Sonntag, 2. Juni 2019

Ärö rund

Bereits im November des vergangenen Jahres, bei unser letzten gemeinsamen Unternehmung, hatten wir uns für das diesjährige Himmelfahrtswochenende zu einer Tour verabredet. Dass Trenks Terminkalender zu einer quasi sommerlichen Zeit eine Lücke für eine eigene Tour aufweisen würde, hat mich sehr überrascht, aber mehr noch gefreut. So einen Pflock im Terminkalender zu haben, wirkt den ganzen Winter hindurch wie die Aussicht auf eine Insel der Erholung und Entspannung in der rauen Ödnis des Alltags. Als dann im Laufe des Frühjahrs auch Peter noch sein entschlossenes Interesse bekundete, mit von der Partie zu sein, war ich richtig euphorisch, nach langen Jahren mal wieder mit der vollen Mannschaft auf Tour gehen zu  können.

Da in unserem Kreis keine große Abstimmung nötig ist, haben wir erst sehr kurz vor dem tatsächlichen Termin begonnen, uns über ein geeignetes Zielrevier Gedanken zu machen. Grundsätzlich wären alle daran interessiert, die "große Runde" von vor genau zehn Jahren auf der Nordsee zu wiederholen, bei der wir im großen Bogen Amrum und Föhr gegen den Uhrzeigersinn umrunden. Letztlich ist natürlich das Wetter wesentliches Kriterium für die Auswahl.

Leider ließ die Vorhersage die "große Runde" anfangs als keine gute Idee erscheinen: Am Himmelfahrtstag war viel Wind aus Westen und ordentlich Regen von oben angekündigt. Die anderen Tage waren eher mäßig und am Sonntag zwar schönes Wetter aber Wind aus Osten. Das hieße für Hin- und Rückfahrt ein Keulen gegen den Wind, der dann seinerseits jeweils gegen den Strom wehen würde. Das sprach doch eher für die dänische Südsee, die unter diesen Bedingungen mit Rückenwind für Hin- und Rückfahrt lockte.

Die Mails mit den Vorschlägen gingen hin und her, wie auch die Aussagen der Wettervorhersage täglich wie ein Lämmerschwanz wackelten und mal Nord- mal Ostsee vorteilhaft erscheinen ließen. Schließlich kam eine Mail dazwischen, in der Trenk seine Teilnahme kündigen musste! Er bräuchte die Zeit für die Vorbereitung der Veranstaltung auf Jersey. Was für eine herbe Enttäuschung! Da Peter sich bei den letzten Diskussionen zum Zielrevier auffallend zurückgehalten hatte, schwante mir auch in dieser Richtung schon Böses. Und ja - schließlich musste auch Peter absagen, weil er echte gesundheitliche Probleme hatte, die er erst nicht wirklich wahrhaben wollte, nun aber nicht mehr leugnen konnte. Was schade ist das denn?

Die "glorreichen" Vier von 2009
Nun gut, dann bleiben eben wieder nur die beiden alten, aber bewährten Säcke der ehemals glorreichen Vier übrig. Aber wir freuen uns trotzdem!

Selbst 24 Stunden vor Abfahrt hat sich die Wettervorhersage noch nicht stabilisiert, sondern bietet stündlich nennenswert differierende Aussagen. Trotzdem ist unterm Strich immer die Ostsee klar im Vorteil. Unser Plan daher: Von Mommark aus starten und dann aus dem Moment und dem Bauch heraus den weiteren Verlauf der Unternehmung den jeweils aktuellen Gegebenheiten anpassen.

Für Christi Himmelfahrt ist Regen angesagt, der ab Mittag aufhören soll. Der Wind soll mit sechs Beaufort südwestlich blasen und später auf fünf nachlassen. Da können wie entspannt frühstücken, um die Mittagszeit losfahren und so Regen und starken Wind elegant umgehen.

Als wir gegen 15 Uhr in Mommark eintreffen, ist von nachlassendem Regen allerdings noch nichts zu spüren. Also machen wir uns erst einmal einen Tee und warten ab. Zwar ringt sich das Wetter zu keiner grundlegenden Besserung durch, aber als wir um fünf ablegen, hat sich der Regen weitestgehend gelegt. Auch der Wind bläst nicht mehr mit sechs Beaufort sondern allenfalls mit kleinen fünf. Die Richtung ist südwestlich, so dass er leidlich schiebt.

Man kann Ärö nicht gleich von Anfang an sehen, aber wir haben uns erst mal auf einen Kurs von 90 Grad geeinigt - da kann nichts schiefgehen. Als unser Ziel bald sichtbar wird, gehen wir auf etwa 60 Grad. Es gehen schon Wellen auf dem Belt, aber das ist nichts, was uns Respekt oder gar Schlimmeres einflöst, das haben wir schon deutlich ruppiger erlebt. Aber es macht die Reise kurzweilig, denn wir haben noch eine ziemliche Strecke vor uns.

Wir haben uns mittlerweile entschieden, heute auf Ärö zu bleiben und in den nächsten Tagen die noch ausstehende Umrundung dieser Insel in Angriff zu nehmen. Als Übernachtungsplatz steuern wir den Shelter Skaaret an. Es sind 21 Kilometer bis dahin und wir benötigen ziemlich genau drei Stunden. Das sind zwar gute sieben Stundenkilometer, was für voll beladene Boote eine Super-Geschwindigkeit darstellt, aber wenn man den nicht unerheblichen Rückenwind bedenkt, sind wir fast ein bisschen enttäuscht. Immerhin haben wir die Überfahrt auf eigenem Kiel gemacht. Am Zielort sind bereits diverse andere Gruppen eingetroffen und jede geht ihrer eigenen Geschäftigkeit nach. Eine Gruppe der Salzwasserunion hat lieber die Fähre von Fynshov nach Soeby genommen. Eine gute Entscheidung, wenn man als Fahrtenleiter nicht weiß, wie sicher die Teilnehmer mit derartigen Bedingungen umgehen können.

Es ist fast ein bisschen viel los an diesem Fleckchen Erde, so dass wir für unsere Zelte nur Plätze der Kategorie B finden. Aber der überdachte riesige Tisch bietet genug Platz für alle.

Wie vorhergesagt hat es in der Nacht ergiebig geregnet. Das kommt uns nicht ungelegen, denn es zwingt uns quasi, unsere Morgenverrichtungen so weit in die Länge zu ziehen, dass die Zelte hinreichend Gelegenheit haben, wenigstens überwiegend trocken zu werden. Die SaU-Truppe ist allerdings nicht wesentlich früher als wir auf dem Wasser. Wir wollen heute bis zu den drei Windmühlen fahren, das ist eine ordentliche Strecke, wovon wir fast die Hälfte gegen den heute westlichen Wind kämpfen müssen. Aber der Tag ist lang und wir können beliebig viele Pausen machen.

Bis über die Bucht vor Ärösköbing schiebt der schwache Wind wenigstens ein kleines bisschen. Danach muss man aufpassen, dass man bei dem ganzen flachen Geinsele in dieser Gegend nicht falsch abbiegt. Ohne Karte wäre ich hier in die Bucht von Ommel eingefädelt und hätte laut fluchend den gesamten Weg wieder zurückpaddeln müssen. Das Fahrwasser vor Marstal ist ebenfalls eine navigatorische Herausforderung - allerdings eher für Segler nicht für Paddler. Unsere Pause nach zweieinhalb Stunden machen wir auf Eriks Hale, der schmalen Sandbank südlich von Marstal, auf der die hübschen, kleinen Strandhäuser stehen, im Windschatten eines selben.

Leider hat der Wind mittlerweile etwas aufgefrischt - seine Richtung aber beibehalten. So weht er uns ab jetzt kräftig entgegen. In der Ferne verspricht eine hohe Steilküste Windschatten und wir wollen sie möglichst schnell erreichen. Dieses dringende Wollen führt dazu, dass sich der Gegenwind überhaupt nicht in unserem Geschwindigkeitsdiagramm niederschlägt. Im Gegenteil, erst als wir in den jämmerlich spät einsetzenden Windschutz kommen, geht unsere Geschwindigkeit merklich zurück - Entspannungmodus.

