In der Nacht hat es tatsächlich "aufgefrischt". Mein Zelt rüttelt sich und schüttelt sich. Es wirft zwar kein Säckchen hinter sich, aber seine Stoffwände schlagen mir immer wieder ins Gesicht. Es tanzen acht Bi-Ba-Beaufort um mein Zelt herum. Irgendwann wird sogar mein Kocher umgeweht - und den hatte ich unter der Apsis deponiert. Na - mal sehen, wie sich das morgen früh darstellt.
Mein erster Blick am Morgen gilt dem Flaggenmast. Gut - es weht - aber nicht mehr heftig. Eher lieblich. Eigentlich viel zu lieblich. Dabei sollte der Wind am Vormittag erst allmählich zurückgehen. Und vor allem sollte der Wind genau aus Norden kommen - das hier ist Westen! Das war so nicht geplant! Segler nennen so eine Windrichtung "halber Wind" - ich nenne das "halber Spaß". Und wenn das Nachlassen im selben Tempo weitergeht, habe ich in zwei Stunden Flaute - und danach vermutlich sogar Gegenwind. Ich werde mich bemühen, so schnell wie möglich aufs Wasser zu kommen, um noch möglichst viel vom Wind mitzunehmen.
Mein Segel hatte ich schon am Abend vorher sorgfältig aufgeriggt. Wenn man alleine unterwegs ist, gibt es schließlich keine Chance, hinterher etwas zu richten, wenn es nicht optimal verzurrt ist. Ich stelle zwar keinen neuen Rekord auf, aber um 9:10 Uhr aktiviere ich meinen GPS-Tracker, lasse mich in mein Boot gleiten und selbiges ins Wasser. Man braucht eben immer grob zwei Stunden vom ersten Öffnen der Augen, bis man auf dem unseren Sport tragenden Medium schwimmt. Wenn man hektisch ist und schnell macht, schafft man es auch in anderthalb Stunden. Aber drunter ist nicht und ich will einfach nicht hetzen.
Direkt nach Verlassen der Schlei setze ich mein Segel. "Fock!" macht es - und die Sache steht! Ich merke gleich, dass es eine spürbare Unterstützung produziert. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass ich mein Segel benutze und ich bin eigentlich ganz froh, dass es nicht ganz so unwirtlich windet. So kann ich mich erst wieder an das Gefühl gewöhnen und alle Handgriffe in Ruhe durchgehen.
Meinen Kurs lege ich so, dass ich die südwestliche Sperrgebietstonne des Schießgebietes vor Schwansen ansteuere. Danach werde ich direkt Bülk aufs Korn nehmen. Täte ich das von Anfang an, müsste ich ein kleines bisschen durch das Schießgebiet fahren. Das will ich nicht. Als ich an Olpenitz vorbeiblickend eine ferne Küstenlinie erkenne, halte ich sie zuerst für die östliche Begrenzung von Schwansen. Viel Kummer gewohnt von der extrem schlechten Sicht gestern bin ich bass erstaunt, als ich erkennen muss, dass es sich bereits um Steilküste des Dänischen Wohlds handelt. Da kann ja navigatorisch nicht mehr viel schiefgehen!
Je weiter ich mich von der Küste entferne, desto größer werden die aus nördlicher Richtung heranrollenden Wellen. Es sind noch Nachwehen des großen Wehens von heute Nacht. Es macht richtig Spaß, mit meinem Segel durch sie hindurch zu pflügen und sie abzureiten. Immer wieder bekomme ich das vollbeladene Boot ins Surfen. Das Zusammenspiel von Wellen, Windstärke und -richtung ist wunderbar passend für meinen Kurs und meine eingerostete Praxis im Einsatz der Besegelung. Ich werde zunehmend kecker und verliere alle Bedenken, dass ich besonders vorsichtig sein muss. Ich fange an, dies als Testfahrt für eine Solo-Überfahrt von Bülk nach Ärö zu sehen.
Anfangs liefere ich mir lange ein totes Rennen mit einem Segler. Der hat allerdings nur sein Großsegel gesetzt und hühnert länglich an seiner Fock herum. Als er die endlich fertig gesetzt hat, ist er bereits leicht schneller als ich. Als dann der Wind noch etwas zunimmt, habe ich keine Chance mehr gegen ihn.
Die Windvorhersage war tatsächlich nur in Teilen richtig. Die Windspitze in der Nacht war korrekt vorhergesagt. Danach sollte der Wind stetig nachlassen und aus Nord bzw. sogar Nord-Nord-Ost wehen. Die Richtung ist aber eher Nord-Nord-West, und das Nachlassen hat irgendwann nachgelassen. Er ist wieder deutlich frischer geworden und weht mit kleinen sechs Beaufort. Mittlerweile sind um mich herum wieder überall weiße Bäckermützen zu sehen - aber ich fühle mich immer noch bombensicher! Eher mache ich mir Sorgen, dass ein hin und wieder langsam an mir vorüber ziehender Segler sich Sorgen um mich macht. Aber keiner fährt so dicht an mich heran, dass er meinen Gesichtsausdruck erkennen könnte. Könnte einer ihn sehen, würde er erkennen, dass Paddeln für mich durchaus nicht nur Mittel ist, um Ziele zu erreichen, die meiner Seele schmeicheln. Es ist mindestens ebenso sehr Selbstzweck, der auch meiner Seele ein Lächeln ins Gesicht malt.
Nach drei und einer Viertelstunde erreiche ich den Strand am Bülker Leuchtturm. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 8,5 km/h. Ganz ordentlich für ein voll beladenes Boot! Ohne Segelunterstützung ist das schwerlich zu schaffen. Sagte ich schon, dass den ganzen Tag über die Sonne geschienen hat?
Sonntag, 7. Oktober 2018
Samstag, 6. Oktober 2018
Langes Wochenende zur Einheit (2/3)
Die Nacht war unglaublich warm. Trotzdem ist heute Morgen alles in dichten Nebel gehüllt. Das kommt mir nicht ungewöhnlich vor, denn zu dieser Jahreszeit herrscht morgens gerne mal dicke Suppe, bevor sich der Tag später dann in strahlendem Blau präsentiert. Ich will direkt zum Leuchtturm Kalkgrund und dann um das Schutzgebiet vor der Geltinger Birk herum erst nach Falshöft und dann nach Schleimünde fahren. Der Wind soll heute insgesamt schwach bleiben, aber später aus südlicher Richtung wehen. Da ist es gut, wenn ich nicht so viel Zeit verliere, indem ich irgendwelche Kurven fahre.
Die Entfernung bis Kalkgrund sind knappe neun Kilometer - die Sicht beträgt anfangs etwa neun Dekameter, da sollte man den Kurs kennen. Zum Glück befinde ich mich ja hier in Dänemark - und nach dem Grenzübertritt immer noch in der Flensburger Förde - da gilt die Seeschifffahrtsstraßenordnung nicht, sondern die Kollisionsverhütungsregeln, nach denen ich durchaus auch bei diesen Sichtverhältnissen mit meinem Boot auf dem Wasser sein darf. Wenn ich dann in "richtig" deutsche Gewässer komme, wird die Sache mit dem blauen Himmel schon greifen. Gewissenhaft wie ich bin, stecke ich mir mein Rundumlicht griffbereit in die Tasche meiner Schwimmweste - nur für den Fall!
Der Kurs zum Leuchtturm beträgt 105 Grad. In Kajak-gemäßer Formulierung heißt das: etwa mittig zwischen 90 und 120 Grad. Natürlich habe ich mein GPS-Gerät dabei und mein Zwischenziel einprogrammiert. Aber wozu habe ich einen Kompass? Und Versatz durch Strömung oder Wind ist hier nicht in nennenswertem Maß zu erwarten. Also los ins Unsichtige.
Nach etwa einem Kilometer halte ich inne, weil ich ein Motorengeräusch höre. Ziemlich leise aber auch ziemlich deutlich. Sehen kann ich erst nix, und dann - ganz kurz und an der Grenze der Sichtbarkeit schneckt sich ein Motorboot vorbei. Vermutlich hat es auch etwas gesehen oder zumindest geahnt, denn es sondert sicherheitshalber ein von der langen Nichtbenutzung heiser gewordenes Schallsignal ab. Dann höre ich wieder nur das Morsezeichen des Leuchtturms: kurz-kurz-lang-kurz, kurz-kurz-kurz. Das sind die Buchstaben F und S und die kommen tatsächlich von Kalkgrund. Wenn ich das schon aus neun Kilometern so deutlich höre, graut mir etwas davor, später direkt unter diesem dröhnenden Tongeber durchzufahren.
Nebel from Mathias Weber on Vimeo.
Schiffsverkehr findet nicht statt - zumindest ist keiner wahrzunehmen. Möglicherweise gibt auch einfach niemand die vorgeschriebenen Schallsignale, weil jeder glaubt, er sei hier eh alleine unterwegs, während eigentlich das Wasser voller Schiffe ist. Es gibt aber keinen Grund für diese Annahme, denn der Wind ist mittlerweile so schwach, dass man jede Bugwelle sehen und jedes Motorgeräusch hören müsste. Das einzige, wovon es wimmelt, sind Insekten. Die fliegen überall herum und sitzen auf der Wasseroberfläche. Ich frage mich,was die hier wollen, nehme sie aber als willkommene Peilmarken, um nicht ständig den Kompass fixieren zu müssen, sondern den Blick mal etwas weiter schweifen lassen zu können, auf eine ferne Fliege, die auf dem Wasser sitzt. Ärgerlich nur, wenn so ein Insekt auffliegt, bevor ich es erreicht habe! Irgendwann verstummt das "FS" ohne für mich ersichtlichen Grund.
| Der Leuchtturm ist zu sehen! |
Wenn man sich meine GPS-Spur im Nachhinein ansieht, habe ich einen durchschnittlichen Kurs von etwa 110 Grad gehalten. Das ist nicht schlecht für eine Sollkurs von 105 Grad. Den Leuchtturm erkannt habe ich aus einer Entfernung von ca 1.800 Metern. Wenn ich in meiner Kompass-Richtung weiter gefahren wäre, hätte ich mein Ziel um ca. 900 Metern verfehlt - das ist akzeptabel für eine Entfernung von neun Kilometern, wobei ich mir nicht einmal Mühe gegeben habe! Dass die Sicht jetzt übrigens knappe zwei Kilometer beträgt, könnte tatsächlich der Grund dafür sein, dass der Leuchtturm sein Tröten eingestellt hat - schließlich beginnt Nebel erst bei einer Sichtweite von unter tausend Metern!| Alles Männchen! |
| Das Pappelwäldchen von Schleimünde |
Als ich mich meinem Etappenziel nähere, lässt die Sicht schon wieder deutlich nach. Die Sache mit dem blauen Himmel hat nicht stattgefunden. Wenn das morgen auch nur annähernd ähnlich aussieht, kann ich mich nicht mehr mit dänischen Gewässern und Sonderregelung für die Flensburger Förde rausreden - dann muss ich mir etwas überlegen.
