, den Umgang mit schäumendem Wasser zu lernen und zu üben. Unsere drei Neulinge nehmen diese Gelegenheit auch mit großer Unerschrockenheit wahr und man kann bei allen Dreien zusehen, wie sie immer mehr Sicherheit erlangen. Allerdings kann man alle drei auch immer wieder schwimmen sehen. Auch wenn sie die Rolle "im Prinzip" (aka "im Hallenbad") können, klappt sie hier - verständlicher Weise - nicht.

Jörg führt heute seinen neuen Trockenanzug das erste Mal aus. Ich muss mich erst noch an die neue Farbe gewöhnen - sonst suche ich immer ein orangenes Männchen im Schaum - nun muss ich mich auf Gelb umstellen! Auch wenn die Bedingungen für uns heute recht gut zu handhaben sind, ist es eine gute Gelegenheit, sich ihnen mal wieder zu stellen. Der Wind weht fast genau parallel zum Strand, das Fahren nach Lee ist ein genussvolles aber leider kurzes Vergnügen. Sich wieder zum Ausgangspunkt zurückzuarbeiten ist mörderanstrengend.

Beim Spielen in den Wellen reißt es mich zweimal so weit aus der Senkrechten, dass ich mit dem Kopf unter die Wasseroberfläche muss. Aber beide Male behalte ich den Überblick und setze ganz bewusst und entspannt eine Rolle an. Das Training der vergangenen Jahre und bestimmt auch die Praxis im Wildwasser im Sommer
zeigen ihre Früchte. Wie schloss der Bericht über das damalige Brandungspaddeln so schön: "Üben übt!"