Kaum schrammen wir mit unseren Booten auf den rauen Slip vor unserem Ziel, bricht die Sonne durch! Binnen zehn Minuten ist der Himmel blau und es fühlt sich an wie Sommer!

Die Shelter, die wir für unsere Übernachtung ins Auge gefasst haben, stehen zwar auf einer wunderschönen Wiese, aber leider etwa 100 Meter von der Anlandestelle entfernt. So sind die Ikea-Tüten gefragt und einiges Gelatsche. Dafür sind wir hier alleine! Und das Schild vor den Sheltern sagt, dass man die nicht buchen kann, sondern sie nach dem Mühlenprinzip vergeben wird: wer zuerst kommt, mahlt zuerst!

Nachdem wir alle unsere Sachen herbeigeschafft und einen Teil bereits in einem der beiden Shelter deponiert haben, kommt ein dänischer Vater mit seinem kleinen Sohn im Auto herangerauscht und eröffnet uns, dass er eine der beiden Holzhütten gebucht habe. Wir eröffnen ihm, dass man diese Shelter ausweislich der Aussage auf dem Schild gar nicht buchen kann, wollen ihm und vor allem seinem Sohn die Freude aber nicht verderben. Wir haben ja Zelte dabei - und außerdem hat er ja bereits bezahlt!

Nach einiger Zeit torkeln zwei müde dänische Wandermädels auf uns zu und eine davon überschüttet mich gleich mit ihrem lokalen Idiom. Ich erkläre kurz, dass Dänisch nicht meine Paradedisziplin ist und fortan plappert sie genauso sprudelnd auf englisch. Sie sei heute schon über zwanzig Kilometer gelatscht und vollkommen durch und gehe nun keinen weiteren Schritt mehr - und übrigens haben sie einen der beiden Shelter gebucht! Hier trifft unsere Entgegnung, dass man diese Shelter gar nicht buchen kann, auf mittleres Entsetzen. Die Mädels sehen sich schon unter freiem Himmel übernachten und ihr bereits gezahltes Entgeld umsonst ausgegeben haben. Aber wir trösten auch sie, indem wir zusichern, keinen Anspruch auf die Hütten zu erheben. Sie fotografieren sicherheitshalber noch einmal den Text auf dem Schild, weil sie sich bitter beschweren wollen über diese Inkonsistenz des Buchungssystems. Während wir gemeinsam am Abendbrottisch sitzen, kommen noch zwei dänische Radwanderinnen heran - allerdings nur bis auf 20 Meter. Sie fragen, ob wir mit dem Boot da seien, trauen sich aber nicht dichter heran. Vielleicht liegt das an dem Hund, den die beiden Wanderinnen mithaben, vielleicht aber auch,weil sie vergessen haben, den Shelter zu buchen und sich nun keine Chance mehr ausrechnen. Sie drehen wieder ab und wir werden es nie erfahren.

Zwischen Jörg und mir hat sich im Laufe der Zeit eine traute Harmonie eingestellt, was das Aufstehen am Morgen angeht. Wir kommen eigentlich im Abstand von - wenn überhaupt - wenigen Minuten aus dem Zelt. Das ist heute wie häufig so gegen acht. Um diese Zeit wollten die Mädels schon weg sein - nachdem sie ein Bad in der Ostsee hatten nehmen wollen. Weg ist aber nur der Vater mit dem Sohn. Die sind mitten in der Nacht abgereist - vermutlich hatte der Kleine Heimweh. Die beiden Däninnen sehen derweil recht zerknittert aus, sie haben nicht gut geschlafen und das Bad in der Ostsee ist ausgefallen. Nur wenig vor uns machen sie sich auf den Weg nach Ommel. Für uns soll es heute bis an die Nordspitze von Ärö gehen - "zu den Bäumen"!


Der Himmel ist ziemlich blau und der Wind bläst mäßig aus Südwest. Das ist ziemlich quer zu unserer Fahrtrichtung und hindert damit nicht wirklich. Schiebt aber auch nicht wirklich. Dafür legt sich die Wasseroberfläche aber in gefällige Wellchen, was das Paddeln wieder kurzweilig macht. Die gesamte Südwestküste von Äro ist als Steilküste konzipiert mit steinigen Stränden. Da gibt es wenig samtweiche Anlandemöglichkeiten. Allerdings entdecken wir einen bislang unbekannten Shelter auf halber Strecke. Den würde ich auch gerne mal ausprobieren - vielleicht im nächsten Winter.

Natürlich mussten wir für unsere Pause auch an einem der "harten" Strände anlanden und vor allem an ihrem Ende auch wieder zu Wasser gehen. Das hat mal wieder einige Spuren in unseren Unterschiffen hinterlassen, aber nix kritisches.

Wir hatten kurz diskutiert, ob wir unser Lager direkt an der westlichsten Stelle der Insel am Strand aufschlagen wollen, uns aber dann doch entschieden, wie damals "nur eben kurz um die Ecke zu den Bäumen" zu fahren. Dort finden wir ein wunderbar geschütztes Fleckchen hinter weißen und roten Heckenrosen, wo wir unsere Zelte aufbauen. Wir machen noch einen ausgiebigen Spaziergang über den riesigen Golfplatz, wo ganze zwei Golfer in einem Caddy spazierenfahren. Sie haben zwar keine Golfschläger dabei, dafür aber einen Hund am Caddy angebunden, mit dem sie auf diese Weise Gassi gehen. Den Abend verbringen wir damit, den zahlreichen Vögeln, die das Flach von Skjoldnäs bevölkern, zuzusehen und zu -hören. Ein Kuckuck kuckuckt fleißig durch die Idylle - und lässt sich sogar immer wieder mal sehen. Nicht sehen lässt sich ein Sprosser, der irgendwo im Gebüsch hinter uns wohnt. Er kollert noch bis tief in die Nacht hinein.

Der Sonntag Morgen startet sonnig, das war so ausgemacht. Ebenso ausgemacht war östlicher Wind, aber der ist eher nicht der Rede wert. Wir müssen heute nur noch zurück über den Belt, das ist keine große Sache. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen ist heute der Teufel los auf dem Wasser: alles, was irgendwie schwimmt, ist unterwegs. Natürlich ist heute Bombenwetter, aber es wundert mich schon etwas, dass wir an den anderen Tagen quasi alleine auf dem Wasser waren. Es waren lediglich regelmäßig dänische Seekajakfahrer zu sehen. Immer in großer Ferne, vorzugsweise dort, wo die Uferlinie abknickt. Dort verharren sie ortsfest, bis man ihnen näher kommt. Doch bevor man sie verlässlich erkennen kann, verwandelt sich die Besatzung in einen Kormoran und fliegt davon - und das Boot verwandelt sich in einen großen Stein!

In Mommark wählen wir die Bootsrampe im Hafen als Ausstieg. Könnte Kajak-freundlicher sein. Im Hafen gibt es Seekajaks zum Ausleihen. Für den läppischen Betrag von 100 Euro kann man sich einen ganzen Tag damit vergnügen - noch günstiger ist eine Woche für 500 Euro! Ich überlege, ob ich mein Kajak nicht vielleicht für ein paar Tage verleihen sollte.

Nachdem wir unsere Sachen gepackt und die Boote aufs Autodach gewuppt haben, kommt der Hafenmeister aus dem Restaurant nebenan auf uns zu marschiert. Er ist eben nicht nur Hafenmeister sondern auch der Restaurantbesitzer und überdies sichtlich verärgert. Wir sollen gefälligst für das Slippen bezahlen, was wir unmittelbar einsehen und gerne tun wollen. Was wir allerdings nicht einsehen, ist seine Begründung: Wir haben unseren Bus hier vier Tage stehen lassen und ihn nicht vorher um sein Einverständnis gebeten, deshalb sollen wir nun Slip-Gebühr bezahlen. Wir können nicht nachvollziehen, warum man um Einverständnis bitten soll, wenn man sein Auto auf einem erkennbar öffentlichen Parkplatz lässt. Aber es gibt halt unterschiedlich gestrickte Menschen.