Zwischen den Molen, die die Einfahrt in die Schlei flankieren, drängelt sich das Wasser hektisch in den engen Ostseefjord. Hier schnellt meine Geschwindigkeit kurzzeitig bis auf fast zehn Stundenkilometer hoch! Wie nicht anders erwartet, bin ich der einzige Kajaker, der heute hier vor Anker geht. Aber was an Segelschiffen im Hafen liegt, ist mehr als überraschend - und es kommen ständig mehr Boote herein. Ich hätte gedacht, dass für die meisten Segler die Saison so gut wie beendet ist.
Im Moment herrscht fast Flaute, die Wettervorhersage sieht für heute Nacht stürmischen Wind vor, der aber morgen früh schon wieder stark abflauen soll. Er soll aus stramm nördlicher Richtung kommen, und so nehme ich mir vor, möglichst früh aufzustehen, um ihn optimal ausnutzen zu können. Damit das klappt, gehe ich früh ins Bett - die Lotseninsel habe ich eh schon zig-mal abgeschritten!
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Freitag, 5. Oktober 2018
Langes Wochenende zur Einheit (1/3)
Lange schon habe ich mir den Donnerstag nach dem Mittwoch der Einheit freigenommen. Da ich freitags nun immer Frei-Tag habe, würde da eine super-lange Reihe von freien Tage zusammenkommen, die paddeltechnisch genutzt werden will. Eine Kreuzfahrt durch die Dänische Südsee unter herbstlich milder Sonne habe ich mir vorgestellt, mit irgendwie kooperativen Winden oder zumindest ohne widrige.
Schlimmer hätte die Aussicht dann gar nicht sein können, als der Termin in den Vorhersagebereich rückte: durchgängig Winde jenseits von sechs, teilweise bis acht Beaufort aus West. Für den gesamten Zeitraum! Als Zugabe viel Regen und wenig Temperaturen. So sehr ich auch überlegte und Alternativen erwog - ich sah mich schon zu Hause sitzen und weiter dem niesligen November beim Einzug in mein Gemüt zuzusehen.
Erst am Dienstag war klar, dass der gesamte Wind sich auf den Mittwoch und der Regen auf den Donnerstag konzentrieren würden. Freitag wenig Wind, Samstag so gut wie gar keiner - und vor allem am Sonntag kräftiger Nordwind! Gerettet!
Marie-Theres fährt mich am Nachmittag nach Habernis am Westende der Geltinger Bucht. Das Boot ist schnell gepackt - ich habe allerhand Überflüssiges zu Hause gelassen, was ich sonst nur mitnehme, wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin. Entsprechend viel Platz ist in meinem Boot noch. Trotzdem ächzt Marie-Theres, als sie es das kleine Stück bis zum Wasser tragen muss.
Ich will den Shelter, von dem Trenk mir erzählt hat, ausprobieren und halte daher einen deutlich westlicheren Kurs als sonst. Es soll eine Metalltreppe vom Strand zu ihm hinauf führen, das ist mein Anhaltspunkt. Es scheint die erhoffte milde Herbstsonne und die Temperaturen liegen bei unglaublichen 19 Grad!
Der Shelterplatz ist schnell gefunden, aber er ist längst nicht so entlegen wie der Übernachtungsplatz ein Stück weiter im Wald. Als ich die Holzhütte in näheren Augenschein nehme, beschließe ich aber doch hierzubleiben und sie zu nutzen. Die Hütte hat keinen Blick aufs Wasser, dafür wird sie aber bis zum letzten Moment von der Abendsonne beschienen. Fürs Abendessen wähle ich den Holztisch direkt am Wasser, das ist romantischer. Die Nudeln zu kochen, ist keine große Tat - allerdings kippt mir die Tüte mit der Tomatensauce so unglücklich um, dass etliches davon unter dem Tisch landet. Dass ich große Teile davon auch auf meiner Hose verteilt habe, merke ich leider nicht gleich, so dass der Brei schön einmassiert wird und ich aussehe wie ein inkontinenter Penner.
Ich bin nur knapp sechs Kilometer gepaddelt - und doch Lichtjahre entflohen - und vor allem und ganz unzweifelhaft: angekommen! Die Luft ist unglaublich lau, am Horizont sendet der Leuchtturm von Kalkgrund stolz und stoisch sein Licht in die Runde. Das seines Kollegen von Kegnes sieht dagegen fast etwas eingeschüchtert aus. Im dunkler werdenden Rund blinkt noch dies und das und alles in beruhigender Langsamkeit. Nur ein Seezeichen in der Nähe meines Startortes blinkt ganz hektisch. Es hat eine Frequenz von etwa zwei Hertz, was im Spektrum der Nautik etwa dem entspricht, was in der Optik unter extrem harter Röntgenstrahlung geführt wird. Die Lichter des Campingplatzes bei Habernis liegen so dicht über dem Horizont, dass sie flimmern wie eine animierte Weihnachtsbeleuchtung. Insgesamt ist die Szenerie aber sehr sparsam illuminiert. Und alles fein ordentlich sortiert: was ortsfest ist, hat blinkende Lichter, was sich bewegt, führt feste Lichter. Nur ein ortsfestes, konstant grünes Licht, etwa auf halber Strecke zwischen Kalkgrund und dem Mars, bringt Unordnung in diese Harmonie. Erst, als nach einiger Zeit glucksende Geräusche aus weiter Ferne herangetragen werden, die man als bemühte Startversuche eines Dieselmotors interpretieren könnte und sich wenig später der Campingplatz auf das ortsfeste grüne Licht zubewegt, ist die Ordnung wieder hergestellt.
Still ruht die See - es sind kaum Geräusche zu hören. Das Rauschen der Restwellchen ist fast das einzige, was die Ohren davor bewahrt, ihr eigenes Rauschen wahrzunehmen. Hin und wieder fliegt ein Schwarm Gänse über mich hinweg. Wie zum Teufel landen die jemals wieder? Die können doch nicht bis zur Morgendämmerung in der Luft bleiben! Und wenn sie jetzt zur Landung ansetzen, würden sie doch mit jeder Kuh kollidieren, die im Wege steht. Oder wie sehen die nachts? Ich jedenfalls würde nicht mal mehr zum Shelter zurückfinden ohne meine Stirnlampe.
Es treten immer mehr Sterne hervor, sogar die Milchstraße zeigt sich zögerlich. Dieses neblige Band, das ich als Kind immer so bewundert habe, ohne zu wissen, dass jeder Nebeltropfen in ihr eine Sonne darstellt, dieses Band traut sich in Kiel nicht mehr aus der Deckung. Schon für diesen Anblick hat sich die Aktion gelohnt.
Bei all dem Frieden, den ich so genieße und der mir so gut tut, überlege ich, ob mir das Paddeln vielleicht nur Mittel ist, um dieses Ziel zu erreichen, oder ob es auch Selbstzweck ist. Im Moment kann ich es nicht entscheiden und genieße nur, dass mir dieses Mittel solche Ziele ermöglicht.
Schlimmer hätte die Aussicht dann gar nicht sein können, als der Termin in den Vorhersagebereich rückte: durchgängig Winde jenseits von sechs, teilweise bis acht Beaufort aus West. Für den gesamten Zeitraum! Als Zugabe viel Regen und wenig Temperaturen. So sehr ich auch überlegte und Alternativen erwog - ich sah mich schon zu Hause sitzen und weiter dem niesligen November beim Einzug in mein Gemüt zuzusehen.
Erst am Dienstag war klar, dass der gesamte Wind sich auf den Mittwoch und der Regen auf den Donnerstag konzentrieren würden. Freitag wenig Wind, Samstag so gut wie gar keiner - und vor allem am Sonntag kräftiger Nordwind! Gerettet!
Marie-Theres fährt mich am Nachmittag nach Habernis am Westende der Geltinger Bucht. Das Boot ist schnell gepackt - ich habe allerhand Überflüssiges zu Hause gelassen, was ich sonst nur mitnehme, wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin. Entsprechend viel Platz ist in meinem Boot noch. Trotzdem ächzt Marie-Theres, als sie es das kleine Stück bis zum Wasser tragen muss.
Ich will den Shelter, von dem Trenk mir erzählt hat, ausprobieren und halte daher einen deutlich westlicheren Kurs als sonst. Es soll eine Metalltreppe vom Strand zu ihm hinauf führen, das ist mein Anhaltspunkt. Es scheint die erhoffte milde Herbstsonne und die Temperaturen liegen bei unglaublichen 19 Grad!
Der Shelterplatz ist schnell gefunden, aber er ist längst nicht so entlegen wie der Übernachtungsplatz ein Stück weiter im Wald. Als ich die Holzhütte in näheren Augenschein nehme, beschließe ich aber doch hierzubleiben und sie zu nutzen. Die Hütte hat keinen Blick aufs Wasser, dafür wird sie aber bis zum letzten Moment von der Abendsonne beschienen. Fürs Abendessen wähle ich den Holztisch direkt am Wasser, das ist romantischer. Die Nudeln zu kochen, ist keine große Tat - allerdings kippt mir die Tüte mit der Tomatensauce so unglücklich um, dass etliches davon unter dem Tisch landet. Dass ich große Teile davon auch auf meiner Hose verteilt habe, merke ich leider nicht gleich, so dass der Brei schön einmassiert wird und ich aussehe wie ein inkontinenter Penner.
Ich bin nur knapp sechs Kilometer gepaddelt - und doch Lichtjahre entflohen - und vor allem und ganz unzweifelhaft: angekommen! Die Luft ist unglaublich lau, am Horizont sendet der Leuchtturm von Kalkgrund stolz und stoisch sein Licht in die Runde. Das seines Kollegen von Kegnes sieht dagegen fast etwas eingeschüchtert aus. Im dunkler werdenden Rund blinkt noch dies und das und alles in beruhigender Langsamkeit. Nur ein Seezeichen in der Nähe meines Startortes blinkt ganz hektisch. Es hat eine Frequenz von etwa zwei Hertz, was im Spektrum der Nautik etwa dem entspricht, was in der Optik unter extrem harter Röntgenstrahlung geführt wird. Die Lichter des Campingplatzes bei Habernis liegen so dicht über dem Horizont, dass sie flimmern wie eine animierte Weihnachtsbeleuchtung. Insgesamt ist die Szenerie aber sehr sparsam illuminiert. Und alles fein ordentlich sortiert: was ortsfest ist, hat blinkende Lichter, was sich bewegt, führt feste Lichter. Nur ein ortsfestes, konstant grünes Licht, etwa auf halber Strecke zwischen Kalkgrund und dem Mars, bringt Unordnung in diese Harmonie. Erst, als nach einiger Zeit glucksende Geräusche aus weiter Ferne herangetragen werden, die man als bemühte Startversuche eines Dieselmotors interpretieren könnte und sich wenig später der Campingplatz auf das ortsfeste grüne Licht zubewegt, ist die Ordnung wieder hergestellt.
Still ruht die See - es sind kaum Geräusche zu hören. Das Rauschen der Restwellchen ist fast das einzige, was die Ohren davor bewahrt, ihr eigenes Rauschen wahrzunehmen. Hin und wieder fliegt ein Schwarm Gänse über mich hinweg. Wie zum Teufel landen die jemals wieder? Die können doch nicht bis zur Morgendämmerung in der Luft bleiben! Und wenn sie jetzt zur Landung ansetzen, würden sie doch mit jeder Kuh kollidieren, die im Wege steht. Oder wie sehen die nachts? Ich jedenfalls würde nicht mal mehr zum Shelter zurückfinden ohne meine Stirnlampe.
Es treten immer mehr Sterne hervor, sogar die Milchstraße zeigt sich zögerlich. Dieses neblige Band, das ich als Kind immer so bewundert habe, ohne zu wissen, dass jeder Nebeltropfen in ihr eine Sonne darstellt, dieses Band traut sich in Kiel nicht mehr aus der Deckung. Schon für diesen Anblick hat sich die Aktion gelohnt.
Bei all dem Frieden, den ich so genieße und der mir so gut tut, überlege ich, ob mir das Paddeln vielleicht nur Mittel ist, um dieses Ziel zu erreichen, oder ob es auch Selbstzweck ist. Im Moment kann ich es nicht entscheiden und genieße nur, dass mir dieses Mittel solche Ziele ermöglicht.
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Samstag, 25. August 2018
Kurzes Wochenende auf Hooge
Eine so große Lücke in meinem Paddeltagebuch hat es noch nie gegeben: der letzte Eintrag stammt von Anfang Februar! Aber nicht nur meine paddlerischen Aktivitäten auch die Planung der Touren und anderweitigen Unternehmungen im Verein habe ich dieses Jahr verpasst - sie ging in den Wirren meines verkorksten Frühjahres verschütt. Um nicht ganz nackt und ohne Hoffnung dazustehen, habe ich dann irgendwann beschlossen, im Stillen und abseits der offiziellen Gleise eine Nordseetour zu planen. Mitpaddler würde ich schon finden. Unseren eigenen Wanderwart zum Beispiel und den des Nachbarvereines, weil beide noch keine Nordseeerfahrung haben und Förderung unbedingt verdienen. Später fragte Peter noch nach, ob ich dieses Jahr etwas in westlicher Richtung unternehmen würde - er würde gerne mal seine Tochter im Zweier mit auf die Nordsee nehmen. Schließlich hat Ulrich sich derart beflissen fortentwickelt und Symptome nachhaltiger Infektion mit dem Seekajak-Virus gezeigt, dass ich auch ihm die Chance anbieten wollte, einmal unser Tidengewässer kennen zu lernen. Recht spät hat Sven das betreffende Wochenende noch frei von der Familie bekommen, und ich habe ihm gerne zugesagt. So war ein gutes Trüppchen beisammen, und ich hatte lange Monate Zeit, mich während eines nicht enden wollenden Jahrhundertsommers auf eine Flucht aus dem Alltag und einen Ausflug in die Natur zu freuen.
Erste Risse bekam die Vorfreude durch die Absage der beiden Wanderwarte. Der eine musste auf eine Tour zu einem befreundeten Kanu-Verein in Bremen, der andere hatte die Unnachgiebigkeit der Tide noch nicht vollständig erfasst und konnte seinen Terminkalender damit nicht in Einklang bringen. Fünf Teilnehmer sind immer noch genug - eigentlich sogar viel intimer und intensiver.
Die Wettervorhersage sieht eine Woche vor dem Termin eher wie ein Software-Fehler aus: während die Jacken an der Garderobe seit Monaten Spinnweben ansetzen, man es schon als ungewöhnlich empfindet, wenn das Thermometer einen Tag mal nicht die 25 Grad überschreitet, man das Gefühl von Regen auf der Haut nachhaltig vergessen hat und man "braun" antwortet, wenn man nach der Farbe von Gras gefragt wird, sollte es an diesem Wochenende ergiebig regnen, heftig wehen und die Quecksilbersäule die 15 Grad Marke nicht erreichen. Zur Sicherheit waren noch Gewitter angekündigt - besonders an der Nordsee!
Die Verantwortlichen werden den Softwarefehler bestimmt in den nächsten Tage fixen, war meine feste Überzeugung. Also ließ ich die Planung unbeirrt weiterlaufen. Am Mittwoch sah es immer noch nicht überzeugend besser aus, so dass wir vereinbarten, den Wetterbericht am Freitag selbst abzuwarten, um dann mit genauerem Blick auf die Lage zu entscheiden.

Donnerstag Abend meldete sich noch die Gruppe mit Nina, Olav und Johanna, dass sie sich wegen der unsicheren Lage gerne uns anschließen wollten und nicht auf eigene Faust von "Schlüttmoorsiel" ("Johannisch" für Holmersiel!) aus losfahren. Das war mir sehr recht, denn damit hatte ich ein besseres Gefühl.
Die Lage am Freitag war dann aber bescheiden! So leid es mir tat, ich sagte den Start für Freitag ab und verschob ihn auf Samstag um dieselbe Zeit. Peter zog es vor, mit seiner Tochter per Fähre nachzukommen und dann nur die Rückfahrt am Sonntag auf eigenem Kiel zu machen. So ist unsere Gruppe auf übersichtliche drei Nasen zusammengeschrumpft, denn die "Schlüttmoorsieler" haben eh nur Freitag/Samstag Zeit, aufs Wasser zu gehen.
Weil die Tide ja samstags eine Stunde später läuft als freitags, sind wir mit unserer Abfahrtszeit deutlich im entspannten Bereich. Bis Bredsted geht auch alles gut, bis auf die üblichen Zweifel an den bekannten neuralgischen Punkten, wo ich mir immer mit dem Abbiegen nicht sicher bin. Aber ein, zwei Ehrenrunden in den Kreiseln richten das Ganze unauffällig. Allerdings ist die Straße am Deich entlang, die uns nach Schlüttsiel bringen soll, voll gesperrt und eine Umleitung über Niebüll ausgeschildert. Davon hat uns Google-Maps kein Sterbenswörtchen gesagt! So schmilzt ein großer Teil unseres Vorsprungs durch unnötiges Gegurke durch die nordfriesische Landschaft wieder dahin.
Trotzdem erreichen wir den Hafen noch so rechtzeitig, dass ein Einsetzen an der Rampe gut möglich scheint. Zügiges Packen und Umsetzen des Autos bescheren uns gerade noch soviel Wasser über der Kante, dass wir die Boote problemlos einsetzen können. Der Wind ist lieblich, als wir um halb fünf aus dem Hafen treiben, etwa drei Beaufort. Die Halligen - Habel, Gröde und Langeness - sind alle noch an ihrem angestammten Platz und werden kurz benannt, um allen die Orientierung zu erleichtern. Der Wettervorhersage gehorchend wird der Wind immer stärker und erreicht bis zu unserer Ankunft auf Hooge etwa fünf Beaufort. Das ist kein wirkliches Problem und bietet wenigstens auf den letzten Metern noch die Gelegenheit, ein bisschen durch spritzende Wellen zu fahren. Trotz des Gegenwindes kommen wir gut voran. Wie von mir vorgegeben führen alle Beteiligten eine Seekarte auf dem Vordeck mit - bis auf den Fahrtenleiter! Zwar hatte ich die Karte noch rausgesucht und auch die Deckstasche bereit gelegt, aber schließlich doch vergessen, sie einzupacken. Peinlich!