GPS-Daten hier

Montag, 22. April 2019

Tierschau auf der Schwentine


Mein Tochter hat mich zum Paddeln eingeladen - das kommt nicht alle Tage vor. Gerne bin ich ihrer Einladung gefolgt, den Ostermontag mit ihr in der Sonne auf dem Wasser zu verbringen. Bei ihrer Frage, wo wir hinfahren, bringe ich die Schwentine ins Spiel. Beim Anpaddeln vor drei Wochen waren die Bäume noch arg kahl, aber nach den warmen Tagen der letzten Woche sollte es nun deutlich grünlicher dort sein. Birke ist sehr einverstanden und so queren wir die Förde. Ob ich den Delphin, den wir beim Anpaddeln getroffen habe, noch mal wiedergesehen habe, möchte sie wissen. Nein, ich habe nach dem Zeitungsbericht nichts wieder von ihm gehört.

Als wir beim Pegelturm in die Schwentinemündung einfahren, überholen uns zwei Ruderboote. Das ist gut so, denn die brauchen bei der Umsetzstelle immer ein wenig länger und wenn sie uns jetzt überholen, sind sie fertig, wenn wir umsetzen müssen. Aber nach einiger Zeit bleiben die Ruderer einfach stehen. Was soll das denn? So gibt es doch bloß wieder Stau am Steg! Ich hatte gerade vorher noch einen Platsch auf der Wasseroberfläche gesehen, von dem ich zuerst annahm, dass er von einem besonders weiten Wurf einer der Angler herrühre, die auf dem Kai des Seefischmarktes stehen. Allerdings war der Platsch ungewöhnlich groß für ein Angelblei. Es dauert nicht lange, da taucht auch schon der wahre Grund für die Oberflächenkräuselung auf: der Delphin ist wieder - oder immer noch da! Wir sehen ihm eine ganze Weile zu und ich versuche, ihn zu fotografieren. Aber der Delphin zeigt sich wenig kooperativ: Manchmal taucht er innerhalb weniger Sekunden mehrfach auf, dann dauert es wieder Minuten, bis er wieder zu sehen ist - natürlich an einer ganz anderen Stelle, als man ihn vermutet. Zwar taucht er durchaus in weniger als zehn Metern Entfernung von meinem Boot auf, aber ich schaffe es nicht, ihn dann aufs Bild zu bannen. Lediglich ein Versuch, ihn per Film einzufangen gelingt mehr oder minder gut.

An der Umsetzstelle müssen wir beide unsere Paddeljacken ausziehen. Es ist windstill und geht auf die 20 Grad zu. Zum Glück haben wir den Delphin so lange beobachtet, dass die Ruderer längst durch sind. Das Grün der Bäume ist tatsächlich deutlich weiter und hüllt der Landschaft in eine wunderbar frühlingshafte Stimmung. Es ist wenig los auf dem Fluss und ungewohnt still. Die Ruderer sind über alle Berge und für viele Paddler ist es wohl noch zu früh - oder sie sind bereits gestern gepaddelt.

Suchbild mit Wildschwein
An den Ufern summt und piepmatzt es aus allen Rohren. Enten, Blesshühner und Gänse gehen bereits eifrig dem Brutgeschäft nach. Als wir um eine Ecke biegen, grunzt es im Schilf. Wir haben eine Rotte Wildschweine bei ihrem Sonnenbad gestört. Missmutig trotten sie weiter ins Dickicht hinein. Es herrscht eine fast unglaubliche Idylle.

Natürlich gehe ich fest davon aus, heute wieder Schildkröten zu sehen - wenn heute kein Schildkrötentag ist, wann dann! Während Birke mir von ihrer Arbeit erzählt, versuche ich ständig das Schildkrötenufer (das linke) im Blick zu behalten. Allzu schnell ist man an diesen Schalentieren vorbei, ohne sie gesehen zu haben. 

An der Stelle, wo sie immer sind, haben sich heute fünf Stück versammelt. Es sind zwei recht kleine dabei, was entweder dafür spricht, dass immer mal wieder welche durchs Klo gespült werden, oder dass sie sich tatsächlich vermehren. Mir ist ihr ganzer Lebenswandel ein völliges Rätsel.

"Nun brauchen wir nur noch einen Eisvogel zu sehen!", sage ich zu Birke. Die Bedingung, diese scheuen Zeitgenossen zu Gesicht zu bekommen, ist, dass man als erster durch den Bereich paddelt, in dem sie sich aufhalten. Vor uns paddelt aber noch ein Verband aus zwei Kajaks und einem Kanadier. Zum Glück sind die aber so langsam, dass wir sie bald überholen und auch schnell weit hinter uns lassen. Es dauert gar nicht lange, bis wir belohnt werden: auch die Eisvögel sind verlässlich an der Stelle zu finden, wo man sie immer findet - vorausgesetzt, man findet sie! Wir bekommen zwei von ihnen zu Gesicht, aber an ein Foto ist nicht zu denken, dafür sind sie dann doch zu scheu und entsprechend weit weg.

Wir fahren noch unter der Brücke bei der Ottendorfer Mühle hindurch und lassen uns dann von der Strömung zurücktragen. Die Schildkröten sonnen sich nun zu sechst und auch der Delphin zickzackt immer noch durch die Schwentinemündung. Was für ein wunderschöner Ostermontag!

Mittwoch, 2. Januar 2019

Schwentine ohne Aussteigen

Gestern wehte noch Windstärke 10 am Leuchtturm - und auf der Großen-Belt-Brücke starben 8 Menschen, weil ein Lastwagen in einen Personenzug geweht worden ist. Heute sind es nur noch 7 bis 8. Da der Wind aber genau von Norden kommt, ist die ganze Förde weiß und an der Kiellinie stehen wunderschöne Clapotis und spritzen über die Kaimauer. Später wird die Straße gesperrt werden, weil die Wellen die Gehwegplatten neu sortiert haben. Jörg und ich wollen ein bisschen frische Luft schnappen und uns etwas bewegen. Zwar glaubt Jörg anfangs, dass ich auf der Förde paddeln will, aber so wahnsinnig bin ich dann doch nicht. Ich würde mir allerdings sehnlichst wünschen, dass solche Bedingungen einmal im Sommer herrschen würden!

Auf die erste Schwierigkeit stoßen wir, als wir unsere Boote auf den Steg bringen wollen. Das Metallrost, das sonst auf den Schwimmteil des Steges hinunterführt, weist steil nach oben. Außerdem ist es nicht trockenen Fußes zu erreichen, weil da ein Stück Ostsee dazwischen ist. Hätte ich meinen Trockenanzug angezogen, wäre das kein Problem, weil der ja unten hermetisch dicht ist. Hab ich aber nicht - und zwischen meinen Long-John und den Neo-Schuhen mogelt sich immer ein bisschen Wasser durch, wenn es über knöchelhoch steht. Wir versuchen, den Schwell auszunutzen und erst dann durch das Stück Ostsee zu stapfen, wenn der Wasserstand besonders niedrig ist. Klappt so mittelgut. Damit stehen wir gleich vor dem nächsten Problem: Das Ende des Gitterrostes schwebt in ziemlich luftiger Höhe über dem Schwimmsteg. Da muss man mit Bedacht runtersteigen - um dann gleich vor dem dritten Problem zu stehen: Wir können das erste Boot nicht unbeaufsichtigt auf den Steg legen, es würde im Nu weggeweht werden. Aber der hohe Wasserstand hat auch seine Vorteile: Die beiden Schwimmstege sind deutlich höher über dem satt überfluteten, festen Mittelteil. Also legen wir das Boot hier hinein und holen das andere in bewährter Methode nach.