So fahre ich mehr intuitiv, habe aber keine wirklichen Bedenken, das bald sichtbare Hooge zu treffen. Die einzige Schwierigkeit ist, rechtzeitig ins Hooge-Fahrwasser zu gelangen, bevor der Wasserstand soweit gefallen ist, dass man die nördlich davon liegende Sandbank nicht mehr überqueren kann. Aber in einiger Entfernung ist eine große Gruppe Paddler zu sehen, die genau auf unserem Kurs liegt. Da ist also auf jeden Fall noch genug Wasser. Erst als sich die Paddelgruppe beim Näherkommen als eine Horde Watvögel entpuppt, die dort mit ihren endlich langen Beinen auf dem Grund des Meeres stehen, biege ruckartig nach links ab - gerade noch rechtzeitig, um bei weniger als knietiefem Wasser ins Hooge-Fahrwasser zu wechseln.
Die Zeltwiese ist pappenleer. Eigentlich sind die Wetterbedingungen ja nicht schlecht - sie sind es nur, wenn man sie in Relation zu den Verhältnissen setzt, die die vergangenen Monate durchgängig geherrscht haben. Es soll uns recht sein. Jeder sucht sich ein Fleckchen, das ihm gefällt, und fängt an, sein Zelt aufzubauen. Da trudeln auch schon Peter und Mirja ein, die quasi gleichzeitig mit uns die Hallig erreicht haben - nur eben mit der Fähre. Sie sind noch kurz im Friesenpesel vorbeigegangen und haben gefragt, wie lange man dort noch etwas zu essen bekommt. "Um acht Uhr macht die Küche zu!", ist die Antwort. "Bis zehn vor Acht muss die Bestellung abgegeben sein!". Es ist jetzt kurz nach sieben und wir stehen mit halb aufgebauten Zelten in Paddelmontur auf der Wiese rum - das wird knapp! Kurzerhand geben wir Peter unsere Bestellwünsche mit, und er macht sich auf den Weg, im Pesel Tisch und Essen für uns sicher zu stellen.
Das Lammfilet ist wie immer lecker und wir bekommen ungefragt dreierlei Beilagen in hinreichender Menge geliefert: Kartoffeln, Pommes und Rösti! Wir bleiben nicht unnötig lange, weil um diese Jahreszeit das Tageslicht ja nicht mehr unbegrenzt verfügbar ist und wir noch die Zelte fertig aufbauen müssen. Als wir uns auf den Weg zurück machen, pieselt es bereits leicht, aber das ist noch kein Grund, eine Regenjacke anzuziehen. Wir richten unsere eigenen Stoffhütten fertig ein und helfen Peter und Mirja kurz, ihr Zelt in der einsetzenden Dunkelheit aufzubauen. Kaum sind alle Heringe in den Wiesenboden gezwungen, setzt richtiger Regen ein - und wir verschwinden ein jeder hinter seinem eigenen Reißverschluss.

Ich habe extra meinen neuen Gaskocher mitgenommen, den ich unbedingt unter Expeditionsbedingungen ausprobieren muss. Nach etwa zwanzig Jahren Leben mit einem fauchenden Benzinkocher, der mit seiner halbmeterhohen Stichflamme beim Entzünden alles wegfackelt, was ihm in die Quere kommt, ist das Kochen mit so einem Gasbrenner ein echtes Kinderspiel! Man dreht den Gashahn auf, hält das Feuerzeug dran und - pfuchchchch - brennt das Teil! Aber das mit dem Fauchen ist ehrlich gesagt nicht viel leiser als bei meinem alten Benziner! Da ich schon reichlich gegessen habe, mache ich mir nur einen heißen Kakao und genieße ihn, während der Regen gegen mein Zelt pladdert. Der Regen schafft eine perfekte Isolation von der Außenwelt: man hört nix als sein Pladdern und nichts und niemand wird ihn durchdringen. Es ist, als wäre man weit weg auf einer einsamen Insel... Augenblicklich stellt sich eine umfassende Behaglichkeit ein.
Es regnet die ganze Nacht hindurch und der Wind weht mit unverminderter Stärke. Gegen frühen Morgen dreht er einmal sehr ordentlich auf, um sich dann deutlich zu beruhigen. Als ich genug geschlafen habe und aus dem Zelt blicke, sitzt Ulrich dort bereits in der Morgensonne und genießt seinen ersten Kaffee. Kein Regen, kein Wind, dafür Sonne und weiße Wolken am Himmel. Irgendwann tapert sogar der Hafenmeister über den Steg und ich laufe gleich zu ihm, um die Sache dem Hafengeld zu regeln. Der gibt mit aber nur den Schlüssel für das Seglerheim, so dass ich das alleine regeln kann. Allerdings passt der Schlüssel weder für die Duschen, die Toiletten noch den Gemeinschaftsraum und ich stehe erst einmal etwas ratlos in der Gegend rum. Erst als Mirja herzhaft gegen die Tür drückt, springt diese einfach auf und wir können eintreten. Das Windmessinstrument zeigt gute vier Beaufort aus leicht nördlichem West, die manchmal in den Fünfer-Bereich reinragen.
Das auflaufende Wasser kulminiert erst um 14 Uhr in Schlüttsiel und unsere Fahrtzeit wird bei unter drei Stunden liegen. Das bedeutet einen entspannten Vormittag mit ausgiebigem Frühstück und geruhsamen Packen. Zum Glück hält sich das Wetter auch, so dass alle Ausrüstung knochentrocken in die Stauräume wandert.
Im tiefen Wasser des Hooge-Fahrwassers kann der Wind gute Wirkung entfalten und einige spritzende Wellen aufschieben. Das macht allen Spaß. Um die Eigenheiten des Tidengewässers mit seinen Sandbänken und Prielen anschaulich zu machen, lasse ich über die mittlerweile überflutete Sandbank in die benachbarte Süderaue wechseln. Im Bereich des flachen Wassers gibt es zum einen keine Wellen und zum anderen lässt unsere Geschwindigkeit deutlich nach - denn hier strömt es halt nicht so scharf.
Leider hat der Wind bereits spürbar nachgelassen, als wir wieder tiefes Wasser erreichen und so ist das mit dem Spritzen und den Wellen nicht mehr halb so schön. Auf halber Strecke machen wir für eine gute Viertelstunde Pause - und werden immer noch mit satten drei Stundenkilometern Richtung Westen geschoben. Das Sielgebäude ist wie immer unnötig früh zu sehen und macht die letzten Meilen lang. Peter meint, auf Höhe von Oland einen Schweinswal gesehen zu haben, aber sonst haben wir auf dieser Tour nicht einen einzigen Seehund gesehen.
Im Zielhafen ist das Wasser schon gut über die Rampe gelaufen, so dass der Ausstieg einfach und elegant zu machen ist.
Ein kurzes aber nichts desto trotz erholsames Wochenende - auch wenn das Cafè im Hafen mittlerweile seinen Betrieb eingestellt hat und wir keinen viel zu süßen Abschlusskakao trinken können!
GPS-Daten hier.
Erste Risse bekam die Vorfreude durch die Absage der beiden Wanderwarte. Der eine musste auf eine Tour zu einem befreundeten Kanu-Verein in Bremen, der andere hatte die Unnachgiebigkeit der Tide noch nicht vollständig erfasst und konnte seinen Terminkalender damit nicht in Einklang bringen. Fünf Teilnehmer sind immer noch genug - eigentlich sogar viel intimer und intensiver.
Die Wettervorhersage sieht eine Woche vor dem Termin eher wie ein Software-Fehler aus: während die Jacken an der Garderobe seit Monaten Spinnweben ansetzen, man es schon als ungewöhnlich empfindet, wenn das Thermometer einen Tag mal nicht die 25 Grad überschreitet, man das Gefühl von Regen auf der Haut nachhaltig vergessen hat und man "braun" antwortet, wenn man nach der Farbe von Gras gefragt wird, sollte es an diesem Wochenende ergiebig regnen, heftig wehen und die Quecksilbersäule die 15 Grad Marke nicht erreichen. Zur Sicherheit waren noch Gewitter angekündigt - besonders an der Nordsee!
Die Verantwortlichen werden den Softwarefehler bestimmt in den nächsten Tage fixen, war meine feste Überzeugung. Also ließ ich die Planung unbeirrt weiterlaufen. Am Mittwoch sah es immer noch nicht überzeugend besser aus, so dass wir vereinbarten, den Wetterbericht am Freitag selbst abzuwarten, um dann mit genauerem Blick auf die Lage zu entscheiden.

Donnerstag Abend meldete sich noch die Gruppe mit Nina, Olav und Johanna, dass sie sich wegen der unsicheren Lage gerne uns anschließen wollten und nicht auf eigene Faust von "Schlüttmoorsiel" ("Johannisch" für Holmersiel!) aus losfahren. Das war mir sehr recht, denn damit hatte ich ein besseres Gefühl.
Die Lage am Freitag war dann aber bescheiden! So leid es mir tat, ich sagte den Start für Freitag ab und verschob ihn auf Samstag um dieselbe Zeit. Peter zog es vor, mit seiner Tochter per Fähre nachzukommen und dann nur die Rückfahrt am Sonntag auf eigenem Kiel zu machen. So ist unsere Gruppe auf übersichtliche drei Nasen zusammengeschrumpft, denn die "Schlüttmoorsieler" haben eh nur Freitag/Samstag Zeit, aufs Wasser zu gehen.
Weil die Tide ja samstags eine Stunde später läuft als freitags, sind wir mit unserer Abfahrtszeit deutlich im entspannten Bereich. Bis Bredsted geht auch alles gut, bis auf die üblichen Zweifel an den bekannten neuralgischen Punkten, wo ich mir immer mit dem Abbiegen nicht sicher bin. Aber ein, zwei Ehrenrunden in den Kreiseln richten das Ganze unauffällig. Allerdings ist die Straße am Deich entlang, die uns nach Schlüttsiel bringen soll, voll gesperrt und eine Umleitung über Niebüll ausgeschildert. Davon hat uns Google-Maps kein Sterbenswörtchen gesagt! So schmilzt ein großer Teil unseres Vorsprungs durch unnötiges Gegurke durch die nordfriesische Landschaft wieder dahin.