Das Einsteigen geht einigermaßen, aber ich muss ziemlich aufpassen, dass mir das Boot nicht vom Steg wegdriftet, bevor ich mein Paddel sicher gefasst habe. Irgendwie ist mir nämlich seit meinem DIY-Vortrag im Klub meine Paddelleine abhanden gekommen. Natürlich kommt auch genau jetzt die Schwentine-Fähre herangeschlingert und will anlegen. Sonst hält sie immer genau auf die grüne Tonne zu und dreht kurz vorher ab. Aber heute fährt sie einen viel größeren Bogen - und eiert auch ziemlich. Also fahren wir auch einen Bogen und halten, nachdem die Fähre passiert hat, recht deutlich nach Norden vor. Der Wind ist ziemlich böig und entfaltet heftige Wirkung. Aber wir sind sehr konzentriert bei der Sache und erreichen problemlos gemeinsam mit der mittlerweile wieder zurückfahrenden Fähre die Schwentine-Mündung.

Am Anleger vor der Fachhochschule am Nordufer rangiert sie überaus lange und vorsichtig - wir machen uns weiter keine Gedanken darüber. Als sie am Anleger vorm Geomar wieder ablegen will, steht ihr Kapitän außerhalb der Brücke und signalisiert uns, dass er die gesamte Breite des Fahrwassers zum Wenden benötigt. Wir drücken uns eng am Nordufer an ihr vorbei.

Für die Umtragestelle sind wir etwas unschlüssig, ob man sie überhaupt passieren kann. Aber zu hoch kann ja eigentlich kein Problem sein, denken wir uns, zu niedrig wäre eher schlecht. Und tatsächlich: fast der gesamte nach oben führende Teil steht unter Wasser, der Schwimmteil am Anfang steht vollkommen alleine im Wasser. Wenn man ehrlich ist, ist der Höhenunterschied zwischen Schwentine und Förde heute nicht mehr wirklich groß. Sollte es da nicht möglich sein...?

Ich mache einen ersten Versuch, den Schwall hochzufahren. Leider ist die lichte Höhe der Steinbrücke auch nicht mehr, das, was sie früher mal war und so kann ich auf die letzten Meter mein Paddel kaum einsetzen und Druck machen. Ich werde also wieder heruntergeschwemmt. Auch Jörg macht einen Versuch, kommt etwas weiter als ich, scheitert aber letztlich auch. Aber das Scheitern war nur knapp! Also ordentlich Anlauf, unter der Brücke mit extrem flachem Paddel wenigstens keine Geschwindigkeit verlieren - und schon ist man ohne Aussteigen auf der Schwentine! Auch Jörg gelingt es, auch wenn er sich kurz am Steg festhalten muss. Das ist ein historisches Erlebnis!

Der Wasserstand hier erscheint uns sehr normal. Mit ein wenig Mitarbeit des Gehirns hätte man sich das auch denken können: Hier kann der Wasserstand gar nicht anders als immer genau so hoch sein, wie die Überlaufmauern es vorgeben! Je weiter wir flussaufwärts dringen, desto deutlicher wird es allerdings, dass der extrem trockene Sommer noch längst nicht wieder kompensiert ist: Schon auf Höhe des Steins, den schon alle Farben schmücken, in denen Gelcoat hergestellt wird, touchiert man immer mal wieder mit dem Paddel den Grund. Das Passieren der Brücke bei der Oppendorfer Mühle ist anspruchsvoll, wenn man sein Paddel in einem Stück bewahren will und vor dem Kraftwerk kann man an den Färbungen der Uferbäume erkennnen, dass gute 40 Zentimeter Wasser fehlen.

Bei der Rückfahrt bin ich überrascht, dass uns nicht mehr Gegenwind das Leben schwer macht. Auf der Hinfahrt, hatte es streckenweise recht spürbar geschoben. Aber ich will mich nicht beschweren. Beim Passieren der Umtragestelle kommt es mir so vor, als sei der Höhenunterschied zwischen Förde und Fluss nochmals geschrumpft, kann es aber nicht mit Sicherheit sagen. In der Schwentinemündung fahren wir dicht am Nordufer entlang, weil ja von da der Wind kommt und man ihn hier am wenigsten spürt. Wir fahren direkt durch die leeren Segelhäfen - quer über die Stege, die mehr als einen halben Meter unter Wasser liegen. Am Anleger der Fähre fragen wir uns, warum die hier vorhin überhaupt angelegt hat: Da kann niemand von Land aufs Schiff gekommen sein, ohne hüfttief durch Wasser gestapft zu sein.

Der Wind hat gegenüber unserer Herfahrt deutlich nachgelassen. Was nicht heißen soll, dass es ein Leichtes wäre, die Förde zu queren. Wir fahren wieder deutlich nördlicher als der direkte Weg es vorgeben würde, haben dadurch aber zum Schluss ein gutes Stück Rückenwind. An der Reventlou-Brücke  hat ein Fördedampfer "festgemacht", um seine Fahrgäste zu wechseln: Statt wie sonst quer am Steg zu liegen, drückt er sich heute mit Maschinenkraft mit dem Heck an die Brücke.

Auf unserem Steg angekommen können wir erkennen, dass der Wasserstand doch deutlich gestiegen ist: Da nützt es auch nichts mehr, den Schwell zu timen - ich bekomme doch noch nasse Füße zum Schluss :-/

P.S: Der Wasserstand war 1,60m über Normal!

Sonntag, 4. November 2018

Dänische Südsee November 2018

Windvorhersage
Anderthalb Jahre ist es her, dass ich mit Trenk zusammen auf Tour war. Entsprechend groß war meine Freude, als er einen gemeinsamen Termin in diesem November in Aussicht stellte. Auch Jörg würde dabei sein wollen - wie immer mit den üblichen meteorologischen Vorbehalten. Natürlich ist November kein Garant für stabiles Wetter, aber wenn man darauf setzt, sollte man vielleicht lieber irgendetwas mit "Indoor" als Vorsilbe machen. Die dänische Südsee hatten wir bald als Revier identifiziert, in dem wir uns austoben wollten. Sobald man unser Wochenende am fernen Horizont in der Wettervorhersage erkennen konnte, sah es erst supergut aus, dann eher so mittelgut, dann so, dass ich vorschlug, doch lieber direkt nach Fünen zu fahren, statt den Kleinen Belt auf eigenem Kiel zu queren - und schließlich pendelte es sich bei machbaren Wind- und akzeptablen Wetterverhältnissen ein.

Am Freitag sollten sechs Beaufort aus West wehen - wenn das nicht nach unserem Gusto ist! Jörg ist Rentner, ich arbeite mittlerweile nur noch vier Tage die Woche - und Trenk nur noch drei. Somit haben wir alle am Freitag frei und können uns entspannt für 11:30 Uhr in Fynshav verabreden. Da wir wissen, dass Trenk immer so früh da ist und dann mit trommelnden Fingern im Trockenanzug ungeduldig darauf wartet, dass wir endlich fertig werden, fahren Jörg und ich zeitig los, so dass wir schon um 11 Uhr am Treffpunkt eintrudeln. Trenk steht schon da - hat aber immerhin den Trockenanzug noch nicht an!

Kurz nach zwölf haben wir unsere Boote gepackt und am Slip ins Wasser gesetzt. Es dauert nur ein paar hundert Meter, bis überraschend hohe Wellen von Süden her auf uns zurollen. Da die aktuelle Windrichtung ziemlich westlich ist, haben wir eigentlich mit einem ganz allmählichen Anwachsen der Wellenhöhe gerechnet. Allerdings hat es die gesamten letzten Tage recht ordentlich mit südlicher Komponente geweht, so dass die gesamte Ostsee noch unter Schwingungen steht. Diese laufen hier ganz offensichtlich von Süden herein - was uns mehr als recht ist!