Trotzdem erreichen wir den Hafen noch so rechtzeitig, dass ein Einsetzen an der Rampe gut möglich scheint. Zügiges Packen und Umsetzen des Autos bescheren uns gerade noch soviel Wasser über der Kante, dass wir die Boote problemlos einsetzen können. Der Wind ist lieblich, als wir um halb fünf aus dem Hafen treiben, etwa drei Beaufort. Die Halligen - Habel, Gröde und Langeness - sind alle noch an ihrem angestammten Platz und werden kurz benannt, um allen die Orientierung zu erleichtern. Der Wettervorhersage gehorchend wird der Wind immer stärker und erreicht bis zu unserer Ankunft auf Hooge etwa fünf Beaufort. Das ist kein wirkliches Problem und bietet wenigstens auf den letzten Metern noch die Gelegenheit, ein bisschen durch spritzende Wellen zu fahren. Trotz des Gegenwindes kommen wir gut voran. Wie von mir vorgegeben führen alle Beteiligten eine Seekarte auf dem Vordeck mit - bis auf den Fahrtenleiter! Zwar hatte ich die Karte noch rausgesucht und auch die Deckstasche bereit gelegt, aber schließlich doch vergessen, sie einzupacken. Peinlich!
So fahre ich mehr intuitiv, habe aber keine wirklichen Bedenken, das bald sichtbare Hooge zu treffen. Die einzige Schwierigkeit ist, rechtzeitig ins Hooge-Fahrwasser zu gelangen, bevor der Wasserstand soweit gefallen ist, dass man die nördlich davon liegende Sandbank nicht mehr überqueren kann. Aber in einiger Entfernung ist eine große Gruppe Paddler zu sehen, die genau auf unserem Kurs liegt. Da ist also auf jeden Fall noch genug Wasser. Erst als sich die Paddelgruppe beim Näherkommen als eine Horde Watvögel entpuppt, die dort mit ihren endlich langen Beinen auf dem Grund des Meeres stehen, biege ruckartig nach links ab - gerade noch rechtzeitig, um bei weniger als knietiefem Wasser ins Hooge-Fahrwasser zu wechseln.
Die Zeltwiese ist pappenleer. Eigentlich sind die Wetterbedingungen ja nicht schlecht - sie sind es nur, wenn man sie in Relation zu den Verhältnissen setzt, die die vergangenen Monate durchgängig geherrscht haben. Es soll uns recht sein. Jeder sucht sich ein Fleckchen, das ihm gefällt, und fängt an, sein Zelt aufzubauen. Da trudeln auch schon Peter und Mirja ein, die quasi gleichzeitig mit uns die Hallig erreicht haben - nur eben mit der Fähre. Sie sind noch kurz im Friesenpesel vorbeigegangen und haben gefragt, wie lange man dort noch etwas zu essen bekommt. "Um acht Uhr macht die Küche zu!", ist die Antwort. "Bis zehn vor Acht muss die Bestellung abgegeben sein!". Es ist jetzt kurz nach sieben und wir stehen mit halb aufgebauten Zelten in Paddelmontur auf der Wiese rum - das wird knapp! Kurzerhand geben wir Peter unsere Bestellwünsche mit, und er macht sich auf den Weg, im Pesel Tisch und Essen für uns sicher zu stellen.
Ich habe extra meinen neuen Gaskocher mitgenommen, den ich unbedingt unter Expeditionsbedingungen ausprobieren muss. Nach etwa zwanzig Jahren Leben mit einem fauchenden Benzinkocher, der mit seiner halbmeterhohen Stichflamme beim Entzünden alles wegfackelt, was ihm in die Quere kommt, ist das Kochen mit so einem Gasbrenner ein echtes Kinderspiel! Man dreht den Gashahn auf, hält das Feuerzeug dran und - pfuchchchch - brennt das Teil! Aber das mit dem Fauchen ist ehrlich gesagt nicht viel leiser als bei meinem alten Benziner! Da ich schon reichlich gegessen habe, mache ich mir nur einen heißen Kakao und genieße ihn, während der Regen gegen mein Zelt pladdert. Der Regen schafft eine perfekte Isolation von der Außenwelt: man hört nix als sein Pladdern und nichts und niemand wird ihn durchdringen. Es ist, als wäre man weit weg auf einer einsamen Insel... Augenblicklich stellt sich eine umfassende Behaglichkeit ein.
Es regnet die ganze Nacht hindurch und der Wind weht mit unverminderter Stärke. Gegen frühen Morgen dreht er einmal sehr ordentlich auf, um sich dann deutlich zu beruhigen. Als ich genug geschlafen habe und aus dem Zelt blicke, sitzt Ulrich dort bereits in der Morgensonne und genießt seinen ersten Kaffee. Kein Regen, kein Wind, dafür Sonne und weiße Wolken am Himmel. Irgendwann tapert sogar der Hafenmeister über den Steg und ich laufe gleich zu ihm, um die Sache dem Hafengeld zu regeln. Der gibt mit aber nur den Schlüssel für das Seglerheim, so dass ich das alleine regeln kann. Allerdings passt der Schlüssel weder für die Duschen, die Toiletten noch den Gemeinschaftsraum und ich stehe erst einmal etwas ratlos in der Gegend rum. Erst als Mirja herzhaft gegen die Tür drückt, springt diese einfach auf und wir können eintreten. Das Windmessinstrument zeigt gute vier Beaufort aus leicht nördlichem West, die manchmal in den Fünfer-Bereich reinragen.
Das auflaufende Wasser kulminiert erst um 14 Uhr in Schlüttsiel und unsere Fahrtzeit wird bei unter drei Stunden liegen. Das bedeutet einen entspannten Vormittag mit ausgiebigem Frühstück und geruhsamen Packen. Zum Glück hält sich das Wetter auch, so dass alle Ausrüstung knochentrocken in die Stauräume wandert.
Im tiefen Wasser des Hooge-Fahrwassers kann der Wind gute Wirkung entfalten und einige spritzende Wellen aufschieben. Das macht allen Spaß. Um die Eigenheiten des Tidengewässers mit seinen Sandbänken und Prielen anschaulich zu machen, lasse ich über die mittlerweile überflutete Sandbank in die benachbarte Süderaue wechseln. Im Bereich des flachen Wassers gibt es zum einen keine Wellen und zum anderen lässt unsere Geschwindigkeit deutlich nach - denn hier strömt es halt nicht so scharf.
Leider hat der Wind bereits spürbar nachgelassen, als wir wieder tiefes Wasser erreichen und so ist das mit dem Spritzen und den Wellen nicht mehr halb so schön. Auf halber Strecke machen wir für eine gute Viertelstunde Pause - und werden immer noch mit satten drei Stundenkilometern Richtung Westen geschoben. Das Sielgebäude ist wie immer unnötig früh zu sehen und macht die letzten Meilen lang. Peter meint, auf Höhe von Oland einen Schweinswal gesehen zu haben, aber sonst haben wir auf dieser Tour nicht einen einzigen Seehund gesehen.
Im Zielhafen ist das Wasser schon gut über die Rampe gelaufen, so dass der Ausstieg einfach und elegant zu machen ist.
Ein kurzes aber nichts desto trotz erholsames Wochenende - auch wenn das Cafè im Hafen mittlerweile seinen Betrieb eingestellt hat und wir keinen viel zu süßen Abschlusskakao trinken können!
GPS-Daten hier.
Sonntag, 4. Februar 2018
Schwentine im Schnee
zwei Argumente aus den Mündern ihrer Senioren-Begleiter, bis auch sie sich dreinfügt.
Als wir unsere Boote in den Schnee vor der Halle legen, kann man das gegenüberliegende Ufer noch einwandfrei erkennen. Als wir zur Abfahrt fertig sind, steckt alles ab Fördemitte im dicken Dunst des Schneetreibens. Da können wir unmöglich losfahren, und so drehen wird die Boote auf den Kopf und verbringen noch eine gute dreiviertel Stunde mit Diskussionen über die Situation und zurückliegende Ereignisse. Dann ist das Schneetreiben licht genug, dass eine Überfahrt kein unverantwortliches
Wagnis mehr ist.
Allerdings geht schon Wind und seine nördliche Richtung schiebt Wellen zusammen, die nicht unerheblich sind. Das macht keinem von uns Probleme, aber der waagerecht treibende Schnee setzt Jörgs Brille von außen zu und von innen beschlägt sie durch die Kälte. So kann er die heranrauschenden Wellen zwar hören, aber irgendwann nicht mehr sehen. Mehrmals muss er innehalten, um sich wieder Sicht zu verschaffen.Das letzte Stück vor der Oppendorfer Mühle verlangt uns wirklich alles ab, denn das viele Regenwasser der letzten Wochen und Monate will alles gleichzeitig ins Meer und kommt uns ungeduldig entgegen. So schlage ich vor, direkt hinter der Straßenbrücke unsere Stullen-verdrück-Pause zu machen und uns den Rest bis zum Kraftwerk zu schenken. Hier legen wir unsere obligate Literaturstunde ein, in der wir darüber philosophieren, ob "Über allen Wipfeln ist Ruh" von Ludendorff(*) ist oder von Eichendorff oder doch von Goethe.
*(Nicht, dass hier noch einer auf falsche Gedanken kommt: Ludendorff war General und hat keine Gedichte hinterlassen!)
Johanna merkt während unserer Pause noch an, dass das schwierigste am Fahren auf der Schwentine doch die Zweige sind, die allenthalben in die Strömung hängen und das Fahrwasser arg einengen. Nach der Stärkung freue ich mich, dass wir uns nur noch in der Hauptströmung halten müssen, und dann spült es uns schon ganz von alleine dreiviertel des Wegs nach Hause. Das geht die ersten paar Hundert Meter auf ziemlich gut - bis der Ruf "MATHIAS!" durch das verschneite Tal schallt. Eines der Kajaks hinter mir schwimmt kieloben im Wasser, daneben unsere junge Freundin, die die Sache mit den Zweigen noch mal genauer untersucht hat. Der Klassiker: in schneller Strömung um die Kurve nicht frühzeitig genug in die Strommitte gepaddelt, von einem Ast festgehalten worden, so dass das Boot kippt, stützen ist schwierig, rollen im Geäst noch schwieriger und das eiskalte Wasser tut ein Übriges, die Besatzung im Null-Komma-Nix aus dem Boot zu scheuchen.
Leider ist es ab nun vorbei mit meinem Traum vom gemütlichen sich mit der Strömung treiben lassen! Johanna paddelt, was das Zeug hält - und wenn ihr nicht warm ist - mir ist es definitiv! Am Klausdorfer Verein herrscht sogar einiger Betrieb, so dass eine Deponierung gar kein Problem wäre, aber Johanna sieht keine Notwendigkeit dafür und will den Rest der Strecke selbst paddeln. Mist - also muss ich bis zum Ende der Strecke keulen!
Zum Glück müssen wir an der Umtragestelle nicht aussteigen und der Wind auf der Förde hat auch etwas nachgelassen. Trotzdem bin ich ziemlich groggy, als ich am heimischen Steg anschlage. Johanna stellen wir gleich unter die warme Dusche, wo sie auch wieder auftaut und durchwärmt. Auch wenn dieser Zwischenfall beileibe kein Drama war, zeigt er doch deutlich, dass eine Schwimmeinlage im Winter sofort eine ernste Notsituation darstellt. Ich hatte früher immer eine zusätzliche Vliesjacke im Boot, ich werde in Zukunft wieder einen Beutel mit kompletter zweiter Garnitur mitnehmen. Nur für den Fall!
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Freitag, 22. Dezember 2017
Mit Jörg von Eck-Town nach Bülk
Ich habe seit anderthalb Wochen Urlaub - bin aber bislang kaum aufs Wasser gekommen. Nun ja - manchmal gibt es noch wichtigere Dinge als Paddeln!
Aber mit Jörg hatte ich schon vor längerem vereinbart, dass wir mal wieder - in Erinnerung an damals - eine Tour Bülk-Eckernförde machen wollten - wenn denn die Gelegenheit günstig sei! Gegen Ende dieser Woche sollte sie es sein: Wind aus Nordwest, trockenes Wetter und milde Temperaturen. Am Freitag sollten sogar fünf bis sechs Beaufort wehen. Also abgemacht: Freitag von Eckernförde bis Bülk - die Reststrecke bis zum Verein könnte man unter diesen Bedingungen zwar auch noch mit unter die Paddel nehmen, aber wegen der momentan nicht optimalen Beleuchtungsverhältnisse und unseres "schwebenden Verfahrens" mit der Wasserschutzpolizei haben wir das mal aus unseren Plänen rausgelassen.

Etwas holperig gestaltete sich die Logistik. Wir würden jemanden benötigen, der uns an den Strand nach Eckernförde fahren würde. Meine kleine Tochter fiel aus, weil sie sich am Abend vorher "die Kante" geben wollte und meine angetraute Frau wollte ich wegen ihrer Erkältung und vollem Terminplan nicht fragen. Zum Glück erklärte meine große Tochter sich bereit, Jörg erst in Kiel aufzusammeln und ihn dann zu uns nach Altenholz zu fahren.
So fahren wir also morgens mit zwei Autos nach Bülk, lassen dort den VW-Bus stehen und schiggern gemeinsam nach Eckernförde. Die Boote sind schnell startklar gemacht - umgezogen habe ich mich schon zu Hause und die Weihnachtsmütze habe ich auch schon auf. Die muss ich allerdings bald wieder abnehmen, denn mir wird doch etwas zu warm. Wir haben fünf Grad Luftemperatur, das Wasser ist ebenso warm und es geht lediglich ein kleines Lüftchen, das wir kaum spüren, weil es von hinten kommt.
Die Bucht liegt tatsächlich übermäßig friedlich da - von den vorhergesagten frischen bis starken Winden ist leider nicht viel zu spüren. Aber wir wollen nicht meckern, denn für Ende Dezember herrscht geradezu grandioses Wetter: zwar ist die Sonne etwas durch feinen Dunst geschwächt, aber im Norden herrscht blauer Himmel.
So geht es gut voran und wir glauben längst, dass wir etwas übertrieben haben, als wir der Frau am Strand, die uns danach gefragt hat, vier Stunden als Fahrtzeit bis Bülk angeboten haben. Nach knappen zwei Stunden passieren wir bereits das Sperrgebiet am Ende der Torpedo-Versuchsbahn. Hier machen wir unsere Pause - auf dem Wasser, denn zum aufwendigen Anlanden und Aussteigen fehlt uns die innere Notwendigkeit.
Wir karabinern die Boote aneinander, weil ich in meiner Naivität glaube, dass uns das mehr Stabilität gewährt. Ist aber natürlich Blödsinn. Außerdem müssen wir beide flugs unsere Mützen aufsetzen, weil der Wind bei Null Eigenfahrt eben doch leise pfeift und einem ziemlich schnell kalt wird. Auch die Fingerchen nöhlen leise vor sich hin, weil sie die ganze Zeit unbehandschuht den Temperaturen trotzen müssen. So halten wir uns also nicht lange in Untätigkeit auf.
Überraschend ist, wie wenig Seevögel unterwegs sind. Wir sichten lediglich mittelviele Eiderenten, ein paar Mittelsäger und Schellenten. Und ein recht großer Schwarm Gänse überfliegt uns. Jörg sagt, dass das Blässgänse seien, was ich auch heftig unterstütze. Aber nachdem ich mir jetzt Bilder dieser Spezies ausgesehen habe, glaube ich doch, dass es wohl eher Kanadagänse waren. Vielleicht sind die bis jetzt so milden Temperaturen ein Grund dafür, dass hier noch nicht die gewohnten Massen an gefiederten Wintergästen anzutreffen sind.
Jenseits von Surendorf (wo wir Pause gemacht haben), sind immer wieder Spaziergänger am Strand und auf der Steilküste zu sehen. Auch ein paar Angler sind aufgelaufen. Für einen Freitag Vormittag eigentlich viel zu viele, aber die sind vermutlich alle wie wir schon in Weihnachtsurlaub.
Nach nur knapp mehr als drei Stunden schrammen wir vor Bülk auf den Steinstrand - direkt vor drei Anglern, wie wir meinen. Aber die haben keine Krebsangeln ins Wasser geschmissen, sondern weiße Rosen - und stehen nun mit gefalteten Händen direkt neben uns. Tut uns leid!
Beim Umziehen kommen Erinnerungen an eine andere Wintertour auf, bei der wir hier nass und nackig im eiskalt pfeifenden Wind standen und uns sonstwas abfroren. Das ist heute zum Glück nicht ganz so schlimm, aber mit den klammen Fingern die Gurte auf dem Autodach um die Boote zu wickeln, macht auch keinen wirklichen Spaß. Doch auch dadurch lassen wir uns nicht das selige Grinsen nehmen, das uns eine schöne und entspannte Tagestour bei wunderbarem Wetter ins Gesicht gezaubert hat!
GPS-Daten zur Tour
Aber mit Jörg hatte ich schon vor längerem vereinbart, dass wir mal wieder - in Erinnerung an damals - eine Tour Bülk-Eckernförde machen wollten - wenn denn die Gelegenheit günstig sei! Gegen Ende dieser Woche sollte sie es sein: Wind aus Nordwest, trockenes Wetter und milde Temperaturen. Am Freitag sollten sogar fünf bis sechs Beaufort wehen. Also abgemacht: Freitag von Eckernförde bis Bülk - die Reststrecke bis zum Verein könnte man unter diesen Bedingungen zwar auch noch mit unter die Paddel nehmen, aber wegen der momentan nicht optimalen Beleuchtungsverhältnisse und unseres "schwebenden Verfahrens" mit der Wasserschutzpolizei haben wir das mal aus unseren Plänen rausgelassen.
Etwas holperig gestaltete sich die Logistik. Wir würden jemanden benötigen, der uns an den Strand nach Eckernförde fahren würde. Meine kleine Tochter fiel aus, weil sie sich am Abend vorher "die Kante" geben wollte und meine angetraute Frau wollte ich wegen ihrer Erkältung und vollem Terminplan nicht fragen. Zum Glück erklärte meine große Tochter sich bereit, Jörg erst in Kiel aufzusammeln und ihn dann zu uns nach Altenholz zu fahren.
So fahren wir also morgens mit zwei Autos nach Bülk, lassen dort den VW-Bus stehen und schiggern gemeinsam nach Eckernförde. Die Boote sind schnell startklar gemacht - umgezogen habe ich mich schon zu Hause und die Weihnachtsmütze habe ich auch schon auf. Die muss ich allerdings bald wieder abnehmen, denn mir wird doch etwas zu warm. Wir haben fünf Grad Luftemperatur, das Wasser ist ebenso warm und es geht lediglich ein kleines Lüftchen, das wir kaum spüren, weil es von hinten kommt.
So geht es gut voran und wir glauben längst, dass wir etwas übertrieben haben, als wir der Frau am Strand, die uns danach gefragt hat, vier Stunden als Fahrtzeit bis Bülk angeboten haben. Nach knappen zwei Stunden passieren wir bereits das Sperrgebiet am Ende der Torpedo-Versuchsbahn. Hier machen wir unsere Pause - auf dem Wasser, denn zum aufwendigen Anlanden und Aussteigen fehlt uns die innere Notwendigkeit.
Wir karabinern die Boote aneinander, weil ich in meiner Naivität glaube, dass uns das mehr Stabilität gewährt. Ist aber natürlich Blödsinn. Außerdem müssen wir beide flugs unsere Mützen aufsetzen, weil der Wind bei Null Eigenfahrt eben doch leise pfeift und einem ziemlich schnell kalt wird. Auch die Fingerchen nöhlen leise vor sich hin, weil sie die ganze Zeit unbehandschuht den Temperaturen trotzen müssen. So halten wir uns also nicht lange in Untätigkeit auf.