Ich habe auf dem Belt ja schon öfter sein sehr eigenes Wellenmuster bewundert, heute haben wir abermals Gelegenheit dazu. Die gesamte Überfahrt über haben wir es mit zwei fast neunzig Grad gegeneinander versetzten Wellensystemen zu tun: da ist zum einen das Muster, dass durch den aktuellen Wind hervorgerufen wird und mit zunehmenden Fetch immer größere Wellen erzeugt, und zum anderen mit den von der offenen Ostsee von Süden her einlaufenden schwellartigen Wellen. Die Fetchwellen sind zwar recht üppig, aber da die Einwirklänge des Windes nur maximal zehn Kilometer beträgt, bleibt die Amplitude doch im Rahmen. Die Schwellwellen sind dagegen deutlich größer: sie reichen mühelos bis an die Zwei-Meter-Marke heran.

Wir sind alle begeistert von den Verhältnissen und versuchen Spaß mit ihnen zu haben. Das ist mit vollbeladenen Booten nicht ganz anstrengungsfrei zu haben, aber wir bekommen die Boote immer mal wieder in ausgedehnte Surfs. Meine Spitzengeschwindigkeit war 19,5 km/h! Trenk fährt - mal wieder - ein neues Boot, einen Tarantella von Rockpool. In dem legt er auch wie von der Tarantel gestochen los und lässt uns nach Belieben in der Landschaft zurück.

Wir wollen zum Shelter auf Drejö fahren und natürlich können wir unser Ziel lange Zeit nicht sehen - weil es einfach zu weit weg ist. 27,16 Kilometer bei 96,14 Grad hatte ich vorher ausgemessen. Damit wir bei den Nachkommastellen für den Kurs einer Meinung sind, frage ich die anderen nach der Anzeige ihrer Kompasse. Jörgs und meiner zeigen denselben Wert an, wenn wir exakt in die gleiche Richtung paddeln - Trenks liegt 20 Grad daneben! Dafür leuchtet er jetzt im Dunkeln! Trenk hat neulich eine Lampe eingebaut mit extra dicker Batterie. Die hat halt unguten Einfluss auf die Anzeige. Man kann eben nicht alles haben!

Windmesswerte
Nach der Hälfte der Strecke passieren wir die Nordspitze von Ärö. Hier können die Roller von der offenen Ostsee nicht mehr so ungehindert reinlaufen, und ab nun haben wir es vorwiegend mit einer reinen Windsee zu tun. Die ist immer noch beeindruckend und eher nicht Anfänger-kompatibel, denn der Wind hat keinen Deut nachgelassen. Er weht etwas südlicher, als von der Vorhersage vorhergesehen, was aber noch als reiner Rückenwind gewertet werden kann. Allerdings wird auch hier wieder deutlich, dass heftiger Rückenwind zwar kurzzeitige Geschwindigkeitsrekorde ermöglicht, die Durchschnittsgeschwindigkeit gegenüber Flautenbedingungen aber enttäuschend wenig erhöht: wir sind über die 28km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 7,5km/h unterwegs gewesen.

Der Shelterplatz ist wie erwartet vollkommen verwaist und wir schmücken die bereit stehenden Bäume erst einmal mit unseren nassen Trockenanzügen, Vliesteddies und Ski-Unterwäsche. Jörgs und mein Trockenanzug sind halt nicht mehr so ganz hundertprozentig dicht. Entsprechend tropft unsere Wäsche lange vor sich hin, während Trenks eher klamm als nass ist. Aber Kokatat hat eben auch seinen Preis.

Insbesondere der Küchenshelter ist ein wahrer Segen. Im Sommer kann man problemlos draußen sitzen und zusammen kochen, aber im Winter ist das bei Dunkelheit, Kälte, Wind und  Feuchtigkeit ein eher ungemütliches Unterfangen. Hier sitzen wir entspannt und geschützt am Tisch und brutzeln uns Nudeln mit Thunfisch auf meinem gemütlich fauchenden Gaskocher.

Jörg und ich belegen je einen der hölzernen Familiensärge für die Nacht, während Trenk sich bereit erklärt hat, sein Zelt aufzubauen. In den Sheltern hat man recht viel Platz und sie sind erstaunlich winddicht - regendicht sind sie sowieso. Da die Temperaturen für November auch eher mild sind, wird es eine sehr gemütliche Nacht - nachdem ich mir die Strümpfe ausgezogen habe, weil mir zu warm war!

Für den Weg zurück haben wir zwei Tage Zeit. Heute am Samstag wollen wir nur bis zur Westseite von Lyö und dann am Sonntag von dort zurück nach Fynshav. Da wir also reichlich Zeit haben, geben Jörg und ich die Devise aus, dass wir erst los fahren, wenn unsere Klamotten trocken sind. Zwar kommt sogar die Sonne hervor und es weht ein leichter Wind - aber der Partialdruck des Wasserdampfes in der Luft ist leider nicht dergestalt, dass die Verdunstungsrate nennenswert über der Kondensationsrate liegt. Im Dilemma zwischen los wollen und in trockene Klamotten zu steigen, gebe ich die folgende Definition aus: "Trocken ist, wenn man wringt und es nicht mehr tropft!" Unsere Minen verziehen sich nur leicht, als wir in unsere derart für trocken erklärte Wäsche steigen.

Damit die Strecke heute nicht allzu kurz ist, fahren wir um die Südspitze von Drejö herum. Die Fahrt bis zum Segelhafen von Avernakö ist nicht besonders spektakulär, aber sie macht wieder einmal deutlich, dass ich jedesmal, wenn ich im Sydfynske Öhav unterwegs bin, eine gewisse Zeit benötige, mich an die Lage und Größe der Inseln zu gewöhnen und die Abstände zwischen ihnen. Hat man sich erst einmal kalibriert, findet man sich gut zurecht und verwechselt nicht mehr Svelmö mit Björnö. Aber ich bin trotzdem davon überzeugt, dass die Inseln früher näher beieinander lagen! Zum Glück weht heute nur ein mäßiger Wind. Trotzdem kommt uns das geheizte Wartehäuschen im Hafen von Avernakö mehr als recht, in dem wir uns aufwärmen, ausruhen und unser Pausenbrot mümmeln.

Auch Lyö hat sich im Laufe der Jahre weiter von seiner östlichen Nachbarinsel entfernt, und im Vorbeifahren an seiner Südküste erinnere ich mich an die katastrophale Umrundung der Insel vor fünf Jahren bei Windstärke sieben. Heute sehen wir schon aus recht großer Entfernung einen anderen Paddler, der aber penetrant auf der Stelle stehen bleibt. Schließlich müssen wir doch einsehen, dass es sich schlicht um einen ortsfesten riesengroßen Stein nahe am Ufer handelt - an den ich mich aber leider nicht die Bohne erinnern kann. Obwohl der Getränkekistenhafen nicht mehr existiert, finden wir punktgenau die Stelle zum Anlanden.

Der Schuppen ist diesmal deutlich aufgeräumter als in den Jahren zuvor, vor allem ist der Saunaraum komplett leer. Hier arrangieren wir einige der umherstehenden Kisten als Tisch - und schon haben wir auch hier eine gemütliche Stube für unser Abendessen. Ich habe wieder meinen Gaskocher dabei inklusive der Kartusche, die mir schon auf den drei Touren davor treue Dienste geleistet hat. Ich bin ja noch neu im Gasgeschäft und weiß nicht, wie lange so eine Kartusche hält. Natürlich habe ich alle anderen Gaskocherinhaber, die mir begegnet sind, gefragt, wie lange man denn damit reicht. "Ewig!" war immer die gleichlautende Antwort. Unser Abendessen ist leidlich warm - da läuft gerade die Ewigkeit ab! Es ist insofern eine beruhigende Erfahrung, als dass das Ablaufen kein sich elendig lange hinziehender Prozess ist, sondern einem ersten Schwächeln ca. zehn Sekunden später schon das Aushauchen des letzen Moleküls folgt. Zum Glück war es Ultra-Schnellkoch-.Reis! Aber für den Tee nach dem Essen müssen wir uns bei Trenk einschmeicheln.