Überraschend ist, wie wenig Seevögel unterwegs sind. Wir sichten lediglich mittelviele Eiderenten, ein paar Mittelsäger und Schellenten. Und ein recht großer Schwarm Gänse überfliegt uns. Jörg sagt, dass das Blässgänse seien, was ich auch heftig unterstütze. Aber nachdem ich mir jetzt Bilder dieser Spezies ausgesehen habe, glaube ich doch, dass es wohl eher Kanadagänse waren. Vielleicht sind die bis jetzt so milden Temperaturen ein Grund dafür, dass hier noch nicht die gewohnten Massen an gefiederten Wintergästen anzutreffen sind.
Jenseits von Surendorf (wo wir Pause gemacht haben), sind immer wieder Spaziergänger am Strand und auf der Steilküste zu sehen. Auch ein paar Angler sind aufgelaufen. Für einen Freitag Vormittag eigentlich viel zu viele, aber die sind vermutlich alle wie wir schon in Weihnachtsurlaub.
Nach nur knapp mehr als drei Stunden schrammen wir vor Bülk auf den Steinstrand - direkt vor drei Anglern, wie wir meinen. Aber die haben keine Krebsangeln ins Wasser geschmissen, sondern weiße Rosen - und stehen nun mit gefalteten Händen direkt neben uns. Tut uns leid!
Beim Umziehen kommen Erinnerungen an eine andere Wintertour auf, bei der wir hier nass und nackig im eiskalt pfeifenden Wind standen und uns sonstwas abfroren. Das ist heute zum Glück nicht ganz so schlimm, aber mit den klammen Fingern die Gurte auf dem Autodach um die Boote zu wickeln, macht auch keinen wirklichen Spaß. Doch auch dadurch lassen wir uns nicht das selige Grinsen nehmen, das uns eine schöne und entspannte Tagestour bei wunderbarem Wetter ins Gesicht gezaubert hat!
GPS-Daten zur Tour
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Sonntag, 29. Oktober 2017
Spaß mit Herwart
Dieses Jahr lagen die Feiertage günstig platziert: im Oktober gab es - der Einheit Deutschlands und der Spaltung der Kirche sei Dank - zwei lange Wochenenden, die zu ausgedehnten Paddeltouren genutzt werden wollten. Nicht ganz so günstig verlief die Terminierung der Tiefdruckgebiete in diesem Jahr: Das Einheitswochenende wurde von den Vorboten von Xavier verwässert und verwirbelt, und unsere Pläne für Weltspartag, Halloween und Reformationstag von Herwart gründlich weggeblasen.
Die Vorhersage in den vergangenen Tagen schlug wie der Schwanz eines Hundewelpen hin und her - aber letztlich kristallisierte sich für den Sonntag ein stark nachlassender Wind aus nördlichen Richtungen heraus. Wind aus Nord - und Wassertemperaturen im zweistelligen Bereich - das ist für Jörg und mich seit jeher eine elektrisierende Mischung! Da sollte doch was gehen!
Beim Essen für die Helfer des Abpaddelns, am Dienstag vorher, hatte Nina mir noch offenbart, dass sie mit dem Gedanken spielt, sich zum "Tidal races"-Kurs von Trenk anzumelden. Daraufhin habe ich ihr etwas davon erzählt und gleich ein paar Videos von You-Tube gezeigt. Am Ende des Abends trudelten die Anmeldungen der "ewigen Drei", Maditha, Nina und Olav, bei Trenk ein!
Da alle drei noch nicht wirklich als erfahren in "bewegtem Wasser" bezeichnet werden können, haben Jörg und ich uns gedacht, dass wir ihnen Gelegenheit bieten sollten, sich darin zu bewähren. Also luden wir sie ein, uns an den Strand von Schönberg zu begleiten.
In der Nacht wüteten am Leuchtturm zwölf Windstärken. Da bedeutet "stark nachlassend" nicht unbedingt laues Lüftchen. Aber die Vorhersage versprach harmlose sechs Beaufort ab der Mittagszeit. Trotzdem bereiteten Jörg die Granitbuhnen vor Schönberg Kopfzerbrechen, weil sie unter diesen Bedingungen und geringer Erfahrung schnell zu selbigem führen können. Er brachte daher den Hafen von Lippe ins Gespräch, wo wir vielleicht bessere Randbedingungen vorfinden würden. Zum Glück lief uns beim Aufladen der Boote Basti vom Nachbarklub noch über den Weg. Der kennt die Gegend dort aus intimer Ansicht. Der Nachteil des Lipper Hafens sei, dass man sich sofort mitten im Inferno befindet, wenn man ihn verlassen hat. Der Strand von Hohwacht würde besser in unser Kalkül passen.
In Hohwacht angekommen, fragen wir in der örtlichen Segelschule nach einer Parkmöglichkeit und bekommen freundlich die Wiese direkt am Strand zugewiesen. Ich nehme die Gegend sofort in Augenschein und bin hellauf begeistert! Die Rahmenbedingungen hier sind um Längen besser als in Schönberg: so gut wie keine Entfernung von den Autos bis zur Wasserkante (gut, das Wasser ist uns auch eine erkleckliches Stück entgegen gekommen), flaches Wasser mit mehreren Brechungsreihen und sogar ein gewisser Windschutz vor dem immer noch viel zu grimmigen Wind! Schon, um bloß dies zu erfahren, hat sich die Fahrt hierher gelohnt.
Bevor wir aufs Wasser gehen, rufe ich noch einmal unsere Kleingruppe zusammen und gebe die Devise aus, dass bei unserer Aktion Sicherheit das oberste Gebot ist, und dass wir auf jeden Fall zusammenbleiben müssen und keiner alleine irgendwo hin fährt. Ist allen klar und akzeptiert!
Ich schiebe alle ins Wasser und gehe als letzter hinterher. Als ich durch die ersten kleinen Brecherchen steche, mache ich mir keine großen Gedanken, dass sie mich aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Aber plötzlich erschrecke ich mich doch: meine ganze Aufmerksamkeit gilt den von vorne heranrollenden Wellen, der Wind kommt jedoch genau von der Seite - und eine kräftige Bö bringt mich tatsächlich so aus dem Gleichgewicht, dass ich unerwartet stützen muss!
Die Wellenhöhe ist hier tatsächlich vergleichsweise harmlos - ich schätze sie mal auf zwischen einem halben bis zu einem dreiviertel Meter. Aber der Wind liegt deutlich über den angekündigten sechs Beaufort. Weiter draußen, wo man den Schutz der Landabdeckung verlässt, ist die Wellenhöhe deutlich höher. Ich will da gar nicht hinfahren und irgendjemanden mitlocken. Ich konzentrieren mich lieber darauf, unsere drei Novizen im Auge zu behalten. Sie machen ihre Sache wirklich gut, direkt auf sie zulaufende Wellen machen gar keine Probleme, auch nicht solche, die mit voller Wucht gegen die Brust klatschen.
Aber die andere Richtung wird noch nicht ganz so souverän beherrscht. Zuerst haut es Nina rein, die seitlich von einer Welle erfasst wird und den Angriff anfangs lässig abwehrt. Aber schließlich hat sie das Paddel und das Gewicht auf der falschen Seite und es folgt, was in solchen Fällen immer folgt: sie schwimmt neben ihrem Boot.
Beim Wiedereinstieg zeigt sich, dass wir das bei uns im Verein intensiv üben. Er geht reibungslos und zügig. In diesen Bedingungen verzichte ich allerdings darauf, das Boot vorher auszuleeren, weil die nächste brechende Welle es eh wieder vollschlagen würde. Eine Entscheidung, die vielleicht nicht die beste war, weil man auf dem Video sieht, dass wir uns die gesamte Zeit während des mühseligen Leerpumpens in relativ ruhigen Bedingungen befinden.
Meine Ansage von vorhin hat bezüglich "wir bleiben zusammen" nicht wirklich gefruchtet. Maditha paddelt irgendwo in weiter Ferne durch den Schaum. Als es auch sie reinreißt, ist der Wind der einzige, der meinen Ruf "Maditha schwimmt!" hört. Bei ihr stellt sich die Frage nach dem Ausleeren des Bootes nicht - sie hat keine Lenzpumpe dabei und ich habe meine im Auto vergessen! Also versuche ich, ihr Boot zu entleeren. Das gelingt ganz gut, auch wenn Maditha an meinem Bug hängend nicht gerade die Masse mitbringt, die man man sich als echte Beruhigung wünschen würde. Ich habe gerade ihr Boot entleert und will es neben mich bringen, als der nächste Brecher heranrauscht - und meinen Buganker einfach fortspült! Es reißt auch mich um und ich überlege einen kurzen Moment, was ich machen soll. Aber ich halte Madithas Boot fest und richte mich mit seiner Hilfe wieder auf.
Einige weitere Brecher rütteln mich durch, aber ich schaffe es, das Boot festzuhalten, schließlich parallel zu meinem zu bringen und die Paddel einzusammeln. Ich habe reichlich Zeit dazu, denn Maditha versucht zwar, mich schwimmend zu erreichen, aber der Wind bläst mich schneller fort, als sie schwimmen kann. Selbst als sie im flacheren Wasser stehen kann, dauert es noch unendlich lange, bis sie endlich mein Boot erreicht. Wir sparen uns den Wiedereinstieg, weil wir mittlerweile recht nahe am Ufer sind und es einfacher ist, das Boot dort auszuleeren und einen geordneten Neustart hinzulegen.
Am Ufer findet sich eine interessante Konstellation: eine flache Sandbank ist durch den hohen Wasserstand überspült und dahinter hat sich ein tiefes Loch gebildet, in dem das Wasser fröhlich rotiert. Als ich da hinein fahre, um zu sehen, wie Maditha an Land zurecht kommt, drücken mich Strömung und Wind schließlich in den Drahtzaun, der die anschließende Wiese umgibt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als auch auszusteigen.