Als positive Erfahrung möchte ich vermelden, dass eine Wägung der Kartusche im jungfräulichen Zustand 391 Gramm ergab. Eine Nachwägung der der leeren Kartusche brachte exakt 230 Gramm weniger zur Anzeige - das ist das aufgedruckte Gewicht der enthaltenen Gasmenge! Immerhin kann man so überprüfen, wie voll so eine Gaskartusche ist - und damit, wie lange die Ewigkeit noch dauert.

Der zweite gravierende Nachteil, den ich eigentlich schon kannte und der vor ca. 30 Jahren Grund für meine Zuwendung zu benzingetriebenen Exemplaren war, ist der Umstand, dass eine Gaskartusche bei Betrieb im Winter  einfach eiskalt wird - Boyle und Mariotte sei Dank! So musste ich schon gestern und auch heute die Blechbüchse immer mit meinen Händen wärmen, damit überhaupt genug Druck zustande kommt. Das will ich eigentlich auch nicht unbedingt haben. Somit steht mein Beschluss für die Zukunft fest: im Sommer Gas - im Winter Benzin. Punkt!

Für den Tee am Sonntag Morgen muss wieder Trenks Benzinkocher herhalten. Die Windvorhersage für heute hatte ziemlich konstante neun Meter pro Sekunde im Köcher, eine solide Fünf, aber genau quer zu unserer Fahrtrichtung. Das sollte also keine allzu großen Blasen an die Finger treiben. Seltsamer Weise begegnen wir den größten Wellen erst relativ kurz vor unserem Zielort Fynshav. Trenk macht die Probe aufs Exempel und stellt sein Paddel bei Durchgang eines besonders großen Exemplars senkrecht auf seine Spritzdecke. Ich kann aus dem benachbarten Wellental nur noch sein oberes Paddelblatt sehen. Das sind deutlich über anderthalb Meter Wellenhöhe - nicht schlecht für kleine fünf Beaufort!

Als ich  mich mit Trenk vor Monaten auf diesen Termin verabredet hatte, war mir klar, dass wir vom Wetter nicht viel erwarten dürften. Was uns dann geboten wurde, war weit mehr als das: Milde Luft- und Wassertemperaturen, kein Regen, Wind zwischen optimal bis akzeptabel und immer mal wieder Sonnenschein! Wie gut, dass nicht alle wissen, dass die perfekten Paddelwochenenden im November liegen!

Sonntag, 7. Oktober 2018

Langes Wochenende zur Einheit (3/3)

In der Nacht hat es tatsächlich "aufgefrischt". Mein Zelt rüttelt sich und schüttelt sich. Es wirft zwar kein Säckchen hinter sich, aber seine Stoffwände schlagen mir immer wieder ins Gesicht. Es tanzen acht Bi-Ba-Beaufort um mein Zelt herum. Irgendwann wird sogar mein Kocher umgeweht - und den hatte ich unter der Apsis deponiert. Na - mal sehen, wie sich das morgen früh darstellt.

Mein erster Blick am Morgen gilt dem Flaggenmast. Gut - es weht - aber nicht mehr heftig. Eher lieblich. Eigentlich viel zu lieblich. Dabei sollte der Wind am Vormittag erst allmählich zurückgehen. Und vor allem sollte der Wind genau aus Norden kommen - das hier ist Westen! Das war so nicht geplant! Segler nennen so eine Windrichtung "halber Wind" - ich nenne das "halber Spaß". Und wenn das Nachlassen im selben Tempo weitergeht, habe ich in zwei Stunden Flaute - und danach vermutlich sogar Gegenwind. Ich werde mich bemühen, so schnell wie möglich aufs Wasser zu kommen, um noch möglichst viel vom Wind mitzunehmen.

Mein Segel hatte ich schon am Abend vorher sorgfältig aufgeriggt. Wenn man alleine unterwegs ist, gibt es schließlich keine Chance, hinterher etwas zu richten, wenn es nicht optimal verzurrt ist. Ich stelle zwar keinen neuen Rekord auf, aber um 9:10 Uhr aktiviere ich meinen GPS-Tracker, lasse mich in mein Boot gleiten und selbiges ins Wasser. Man braucht eben immer grob zwei Stunden vom ersten Öffnen der Augen, bis man auf dem unseren Sport tragenden Medium schwimmt. Wenn man hektisch ist und schnell macht, schafft man es auch in anderthalb Stunden. Aber drunter ist nicht und ich will einfach nicht hetzen.

Direkt nach Verlassen der Schlei setze ich mein Segel. "Fock!" macht es - und die Sache steht! Ich merke gleich, dass es eine spürbare Unterstützung produziert. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass ich mein Segel benutze und ich bin eigentlich ganz froh, dass es nicht ganz so unwirtlich windet. So kann ich mich erst wieder an das Gefühl gewöhnen und alle Handgriffe in Ruhe durchgehen.

Meinen Kurs lege ich so, dass ich die südwestliche Sperrgebietstonne des Schießgebietes vor Schwansen ansteuere. Danach werde ich direkt Bülk aufs Korn nehmen. Täte ich das von Anfang an, müsste ich ein kleines bisschen durch das Schießgebiet fahren. Das will ich nicht. Als ich an Olpenitz vorbeiblickend eine ferne Küstenlinie erkenne, halte ich sie zuerst für die östliche Begrenzung von Schwansen. Viel Kummer gewohnt von der extrem schlechten Sicht gestern bin ich bass erstaunt, als ich erkennen muss, dass es sich bereits um Steilküste des Dänischen Wohlds handelt. Da kann ja navigatorisch nicht mehr viel schiefgehen!

Je weiter ich mich von der Küste entferne, desto größer werden die aus nördlicher Richtung heranrollenden Wellen. Es sind noch Nachwehen des großen Wehens von heute Nacht. Es macht richtig Spaß, mit meinem Segel durch sie hindurch zu pflügen und sie abzureiten. Immer wieder bekomme ich das vollbeladene Boot ins Surfen. Das Zusammenspiel von Wellen, Windstärke und -richtung ist wunderbar passend für meinen Kurs und meine eingerostete Praxis im Einsatz der Besegelung. Ich werde zunehmend kecker und verliere alle Bedenken, dass ich besonders vorsichtig sein muss. Ich fange an, dies als Testfahrt für eine Solo-Überfahrt von Bülk nach Ärö zu sehen.

Anfangs liefere ich mir lange ein totes Rennen mit einem Segler. Der hat allerdings nur sein Großsegel gesetzt und hühnert länglich an seiner Fock herum. Als er die endlich fertig gesetzt hat, ist er bereits leicht schneller als ich. Als dann der Wind noch etwas zunimmt, habe ich keine Chance mehr gegen ihn.

Die Windvorhersage war tatsächlich nur in Teilen richtig. Die Windspitze in der Nacht war korrekt vorhergesagt. Danach sollte der Wind stetig nachlassen und aus Nord bzw. sogar Nord-Nord-Ost wehen. Die Richtung ist aber eher Nord-Nord-West, und das Nachlassen hat irgendwann nachgelassen. Er ist wieder deutlich frischer geworden und weht mit kleinen sechs Beaufort. Mittlerweile sind um mich herum wieder überall weiße Bäckermützen zu sehen - aber ich fühle mich immer noch bombensicher! Eher mache ich mir Sorgen, dass ein hin und wieder langsam an mir vorüber ziehender Segler sich Sorgen um mich macht. Aber keiner fährt so dicht an mich heran, dass er meinen Gesichtsausdruck erkennen könnte. Könnte einer ihn sehen, würde er erkennen, dass Paddeln für mich durchaus nicht nur Mittel ist, um Ziele zu erreichen, die meiner Seele schmeicheln. Es ist mindestens ebenso sehr Selbstzweck, der auch meiner Seele ein Lächeln ins Gesicht malt.

Nach drei und einer Viertelstunde erreiche ich den Strand am Bülker Leuchtturm. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 8,5 km/h. Ganz ordentlich für ein voll beladenes Boot! Ohne Segelunterstützung ist das schwerlich zu schaffen. Sagte ich schon, dass den ganzen Tag über die Sonne geschienen hat?