Die anderen sind mittlerweile zu einer kleinen Zwischenpause an den Strand gefahren, und Maditha und ich gesellen uns dazu. Ich bitte noch mal alle darum, enger zusammenzubleiben und dass sich im Falle einer Kenterung alle zum Kenterling begeben sollten, damit wir dann mehr Optionen bei der Rettung haben. Danach paddeln wir wieder alle vier und vergnügen uns noch eine gute Weile in den Wellen, bis Maditha ein zweites Mal abtaucht. Ich bin diesmal am dichtesten dabei und eile zur Assistenz. Als ich sie erreicht habe, blicke ich mich um und sehe, dass meine Worte Gehör gefunden haben: die vier anderen kommen heran - allerdings allesamt im Wasser schwimmend!
In der fälligen Pause zeigt sich, dass die Bedingungen doch kälter sind als erwartet. Ich bin als einziger von Anfang an im Trockenanzug aufgelaufen und fühle mich ganz wohl. Die beiden Mädels bibbern ziemlich, besonders Nina, die vermutet, schon seit ein paar Tagen eine Erkältung auszubrüten. Ich kann einige wärmende Ausrüstungsgegenstände unter meinen Mitpaddlern verteilen.
Jörg hat einen Riesentopf Kohl mit reichlich Fleischeinlage vorgekocht. Über den machen wir uns jetzt her. Allerdings handelt es sich bei den "ewigen Dreien" auch um ewige Vegetarier, weshalb die zwei Verbleibenden nicht die ganze Menge schaffen. Substantiell gestärkt stürzen Jörg und ich uns noch einmal in die Fluten, aber der Wind hat deutlich nachgelassen und die Wellen sind spürbar kleiner. Trotzdem haben wir noch jede Menge Spaß. Schließlich schmeiße ich mich auch noch einmal rein, um wenigstens einmal meine Rolle bemühen zu müssen. Zuerst bin ich ziemlich überrascht, dass es unter Wasser dermaßen dunkel ist. Aber das war letztlich vorhersehbar, so trübe wie das Wasser ist. Der Ansatz meiner Rolle ist etwas schludrig und halbherzig, so dass ich gleich wieder drin liege. Erst bei meinem dritten Versuch bin ich konzentriert genug, dass es klappt. Auch das muss ich viel öfter üben, damit es selbstverständlicher wird.
Am Ende eines wunderbaren Tages packen wir die immer noch frierende Nina ein und fahren unter einem bleu-rose Himmel zufrieden nach Hause!
Die Vorhersage in den vergangenen Tagen schlug wie der Schwanz eines Hundewelpen hin und her - aber letztlich kristallisierte sich für den Sonntag ein stark nachlassender Wind aus nördlichen Richtungen heraus. Wind aus Nord - und Wassertemperaturen im zweistelligen Bereich - das ist für Jörg und mich seit jeher eine elektrisierende Mischung! Da sollte doch was gehen!
Beim Essen für die Helfer des Abpaddelns, am Dienstag vorher, hatte Nina mir noch offenbart, dass sie mit dem Gedanken spielt, sich zum "Tidal races"-Kurs von Trenk anzumelden. Daraufhin habe ich ihr etwas davon erzählt und gleich ein paar Videos von You-Tube gezeigt. Am Ende des Abends trudelten die Anmeldungen der "ewigen Drei", Maditha, Nina und Olav, bei Trenk ein!
Da alle drei noch nicht wirklich als erfahren in "bewegtem Wasser" bezeichnet werden können, haben Jörg und ich uns gedacht, dass wir ihnen Gelegenheit bieten sollten, sich darin zu bewähren. Also luden wir sie ein, uns an den Strand von Schönberg zu begleiten.
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| Innerhalb des roten Rahmens waren wir auf dem Wasser |
Bevor wir aufs Wasser gehen, rufe ich noch einmal unsere Kleingruppe zusammen und gebe die Devise aus, dass bei unserer Aktion Sicherheit das oberste Gebot ist, und dass wir auf jeden Fall zusammenbleiben müssen und keiner alleine irgendwo hin fährt. Ist allen klar und akzeptiert!
Ich schiebe alle ins Wasser und gehe als letzter hinterher. Als ich durch die ersten kleinen Brecherchen steche, mache ich mir keine großen Gedanken, dass sie mich aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Aber plötzlich erschrecke ich mich doch: meine ganze Aufmerksamkeit gilt den von vorne heranrollenden Wellen, der Wind kommt jedoch genau von der Seite - und eine kräftige Bö bringt mich tatsächlich so aus dem Gleichgewicht, dass ich unerwartet stützen muss!
Die Wellenhöhe ist hier tatsächlich vergleichsweise harmlos - ich schätze sie mal auf zwischen einem halben bis zu einem dreiviertel Meter. Aber der Wind liegt deutlich über den angekündigten sechs Beaufort. Weiter draußen, wo man den Schutz der Landabdeckung verlässt, ist die Wellenhöhe deutlich höher. Ich will da gar nicht hinfahren und irgendjemanden mitlocken. Ich konzentrieren mich lieber darauf, unsere drei Novizen im Auge zu behalten. Sie machen ihre Sache wirklich gut, direkt auf sie zulaufende Wellen machen gar keine Probleme, auch nicht solche, die mit voller Wucht gegen die Brust klatschen.Aber die andere Richtung wird noch nicht ganz so souverän beherrscht. Zuerst haut es Nina rein, die seitlich von einer Welle erfasst wird und den Angriff anfangs lässig abwehrt. Aber schließlich hat sie das Paddel und das Gewicht auf der falschen Seite und es folgt, was in solchen Fällen immer folgt: sie schwimmt neben ihrem Boot.
Meine Ansage von vorhin hat bezüglich "wir bleiben zusammen" nicht wirklich gefruchtet. Maditha paddelt irgendwo in weiter Ferne durch den Schaum. Als es auch sie reinreißt, ist der Wind der einzige, der meinen Ruf "Maditha schwimmt!" hört. Bei ihr stellt sich die Frage nach dem Ausleeren des Bootes nicht - sie hat keine Lenzpumpe dabei und ich habe meine im Auto vergessen! Also versuche ich, ihr Boot zu entleeren. Das gelingt ganz gut, auch wenn Maditha an meinem Bug hängend nicht gerade die Masse mitbringt, die man man sich als echte Beruhigung wünschen würde. Ich habe gerade ihr Boot entleert und will es neben mich bringen, als der nächste Brecher heranrauscht - und meinen Buganker einfach fortspült! Es reißt auch mich um und ich überlege einen kurzen Moment, was ich machen soll. Aber ich halte Madithas Boot fest und richte mich mit seiner Hilfe wieder auf.
(Das volle Video habe ich zu Vimeo hochgeladen)
Einige weitere Brecher rütteln mich durch, aber ich schaffe es, das Boot festzuhalten, schließlich parallel zu meinem zu bringen und die Paddel einzusammeln. Ich habe reichlich Zeit dazu, denn Maditha versucht zwar, mich schwimmend zu erreichen, aber der Wind bläst mich schneller fort, als sie schwimmen kann. Selbst als sie im flacheren Wasser stehen kann, dauert es noch unendlich lange, bis sie endlich mein Boot erreicht. Wir sparen uns den Wiedereinstieg, weil wir mittlerweile recht nahe am Ufer sind und es einfacher ist, das Boot dort auszuleeren und einen geordneten Neustart hinzulegen.
Am Ufer findet sich eine interessante Konstellation: eine flache Sandbank ist durch den hohen Wasserstand überspült und dahinter hat sich ein tiefes Loch gebildet, in dem das Wasser fröhlich rotiert. Als ich da hinein fahre, um zu sehen, wie Maditha an Land zurecht kommt, drücken mich Strömung und Wind schließlich in den Drahtzaun, der die anschließende Wiese umgibt. Mir bleibt nichts anderes übrig, als auch auszusteigen.
Die anderen sind mittlerweile zu einer kleinen Zwischenpause an den Strand gefahren, und Maditha und ich gesellen uns dazu. Ich bitte noch mal alle darum, enger zusammenzubleiben und dass sich im Falle einer Kenterung alle zum Kenterling begeben sollten, damit wir dann mehr Optionen bei der Rettung haben. Danach paddeln wir wieder alle vier und vergnügen uns noch eine gute Weile in den Wellen, bis Maditha ein zweites Mal abtaucht. Ich bin diesmal am dichtesten dabei und eile zur Assistenz. Als ich sie erreicht habe, blicke ich mich um und sehe, dass meine Worte Gehör gefunden haben: die vier anderen kommen heran - allerdings allesamt im Wasser schwimmend!
Jörg hat einen Riesentopf Kohl mit reichlich Fleischeinlage vorgekocht. Über den machen wir uns jetzt her. Allerdings handelt es sich bei den "ewigen Dreien" auch um ewige Vegetarier, weshalb die zwei Verbleibenden nicht die ganze Menge schaffen. Substantiell gestärkt stürzen Jörg und ich uns noch einmal in die Fluten, aber der Wind hat deutlich nachgelassen und die Wellen sind spürbar kleiner. Trotzdem haben wir noch jede Menge Spaß. Schließlich schmeiße ich mich auch noch einmal rein, um wenigstens einmal meine Rolle bemühen zu müssen. Zuerst bin ich ziemlich überrascht, dass es unter Wasser dermaßen dunkel ist. Aber das war letztlich vorhersehbar, so trübe wie das Wasser ist. Der Ansatz meiner Rolle ist etwas schludrig und halbherzig, so dass ich gleich wieder drin liege. Erst bei meinem dritten Versuch bin ich konzentriert genug, dass es klappt. Auch das muss ich viel öfter üben, damit es selbstverständlicher wird.
Am Ende eines wunderbaren Tages packen wir die immer noch frierende Nina ein und fahren unter einem bleu-rose Himmel zufrieden nach Hause!
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