Samstag, 6. Oktober 2018

Langes Wochenende zur Einheit (2/3)

Zwei Pappnasen aus Pinneberg parken schon vor Sonnenaufgang ihren BMW auf der Zeltwiese vor meiner Holzhütte. Dann machen sie sich lautstark rhabarbernd daran, sich und ihre Ausrüstung fürs Angeln fertig zu machen. Ich habe mein Zelt gestern Abend kurzerhand im Shelter aufgebaut und es ist für sie gut ersichtlich, dass da zehn Meter neben ihnen jemand noch nicht mit Schlafen fertig ist. Ignorantenpack!

Die Nacht war unglaublich warm. Trotzdem ist heute Morgen alles in dichten Nebel gehüllt. Das kommt mir nicht ungewöhnlich vor, denn zu dieser Jahreszeit herrscht morgens gerne mal dicke Suppe, bevor sich der Tag später dann in strahlendem Blau präsentiert. Ich will direkt zum Leuchtturm Kalkgrund und dann um das Schutzgebiet vor der Geltinger Birk herum erst nach Falshöft und dann nach Schleimünde fahren. Der Wind soll heute insgesamt schwach bleiben, aber später aus südlicher Richtung wehen. Da ist es gut, wenn ich nicht so viel Zeit verliere, indem ich irgendwelche Kurven fahre.

Die Entfernung bis Kalkgrund sind knappe neun Kilometer - die Sicht beträgt anfangs etwa neun Dekameter, da sollte  man den Kurs kennen. Zum Glück befinde ich mich ja hier in Dänemark - und nach dem Grenzübertritt immer noch in der Flensburger Förde - da gilt die Seeschifffahrtsstraßenordnung nicht, sondern die Kollisionsverhütungsregeln, nach denen ich durchaus auch bei diesen Sichtverhältnissen mit meinem Boot auf dem Wasser sein darf. Wenn ich dann in "richtig" deutsche Gewässer komme, wird die Sache mit dem blauen Himmel schon greifen. Gewissenhaft wie ich bin, stecke ich mir mein Rundumlicht griffbereit in die Tasche meiner Schwimmweste - nur für den Fall!

Der Kurs zum Leuchtturm beträgt 105 Grad. In Kajak-gemäßer Formulierung heißt das: etwa mittig zwischen 90 und 120 Grad. Natürlich habe ich mein GPS-Gerät dabei und mein Zwischenziel einprogrammiert. Aber wozu habe ich einen Kompass? Und Versatz durch Strömung oder Wind ist hier nicht in nennenswertem Maß zu erwarten. Also los ins Unsichtige.

Nach etwa einem Kilometer halte ich inne, weil ich ein Motorengeräusch höre. Ziemlich leise aber auch ziemlich deutlich. Sehen kann ich erst nix, und dann - ganz kurz und an der Grenze der Sichtbarkeit schneckt sich ein Motorboot vorbei. Vermutlich hat es auch etwas gesehen oder zumindest geahnt, denn es sondert sicherheitshalber ein von der langen Nichtbenutzung heiser gewordenes Schallsignal ab. Dann höre ich wieder nur das Morsezeichen des Leuchtturms: kurz-kurz-lang-kurz, kurz-kurz-kurz. Das sind die Buchstaben F und S und die kommen tatsächlich von Kalkgrund. Wenn ich das schon aus neun Kilometern so deutlich höre, graut mir etwas davor, später direkt unter diesem dröhnenden Tongeber durchzufahren.

Nebel from Mathias Weber on Vimeo.

Schiffsverkehr findet nicht statt - zumindest ist keiner wahrzunehmen. Möglicherweise gibt auch einfach niemand die vorgeschriebenen Schallsignale, weil jeder glaubt, er sei hier eh alleine unterwegs, während eigentlich das Wasser voller Schiffe ist. Es gibt aber keinen Grund für diese Annahme, denn der Wind ist mittlerweile so schwach, dass man jede Bugwelle sehen und jedes Motorgeräusch hören müsste. Das einzige, wovon es wimmelt, sind Insekten. Die fliegen überall herum und sitzen auf der Wasseroberfläche. Ich frage mich,was die hier wollen, nehme sie aber als willkommene Peilmarken, um nicht ständig den Kompass fixieren zu müssen, sondern den Blick mal etwas weiter schweifen lassen zu können, auf eine ferne Fliege, die auf dem Wasser sitzt. Ärgerlich nur, wenn so ein Insekt auffliegt, bevor ich es erreicht habe! Irgendwann verstummt das "FS" ohne für mich ersichtlichen Grund.

Der Leuchtturm ist zu sehen!
Nach genau einer Stunde meine ich, den Leuchtturm erkennen zu können. Er liegt etwas außerhalb meiner Fahrtrichtung, aber durchaus im erwarteten Rahmen. Er ist übrigens wirklich nicht deutlicher zu sehen, als auf dem Foto! Obwohl es einen Umweg für mich bedeutet, ändere ich meinen Kurs und fahre direkt auf ihn zu.

Wenn man sich meine GPS-Spur im Nachhinein ansieht, habe ich einen durchschnittlichen Kurs von etwa 110 Grad gehalten. Das ist nicht schlecht für eine Sollkurs von 105 Grad. Den Leuchtturm erkannt habe ich aus einer Entfernung von ca 1.800 Metern. Wenn ich in meiner Kompass-Richtung weiter gefahren wäre, hätte ich mein Ziel um ca. 900 Metern verfehlt - das ist akzeptabel für eine Entfernung von neun Kilometern, wobei ich mir nicht einmal Mühe gegeben habe! Dass die Sicht jetzt übrigens knappe zwei Kilometer beträgt, könnte tatsächlich der Grund dafür sein, dass der Leuchtturm sein Tröten eingestellt hat - schließlich beginnt Nebel erst bei einer Sichtweite von unter tausend Metern!

Alles Männchen!
Wie als hat das Wetter nur meine Navigationskünste testen wollen, wird die Sicht deutlich besser, als ich den Leuchtturm passiere. Recht bald ist schon die Küste der Geltinger Birk zu sehen und ich kann nach Sicht navigieren. Der Leuchtturm Falshöft markiert etwa die Mitte meines heutigen Tagespensums, und dort mache ich erst einmal Pause. Die Strecke von hier bis nach Schleimünde ist eher meditativ und ereignislos. Allerdings sind beeindruckend viele Wasservögel unterwegs, die sich durch ihre übertrieben große Fluchtdistanz eindeutig als Wintergäste bzw. Durchreisende zu erkennen geben. Es sind Schwärme von Ringel-, Kanada- und Graugänsen, vor allem aber riesige Herden von Eiderenten. Komischerweise sind es bei letzteren alles nur Männchen - bis auf je ein unidentifizierbares Exemplar pro Schwarm, das im wesentlichen schwarz ist. Vielleicht ein Jungtier, ein Fremdenlegionär einer anderen Art oder eben doch einfach ein Weibchen, das die Aufsicht über den Schwarm führt.

Das Pappelwäldchen von Schleimünde
Leider dreht der Wind, wie es die Vorhersage vorhergesehen hat, immer weiter nach Süden, so dass er mir schließlich ziemlich entgegen weht. Das macht sich deutlich in meiner Geschwindigkeit bemerkbar, die um einen guten Stundenkilometer auf etwa 6,5 zurückgeht. Vielleicht spielt aber auch die Tatsache mit hinein, dass ich seit vier Stunden auf dem Wasser bin.

Als ich mich meinem Etappenziel nähere, lässt die Sicht schon wieder deutlich nach. Die Sache mit dem blauen Himmel hat nicht stattgefunden. Wenn das morgen auch nur annähernd ähnlich aussieht, kann ich mich nicht mehr mit dänischen Gewässern und Sonderregelung für die Flensburger Förde rausreden - dann muss ich mir etwas überlegen.

Zwischen den Molen, die die Einfahrt in die Schlei flankieren, drängelt sich das Wasser hektisch in den engen Ostseefjord. Hier schnellt meine Geschwindigkeit kurzzeitig bis auf fast zehn Stundenkilometer hoch! Wie nicht anders erwartet, bin ich der einzige Kajaker, der heute hier vor Anker geht. Aber was an Segelschiffen im Hafen liegt, ist mehr als überraschend - und es kommen ständig mehr Boote herein. Ich hätte gedacht, dass für die meisten Segler die Saison so gut wie beendet ist.

Auf der Lotseninsel ist nicht viel los - die Giftbude hat zu und der Hafenmeister ist nicht da. Ich schmeiße einen losen Zehn-Euro-Schein in seinen Briefkasten und wasche erst mal meine tomatenversifte Hose mit heißem Wasser gründlich aus. Dann mache ich diverse Spaziergänge über das in alle Richtungen sehr eingeschränkte Areal, um meinen hartgesessenen Hintern wieder etwas aufzulockern. Während ich so meinen Verrichtungen nachgehe und mir schließlich mein Hühnerfrikassee bereite, werden zwei große Gruppen Tagestouristen von einer beflissenen jungen Dame mit allerlei lokalen Insiderinformationen gefüttert: Dass die Öhe früher wirklich eine Insel war und eben deshalb auch zu Recht Lotseninsel heißt, dass der hier wohnende Seeadler zwar Kormorane fängt, sie aber nicht frisst, sondern nur aufschlitzt, um an den enthaltenen Fisch zu kommen, warum das Pappelwäldchen denkmalgeschützt ist und dass der Hafenmeister von Maasholm Werder-Bremen-Fan ist und deswegen der Leuchtturm vor kurzem als Geburtstagsgeschenk grün-weiß gestrichen worden ist.

Im Moment herrscht fast Flaute, die Wettervorhersage sieht für heute Nacht stürmischen Wind vor, der aber morgen früh schon wieder stark abflauen soll. Er soll aus stramm nördlicher Richtung kommen, und so nehme ich mir vor, möglichst früh aufzustehen, um ihn optimal ausnutzen zu können. Damit das klappt, gehe ich früh ins Bett - die Lotseninsel habe ich eh schon zig-mal abgeschritten!

Freitag, 5. Oktober 2018

Langes Wochenende zur Einheit (1/3)

Lange schon habe ich mir den Donnerstag nach dem Mittwoch der Einheit freigenommen. Da ich freitags nun immer Frei-Tag habe, würde da eine super-lange Reihe von freien Tage zusammenkommen, die paddeltechnisch genutzt werden will. Eine Kreuzfahrt durch die Dänische Südsee unter herbstlich milder Sonne habe ich mir vorgestellt, mit irgendwie kooperativen Winden oder zumindest ohne widrige.

Schlimmer hätte die Aussicht dann gar nicht sein können, als der Termin in den Vorhersagebereich rückte: durchgängig Winde jenseits von sechs, teilweise bis acht Beaufort aus West. Für den gesamten Zeitraum! Als Zugabe viel Regen und wenig Temperaturen. So sehr ich auch überlegte und Alternativen erwog - ich sah mich schon zu Hause sitzen und weiter dem niesligen November beim Einzug in mein Gemüt zuzusehen.

Erst am Dienstag war klar, dass der gesamte Wind sich auf den Mittwoch und der Regen auf den Donnerstag konzentrieren würden. Freitag wenig Wind, Samstag so gut wie gar keiner - und vor allem am Sonntag kräftiger Nordwind! Gerettet!

Marie-Theres fährt mich am Nachmittag nach Habernis am Westende der Geltinger Bucht. Das Boot ist schnell gepackt - ich habe allerhand Überflüssiges zu Hause gelassen, was ich sonst nur mitnehme, wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin. Entsprechend viel Platz ist in meinem Boot noch. Trotzdem ächzt Marie-Theres, als sie es das kleine Stück bis zum Wasser tragen muss.

Ich will den Shelter, von dem Trenk mir erzählt hat, ausprobieren und halte daher einen deutlich westlicheren Kurs als sonst. Es soll eine Metalltreppe vom Strand zu ihm hinauf führen, das ist mein Anhaltspunkt. Es scheint die erhoffte milde Herbstsonne und die Temperaturen liegen bei unglaublichen 19 Grad!

Der Shelterplatz ist schnell gefunden, aber er ist längst nicht so entlegen wie der Übernachtungsplatz ein Stück weiter im Wald. Als ich die Holzhütte in näheren Augenschein nehme, beschließe ich aber doch hierzubleiben und sie zu nutzen. Die Hütte hat keinen Blick aufs Wasser, dafür wird sie aber bis zum letzten Moment von der Abendsonne beschienen. Fürs Abendessen wähle ich den Holztisch direkt am Wasser, das ist romantischer. Die Nudeln zu kochen, ist keine große Tat - allerdings kippt mir die Tüte mit der Tomatensauce so unglücklich um, dass etliches davon unter dem Tisch landet. Dass ich große Teile davon auch auf meiner Hose verteilt habe, merke ich leider nicht gleich, so dass der Brei schön einmassiert wird und ich aussehe wie ein inkontinenter Penner.

Ich bin nur knapp sechs Kilometer gepaddelt - und doch Lichtjahre entflohen - und vor allem und ganz unzweifelhaft: angekommen! Die Luft ist unglaublich lau, am Horizont sendet der Leuchtturm von Kalkgrund stolz und stoisch sein Licht in die Runde. Das seines Kollegen von Kegnes sieht dagegen fast etwas eingeschüchtert aus. Im dunkler werdenden Rund blinkt noch dies und das und alles in beruhigender Langsamkeit. Nur ein Seezeichen in der Nähe meines Startortes blinkt ganz hektisch. Es hat eine Frequenz von etwa zwei Hertz, was im Spektrum der Nautik etwa dem entspricht, was in der Optik unter extrem harter Röntgenstrahlung geführt wird. Die Lichter des Campingplatzes bei Habernis liegen so dicht über dem Horizont, dass sie flimmern wie eine animierte Weihnachtsbeleuchtung. Insgesamt ist die Szenerie aber sehr sparsam illuminiert. Und alles fein ordentlich sortiert: was ortsfest ist, hat blinkende Lichter, was sich bewegt, führt feste Lichter. Nur ein ortsfestes, konstant grünes Licht, etwa auf halber Strecke zwischen Kalkgrund und dem Mars, bringt Unordnung in diese Harmonie. Erst, als nach einiger Zeit glucksende Geräusche aus weiter Ferne herangetragen werden, die man als bemühte Startversuche eines Dieselmotors interpretieren könnte und sich wenig später der Campingplatz auf das ortsfeste grüne Licht zubewegt, ist die Ordnung wieder hergestellt.

Still ruht die See - es sind kaum Geräusche zu hören. Das Rauschen der Restwellchen ist fast das einzige, was die Ohren davor bewahrt, ihr eigenes Rauschen wahrzunehmen. Hin und wieder fliegt ein Schwarm Gänse über mich hinweg. Wie zum Teufel landen die jemals wieder? Die können doch nicht bis zur Morgendämmerung in der Luft bleiben! Und wenn sie jetzt zur Landung ansetzen, würden sie doch mit jeder Kuh kollidieren, die im Wege steht. Oder wie sehen die nachts? Ich jedenfalls würde nicht mal mehr zum Shelter zurückfinden ohne meine Stirnlampe.

Es treten immer mehr Sterne hervor, sogar die Milchstraße zeigt sich zögerlich. Dieses neblige Band, das ich als Kind immer so bewundert habe, ohne zu wissen, dass jeder Nebeltropfen in ihr eine Sonne darstellt, dieses Band traut sich in Kiel nicht mehr aus der Deckung. Schon für diesen Anblick hat sich die Aktion gelohnt.

Bei all dem Frieden, den ich so genieße und der mir so gut tut, überlege ich, ob mir das Paddeln vielleicht nur Mittel ist, um dieses Ziel zu erreichen, oder ob es auch Selbstzweck ist. Im Moment kann ich es nicht entscheiden und genieße nur, dass mir dieses Mittel solche Ziele ermöglicht.